…und natürlich weiterhin wie bisher auch intensiv mit Weiblichkeitserfahrungen.

Bei aller Gefahr als Mansplainer wahrgenommen zu werden, denke ich, dass es Aspekte von Feminismus gibt, zu denen wir Männer produktiv beitragen können. Einer davon betrifft die Frage, wie Feminismus noch einmal deutlich erfolgreicher agieren könnte als bisher. – Ohne seine bisherigen Aktivitäten aufzugeben oder zu modifizieren.

Das paternalistische Gender-System, das wir nur all zu gut kennengelernt haben und täglich neu schmerzhaft kennenlernen, und viele bisher entwickelte Formen von Feminismus haben eins gemeinsam: Sie interessieren sich gleich wenig für das männliche Innenleben, sprich: Für die Erfahrungen, die Jungen und Männer mit dem Mann-Sein machen.

Man kann das dem Feminismus schlecht vorwerfen. Es ist gewissermaßen nicht „sein Job“, sich auch noch darum zu kümmern, zumal Feminismus alle Hände voll damit zu tun hat, weibliche Erfahrungen mit Gesellschaft, wie sie bisher ist, zur Sprache zu bringen und ihnen Gehör zu verschaffen.

Es ist allerdings auch ein interne Grenze des möglichen Erfolgs von Feminismus. Um nachvollziehen zu können, warum das so ist, müssen wir uns für einen Moment in das Innenleben eines „typischen Durchschnittsmanns“ einklinken, also in eine gedankliche Konstruktion, die in der Realität nie vorkommt, und der gegenüber jeder reale Mann unter uns nur eine Abweichung sein kann.

Jungen und Männer erleben große Teile des Mann-Seins wie folgt: Wir werden von allen und allem: unseren Mitmännern, Vätern, Brüdern, Freunden, Kollegen, Chefs, genauso wie auch von Büchern, Filmen, Werbung, öffentlichen Äußerungen, politischen Insitutionen, und auch von unseren Frauen, Freundinnen, Chefinnen, Schwestern, Müttern, Kolleginnen Zeit unseres Daseins auf diesem Planeten dazu aufgefordert, folgendes erfolgreich darzustellen:

Wir sollen durchsetzungsstarke, wettbewerbsorientierte, auf irgendeinem Feld des gesellschaftlichen Lebens sichtbar erfolgreiche, nie zurücksteckende Krieger (um das Wort „Arschlöcher“ zu vermeiden) sein, die möglichst schmerzbefreit und bitte nicht zu sensibel durchs Leben gehen. Auf Frauen und Kindern sollen wir „gentlemanlike“ Rücksicht nehmen und finanziell für sie sorgen, aber sie ansonsten bitte auch nicht zu Ernst nehmen. Die Sorge um unser eigenes Wohlergehen als Menschen haben wir in die Sorge um unser männliches Ego zu transformieren, das sich im Erwerb von Statussymbolen ausdrückt. Oder, wie es Bernhard Ludwig mal ausgedrückt hat: Wir Männer sollen das Spiel spielen „wer mit den größten Spielzeugen stirbt, hat gewonnen“. – Ein Spiel, zu dem annodazumals nur Männer zugelassen waren und in dem seit nun schon geraumer Zeit auch Frauen mitmischen. Mit drastischen Folgen auch für diese Frauen übrigens…

Das Ausmaß und die Wucht, mit der die Nicht-Einhaltung dieses „ideal-männliches Lebens“ bei jedem einzelnen Mann sanktioniert wird – erneut: von allen Seiten – wird nach meiner Wahrnehmung von nahezu allen feministischen Äußerungen und Texten, die mir bekannt sind, grob unterschätzt. Wir Männer durchlaufen eine in meinen Augen nichts anderes als brutal und grausam zu nennende individuelle Sozialisation, der wir in der Realität natürlich niemals wirklich genügen. Was am Ende sanktioniert wird, ist auch nicht die Verkörperung dieses Ideals: Die wenigsten von uns kriegen auf die Ohren und auf den Körper, weil sie nicht Superman, Bruce Willis oder John Wayne sind. Sanktioniert wird das Aufgebens dieses Versuchs, dem bestehenden Krieger-Ideal hinterherzuhecheln. Ein Mann, der diesen Versuch erkennbar aufgibt, wird nicht mehr ernstgenommen, nicht als Mann, nicht als Mensch – und das von niemandem: Weder von Männern, noch von Frauen, nicht von der Politik, nicht von der Öffentlichkeit und auch nicht von unseren formellen Institutionen.

Vielen Frauen dürfte diese Erfahrung bekannt vorkommen. Und was Männern bleibt, die das aufgeben, ist: nichts. Nicht einmal die zu Recht stark im Schwinden begriffenen Privilegien von Frauen, die sich ihrerseits selbst-verletztend bemühen, dem traditionellen Ideal von Weiblichkeit hinterherzukommen… Männer, die den Versuch aufgeben, „einen Krieger“ (aka ein Arschloch) zu verkörpern, stehen buchstäblich vor dem Nichts. Es gibt bisher keine Rolle, die wir ihnen in der Gesellschaft anbieten. Zumindest keine, die nicht mit heftigen Demütigungen und tödlicher Verachtung verbunden wäre. Wer einen konkreten Eindruck von diesen Erfahrungen bekommen möchte, kann sich diese in Björn Süfkes Buch „Männer erfindet Euch neu“ zu Gemüte führen. Dort findet man sehr eindrückliche Beschreibungen davon, was einen Mann zuverlässig erwartet, der sich von den vergifteten Angeboten der Traditionellen Männlichkeit zu emanzipieren versucht.

Stellen wir uns nun einen Menschen vor, der, weil er zufällig äußerliche Merkmale eines Mannes an sich hat, 18, 25, 30, 50, 70 Jahre lang diese Bespielung durch seine Umwelt ausgesetzt war. Stellen wir ihn uns vor, wie er bisher sein ganzes bewusstes Leben darum gerungen hat, „ein guter Krieger“ zu sein. Am besten noch „im Kampf für irgendeine gerechte oder zumindest irgendwie halbwegs ehrenwerte Sache“. Er hat das getan, weil ihm alle, durch die Bank alle immer signalisiert haben, in Taten und Worten: „Wenn Du das nicht tust, bist Du ein nichts. Dann bist Du es nicht wirklich wert zu leben.“ – Er baut also „Expertise“ in irgendeinem Gebiet auf, in dem er Chancen hat, sichtbar erfolgreich zu sein, er bezahlt brav seine Rechnungen, füttert in seiner Wahrnehmung brav seine Familie durch und ist brav im Business erfolgreich, ohne dabei in offensichtlicher Form irgendwelche Unschuldigen zu Tode zu bringen. Er weiß natürlich, dass er eigentlich nur ein verletzlicher Mensch ist. Deswegen hat er im Grunde die ganze Zeit Angst, als solcher aufzufliegen. Ein „Schwächling“ zu sein. Ein „Nichtsnutz“, ein „Versager“, ein nicht-ehrenwerter Mann.

In dieser Gemengelage trifft unser ausgedachter Durchschnittsmann nun auf feministische Forderungen, die im Kern sagen: „Du sollst Frauen stärker respektieren, Du sollst sie ernster nehmen als Du das bisher getan hast, Du sollst Dich dafür interessieren, wie es ihnen geht, in dieser Welt, die DU PERSÖNLICH MIT DEINEN PRIVILEGIEN geschaffen hat. Du bist ein unmoralisches Schwein, wenn Du das weiter ignorierst!“

Wer jetzt noch in das Innenerleben jenes Mannes eingeklinkt ist, kann vielleicht nachvollziehen, welche Handlungsoptionen ihm da nun angeboten werden: 1) Er kann sich kasteien und innerlich wie öffentlich Besserung geloben. 2) Er kann das mit vorgeschobener, männlich-angepasster Arroganz belächeln und es als „Unfug von Emanzen abtun, die nur mal wieder ordentlich gepimpert werden müssten, wenn sie dafür nicht einfach viel zu hässlich wären“. 3) Und er kann sich wie bisher „auf sein Ding“ konzentrieren und noch die berechtigtste feministische Forderung in seinem persönlichen Alltag einfach ignorieren.

Nur eins, die angestrebte Wirkung nämlich: etwas bei ihm auszulösen, ist ausgeschlossen. Wirklich erreichen und berühren tut ihn das alles nicht mehr. Und das hat einen psychologisch leicht nachvollziehbaren Grund: Da ist nichts in ihm nichts mehr, das von den genannten feministischen Forderungen noch berührt werden könnte. Die gesellschaftliche Programmierung, die er bis zu jenem Punkt Tag für Tag für Tag durchlaufen hat, zielte genau darauf ab, ihm diese Berührbarkeit, Verletzlichkeit und Empathie zu nehmen, die er nun auf einmal mobilisieren soll.

Heraus kommen kann in dieser Situation nur: Schauspielerei und Heuchelei. – Auf die bereits erfolgte gesellschaftliche Zurichtung und Überanpassung wird nun noch eine weitere Zurichtung und Überanpassung drauf gepackt. „Der dressierte Mann“. Der ist nun aber noch weniger Mensch als der Mann war, der nur allein den entmenschenden Dressuren der Traditionalen Männlichkeit ausgesetzt war. So mancher männliche Hochleistungs-Feminismus erklärt sich so: Auch aus Feminismus wird ein männliches Spiel gemacht, in dem es darum geht „höher, weiter, besser“ zu sein (wer diesen Text und die in ihm verwendeten Worte aufmerksam zur Kenntnis genommen hat, wird bemerken, dass er auch selbst von diesem Phänomen betroffen ist).

Dass wir Jungen und Männern ihre natürliche Fähigkeit zu Mitgefühl und Empathie systematisch aberziehen, ist uns in den allermeisten Alltagssituationen allerhöchstens halbbewusst. Diese unsere tägliche Erziehung zur Männlichkeit macht genau dann Sinn, wenn wir die Traditionale Geschlechterordnung so auffassen, dass sie bezweckt, eine Kriegerkaste bereitzustellen („die Männer“), die die Dinge tun können soll, „die im Krieg halt so gemacht werden müssen“ ( = andere Menschen töten und selbst bereit sein, dabei draufzugehen). Und andererseits eine Pflegekaste bereitzustellen, die sich um Kinder, Kranke, Alte und den Haushalt kümmert („die Frauen)“, die dazu bitteschön kreuzempathisch sein sollen und zu allerletzt an sich selber denken dürfen. Am besten nie.

Männer haben in der Regel schlicht kein Mitgefühl, weil das letzte Mal, dass sie es zulassen konnten, dass ihnen selbst jemand Mitgefühl entgegenbrachte, damals war, als sie noch eindeutig „ein kleiner Junge“ waren. Bei sich selbst Zugang zu menschlich-allzumenschlichen Regungen freizulegen, läuft für unseren Durchschnittsmann nicht nur darauf hinaus, „kein echter Mann mehr zu sein“, sondern auch darauf, sich selbst nicht mehr als erwachsener Mensch wahrnehmen zu können. Hinter der Maske der Männlichkeit lauert eine massive Verletzlichkeits- und Ohnmachtserfahrung, die sogleich mit dem absoluten Imperativ konfrontiert ist: „Ein Mann darf so ziemlich alles irgendwie sein – Aber auf keinen Fall jemals ohnmächtig und verletzlich. Period.“

Aus diesem Grund laufen nahezu alle feministischen Appelle, die ich kenne, bei uns Männern weitgehend ins Leere. Sie docken schlicht nicht bei den Erfahrungen an, die wir kennen und die wir täglich mit uns machen. Stattdessen wollen sie uns für die Erfahrungen interessieren, die Mädchen und Frauen tagtäglich mit den komplementären Weiblichkeits-Zurichtung in unserer Gesellschaft machen müssen. Um uns für diese Erfahrungen interessieren zu können, müssten wir uns jedoch für vergleichbare Erfahrungen bei uns selbst interessieren können.

Genau diese Möglichkeit, uns wirklich für uns und durch unsere eigenen Erfahrungen hindurch für andere Menschen zu interessieren, genau diese Möglichkeit wurde uns systematisch verstellt und höchst praktisch weggenommen.

Ohne die Kriegerkultur zu transformieren, die wir über Jahrtausende etabliert haben, wird Feminismus sich schlicht und einfach irgendwann totlaufen, weil er dann nicht weiterkommt und stagniert. Es wird uns irgendwann einfach ermüden, wenn wir die immer gleichen Forderungen hören, ohne dass dadurch erkennbare gesellschaftliche Fortschritte erzielt werden. Feminismus wird die Kraft des Neuen fehlen, also derjenigen Kraft, die bei uns Aufmerksamkeit generieren kann. Eine Kraft, die er derzeit noch in Teilen hat. Unsere Gesellschaft wird sich ohne substantielle Fortschritte irgendwann einfach an Feminismus gewöhnen und sich genau dadurch gegen seine transformative Kraft immunisieren. – Ich persönlich glaube, dass der Blick über den Zaun auf die andere innere Seite unserer Kriegerkultur der nächste Schritt sein kann, den Feminismus gehen kann und gehen muss, um weitere Fortschritte zu erzielen.

Um die überfällige Entwicklung der Überwindung unserer Kriegerkultur anzustoßen, müsste es also auch ein echtes Interesse an den Menschen geben, die hinter und in den „privilegierten Kriegern“ stecken, einbetoniert in den vielgerühmten männlichen Körperpanzer, begraben unter jahrzehntelangen Praktiken der Gefühlsunterdrückung und wirksam gefesselt von der Annahme, dass Männer im Grunde gar keine so richtigen menschlichen Wesen sind, dass sie keine Seele haben und dass ihr Innenleben daher nicht die geringste Aufmerksamkeit verdient hat. Außer natürlich: Mann ist eine Memme. Aber wer von uns will sich schon mit Memmen beschäftigen? Meiner inneren Memme ist zumindest bisher kein solcher Mensch begegnet.

Ein Feminismus, der jenseits davon, dass er Frauensolidarität aufbaut, dass er Frauen ermächtigt und ermutigt, zusätzlich auch Männer erreichen will, wird sich für männliche Ohnmachtserfahrungen und Verletzungen interessieren müssen. Er wird immer deutlicher machen, dass männliche Privilegien auf Gewalt beruht, die Menschen angetan werden, sobald sie als Frauen und Männer erkennbar werden.

In einem Feminismus, der über das bereits Erreichte hinaus weitere Fortschritte machen will, wird es nicht darum gehen, dass Männer verlieren, was Frauen gewinnen. Er wird keine „Fortsetzung des Geschlechterkriegs mit anderen Mitteln sein“. Sondern er wird sich darum drehen, dass wir alle als Menschen gewinnen, wenn wir unsere alltägliche Gewalt gegen Frauen genauso beenden wie unsere alltägliche Gewalt gegen Männer.

Denn die Traditionale Geschlechterordnung ist schlicht und einfach für alle scheiße. Und das heißt nichts anderes als dass nicht nur Frauen, sondern auch wir Männer in gleichem Ausmaß davon profitieren, wenn wir diese grausame Ordnung gemeinsam beseitigen und durch deutlich menschlichere Umgangsformen ersetzen.

Ich denke, dass Feminismus im Kern ein Humanismus ist, der das Leiden aller Menschen an einer Geschlechterordnung abschaffen will, ein Leiden, das heute nur noch absurd, nutzlos und sinnlos ist. Letztlich geht es um die Steigerung von Empathie in unserer Gesellschaft und um institutionelle Konsequenzen aus diesem systematischen Streben nach einem deutlich empathischeren Miteinander.

Es ist ein oberflächlicher Irrtum, dass es als „Männer“ markierten Menschen in dieser Ordnung fantastisch ginge, während allein als „Frauen“ markierte Menschen unter dieser Ordnung leiden. Man muss schon beide Augen ganz fest zudrücken, wenn man das offensichtliche Leiden von Menschen unter unserem aus der Zeit gefallenen Männlichkeitskonzept übersehen will. Ein Augen-zudrücken, an dem an erster Stelle wir Männer aktiv beteiligt sind: Männer haben nicht zu leiden. Und wenn dann männlich still. Männlich ist allein Klaglosigkeit und vollendete Selbstbeherrschung. Täglich kultivierte Autoaggression als Basis für Außenaggression. Künstlich herbeigesellschaftete Kampfbereitschaft.

Männer, die die traditionalen Erwartungen an sie verinnerlicht haben, haben mit äußerlich starken, abenteuerlustigen Frauen, mit amazonenhaften „Wonder women“ weitaus weniger Probleme als wir glauben könnten. Denn sie erkennen sofort: Diese Kriegerinnen sind „welche von uns“. Sie befolgen das gleiche, ihnen sehr gut vertraute Kriegerideal. Probleme haben wir Männer eher, wenn uns die Kraft ausgeht, uns selbst in Hierarchien nach oben zu boxen, wenn wir Probleme haben „zu performen“. Oder wenn wir plötzlich Menschen ernst nehmen sollen, die keinerlei „Ich-bin-auch-ein-Kämpfer-wie-Du“-Signale ausstrahlen. – Solange der schöne Schein der Männlichkeit gewahrt ist, ist unsere Welt in Ordnung. Denn das Gesetz dieser von Maskulisten weiterhin begeistert propagierten Männlichen Krieger-Ordnung ist: „Respektiert zu werden ist weitaus wichtiger als geliebt zu werden. Liebe ist weich und schwach. Einzig Härte und Unerbittlichkeit zählen.“

Wenn Feminismus also kriegerisch daherkommt, werden wir traditional erzogenen Männer immer folgendes Gefühl haben: „Wenn Ihr unbedingt mit uns in den Ring steigen wollt: Her mit dem Kampf! – Dafür sind wir gemacht worden! – Aber heult halt nicht rum, wenn wir Euch schlagen – Wir sind schließlich auch genau dadurch gute Krieger, dass wir nicht rumheulen! – Also entscheidet Euch mal, ob ihr einen guten, harten, erbarmungslosen Kampf wollt oder ob wir Euch weiterhin gönnerhaft als die Untermenschen behandeln sollen, zu denen für uns jeder Mensch zählt, der dem Kriegerideal nicht entspricht!“

Möglicherweise ist es tatsächlich die Zukunft eines institutionell erfolgreichen Feminismus, sich selbst als „Equalism“ zu verstehen.

5 Gedanken zu “Ein #Feminismus, der erfolgreicher sein will, wird sich deutlich mehr mit Männlichkeitserfahrungen beschäftigen

  1. Was ist wohl die Konsequenz für die Weiterentwicklung des Feminismus, wenn Männer nicht die emotionale Nähe geben können, welche von ihnen gefordert wird?

    1. Ja. Nach meinem derzeitigen Verständnis ist „Männlichkeit“ gleichbedeutend mit: „Hat ein konsequentes Anti-Empathie-Traning durchlaufen, das von Vätern, Müttern, und professionellem Erziehungspersonal gemeinschaftlich durchgeführt wurde“.

      Nach 18-20 Jahren solchem Training ist von der ursprünglichen Fähigkeit zu emotionaler Nähe, die Jungs als Kinder durchaus noch haben, in vielen Fällen einfach nicht mehr sehr viel übrig. – An erster Stelle: An Nähe zu den eigenen Gefühlen. Und dieser Kontakt zu den eigenen Gefühlen ist Voraussetzung dafür, mit den Gefühlen anderer Menschen, seien es nun die von Kindern, Frauen oder von anderen Männern, etwas anfangen zu können.

      Sehr klar dazu ist Björn Süfke: https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Maennerseelen/Bjoern-Suefke/Goldmann-TB/e317687.rhd

  2. Eine interessante Darstellung männlichen Erlebens, nicht neu, aber berührend und nachvollziehbar rüber gebracht.

    Aber: gibt es nicht schon seit Jahrzehnten die Forderung, nun müssten sich auch die Männer von ihren Rollenklischees emanzipieren, nachdem Frauen das doch immerhin in relevanter Zahl geschafft haben? Und gibt es nicht lange schon auch Männer, die sich dem Kriegertum und Wettbewerb verweigern? Meine Partner waren und sind z.B. mehrheitlich keine in diesem Sinne „typischen“ Männer – kein Wunder, denn diese hätten ja kaum genug Zeit, um mit mir zusammen das Leben zu genießen!

    Dein Blog ist spannend, ich ab es in meine Blogroll „Weltgeschehen“ aufgenommen – hoffe, das ist ok! http://www.claudia-klinger.de/digidiary/blogbibliothek-weltgeschehen/

    1. Zu: „Gibt das nicht schon sehr lange?“ hatte ich eben grad eine ewig lange Antwort geschrieben, die ich dann in meiner Müddusseligkeit aus Versehen gelöscht statt abgeschickt habe.

      Darum etwas kürzer: Ja, mein privates Umfeld ist auch voller emanzipierter Menschen. Aber unsere Institutionen stützen das nicht. Emanzipation bleibt privat. Wir brauchen ganz andere institutionelle Formen als die Konkurrenz-, Wettbewerb- und Durchsetzung-triggernden Institutionen, die wir derzeit haben.

      Um das mal an einem plakativen, aktuellen Fall sichtbar zu machen, was ich meine: (in Minute 5:23)

      Diese armen Menchen bestimmen die Geschicke unserer Gesellschaft. Und das ist für niemanden gut. Wer anders handelt und empfindet, kommt gar nicht erst in solche Machtpositionen. Das System immunisiert sich nach wie vor sehr gut gegen gesellschaftliche Relevanz von Emanzipiertheit, d.h. von einem guten Zugang zu eigenem Innenleben, der auch in diesem Sinne handelt und sich artikuliert.

      Und solange das so ist, mögen zwar einzelne auf uns recht emanzipiert wirken. Unsere Gesellschaft als Ganze ist es nicht. Emanzipation bleibt privat. Und damit leben wir weiterhin in einer Kriegerkultur, in der gesellschaftliche Mitbestimmung dadurch erlangt wird, dass man Kriegerwerte, Kriegerverhalten und die typische Kriegerempfindungslosigkeit entschieden umarmt. Man muss das früher typisch männliche Anti-Empathie-Training durchlaufen haben, um „was zu werden“ und um „was zu sein“. Es gibt zunehmend auch mehr Frauen, die da mitmachen. Aber das ist für mich kein Fortschritt. Ein Rambo ist ein Rambo und kann es als solcher „weit bringen“. Da ist das offizielle Geschlecht oder die sexuelle Orientierung heutzutage zunehmend unwichtiger. Aber das bringt uns ja als Gesellschaft nur relativ wenig, wenn ich jetzt auch von anderen schlecht behandelt werde und auch andere sich selber schlecht behandeln – und nicht mehr nur wie früher die aus gutem Grund empathiebefreiten Krieger-Männer. Ein Fortschritt wäre es, wenn Frauen oder andere Menschen selbstempathisch für sich und empathisch für andere Menschen eintreten und damit Einfluss gewinnen. Das ist derzeit (noch) nicht der Fall.

      Das klingt jetzt vielleicht negativer als ich es meine. Meine Einschätzung ist eigentlich: Wir sind als Gesellschaft auf einem sehr guten Weg. Aber es ist halt auch noch ein sehr langer Weg. In meiner Wahrnehmung stehen wir eher noch sehr am Anfang von Emanzipationsprozessen, nicht an ihrem Ende. V.a. bei unseren politischen Institutionen kann sich viel tun, Parteien-Wettbewerb, (Wahl-)Kampf, persönliche Konkurrenz und Durchsetzung von Partikularinteressen sind nicht das, was eine Weltgesellschaft ohne gesellschaftliches Außen heutzutage noch braucht. Und es wird auch immer mehr Menschen klar, dass wir tiefgreifende Reformen unserer demokratischen Institutionen brauchen.

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