Unter dem Titel „Konfliktlösungen ohne Verlierer“ gibt es in einem der vielen für mich dauerhaft inspirierenden Bücher, in Thomas Gordon’s „Gute Beziehungen“ einen Absatz, der einen spannenden Zusammenhang zwischen Beziehungsgestaltung, Konfliktlösungen und Demokratie aufmacht.

Ich zitiere den Absatz daher in aller Länge und Breite und hoffe, dass die Besitzer der Urheberrechte das nicht als Verletzung ihrer Rechte, sondern als kostenlose Werbung für das Buch verstehen:

„Konfliktlösungen ohne Verlierer

Gute Kommunikation führt unter anderem zu der Entdeckung, dass Konflikte, egal wie offen und ehrlich die Beziehung ist, unvermeidlich sind. Ich sage unseren Teilnehmern: „Ihr könnt noch so liebevoll, fürsorglich bemüht sein, in einer noch so wunderbaren Beziehung leben, ihr werdet trotzdem Konflikte haben.“ Viele Menschen trifft das hart. Verständlich, wenn man bedenkt, wie lang, blutig und unrühmlich die Geschichte des Konflikts ist. Im Lexikon heißt es: Aufeinanderprallen widerstreitender Auffassungen, mit kriegerischen Mitteln ausgetragene Auseinandersetzung, Zwiespalt, Widerstreit aufgrund innerer Probleme. Die Aufzählung geht noch weiter, und der Rest ist genauso unerfreulich.

Schauen Sie sich die Abendnachrichten an, wenn Sie die Lexikondefinition mit Leben erfüllen möchten. Da finden Sie reichlich kriegerische Auseinandersetzungen, Zwiespalt, Widerstreit. In Afrika, im Nahen und Mittleren Osten. Im Parlament. In Fernsehserien.

In Fernsehserien?

O ja. Es gibt eine Menge Konflikte auf dem Bildschirm. Muss das sein? Nun, in den Daily Soaps ganz bestimmt. Würden beispielsweise die Akteure in Gute Zeiten, Schlechte Zeiten Ich-Botschaften verwenden, einander urteilsfrei zuhören und sich an die in diesem Kapitel beschriebenen Verfahren halten, wären die Konflikte bald gelöst und die Serie zu Ende. Denn die Zuschauer lieben dramatische Verwicklungen in Fernsehserien – Streit, Hass, Verrat und Konflikt. Doch als Vorbilder für intakte Beziehungen sind sie denkbar ungeeignet.

Es gibt viele gute Beziehungsmodelle, doch die kommen gewöhnlich nicht im Fernsehen. Ihre Merkmale sind Ehrlichkeit, Offenheit, Zuwendung, Mitgefühl und Demokratie.

Nur zögernd verwende ich das Wort Demokratie. Jahrelang haben wir nach einem besseren Wort gesucht, einem Wort, das die Eigenschaften wiedergibt, die wir mit intakten Beziehungen verbinden. Wahrscheinlich trifft Demokratie die Sache, doch fast jeder denkt bei dem Wort an Wahlen, Politik und Regierungen; das meinen wir natürlich nicht, sondern eine zwischenmenschliche Demokratie, die Gerechtigkeit, Gleichheit und Gegenseitigkeit verwirklicht, also das genaue Gegenteil von autoritären, hierarchischen Beziehungen, die nicht nur Diktaturen charakteristisch sind, sondern auch für viele Organisationen und Familien.

Wenn ich von „Demokratie“ und „demokratischen Methoden“ rede, meine ich also eine Beziehung, die fair und für beide Seiten befriedigend ist, vor allem auch dann, wenn wir nicht einer Meinung sind.

Definieren wir Konflikte als Kämpfe, bekommen wir Schwierigkeiten. Kämpfe sind Nullsummenspiele, das heißt, zu jedem Gewinner muss es einen Verlierer geben. Solche Spiele können nur gewonnen oder verloren werden oder unentschieden enden. Alle unseren populären Sportarten sind Nullsummenspiele, und genauso gehen viele Menschen mit Konflikten um. Sie veranstalten Nullsummenspiele, gewinnen ein paar, verlieren ein paar und verwenden viel Zeit und Energie darauf, Strategien zu entwickeln, um die Häufigkeit von Niederlagen zu minimieren und die von Siegen zu maximieren. Doch wenn wir Konflikte als Probleme definieren ist unsere Ausgangslage viel besser: Probleme lassen sich lösen, jeder kann seine Bedürfnisse befriedigen und alle können gewinnen.“ (Thomas Gordon: „Gute Beziehungen“, S. 98 f.)

Ich weiß nicht, wie es anderen beim Lesen dieser Ausführungen geht. Für mich ist es überaus spannend, dass der Begriff „Demokratie“ in so einem Zusammenhang auftaucht. Und auch, dass Gordon sowohl Zweifel an dem Begriff äußert als auch seine Unfähigkeit, einen besseren Begriff zu finden.

Interessant ist zudem das klare Absetzten des Begriffs „Demokratie“ von den uns bekannten Institutionen, die wir für gewöhnlich mit Demokratie identifizieren, die bei einem solchen Verständnis von „demokratisch“ aber ausgesprochen undemokratisch daherkommen. – Regelmäßig lesen wir ja davon, dass Streit „die Demokratie belebe“ und wir haben uns auch längst daran gewöhnt, dass Berufspolitiker leicht durchschaubare politische Dramen inszenieren müssen, um Aufmerksamkeit und Zustimmung für ihre spezifische Agenda zu generieren.

Demokratie in ihrer jetzigen Verfassung scheint ein win-lose-Spiel zu sein, bei dem diejenigen Politiker gewinnen, die im Inszenieren von unlösbaren Konflikten und Dramen am geschicktesten sind. Eine Demokratie, die wir über Parteinahme und Konkurrenz durch Wahlen organisieren, hat wenig mit Zuhören, dafür viel damit zu tun, dass man andere Menschen wie Bösewichte aussehen lassen kann, „vor denen die Demokratie bewahrt werden muss – Darum wählen Sie mich!“

Es wäre völlig unangemessen, das denjenigen Menschen zum Vorwurf zu machen, die in diesem System Politiker sind. Politikerschelte ist selbst systemerhaltend, denn sie unterstellt, dass Berufspolitiker im gegebenen System auch anders handeln könnten.

Wenn wir partout mit Vorwürfen agieren wollen, tut wir gut daran, unser eigenes Denken, Reden und Handeln zu hinterfragen: Denn wir selbst selbst erlegen Berufspolitikern ja jenes System auf, das sie zwingt, genau so zu agieren, wenn sie „gewinnen wollen“. Wir selbst zwingen sie durch unsere Bejahung von Parteibildung und Wahlen zu einem für uns alle äußerst schädlichen Verhalten. Wir selbst haben durch unsere Identifikation von Demokratie mit Parteien und Wahlen ein Spiel geschaffen haben, in dem es „ums Gewinnen geht“ während man andere dabei zu Verlierern macht.

Wir nennen dieses Spiel zwar „Demokratie“. Behalten wir aber das oben skizzierte Verständnis von Demokratie im Hinterkopf, nach dem es bei Demokratie um Konfliktlösungen ohne Verlierer geht, hat unser derzeitiges politisches Spiel die Bezeichnung Demokratie aber sicher nicht verdient. – Dafür gibt es auch noch viele weitere Indikatoren. U.a. den, dass unsere derzeitigen politischen Prozesse relativ wenigen Menschen einen sehr privilegierten Zugang zu politischen Entscheidungen verschaffen, während zugleich andere Menschen von politischer Einflussnahme systematisch ausgeschlossen werden. Das zeigen selbst Studien, die von unserer Bundesregierung selbst in Auftrag gegeben wurden.

Konfliktlösungen ohne Verlierer generieren wir über eine Wahl- und Parteiendemokratie jedenfalls nicht.

Auch die Vermittlung von Politik über Medien ist wenig dazu geeignet, eine demokratische Kultur des wechselseitigen Verständnisses und Respekts aufzubauen. Manchmal könnte man ja glauben, dass so eine Kultur völlig unmöglich sei. Vor allem dann, wenn man gerade mal wieder sehr viel Medien konsumiert und sehr wenig seine real-life-Beziehungen gepflegt hat. Denn dort sind die Vorgänge und Prinzipien, die Gordon beschreibt, für uns völlig selbstverständlich. Oder zumindest ahnen wir doch, dass sie dort sehr gut funktionieren und uns deutlich bessere und für alle sehr viel befriedigendere Beziehungsergebnisse bringen.

Gute Beziehungen mit Vertrauensbildung als Basis für neuartige Lösungen, die allen dienen, brauchen körperliche Anwesenheit im gleichen Raum. Rein virtuell sind solche Innovationen nicht möglich, weil dann jeder – mangels Vertrauen, wirklich gehört zu werden – nur seine Positionen verteidigt und sich dabei weder gedanklich noch emotional nennenswert bewegt. Nur die Angriffe „auf’s andere Lager“ werden immer ausgefeilter. Man könnte auch von „medialer Hochrüstung“ sprechen. Oder von einem „heißen virtuellen Krieg“. – Nutzen tut so etwas keinem einzigen Menschen. Keiner bekommt auf diese Weise das, was er wirklich will.

Was also hindert uns, die Prinzipien, die ja nicht nur Gordon vertritt, sondern für die es zahlreiche gut beschriebene Modelle gibt, auf die Gestaltung unserer politischen Beziehungen zu übertragen?

Die schiere Zahl an Bürgern? – Deswegen haben wir ja Repräsentanten.

Ich denke, das ein geloster Bürgerrat uns den Raum bietet, auch in dem Sinne „echte Demokratie“ zu leben, den Thomas Gordon oben beschreibt: Dort entstünde ein physischer Raum für diejenige „Zwischenmenschliche Demokratie“, von der er spricht.

Man kann es Berufspolitikern schlecht vorwerfen, dass sie nichts Ähnliches leisten können. Man kann es Berufspolitikern nicht zum Vorwurf machen, dass sie zu wenig zuhören, dass sie nach strategischen Kalkülen handeln, die politische Wettbewerber aus dem politischen Ring kegeln sollen. – Man kann es aber uns selbst vorwerfen, dass wir dieses Spiel weiter mitspielen und befeuern, indem wir weiter von Berufspolitikern erwarten, Dinge zu tun, die sie gar nicht tun können.

Geloste Bürger haben Spielräume, die gewählte Berufspolitiker niemals haben können. Zugleich haben geloste Bürger keine Machtinteressen, von denen Berufspolitiker auch trotz aller „checks and balances“ niemals ganz frei bleiben können. Geloste Bürger haben Bedürfnisse. Sie repräsentieren die Bedürfnisse, die wir in unserem Alltag tatsächlich alle haben. Und darüber, darüber kann man reden. Darüber kann man sich austauschen. Damit kann man über sich hinauswachsen.

Demokratie wird auf diesem Weg zu einer „Keiner-verliert-Methode“.

Mir fällt kein Grund ein, aus dem man dagegen etwas haben könnte.