Wir stehen heute an einer interessanten Stelle in der politischen Geschichte der Menschheit: Die planetare Weltgesellschaft ist bereits Realität. Aber sie hat noch nicht die für sie passenden politischen Institutionen gefunden, sondern versucht sich derzeit  noch mit Formen zu behelfen, die sinnvoll waren, als politische Gemeinschaften noch ein Außen hatten.

In dieser Situation macht es Sinn, sich immer wieder mal zu vergegenwärtigen, was „Wir“ „ursprünglich“ mal für „uns“ bedeutet haben mag – Also produktive Fantasien über die menschliche Vergangenheit und menschliche Gemeinschaften der Vergangenheit zu spinnen. Philosophische history fiction hat eine lange Tradition. Sie beginnt nicht erst mit Hobbes‘ und Rousseaus vermeintlich gegensätzlichen Naturzustands-Fantasien. Bereits in der griechischen Antike hatten solche Fantasien über die „Wurzeln“ des eigenen Gemeinwesens eine feste Tradition, „urspungs“-besessen wie diese Antike uns heute erscheint.

In allen Sprachen der Menschheit bedeutete das Wort „Mensch“ einst nicht das, was es uns heute bedeutet. Es bedeutete nicht: „homo sapiens“. Es war nicht durch ein sehr weitgehend geteiltes Genom bestimmt.

Es bedeutete stattdessen: „Einer von uns“. Wer als „Mensch“ bezeichnet wurde, war verhandlungs- und dialogfähig, war geschäftsfähig, war Teil einer „Wir-Gruppe“, außerhalb derer es nur eine wenig berechenbare und in weiten Teilen bedrohliche Natur gab, deren Begriff ebenfalls noch nicht erfunden war.

Gruppen, die wir heute als „unterschiedliche Stämme“ bezeichnen würden, verhielten sich wechselseitig zueinander wie Naturkatastrophen. Sie standen in keinerlei politischem Verhältnis zueinander, sondern in einem Verhältnis absoluter, naturaler Konkurrenz. Die „Völkermorde“, die sich damals regelmäßig ereigneten, wurden nur deswegen nicht so bezeichnet, weil der Begriff „Volk“ in dieser historischen Situation wenig Sinn machte. Damit es Völkermord als Begriff geben kann, muss anerkannt sein, dass es überhaupt verschiedene Völker gibt. – Und eben das war nicht der Fall.

Für jede, in-sich-isolierte Gruppe von Menschen (wie wir heute sagen) gab es nur sie selbst. Das „da draußen“ waren eben gar keine Menschen. Es waren „die Anderen“ oder eben: „Keine von uns“. Man konnte mit ihnen nicht reden, nur selten handeln, sie waren anders, man konnte sie nur vertreiben oder von ihnen vertrieben werden. Für diese Anderen galten nicht die Regeln und Schutzimperative, die für die galten, die eben dazugehörten und „Menschen“ waren. – Und so in jeder einzelnen Gruppe.

Diesen Zustand der wechselseitigen absoluten Isolation überwanden im europäischen Raum erstmals die Römer, allerdings nicht mit dauerhaftem Erfolg. Das Imperium Romanum war der Ort, an dem in Europa der Begriff des „Volks“ erstmals Sinn machte und zugleich die „unterschiedlichen Völker“ mit hervorbrachte. – Noch bei den Griechen hat man beim Studium der von ihnen überlieferten Texte den Eindruck, dass Nicht-Griechen von ihnen kaum als „Menschen“ ernstgenommen werden konnten. Und selbst der griechische Anspruch, dass eben „die Griechen“ (= die Menschen) eine Art kultureller Wertegemeinschaft bilden sollten, konnte politisch niemals eingelöst werden. Spätestens mit dem Peloponnesischen Krieg realisierte man, dass man im Zustand wechselseitiger „Barbarisierung“ hängen geblieben war. Bei Thukydides ist das Erschrecken darüber greifbar, dass Griechen in diesem 30-jährigen Krieg Griechen Dinge antaten, die sie nach politischem Selbstverständnis nur Nicht-Griechen hätten antun dürfen. Ein kultureller Anspruch, der politisch nie eingelöst werden konnte. Daher das Entsetzen.

Es gibt Parallelen in der jüngeren europäischen Geschichte zu diesem thukydideischen Erschrecken, z.B. beim Zerfall Jugoslawiens.

Dass wir heute alle Menschen als Menschen erkennen ist also eine relativ neue Errungenschaft. Noch bis vor Kurzem gingen z.B. die beiden schwerpunktmäßig im europäischem Raum ausgetragenen „Weltkriege“ (man verzeihe mir meinen Eurozentrismus) mit einer psychologisch-politisch notwendigen Entmenschung des Gegners einher. Und es scheint heute Konsens zu sein, dass es uns als Menschen nur sehr schwer möglich ist, überhaupt Kriege gegen andere Menschen zu führen, ohne dass wir uns dabei wechselseitig eben nicht mehr als Menschen betrachten.

Wir können daran ablesen, wo wir heute stehen: Wir haben ein all-inklusives „Wir“ herausgebildet, zu dem jeder dazu gehört. Und das ist ein echte Novum in der Menschheitsgeschichte. Es besteht – zumindest von unserem inneren Selbstverständnis  her – eine globale Menschheitsgemeinschaft. Ein all-inklusives Wir, das kein politisches Außen mehr kennt.

Zwar gibt es noch Staaten, die Außengrenzen ziehen und verteidigen, aber sie gleichen mehr föderalen Verwaltungseinheiten. Zwar gibt es noch Politiker, die nicht müde werden, „Wir-gegen-Die“-Geschichten erzählen. Aber es ist für uns alle sehr leicht durchschaubar, dass sie das tun, um auf psychologische Reflexe abzuzielen, die wir Menschen noch aus ancient times mit uns herumschleppen: Wenn wir uns bedroht fühlen, sind wir geneigter, wenigen Menschen viel Macht und „Befehlsgewalt“ über uns zu geben als wenn wir uns sicher und in Frieden fühlen

Auch heute noch wird in unserer Weltpolitik gerne von Kampf, Mobilisierung und Krieg gesprochen: Im Zuge von Kampagnen, im Zuge von Protest, von Bewegungen und von institutionalisierter politischer Konkurrenz über Parteien. – Man versteht dann Politik als interne Fortsetzung des einstmals absolut-äußerlichen Kriegs. Wie man so unschön sagt: „Politik als Fortsetzung von Krieg mit anderen Mitteln.“

Allerdings nimmt man die Entmenschung, die Kriegsführung unweigerlich an sich hat, dann immer mit hinein in den Raum des Politischen. – Und wie wir heute wissen können: Mit Nicht-Menschen ist eigentlich keine Politik zu machen. Sondern nur ein Wechsel von Krieg und vorübergehendem Waffenstillstand. Keine Seite hat dann ein Interesse, „die Waffen aus der Hand zu geben“, denn jede Seite hat begründete Angst, dass ihre eigene politische (= nicht-kriegerische) Haltung die Grundlage des eigenen Untergangs ist. Wir vergessen oft, dass in der Politk existentielle Ängste verhandelt werden. Und das auch dort, wo das absurd oder zumindest nicht ganz offensichtlich ist.

Wir Menschen haben viel Grund, vor anderen Menschen Angst zu haben. Denn Menschen haben die ganze Menschheitsgeschichte über anderen Menschen Schlimmstes angetan – Und tun das auch heute immer wieder.

Die Frage, ob wir alle ein all-inklusives Wir bilden, ob wirklich alle „einer von uns“ sind und ob wir damit im Grunde niemandes Feind sind, zielt auf Antworten, die letztlich institutioneller Natur sein müssen. Wir brauchen heute politische Institutionen, in denen wir uns in nicht-kriegerischer Haltung begegnen können. In denen klar ist, dass wir diesen Planeten gemeinsam bewohnen wollen. Dass wir zu Lösungen kommen wollen, in denen es allen gleichermaßen gut geht und keiner „heimlich besiegt“ worden ist. In denen wir uns als Freie und Gleichwertige begegnen. Nicht nur als Verhandlungspartner, die ein ständiges Tauziehen betreiben und die darum ständig aufpassen müssen, nicht „von der anderen Partei“ über den Tisch gezogen müssen. Sondern als Einzelne, die aus wirksamen Gründen darauf hoffen können, dass ihre Bedürfnisse bei „allen anderen“ auf echtes Interesse treffen. Ein Interesse, das über reines „Gehör finden“ noch hinaus geht, obgleich uns schon das heute noch völlig zu überfordern scheint.

Wie aber baut man jenen Institutionen vor, wenn sie noch nicht existieren? Wie bereitet man sie vor? Wie arbeitet man auf sie hin?

Ich denke, hier sind sehr viele sehr unterschiedliche Antworten möglich. Aber es erscheint mir als sicher, dass die Sprache des Krieges vermieden werden muss, wenn man auf die Errichtung sinnvoller planetarer politischer Institutionen abzielt. All jene, die heute eine „bessere Zukunft“ vorbereiten, können nicht mehr auf Kriegsrhetorik zurückgreifen, wenn sie nicht nur alte Feind- und Frontstellung reproduzieren und damit künstlich in die Zukunft hinein verlängern wollen.

Es kann uns heute kaum mehr darum gehen irgendwen „zu bekämpfen“. Denn der, den wir da jeweils gerade bekriegen: Der ist ja „einer von uns“. Die Weltgesellschaft, die kein außen mehr kennt, löst, wie schon vor ihr die Stammesgesellschaft, die nur außen kannte, den Begriff des „Volks“ vollständig auf. Der begriffliche Mechanismus ist in beiden Fällen der gleiche: Wenn es nur ein Volk gibt, macht der Begriff schlicht keinen Sinn. Das Denken „in Völkern“ zeigt sich uns heute als menschheitsgeschichtlicher Zwischenzustand. Als vorübergehendes Denken, das typisch war für eine Phase, in der es keine vollkommen exklusiven Stämme mehr gab, aber noch keine Weltpolitik. Jene „römische“ Phase der Menschheitsgeschichte, in der es so etwas wie „Außenpolitik“ gab. Heute gehört jeder zur Gemeinschaft der Menschen auf dem Planeten. Und es erscheint als unausweichlich, dass er von „uns“ auch so behandelt wird, und nicht als „Feind“.

Wenn also Gewalt auftritt und wir Gewalt entschieden entgegentreten müssen, um uns nicht selbst bedroht zu fühlen, so tun wir gut daran, die Nerven zu behalten und unser Gewicht nicht durch überlegene Waffengewalt ins Spiel zu bringen, sondern mit Beziehungsangeboten, die so verlockend sind, dass keine Aussicht auf „Sieg“ in einem Krieg sie überstrahlen kann.

Diesen Weg haben wir in vielen Punkten bereits nach dem II. Weltkrieg eingeschlagen. Und er hat unsere Weltgesellschaft in einem so drastischen Tempo vorangebracht, dass es für viele schlicht zu schnell gewesen sein mag.

Was wir heute an uns und um uns erleben, sind jene tiefsitzenden kriegerischen Reflexe, die in der Weltgesellschaft, die sich eben erst herausgebildet hat, keinen dauerhaften Bestand haben können.

Wer heute schon Weltbürger sein will, tut gut daran, sein eigenes kriegerisches Empfinden, Reden und Handeln im Blick zu behalten. – Und sich in denjenigen Situationen, die diese erlernten Reflexe bei ihm auslösen, andere Verhaltensweisen offen zu halten, die das Gleiche auf deutlich bessere Weise leisten.

Für „The war against XYZ“ sind heutige Weltbürger jedenfalls nicht mehr zu begeistern. – Aus systematischen Gründen, wie es sich hier möglicherweise gezeigt hat. „Mobilisierung“ sieht heute anders aus. Und sie fühlt sich so anders an, dass auch dieser Ausdruck erkennbar wird als das, woher er „stammt“: Aus dem Bereich der Kriegsrhetorik.

Jene neuen sozialen Bewegungen, die sich bereits in vollem Bewusstsein des eigenen Weltbürgertum herausbilden, verstehen sich stets als Einladungen zu bestimmten Beziehungen. Sie gewinnen genau dadurch, dass sie nicht versprechen, „bei einem grandiosen Sieg mit dabeizusein“ oder „final über die Mitmenschen XYZ zu triumphieren“.

Den wichtigen Unterschied zwischen solchen finiten politischen Zielen und infiniten politischen Zielen hat Simon Sinek in einem schönen, kurzen Ted Talk überaus klar herausgearbeitet. Und man kann gar nicht übertreiben damit, wenn man betont, wie über alle Maßen bedeutungsvoll das Verständnis dieses Unterschieds für die weitere politische Entwicklung unserer Weltgesellschaft ist:

In einer planetaren Weltgemeinschaft, in der wir auf allgemeine Kooperation und Kriegsverzicht angewiesen sind, kann auch das Neue nicht im Kampf- und Kriegsmodus in die Welt kommen, sondern nur als neuartiges Beziehungsgeflecht. Als nicht-exklusives Wir im Wir, dass sich niemals gegen irgendein anderes Wir im Wir richtet, sondern das den Einzelnen einlädt, sich zu beteiligen und beizutragen. – Zum Wohle von ausnahmslos allen.

Jede soziale Bewegung, die diesem Anspruch nicht genügt oder sich noch nicht einmal dieses Anspruchs bewusst ist, den die heutige Zeit an sie stellt, reißt das bereits bestehende Niveau an sozialer Kooperation. – Und darf daher gerne als ein Moment gesehen werden, dass die Entwicklung einer auch politisch institutionalisierten Weltgemeinschaft verzögert. Möglicherweise gegen die eigenen Absichten.

Fortschrittliche soziale Bewegungen können wir heute also zuverlässig daran erkennen, dass sie keine Feindbilder mehr pflegen, um in Schwung zu kommen, um Menschen zur Teilnahme zu bewegen und sich kurzfristig oder dauerhaft Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Die Zukunft gehört jenen Menschen, denen es bereits heute gelingt, keine Feinde mehr zu haben.

Das ist – zumindest in meinem persönlichen Erleben – ein Knochenjob, der jedem, der das unter den gegebenen Umständen versuchen möchte,  wahrscheinlich mehr abverlangt, als man von einem Menschen verlangen kann.

„Wirs im Wir“ können hier sehr hilfreich, unterstützend und vielleicht sogar notwendig sein. Solange sie eben „Wir im Wir“ bleiben. Was ihnen wiederum gelingt, solange sie sich nicht gegen ein anderes „Wir im Wir“ herausbilden.

Wie gesagt: Das ist ein Novum in der Menschheitsgeschichte.

Aber wir sind ja auch an einem ganz und gar neuartigen Punkt angekommen. An einer noch nie zuvor dagewesenen Stelle. Hier mag durchaus möglich werden, was bisher völlig unmöglich schien.

 

 

 

 

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