Wenn man mit Menschen über die Einführung des Losentscheids in unsere politischen Verfahren spricht, also über eine weitere Demokratisierung unserer Gesellschaft, dann bekommt man heute noch häufig zu hören:

„Ne, ne, das traue ich mir nicht zu. Ich hab ja keine Ahnung von…“ – Man hört dann viele solche Sätze, und das in allen möglichen Schattierungen und Geschmacksrichtungen.

Ich weiß nicht, wie es in anderen Gebieten des Planeten ist, aber in Deutschland scheinen Glaubenssätze sehr tief verankert zu sein, die uns in Richtung Expertenhörigkeit und „Fachexpertise“ bewegen.

Nun ist wenig zu sagen gegen tiefes Wissen über bestimmte Sachverhalte und Zusammenhänge, die man nur dadurch erwerben kann, dass man viele Meinungen zu einem Thema gehört hat, dass man sich mitunter über Jahre mit der Materie beschäftigt hat. – Im Raum der Politik scheint mir aber ein handfestes Missverständnis viel zu viel Renommee zu haben. Ein Missverständnis darüber, welche Form von Wissen spezifisch im Raum der Politik das Wichtigste ist.

Schon überhaupt auf die Existenz von „Formen des Wissens“ hinzuweisen, scheint in diesem Kontext ein geradezu revolutionärer Akt zu sein.

A) Wissen, das wir in Fachgebieten erwerben ist Wissen über Nicht-Menschliches. Oder manchmal sagen wir: „Über die Natur“.

B) Wissen, das in der Politik in erster Linie relevant ist, ist Wissen über das innere Erleben heute lebender Menschen, ihre Erfahrungen, ihre Perspektive, ihre Gefühle und ihre Bedürfnisse.

Beide Formen des Wissens spielen eine Rolle in politischen Prozessen. Leider sind unsere derzeitigen politischen Institutionen gut dafür geeignet, Menschen, die politische Entscheidungen für uns alle treffen müssen, sehr effektiv von beiden Formen des Wissens abzuschneiden.

Natürlich kann man beim Wissen vom Typ B) auf Befragungen setzen. Nur nähert man sich dann dem Wissen über das innere Erleben von Menschen so, als wären Menschen nur „weitere Gegenstände neben anderen“ und nicht die Autoren und die Subjekte politischer Prozesse. Man erforscht sie wie naturwissenschaftliche Forschungsgegenstände. Man redet über sie, anstatt mit ihnen. Man lässt sie nicht zu Wort kommen und man hört ihnen niemals wirklich zu. Nicht so wie sie sich gegenüber vertrauten Menschen äußern, wenn echter Raum da ist. Wenn relevante Erfahrungen mitgeteilt werden. Manche davon sind schambesetzt, mache sind schmerzhaft, manche machen Angst. Immer aber weisen sie auf neuartige Lösungen hin, auf mögliche Innovationen, durch die das Leben von mehr Menschen besser wird als nur von diesem einen, der den Mut hat „aufzumachen“, sich verletzlich zu zeigen, und seine Erfahrungen und Perspektiven zu teilen. – The quality of the listening forms the quality of the speaking.

Eine deutlich effektivere Form der Einspeisung dieses Wissens in politische Prozesse besteht darin, diese Menschen selbst zu unmittelbaren Akteuren des politischen Austauschs und politischer Entscheidungen werden zu lassen. – Eben genau das leisten Bürgerparlamente, die per Losentscheid repräsentativ aus der ganzen Bevölkerung zusammengesetzt werden.

Die große Angst vor der Unwissenheit der Bevölkerung, die manchmal mehr eine Angst vor echter eigener politischer Verantwortung ist, schiebt nun oft die Uninformiertheit vieler Menschen über bestimmte „Sachthemen“ vor, die in politischen Prozessen verhandelt werden müssen. – Das geschieht so, als ob in unseren derzeitigen politischen Institutionen Berufspolitiker in erster Linie der Beratung durch wissenschaftliche Experten folgen würden und nicht etwa, wie wir eigentlich sehr gut wissen, strategischem Wahlkalkül, persönlichem Politkarriere-Kalkül und Lobbyisten-Kalkül, wobei sich diejenigen Institutionen und Bevölkerungsgruppen die wirksamsten Lobbyisten kaufen können, die gerade zufällig das meiste Geld haben.

In der Wirtschaft gibt es mittlerweile gut erprobt das Prinzip des „Konsultativen Einzelentscheids“ und manchmal auch des „Konsultativen Mehrheitsentscheids“: Jemand ohne Ahnung berät sich mit Experten und Betroffenen und wird dadurch als hinreichend ermächtigt gesehen, um eine für alle verbindliche Entscheidung zu treffen. Dem gleichen Prinzip folgen Richter, die nur in den seltensten Fällen „Experten“ für die Themen sind, über die sie Entscheidungen treffen.

Man lehnt sich nicht sonderlich weit aus dem Fenster, wenn man heute behauptet, dass Experten, wo sie in einer Demokratie doch ausnahmsweise mal benötigt werden, in einem Bürgerparlament weit leichter Gehör finden als bei Berufspolitikern, die den vielen Kalkülen politischer Karriere und parteistrategischer Entscheidungen mit Blick auf kommende Wahlen ausgesetzt sind.

Sieht man mit diesen Augen auf unsere derzeitigen politischen Institutionen, so kann man sagen, dass wir derzeit zulassen, dass unsere politischen Entscheidungen aus einer groben Unterinformiertheit, um nicht zu sagen in einer großen Unwissenheit erfolgen. „Demokratie“, wie wir uns derzeit angewöhnt haben, sie zu verstehen, trifft dumme Entscheidungen, weil wir politische Institutionen geschaffen haben, die beide Formen des Wissens gezielt von den politischen Prozessen fernhalten.

Insbesondere das Außenvorbleiben der Perspektiven, Erfahrungen, Gefühle und Bedürfnisse der Vielen („des Volkes“) lässt es gut begründet erscheinen, unser derzeitiges politisches System keinesfalls als „Demokratie“ bezeichnen zu können.

Aber auch die Sorge, die viele von uns davon abhält, über eine Demokratisierung politischer Prozesse nachzudenken, die genau diesem Wissensmangel abhelfen würden, scheint bei näherem Hinsehen völlig unbegründet, ja geradezu ideologisch: Dass Expertenwissen in einer über Losentscheid organisierten, echten Demokratie zu kurz kommen würde.

So haben wir also ein dummes politisches System geschaffen. Wir beklagen uns auch beinahe täglich über seine dummen Effekte, seine dummen Ergebnisse, seine dummen Entscheidungen und seine dummen Maßnahmen. Aber wir dulden diese systemische Dummheit dennoch weiterhin. – Vermutlich, weil man uns nach den totalitären politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts erzählt hat, „das System ist zwar unperfekt, aber es gibt nunmal kein besseres“. Als ob eine weitere Demokratisierung, die klügere politische Institutionen schafft, irgendetwas mit einem Rückbau von Demokratisierung gemein haben könnte. Als ob kein politischer Fortschritt denkbar wäre. Als ob jede Veränderung unserer demokratischen Institutionen nur eine Verschlechterung sein könnte.

Wir können heute wahrnehmen, dass unsere Demokratie von sich selbst bedroht wird. Indem sie nicht in der Lage ist, durchaus vorhandenes Wissen in ihre politischen Verfahren aufzunehmen, indem sie sich gegen die beiden für Politik relevanten Formen des Wissen immunisiert hat, schafft sie große Unzufriedenheit.

In dieser selbstinduzierten Unzufriedenheit gibt es Rufe: Rufe nach autoritären Führern, die die Gefühle der Menschen besser spiegeln sollen. Rufe nach einer Expertokratie, die die Menschen vor ihrer eigenen vermeintlichen Dummheit schützen soll (Platon lässt hier schön grüßen).

Diese Rufe werden solange nicht verstummen, bis wir entweder in der nächsten politischen Katastrophe landen, die mit reformierten demokratischen Institutionen durchaus vermeidbar gewesen wäre. Oder bis wir eben so eine autoritäre Herrschaft oder eine Experten-Dikatur haben, der wir uns demütig unterwerfen, weil wir ja gar so dumm glauben zu sein und unsere ureigene politische Verantwortung gar so gerne an Menschen abgeben, die sich da aus kontingenten Gründen mehr zutrauen (Trump lässt hier schön grüßen).

Die Alternative liegt auf der Hand: Unsere derzeitigen politischen Institutionen sind eben nicht der Weisheit letzter Schluss, wir befinden uns eben nicht am „Ende der Geschichte“. Sondern wir leben in einer Zeit, in der es offensichtlich wird, dass sich unsere demokratischen Institutionen weiterentwickeln müssen, wenn wir eine informiertere Politik haben wollen, die bessere Entscheidungen zum Wohle aller treffen kann.

Der Losentscheid ist hier in jeder Hinsicht dem Prinzip „Parteibildung –> Wahlen –> Berufspolitikertum –> Lobbydruck“ überlegen.

Gerade in Deutschland scheinen wir aber ein Problem zu haben, uns auf diesen Gedanken einzulassen. Gerade hierzulande scheinen wir zu glauben, es könne für alles Experten geben. Auch für das innere Erleben der Bürger. – Dabei ist der Raum des Politischen gerade dadurch bestimmt, dass sich hier alle als Freie und Gleichwertige begegnen können. Dass hier keiner vom Mitentscheiden ausgeschlossen werden kann, ohne dass der Raum des Politischen selbst zerstört wird. Dass keiner ein „argumentum auctoritatis“ anwenden und auf persönliche Fachexpertise hinweisen und mit diesem Argument andere vom Mitreden, Mithören und Mitenscheiden ausschließen kann. Dass hier, im Raum des Politischen abgemacht ist, dass jeder betroffen ist von dem, was hier entschieden wird, und dass daher auch jeder einzelne Mensch einen gleich gewichtigen Einfluss haben muss.

Ich habe jetzt schon viele Interviews mit nationalen und internationalen Freunden des Losverfahrens, der Demarchie, der Aleatorischen Demokratie und der Ausgelosten Bürgerräte gehört und gelesen. Was mir sehr zu denken gibt, ist, dass ich in keinem dieser vielen Gespräche so wenig Bereitschaft zuzuhören wahrgenommen habe, nirgendwo ein so apodiktisches Niederbügeln der Idee des Losverfahrens wie in diesem Interview hier. Natürlich war es im deutschen Fernsehen.

Deutschland ist kein gutes Pflaster für echte Demokratie. Denn hier glauben noch viele an das überlegene Wissen der Philosophen und seine Bedeutung für politische Prozesse. Hier glauben immer noch viele „die Masse ist dumm“ und wollen sie daher systematisch von Mitbestimmung ausschließen. Und hier wollen sich immer noch viele vor ihrer politischen Mitverantwortung drücken. Auch, weil das ganz einfach bequemer ist. In einer gestandenen Zuschauerdemokratie ist immer was geboten, immer was los, es gibt immer was zu schimpfen und zu beklagen, während man bei all dem nie von Mitverantwortung bedroht ist. Wenn die, „die man gewählt hat“, erkennbaren Mist bauen, dann ist man eben von den bösen, bösen Politikern betrogen worden und damit fein raus. Man wählt dann einfach jemand anderen (oder auch nicht), der dann wiederum genauso unterinformiert politische Entscheidungen treffen muss. Mit einem Kreuzchen in der Wahlkabine kann man sich vollkommen seiner politischen Mitverantwortung entlasten. Eigentlich müssten diejenigen Menschen, die sich unter solchen Bedingungen wählen lassen, auf die Barrikaden gehen. Denn wie über diese Menschen geschimpft wird (also über Berufspolitiker), und zwar von Menschen, die sich selber so vollkommen verantwortungsfrei verhalten (also von uns), das ist tatsächlich ein handfester Skandal. Ganz ehrlich: Wäre ich Berufspolitiker und würde derart schlecht behandelt, ich würde mich auch durch die eine oder andere Sache selbst dafür entschädigen. Hart verdientes Schmerzensgeld.

Und ja: Das solches Wählerverhalten ist ebenfalls psychologisch nur zu gut nachvollziehbar. Nur sich über Politik beklagen, dass darf man aus meiner Sicht nicht, wenn man demokratische Reformen ablehnt, die genau dem abhelfen würden, worüber man sich beklagt.

Von Ländern wie Irland, die das Losverfahren erprobt haben, wird jedenfalls berichtet, dass Menschen, die dort daran mitwirken mussten, danach deutlich mehr Respekt vor Demokratie, Politik und ja: auch vor Politikern hatten.

Wir können ja mal darüber nachdenken, ob das wirklich ein wenig versprechendes Indiz ist. Mir scheint es darauf hinzuweisen, dass die meisten Menschen situativ klüger sind als wir sie im Alltag erleben. Auch die Menschen, die wir selber sind.