Um das Böse zu greifen, vergreift man sich am Besten an Büchern, Filmen und Computerspielen. Greift man in diese Kisten, erweist sich das Böse als ziemlich klare Sache. Keine Zweideutigkeiten, keine Verwirrung, keine Nebelschwaden – außer für die Atmosphäre natürlich…

Die zwei Formen des Bösen

Die Grundform des Bösen ist die des „Monsters“: Monster zeichnen sich durch eine Beziehungskonstellation aus. Sie sind der erbarmungslose Verfolger, mit dem wir konfrontiert sind. Ein Etwas oder ein Jemand – das macht für die Kategorie des Monsters keinen Unterschied -, das uns an Leib und Leben will und das sich durch nichts davon abhalten lässt. Und vor allem: Mit dem man nicht handeln kann. Es ist die Absicht des Monsters, uns zu zerfleischen, und es ist seine einzige Absicht. Sein Daseinszweck in der Geschichte, die wir erzählen, wenn sie denn von Monstern handelt. Ein Monster lässt sich durch nichts davon abbringen, einen zu finden, einen zu töten. Ist ein deal mit ihm möglich, kann man ihm ein „Stattdessen“ anbieten, verliert es sofort seine monsterhaften Qualitäten…

In diesem Sinne erlebt die Maus die Eule als Monster. Erleben Vergewaltigungsopfer Vergewaltiger als Monster. Zudem sind uns politische Konstellationen bekannt, in denen Menschen andere Menschen als Monster erleben mussten: Beseelt von der Absicht, sie zu vernichten. – ALIEN ist in seiner Unaufhaltsamkeit eine recht treffende Inkarnation des Monsterhaften, genauso TERMINATOR oder auch die maskenhaften Protagonisten verschiedener Slasherfilme. Für die Kategorie des Monsters spielt die Gestalt keine Rolle, also z.B. nicht, wie menschlich oder unmenschlich seine Gestalt ist, sondern einzig und allein, ob es ein gnadenloser Verfolger ist oder nicht.

Die zweite Grundform des Bösen ist der Teufel: Der Teufel macht das, was ein Monster niemals tut: Er dealt mit uns. Er bietet uns einen Handel an. Einen Handel, der geprägt ist von einem großen Informationsvorsprung auf Seiten des Teufels und einer Unwissenheit unsererseits über die Welt oder über uns selbst. Es ist ein Deal, bei dem wir verlieren müssen, ohne dass wir wissen können, dass wir verlieren werden, wenn wir ihn eingehen.

Der Teufel erscheint seinem Opfer wie ein schlauer Sadist – Auch wenn er nur seinen Job macht. Informationsasymmetrien finden wir überall in unserer realen Welt. Und natürlich sind sie ausbeutbar. Das Perfide, das Diabolische am Teufel ist seine Unschuld im Nachhinein. Anders als das Monster kann ein Teufel stets sagen: Du bist selbst schuld an Deinem Unglück – Du hättest ja keinen Handel mit mir eingehen müssen. Ein Teufel packt uns bei unseren menschlich-allzumenschlichen Bedürfnissen, in einer Situation, in der eine langfristige Abwägung unmöglich oder unwahrscheinlich ist. So übt er sein Amt aus. Wir rächen uns, indem wir ihn beim Namen nennen und sagen: Nicht ich bin schuld an meinem Unglück, der Teufel war’s.

Teufel gehören ganz zur Welt des Menschlichen. Innerhalb der Tierwelt ist nichts Teuflisches denkbar. Viele explizite Teufelsdarstellungen bringen sie recht treffen zum Ausdruck, an erster Stelle die von Al Pacino in „Der Auftrag des Teufels“ und Robert de Niro in „Angel Heart“. – In impliziten Darstellungen treten Teufelsfiguren meisten als reiche Dandys, Konzernchefs, Politiker oder bösartige Wissenschaftler auf. Strukturell sind solche Gewänder für die Figur des Teufels eine Notwendigkeit, denn nur solchen Gestalten trauen wir die Übersicht zu, einen perfiden Deal auszuhecken, bei dem sie von vornherein wissen können, dass wir ihn bereuen werden, ohne dass wir im vorhinein die geringste Chance haben zu wissen, wie sich jener Deal auf uns auswirken wird. – Wichtig für den Teufel ist: Die erste Begegnung mit ihm verläuft stets harmlos. Und man bereut sie immer.

Die Essenz des Bösen

Trotz oder gerade wegen der Behauptung, dass das Böse nur diese zwei Gestalten kennt: Das Monster und den Teufel, kann man noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass die Essenz des Bösen eine eindeutige, einfache und vielleicht sogar ein wenig überraschende Form hat:

Die Essenz des Bösen ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Wohlergehen des Anderen in einer Beziehung. – Ein erläuterungsbedürftiger Satz.

Wo auch immer wir bereit sind, vom „Bösen“ zu sprechen, anstatt einfach nur vom Schlechten, von Pech, von Unglück oder Katastrophen, werden wir auf jene Gleichgültigkeit treffen: Da begegnen sich zwei. Und mindestens einem in dieser Begegnung ist es schniezfurzegal, wie es dem anderen geht. Und vor allem: Was sein eigenes Verhalten für den anderen für Auswirkungen hat. Was sein eigenes Verhalten „mit dem anderen macht“. – Nur so ist es denkbar, dass z.B. unterlassene Hilfeleistung eine Bösartigkeit darstellen kann. Gerne verbirgt sich das Böse hinter Aussagen von der Form: „Jeder ist schließlich für sich selbst verantwortlich“. Oder: „Was hat das mit mir zu tun“.

Gewissermaßen ist die Auflösung menschlicher Gesellschaften in Einzelindividuen und Einzelgesellschaften, die nur zufällig miteinander zu tun haben, anstatt Schicksals-Gemeinschaften auf gemeinsamen Gedeih und gemeinsamen Verderb zu bilden, eine notwendige Bedingung dafür, dass das Böse auftreten kann. Die Grundform des Bösen ist daher: „Du bist keiner von uns (von der Gruppe, zu der ich mich zugehörig fühle) – und daher muss ich mich nicht um die Auswirken meines Tuns und Lassens auf Dich kümmern“.

In Umkehrung des Satzes von Wilhelm Busch kann man daher formulieren: „Das Böse – dieser Satz steht fest – ist stets das Gute, was man lässt“. Die Essenz des Bösen ist ein Mangel an Mitgefühl, der sich in Handeln und Nicht-Handeln ausdrück. Als Haltung ist er aber vor allem die reflexiv abgesicherte Gleichgültigkeit ohne Schuldgefühle, eine selbstgerechte Gleichgültigkeit, die gute Gründe vorweist. Viele politische oder religiöse Ideologien können daher als Ausdruck des Bösen verstanden werden, da sie Gründe geben, wann Handeln oder Nicht-Handeln aus Mitgefühl unangebracht sei. Sie verschaffen Menschen, die anderen Menschen schlimmstes antun oder ihnen nicht zur Seite springen, „ein gutes Gefühl“ dabei.

In der realen Welt tritt das Böse daher kaum in seiner dramatischen Form auf. Weder als Monster, noch als Teufel. Es tritt eher in der Form auf, dass wir grausam sind und dabei ein positives Selbstbild wahren können, indem wir uns eine Geschichte erzählen, in der Handeln aus Mitgefühl schlimmer wäre als das, was wir gerade tun, gerade getan haben oder gerade tun wollen.

Auch Teufel und Monster dürfen kein Mitgefühl mit ihren Opfern haben. Genauer: Sie können kein Mitgefühl haben. Von der Essenz des Bösen her gesehen, könnte man daher auch fragen, ob Monster und Teufel wirklich böse sein können, oder ob dieses Privileg nicht vielleicht doch ausschließlich uns selbst zusteht, die wir die Wahl haben. Für uns wäre Handeln und Nicht-Handeln aus Mitgefühl eine Option. Monster und Teufel haben diese Wahlmöglichkeit nicht.

Die Angel des Bösen

Würden wir hier über Fischerei sprechen, wären wir schnell wieder im Bereich des Teuflischen. Mit „Angel“ ist hier vielmehr das gemeint, was wir bei Archimedes und was wir bei Türen finden…

Wenn operative Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem und vielleicht auch tierischem und pflanzlichem Wohlergehen die Essenz des Bösen ist; wenn das Böse darin besteht, dass nicht spürbar wird, dass das Wohlergehen von lebenden Wesen an oberster Stelle unserer Prioritätenliste steht, dann stellt sich sehr schnell die Frage:

Was ist mit uns selbst?

Die Angel des Bösen, in der sich Türen schließen und öffnen und auf der sich Welten bewegen lassen, scheint in der Frage zu bestehen, wie es mit unserer Gleichgültigkeit uns selbst gegenüber bestellt ist.

Denn Teuflisch und Monströs ist stets jene allzuvertraute Entgegensetzung von Mitgefühl mit Anderen und Mitgefühl mit sich selbst. Der Gegensatz von „Egoismus/Altruismus“ sind die Grundlage dafür, dass unsere Spiele mit Monstern und Teufeln funktionieren.

Die Eule, die sagen muss: Ich mag für Dich ein Monster sein, liebste Maus, aber ich muss Dich fressen, wenn ich mich (und meine kleinen süßen Nachwuchseulen) nicht verhungern lassen will.

Der Teuflische Lebensversicherungsverkäufer/ Politiker/ Wissenschaftler/ Börsenhai, der sagen muss: Ich habe diese Welt nicht gemacht, in der ich Dich mit leeren Versprechungen über’s Ohr hauen muss, um gut für mich zu sorgen.

Die Frage, ob Altruismus vs. Egoismus ein notwendiger Gegensatz ist, oder ob  Gleichgültigkeit sich selbst gegenüber nicht vielmehr notwendige Voraussetzung für Gleichgültigkeit gegenüber anderen ist, führt uns in ganz andere Gefilde:

Sie öffnet uns Türen. Sie schließt andere Türen. Sie hebelt die Möglichkeit des Bösen aus. Mit dieser Frage lassen sich Welten bewegen.

Sie führt zu Aussagen, wie wir sie schon bei Platon finden: Wenn wir andere schädigen, schädigen wir immer zugleich uns selbst. Wir dürfen uns daher glücklich schätzen, wenn wir geeignete „Strafen“ finden: Strafe Als Spürbar-Machung dessen, was wir gerade nicht mehr spüren können. Strafe als Hilfe zur Erinnerung an das, was wir vergessen haben. Mit sinnvollen Strafen helfen wir einander zu merken, dass wir uns gerade verlaufen haben. Und zwar genau dann, wenn uns nichts anderes mehr hilft.

Denn der Mensch kann definiert werden als das vergessliche Wesen: Als Wesen, das zu Dissoziation fähig ist. Wir können – anders als Tiere – vergessen, was für uns das Wichtigste ist. Wir können von uns Abstand nehmen, und zwar so weit, dass wir uns verlieren und nicht mehr zu uns zurückfinden.

Das scheint mir auch der Grund zu sein, warum wir nur im Bereich des Menschlichen sinnvoll vom „Bösen“ sprechen können und die Anwendung der Kategorie des Bösen auf Tiere oder Maschinen wenig Sinn für uns macht.

Die Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen besteht in einer Gleichgültigkeit sich selbst gegenüber, die wiederum in einer bei anderen Menschen erlebten Gleichgültigkeit einem selbst gegenüber seine Wurzel hat.

„Das Böse“ ist ein Zirkel, ein sich-selbst-fütterndes-System, das uns benutzt, um sich sich selbst über Bande zu spielen.

Und so wie es einen vicious circle gibt, gibt es auch den anderen. Wir finden ihn über jenen Angelpunkt, an dem diese beiden Kreise sich berühren.

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