Die unterschätzte Kraft des erkennbaren Zuhörens

Uns wird viel zugemutet in Sachen Zuhören heutzutage. Alles mögliche müssen wir uns anhören, ohne dass wir uns leicht dagegen verwehren können. – Das beginnt nicht erst in der Schule. Und es endet nicht in unseren Ausbildungen, Studien und Betrieben. Auch im öffentlichen Raum, an unseren Wohnungstüren, auf unseren Online-Kanälen und unseren Festnetzanschlüssen werden wir zugeknallt mit Dingen, „die wir uns mal anhören sollen“.

Gleichzeitig werden wir permanent dazu ermuntert, „besser zuzuhören“. Weil das ja so unglaublich segensreich für alle sei.

Mein Eindruck als jemand, der zu viel spricht, weil er sich zuviel anhören musste, ist ja: Es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis, was „Zuhören“ ist und wie es sich auf die daran beteiligten Menschen auswirkt.

Am besten bekommt man dieses Unerhörte ins Ohr, wenn man vom „Erkennbaren Zuhören“ spricht.

Was ist damit gemeint?

Hartnäckig hält sich der Mythos, es ginge bei zwischenmenschlicher Kommunikation allein um Informationsaustausch. Genauer: Über eine wechselseitige oder einseitige Verständigung über Dinge da draußen, also über die sogenannte „Außenwelt“. – So nach der Devise: „Kuck mal, da ist ein Reh!“ Oder: „Du hast den Müll wieder nicht rausgebracht!“ – „Doch hab ich wohl, schau doch mal nach!“

Diese Dimension von Gesprächen ist unleugbar vorhanden. Doch es ist in den allermeisten gehaltvollen Gesprächen die relativ unwichtigere Komponente der Kommunikation.

Wenn ein Mensch spricht, will er sicher sein, dass er „gehört wird“. – Und damit das gewährleistet ist, reicht es leider nicht aus, dass ein anderer Mensch tatsächlich zuhört, mitdenkt, das Gesagte auf sich wirken lässt (was selten genug der Fall ist).

Nein: Beim erkennbaren Zuhören geht es ganz simpel darum, dass der, der spricht, überdeutlich erkennen kann, dass der Zuhörer wirklich voll dabei, aufnahmebereit und offen dafür ist, dass das Gesagte „etwas mit ihm macht“.

Es macht in den allermeisten sprachlichen Interaktionen zwischen Menschen den denkbar größten Unterschied, ob das passiert oder ob das nicht passiert.

Allerdings unterschätzen wir diesen Unterschied nahezu immer und überall. – Selbst dort, wo „gut zugehört wird“, wird nur selten „erkennbar gut zugehört.“

Psychologisch löst dieses Fehlen von erkennbarem Zuhören bei den meisten Menschen, die glauben, sich gerade äußern und andere Menschen addressieren zu müssen, dass sie weiter sprechen, dass sie mehr sprechen und dass sie nach und nach immer „lauter“ werden.

Im umgekehrten Fall: Wenn Zuhören für Sprecher erkennbar wird – und erst dann! -, tritt beim Sprecher Entspannung ein.

Sprecher sind also auf Rückmeldungen angewiesen, die ganz subjektiv für sie sicherstellen, dass ihnen gerade zugehört wird oder wurde. – Thomas Gordon und andere Beziehungs- und Kommunikationspraktiker haben dafür die Form „Aktives Zuhören“ erarbeitet, detailliert beschrieben und in eigenen Trainings eingeübt.

Sprechen und Zuhören ist für uns Menschen ein primär emotionales Geschehen, bei dem Informationsaustausch „über Fakten“ nachrangig ist. Zumindest solange wir darunter allein Informationen über die nicht-menschliche Außenwelt verstehen. Und nicht auch Informationen über die menschliche Innenwelt (Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche) und über die zwischenmenschliche Beziehungswelt (wie stehst Du zu mir? Bin ich Dir wirklich wichtig? Gehöre ich für Dich wirklich zu Deiner Bezugsgruppe dazu?).

Dieses emotionale Geschehen und diese Beziehungsdimension läuft nahezu in jedem Gespräch mit, auch noch im scheinbar nüchternsten und faktenorientiertesten.

Leider haben viele Menschen heute Probleme damit, sowohl diese Diemension überhaupt auf dem Schirm ihres Bewusstseins zu haben als auch ihr aktiv gerecht zu werden. Insbesondere Menschen mit starken „Management-Neigungen“ und Menschen mit stark technischer und/oder theoretischer Ausbildung verkennen diese Dimension von Kommunikation regelmäßig. Sie wurden in der Regel darauf getrimmt und dafür trainiert, genau von der Beziehungsdimension abzusehen und sie für unerheblich zu halten.

Dass sie für uns, in unserem Bewusstsein verschwunden ist, heißt jedoch nicht, dass sie auch in der Realität verschwunden ist. – All die damit verbundenen Gefühle und Bedürfnisse laufen weiter mit und spielen eine gewaltige Rolle in der Zusammenarbeit. Mangels Wahrnehmung jedoch nun subkutan und unbewusst.

Die Folge: Es wird unglaublich viel geredet, aber es entsteht über dieses „informative Gerede“ unglaublich wenig Zusammenhalt und Commitment.

Beim erkennbaren Zuhören tritt dagegen Entspannung und Beruhigung ein: Es wird weniger geredet. Und die Rollen von Sprecher und Zuhörer wechseln häufiger und organischer. Meist pendeln sich die Rede-/Zuhör-Anteile bei gleichen Anteilen zwischen den beteiligten Menschen ein, wenn erkennbar zugehört wird. – Dieser messbare Wert kann daher auch als Indikator dafür gelten, ob in der Wahrnehmung der beteiligten Menschen gerade gut erkennbar zugehört wird. Oder eben nicht.

Warum erkennbares Zuhören für uns heute besonders wichtig ist

Die Auswirkungen vorhandenen/nicht-vorhandenen erkennbaren Zuhörens sind für uns heute wichtiger denn je geworden.

Und zwar durch zwei Phänomene, die unsere heutige Gesellschaft stärker prägen als jede andere menschliche Gesellschaft zuvor:

1.) Die Virtualität bzw. Körperlosigkeit von menschlicher Kommunikation. – Es ist für uns als Menschen, die biologisch auf Kommunikation im gleichen Raum angelegt sind, unglaublich schwer und anstrengend, in virtuellen Räumen erkennbar zuzuhören.

Wer das schonmal über einen beliebigen social media-Kanal oder in der Kommentarspalte zu irgendeinem Artikel versucht hat, weiß im Grunde sofort, wovon ich hier spreche.

Der Virtuelle Raum des Internets ist daher trotz der Unmenge an sofortigen Rückmeldungen, die wir dort generieren können, ein Raum, in dem kaum erkennbar zugehört werden kann.

Dieser Zusammenhang ist völlig hinreichend um zu erklären, warum unsere Gesellschaft über die Möglichkeiten virtueller Kommunikation so zu überhitzen und emotional zu überladen scheint: Alle sprechen, aber keiner kann sich gehört fühlen.

Das ist niemandes schuld. Und das ist auch kein Argument dagegen, die wunderbaren Möglichkeiten, die uns dadurch geboten sind, nicht zu nutzen. Auch nicht offensiv zu nutzen.

Es bedeutet nur, dass überall dort, wo Konflikte, Interessengegensätze oder starke Bedürfnisse im Raum sind, Menschen nach wie vor physisch zusammen kommen müssen, weil es anders für uns nicht funktionieren kann. Weil wir als körperliche Wesen erkennbares Zuhören brauchen, das wir nur in gemeinsamer physischer Anwesenheit im gleichen Raum erhalten können. – Und selbst dort hat es starke Voraussetzungen.

Diese Einsicht hat Konsequenzen für das, was wir heute „virtuelle Teams“ nenne. Und es hat insbesondere auch Konsequenzen für den zweiten Punkt: Die Politik in einer Halb-anonymen Großgesellschaft, wie unsere heutige Weltgesellschaft nunmal eine ist.

2.) Der politische Raum ist neben dem ökonomischen derjenige Raum menschlicher Zusammenkünfte und Gespräche, in denen am wenigsten erkennbar zugehört wird.

Und das ist insofern fatal, als wir heute in einer Welt leben, in der wir uns – ob wir wollen oder nicht – durch unsere Lebensvollzüge und Entscheidungen recht unmittelbar wechselseitig in unseren Handlungsspielräumen beeinflussen: Uns wechselseitig einschränken, aber auch uns wechselseitig Handlungen ermöglichen, das ohne entsprechendes Handeln anderer gar nicht möglich für uns wäre.

Kurz: Wir leben in einer – physisch! – stark vernetzten Welt.

Das heißt auch: Wir leben in einer Welt, in der es entscheidend ist, dass wir Sicherheit haben, „gehört zu werden“, wenn für uns wichtige Bedürfnisse unerfüllt sind. Bedürfnisse, die wir allein für uns niemals befriedigen können, „wenn andere nicht entsprechend mitmachen“.

Fundamentale Voraussetzung für jenes Mitmachen anderer ist aber wieder zweierlei: A) Dass andere überhaupt mitbekommen, dass wir etwas brauchen, und was genau wir brauchen; und B) Dass andere selber gerade nicht so in Not, so akut bedürftig sind, dass sie uns gar nicht entgegekommen und um uns kümmern können.

Wir sind heute auf eine extrem gute gesellschaftliche Kooperation angewiesen, damit Bedürfnismängel nicht so akut werden, dass eine wechselseitige Blockade-Situation auftritt, in der keiner mehr bereit ist, sich auch nur anzuhören, was der andere gerade von ihm will und braucht.

Die unmittelbare Beruhigung des erkennbaren Zuhörens ist hier ein probates Mittel. Leider wird es wenig genutzt.

Das ist nicht nur ein Bewusstseins-Problem. Es fehlen uns heute auch Formate, Verfahren und Institutionen, die auf erkennbares Zuhören fokussieren und es ermöglichen.

Ich bin daher sehr skeptisch, was alle oberflächliche und rein virtuell bleibende politische Kommunikation angeht.

Wir brauchen m.E. heute Formate, die eine Kultur des erkennbaren Zuhörens pflegen. Formate, die Menschen als Menschen unterschiedlicher Situation und Lebensführung physisch in einem Raum zusammenbringen und zwischen ihnen Gespräche ermöglichen, in denen sie sich wechselseitig erkennbar zuhören können.

Diese Formate sind nicht unmöglich. Sie sind auch nicht furchtbar schwer ins Leben zu bringen. Sie sind – im Vergleich zu unseren bereits vorhandenen politischen Institutionen – noch nicht einmal besonders kostspielig, sondern vergleichsweise preisgünstiger zu haben.

Was m.E. fehlt, ist Klarheit darüber, wie sehr wir als Menschen erkennbares Zuhören brauchen. Und wie sehr erkennbares Zuhören gerade im politischen Raum fehlt. Also in jenem Raum, der der Beilegung von Konflikten dient und der Findung neuer gesellschaftlicher Lösungen, bei denen keiner verliert, sondern alle gewinnen. Und denen daher alle zustimmen können.

Ist diese Klarheit über die Wichtigkeit erkennbaren Zuhörens gegeben, lassen sich leicht eine Fülle von ganz verschiedenen politischen Verfahren und demokratischen Institutionen (er-)finden, die dem Abhilfe schaffen.

Erkennbares Zuhören verlangt Wechselseitigkeit – Aus strukturellen Gründen

Erkennbares Zuhören ist strukturell ein Treiber von Demokratisierung. Denn es verlangt strukturell wechselseitig.

Wir gehen oft unbewusst davon aus, dass „auf der anderen Seite des Sprechens“, beim Zuhörer unbegrenzte Zuhör-Ressourcen vorhanden sind. Da wir jedoch alle Menschen und keine Götter sind, ist das so gut wie niemals der Fall.

Alle Menschen sind bedürftig. Und in manchen Situationen ist jeder Mensch so bedürftig, dass er nicht mehr zuhören kann.

Das vorausgesetzt, können wir nicht von Menschen in so genannten „Führungspositionen“ verlangen, „immer ein offenes Ohr zu haben“ und uns dann vielleicht auch noch erkennbar Zuzuhören.

In der Realität ist das dann ja auch so gut wie nie der Fall. Die Kommunikation in hierarchischen Beziehungen krankt strukturell an einem Mangel an erkennbarem Zuhören.

Wenn mal eine Führungskraft auf eigene Rechnung beschließt, der ihr anvertrauten Menschen wirklich erkennbar zuzuhören, erschließt sich ihr in der Regel ein ganzer Kosmos an menschlicher Bedürftigkeit. In Ausmaßen, die jeden Menschen überfordern müssen.

Daher hören viele Menschen in Machtpositionen aus purem Schutz vor Selbstüberforderung nicht mehr zu. – Und es erscheint mir unmenschlich, diesen Menschen daraus einen Vorwurf zu stricken.

Auch wenn wir über Empathie sprechen, gibt es ein weit verbreitetes Vorurteil, nach der „empathisches Verhalten“ ausschließlich oder vorrangig darum drehe, „ganz beim anderen zu sein“. – Erfahrene Praktiker in Empathie-Verhalten haben jedoch ein ganz anderes Verständnis von Empathie: Sie betonen die Selbstoffenbarung, die Offenbarung eigener Bedürftigkeit und Verletzlichkeit als Moment einer wirksamen Empathie-Praxis.

Menschen in fixierten Machtpositionen haben aber in der Regel reflexhaft die Befürchtung, dass Offenbarung eigener Bedürftigkeit sie allzu schwach und angreifbar erscheinen lässt. Mental befinden sie sich permanent in einem Krieg, in dem sie Schachzüge berechnen und sich absichern müssen.

In dieser Lage ist weder Selbstoffenbarung eigener Emotionen und Bedürfnisse noch erkennbares Zuhören mit Offenheit für die Emotionen und Bedürfnisse anderer zu erwarten.

Erkennbares Zuhören ist nur dann möglich, wenn es sich um reziproke Beziehungen auf Augenhöhe handelt. Nur hier ist erkennbares Zuhören keine strukturelle Überforderung einiger weniger, die gottgleich mit der Bedürftigkeit von unzählig vielen konfrontiert werden, wenn sie beginnen, „wirklich zuzuhören“ und das auch erkennbar zu machen.

Die Auflösung von insitutionalisierten „Gott-Positionen“ in unseren sozialen Systemen: In Schulen, Unternehmen, in der Politik ist daher der zentrale Baustein um eine Kultur des erkennbaren Zuhörens zu etablieren oder auch nur zu ermöglichen.

Nur wenn alle „ganz offiziell“ bedürftig sein können: Andere um ihre Gefühle und Bedürfnisse wissen lassen können, können umgekehrt alle immer wieder in die Verfassung kommen, in denen ihnen selbst erkennbares Zuhören möglich ist.

Menschen, die latent bedürftig sind, die das aber positionsbedingt nicht zeigen können, ohne in eine bedrohliche Situation geraten, können nicht zuhören. Und erkennbar zuhören schon gleich zweimal nicht.

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Die Macht der Empathie – Ermächtigte Empathie

Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit meiner Schwester über „die Lage der Welt“, über Politik, unsere Gesellschaft und das aktuelle Projekt, das ich mit anderen vorantreibe: Das Münchner Bürgerparlament.

Ich will vorwegschicken, dass meine Schwester zu den klügsten Menschen gehört, die ich kenne. Und ich bestehe darauf, dass ich das mit absoluter Sicherheit auch dann über sie sagen würde, wenn sie nicht meine Schwester wäre. 😉

Es war ein hitziges Gespräch, denn sie nimmt viel wahr und hat starke eigene Ideen und Vorstellungen davon, was wir heute brauchen und „was der Welt gut tun würde“. Vorstellungen, hinsichtlich derer ich mir nicht sicher bin, ob sie nicht realistischer und zielführender sind als meine eigenen.

Im Laufe dieses Gesprächs gab sie mir auch die Rückmeldung, ich würde mich auf meine alten Tage immer mehr zum „Habermasianer“ entwickeln. – Auch wenn das von ihr ein Spiegel meiner Äußerungen war und ganz offensichtlich nicht als Argument oder Vorwurf gemeint war, hat mich dieses Feedback doch etwas getroffen. Ich habe Habermas, wenn überhaupt, dann nur höchst oberflächlich gelesen, und bin nie so recht warm mit seinen Texten geworden, wenn ich versuchte, sie zu lesen. In meiner Schmalspur-Beschäftigung erschienen sie mir irgendwie abgehoben, oberlehrerhaft und zahnlos. – Aber vielleicht bin ich ja genau so geworden mit den Jahren?

Und wahrscheinlich ist da wirklich etwas dran: Immer wichtiger ist mir geworden, dass wir mit Vorsatz künstliche Gesprächs-Räume erschaffen, die frei von Macht und vor allem von Machtasymmetrien sind. In denen wir uns als Freie und Gleiche begegnen können.

Ich habe wirklich Null Ahnung, wie das beim ollen Habermas gedacht ist, aber ich selber habe nicht den Eindruck, dass die wechselseitige Empathie, die ich mir von solchen wahrhaft politischen, wahrhaft demokratischen Räumen erhoffe, ein Selbstläufer ist, der sich allein durch geeignete Verfahren, Abläufe, Prozesse und Tool herstellen ließe.

Also nicht so etwas wie: Wir schaffen Bürgerparlamente, besetzen die aus allen Menschen eines Gemeinwesens im Losverfahren, die reden dann miteinander und schon wird alles viel, viel besser.

Ich glaube vielmehr, dass es dazu neben sehr sehr smarten Verfahren, die erstmal erprobt und iterativ verbessert sein wollen, damit sie überhaupt machtfreie Räume öffnen können (das allein ist schon unglaublich schwer!), auch Dinge braucht wie:

  • Eine sehr gute und kategorisch unparteiische-allparteiische Moderation der Gespräche. – Diese sicherzustellen, wird schwer. Ich denke aber nicht, dass das unmöglich ist.
  • Eine Einschwörung der ausgelosten Bürger, nur ihrem Gewissen, ihrem Wohlwollen für sich, ihrem Wohlwollen für alle anderen und ihrem Wohlwollen für das Gemeinwesen zu folgen bei ihren Gesprächsbeiträgen, bei ihren Vorschlägen und bei ihren Abstimmungen.
  • Eine Kultur des „Jeder spricht von sich – von seiner konkreten Lebenssituation und seinen Erfahrungen in ihr.“ Anstatt: Jeder spricht für andere. Und anstatt: Jeder äußert nur Theorien und Ideologien anstatt konkrete Eigenerfahrungen und Eigensorgen. – Man muss sich im politischen Raum darauf verlassen können, dass einen die Moderatoren oder die Mitgesprächspartner auf eine nicht-ausschließende Weise „wieder einfangen“, wenn man mal wieder nicht „bei sich bleibt“. – Durch Feedback. Durch Rückfragen.
  • Eine erklärte Kultur des Zuhörens.
  • Ein gelebtes Interesse und eine echte Neugier an den Erfahrungen und den Ängsten derjenigen Menschen, die in allererster Linie von den Entscheidungen betroffen sein werden, über die das Bürgerparlament berät.
  • Eine lückenlose Dokumentation der Beratungen und Entscheidungen für all diejenigen Bürger, die in der laufenden Legislaturperiode (2-3 Monate) zufällig nicht ausgelost wurden. – Diese müssen nachvollziehen können, wenn sie das wünschen, wie die Entscheidungen zustande kamen, von denen sie nun per Gesetz betroffen sind. Es braucht allgemeines Vertrauen in den Beratungs- wie in den Entscheidungsprozess.
  • Und wahrscheinlich noch vieles andere mehr, das mir im Moment noch nicht klar oder nicht bewusst ist. – Das sich aber in den Durchführungen von Bürgerparlamenten zeigen wird.

Es braucht unglaublich gute Verfahren und Prozesse und es braucht einen ganz bestimmten Staatsbürgerlichen Ethos unter den Beteiligten, von dem ich aber sicher bin, dass er unter diesen Bedingungen entstehen kann.

Und ich bin mir sicher, dass dieser Ethos unter den Bedingungen unserer gegenwärtigen politischen Verfahren und Prozesse auf gar keinen Fall entstehen kann. Dass es also nicht „unsere Schuld“ ist, dass wir so egoistische politische Arschlöcher sind, wie wir sie eben derzeit sind.

Dass es aber unsere Schuld wird, wenn wir dafür sorgen, dass wir solche Arschlöcher bleiben, indem wir an politischen Institutionen festhalten, die uns unvermeidlich zu Arschlöchern machen müssen.

 

Echte Souveränität: Alle politische Aktivität geht vom Volke aus

Ich möchte noch einmal besonders auf einen ganz bestimmten, nicht zu unterschätzenden Vorteil des Vorschlags zur Reform unserer Demokratie hinweisen, der hier und hier skizziert ist:

Diese demokratische Reform bringt uns alle gemeinsam systematisch in eine überaus aktive politische Rolle.

Wir sind es heute gewohnt, dass Parteien für uns das politische Agenda-Setting übernehmen. – Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht, aber ich halte das heute für überflüssig. Und ich fühle mich auch politisch entmündigt und bevormundet durch diese Form der politischen Organisation. Muss ich, müssen wir wirklich erst Mitglieder einer politischen Partei werden, uns dann durch deren organisatorische Hierarchie kämpfen, um mitbestimmen zu können, welche politischen Themen in unserem Gemeinwesen verhandelt werden sollen?

Viele Menschen haben heute dafür einfach nicht die Zeit. Nicht die Ressourcen. Nicht die Lebensumstände. Nicht die gesundheitliche Verfassung. – Das heißt aber nicht, dass diese Menschen nicht von der Politik betroffen wären, die wir in unserem Gemeinwesen demokratisch vereinbaren. Unsere derzeitige politische Ordnung bedeutet vielmehr, dass vielen Menschen eine rein passive Rolle im politischen Geschehen bleibt. Eine Zuschauerdemokratie eben. Das wäre nicht schlimm, wenn es bei der reinen Show, bei der reinen Soap bleiben würde. Leider sind wir aber nicht bloß Zuschauer dieses Schauspiels: Wir sind durchaus mit auf der Bühne. Wir sind derzeit als rein passive Statisten betroffen davon, was auf diese Weise entschieden wird. – Ich erlebe das als politische Entmündigung. Man lässt Politik über sich ergehen. So wie man es ganz ähnlich in großen Konzernen über sich ergehen lässt, „was sich das Management da mal wieder für uns ausgedacht hat.“

Ist es wirklich zu gewagt, wenn man sagt, dass die Idee der Demokratie das ganz sicher nicht gemeint hat, als sie sich in die Bezeichnung „Volkssouveränität“ gefasst hat?

„Souveränität“ ist für viele ein sehr abstrakter Begriff heutzutage. Wesentlich anschaulicher und lebendiger wird er für uns, wenn wir ihn so begreifen: „Alle politische Aktivität geht vom Volke aus.“

Und das bedeutet: Wir brauchen heute keine behäbigen, klobigen, bürokratischen Parteien mehr, um Themen auf die Agenda zu bringen, mit denen wir uns gemeinsam auseinandersetzen müssen, weil sie uns alle betreffen.

Dazu stehen heute viel direktere, elegantere und inklusivere Mittel zur Verfügung als die umständliche „Willensbildung vermittels Parteien“.

Parteien haben wir mal gegründet, weil wir genau das „dem Volk“ eben nicht zugetraut haben: Dass es weiß, worum es sich kümmern muss, damit es sich gut um sich selbst kümmert.

Die Frage ist, ob wir diese Annahme heute wirklich noch teilen. Dass wir parteipolitisch gebundene Berufsparlamentarier brauchen, die uns vor unserer eigenen politischen Souveränität schützen. Die uns davor schützen sollen, dass wir uns politisch mit Dingen beschäftigen, die für uns ja doch gar nicht so wichtig sind. Die uns davor schützen sollen, dass wir der Auseinandersetzung mit Themen ausweichen, mit denen wir uns aber auseinandersetzen müssen, wollen wir langfristig keine Probleme bekommen.

Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert, weiterentwickelt und an einigen Stellen möglicherweise auch fehlentwickelt.

Wir haben technische Möglichkeiten, die vor Jahrzehnten noch nicht einmal vorstellbar waren. Wir haben einen allgemeinen Bildungsgrad erreicht, der in dieser Breite einmalig in der Menschheitsgeschichte sein dürfte. Wir haben einen Vernetztheitsgrad erreicht, der uns miteinander verbunden sein und aufeinander Wechselwirkungen haben lässt. Und das unabhängig davon, ob wir das wollen oder nicht.

Kurz: Wir leben in einer ganz anderen Gesellschaft als in derjenigen, die die Macher unserer Verfassung kannten.

Ist da die Annahme nicht absurd, unsere politischen Institutionen und Verfahren müssten oder könnten auch nur die gleichen bleiben wie vor 70 Jahren?

Wenn wir heute unsere Demokratie noch einmal neu erfinden müssten, würden wir wirklich die politischen Verfahren wählen, die wir heute haben und an die wir uns so sehr gewöhnt haben, dass wir uns manchmal gar nichts mehr anderes vorstellen können?

„Alle Aktivität geht vom Volke aus“. Für mich heißt das heute, dass wir keine extra dafür abgestellten Menschen mehr brauchen, die uns sagen, was uns politisch zu beschäftigen hat und die zu diesem Zweck eine Show abziehen müssen, um unsere Aufmerksamkeit zu wecken und zu binden.

Diese Art von Politik ist meiner Wahrnehmung nach heutzutage direkt gehend gefährlich und ja: anti-demokratisch geworden. – Es sind nämlich nicht immer die Menschen, denen unsere Situation, unsere Bedürfnisse und Anliegen wirklich etwas bedeuten, die das größte Talent in dieser Form von politischer Aufmerksamkeitserzeugung haben.

Wir drohen gerade unsere demokratische Souveränität an diejenigen Menschen zu verlieren, die besonders begabt in dem sind, was man „politisches Marketing im Zeitalter von social media“ nennen könnte. Wer am meisten Wind, am meisten politische action macht, der macht in unserer derzeitigen politischen Ordnung auch die politische Agenda. Er bindet unsere Aufmerksamkeit und lenkt uns ab von den Themen, die wir selbst diskutiert und entschieden haben wollen, würde man uns die Zeit, die Ruhe und den Austausch geben, den wir dazu bräuchten.

Menschen, die keine parteigebundenen Berufspolitiker sind, die Agenda setzen zu lassen, sie sich direkt austauschen zu lassen, ihnen direkten kommunikativen Zugriff auf Experten und Betroffene zu geben, das ist für mich unter heutigen Bedingungen „Demokratie“.

Einer solchen viel unmittelbareren, direkteren und agileren Demokratie kann man sicher klügere und weniger kluge Formen geben. Ginge es nach mir, dürfte sogar hier, bei einer Verfassungsfrage, viel „Versuch und Irrtum“ sein. Dürften hier Lösungen gewählt werden, die von uns schnell verändert, zurückgenommen oder angepasst werden, wenn wir merken, dass sie uns in der zunächst gewählten Form nicht dienlich sind.

Es ist aber eine ausgemachte Dummheit, um nicht zu sagen: Verdrängung, mit den politischen Institutionen aus purer Ängstlichkeit und Faulheit einfach immer weiter zu machen, obgleich ihr politischer Output derart erbärmlich ist.

Ich persönlich habe keinerlei Verlangen, am eigenen Leib den höchst überflüssigen Umweg über eine autoritäre Diktatur im Zeitalter des Internets erleben zu müssen, nur um herauszufinden, dass unsere derzeitigen demokratischen Institutionen unter veränderten gesellschaftlichen Umständen keinen Bestand mehr haben können. – Wollen wir unsere Demokratie behalten, müssen wir sie weiterentwickeln.

Zeitgemäßer sind aus meiner Sicht heute:

  • Parlamente, die aus Bürgern bestehen, die ausgelost werden. Nicht aus Parteipolitikern, die nach Listen gewählt werden.
  • Parlamentsangehörige, die für viel kürzere Zeit zusammenkommen. Zwei-Drei Monate, in denen sie für Lobbyisten unzugänglich sind.
  • Angehörige der Exekutive, die wir per Direktwahl für ganz bestimmte Ämter wählen. – Gerne von Parteien vorausgewählt und präsentiert. Parteien, die dadurch offiziell zu dem werden, was sie unter der Hand schon heute sind: Karrierenetzwerke für Menschen, die ihre Leben länger als 2-3 Monate dem Dienst an unserem Gemeinwesen widmen wollen. – Was völlig in Ordnung ist, solange unsere politischen Verfahren und Institutionen sicherstellen, dass sie wirklich uns allen gleichermaßen dienen. Und nicht einigen wenigen von uns sehr viel mehr und sehr viel besser als vielen anderen von uns.
  • Vor allem aber heißt es: Dass jene „Kurzzeitparlamente“ ihre Diskussions- und Entscheidungs-Agenda auf Zuruf durch uns alle erhalten. Technisch ist das heute leicht umsetzbar: Eine „Liquid Democracy“, in der für jede der 2-3-monatigen Legislaturperioden die aktuellen Themen eingesammelt werden, die uns politisch gerade wirklich unter den Nägeln brennen.

Alle politische Aktivität geht vom Volke aus: Das wäre heute leicht umsetzbar, wären wir politisch nicht so faul geworden. Faul gemacht worden durch eine reine Zuschauerdemokratie, die uns zu politisch passiven Bürgern gemacht hat, die sich die Show anschauen und bekritteln und bewerten, die die armen Politdarsteller da für uns abziehen müssen.

Das ist der Idee der Demokratie unwürdig. Das ist auch unser unwürdig. Und das ist auch unwürdig für jene Berufspolitiker, die wir solchen merkwürdigen Zwängen aussetzen wie in unserem derzeitigen, völlig verkorksten System mit Parteien und Parteienwahlen.

Folgen wir den Vorschlägen, die in den oben verlinkten Skizzen angedeutet sind, haben wir kein politisches System mehr, in dem wir „unsere Stimme abgeben“ und dadurch für unsere Demokratie weitgehend stumm werden.

Wir werden gehört und genauso wichtig: wir hören andere. Wir schaffen uns im Bürgerparlament selbst einen politischen Raum, in dem wirklich methodisch zugehört werden kann und ein tieferes Verständnis entsteht, aus dem neuartige politische Lösungen hervorgehen können.

Auch das ist in unserem derzeitigen politischen System nicht der Fall. Nicht aus persönlichem oder gar moralischen Versagen von Berufspolitikern, deren Parteien einige von uns gewählt haben. Sondern weil tieferes Zuhören in einem System, das auf parteiliche Frontenbildung, auf Wahlkriegsführung und Personelle Konkurrenz setzt, große Nachteile für die eigene politische Karriere und das eigene politische Überleben bringt.

Wollen wir eine friedliche, vernetzte und verbundene Gesellschaft, können wir nicht weiter mit kriegsähnlichen politischen Institutionen Demokratie zu machen versuchen. Wir brauchen heute Dialog, Wechselseitigkeit und politische Anteilnahme, nicht Debatte, Sieg und Niederlage, sowie politisches Sich-Durchsetzen.

All das ist heute nicht mehr zeitgemäß. Es ist heute undemokratisch Und wir entmündigen uns dadurch selbst. Wir machen uns mit unseren eigenen politischen Verfahren mundtot.

Alle politische Aktivität geht von uns selber aus. Minister der Exekutive formen dann nicht „unseren“ politischen Willen, sondern sie empfangen dann den von uns gemeinsam miteinander geformten Willen. Minister tun dann das, was ihr Name ursprünglich ausdrückt: Sie dienen uns.

Erst dann, wenn die politische Aktivität wirklich von uns ausgeht, von uns allen, erst dann können die Minister unserer Exekutive das überhaupt.

Demokratie, das heißt im Prinzip: Selbstbeherrschung des Volkes durch das Volk. Und das bedeutet, dass wir alle neben dem, dass wir Objekt von Politik sind, uns mit absoluter Regelmäßigkeit als aktive Subjekte von Politik erleben müssen. Gibt es dieses Erleben nicht bei ausnahmslos allen von uns, haben wir nach meinem Verständnis keine Demokratie.

Wie gesagt: Ich weiß nicht, wie es Ihnen derzeit damit geht. Aber ich persönlich erlebe das mit unseren derzeitigen politischen Institutionen nicht so. Zu diesem Erleben, souveräner Bürger, Subjekt von Politik zu sein, verhilft mir weder das nichtssagende Kreuz auf einer Parteiliste alle 4-5 Jahre. Noch die rein theoretische Möglichkeit, ich könne ja in eine Partei gehen und mich von der dort herrschenden Lautsprecher-, Intrigen-, Konkurrenz- und Durchsetzungskultur zerfleischen lassen.

Und wenn mir das Kreuz und die theoretische Möglichkeit zum Parteiengagement nicht reicht, dann soll ich halt das Maul halten und mit dem zufrieden sein, was andere für mich gnädigerweise an Gesetzen und Maßnahmen zusammenfabrizieren. Menschen, die mich nicht kennen und die ich nicht kenne. Menschen, die auch keine Menschen wie mich kennen, die in meiner Situation sind; einfach weil sie als Berufspolitiker den meisten Lebensvollzügen entzogen sind. Menschen, die mir nicht zuhören können, weil sie in ihrer Situation eines an die Parteiräson gebundenen Berufspolitikers mit echtem Zuhören persönlich deutlich mehr riskieren würden, als man von einem Menschen erwarten darf.

So schaut es heute aus: Sind wir nicht bereit, uns einer armee-ähnlich organisierten Partei anzuschließen und gegen unsere Mitbürger politische Kriege zu führen, wird uns der aktive Zugang zur Politik verwehrt.

Ganz ehrlich, Leute: Das kann heute nicht mehr der Weisheit letzter Schluss sein, wenn wir über Demokratie reden!

Politische Wahlen setzen Verständnis voraus – Demokratischer Losentscheid lässt Verständnis entstehen

Einer der Hauptgründe unter den vielen Gründen, aus denen ich mittlerweile ein so glühender Freund des Losverfahrens in unserer Demokratie bin, verdient eine eigene Erläuterung:

Ich denke, wir erkennen heute, dass wir in unseren bestehenden politischen Verfahren einen Grundkonsens zwischen uns voraussetzen, denn es in einer so hochdifferenzierten Gesellschaft wie der unseren einfach nicht mehr gibt.

Unsere Vorstellungen von Gesellschaft sind immer noch „vormodern“. Wir glauben, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt hinsichtlich Lebenserfahrungen, Gesellschaftserfahrungen, Familienerfahrungen, Berufserfahrungen, Politikerfahrungen.

Genau diese Gemeinsamkeiten sind aber heute in unserer Gesellschaft nicht mehr gegeben. Wir haben – wenn man mich fragt: glücklicherweise! – eine Gesellschaft geschaffen, in der wir große Unterschiede zwischen uns zulassen. Eine „liberale“ Gesellschaft, wenn wir das so nennen wollen.

Genau diese Unterschiedlichkeit verlangt aber nach ganz anderen demokratischen Verfahren als denen, die wir heute immer noch bejahen und die wir für alternativlos halten.

Der Losentscheid und das Bürgerparlament ist aber genau so eine, sehr konkrete Alternative. Und diese Alternative hat den nicht zu unterschätzenden Vorteil für uns, dass sie eben solche irrealen Gemeinsamkeiten und einen solchen Grundkonsens nicht voraussetzt, sondern überhaupt erst erschafft.

Das Parlament wird dadurch, dass es mit „ganz normalen Bürgern“ durch Los besetzt ist, zu einem Ort, an dem wechselseitiges Verständnis erarbeitet wird.

Ein Verständnis, das niemals zustande kommen kann, wenn wir unsere politischen Verfahren über Konkurrenz = Wahlen auf Streit und Auseinandersetzung fokussieren.

Parteibildung und Parteiwahlen sind heute deswegen so fatal, weil unsere Gesellschaft sich weiterentwickelt hat. Wir brauchen heute im Parlament einen demokratischen Raum, indem sich die Menschen direkt begegnen, austauschen und gemeinsam entscheiden können, die von diesen politischen Entscheidungen auch betroffen sind.

Politik leidet heute – so unglaublich das klingen mag – vor allem unter einem Informationsdefizit. Keinem Defizit an Informationen, die wir „Fakten“ nennen. Sondern solchen Informationen, die man nur erhält, wenn man einander zuhört.

Und hier ganz entscheidend: Wenn man man einander aufmerksam zuhören kann.

Wir halten derzeit ein politisches System am Laufen, in dem die Art von wechselseitigen Zuhören, derer Demokratie bedarf, ein großer Nachteil innerhalb eines künstlich erzeugten, politischen Kampfes ist. Wahlen führen dazu, dass eben nicht zugehört werden kann, sondern versprochen, getäuscht und taktiert werden muss.

All das ist in einem ausgelosten Bürgerparlament unnötig, indem Bürger direkt aufeinander treffen. Hier muss niemand strategisch kommunizieren, weil seine Wiederwahl davon abhängt. Ganz einfach deswegen, weil er nicht gewählt wird, sondern gelost wurde. Und – wenn wir das so festlegen wollen – zu seinen Lebzeiten auch kein zweites Mal in das gleiche Gremium hineingelost werden kann. Unter diesen Bedingungen können alle politisch offen sprechen und ihre Alltags- und Lebenserfahrungen in den politischen Prozess unverzerrt einfließen lassen. Auch die berühmte Gewissensentscheidung kann dann tatsächlich wirksam ausgeübt werden, weil sie nicht von Parteikalkül aka Fraktionszwang überlagert wird.

Und mehr noch: Durch das Losverfahren begegnen sich im politischen Raum Menschen, die sich im Alltagsleben niemals wirklich begegnen, und niemals wirklich austauschen. Und wenn doch, dann in der Regel eben nicht auf Augenhöhe, nicht als die Freien und Gleichen (= Bürger), die sie für die Demokratie sind. Austausch, der nicht auf Augenhöhe stattfindet, führt zu Informationsblockaden und Verschweigen. Von beiden Seiten: Von der Position der relativen Macht aus, genauso wie von der Seite der relativen Ohnmacht aus.

Menschen, die sich aber niemals wirklich begegnen und die sich niemals auf Augenhöhe austauschen können, wissen eigentlich gar nichts voneinander. Auch Vermittlung über Medien und Öffentlichkeit kann einen solchen Austausch nicht ersetzen, der nur dann entsteht, wenn man gemeinsam physisch im gleichen Raum ist und sich wechselseitig anhört, nachfragen und erläutern kann. Und wenn keiner für sich bei eigener Offenheit aus dem Grund negative Folgen befürchten muss, weil Machtungleichheit im Spiel ist.

In einem ausgelosten Bürgerparlament begegnen sich nicht nur Menschen, die sich sonst niemals begegnen. Sie können auch frei sprechen und frei zuhören, weil sie sich dort auf Augenhöhe begegnen und entscheiden. Durch die systematische, institutionalisierte Ermöglichung solcher Formen von Begegnung und Entscheidung „passiert“ Demokratie.

Demokratie, die auf ausgeloste Bürgerparlamente setzt, kann ein Verfahren „gesellschaftlicher Heilung“ sein. Politik zu einem Ort, an dem das Verständnis entsteht, das heute an keinem anderen gesellschaftlichen Ort mehr entstehen kann.

Das mag absurd erscheinen angesichts dessen, was wir mittlerweile gewohnt sind, „in der Politik“ zu beobachten: Streit, Auseinandersetzung, Intrige. – „Politik“ ist geradezu zu einem Synonym für ungute Beziehungen ohne Zuhören und ohne echtes wechselseitiges Interesse am Anderen geworden.

Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass „Politik eben einfach so ist“. Oder dass „Demokratie eben einfach in Auseinandersetzung und Streit besteht“. Oder dass „der Mensch nunmal so ist“.

Auch diese Annahmen sind vormodern. Sie werden von heutigen Soziologen und Psychologen permanent widerlegt. Allerdings ohne dass wir aus ihren Erkenntnissen institutionelle Konsequenzen ziehen.

Es sind unsere Verfahren und Institutionen, mit denen wir uns selbst und die Atmosphäre entscheidend formen, in der unser Austausch, unsere Gespräche, unsere Beziehungen und unsere Entscheidungen stattfinden. Wir selbst formen die gesellschaftlichen Räume, die dann wieder uns formen.

Solange wir das nicht institutionell anerkennen, bewegen wir uns in einem vormodernen Politikparadigma. Und dieses vormoderne Denken scheint heute in der Politik zunehmend fatale Auswirkungen zu entwickeln.

Es ist aus meiner Sicht höchste Zeit, dass wir die produktive Kraft wahrnehmen, die Bürgerparlamente haben können. Und dass wir die unproduktiven Auswirkungen, die Parteiwahlen haben, nicht mehr länger als „gottgegeben“ hinnehmen.

Natürlich muss so eine Umstellung selbst auf demokratischem Wege zustandekommen. Ich persönlich habe Null Verlangen nach den Verletzungen von Gewalt und Bürgerkrieg. Ich halte jede gesellschaftliche Innovation, die heute noch menschliche Feindbilder braucht, für rückschrittlich und gefährlich.

Es ist aber auch keine Lösung mehr, einfach alles laufen zu lassen und unsere Verfassung als unveränderbar zu sehen, wenn diese Verfassung selbst zum Problem geworden ist.

Wir brauchen kurz gesagt eine Verfassungsreform. Wir brauchen die verfassungsmäßige Aufnahme von Losentscheid und Bürgerparlamenten in unsere demokratischen Verfahren. Weil wir einen politischen Ort brauchen, an dem sich demokratisch ausgewählte Bürger begegnen und gemeinsam verbindlich entscheiden können. Und weil wir ein Verfahren brauchen, das dafür sorgt, dass alle Menschen angemessen repräsentiert sind, mit denen wir in einer Gesellschaft zusammenleben. Der Losentscheid leistet genau das. Wie wir alle sehr genau wissen, tun Wahlen das nicht.

Es ist an der Zeit zu realisieren, dass die Wahl von Parteien, die dann Regierungen bilden sollen, das niemals leisten kann. Und dass das die Wurzel vieler Probleme ist, die wir heute überflüssigerweise haben.

Credo: Der Mensch ist gleichermaßen begabt für Hölle und Erde – Gemeinsam sind wir dafür verantwortlich, was davon wir bekommen

Kurzgesagt halte ich eine Gesellschaft für möglich und erstrebenswert, in der wir unsere natürlichen menschlichen Fähigkeiten dazu nutzen können, uns gegenseitig unsere Ängste zu nehmen, anstatt unsere Fähigkeiten dazu benutzen zu müssen, uns gegenseitig Angst zu machen.

Dieser „Glaube“ hat recht weitreichende Konsequenzen.

Er mündet zum Beispiel in eine Art „All-Empathie“, deren Möglichkeit er zugleich voraussetzt. Wohlgemerkt nicht als Forderung: Es gibt keinen Grund uns selbst fertig zu machen oder uns wechselseitig Vorwürfe zu machen, wenn wir uns unempathisch verhalten.

Solches Verhalten gibt uns aber sehr viel Grund, nach unserer Situation zu fragen, nach den Bedingungen, unter denen wir unsere Entscheidungen zu einem Verhalten getroffen haben, das Desinteresse an unserem eigenen Wohlergehen und am Wohlergehen anderer Menschen ausdrückt.

Es spricht nicht gegen die Möglichkeit einer Gesellschaft, die Empathie systematisch kultiviert, dass wir als Menschen immer die Möglichkeit haben, Gewalt, Drohung, Einschüchterung, Manipulation und Zwang einzusetzen, „um das zu bekommen, was wir bekommen wollen“ (Thomas Gordon).

Es spricht nicht gegen die Möglichkeit einer Gesellschaft, in der Menschen sich vor allem darauf fokussieren, füreinander da zu sein, dass wir als Menschen auch völlig verstört, dissoziiert, von Angst und Ehrgeiz getrieben sein können.

Eher im Gegenteil: Diese menschlichen Möglichkeiten machen Institutionen gerade erst notwendig und sinnvoll, die eben empathische Gewohnheiten kultivieren anstatt sie zu einer Art riskantem Märtyrer-Verhalten von „Gutmenschen“ zu machen.

Wir Menschen sind weder gut noch schlecht. Wir sind Menschen. Und wir brauchen Zuwendung und wir können Zuwendung geben. Das gilt, wenn wir Kinder sind. Und das hört nicht auf zu gelten, wenn wir erwachsen sind.

Wir sind in der Lage, uns die Hölle auf Erden zu bereiten, indem wir Institutionen kultivieren, die uns auf Konkurrenz, Kampf, Wettbewerb und Krieg ausrichten.

Notwendig sind solche Institutionen nicht. Eher so etwas wie schlechte Gewohnheiten, die aus einer Zeit des Mangels stammen, die wir längst überwunden haben.

Und auch wenn solche gesellschaftlichen schlechten Gewohnheiten vielleicht sogar noch hartnäckiger sind wie unsere schlechten Gewohnheiten als einzelne Menschen, spricht einiges dafür, dass wir uns derzeit in einer Zeit befinden, in der sich eine Weltgesellschaft herausbildet, die kein Außen mehr hat. Und die daher auch keinerlei Bedarf mehr an Kriegern, Kämpfern und Soldaten hat.

Daraus können wir sowohl persönlich-alltägliche als auch institutionell-politische Schlüsse für uns ziehen.

Wie gesagt: Der Kampfmodus bringt heute keine Fortschritte mehr. Weder gesellschaftliche, noch persönliche. Es kann nicht darum gehen, jemandem Vorwürfe zu machen, oder eine bestimmte Gruppe von Menschen zum Feind zu erklären.

Es geht eher darum, gemeinsam zu realisieren, dass wir es gemeinsam in der Hand haben, wie gut oder schlecht wir gemeinsam leben. – Und uns unsere schlechten Gewohnheiten zu verzeihen, soweit wir können. Ohne sie zu deswegen zu dulden, zu ignorieren oder einfach zu übergehen. Die persönliche und institutionelle Kultivierung von Wohlwollen ist der Schlüssel, wo immer und wie weit Wohlwollen uns gerade möglich ist.

Und das dürfen wir durchaus voraussetzen, wenn wir an die Möglichkeit von Fortschritten glauben: So gut wie immer geht mehr als wir aufgrund des von uns bisher Erlebten für möglich halten. Realismus ist keine gute Haltung. Er bedeutet, die schlecht gewordenen Gewohnheiten der Vergangenheit künstlich in die Zukunft zu verlängern. Realismus bedeutet, die Möglichkeiten, die wir heute haben, systematisch zu verpassen.

Es ist immer mehr und immer Besseres möglich als wir glauben. Ganz real. Hier und jetzt.

Zutrauen als persönliches Motiv für Bürgerparlamente im Losverfahren

Wir leben in vieler Hinsicht stark differenzierenden Gesellschaft: Unterschiedliche Orte, unterschiedliche Lebensformen, unterschiedliche Lebensmodelle, unterschiedliche Besitzstände, unterschiedliche Erfahrungen in Beruf und Partnerschaft. Das prägt uns als Menschen und macht dann eben auch uns selbst sehr unterschiedlich. Man könnte hochgestochen von einer „ausgeprägten subkulturellen Humanodiversität in unserer Gesellschaft“ sprechen, wenn man solche Worte unbedingt zu brauchen glaubt.

Leben so unterschiedliche Menschen in einem Gemeinwesen zusammen, das gemeinsame Entscheidungen treffen muss – Entscheidungen, von denen alle betroffen sind, manche von uns unmittelbarer, manche von uns mittelbarer – dann fehlen einer solchen Gesellschaft wie der unseren wichtige politische Zutaten: Verbundenheit und Vertrauen. Die Art von Verbundenheit, die wir mit Menschen haben, mit denen wir Alltags-Erfahrungen teilen, weil sie ein ähnliches Leben führen wie wir selbst. Und die Art von Vertrauen, das wir zu Menschen haben, denen wir täglich in einer entspannten Atmosphäre begegnen, in der wir nicht miteinander konkurrieren.

Anders als wir es derzeit eingerichtet haben, glaube ich, dass die Politik der Ort sein kann, in der wir diese Verbundenheit und dieses Vertrauen institutionalisieren können. Und ich glaube, dass es heute für uns notwendig geworden ist, dass wir unsere Demokratie in diese Richtung weiterentwickeln, gerade weil wir in einer hochdifferenzierten Gesellschaft leben – Mit so vielen menschlichen Unterschieden, die miteinander zusammenhängen, wie nie zuvor. Es mag sein, dass die Humanodiversität in früheren Zeiten sogar noch höher war als sie für uns heute ist – das können Anthropologen, Historiker und Ethnologen besser beurteilen – aber sicher berührten sich diese Unterschiede viel mittelbarer. Die vielen verschiedenen Welten, in denen Menschen lebten und Unterschiedlichkeiten ausbildeten, waren kaum miteinander verbunden. – Begegneten sie sich doch, so waren diese „Verbindungen“ meist kriegerischer und tödlicher Art. Selbst wenn wir also heute nicht in den unterschiedlichsten Gesellschaften leben, die es jemals auf diesem Planeten gab, so leben wir doch in der unterschiedlichsten Gesellschaft, die es jemals auf diesem Planeten gab. Noch niemals zuvor mussten Menschen, die sich so stark „kulturell“ voneinander unterschieden, gemeinsame Entscheidungen treffen und für alle verbindliche Lösungen finden. Wir haben heute erstmals eine echte Weltgesellschaft. Und das ganz unabhängig davon, ob wir das gut finden oder nicht. – Insofern gibt es möglicherweise ein gemeinsames Interesse aller Menschen daran, Insitutionen zu schaffen, die uns helfen, diese Tatsache und diese völlige Neuartigkeit gut finden zu können.

Wie komme ich aber nun darauf, dass es ausgerechnet die Politik sein sollte, also der Raum, den wir als Wettbewerb, Auseinandersetzung und Kampf der Parteien institutionalisiert haben, in dem wir dasjenige Vertrauen und diejenige Verbundenheit kultivieren können und sollten, die uns heutigen Menschen fehlt, wenn wir eine gemeinsame Gesellschaft bilden?

Mein persönliches Motiv für Bürgerparlamente im Losverfahren

Mein Wunsch nach der Institutionalisierung von ausgelosten Bürgerparlamenten hat neben strukturellen Überlegungen auch einen persönlichen Grund: Ich erlebe mich in genau dieser einen Hinsicht als ausgesprochen privilegiert gegen nahezu allen Menschen, die mir begegnen oder von denen ich lese, sehe und höre.

Durch meinen Beruf habe ich genau jene agenda- und konkurrenzbefreiten Begegnungen mit Menschen nahezu aller Schichten, aller Beruf, aller Orte, aller Altersstufen, aller Lebenssituationen, etc., von denen ich glaube, dass sie sonst in unserer Gesellschaft fehlen. – Seit 9 Jahren besteht ein Teil meines Einkommens immer wieder in Coaching-Aufträgen für Weiterbildungsträger, die ihrerseits von der Agentur für Arbeit und Jobcentern beauftragt werden. In den Projekten, in denen ich dort arbeite, ist es für mich möglich, eine Art „geschützten Raum“ zu öffnen, in dem wirklicher Austausch und Dialog möglich ist. D.h. für mich: Ich durfte in den letzten 9 Jahren unsere Gesellschaft sehr gut kennenlernen – Von ihrer menschlichen Seite her. Ich habe dort sehr reiche Menschen begleiten dürfen, genauso wie Menschen, die nichts hatten. Man glaubt es vielleicht nicht, aber Geschäftsführer, hochrangige Manager und (nicht ganz so hochrangige) Politiker sind mir dort genauso regelmäßig begegnet wie Menschen ohne irgendeinen Abschluss oder Menschen, die seit Jahrzehnten in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen leben.

Ich habe in diesen Projekten also Menschen mit allen möglichen Fähigkeiten, Geschichten, Problemen, privaten Situationen, Krankheiten, Zukunftstträumen, Bedürfnissen, Traumata, usw. kennenlernen dürfen. Auch aus allen möglichen Ländern und Orten. Da ich in München lebe, habe ich in meiner Arbeit auch mit Menschen von allüberall her zu tun. Von allen Orten Deutschlands, von allen Orten Europas, von allen Orten der Welt. Klingt vielleicht pathetisch. Ist aber einfach so. – Und diese vielen Begegnungen und Gespräche haben mein persönliches Vertrauen „in die Menschheit“ ganz beträchtlich gesteigert. Ich selbst bin urspünglich alles andere als ein Menschenfreund. Ich fand andere Menschen immer eher bedrohlich, merkwürdig, lästig und anstrengend. Heute würde man mit Blick auf den Menschen, der ich in meiner Jugend war, möglicherweise von einer „leichten sozialen Phobie“ sprechen.

In meinen Coachings begegnen mir nun aber leider NUR vernünftige Menschen, mit denen ich irgendeine Stelle finden kann, an der ich gut andocken kann; Menschen, die mir erlauben, eine gemeinsame Basis mit ihnen zu finden. Und nicht alle diese Menschen sind entspannt, wenn wir uns begegnen. Viele haben gerade viel Stress, massive Belastungen in ihrer Gegenwart oder Vergangenheit. – Die wenigen Prozesse, die mir in all den Jahren Pauken und Trompeten verunglückt sind, gehen allesamt auf meine eigene Kappe: Weil ich nicht genau genug hingesehen habe, weil ich selber müde war, weil ich zu forsch war, weil ich nicht auf Zack genug war oder weil ich nicht schnell genug wahrgenommen habe, dass ich für diesen Menschen keinen Beitrag leisten kann. Ich erlebe es so: Stimmen die Rahmenbedingungen, kann ich mit wirklich ausnahmslos jedem Menschen auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Nun könnte ich das meinen so wahnsinnig unglaublich tollen persönlichen Fähigkeiten zurechnen. Das wäre sehr schmeichelhaft für mich. Ich glaube aber, dass ich mir mit dieser Annahme in die Tasche lügen würde. Ich selber bin alles andere als unkompliziert, meine Stressresistenz ist weit unterdurchschnittlich, ich bin schnell genervt, ungeduldig, besserwisserisch und das sind nur diejenigen meiner unangenehmen Eigenschaften, die mir halbwegs bewusst sind. Es spricht einfach objektiv viel dagegen, dass ich andere, mir völlig fremde Menschen deswegen so positiv erlebe, weil ich über besonders ausgeprägte soziale Kompetenzen verfüge. Es ist eher ein trotzdem. Und ja: Manchmal sind es gerade gemeinsame Macken, über die sich ein Draht herstellt. – Aus all diesen Gründen rechne ich mein Erleben nicht auf mich, sondern auf die Rahmenbedingungen zu, in denen ich produktive Gespräche mit all diesen verschiedenen Menschen haben darf.

Was mich an unserer derzeitigen politischen Kultur stört, ist also sehr persönlicher Natur: Mich stört, dass solche Erfahrungen mit Menschen, wie ich sie in meinem Beruf machen darf, weder in unseren demokratischen Prozessen noch in unserer demokratischen Öffentlichkeit den Raum vorkommen.

Gemessen an der allgemein verbreiteten und bewundernswerten Vernunft, die ich in meinen Coachings erlebe, zeichnen unsere politischen Prozesse ein Bild von uns Menschen als wären wir dumm.

Und diese Diskrepanz führt mich dazu anzunehmen, das möglicherweise unsere politischen Prozesse und Institutionen dumm sind, die auf der Grundlage eines so falschen Bilds „von der Menschheit“ operieren. Und dieses Bild dabei eben auch reproduzieren und in unserem Bewusstsein verankern.

Wenn ich es zu rationalisieren versuche, warum wir auch heute noch auf politische Prozesse setzen, die in Streit, Kampf, Konkurrenz Auseinandersetzung, Durchsetzung und Parteibildung bestehen, anstatt in Zuhören, Dialog, Kennenlernen, Neugier und sozialer Innovation, dann komme ich auf Folgendes:

1.) Wir kommen aus einer Welt der materiellen Knappheit. Und das steckt uns noch in den Knochen und in unserem Denken. Wir kommen gar nicht auf die Idee, dass das möglicherweise heute nicht mehr unser Problem ist. Bzw.: Dass es, wenn es heute noch unser Problem ist, ein Problem ist, dass nicht einfach „naturgegeben“ ist, sondern eines, das wir selber künstlich herstellen und reproduzieren.

2.) Wir kommen aus einer Welt des Kampfes und der Kriege. Viele unserer heutigen Institutionen spiegeln das: Die Art wie wir Bewerbungsprozesse gestalten, die Art wie wir unsere Unternehmen und auch Wirtschaft generell organisieren. Unsere dummen Casting-Shows. Die meisten unserer populärsten Sportarten. Die regelmäßig blutigen Problemlösungen, die wir in den allermeisten unserer fiktionalen Büchern und Filmen zusammenfantasieren. – Und eben und gerade auch unsere derzeitigen politischen Institutionen. Die Kriegerkultur, aus der wir kommen, steckt uns ebenfalls soweit in unseren Köpfen, dass es uns als „natürlich“ erscheint, dass es „die Welt so ist“. „Dass der Mensch so ist.“ Wir halten das, was wir selbst aus vergangenen Gründen täglich neu herstellen für die einzig mögliche Realität. Unsere Fantasie ist beschnitten: Wir können uns einfach gar keine Gesellschaft vorstellen, in der wir uns nicht durch lauter win-lose-Spiele hypnotisieren. In der ein Präsident völlig absurd wäre, der sich hinstellt und sagt: „Für mich geht es darum, dass wir gewinnen und andere verlieren.“

Wir haben Institutionen geschaffen, die auf Kampf und Konkurrenz setzen. Und deswegen leben wir in einer Welt, in der Kampf und Konkurrenz „normal“ sind. Und deswegen können wir uns eine Welt, in der das nicht so ist, nur als wahlweise „langweilig“ oder „naiv“ vorstellen, nicht aber als völlig realistisch, wünschenswert und für uns selbst durchaus erreichbar.

Bürgerparlamente im Losverfahren können Orte sein, an denen wir unser gesellschaftliches Zutrauen kultivieren

Wie kommen hier nun ausgeloste Bürgerparlamente für mich ins Spiel? Woher diese Begeisterung?

Ich habe den Eindruck, dass Bürgerratsversammlungen (beratend) oder Bürgerparlamente (entscheidend, kontrollierend) Orte sein können, wie sie unserer modernen, hochdifferenzierten Gesellschaft bisher strukturell fehlen.

Da ich aufgrund meiner täglichen beruflichen Erfahrung davon ausgehe, dass Menschen erstaunlich vernünftig sind, wenn man ihnen Ruhe, Zeit, Empathie zur Verfügung stellt, nehme ich an, dass Menschen, wenn sie sich unter solchen Bedingungen zusammensetzen können, erstaunliche und unerwartete Lösungen finden können.

Ähnliche Erfahrungen sind ja längst bekannt: Menschen, die sich im Internet, ohne physische Präsenz, gegenseitig mit Schmutz, Schmähungen und sogar Bedrohungen bewerfen, finden erstaunlich oft Möglichkeiten, sich anständig und wohlgesonnen miteinander zu unterhalten, wenn sie sich im „Real Life“ begegnen.

Rahmenbedingungen sind bei menschlichen Gesprächen, Begegnungen und Entscheidungen alles. – Das heißt aber umgekehrt: Wir haben die Pflicht, solche Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen wir uns sinnvoll begegnen, austauschen und gemeinsam entscheiden können.

Bei Bürgerparlamenten kommt daher den Moderatoren des Dialogs eine entscheidende Bedeutung zu: Sie müssen garantiert unparteisch, rein prozessorientiert moderieren. Sie müssen jedem die Gelegenheit geben, von ihren Mitparlamentariern gehört zu werden. Und dass gerade dann, wenn keine unmittelbare Sympathie besteht.

In allen mir bekannten Prozessen zu Bürgerräten, Bürgerparlamenten und „G1000“ werden solche Moderatoren eingesetzt.

Bürgerparlamente sind zudem ein Ort, an dem durch das Losverfahren ermöglicht und garantiert wird, dass sich Menschen einer Gesellschaft als Freie und Gleiche begegnen, die sich außerhalb dieses politischen Raums so gut wie nie als Freie und Gleiche begegnen. – Nicht in einer hochdifferenzierten Gesellschaft.

Die physische Präsenz, die Unmittelbarkeit, die Bürgerparlamente als Raum demokratischen Austauschs und demokratischen Entscheidens ermöglichen, ist daher keine Randbedingung, sondern entscheidend. Sie erklärt auch (neben dem Mehr an Zeit und Ruhe) die große Überlegenheit einer solchen Institution gegenüber den anderen Instrumenten direkter Demokratie: Volksentscheiden und Liquid Democracy.

Die Wichtigkeit für Menschen, sich zu äußern und sich dabei unmittelbar gehört und verstanden zu fühlen, wird von unseren bisherigen demokratischen Prozessen stark unterschätzt.

Demokratie geht im Kern nicht „um die Sache“. Es sind keine Sachentscheidungen, die dort verhandelt werden. – Wäre das anders, könnten wir „die Herrschaft“ tatsächlich an Experten und Wissenschaftler abgeben. Ein Alptraum, den die Platoniker aller Zeiten immer wieder träumen.

Es geht bei Demokratie um das, was wir gewohnt sind zu schmähen und als unbedeutend oder sogar als störend zu diffamieren: Subjektive Befindlichkeiten.

Natürlich sind objektive Gegebenheiten, wie sie durch Wissenshaft erfassbar sind, nicht unerheblich für gute politische Entscheidungen. Doch in einem demokratischen Prozess können sie nur insofern Eingang finden, insofern sie im subjektiven Bewusstsein der beteiligten Bürger Bedeutung haben.

Und genau an dieser Stelle trauen wir unseren Mitbürgern und auch uns selbst – schon fast gewohnheitsmäßig – viel zu wenig zu.

Wir haben das Bild von uns selbst und anderen, dass wir unfähig seien, unsere kurzfristigen vs. unsere langfristige Interessen abzugleichen. Und genauso, unsere unmittelbaren Bedürfnisse und Wünsche mit den unmittelbaren Bedürfnissen und Wünschen anderer Menschen.

Doch genau das Gegenteil erlebe ich täglich in meinen Coachings: Ich erlebe, dass ausnahmslos alle meine Kunden genau dazu sehr gut in der Lage sind. Und genau dort, wo wir gerade eine „persönliche Blockade“ haben, genau an diesen Stellen hilft uns gerade der Austausch mit anderen.

Aus diesen Erfahrungen heraus glaube ich, dass Bürgerparlamente und Bürgerratsversammlungen sogar noch mehr als Einzelcoachingsprozesse in der Lage sind, bei uns als Einzelnen „Einsicht auszulösen“. – Und die bisher durchgeführten Veranstaltungen in diese Richtung bestätigen genau diese Annahme.

Ich denke daher, dass Bürgerparlamente Institutionen des Zutrauens sind: Sowohl Institutionen, die entstehen, wenn wir uns selbst und uns wechselseitig „etwas zutrauen“. Aber auch demokratische Institutionen, durch die unser Zutrauen ineinander wächst und aktiv kultiviert wird.

Ich denke daher, dass wir solche Institutionen brauchen, um unser Bild von uns selbst und anderen zu korrigieren. Und um ein Instrument zu schaffen, das demjenigen Unverständnis und Misstrauen aktiv entgegenwirkt, das in einer hochdifferenzierten Gesellschaft erwartbar und völlig normal ist.

Wir brauchen politische Orte echter Begegnung und wechselseitiger Aufklärung. Nicht über „Sachen“. Sondern über uns selbst. Über unsere unterschiedlichen Lebensverhältnisse und die Bedeutung, die demokratische Entscheidungen für uns ganz subjektiv haben können.

Kein Vorwurf an sie, sondern Entlastung für sie: Berufspolitiker können das nicht leisten. Beim besten Willen nicht. Auch Volksentscheide und digital gestützte, virtuelle Tools direkter Demokratie können das nicht leisten.

Wir brauchen physische Zusammenkünfte und moderierten, empathischen Austausch derjenigen, ganz unterschiedlichen Menschen, aus denen sich unsere Gesellschaft zusammensetzt und in denen sie besteht.

Ich denke sogar: Erst wenn wir das systematisch, auf allen Ebenen: lokal, regional, staatlich und überstaatlich realisiert haben, erst dann haben wir wirklich „Demokratie“.

 

 

 

 

 

Direktwahl von Ministerämtern – Abberufung durch ein ausgelostes Bürgerpalament

Im Folgenden setze ich einen bereits skizzierten Vorschlag für eine Verfassungsreform unserer Demokratie voraus: Dass wir Parlamente nicht mehr mittels Parteien und Wahlen besetzen, sondern per Losentscheid aus der Gesamtbevölkerung, mit dabei stark verkürzten „Legislaturperioden“.

Dieses Bürgerparlament hat sowohl die Gesetzgebung als Aufgabe, als auch die unmittelbare Kontrolle über die Minister. – Bleibt die Frage, wie die Ministerämter besetzt werden. Also diejenigen Menschen, die länger in der Politik sein müssen und die daher als „Berufspolitiker“ bezeichnet werden können.

Ein naheliegender Vorschlag könnte sein, hier beinahe alles beim Alten zu lassen. Parteien also nicht aufzulösen, sondern sie zu legitimen Karrierepfaden für Berufspolitiker zu machen, die unserem Gemeinwesen eben nicht nur 2-3 Monate dienen wollen, sondern über längere Zeiträume. – Auf diesem Wege entginge einer Demokratie nicht die Fachexpertise und die personelle Beständigkeit, die einer elektoralen Demokratie eigen ist, die sich auf Parlamente stützt, die sich über Parteien und Wahlen zusammensetzen. Auch in einer aleatorischen Demokratie gibt es Bedarf an einer gewissen personellen Kontinuität. – Zumindest was die Exekutive angeht.

Während die Veränderung bei der Legislative also geradezu „revolutionär“ erscheinen kann, wenn deren Legislaturperiode radikal verkürzt und dafür per Losentscheid besetzt wird, ist der einzige Unterschied hinsichtlich der Exekutive, den man dann vornehmen kann und vielleicht auch müsste, wie folgt:

Parteien bieten dem Volk für bestimmte offene Posten in der Regierung Kandidaten an, die sie jeweils intern für sich vorausgewählt haben (mit welchen Verfahren auch immer). Und wir alle stimmen in Direktwahl über diese, von Parteien für ganz bestimmte Ministerposten aufgestellten Kandidaten ab.

Wir hätten als Gemeinwesen also eine doppelte Kontrolle über Berufspolitiker:

Einmal durch die Direktwahl, bei der wir direkt gemeinsam per Wahlen bestimmen, wer ins Amt kommt.

Und zum anderen zugleich über das Bürgerparlament, das sich per Losverfahren aus „ganz normalen Menschen“ zusammensetzt, und das die Macht hat, von Ministern direkt Rechenschaft zu fordern und sie auch bei Bedenken direkt abzuberufen.

Anders als wir es in unserer derzeitigen elektoralen Demokratie gewohnt sind, hätte das Parlament in diesem System aber nicht einmal eine mittelbare Macht, die Regierung zu bestimmen. Diese Aufgabe übernehmen – am Parlament vorbei – die Parteien und Personen-Direktwahlen. Dafür hat das Bürgerparlament aber das machtvolle Mittel der Abberufung, nach der „Neuwahlen“ nicht ganzer Regierungen, dafür aber für bestimmte Ministerposten erfolgen müssen.

Populistische Wahlversprechen, Koalitionsgeschachere und unproduktive Parteienmachtpolitik, die allesamt einer Demokratie unwürdig sind, fallen so aus dem System. – Im Parlament kann sich vernünftig ausgetauscht und entschieden werden, ohne Rücksicht auf künstlichen Parteiinteressen, dafür mit wechselseitigem Verständnis für die unterschiedlichen unmittelbaren Bürgerinteressen. Ein wechselseitiges Verstehen, das das Losverfahren nicht voraussetzen muss, sondern das sich durch den Austausch im Rahmen des Bürgerparlament überhaupt erst entwickeln kann. Machtkämpfe werden minimiert. Unser ganzes Demokratisches System schaltet durch das veränderte Verfahren um von (kämpferischer) Debatte auf (verstehenden) Dialog. Politik leistet damit das, was sie eigentlich leisten sollte: Sie befriedet die Gesellschaft und sorgt dafür, dass es unter uns keine gesellschaftlichen Verlierer gibt.

In den Direktwahlen von Kandidaten der Parteien für einzelne, neu zu besetzende Ministerämter wird dann eben auch nicht wie für uns gewohnt Politik diskutiert, sondern – viel sinnvoller – die Eignung der Kandidaten für das Amt. Es sind Personenwahlen, keine Wahlen irgendeiner politischen Linie. Denn die legislative Kraft liegt ja beim ausgelosten Bürgerparlament. – Deswegen sind Wahlen in dieser Form und in diesem Fall unproblematisch. Sie befeuern keine politischen Machtkämpfe, die eine demokratische Gesellschaft gar keine Verwendung mehr hat. Solche Machtkämpfe gehören zu einer Kriegerkultur. Also zu Gesellschaftsformen, die üblich waren, bevor wir das Stadium erreicht hatten, in dem wir uns heute befinden: Dem Stadium einer faktisch bestehenden Weltgesellschaft, die kein gesellschaftliches Außen mehr hat.

Wo es aber so eine all-inklusive Gesellschaft gibt wie die heutige, werden institutionalisierte politische Machtkämpfe unproduktiv. Sie schaffen keinen Ausgleich mehr. Und schon gar nicht diejenigen neuen gesellschaftlichen Lösungen (Gesetze), die wir heute brauchen. Daher kann man die hier vorgeschlagene Umstellung auf Bürgerparlamente und Direktwahlen von Partei-positionierten Ministern als Lösung einer politischen Blockade verstehen. Das System, das wir derzeit haben, erzeugt einen fatalen Politikstau, in dem politische Probleme nicht mehr gelöst, sondern nur noch vertagt werden. Geloste Bürgerparlamente und direkt gewählte Minister, die dem Willen der Bürger wirksam verpflichtet sein können, sind ein sehr aussichtsreiches Mittel, genau diesen Stau aufzulösen und endlich echte Demokratie zu ermöglichen.

Und, vielleicht am Wichtigsten: Durch den doppelten Zugriff aller Bürger auf die Regierung via Direktwahlen und Bürgerparlament, das per Losentscheid besetzt ist, sind zudem die Chancen von Lobbyisten, die Regierungspolitik zu bestimmen, minimiert.

Es ist hochwahrscheinlich, dass in einem solchen System Berufspolitiker deutlich mehr Interesse haben können, dem Gemeinwesen zu dienen, als in dem politischen System, das wir derzeit alle gemeinsam mittragen, und das Berufspolitiker massiven Anreizen aussetzt, dem permanenten Ziehen und Zerren aller möglichen Lobbygruppen nachzugeben.

Dabei wird vorausgesetzt, dass das Bürgerparlament, das wichtigster Teil jener Kontrolle unserer Regierungs-Exekutive ist, sich abgeschottet von öffentlicher Beeinflussung trifft. Das heißt: Für die Zeit ihres Parlamentsdienst können die ins Parlament gelosten Bürger keinen anderen Kontakt zur Außenwelt pflegen als den, der in offiziellen und aufgezeichneten Beratungen mit Experten und Betroffenen besteht.

Natürlich ist durchaus denkbar, dass Lobbyisten sich dann auf die Beeinflussung der öffentlichen Meinung verlegen, nachdem die „Politik der Hinterzimmer“ ihnen nun verschlossen bleibt und sie keinerlei physischen Zugang mehr zu den Menschen haben, die die Gesetze machen und verändern.

Aber das darf als deutliche Verbesserung gegenüber dem heutigen Zustand unserer Demokratie gelten.

Auch ist denkbar, dass es Lobbygruppen gelingt, in die vom Parlament vor ihren Beschlussfassungen gehörten Experten „Agenten“ ihrer Interessen einzuschleusen. Hier gilt aber das Parlamentsprinzip wie heute schon vor Gericht: „Audeatur et altera pars“.

D.h. die Verfahren, die dann in einem solchen Bürgerparlament vor Beschlussfassungen üblich sind, garantieren, dass dieser Zugang von Lobbyisten auf die Legislative zumindest nicht exklusiv erfolgt und immer durch gleichrangige andere Sichtweisen ergänzt wird, die den Parlamentariern zugeführt werden.

Das entscheidende Moment, aus dem heraus sich dann der Lobbygruppen-Einfluss auf Demokratische Politik abschwächen dürfte, ist aber ein anderer:

Ausgeloste Parlamentarier mit einer Legislaturperiode von 2-3 Monaten haben schlicht deutlich weniger Eigeninteresse daran, auf Lobbyeinflüsterungen einzugehen, als es Berufspolitiker, die für 4-5 Jahre gewählt sind, haben können.

Der kurze Zeitraum in Verbindung mit der Auslosung stellt sicher, dass dort Menschen entscheiden, die vor allem ihre Lebenserfahrung und ihre ganz persönliche Lebenssituation im Blick behalten können, während sie Entscheidungen für das demokratische Gemeinwesen treffen.

Hier macht es dann endlich Sinn, dass wir sagen, dass in der Demokratie jeder Parlamentarier bei Beschlussfassungen zur Gesetzgebung „nur seinem Gewissen verpflichtet ist.“

Solange es diese Menschen sind, die einzelne Berufspolitiker aus ministerialen Ämtern entlassen können, und solange wir Minister dann per Direktwahl neu bestimmen, dürften sich auch deren Offenheit für Lobbyeinflüsterung in sehr engen Grenzen halten.

Mein Vorschlag für eine Weiterentwicklung unserer Demokratie läuft also darauf hinaus, dass wir zwar Berufsparlamentariertum abschaffen und durch geloste Bürgerparlamente ersetzten, dass wir zugleich aber Berufspolitikertum behalten und diesem Berufspolitikertum einen institutionellen Kontext verschaffen, in dem es den Verlockungen durch Lobbyismus widerstehen und wirksam im Interesse der Allgemeinheit agieren kann.

Das ist derzeit leider nicht der Fall und schafft zunehmende Probleme, die wir immer weniger ignorieren können. Wir halten derzeit an politischen Institutionen fest, die den Zweck demokratischer Politik verfehlen, politische Lösungen zu generieren, bei denen es keine Verlierer in der Bevölkerung gibt.

Soweit mein Vorschlag für eine demokratische(re) Verfassungsreform. – Ich bin gespannt auf Einwände und Weiterentwicklungen dieses Vorschlags.

 

 

 

 

 

Männer/Frauen und das Problem männlicher Gewalt – Ein weiterer Versuch, sich unbeliebt zu machen

Das Männer/Frauen-Thema ist eines, bei dem man sich im öffentlichen Raum leicht unbeliebt machen kann. Zu aufgeladen die Frontstellung; Vorwürfe und Unverständnis sind der Normalfall.

Interessanterweise ist das in persönlichen Gesprächen meist völlig anders: Hier sind Dinge sagbar, die im öffentlichen Raum für Empörung sorgen. – Zumindest sind sie dann sagbar, wenn es sich um machtfreie Räume handelt, in denen also keiner der Gesprächspartner nach dem Gespräch Sanktionierungen für seine Äußerungen befürchten muss.

Warum ist es so schwer, über unsere zunehmend ablebende binäre Geschlechterordnung öffentlich zu sprechen, ohne dass dabei Verletzungen entstehen? Oder genauer: Ohne dass dabei vorhandene Verletzungen berührt werden, so dass die am Gespräch beteiligten Menschen im Grunde ständig „Aua!“ schreien? Nur halt mit anderen Worten. Mensch ist ja erwachsen.

Meine These ist ja: Die traditionelle Geschlechterordnung ist im Kern eine grausame und dauerhafte Verletzung der menschlichen Substanz, und das bei allen Menschen. Wir haben diese verletzende Ordnung geschaffen. Wir dulden sie auch heute noch. Und wir sehen es als „normal“ oder als sogar „erstrebenswert“ an, kleinen Menschen diese Verletzungen systematisch zuzufügen, so dass am Ende Menschen herauskommen, die als „Männer“ und „Frauen“ performen. – In dieser Sichtweise sind „beide“ Geschlechter eigentlich nur eins: Sichtbares, spürbares Narbengewebe.

Der Sinn dieser systematischen Verstümmelung von Menschen hatte sicher mal irgendwas mit Besitzverhältnissen zu tun, mit kontrollierter Vererbung, mit Kontrolle von Sexualität, aber auch damit, dass die Gesellschaften der Vergangenheit dringend „Krieger“ brauchten – und diese in Form von „echten Männern“ heranzüchteten. Menschen, die ihre gesellschaftliche Identität daraus ziehen, dass sie „keine Frauen sind“. Zugehörigkeitsverlust bei „Feminisierung“ garantiert.

Der Preis dieser „Männerzucht“ war u.a. ein dauerhafter Verlust an Selbstempathie und Empathie für Andere bei knapp 50% der Menschheit, mit dem diese Gesellschaften dann leben mussten.

Man formte ein Reservoir an bereitgehaltener Aggressivität für die Selbstbehauptung von Gesellschaften nach außen, lebte mit dieser systematisch herangezüchteten Aggressivität nach innen und versuchte mit ihr irgendwie halbwegs schadensbegrenzend umzugehen. Im Grunde waren da „Kollateralschäden“ immer schon eingerechnet: Männliche Kriminalität, männliche Amokläufe, männlicher Terrorismus, männliches Soziopathentum aus beschädigtem Narzissmus, männliche Süchte, männliches Risikoverhalten, männliches ökonomisches Raubbeutertummännliches Zerbrechen an Leisungsdruck, männliche Selbstmordraten, männliche Gewalt gegen Männer, männliche Gewalt gegen Kinder und Frauen. – Alles als „nicht ungewöhnlich“, sondern als in Kauf genommener Normalfall einer Zurichtung zur Männlichkeit. Als vergesellschaftete Männlichkeit. Als das, was sich Gesellschaften leisteten, weil es wohl oder übel zum Überleben dieser Gesellschaften notwendig war.

Dieser ganze Mist war also möglicherweise sogar mal sinnvoll, eine völlig rationale gesellschaftliche Kalkulation, solange Gesellschaft ein „Außen“ hatte.

Genau das ist aber heute nicht mehr der Fall. Unabhängig davon, ob wir persönlich bereit sind, das anzuerkennen oder ob wir das gut finden, leben wir heute in einer Weltgesellschaft. Das bedeutet, wir sind die ersten Menschen, die in einer Gesellschaft leben, die kein Außen mehr kennt.

Und das bedeutet, dass wir in einer noch nie dagewesenen Situation leben. Einer Situation, in der viele alte „Lösungen“ problematisch werden. Und in der wir für vieles völlig neuartige Lösungen brauchen.

Dass uns das überfordert, ist erwartbar und keine Überraschung.

Psychologisches Unverständnis für die gesellschaftliche Zurichtungsform „Mann“

In dieser „Gesamtsituation“ sind Menschen, die zu „Männern“ herangeformt wurden, heute mit einem überaus bemerkenswerten Phänomen konfrontiert:

Die Gesellschaft fordert von ihnen „empathisches Verhalten“ ein. – Aus der Sicht dieser Menschen ist das wie ein schlechter Witz, den sie leider selber nicht erklären, sondern nur empfinden können. – Sie können ihn deswegen nicht erklären, weil es Teil ihrer „Zurichtung zum Mann“ ist, dass sie sich nicht auf der Höhe ihrer Selbst befinden, sondern sich einen Großsteil ihrer inneren Verbundenheit abgeschnitten und stattdessen konsequent auf Außenorientierung umgestellt haben.

Und das ebenfalls als Reaktion auf einen gesellschaftlichen Imperativ. – Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Erst gehen wir zur Hälfte der Menschheit hin und trainieren ihnen als Kindern sämtliche empathischen Anlagen ab, sowohl Selbstempathie, als auch Mitgefühl mit anderen. Mit drastischen Folgen für diese Menschen. – Und dann gehen wir zu diesen gleichen Menschen hin, wenn sie erwachsen sind, und fordern von ihnen ein deutlich empathischeres Verhalten ein.

In der Psychologie nennt man so etwas normalerweise „double bind“.

Nun sagen viele in dieser Situation: „Na, das kann ja wohl nicht so schwer sein! Zu unterscheiden, wann man empathisch sein sollte und wann man sich seine Empathie wegstecken und auf rücksichtslose Durchsetzung und Selbstbehauptung umschalten sollte! Verstehe ich nicht, was da das Problem sein soll!?“

Solche Äußerungen zeugen tatsächlich von einem gesamtgesellschaftlichen Unverständnis davon, was es heißt „ein Mann zu sein“. – Einem psychologischen Unverständnis.

Auch dieses Unverständnis ist keine große Überraschung, sondern erwartbar: Menschen, die auf „Frau“ getrimmt wurden, können dieses Verständnis nicht haben, weil sie selbst andere Formen von Gewalt erleiden mussten, und eben nicht die Formen von Gewalt, der wir Menschen aussetzen, die auf „Mann“ getrimmt werden. Und Menschen, die diese exklusiv biologischen Männern zugefügte Gewalt erlitten haben, können deswegen kein Verständnis dafür haben, weil es gerade ein zentraler Bestandteil dieser Zurichtung ist, dass mann nicht mehr mitbekommt, was einem da geschieht. Wohlgemerkt: Mann kann es nicht nur nicht nach außen beschreiben, mann hat – bei „gelungener Sozialisierung zum Mann – auch für sich selbst gar keine Sprache mehr dafür. Menschen, die nach Mann aussehen, wird nicht der seelische Mund gestopft, ihnen wird die seelische Zunge amputiert.

Es gibt keine echte „Männerlobby“, weil es die gar nicht geben kann. Das ist Teil der traditionellen Geschlechterordnung. Dass, was wir als Männerbünde, Kumpaneien und patriachalisches Herrschaftssystem kennen, hat mit Empathie für Menschen mit primären männlichen Geschlechtsorganen rein gar nichts zu tun.

Gemachte „Männer“ sind in Empathie mit anderen Menschen exakt gleich schlecht aufgestellt wie mit Selbst-Empathie. Psychologisch wäre alles andere auch eine große Überraschung, weil Selbst-Empathie und Ander-Empathie immer Hand in Hand gehen. Ihr Niveau ist immer exakt gleich hoch, nur drücken sich beide Seiten nicht immer im Verhalten gleich deutlich aus.

Denn gerade gesellschaftlich gemachte „Weiblichkeit“ besteht im Kern aus genau dieser Zurichtung: Zwar ein innerlich hohes Gesamtniveau an Empathie zu kultivieren und bereitzuhalten, aber im äußeren Handeln nur Ander-Empathie auszudrücken, aber keinerlei Selbst-Empathie. („Sei immer für andere da“, o.ä.).

Der vermeintliche „männliche Egoismus“, der so häufig beschrieben und auch beklagt wird, erscheint daher nur aus einer traditionell zugerichtet weiblichen Sicht als solcher. Schaut man sich näher an, wie die innere Ordnung von traditionell zugerichteten Männern tatsächlich aussieht, wird man kaum auf die Idee kommen, klassisches männliches Verhalten als genau die Selbst-Empathie zu interpretieren, die Frauen in der traditionellen Geschlechterordnung verboten wird zu leben.

Kommt es in dieser Ausgangslage zur ebenfalls klassischen Aufforderung zugerichteter Frauen an zugerichtete Männer: „Interessiert Euch doch mal dafür, wie wir uns fühlen! Hey, wie wär’s mit etwas Empathie!? Und mit konsequentem Handeln aus einer solchen Empathie heraus!“,  dann müssten diese traditionell zugerichteten Männer eigentlich antworten:

„Öhmm, äh…, wir verstehen eigentlich gerade nicht wirklich, was Ihr eigentlich von uns wollt? – Wir sind doch exakt gleich unempathisch mit Euch wie wir es mit uns selber sind! – Wir dachten, das wäre das, worum es geht und wie man zu sein hat, wenn man eben ein „Mann“ ist? Ist das jetzt anders oder wie? Ähhhhhh…“

Aber Unklarheit und Verwirrung zu äußern ist eben auch in der traditionellen Geschlechterordnung: unmännlich. Ein echter Mann weiß immer, was Sache ist. Ein echter Mann weiß immer, wo es lang geht. Ein echter Mann ist nie verwirrt. Er hat Ahnung zu haben.

Der große Irrtum unserer derzeitigen öffentlichen Diskurse über Männer und Frauen besteht darin, dass sie annehmen, „Männer sind halt einfach so“. Und nicht: Menschen, die biologisch männlichen Geschlechts sind wurde ihr ganzes Heranwachsen über klar gemacht, dass sie so zu sein haben, damit sie ernst genommen werden, damit sie dazu gehören und damit sie nicht ständig auf die Fresse bekommen. Von allen.

Unser anti-sexistischer Diskurs über Männer ist traditionell sexistisch. Er reproduziert exakt die Geschlecherordnung, die er eigentlich überwinden will.

Empathie für die Arschlöcher, die wir geschaffen haben, Empathie für die Arschlöcher, die wir selber sind

Revolutionär und progressiv wäre hingegen wäre Empathie für den Menschen, der irgenwo auch noch im arschlochhaftesten Mann steckt. Also für Menschen, die ihrerseits weder Empathie für andere zeigen, noch für sich selber. Die in abstraktem, außenfixierten Leistungs- und Performance-Denken feststecken. Die aus Angst vor Demütigung das „Höher, Schneller, Weiter“ so sehr internalisiert haben, dass sie jeden Tag nicht nur im übertragenen Sinn über Leichen gehen.

Aber dazu müssten wir uns wahrscheinlich einmal tiefergehender darüber miteinander unterhalten, was eigentlich „Empathie“ ist. Und warum sie für alle Menschen so wichtig ist, unabhängig davon was sie selber zu glauben gelernt haben.

Vielleicht können wir, wenn wir wirkliche gesellschaftliche Fortschritte wollen, bei den Menschen anfangen, bei denen das Empathiedefizit in beide Richtungen am offensichtlichsten ist: Bei Soldaten, Polizisten, die täglich mit Gewalt umgehen müssen und genau dafür trainiert werden; bei knallharten Managern, Direktoren und anderen Berufspolitkern, die „schmerzbefreit“ agieren; bei Berufspolitikern und Schauspielern, die wir in gesellschaftliche Haifischbecken werfen, in denen man zerfleischt wird, wenn man nicht selbst zum Hai wird. – All diese Menschen werden, wenn wir über Empathie sprechen, von uns als Gesellschaft im Grunde allein gelassen. So beliebt, berühmt, mächtig und gesellschaftlich umtriebig diese Menschen sein mögen: Sie sind faktisch die einsamsten Menschen der Welt. Sie können in der Regel keinerlei Nähe mehr zulassen. Und das selbst dann, wenn sie sich „zum Ausgleich“ mit irgendeinem zugerichteten, vermeintlichen Superempathen umgeben, der dann in Wirklichkeit eben gar keiner ist, sondern ein Mensch mit Helferkomplex, dessen eigenen Empathiefähigkeiten sich ebenfalls auf einem absoluten Nullpunkt befinden.

Man erinnert sich: Selbst- und Eigenempathie gehen immer Hand in Hand. Und es kann Empathieverhalten sein, anderen ihr unempathisches Verhalten so deutlich zu spiegeln, dass selbst sie anfangen zu bemerken, was sie sich selbst und anderen antun.

Das Problem dabei: Das funktioniert nur auf der Basis einer ganz offensichtlich wohlwollenden Haltung, die gleichzeitig auch noch selbstempathisch sein muss.

Damit unsere Gesellschaft einen Schritt weiterkommt, bräuchte sie Orte, an denen Menschen heranwachsen, die in Sachen Empathie selber so gut genährt sind, dass sie ohne Selbstschädigung auf die gewordenen Arschlöcher dieser Erde zugehen können und diese spüren lassen können, was bei ihnen eigentlich Sache ist.

Ich kenne bisher nur ein paar wenige Ausnahmetalente, die das können. Und das ist das eigentliche Armutszeugnis unserer Gesellschaft: Unser Empathieniveau ist unterirdisch. Trigger für Selbstverletzung und Verletzung anderer sind dagegen allgegenwärtig.

Natürlich kann man darauf mit unendlichen Therapieangeboten reagieren. – Schaltet man aber die institutionellen Trigger (Konkurrenz, Bedrohung, Demütigung, strukturelle Gewalt) nicht gleichzeitig aus, und setzt man die Zurichtung von Menschen zu „Männern und Frauen“ fort, bekommen diese Therapieangeboten etwas Lächerliches, wenn nicht sogar Zynisches.

Von den (Selbst-)Empathiefähigkeiten vieler Therapeuten schweige ich mal. Denn auch die müssen diese Fähigkeiten irgendwoher haben und durch die weiblich/männlich-Zurichtungen unserer Gesellschaft irgendwie halbwegs gut durchgekommen sein, um das leisten zu können, wovon ich hier spreche. Wer keine Empathie bekommt, kann keine geben.

Wir schaffen die Probleme selbst und richten es uns mit ihnen ein, anstatt an die Wurzel zu gehen und sie gar nicht erst herzustellen.

Man darf mich gern für einen „Idealisten“ oder „Träumer“ halten. In meiner eigenen Wahrnehmung bin ich Realist. Ich nehme wahr, dass es doch tatsächlich möglich ist, dass Menschen gewaltfrei miteinander umgehen. Auf einer täglichen Basis. Als selbstverständliche Normalität. Und dass Menschen dann all die Karrotten und Stöcke gar nicht mehr brauchen, an die wir uns gewöhnt haben. Dass wir Interessenkonflikte dann in Bedürfniskonflikte und innovative Strategien auflösen, bei denen alle Seiten das bekommen, was sie wirklich wollen.

Dass also eine menschliche Gesellschaft doch tatsächlich möglich ist, in der gewaltinduzierte Dissoziation von eigenen Gefühlen und Bedürfnissen die absolute Ausnahme ist. Eine Ausnahme, um die sich die dann vielen, die mehr Glück hatten, liebevoll, zugewandt und entschieden kümmern können. Weil (selbst-)empathisches Verhalten und wechselseitige Fürsorge der Normalfall ist. Mensch mag es kaum glauben.

Unsere Bilder davon, was für uns zählt

Was mir Hoffnung macht, ist ein Bewusstseinswandel, den ich wahrzunehmen glaube. Er ist langsam. Und er mag Jahrzehnte, ja vielleicht Jahrhunderte brauchen, um sich soweit zu vollziehen, dass Menschen in unserer Weltgesellschaft zuverlässig gehört und ernstgenommen werden, „obwohl sie eine echte Frau sind“ oder „obwohl sie ein Mann sind, der sich aber gar nicht wie ein echter Mann benimmt“. Dass Menschen Einfluss haben, nicht nur obwohl, sondern weil sie einen guten Zugang zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen haben. Dass diese menschlichen Gefühle und Bedürfnisse politisch relevante Größen sind und nicht als „irrational“ oder „unprofessionell“ abgetan werden. Dass sie nicht als „Befindlichkeiten“ oder „vorübergehende Stimmungen“ bagatellisiert werden. Dass die Verletzlichkeit von Menschen nicht mehr als Makel gesehen wird, sondern als unsere gemeinsame menschliche Würde, die wir alle gemeinsam zu schützen versuchen. Wir haben nur uns auf diesem Planeten.

Dieser Wandel ist derzeit nur in geringfügigen Mengen nachweisbar. Z.B. in folgendem Film-Statement, das vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Es findet sich in „Die Erfindung der Wahrheit“ (Englischer Titel: „Miss Sloane“), einem Film im Hollywood-Look.

Dessen zentrale Heldinnenfigur, Elizabeth Sloane, ist als erfolgreiche Lobbyistin die ungeschlagene Meisterin in dieser Disziplin. Sie geht als Teil eines strategischen Schachzugs ins Gefängnis. Vorher hat sie alle Männer des Films in einem „typisch männlichen“ Gewinnen-ist-alles-Spiel an Skrupellosigkeit übertroffen, ihnen mächtig in den Hintern getreten und damit den Schneid abgekauft. Auch ihr triumphaler Gang ins Gefängnis ist als „mannhafte“ Selbstaufopferung ein klassisch männliches Attribut. Klassisch weiblich wäre heimlich, still und leise gewesen.

Diese „Miss Sloane“ lassen die ausnahmslos männlichen Produzenten jenes Films am Ende im Gefängnis im Gespräch mit ihrem kopfschüttelnden Anwalt Folgendes sagen:

„Knast ist okay, wenn man keinen Penis hat. Wir stechen uns nicht ab. Wir bilden Selbsthilfegruppen. Wir haben einen Schwarzmarkt für Lipgloss.“

Des Weiteren sagt Miss Sloane im gleichen Gespräch mit ihrem Anwalt, der sie fragt, „ob das ihre Karriere wert war“:

„Karriereselbstmord ist nicht so übel, angesichts der Alternative Selbstmord durch Karriere. Mein Arzt würde sagen: Ich habe mir einen großen Gefallen getan.“

Vielleicht kann mensch nach den Ausführungen dieses Artikels weiter oben nachvollziehen, warum mir diese wenigen Filmzitate mehr Mut für eine gewaltfreie Zukunft machen als alle Wonder-Woman-Spektakel zusammen. Und das, obwohl mann im Fall dieser Superheldinnen-Geschichte mal mit viel Getöse einer Frau die unmittelbare Kontrolle über Unmengen an Produktionsmitteln gegeben hat.

Empathie als Währung

In einigen Artikeln zu #NewPay wurde ja behauptet, Zeit sei die neue Währung der Arbeitswelt. Oder zumindest eine gute Währung für eine neue Arbeitswelt. Siehe z.B. hier und hier. – Ich möchte an dieser Stelle mal dagegenhalten und behaupten: Empathie wäre eine deutlich bessere Währung.

Einer der größten Skandale unseres heutigen Wirtschaftssystems ist unsere Bereitschaft, die Empathiebereitschaft von Menschen auszubeuten, die im weitesten Sinne „care-Arbeit“ leisten. Dazu gehören auch und vor allem: Gute Führungskräfte.

Diese Menschen sind von sich aus bereit, „sich zu kümmern“, Interesse zu zeigen, auf Befindlichkeiten einzugehen, wo es möglich ist, und mit den Enttäuschungen umzugehen, wo es nicht möglich ist. Sie sind bereit, die Arbeit zu leisten, die darin besteht, ständig zu differenzieren: Zwischen den unterschiedlichen Menschen, mit denen sie arbeiten. Das ist – so darf ich sagen – Schwerstarbeit. Denn unser Hirn ist so konstruiert, dass es sich ständig „Boxes“, zu deutsch: Klischees konstruiert. Das ist ökonomisch. Und Ökonomie ist nicht nur das Prinzip unserer Wirtschaft, sondern auch das Prinzip unserer Hirntätigkeiten.

Menschen nehmen es einem aber übel, wenn man sie nicht in ihrer Individualität und Besonderheit wahrnimmt. Wenn man nicht sieht, was sie selber können. Wenn man nicht sieht, wann sie Unterstützung brauchen. Wenn man ihre Besonderheit bewertet. Sogar wenn das aus reiner Zeitknappheit, aus eigenem Stress und unabsichtlich geschieht. – Das hat Folgen. Für alle Arbeitszusammenhänge.

Menschen, die hier auf eigene Rechnung dagegenhalten, egal in welcher Rolle, leisten die wichtigste Arbeit, die es in Sozialen Systemen zu tun gibt. – Doch das Problem ist: Sie leisten sie heute auf eigene Rechnung. Sie werden dafür nicht bezahlt. Sie werden dafür nicht belohnt. – Unsere sozialen Systeme sind in dieser Hinsicht völlig parasitär aufgestellt: Sie zehren von der individuellen Empathiebereitschaft einzelner „Helden der Arbeit“, die aus eigenem Antrieb die systemischen Verwerfungen vermitteln und abschwächen, die sonst in ihren ganzen katastrophen Auswirkungen auf alle Beteiligten durchschlagen.

Wer jemals einen guten Kollegen/Chef/Hauptkunden/Dienstleister/Lehrer/Arzt/etc. hatte, der dann plötzlich weg war und durch einen weniger empathischen Zeitgenossen ersetzt wurde, weiß unmittelbar, wovon ich hier spreche.

Wir haben ein System der Empathieausbeutung geschaffen und dulden, dass es fortbesteht.

Nun könnte man sagen: Ja, aber zumindest, was Chefs angeht, werden die doch sehr gut bezahlt! – Zumindest besser bezahlt, als diejenigen Menschen, die sie „führen“ sollen.

Darauf möchte ich zwei Dinge erwidern:

1.) In wie vielen % der heutigen Unternehmen ist es der Fall, dass das Gehalt von Führungskräften, Managern und CEOs davon abhängt, wie empathisch sie sich im Arbeitsalltag verhalten? – Ich möchte behaupten: Es gibt hier in 99% der Unternehmen keinerlei Zusammenhang. Und wenn doch, dann dürfte er negativ sein.

Das heißt im Klartext: Menschen in solchen Positionen werden gerade nicht für Empathie-Verhalten entlohnt. Sondern schlicht dafür, dass sie die Position bekleiden. Unabhängig davon, wie empathisch sie diese ihre momentane Rolle interpretieren.

Wer als Chef empathisch ist, ist es – wie gesagt – auf eigene Rechnung.

2.) Und selbst wenn wir Chefs deutlich besser bezahlen würden, die vor allem in ihrer „Empathieperformance“ (wenn denn so ein Ausdruck irgend Sinn macht) besser sind: Ist das wirklich die Art von Entlohnung, die gerade solche Menschen haben wollen?

Auch hier möchte ich eine dreiste Behauptung aufstellen: Nein. Das ist nicht das, was diese Menschen brauchen und wollen. Sie wollen zwar – wie alle Menschen – anständig bezahlt werden. Betrachten Geld also als Hygiene-Faktor. Aber was eigentlich nicht stimmt, ist die persönliche Empathie-Bilanz solcher Menschen.

Sie geben Empathie, aber sie bekommen keine. – Natürlich gibt es „gottähnliche“ Superhelden in der Arbeitswelt, die das über Jahre, sogar Jahrzehnte durchhalten. Aber den meisten Menschen von diesem Kaliber, die ich kennenlernen durfte, geht es persönlich schlecht. Sie jammern oft nicht mal rum. Sie sind es einfach schon gewohnt, Empathie zu geben ohne Empathie zu bekommen.

Wir haben Anti-Anreize für Empathieverhalten in unseren sozialen Systemen, vor allem in der Arbeitswelt, die von einzelnen, stark intrinsisch motivierten Menschen so gut es eben geht ausgebügelt werden.

Im großen und ganzen ist unsere Arbeitswelt eine „Arschlochisierungs-Maschine“, die Menschen systematisch zu unempathischen Verhalten erzieht.

Menschen, die die Probleme auffangen, die daraus für uns alle entstehen, werden für ihre Eigeninitiative auf diesem Gebiet bestraft. Und das, obwohl uns diese ganzen Läden genau in den Momenten um die Ohren fliegen, in denen diese Menschen ausfallen.

Klug ist anders. Kluge Systeme sind anders gebaut.

Empathie wie Geld: Hygienebedingung für gutes Unternehmertum

Nun haben ja Worte wie „Empathiebilanz“ und „Empathieperformance“ einen eher komischen, wenn nicht schrecklichen Klang für die meisten von uns. Und das sicher nicht ohne Grund.

Das weist darauf hin, dass mit meiner Forderung „Empathie als Währung“ irgendetwas problematisch ist: Wie soll denn da „die Bezahlung“ aussehen? Wie die Prozesse? Wie die Systeme? Wie soll man denn sowas institutionalisieren? – Noch im ersten Augenhöhe-Film kann man ja eine Protagonistin des Films behaupten hören (eine Mitarbeiterin von Systelios), dass eben das leider nicht ginge.

Aber ist das wirklich ein so ganz andersartiges Problem wie beim Thema Bezahlung von Geld? – Auch hier stellen wir seit Jahrzehnten fest, dass „Geld als Anreiz“ eben nicht funktioniert. Dass uns das als Menschen nur extrem kurzfristig motivieren kan. Dass es also gar nicht um „Be-Lohnung“ gehen kann bei der Bezahlung, sondern höchstens um „Ent-Lohnung“. Nicht ganz unähnlich wie beim Ehrenamt, wo wir von „Aufwandsentschädigung“ sprechen. Im Gegensatz zur „Arbeit“ zahlen wir im Ehrenamt Geld nicht mit dem Anspruch, dass jemand von diesen ehrenamtlichen Einkünften auch seine finanziellen Bedürfnisse vollständig befriedigen kann. – Dieser Anspruch an „Arbeit“ ist eine ganz eigene Diskussion wert, die ich hier nicht weiterverfolgen will. Er würde mitten hinein in „das Wesen von Arbeit“ führen. Oder pragmatischer: In eine Diskussion, was wir heute alles als Arbeit gelten lassen wollen. Und inwieweit das etwas mit Bezahlung durch: Zeit, Geld, Empathie zu tun hat. Oder nicht. „Und wenn ja, wie viel“…

Wenn Geld also ein Hygienefaktor ist, dem Unternehmen gerecht werden müssen, dann können wir genauso gut sagen, dass Empathie ein Hygienefaktor ist. – Und dass dieser Hygienefaktor in den allermeisten Unternehmen nicht mal ansatzweise erfüllt ist.

Das Bezahlungsniveau in Geld mag in vielen Unternehmen ganz in Ordnung sein. In manchen mehr, in manchen weniger. In manchen ist es fantastisch hoch. In manchen ist es katastrophal niedrig. In manchen Unternehmen gibt es beides gleichzeitig, nur für unterschiedliche Rollen.

Aber das Empathieniveau in Unternehmen ist flächendeckend katastrophal niedrig.

Und hier springen eben Menschen ein, die aus eigenem Antrieb „mit anderen empathisch sind“: Mit Kunden, mit Kollegen, mit Mitarbeitern, mit Dienstleistern, mit Investoren, mit Nachbarn des Unternehmens.

Alle diese Menschen werden heute von uns empathisch ausgebeutet, auch wenn sie nicht zwingend alle finanziell ausgebeutet werden.

Zwar ist das Gehaltsniveau in Care-Berufen tatsächlich skandalös niedrig, eben weil Menschen bereit sind, solche Arbeit zu machen, ohne dass man ihnen „Schmerzensgeld“ dafür zahlt. Weil sie das als unmittelbar sinnvoll erleben. Weil sie sich durch den Sinn, den sie sich selber schaffen in ihrer Arbeit, selbst bezahlt fühlen. – Doch es gibt viele heimliche Care-Rollen, die durchaus besser bezahlt werden. Und in diesen beruflichen Rollen geht es den Menschen, die ich kenne, keineswegs besser, nur weil ihre Bezahlung besser ist.

Ich bitte darum, das nicht misszuverstehen: Das hier soll keine Argumentation dafür werden, unsere arschlochhaft niedrige finanzielle Ausstattung des gesamten sozialen Sektors beizubehalten. Wenn es nach mir geht, bezahlen wir Altenpfleger, Erzieher, Lehrer, etc. besser als die anderen Rollen in unserer Arbeitswelt.

Aber ich möchte darauf hinweisen, dass diejenigen, die sich „auf Arbeit“ unmittelbar um Menschen kümmern, an erster Stelle eine Ausstattung brauchen, die mit ihnen selbst empathisch ist. – Das erscheint mir sogar noch dringlicher.

Ich wette beispielsweise, dass wenn wir eine Umfrage machen, ob es Altenpflegern wichtiger ist, deutlich mehr Geld für ihre Arbeit zu bekommen, oder eben Arbeitsbedinungen, Ressourcen und Unterstützung, die ihnen ermöglichen, ihre Arbeit an Menschen als sinnvoll und nicht erschöpfend zu erleben, sich eine überwältigende Mehrheit von Menschen für sinnvoller Bedingungen entscheiden würden. Und nicht für die bessere Bezahlung.

Das wäre für mich Empathie. Empathie als Währung im Arbeitsleben.

Wie gesagt hätte ich persönlich gern beides: Wer sich wirklich täglich um andere kümmert, verdient mehr als jemand, der sich um anderes kümmert als unmittelbar um Menschen. Weil unmittelbar Arbeit mit Menschen so ziemlich das anstrengendste ist, das es heute gibt.

Aber noch wichtiger wäre mir „Empathie als Währung“: Dass wir als Gesellschaft wahrnehmen, was Menschen brauchen, die unmittelbar für andere Menschen da sein müssen, sollen und wollen.

Und ja: Ich habe Sorge, dass das systematisch finanziellen Automatisierungsdruck erzeugt in einem Bereich, wo wir besser nicht automatisieren.

Aber die Frage ist eben auch, ob „Ökonomie“ in allen unseren Lebensbereichen das passendste Prinzip ist, um Dinge zu entscheiden.

Wir haben das jetzt ein paar Jahrzehnte lang gemacht. Ich finde: Die Ergebnisse sprechen für sich.

 

 

 

Bewerben ohne Entfremdung

Dieser Artikel ist Ergebnis einer Twitter-Miniumfrage: https://twitter.com/ardalanai/status/926142718333673472

Ich werde meine am Ende ziemlich praktischen Vorschläge und Empfehlungen zum Thema nicht-entfremdetes Bewerben etwas arg philosophisch einleiten und hoffe, das man mir das verzeiht. Der Grund, warum ich das tue, besteht darin, dass ich sicherstellen möchte, dass wir über das Gleiche sprechen. Denn das Thema Bewerben ist bereits so voller Missverständnisse, dass es es nicht nötig hat, dass ich ihm noch weitere neue Missverständnisse hinzufüge.

Was ist überhaupt „Entfremdung“ beim Bewerben und woher rührt sie?

Wie wahrscheinlich einigen bekannt, die das hier lesen, habe ich die letzten Jahre einen nicht ganz kleinen Teil meines Lebensunterhalts mit Bewerbungscoachings bestritten. Macht man das so lange und so intensiv wie ich, wird man mit der Zeit feststellen, dass im Grunde alles gegen das Zustandekommen glücklicher Arbeitsehen zwischen Menschen und Unternehmen arbeitet:

  • Das Mindset in den meisten Unternehmen, wenn es zum „Recruiting“ kommt
  • Das Mindset von Personalvermittlern und Headhuntern
  • Das Mindset von Bewerbungscoaches und von Leuten, die Bewerbungstipps in Büchern und im Internet veröffentlichen
  • Das Mindset von Arbeitsvermittlern in Arbeitsagentur und Jobcentern
  • Das Mindset von Freunden, Verwandten und Lebenspartnern
  • Und nicht zuletzt das Mindset von „arbeitssuchenden“ Menschen selbst

Im Coaching kann ich dezidiert die ersten 5 Punkte nicht beeinflussen, sondern muss mit meinen Kunden so arbeiten, dass sie mit der Arbeitswelt, wie sie sich in ihren vielen Facetten und Unterschieden darstellt, gut klarkommen. Mein Auftrag ist es, dass ich einen Beitrag dazu leiste, dass es für meine Kunden in ihrem Berufsleben gut weitergeht (idealerweise: ein winziges Stück besser als es ihnen ergangen wäre, ohne mich abbekommen zu haben).

Mein Thema ist also bedingt durch meine berufliche Tätigkeit das Mindset von Bewerbern. – Wobei es über das Mindset aller anderen „Stakeholder“, die in Bewerbungsprozesse involviert sind, exakt ähnlich viel zu sagen gäbe. Denn deren Mindset und Situation stützen wie gesagt ebenfalls kaum das Zustandekommen glücklicher Arbeitsehen: Beruflicher Partnerschaften, die als dauerhafter win-win beschrieben werden können.

Wenn ich in diesem Kontext nun „Entfremdung“ beim Bewerben definiere, so kann man sagen: Bei den allermeisten der vielen Menschen, die mir in Bewerbungssituationen begegnet sind, kommt es zu einer Selbstentfremdung. Diese Selbstentfremdung hat als unvermeidliche Konsequenz eine Entfremdung vom eigenen Arbeitsleben, von den eigenen Tätigkeiten und dann eben auch von dem Unternehmen, für das diese Menschen tätig werden. Das bedeutet: Die Entfremdungsprozesse, die wir häufig in Unternehmen wahrnehmen können, beginnen eben nicht erst, wenn Menschen in eine Unternehmung eingetreten sind, an ihr aktiv teilnehmen und dort einiges abbekommen haben. Sondern diese Entfremdung beginnt bereits zeitlich früher: Bevor die Menschen überhaupt den allerersten echten Kontakt mit dem Unternehmen hatten.

Entfremdung im Arbeitskontext lässt sich kaum sinnvoll beschreiben, wenn wir nicht die Selbstentfremdung auf dem Schirm haben, die sich bei den allermeisten Menschen bereits vor und bei ihren Bewerbungen ereignet.

Was soll das aber nun eigentlich heißen: „Selbstentfremdung“?

Die Prozesse der Selbstentfremdung sind sehr vielschichtig und auch verschiedenartig bei verschiedenen Menschen, weswegen ich sie hier verkürzt wiedergebe und nicht in der ganzen Bandbreite, die ich in meinen Coachings täglich erlebe:

Menschen machen sowohl in der Beobachtung und den Schilderungen anderer, als auch im eigenen Erleben die Erfahrung, dass sie ganz bestimmte und sehr individuelle Gegebenheiten brauchen, um

a) sich bei der Arbeit und im Unternehmen wohlzufühlen.

b) dauerhaft motiviert bleiben zu können.

c) im weitesten Sinne „erfolgreich“ sein zu können.

Man könnte hier von „arbeitsbezogenen, individuellen menschlichen Bedürfnissen“ sprechen.

Das Wissen von Menschen über das, was sie für a), b) und c) brauchen, wächst mit dem Lebensalter, mit den Erfahrungen, die Menschen in Unternehmen machen, automatisch und unvermeidlich an.

Es ist dabei durchaus nicht so, dass Berufsanfänger keinerlei Wissen darüber haben, nur ist es in der Regel einfach geringer als das Wissen von Menschen, die bereits ein, zwei „Jobs“ hatten und sich in mehreren Unternehmen oder Abteilungen kennenlernen konnten. Das implizite Wissen von Berufsanfängern stammt meistens von dem, was bei den Eltern und anderen Erwachsenen erlebt wurde, oder was man von Gleichaltrigen mitbekommen hat, die sich schon eine Weile im Arbeitsleben bewegen.

Egal, woher es stammt: Das Wissen darum, was man braucht, damit eine Arbeit und eine Arbeitsumgebung für einen „gut“ ist, setzt sich um in Kriterien, was man von einem Unternehmen fordern muss, damit eine gute Arbeitsbeziehung zu stande kommen kann.

Diese Kriterien mögen unzutreffend sein. Eben z.B. weil jemand sich selbst noch nicht ganz so gut kennenlernen konnte. Oder weil er sich von seinem Umfeld oder aus den Medien hat Kriterien einreden lassen, die doch nicht ganz seine eigenen sind. – Aber sie sind ausnahmslos bei jedem Menschen, der sich bewirbt, vorhanden. Ich denke, ich darf das so sagen, weil ich jetzt schon seit Jahren bei hunderten von Menschen ihre aktuellen Kriterien gemeinsam mit ihnen erhoben habe. Und nie sind wir da in eine Leere oder völlige Offenheit getappt. Immer war da viel. Jeder Mensch hat innerliche Kriterien dafür, was „eine gute Arbeit“ für ihn ist.

Auch Unternehmen haben bekanntlich ihre Kriterien – Mit denen sie sehr offen umgehen. Z.B. im Fall einer schriftlich verfassten „Job offer“. Da stehen dann unter Rubriken  „Erwartungen“ oder „Der Ideale Kandidat hat“ Dinge wie: „so und so viele Jahre Erfahung, diese oder jene Ausbildung, Qualifikation, IT-Kenntnisse, Wissen über, Fähigkeit zu, Sprachkenntnisse, Social Skills, etc. etc.“. Oder in Vorstellungsgesprächen: Da wird knallhart nachgefragt, gebohrt und geforscht, dass man sich aber ja auch nichts schlechtes „ins Haus hole“. Insbesondere manche Personaler rechtfertigen ihr Dasein im Unternehmen dadurch, dass sie aus wechselseitigen Kennenlernprozessen auf Augenhöhe eine Art Jury-Situation machen: „Deutschland sucht den Super-Bewerber“ (DSDSB). Das kann sich dann manchmal wie das Verhör in einem Kriminalfilm anfühlen. Performativ kommunizieren Unternehmens-Vertreter Dinge wie: „WIR stellen hier die Fragen!“ Oder: „Reden Sie nur, wenn Sie gefragt werden!“

Es ist so als würden Unternehmen potentiellen Bewerbern ein Bild hinhalten mit der Frage, ob sie das als Spiegelbild empfinden, ob sie sich in diesem vom Unternehmen vorgezeichneten Bild wiederfinden. Auch das Wort „Stelle“ suggeriert ähnliches: Als ob es beim Bewerben um eine Maschine ginge, der gerade ein ganz bestimmtes Rädchen fehlt. Und man bewirbt sich als Mensch darum, dieses ganz bestimmte, vordefinierte Rädchen in der großen Unternehmensmaschine sein zu dürfen. – So gut angepasst eingepasst, dass die Maschine nach dem Einsetzen in die Stelle vollkommen reibungslos läuft.

Randbemerkung: Ob das, was da an Kriterien kommuniziert wird von Unternehmen, wirklich das ist, was die wahren Bedürfnisse des Unternehmens sind an dieser Stelle, das sei mal dahingestellt. Damit das so ist, wären relativ aufwändige Klärungs-, Analyse- und Versprachlichungsprozesse notwendig. Und beim Aufwand wird in Unternehmen sehr gerne gespart…  Ökonomie und so. Qualität hat meist ihren Preis. Und das ist eben bei der Qualität von Kommunikation nicht anders.

Vielen Bewerbern ist das nicht bewusst. Oder wenn sie es doch eigentlich wissen, vergessen sie es in just dem Moment, in dem sie sich zu bewerben beginnen. Rein operativ halten sie das, was Unternehmen sagen, dass sie es brauchen und wollen für das, was die Unternehmen wirklich brauchen und wollen. – Dem wäre tatsächlich so, wenn Unternehmen einen Riesenaufwand in ihre job descriptions stecken würden, wenn Unternehmen jedes mal aufwändig individuell erheben würden, was sie hier und jetzt gerade wirklich brauchen. Wenn Unternehmen beim Verfassen von Jobangeboten auf den Gebrauch von vorformulierten Templates vollkommen verzichten würden. – Fragen Sie sich ruhig mal, wie häufig das wohl der Fall ist…

Wenn Bewerber daher ihre Bewerbungen so erstellen, dass sie einfach „kommunizierte Unternehmenskriterien abhaken“, hat das unter den realen Bedingungen in den meisten Unternehmen zuverlässig den Effekt, dass sie als Bewerber einige Dinge viel wichtiger nehmen, als sie dem Unternehmen wirklich sind. Und das sie über andere Dinge gar nicht sprechen, die für das Unternehmen verdammt interessant wären, würde es diese Dinge denn überhaupt zu hören bekommen. Es sind also häufig gerade die Jobangebote der Unternehmen und die hinter den Jobangeboten liegenden Schmalspurerhebungsprozesse, die für die Unternehmen zu sehr uninteressanten Bewerbungen führen. – Aber das alles wie gesagt nur am Rande.

Uns geht es ja um das Entstehen von Entfremdung auf Bewerberseite. Wir haben also nun Menschen, die eigentlich wissen, was sie eben über sich wissen, dass sie es brauchen: Aus eigener Erfahrung und aus Wahrnehmung und Schilderungen anderer Menschen. Wir haben Menschen, die individuelle Kriterien haben, was sie von Unternehmen brauchen, dass es für sie persönlich „ein guter Job“ ist.

Wenn man nun annimmt, dass Menschen mit ihren Kriterien ähnlich offen umgehen würde, wie Unternehmen das tun – was ja rein technisch durchaus möglich wäre – so kommt man wahrscheinlich grade von einem anderen Planeten.

In der realen Welt des Bewerbens schneiden sich die meisten Bewerber eher die Zunge ab oder fesseln sich die Tipphand auf den Rücken, als dass sie über ihre ihnen selbst bekannten Anforderungen an einen guten Job offen kommunizieren würden.

Rein technisch gesehen, ist dieses Verhalten höchst unzweckmäßig und geradezu kontraintuitiv: Wir würden eine eheähnliche Beziehung im Privaten ja auch kaum so angehen, dass wir bei der Partnersuche alle unsere Erwartungen an einen für uns passenden Partner eben mal systematisch in die Tonne treten.

Es ist also aus einer abstrakten, bewerbungstheoretischen Perspektive durchaus erklärungsbedürftig, warum Bewerber ihre ihnen bekannten Kriterien für einen guten Job weder schriftlich („in ihren Bewerbungsunterlagen“), noch mündlich („in Vorstellungsgesprächen“) gegenüber ihrem möglichen neuen Arbeitspartner offenlegen.

Die Erklärung dafür tritt in indviduell vielschichtigen Formen auf („ich bin zu alt, zu jung, mir fehlt da diese Erfahrung und jene formelle Qualifikation, dieses Wissen und jene Fähigkeit, etc.“). Sie lässt sich aber in eine Formel zusammenfassen: Der Grund, warum Bewerber ihre Erwartungen an einen guten Job systematisch vor ihren zukünftigen Arbeitspartnern verbergen, liegt in einer von ihnen von vornherein angenommenen Machtasymmetrie zwischen ihnen selbst und dem Unternehmen, bei dem sie sich bewerben.

Übrigens auch in absurden Fällen. Sehr lebendig im Gedächtnis geblieben ist mir z.B. der Fall eines 49-jährigen Mannes, der unmittelbar vor, während und unmittelbar nach meinem Coaching ca. 12 Vorstellungsgespräche hatte, aber rein subjektiv das Gefühl hatte, er müsse „annehmen, was er nur kriegen könne“. Der äußerliche Grund für diese in seiner Situation beinahe komische Einschätzung war in seinem Fall medialer Herkunft: Er hatte mehrere TV-Sendungen gesehen, die das Bild malten, dass es ab einem Alter von 50 Jahren grundsätzlich schwer sei, überhaupt irgendeine Arbeit zu finden. Von der Qualität dieser Arbeit mal ganz zu schweigen. Diese Sendungen waren für diesen meinen Kunden so beeindruckend, dass er es schaffte, über diese pauschale Einschätzung seine individuelle Situation und das überaus beruhigende Realitätsfeedback, das er sich faktisch erarbeitet hatte, völlig auszublenden.

Es geht also um eine von Bewerbern angenommene Machtungleichheit. Die Annahme, Unternehmen säßen in Bewerbungsprozessen grundsätzlich immer und überall am längeren Hebel. Und auch die noch tiefer liegende Annahme, dass „Macht“ in Bewerbungsprozessen immer und überall eine Rolle spielen müsse. Dass Bewerben also ein Spiel von der Form „wer zieht wen über den Tisch“ sei, bei dem die Unternehmenseite so gut wie immer die besseren Karten habe. Dass Bewerben ein kooperativer Prozess sein kann, wird durch diese Annahmen ausgeschlossen.

Bewerben ist ein Kampf, zu dem man „gut gerüstet“ geht: Mit heruntergeklapptem Visier, bewaffnet mit gut vorbereiteten Antworten. Und auch die andere Seite ist massiv aufgerüstet: Assessement-Center, Recruiting-Profis, Case-Studies, Psycho-Tests und investigatives Fragen im Jüngsten-Gericht-Style. – Es herrscht ein kalter Krieg, wenn es zum Kennenlernen zwischen Unternehmen und zukünftigen Mitunternehmern kommt. Recruiting is war. Die Unternehmen haben gut bestückte Atomwaffenarsenale und Killerphrasen. Die Bewerber wenden Guerilla-Taktiken an, also diejenige Form der Kriegsführung, die dem hoffnungslos Unterlegenen bleibt.

Das aus diesen impliziten Annahmen resultierende Bewerber-Verhalten ist die bewerberseitige Wurzel der (Selbst-)Entfremdung beim Bewerben.

Die Quellen der Entfremdung beim Bewerben

Wir können nun genauer fassen, was wir mit Entfremdung meinen, wenn wir übers Bewerben sprechen: Menschen verabschieden sich von vornherein von dem, was ihnen wichtig ist. Dabei gibt es zwei Stufen der Entfremdung, die mir im Coaching begegnen:

Es gibt Menschen, die zwar für sich ganz genau wissen, was sie eigentlich wollen, die aber niemals offen darüber reden würden. Und das schon gleich gar nicht direkt in ihr Anschreiben hineinschreiben würden. Oder ihren Lebenslauf offensiv in diese Richtung gestalten würden. – Im Rahmen des Möglichen und Faktischen versteht sich.

Und es gibt Menschen, die sogar für sich selbst verdrängen, was sie eigentlich wollen, wenn es um den nächsten beruflichen Schritt für sie geht. Das ist sozusagen „Nummer sicher“: Wenn ich nicht mal mehr selbst bewusst weiß, was ich will und brauche, kann es mir nicht aus Versehen passieren, dass ich darüber spreche. – Diese Form der Entfremdung erinnert mich immer an einen Menschen, der sich in eine Gefängniszelle begibt, von innen absperrt und dann den Schlüssel zum Fenster hinauswirft. So kommt man zumindest aus eigener Kraft nur noch sehr schwer aus dem schönen sicheren Raum heraus.

Warum machen wir (die allerallermeisten von uns) so etwas, wenn es ans Bewerben geht? Die Gründe im Detail auszuführen, führt für diesen Artikel zu weit, hat aber sicher etwas mit sehr handfesten gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen zu tun. Aber auch sehr viel damit, wie medial über Arbeit und vor allem: wie über Arbeitslosigkeit kommuniziert wird. Da sich unsere Gesellschaft darüber verständigt hat, dass „wer nicht arbeitet, der soll auch nicht wirklich dazugehören“ eine Drohung ist, die jeden betreffen kann, wird Arbeitslosigkeit zum Stigma und triggert tief sitzende Ängste in uns als biologische Wesen, die auf Gruppenzugehörigkeit angewiesen sind. „Nicht wirklich dazugehören“ muss mal vor Urzeiten lebensbedrohlich für Menschen gewesen sein. Und unser kleines Stammhirn hat den für diese Ängste zuständigen Part offenbar bis auf den heutigen Tag nicht gelöscht. Es mag übertrieben klingen, aber ich erlebe täglich Reaktionen von Arbeitssuchenden, die darauf hindeuten, dass Arbeitssuche für die meisten von uns mit irrationalen Todesängsten gekoppelt ist. Das oben ist die vernünftigste Erklärung, die ich bisher für diese Verhaltensmuster finden konnte, mit denen ich täglich in meiner Arbeit konfrontiert bin.

Auf gesellschaftlicher Ebene ist daher alles, was die Angst vor dem Arbeitslosen-Status mindert ein Beitrag zu nicht-entfremdeten Bewerben, bei dem Bewerber mit dem, was sie brauchen und wollen, offen umgehen. Das könnte ein Bedingungsloses Grundeinkommen sein. Ich vermute aber, dass andere Kommunikation über arbeitslose Menschen, andere mediale Bilder und eine generell sich verschiebende Bewertung von „Arbeit“ und „Status durch Arbeit“ noch einen weitaus größeren Effekt hätten. Ich darf das wahrscheinlich heute gar nicht laut sagen: Aber mir sind schon viele sehr glückliche arbeitslose Menschen begegnet. Nur tauchen diese Menschen öffentlich nie auf. Und wenn doch, dann mit einer vernichtenden moralischen Bewertung, die massive Sanktionen erwarten lässt, von einem gesamtgsellschaftlichen Konsens getragen: „Während wir uns hier schwer leidend abrackern, macht der sich auf unsere Kosten einen schönen Lenz!“

Ich glaube ja, dass eine Entkopplung unserer stahlharten mentalen Verknüpfung von Armut und Faulheit unserer Gesellschaft, dass eine solche Lockerung uns allen gut tun würde. – Man muss diesen Glauben aber nicht teilen, um anzuerkennen, dass die Entkopplung der Verknüpfung von Arbeitslosigkeit und Faulheit in jedem Fall dem Ablauf von Bewerbungsprozessen sehr gut tun und dabei sowohl Bewerbern wie Unternehmen nützen würde. Unmengen an Aufwand, Zeit, Geld, Frust und Fehlentscheidungen könnten dadurch sehr wirksam eingespart werden.

Was ich als Bewerber tun kann, wenn ich mich beim Bewerben/Arbeiten nicht selbst verletzen will

Diese gesellschaftlichen und evolutionsbiologischen Überlegungen helfen mir allerdings keinen Meter weiter, wenn ich hier und heute in der Situation bin, dass ich mir eine Arbeit suchen will. – Ich muss mit dem umgehen, was gegeben ist.

Ich kann als Bewerber, dem klar ist, dass er sich mit Selbstentfremdung beim Bewerben nichts Gutes tut (und btw: dass er damit auch den Unternehmen nichts Gutes tut), in zwei Richtungen denken, um mich selbst dabei zu unterstützen, während meines Bewerbungsprozesses „bei mir zu bleiben“:

Ich kann in eine psychologische Richtung denken, die sich mit den individuellen Quellen meiner Ängste auseinandersetzt und sie entweder zum Versiegen bringt oder sogar in Ressourcen verwandelt.

Und ich kann in eine rein praktisch-technische Richtung denken, die genau das in meine Bewerbungskommunikation einbringt, was bei entfremdetem Vorgehen systematisch aus meiner Kommunikation ausgeklammert wird: Meine Bedürfnisse, Wünsche, Erwartungen, Kriterien, Gefühle.

Ideal ist eine Vorgehensweise, die beides gleichzeitig tut.

In meiner persönlichen Praxis haben sich über die Jahre zwei Vorgehensweisen entwickelt, die das leisten. Sie haben von mir recht blumige Namen bekommen: Ich nenne sie „Silbertablett-Bewerbung“ und „Pusteblumen-Bewerbung“. Nur auf letztere werde ich im Folgenden eingehen. Die Silbertablett-Bewerbung hat bei nüchtern-technischer Beschreibung ein paar Pferdefüße, denen ich im virtuell-textlichen Raum nur schwer entgegenwirken zu können glaube. Das geht nur live im Coaching. Ich werde das Silbertablett in diesem Text hier deswegen ausklammern.

Bei der Pusteblumenbewerbung ist das allerdings anders. Sie kann ich hier ausführlich beschreiben. Ich möchte auch zeigen, inwiefern sie beides gleichzeitig leistet: Den technischen und den psychologischen Ansatz zur Vermeidung von Entfremdung beim Bewerben. Und das in einem gesellschaftlichen Kontext, der permanent starke Entfremdungsanreize setzt.

Die Pusteblumenbewerbung als eine Form nicht-entfremdeten Bewerbens

Ok, also die Pusteblumenbewerbung. – What is it?

Beschreibt man den Erarbeitungsprozess einer Pustelbumenbewerung und die dahinterliegende Haltung im Detail, so ist das ziemlich viel Text. Darum schicke ich hier zunächst einen Short Abstract voraus. Am Ende dieses Artikels finden Sie zudem eine Zusammenfassung. Dazwischen finden Sie eine Anleitung im Detail, eine Art „Manual“, wie man Schritt für Schritt zu einer Bewerbung kommt, bei der man sich nicht verbiegt und keine Signale aussendet, mit denen man sich aus Versehen einen Job oder ein Unternehmen verschafft, wo man eigentlich gar nicht arbeiten will.

Diese Anleitung ist natürlich immer noch verkürzt gegenüber dem, was man im persönlichen Gespräch vermitteln kann. Aber ich habe versucht, sie so zu schreiben, dass man sie selbständig umsetzen können sollte, vorausgesetzt, man ist genervt genug, naiv genug oder vertrauensvoll genug, sich von überholten Vorstellungen und Regeln zu lösen („first, break all the rules“).

Hier also vorausgeschickt der Short Abstract:

I) Machen Sie sich klar, was Sie wirklich wirklich wollen in Ihrer nächsten beruflichen Tätigkeit. Begreifen Sie das als einen eigenen Prozess, vor aller Formuliererei. Machen Sie sich beide Dimensionen einer aussagekräftigen Bewerbungskommunikation klar: Was wollen Sie haben? Was wollen Sie geben?

II) Dann formulieren Sie das genau so. 1:1. Ungefiltert. Unzensiert. Ohne Abstriche. Mahcen Sie aus Ihrer Bewerbung einen Selbstausdruck Ihrer beruflichen Wünsche, kein Anbiedern an tatsächliche oder vermeintliche Wünsche der Unternehmen, bei denen sie sich bewerben.

III) Dann schicken Sie das genau so raus, völlig unverändern, und streuen dabei maximal. Jeder, der auch nur minimal in Frage kommen könnte, bekommt eine Pusteblume von ihnen. Hören Sie auf beim Bewerben nachzudenken. Hören Sie auf, wählerisch zu sein. Ist Ihre Pusteblumenbewerbung gut gemacht, erledigt die das für Sie. Sie funktioniert für Sie wie ein Filter: Sortiert für Sie, so dass Sie nicht mehr vorsortieren müssen.

Das Prinzip, dass Sie dabei verfolgen ähnelt dem alten Spruch von „Topf sucht Deckel“. Nur dass es sich in Ihrem Fall dann um einen „klugen Topf“ handelt, der sich vorher mit sich selber beschäftigt hat: Ich bin so hoch, habe den Durchmesser, bin aus folgendem Material gemacht.“ – Über Euch Deckel da draußen brauche ich nichts zu wissen. Denn wie Ihr seid, wisst Ihr ja selber. Und wenn ich Euch mit so klaren Ansagen komme, dann merkt Ihr ja selbst sehr schnell, ‚ob es passt‘ oder nicht.“

Die Pusteblume zapft durch prägnante, direkte Selbstoffenbarungen das Wissen der Unternehmen über sich selber an und erübrigt einem so jegliche Recherche zum Unternehmen und Auseinandersetzung mit konkreten Stellen. Sie löst das Problem, vor dem viele Bewerber sonst verzweifeln und das sie oft für unlösbar halten: „Wie es da hinter den Kulissen wirklich ist, das kann ich ja erst merken, wenn ich dort schon eine Weile arbeite.“ – Dadurch dass die Pusteblume das Wissen der Unternehmen über sich selber aktiviert, lässt man diese Bewerbungsform Unternehmen und Job für einen sortieren, die man sonst zu diesem Zeitpunkt im Kennenlernprozess tatsächlich niemals für sich sortieren könnte. Man baut sich mit der Pusteblume quasi ein „Tool“, mit dem man das ganze „passt das eigenltlich für mich?“ in seine Unterlagen auslagert und sich viel Bewerbungsstress erspart.

Soviel im Allgemeinen. Nun zu den Details der Erstellung. Schritt für Schritt:

Schritt 1: Von Außenorientierung auf Innenorientierung umstellen

Blenden Sie mal alle Stellen und Unternehmen da draußen komplett aus. Die interessieren jetzt mal für nen Moment lang nicht. Setzen Sie sich Scheuklappen auf, die garantieren, dass sie nicht aus Versehen nach diesem Positiönchen oder jenem Unternehmenlein hinüberblinzeln, während sie sich weitere Gedanken machen.

Schritt 2: Es geht nicht um Unterlagen. Nicht Jetzt.

Legen Sie auch Ihre Bewerbungsunterlagen mal zur Seite. Ja, richtig zur Seite, ebenfalls völlig außer Sichtweite. Physisch weg. Dokument schließen. Vergessen Sie am besten, dass sie überhaupt schon Bewerbungsdokumente haben. Wenn’s für Sie gar nicht anders funktioniert, das Zeug aus dem Kopf zu kriegen, beerdigen sie es von mir aus rituell im Garten und verbrennen selbstsyntetisiertes Krötenblut dabei.

Schritt 3: Raum für sich selbst schaffen, Sich bewusst „Eintunen“

Haben Sie das? Wirklich alles weg, was ablenken könnte? – So, was bleibt Ihnen noch in dieser Situation? – Ach, hatte ich vergessen: Gehen Sie an einen schönen Ort, wo sie a) ungestört, b) allein sind und sich einfach nur wohlfühlen. Tun Sie sich was Gutes. Ist bei jedem was anderes, mit dem man dem eigenen System signalisieren kann, dass jetzt mal Wohlfühltime ist. Wenn’s unbedingt sein muss, legen Sie sogar Julia Engelmann dafür auf. – Was es ist, ist völlig egal, solange es sie tatsächlich gut draufbringt. Bei mir ist es z.B. schlicht und einfach ein Cappuccino, den ich mir mache und mein Lieblingsplatz im Wohnzimmer, an den ich mich setze. Frau und Kind sind aus dem Haus, ich hab meine Ruhe mit mir. – Wenn Sie sich es so oder so ähnlich einrichten, wie Sie’s eben brauchen, dann kann’s jetzt endlich losgehen „mit der eigentlichen Arbeit“ in Richtung Pusteblume.

Schritt 4: Sich Klarmachen, worauf es ankommt (Start with ‚what for?‘)

Machen Sie sich klar, dass Bewerbungskommunikation gar keine so riesenmonsterkomplizierte Sache ist. Eigentlich ist das, was Unternehmen (und Sie selber) interessiert bei dieser Arbeitsehenanbahnung genau zweiteilig. Ich formulier es bewusst mal aus Sicht der Unternehmen. Es sind genau zwei Fragen, dass ein Unternehmen an Sie hat, wenn es überlegt „lade ich die/den ein“, „investier ich meine wertvolle Zeit in die/den?, „schaue ich mir den/die mal näher an?“, „will ich mich mit der/dem unterhalten? – lohnt das wirklich?

  1. Warum wir? – Was willst Du, lieber Bewerber wirklich? Und wie passen wir in diese Agenda? Warum kopfst Du nicht beim Nachbarunternehmen an, sondern bei uns? Warum willste denn jetzt das hier machen und nicht ganz was anderes? – Die Antworten von uns als Bewerbern auf diese Fragen kann man „Motivationsteil“ der Bewerbung nennen.
  2. Warum Du? – Was wird für uns besser mit Dir laufen als es mit Meier, Müller, Huber laufen wird, die ebenfalls Menschen sind, die im großen und ganzen recht okay sind, einige nette Skills und ne Menge brauchbarer Erfahrungen haben? – Die Antworten von uns als Bewerbern auf diese Fragen kann man „Kompetenzteil“ der Bewerbung nennen.

So, das war’s. Mehr isses im Kern nicht. Mehr braucht’s auch gar nicht. Alles andere macht die Dinge unnötig unkompliziert und – da beim Bewerben aus Unternehmenssicht immer Zeitknappheit herrscht – auch unnötig anstrengend, schwammig und nervtötend. Im Kern geht es eben um eine Beziehungsanbahnung und da sind genau diese zwei Leitfragen völlig hinreichend. Sie führen in eine Haltung hinein, die man wie folgt umschreiben könnte: „Du brauchst was, wir brauchen was – Du hast was zu bieten, wir haben was zu bieten – Na, dann lass uns mal gemeinsam wie erwachsene Menschen hinsetzen und schauen, ob die Puzzleteilchen zusammenpassen.“ – Ja, genau: Es geht um recht nüchterne Passung. Nicht darum, ob das „an sich“ ein toller, guter Bewerber ist. Und auch nicht ob das „an sich“ ein toller Job oder ein gutes Unternehmen ist. Die Haltung sagt: Auch wenn’s halt eben grad nicht passt, können beide Seiten durchaus mal 2 Centimeter größer aus dem wechselseitigen Kennenlernprozess hervorgehen.

Schritt 5: Klären, was für mich bei meinem nächsten beruflichen Schritt wirklich wichtig ist – Auf der grünen Wiese, im rosaroten Wolkenblütentraumland

Okay, wir brauchen jetzt diese beiden Seiten in bewerbungstauglicher Form. Aber bevor wir uns jetzt das Hirn zermatern, wie wir das verdammt nochmal schreiben sollen/können/dürfen/wollen/whatever… …sollten wir vielleicht im nächsten Schritt erstmal überlegen, was wir überhaupt kommunizieren wollen. Was also in beiden Teilen: Motivationsteil und Kompetenzteil wirklich wirklich wirklich, ja: wirklich wichtig ist.

Und nun kommt der Clou der Pusteblume: Wir schauen da jetzt einfach mal nur auf „wichtig für uns“. Wir schalten jetzt mal auf reinen Egotrip, Axt im Wald, Elefant im Porzellanladen, Bewerbungsvorschlaghammer voll auf die Zwölf, mit Anlauf und ohne nach dem Schwungholen künstlich abzubremsen.

Die Regeln der Pusteblume an dieser Stelle ist also: „Was vor Wie“ + „Es geht jetzt mal für nen Moment einfach nur darum, was ich selber will und brauche“

Mit dieser Klarheit/Setzung im Gepäck machen wir uns jetzt im Schritt 5 an den Motivationsteil: Gut, was will ich da also eigentlich schreiben? Worüber muss ich da schreiben? Was ist für mich einfach so wichtig, so notwendig für mein Wohlfühlen, für den dauerhaften Erhalt meiner Motivation im Job und dafür, meine Arbeit erfolgreich machen zu können, dass ich darauf schlichtweg nicht verzichten kann? Was muss da sein, weil ich, wenn’s nicht gegeben ist, den Job sowieso nicht haben will?

Was wir also im nächsten Schritt machen, ist ein superschlichtes Brainstorming. Wir fertigen eine Liste an. Stichpunkte. Bullet points. Notizen. Drüber steht: „Stoffsammlung Motivationsteil – Meine Bedürfnisse – Meine Kriterien“.

Als Katalysator dieses Brainstormings benutze ich in der Regel folgendes Szenario: „Stellen Sie sich mal vor: Sie bewerben sich also irgendwie weiter. So wie’s halt für Sie passt. Sie kriegen auch ein paar Gespräche. Sagen wir mal: Im fortgeschrittenen Stadium. So dass Sie bereits viel über ne Menge Jobs und Unternehmen aus erster Hand erfahren haben. Sie kennen die handelnden Personen: Chefin, Kollegen, etc. Haben Sie alle bereits ein gutes Stück weit kennengelernt. Sie kennen Ihre Aufgaben dort, was von Ihnen erwartet wird, Sie wissen über die Kunden Bescheid, die Produkte, die Prozesse, die Software, die Kultur, etc. Haben die Arbeitsräumlichkeiten gesehen, die Atmosphäre in mehreren Unternehmen geschnuppert. – Wir gehen mal einen Moment von irrealer Totaltransparenz aus. – In dieser Situation, Sie kennen also gerade mehrere Firmen sehr, sehr gut – passiert nun Folgendes: Sie machen eines schönen Nachmittags Ihr E-Mail-Postfach auf und stellen fest: Von 3 Unternehmen, mit denen Sie Gespräche hatten, haben Sie zufällig kurz hintereinander E-Mails bekommen. Sie öffnen sie und sind baff: Alle 3 wollen Sie haben. Tenor: „Wir haben uns für Sie entschieden, großes Los, tralala, hier: Vertrag, musst nur noch unterschreiben“.

Die Frage ist nun: In so einer Situation, in diesem Szenario: Wie würden Sie überhaupt entscheiden, wohin Sie nun gehen? Ob Sie überhaupt zu einer dieser 3 Unternehmen gehen? Welche Unternehmen eine nette oder nicht so nette E-mail-Antwort von Ihnen bekommen würden: „Das freut mich sehr. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich mich für ein geeigneteres Unternehmen entschieden habe. Bitte nehmen Sie dies nicht als Ablehnung Ihrer Prozesse und Ihres Personals. Ich bin zuversichtlich, dass ein anderer toller Bewerber sich für Sie entscheiden wird.“ – Um also festzustellen, wer von Ihnen ein Arbeits-Ehe-Ja bekommt, wie würden Sie vorgehen: Würden Sie würfeln? Oder würden Sie sich nochmal durch den Kopf gehen lassen: „Moment mal, wie war das nochmal mit dieser einen Sache… …bei Firma A), bei Firma B), bei Firma C)?“ – Wenn Sie einer dieser leider viel zu seltenen „fiesen“ Bewerber wären, würden Sie das Spiel vielleicht ja sogar so spielen, dass jene 3 Unternehmen voneinander ahnen, wenn nicht sogar voneinander wissen. Denn dann kann deren Stimmung den Aggregats-Zustand annehmen, stellen Sie sich einen schon fast leicht verzweifelten Tonfall vor: „Was liebe Frau … / lieber Herr … können wir Ihnen denn anbieten, dass Sie sich für uns entscheiden? Womit können wir bei Ihnen punkten!?“

Gut. Das ist hier und jetzt die Frage: Womit könnte in so einem fiktiven Fall, wenn er jetzt gerade wirklich Realität wäre, ein Unternehmen denn bei Ihnen punkten? Was sind Ihre Kriterien, die das eine Unternehmen erfüllen könnte, aber ein anderes nicht? Was macht für Sie hier und jetzt einen positiven Unterschied, wenn ein Unternehmen Ihnen das bieten kann?

Genau dazu machen Sie sich jetzt Notizen. Spiegelstriche. So genau und so konkret, wie Sie es brauchen, um zu wissen, worum es für Sie geht. – Und: Keine Vorzensur. Wir sind im Brainstorming-Modus. Es macht auch keinen Unterschied, ob das niemand verstehen kann, warum das für Sie ein Positiv-Kriterium ist. Es ist in diesem Stadium der Arbeit auch völlig unwichtig, ob es für Sie einen kleinen oder einen großen Unterschied macht, ob das gegeben ist. – Alles, was irgendwie einen Unterschied für Sie machen könnte im nächsten Job, dass er nicht was ist, wo Sie sich am Montagmorgen hinprügeln müssen, dass schreiben Sie jetzt hin. Auf ein Blatt Papier. In eine Dokument.

Wenn Sie das Gefühl haben, Ihnen fällt nichts mehr ein: Machen Sie einen Spaziergang, trinken Sie nen Kaffee, rufen Sie jemand an, gehen Sie duschen. Meine Erfahrung ist: Es kommt immer noch was, obwohl man glaubt, dass man bereits alles aufgeschrieben hat. Oft kommt sogar noch richtig viel. Und richtig Wichtiges. – Erfahrungswert: Mit meiner Schrift kommen bei den meisten Menschen ca. 4 – 6 Seiten mit Kriterien, was Ihnen an Ihrem nächsten Unternehmen / in Ihrem nächsten Job wichtig ist. Ganz selten weniger. Selten mehr. – Aber auch wenn’s so ist: Natürlich ist das okay! Bedürfnisse, die wir durch diesen Prozess erheben, sind echte „hard facts“. Es ist wie es ist. Man braucht, was man braucht. Da gibt’s nix dran zu schrauben. Wenn Sie’s philosophisch brauchen, komme ich Ihnen da mit Schopenhauer: „Man kann zwar machen, was man will. – Aber man kann nicht wollen, was man will.“

Schritt 6: Priorisieren, was mir im Moment wie wichtig ist, Fokus auf das für mich Wichtigste vom Wichtigen

So. Sie haben jetzt also eine Liste mit Ihren Kriterien. – Schnaufen Sie mal durch. Lassen Sie das durchaus auch mal setzen und sacken. Für die meisten Menschen ist das nämlich ziemlich harte Arbeit. Und manchmal birgt Sie Überraschungen.

Der nächste Schritt ist nun: Priorisierung. Ich für mein Teil bin ja Coach. Also mach ich was, was Coaches so lieben, ich mach ne Skalenabfrage: „Skala 1 – 10“ gehen wir Punkt für Punkt für Punkt durch: Jedes Kriterium kriegt von Ihnen ne Bewertung. Aus dem Bauch. Ohne Begründung. Wieder: Es ist wie es ist! – „10“ heißt: „Ich brauch das zum Überleben. Wenn DAS nicht da ist, sterbe ich. Vielleicht überlebe ich ohne diese Sache zwei, drei Wochen, aber danach geh ich ein wie ne Topfpflanze, die 2, 3 Wochen kein Wasser bekommen hat. Das hier ist Wasser für mich.“ – Wenn’s so ist: Geben Sie eine 10 für eines der von Ihnen aufgeschriebenen Kriterien. Wenn es für Sie superwichtig ist, aber zur Not können Sie doch vielleicht überleben ohne diese Gegebenheit: Vergeben Sie ne 9, ne 8 oder was auch immer, aber eben keine 10. Die ist reserviert für „für mich so wichtig wie die Luft zum Atmen.“ – Am anderen Ende der Skala die „1“ bedeutet dementsprechend: „Nichts könnte mir egaler sein als dass dieser Punkt in meinem nächsten Unternehmen vorhanden ist!“. – Nutzen Sie die ganze Bandbreite der Skala. Alle Zahlen können auch mehrfach vergeben werden. Seien Sie so ehrlich wie möglich zu sich selbst. Bewertungen möglichst aus dem Bauch. Möglichst schnell. Hauen Sie die gewichtenden Zahlen auf’s Papier/ins Dokument.

Will man das auf diese Weise erarbeitete Wissen über die eigenen Bedürfnislage im Beruf jetzt nutzen, kann man sich z.B. klar machen:

Im Anschreiben habe ich Raum für 2 – 3 dieser Punkte, die ich dort einbauen kann, ohne dass es zu viel wird. – Sinnvoll ist: Ich nutze die wichtigsten, dann wird mein Anschreiben zu einer Art Filter, der für mich arbeitet, indem er für mich passende von unpassenden Jobs/Unternehmen trennt, meinen persönlichen Weizen von meinem persönlichen Spreu.

Also brauche ich wahrscheinlich noch eine Art Sub-Priorisierung. Beispiel: Ist das Ergebnis des oben geschilderten Prozess‘ im Moment bei mir z.B. dass ich keine einzige „10“ vergeben habe, aber vier mal die „9“, kann ich mir diese Punkte nochmal gesondert anschauen.

Z.B.:

  • Ich will maximale Autonomie und Selbstbestimmung in meinem nächsten Job. Ich will meinen eigenen Bereich, in dem ich ohne Rücksprachen entscheiden und den ich sehr weitgehend gestalten kann, so wie ich es gerade für sinnvoll halte
  • Ich brauche entweder ein Einzelbüro oder einen Rückzugsraum, in dem ich zumindest einen Teil meiner Zeit ungestört und konzentriert arbeiten kann.
  • Ich will in einem Unternehmen arbeiten, dass eine wenig Konkurrenz-orientierte, kollegiale Kultur hat. In dem es normal ist, dass man sich wechselseitig unterstützt, weil man sich dabei nicht automatisch selbst schadet.
  • Und dann ist mir einfach noch ziemlich wichtig, dass es in meinem nächsten Unternehmen eine Kantine gibt.

Ist alles auf „9“ gelandet. Muss ja keiner außer mir erst mal verstehen. – Entweder ich schaue mir das jetzt intuitiv an und entscheide für mich, welcher dieser „9er“ für mich der „9er mit nem Stern“ ist. – Oder, wenn es nicht zu viele Punkte sind, kann ich den „Tragik-Test“ machen: Ich mache in diesem Fall 4 Szenarien, in denen jeweils einer dieser Punkte erfüllt und alle 3 anderen nicht-erfüllt sind – und spüre dabei, welches Szenario das am wenigsten unerträgliche für mich wäre.  Spätestens an diesem Punkt sortieren sich die Punkte bei den meisten Menschen „von alleine“.

Auf diese Weise habe ich jetzt meine Top-3-Kriterien für meine nächste Tätigkeit. Und zwar in einigermaßen klarer Priorität.

Und genau in dieser Reihenfolge schreibe ich sie jetzt in mein Anschreiben rein. – Denn erst jetzt, da das „Was“ und die Reihenfolge meiner Prioritäten geklärt ist, erst jetzt beschäftige ich mich mit dem „Wie“ des Schreibens.

Schritt7: Formulieren des Motivationsteils des Anschreibens

Egal, was jetzt die Top 2-3 Dinge sind, setzen Sie einfach mal, dass das sagbar ist. – In all den Jahren, die ich das mache, hatte ich,  – das darf ich gar nicht sagen – auch schon viele Menschen, die für mich den Tatbestand von „schrägen Typen“ und „schrägen Typinnen“ erfüllen. Und dennoch haben wir bisher ausnahmslos immer einen Weg gefunden, das hinzuschreiben, was ganz subjektiv das wichtigste für diesen Menschen war. Und zwar einen Weg, bei dem vor allem dieser Mensch selber gesagt hat: „Okay. Das geht so für mich. Das trifft es und ich glaube an die Außenseiterchance, dass es da draußen zumindest 2-3 Unternehmen gibt, die damit kein Problem haben. Oder die das sogar richtig gut finden, dass mir das wichtig ist und dass ich das offen und direkt sage.“

Und nicht alle meiner Kunden sind furchtlose Conans der Bewerbungsbarbar gewesen, das dürfen Sie mir ruhig glauben..

Von der Art der Formulierung des Motivationsteils gibt es zwei Varianten: eine „bravere“ und konventionellere. Und eine „frechere“, nach dem Prinzip ‚Forschheit siegt‘. – Lustigerweise ist die frechere eine genaue Spiegelung dessen, was Unternehmen machen, wenn sie Stellen ausschreiben.

Wir schreiben dann von der Form her Dinge wie: „Ich bewerbe mich bei Ihnen, weil Sie ein Unternehmen sind, das…“ oder „…, weil mir dieser Job die Gelegenheit bietet, …“ – Und im Anschluss schlicht benannt, was Sie eben gerade unbedingt haben wollen im Job.

Das hat Ähnlichkeiten mit einer bestimmten Form der Kontaktanbahnung, die auch auf das Prinzip „Forschheit siegt“ setzt und eine ähnlich hohe Abfuhr-Wahrscheinlichkeit hat: Wenn ich im Erstkontakt zu einem Menschen hingehe und sage: „Mensch, ich find’s einfach genial, dass Du auch eine Familie mit 4 Kindern haben willst, lass uns mal ausgehen…“ werde ich wohl wahrscheinlich die meisten verprellen. Wenn ich das aber nicht sage, weil ich einfach frech als Selbstzweck sein will, sondern weil es tatsächlich eine meiner Top-Kriterien bei meiner Partnerwahl ist, dass der andere auch eine große Familie haben will und bereit ist, jetzt damit ernst zu machen, dann werden es genau die richtigen interessant und genau die richtigen abturnend finden.

Das ist das Arbeitsprinzip der Pusteblume.

Man kann aber natürlich auch die bravere Formulierungsvariante wählen: Dann wird man es auf sich beziehen und Ich-Aussagen machen. „Ich bewerbe mich bei Ihnen, weil ich…/ weil mir…“ Nur dass halt nach den „…“ wirklicher Content kommt, kein Blabla. Man sagt bei der Pusteblume nichts, weil man glaubt, dass das gut ankommt oder dass dieses Unternehmen oder gar Unternehmen im Allgemeinen das gerne hören. Man sagt es einzig und allein aus dem Grund, weil es Teil des eigenen Top-Kriterien-Katalogs für einen guten Job ist. Und lässt es drauf ankommen, was dann passiert…

Die erwartbaren Reaktionen auf Unternehmensseite sind u.a.:

  • „was issn das? – der hat sich ja gar nicht mit uns beschäftigt!“
  • „was will der? – Bei uns!? – Haha!“
  • „der ist ja verrückt! – Sowas gibt’s ja nirgendwo! In keiner Firma!“
  • „Häh?“
  • „Der ist aber anspruchsvoll! Solche Leute machen nur Ärger!“

Aber alle diese unmittelbaren Reaktionen auf Unternehmensseite lassen sich in eine einzige und auch die einzig relevante Form übersetzen: Es passt einfach nicht – Und sie haben einen sehr effizienten Weg beschritten, dass das schnell herauskommen kann. Sie haben über das Gesprochen, was Ihnen am Allerallerwichtigsten ist. – Und als Folge sind sie nun für eine Riesenmenge von Unternehmen völlig unattraktiv bzw. überfordernd.

Doch für ein paar wenige Unternehmen sind Sie nun erst so richtig interessant. Das sind ihre Unternehmen. Und die Pusteblume ist eine Methode herauszufinden, welche Unternehmen das sind, ohne dass man sich einen Wolf recherchieren muss.

Bei diesem Prozess gibt es naturgemäß Überraschungen: Einige Unternehmen sind so spannend, dass man kurz davor war, von Pusteblume doch auf Silbertablett-Bewerbung umzustellen, bei der man pro Bewerbung 1 – 2 Tage Arbeit hat. Vollzeit. – Aber man hat sich am Ende doch in diesem Fall für die 5-Minuten-Pusteblume entschieden. Bei solchen Unternehmen macht man sich große Hoffnung, dass „es klappt“. Die Leichtigkeit der Pusteblume fehlt eigentlich. – Und oft wird man hier dann eben nicht eingeladen.

Genauso kommt der genau umgekehrte Fall vor: Man war kurz davor, gar nichts zu schicken. Nicht mal ne Pusteblume, die einen grade mal 5 Minuten Arbeit kostet. – Vielleicht, weil das Unternehmen doch allzu unattraktiv erscheint. Vielleicht weil man denkt, man habe hier eh keine Chance. – Aber man hat dann eben doch einfach mal ne Pusteblume rausgeschickt. Mit der Leichtigkeit, mit der Kinder die Pusteblumensamen in den Wind streuen… …und wird dort eingeladen.

In der Regel hat man dann mindestens ein spannendes Gespräch, das oft von Anfang an deutlich anders abläuft, als man das sonst von vielen Kennenlerngesprächen kennt.

Schritt 8: Der Kompetenzteil nach dem gleichen Prinzip – Brainstorming, Ausbreitung des Was, Auswahl, Formulierung des Wie

Ich werde auf den Kompetenzteil des Anschreibens nicht in gleicher Länge und Breite eingehen. Im Grunde ist es das gleiche Verfahren, nur mit anderer Fragestellung:

Was will ich im nächsten Job am allerliebsten machen – Was will ich verantworten? – Was will ich beitragen? – Wenn ich NULL Komprommisse mache, wenn ich nichts dazu schreibe, „weil das halt dazugehört“ oder „weil Unternehmen das halt hören wollen“

Ich beschreibe also kurz gesagt am Ende eines systematischen Prozesses, in dem ich alles aufgeschrieben habe, was ich wirklich gerne mache, das priorisiert und dann in Bewerbungstaugliche Sprache gebracht habe, meinen auf mich maßgeschneiderten Traumjob. Mein „wahres Angebot an den Markt“ im Moment.

Meistens bringen wir da irgendwas zwischen 3 und 5 Punkten unter, was jemand für sein nächstes Unternehmen gerne machen möchte. Natürlich senden wir auch echte Kompetenzsignale, wo das irgendmöglich ist, damit nicht der „Grisu-Effekt“ entsteht: „Ich will Feuerwehrmann werden, bin aber ein kleiner Drache. Und außerdem nicht schwindelfrei!“ – Aber im Kern ist der Kompetenzteil des Pusteblumen-Anschreibens eben keine Abbildung der Vergangenheit oder Aufzählung formaler Kompetenzen oder persönlicher Eigenschaften. Er hat vielmehr den Charakter einer Willenserklärung. Die Botschaft, die zwischen den Zeilen rüberkommt, lautet ungefähr wie folgt: „DAS hier will ich für Euch tun. – Entweder braucht Ihr das: Dann sollten wir uns mal hinsetzen und reden. – Oder Ihr braucht das halt nicht. Das ist okay für mich. Denn dann will ich auch gar nicht für Euch arbeiten, denn dann könnt Ihr gar nicht wertschätzen, was ich für Euch tun werde.“

Im Kompetenzteil sind wir meistens erschreckend konkret. Wischiwaschi-Wabezeug versuchen wir wenn’s irgend geht zu vermeiden. Meistens klappt das ganz gut. Die meisten Menschen fühlen sich sogar sehr wohl damit, wenn’s dann erst mal da steht. Auch in den Fällen, wo es eine wirklich schwere Geburt ist, sie davon zu überzeugen, dass man das „darf“.

9.) Zum Pusteblumen-Lebenslauf in vier Überarbeitungsschritten

Gut. Das Anschreiben steht also soweit. – Es ist übrigens keine gute Idee, es groß oder überhaupt abzuwandeln. Mein Bild dafür klau ich mir aus der Bibel: Der Prozess zur Erstellung eines Anschreibens, mit dem man Unternehmen sagt, was man a) wirklich von ihnen haben will (Motivationsteil) und b) was man wirklich für sie tun will (Kompetenzteil), diesen Prozess sehe ich so wie die Übergabe der 10 Gebote an den lieben Herrn Mose auf dem Berg Sinai: Da wird nach dem Abstieg vom Berg nicht dran gerüttelt.

Also: Das Anschreiben steht, was man daran pro Bewerbung ändert, reduziert sich auf Adresse und Anrede, vielleicht noch der Betreff. Danach ist Ende Gelände. Denn jedes weitere Dranrumgeschraube kann nur eine Verwässerung und ein Anbiedern sein. Und genau das ist beim Pusteblumenverfahren „verboten“.

Nun also der Lebenslauf. – Und hier stoßen wir auf das nächste große Missverständnis, dem leider viele Bewerber unterliegen, die sich weder wirklich an sich (Pusteblume), noch wirklich am Unternehmen (Silbertablett) orientieren, sondern stattdessen an völlig willkürlichen und widersprüchlichen Regeln zu orientieren versuchen, die direkt hinein in das führen, was ich freundlich „die klassische Bewerbung“ oder unfreundlicher „die Suche nach einem Anmachspruch für Unternehmen“ nenne:

Das Missverständnis beim CV ist, dass es sich um ein halbamtliches Dokument handele: „Das ganze eigene Berufsleben, leicht verkürzt.“. – Das Metropoltheater in München hat mal was ähnliches in absurder Absicht auf die Bühne gebracht: „Die ganze heilige Schrift – Leicht verkürzt.“

Der Witz ist der gleiche: Ginge es im CV wirklich um eine detailgetreue „Abbildung“ des bisherigen beruflich relevanten Lebenswegs, dürfte man nicht nur 1,2,3,4,5,X Seiten schreiben, sondern müsste einen ganzen Roman schreiben. Vermutlich mit mehreren Bänden. Wobei jeder Band 1000 Seiten hätte.

Glauben Sie nicht? – Denken Sie mal an alle Zusatzaufgaben, Sonderprojekte, sich-unter-der-Hand-verändernde Jobs, die sie bisher hatten. Denken Sie an alle Fähigkeiten, die sie haben und die man „rein theoretisch“ durchaus in einen CV reinschreiben könnte, weil irgendein Unternehmen auf der Welt das durchaus nicht ganz uninteressant finden könnte. – Ich persönlich habe es noch bei keinem einzigen meiner mehreren tausend Kunden erlebt, dass der Versuch einer Abbildung der ganzen Fülle der vorhandenen Erfahrungen und Kompetenzen nicht auf einen CV-Roman hätte hinauslaufen müssen. So dass der Versuch, das alles auf ein paar Seiten zusammenzufassen eine absurde, wenn nicht sogar komische Note hat.

In dieser Verlegenheit: Die Fülle Ihres Lebens künstlich auf ein paar Seiten zu bringen, greifen die meisten Bewerber, die die klassische Bewerbung wählen, zu folgendem Mittel: Sie machen sich uninteressant, indem sie sich standardisieren. Indem sie anfangen, in Standardkategorien zu denken. Doch wen auf der ganzen Welt interessiert bei Einstellungen „Standard“? – „Standard“ und „Interessant“ sind die einander gegenüberliegenden Pole auf dem Kontinuum der Sexyness.

Es gibt zwei Wege, den Lebenslauf sinnvoll kurz zu halten. Und der eine von beiden ist der Pusteblumenlebenslauf. – Man überarbeitet seinen Lebenslauf mit folgenden 4 1/2 Fragen:

1.)“Unkraut jäten“ / Streichen:

… (Erläuterung folgt)

 

2.) „Verborgene Schätze heben / Ergänzen:

… (Erläuterung folgt)

3.) Reihenfolge als Willenserklärung / Spiegel der eigenen Präferenzen:

… (Erläuterung folgt)

4.) Wortwahl: So klar und deutlich und konkret, so dass noch der letzte Leser in der größten Zeitnot versteht, was man will und kann (in dieser Reihenfolge)

… (Erläuterung folgt)

Wohlgemerkt: Wir lügen mit diesem Vorgehen nicht im CV. Wir wählen nur sinnvoll aus dem wirklich Vorhandenen aus und ordnen es sinnvoll an und drücken es auf sinnvolle Weise aus. Und der „Sinn“ hat hier etwas damit zu tun, was ein Mensch gerade von seinem Berufsleben wirklich will. Wir reden dabei nicht von „Berufung“, sondern vom nächsten beruflichen Schritt. Was jemand hier und jetzt über sich weiß und was bei einer technisch sauberen Lösung eben auch technisch sauber in Bewerbungsform übersetzt werden muss.

Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und mit guten Gründen behaupten: Wenn überhaupt etwas verlogen ist, so sind es die regelgeleiteten Lebensläufe der klassischen Bewerbung, denn die führen systematisch dazu, dass man Unternehmen anbietet, was man gar nicht für sie tun will.

Auf der Ebene der sachlichen Darstellung mag bei klassischen CVs alles in Ordnung sein. Doch auf der Ebene des Wollens sind die meisten klassischen CVs, die ich in meinem Coach-Leben sehen durfte, eine wirklich heftige Lüge. Das stellte sich meistens schon nach wenigen Minuten vertraulichen Gesprächs heraus.  – Aus reiner Angst, „etwas falsch zu machen“, bieten gefühlte 99% aller Bewerber Unternehmen Dinge an, die sie eigentlich gar nicht machen wollen. Da sei die Pusteblume vor.

10.) Puuuuh. Viel Arbeit! Ist das echt nötig? – Die gute Nachricht: Es ist nur EINMAL nötig und dann nie wieder!

– Article will be continued soon –

Warum das in der Realität funktioniert

Nicht selbst erfunden… (Erläuterung folgt)

Belege aus der Praxis… (Erläuterung folgt)

Rationalisierung der Beobachtungen: Was ist der Hintergrund, dass das funktioniert? Was läuft in Firmen, wenn sie Stellen ausschreiben im Hintergrund ab?… (Erläuterung folgt)

Die Pusteblume ist also eigentlich operationalisierte Selbst-Empathie beim Bewerben. Sie ist Selbst-Empathie in Aktion. Empathie generell ist das wirksamste Gegengift gegen Entfremdung. Und an den Stellen, wo niemand sonst mit mir empathisch ist, kann ich es wenigstens selbst mit mir sein. – Und entsprechend handeln.

 


Zusammenfassung:

Bewerben ohne Entfremdung kann sich dadurch gestalten, dass Sie Ihre Unterlagen zu 100%, ohne irgendeinen Abstrich so verfassen, dass Sie ausdrücken, was Sie in ihrer bezahlten Arbeit gerade wirklich haben und geben wollen. Bauen Sie Ihre Unterlagen als Brücke in diejenige berufliche Zukunft, die Sie gerade haben wollen. Und eben nicht als Abbildung ihrer Vergangenheit. – Und dann streuen Sie diese Unterlagen so weit sie nur können. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne nachzudenken. Jeder, der nicht bei 3 auf den Bäumen ist, bekommt einen „Pusteblumensamen“ von ihnen. Keine Unterschiede zwischen ausgeschriebenen Stellen und Initiativbewerbungen. – Leben Sie mit der Irritation, die Sie bei den für sie „falschen“ Unternehmen dadurch auslösen. Hören Sie auf, den Unternehmen gefallen zu wollen, die sowieso nichts mit ihnen anfangen können. Leben Sie mit einer Ablehnungsquote von 97-98%. Denn die Pusteblume reduziert sowohl den Aufwand für die Unternehmen, aber eben auch den Aufwand für sie selber radikal: Man könnte auch von einer „5-Minuten-Bewerbung“ sprechen. Mehr Aufwand erzeugt eine einzelne Pusteblumenbewerbung nicht, wenn Sie sie einmal erstellt haben. So kommen Sie schnell in die Masse, die Ihnen hilft, die Riesenausfallquote zu kompensieren. Locker zu kompensieren.

Zeit kostet nicht-entfremdetes Bewerben also kaum. Es erspart einem vielmehr viel Zeit  und jede Menge vermeidbarer unangenehmer Arbeitserfahrungen. Dafür kostet Bewerben ohne Entfremdung so mehr Mut. In meiner Wahrnehmung an 3 genau benennbaren Stellen im Bewerbungsprozess:

  • Mut beim Sich-selber-Eingestehen, was man gerade wirklich will, ohne vorauseilenden Gehorsam, fremdinduzierte Überanpassung und falsche Kompromisse.
  • Mut beim Versprachlichen. Mut, das, was man selber will, in Sprache, in Bewerbungssprech zu übersetzen, so dass jeder wirklich sofort verstehen muss, worüber man da redet. Kein sprachliches Weichspülen. Kein Ecken und Kanten Abfeilen. Klare Kanten. Come as you are. Es muss nicht jedem gefallen. Manchen gefällt’s. Das reicht völlig.
  • Mut beim Absenden, obwohl das Unternehmen doch erklärtermaßen angeblich was ganz anderes will und braucht. Obwohl es ein Scheißjob sein könnte. Obwohl „die mich ja eh nicht einladen.“ – Don’t think. Just send it. Send your blowball application. Period.