Oder: Radikaldemokratischer Bekennerbrief des Vaters eines 9-Jährigen.

Unsere bisherige Karriere als Eltern eines heutigen Schulkinds ist schnell umrissen: Erst wollten wir unseren Sohn Tobias auf eine Sudbury-Schule schicken, die gerade in Gründung war. Dann zog diese Schule auf’s Land, 70 km entfernt, weit außerhalb unserer Reichweite. Dann sahen wir uns zwei Alternativschulen an und hatten als Familie einvernehmlich den Eindruck, dass diese Schulen durchaus mal fortschrittlich waren – In den 1960er Jahren vielleicht. Daher wurde es dann doch die Regelschule, von der uns alle abgeraten hatten.

Zu unserer großen Erleichterung stellte sich heraus: Diese Regelschule war in Kombi mit dem Hort für uns mehr als nur in Ordnung. Wir haben einen Hort, der nach meinem Empfinden recht nah dran am Sudbury-Konzept ist, nur halt eben einfach so, völlig ohne Ideologie. Grund: Die Erzieher dort, die vor allem auch miteinander  gut umgehen und dadurch eine richtig gute Atmosphäre schufen, in der sich die Kinder wirklich wohlfühlen. Das klingt jetzt vielleicht esoterisch: Aber sowas kann man einfach spüren. – Gerade im Vergleich mit einem Kindergarten, den wir hatten. Und im Vergleich mit eben jenen Alternativ-Schulen, die wir uns im Vorfeld zu dritt angeschaut hatten.

Auf der Regelschule selber waren alle Lehrer Frauen. Das fand und finde ich ziemlich krass. Auch hier war und ist unser Hort ein Ausgleich, denn dort sind 3-4 Männer zugange. Mit sehr präsentem Hausmeister sind es sogar 5. Also auch in dieser Thematik bei uns: Große Zufriedenheit. Verschiedene Rollenbilder allerlei Geschlechts, aus denen sich die Kinder individuell das suchen können, was ihnen zusagt und für sie gerade stimmig ist: Haken dran.

Entscheidend aber war: Die Klassenlehrerin in der 1. und 2. Klasse. Tobias kam nach Hause und sagte Dinge wie: „Ja, die muss halt auch mal streng sein. Die macht das genau richtig.“. Sowas erstaunt einen als Eltern dann doch etwas. Man nimmt es zur Kenntnis und freut sich.

Den ganzen Mist mit den Bewertungen, diese Farbe müssen die Hefte haben, so musst Du schreiben, sinnlose Hausaufgaben, etc. haben wir gut ertragen können, weil wir das Gefühl hatten: Die Klassenlehrerin mag Tobias, die beiden können miteinander reden, er kommt ausgeglichen nach Hause und scheint die Schule nicht spektakulär, aber doch ziemlich in Ordnung zu finden. Das hatten wir so eigentlich nicht unbedingt erwartet. Wir waren beruhigt.

Dieser Eindruck bestätigte sich auch im „Lernentwicklungsgespräch“, das sich unsere Regelschule genau im Jahr der Einschulung von Tobias entschied einzuführen (anstelle von Zwischenzeugnissen). Unser Sohn musste sich vorher auf verschiedenen Fächern auf nem Zettel selbst einschätzen (Skala 1-4) , das musste er abgeben, dann bewertete die Lehrerin  und dann unterhielten die beiden sich miteinander darüber in unserem Beisein, wobei wir größtenteils nur interessierte Zuhörer waren. Tobias hatte sich fast überall negativer eingeschätzt als die Lehrerin. Sie einigten sich darauf, dass er sich beim Schönschreiben mehr Mühe geben sollte. Ansonsten viel Lob, gute Chemie und „weiter so“. Nun ja. Man kann blödere Abende haben als Eltern.

Schöne Scheiße, wenn ein Scheißsystem nicht menschlich verwässert wird

Tja, und dann kam der Klassenlehrerwechsel. Und da hat uns nun mit voller Wucht getroffen, was es heißt, wenn Old-School-System auf Old-School-Mindset trifft. Wir haben es erst nicht gecheckt, weil ja alles lief. Tobias war z.B. extrem selbständig mit den Hausaufgaben, wir genossen, uns da nicht mehr kümmern zu müssen. Dann kamen so merkwürdige Einträge im Hausaufgabenheft, Tobias würde keine Hausaufgaben machen. Wir fragten ihn und er erzählte, dass er oft nicht verstehen würde, was die neue Lehrerin eigentlich wollte und dass ihre Aufträge und Erklärungen für ihn widersprüchlich seien. – Dann durfte er nicht mit zum Schwimmunterricht, musste den halben Vormittag in einer 4. Klasse sitzen und Aufgaben lösen, „weil er wiederholt die Hausaufgaben nicht gemacht hatte“. Auf unsere Frage, warum er seine Lehrerin nicht einfach fragte, wenn er etwas nicht verstand, zitierte unser Sohn ihre Antwort: „Wer was nicht versteht, muss halt besser aufpassen“.

Nun haben wir nicht unbedingt den Eindruck, dass unser lieber Herr Sohn ein Engel ist. Er kann eklig sein, außerdem flippt er gern rum, wenn andere dabei sind und vor allem ist er gern so vertieft in das, was er gerade macht, dass er dann unansprechbar ist und nichts aus der Erwachsenenwelt mitbekommt. – Nur: Bisher war all das kein schlimmes Problem für irgendwen. Wir sprachen darüber mit unserer ersten Klassenlehrerin, wir sprachen darüber mit unserem Filius, er fand einen Weg mit ihr, sie fand einem Weg mit ihm. Die Basis war immer: Sie mochte ihn, ganz einfach, weil sie zu allen Kindern in der Klasse einen Draht aufbaute. Dabei gab es durchaus Regeln, es gab sogar Strafen, die sich aber immer eher wie wohlwollendes Feedback anfühlten und wie klare Signale, wo eben die Grenzen in einer Klassengemeinschaft liegen. Kurz: Es funktionierte. Und nach allem, was uns andere Eltern erzählten, ging es nicht nur uns so. Unsere erste Lehrerin war: Eine echte Klassenführungskraft. Im besten Sinne des Wortes.

Wir baten also um ein Gepräch mit der neuen Klassenlehrerin, das wir auch erstaunlich schnell bekamen und wofür wir sehr dankbar waren. Setting: Lehrerin, Schüler, Papa, Mama. – Ich verkürze das mal stark und gebe wieder, was als Haltung der neuen Klassenlehrerin bei uns ankam: Sie hat Erwartungen, es gibt einen zu habenden Leistungsstand, wo die Kinder wirklich stehen ist egal, alle müssen sich anpassen und unterordnen, wie es den Kindern geht, ist egal, „die Erwartungen sind halt in der 3. Klasse höher“. Und übrigens: Die Kinder können mich ja immer fragen, gell, Tobias? – Randbemerkung: Die liebe neue Lehrerin hatte bereits im Vorfeld, also noch vor dem Gespräch prophylaktischen Selbstwertschutz betrieben, indem sie sich mal ganz informell im Hort erkundigt hatte, ob es bei Tobias zu Hause vielleicht Probleme gäbe. Performative Botschaft: „An mir kann’s ja eigentlich nicht liegen.“ – Sowas hat man als Eltern immer gern.

Irgendwann im Gespräch hielt es meine Frau nicht mehr aus und fragte: „Was machen Sie eigentlich, damit die Kinder Vertrauen zu Ihnen aufbauen können? Wie machen Sie das?“ – Antwort: „Die Kinder vertrauen mir. Ich bin ja offen. Sie können ja immer zu mir kommen.“ – Was macht man an so einer Stelle im Gespräch, wenn man weiß, dass das eigene Kind diesem Menschen die nächsten 1 3/4 Jahre ausgeliefert sein wird? In jeder anderen Konstellation wüsste ich ziemlich genau, was ich auf so ein Verhalten sagen würde. Aber in dieser entschied ich mich, guten Wind zu machen. Kurz: Ich verhielt mich manipulativ und wir alle „hatten einen guten, konstruktiven Gesprächsabschluss“, der den Cortisolwert etwas absenkte. Unser Sohn selber war nach dem Gespräch sogar in einer Stimmung, die man „frohgemut“ nennen könnte. Das, was meine Frau, die die Sozialkompetentere von uns beiden ist, nach dem Gespräch sagte, werde ich öffentlich nicht wiederholen.

Habe ich schon erwähnt, dass ich meinen Zivildienst als „Klassenzivi“ in einer Montessori-Schule verbracht habe, in einer zunächst 2., dann 3. Klasse? Dort hatte ich folgende Erfahrungen gemacht: Ich hatte eine sehr autoritäte Klassenlehrerin, die die totale Kontrolle über die Klasse ausübte. Leider überforderte sie das selbst, so dass sie viel krank war und ich einspringen musste. Ich durfte als 19-jähriger dann an ihrer statt ihre sinnlosen Regeln einfordern und das funktionierte sagen wir mal „so lala“. Meine Klassenkinder spürten, dass ich nicht dahinterstehen konnte. – Das eigentliche Aha-Erlebnis war aber das Ende meiner Zivizeit, die damals 13 Monate betrug. Im Dezember, kurz vor Ablauf des 12. Monats kam die Direktorin zu mir und bat mich, den Januar, letzter Monat meiner Zivizeit bei einer 2. Klasse einzuspringen. Also bei einer Klasse, die ein Jahr jünger war als „meine“ mittlerweile 3. Klässler waren. Ich war nicht begeistert, ließ mich aber bewegen, das mitzumachen. Was ich da erlebte, kann ich kaum beschreiben: Diese 2.-Klässler waren unendlich viel selbständiger als meine 3.-Klässler! Nie vergessen werde ich einen Moment, als die dortige Klassenlehrerin, eine coole Frau mit Berliner Schnauze sagte: „Also, der Peter hat Geburtstag, richtet mal alles her.“ Und wie eine reibungslose Maschine und dabei sehr lebendig, spielerisch und gut gelaunt deckte die Klasse die Tische und bereitete das Klassenzimmer zum Feiern vor. Ohne irgendwelche weiter Anleitung. „Meine“ Kinder, die ein Jahr älter waren, hätten das nicht gekonnt. Nie im Leben. Es war für mich Live-Anschauungsunterricht, welchen Unterschied autoritäre Klassenführung und eine systematische Erziehung zur Selbständigkeit machen können.

Und nun haben wir also für unseren Sohn selber so jemanden: Einen jungen, selbstunsicheren Menschen, der sich in einem regelfixierten System an eben diese Regeln klammert, weil es eine eigene Urteilskraft (noch) nicht gibt. Der das Regelschulsystem exekutiert, statt es wie unsere Vorgängerlehrerin menschlich abzufedern. Ein Mensch, dem die Kinder nicht vertrauen, der den Lehrplan verabsolutiert, für den „nur die Leistung zählt“, mit Empathiefähigkeiten im Minusbereich. Dazu einen galaxisgroßer blinden Fleck auf der Ebene „ich bin ein offener Mensch, mit dem man reden kann“, der alles Vorausgegangene erst so richtig unangenehm macht. Denn Menschen, die wissen und dazu stehen können, wo ihre Grenzen liegen, können das meist irgendwie abfedern, um nicht zu sagen „managen“. Menschen, die ihre Probleme aber nicht mal anschauen können, weil sie für ihr Selbstbild bedrohlich sind, sind eine Geißel der Menschheit. Im Buddhismus gibt es dafür den schönen Ausdruck: „Die gibt es, damit der Buddha was zum üben hat.“ Dummerweise bin ich kein Buddhist.

Wut und Ohnmacht, Konsequenzen

Das alles taugt für eine generelle Schulsystemdiskussion nicht wirklich. Wenn, ja wenn die Frage nicht wäre, wie in einer „Schule der Zukunft“ mit einer ähnlichen Konstellation umgegangen würde: Gäbe es da wirklich auch solche unlösbaren „Kommunikationsprobleme“?

Bzw. die Frage, ob in einer Schule der Zukunft eine Konstellation wie unsere jetzige überhaupt entstehen kann. Gäbe es da wirklich „Klassen“? – Bei Sudbury gibt es die nicht. Gäbe es da wirklich Lehrer, die ihren Plan auf Gedeih und Verderb durchziehen? – Bei Sudbury gibt es keine Lehrpläne. Es gibt auch keine Klassenlehrer, mit denen man leben muss, obwohl man mit ihnen nicht leben kann. Das Zwischenmenschliche käme weit vor dem Aneignen von Kenntnissen und Fertigkeiten. Eine Schule der Zukunft hat es klipp und klar: Das Zwischenmenschliche ist die Basis alles weiteren. Ohne gute Beziehung ist alles andere einfach nur Mist, den man schnellstmöglich wieder vergisst.

Hören Sie sich mal um in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. Wann immer sie von einer Geschichte wieder Folgenden hören: „Am Anfang hat mir Mathe/Französisch/Biologie… total viel Spaß gemacht, aber in der X. Klasse wurde ich darin dann richtig schlecht“, ist der nächste Satz: „Ich habe mich mit diesem Lehrer einfach nicht verstanden. Der hat’s mir verleidet“. – Kann natürlich alles auch nur Selbstwertschutz sein. Ich habe solche Erzählungen aber nun schon ein paar Mal zu oft gehört, um das noch zu glauben. Ich sehe ein Muster, aus dem keine institutionellen Konsequenzen gezogen werden. Als Eltern mit Kind unter Schulpflicht bist Du am Arsch, wenn die Beziehung des Lehrers zu Deinem Kind gestört ist.

Fakt ist: Wir als Familie haben hier und heute 5-6 ganz pragmatische Möglichkeiten, was wir nun machen können:

  1. Wir können die Situation aussitzen, mit einem 9-Jährigen, der mittlerweile mit Sätzen nach Hause kommt wie: „Eigentlich soll Schule doch Spaß machen?“ und der sich beklagt, weil er nach 6 Stunden Schule noch eine Stunde im Hort an den Hausaufgaben sitzt und danach noch eine Stunde zu Hause. Wir können ihm die Empathie geben, die er von jener Lehrerin im Leben nicht bekommen wird, weil es sich um einen Menschen handelt, der sie selbst nie bekommen hat. Theoretisches Wissen kann hier Eigenerfahrung leider nicht ersetzen. – Aaaargh.
  2. Wir können die Lehrerin emotional einseifen und unserem Sohn so „gute Noten verschaffen“. Das wäre m.E. relativ leicht. Man muss da als Eltern nur die richtigen Knöpfe drücken, die richtigen Sätze sagen, im richtigen Moment nicken. – Ist ein bisschen ähnlich wie bei schlechten Chefs, die ebenfalls nichts schnallen, aber glauben, dass sie alles im Griff haben. Ein bisschen die Selbstunsicherheit ausgenutzt und manipuliert: Schon hätte unser Sohn in seiner Klasse das beste Leben.
  3. Wir können uns mit anderen unzufriedenen Eltern verbünden, frei nach dem Filmmotto: „Frau Müller muss weg!“. – Bisher vermeiden wir solche Gespräche mit anderen Eltern über unsere Klassenlehrerin bewusst, weil wir eigentlich die Ansicht haben, dass man miteinander, nicht übereinander sprechen sollte. – Mit diesem Blogbeitrag ist das Makulatur, wie viele bemerken werden.
  4. Wir können die Schule wechseln und unseren Sohn aus seinem Klassenverbund rausreissen, weg von seinen vielen Freunden im Hort, weg von den Erziehern, mit denen ihn eine gewachsene Beziehung verbindet.
  5. Wir können auswandern in ein Land, in dem „Homeschooling“ möglich und üblich ist. Australien soll z.B. ganz schön sein. – Lachen Sie nicht. Mir sind schon Eltern begegnet, die das aus genau den gleichen Gründen gemacht haben.
  6. Wir können spätnachts eine Bombe ins Schulgebäude werfen und schauen, ob das irgendwelche positiven Folgen hat. – Kleiner Scherz. Aber solche Fantasien hat man als Eltern manchmal, wenn man einem Schulsystem auf Gedeih- und Verderb ausgesetzt ist, das für ein Gespräch nicht offen ist.

Wenn es doch mal Probleme gibt, bedeutet solche fehlende Offenheit, Augenhöhe und Dialogbereitschaft deutlich mehr als nur, dass es gerade ein bisschen dumm läuft. Sie verschärft auch völlig banale und ausräumbare Probleme zu einer handfesten Vertrauenskrise in handelnde Personen, ins System und ins ganze verdammte Gesellschaftsgeschehen. Was leicht zu besprechen und zu lösen wäre, wird zu einer Krise, wo eben noch nicht einmal ein Hauch von Unzufriedenheit war.

Man kann natürlich auch Vernunft walten lassen und das Problem versachlichen. Als ob das irgendetwas nützen würde. Gegen alle Unvernunft der Vernunft kann man also Argumente bringen, mit denen man sich nochmal selbst bestätigt, „dass man im Recht ist“: In der Welt von heute bedeutet Wissen nichts mehr, weil man sich das einfach aus dem Netz zieht. Wissensinflation kann man dieses Phänomen nennen. In der Welt von morgen braucht es Menschen, die ihre Orientierung in sich selber und in guten zwischenmenschlichen Beziehungen finden, so dass Projektarbeit für sie ganz natürlich ist. Projektarbeit, in die sie sich die für dies Arbeit notwendigen Fertigkeiten aus sachlicher Notwendigkeit ganz natürlich aneignen. „On the job“, wie man so schön sagt. Und nicht aus Erfüllungsgeist gegenüber abstrakten Plänen, die sich irgendein Bürokrat ausgedacht hat, der nur aus angestaubten Theorien weiß, wie man mit Menschen gut zusammen sein kann. Vor allem mit kleinen, großartigen Menschen, von denen jeder Einzelne im Hauptberuf ein emotionales Wesen ist, der das Gefühl braucht, angenommen und akzeptiert zu sein. Und von denen jeder Einzelne im Nebenberuf ein geborenes Genie ist.

Den Gedanken, dass jeder, wirklich ausnahmslos jeder Mensch ein Genie ist, lehnen die meisten von uns nur deshalb ab, weil diese Einsicht einfach viel zu weh tut. Denn so wurden wir selbst als Kinder nicht behandelt. Die Lücke zwischen Realität und Bedürfnis ist bei den meisten von uns so groß gewesen, dass es sich leichter lebt, wenn man das eigene Bedürfnis verleugnet und damit der erlebten Realität seine persönliche Absolution erteilt: „So schlimm war es ja gar nicht.“

Und so als ob sie geborene Genies wären, so reden wir auch heute nicht über Kinder. Vor allem dann nicht, „wenn es Schwierigkeiten gibt“. Schwierigkeiten, die so gut wie immer aus fehlender Zuwendung hervorgehen. Schwierigkeiten, die zu personalisieren ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist. Ein System, das keine hinreichenden emotionalen Ressourcen zur Verfügung stellt, versucht sich von Anfang bis Ende immer dadurch selbst zu rechtfertigen, indem es den Einzelnen als untauglich, dumm, faul und gestört darstellt. Und wer ist man schon selber? Man ist ja nie „objektiv“, man ist ja immer „befangen“, wenn man sich hinstellt und sagt: „Dieses System hier, das ist untauglich, dumm, faul und gestört!“ – Die Menschen selber, die sind völlig okay. Du musst Ihnen halt auch geben, was sie brauchen. Und in diese Aussage sind an allererster Stelle die sogenannten „Lehrkräfte“ miteingeschlossen, die hauptberuflich ebenfalls erst mal Menschen sind, die viel brauchen, um für andere gut da sein zu können. Dinge, die sie in unserem derzeitigen Schulsystem so gut wie nie zur Verfügung gestellt bekommen. Wer diejenigen Menschen schlecht behandelt, die für unsere Kinder den größten Teil ihrer Wachzeit da sein sollen, behandelt uns alle schlecht. Niemand kann dauerhaft gut einen Job machen, der hohe Anforderungen an die eigenen Empathiefähigkeiten stellt, wenn ihm selbst nicht unerschöpfliche Quellen an Empathie zur Verfügung gestellt werden. Unsere Schulen sind nur an zweiter Stelle Kinder verachtend. An erster Stelle sind sie Lehrer verachtend.

Unsere Angst vor verwöhnten, verzogenen Gören, denen man es viel zu leicht gemacht hat, ist so groß in unserer Verachtungsgesellschaft, die sich als Leistungsgesellschaft bezeichnet, dass dabei völlig übersehen wird, dass es nie die emotionale Nähe selbst ist, die einen solchen Habitus „züchtet“, den wir befürchten. Emotionale Nähe ist vielmehr das, was anti-soziale Haltungen bei Heranwachsenden genauso wie bei Erwachsenen wirksam auflösen kann. Denn wenn ich emotional wirklich nah dran bin, realisiere ich auch sehr deutlich, wann jemand etwas sehr gut selber kann und gerade keine sachliche, praktische oder theoretische Hilfe von mir braucht. Oder deutliches Feedback auf der Basis einer für den Feedbackempfänger bedeutsamen Beziehung. Emotionale Nähe hat nichts mit übertriebener Weichheit oder Unterforderung zu tun. Sie ist Voraussetzung dafür, dass ich nah genug dran bin. Voraussetzung dafür, dass ich überhaupt mitkriegen kann, was menschlich gerade Sache ist und was hier und jetzt angemessene Reaktionen sein können. – Unser System ist so pervers, dass es Kindern mit der emotionalen Nähe genau diejenige Ressource entzieht, deren Entzug genau diejenigen Probleme entstehen lässt, die uns dann Angst machen, ein deutlich empathischeres Schulsystem zu wagen. Das Motto unseres derzeitigen Schulsystems ist: „Erzeuge die Probleme selbst, als deren Lösung du dich dann präsentieren kannst.“

Unser demokratischer Staat lässt es zu, das in seinen Schulen autokratische Befehlsempfänger und Gehorsamsanbeter gezüchtet werden. Statt Selbständigkeit in Angenommenheit zum Prinzip des Lernumfelds Schule zu machen, schickt unser demokratischer Staat seelisch verkümmerte Menschen in ein als Konkurrenz- und Karrieresystem gebautes System namens „Schule“. Menschen, die unter diesen Bedingungen sicher nicht gut mit Kindern umgehen können, denen dafür dann aber ein liebevoller Therapeut sehr gut täte. Oder Peer-Feedback. Oder zugewandte Mentoren, verständige Supervisoren oder was an zwischenmenschlichem Halt auch immer. Aber so wie jetzt, da züchtet unser System Menschen, die sich zunächst selbst und dann eben auch die ihnen anvertrauten Kinder über messbare Leistung definieren. Und bei all dem bleibt die Frage auf der Strecke, ob das Gemessene auch nur ansatzweise sinnvoll ist, wenn es eigentlich um die Vorbereitung auf’s spätere Leben gehen soll. Ich kann nicht beschreiben, wie speiübel mir gerade ist… In der Stimmung, in der ich im Moment bin, würde ich sogar seeeeeeehr anspruchsvolle Empathietests befürworten (Tests, die ich selbst nicht bestehen würde), als Grundzugangsvoraussetzung dafür, dass man heutzutage Lernbegleiter von heranwachsenden Menschen werden darf. Natürlich weiß ich, dass solche Tests Unsinn sind. Aber wenn man wütend und verzweifelt ist, macht Unsinn plötzlich Sinn.

Meine Wut fragt: Was gibt es wertvolleres als mein verdammtes Kind? Meine Verzweiflung fragt: Was gibt es wertvolleres als die nächste Generation von Menschen, die diejenigen Fähigkeiten kultivieren können müssen, die sie dringend brauchen werden, um recht üble Zukunftsaussichten halbwegs friedlich miteinander zu regeln?

Fromme Wünsche, in elterlicher Umnachtung verfasst

Wenn ich trotz meiner momenaten Rage zwei Wünsche an die Schule von heute formulieren dürfte, wären es folgende:

1.) Es geht in der Schule für Morgen ausschließlich um den Erwerb sozialer Kompetenzen und um nichts anderes. Wissen und Fähigkeiten kommen nebenher, wenn man Kinder machen und entlang ihrer natürlichen Interessen lernen lässt und sie dabei genau dann begleitet, wenn sie von selber den Wunsch danach äußern. Dabei entstehen ganz natürliche, interessengeleitete und intrinsisch motivierte Projekte, in die sich andere Kinder einklinken. Dabei lernen beispielsweise auch ältere Kinder von jüngeren Kindern. Und es herrscht ein durch und durch „unternehmerischer Geist“ in der Schule. Externe Vorgaben und Kadavergehorsamsmentalität: Fehlanzeige. – Von mir aus können wir daher flächendeckend auf Sudbury-Schulen umstellen.

2.) Lasst unsere Kinder selber entscheiden, wer unter ihnen Lehrer sein darf. Wenn die Schüler der Meinung sind, bestimmte Lehrer seien für sie nicht hilfreich, fliegen sie von der Schule. – Auch das ist in Sudbury-Schulen bewährte Praxis. Eltern wie ich sollten dabei allerdings nicht mitreden. Dafür bin ich persönlich viel zu emotional. Mein Sohn z.B. ist in dieser Hinsicht viel besonnener und vernünftiger als ich.


Offenlegung:

Meine Frau hat ihre Schulzeit als Anpassungshochdruckzelle erlebt und ist davon traumatisiert, soweit ich das als Nicht-Psychologe einschätzen kann. Im Studium hat sie dann aus purer Rebellion katholische Theologie studiert anstatt Jura oder sonstwas Anständiges; sie hat Party gemacht, die Welt bereist und es sich zusammen mit Studien-Freunden gut gehen lassen, mit denen sie auch heute noch in gutem Kontakt ist. – Ich fand meine Schulzeit im Großen und Ganzen ganz okay, hatte in der Grundschule zwei Klassenlehrer, die ich wirklich liebte. Der große Frust kam bei mir erst in der Kollegstufe und hatte mit der Schule selber eher weniger zu tun. Dass man dort einige Fächer selber wählen konnte, fand ich damals großartig und hab ich dann im Studium konsequent und fahrlässig ausgeweitet. Professoren und Fächer, die nervten, habe ich damals – vor Bologna – so einfach gewechselt wie andere Leute ihre… Nunja.

Dann ziemlich ernüchternde Erfahrungen in der Arbeitswelt. Dadurch der Impuls, sich mit selbstbestimmtem Arbeiten auseinanderzusetzen. Dann ein eigenes Kind. – Und natürlich hat man Ängste: „Was wird die schlimme, schlimme Regelschule nur aus meinem wunderbaren Kind machen?“

Wir entschieden: Mit noch nicht ganz 6 Jahren ist unser „Ich will einfach nur spielen“-Junge noch zu klein für die Schule, wie wir sie erwarteten. Wir hatten Glück und fanden eine „Übergangslösung“: Eine Vorschule, Elterninitiative mit Verein als Träger, 1 Jahr, 20 Kinder, 2 1/2 Erzieher, die sich da offensichtlich pädagogisch selbst verwirklichten, frei von irgendwelchen Ideologie- und Systemzwängen, beide waren uns beiden sehr sympathisch, nur dass man als Eltern jede Menge Initiative zeigen musste (Hausmeisterdienste, Putzdienste, Begleitdienste, etc.). Da hatten wir Null Bock drauf. Aber Scheiß drauf, wir haben eben nur das eine Kind. Sohn mitgenommen, investigativ befragt und beobachtet, wie er’s so findet. Von ihm für gut befunden. Also mitgemacht, im großen und ganzen waren wir alle drei damit glücklich und zufrieden. Und wir als Eltern hatten das Gefühl, genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Bis zu Tobias‘ neuer Lehrerin, die wir uns nun als „Lernerfahrung fürs Leben“ verkaufen. Unterschiede kann man ja nur erkennen, wenn man Unterschiedliches erlebt. Dass es sich gerade superscheiße anfühlt, ist also eigentlich super und wird unseren Sohn ganz großartig auf das wahre Leben vorbereiten. Ich kann aber nicht dafür garantieren, dass wir so weise bleiben. Vielleicht werden wir…

 

 

 

 

Advertisements