In einigen Artikeln zu #NewPay wurde ja behauptet, Zeit sei die neue Währung der Arbeitswelt. Oder zumindest eine gute Währung für eine neue Arbeitswelt. Siehe z.B. hier und hier. – Ich möchte an dieser Stelle mal dagegenhalten und behaupten: Empathie wäre eine deutlich bessere Währung.

Einer der größten Skandale unseres heutigen Wirtschaftssystems ist unsere Bereitschaft, die Empathiebereitschaft von Menschen auszubeuten, die im weitesten Sinne „care-Arbeit“ leisten. Dazu gehören auch und vor allem: Gute Führungskräfte.

Diese Menschen sind von sich aus bereit, „sich zu kümmern“, Interesse zu zeigen, auf Befindlichkeiten einzugehen, wo es möglich ist, und mit den Enttäuschungen umzugehen, wo es nicht möglich ist. Sie sind bereit, die Arbeit zu leisten, die darin besteht, ständig zu differenzieren: Zwischen den unterschiedlichen Menschen, mit denen sie arbeiten. Das ist – so darf ich sagen – Schwerstarbeit. Denn unser Hirn ist so konstruiert, dass es sich ständig „Boxes“, zu deutsch: Klischees konstruiert. Das ist ökonomisch. Und Ökonomie ist nicht nur das Prinzip unserer Wirtschaft, sondern auch das Prinzip unserer Hirntätigkeiten.

Menschen nehmen es einem aber übel, wenn man sie nicht in ihrer Individualität und Besonderheit wahrnimmt. Wenn man nicht sieht, was sie selber können. Wenn man nicht sieht, wann sie Unterstützung brauchen. Wenn man ihre Besonderheit bewertet. Sogar wenn das aus reiner Zeitknappheit, aus eigenem Stress und unabsichtlich geschieht. – Das hat Folgen. Für alle Arbeitszusammenhänge.

Menschen, die hier auf eigene Rechnung dagegenhalten, egal in welcher Rolle, leisten die wichtigste Arbeit, die es in Sozialen Systemen zu tun gibt. – Doch das Problem ist: Sie leisten sie heute auf eigene Rechnung. Sie werden dafür nicht bezahlt. Sie werden dafür nicht belohnt. – Unsere sozialen Systeme sind in dieser Hinsicht völlig parasitär aufgestellt: Sie zehren von der individuellen Empathiebereitschaft einzelner „Helden der Arbeit“, die aus eigenem Antrieb die systemischen Verwerfungen vermitteln und abschwächen, die sonst in ihren ganzen katastrophen Auswirkungen auf alle Beteiligten durchschlagen.

Wer jemals einen guten Kollegen/Chef/Hauptkunden/Dienstleister/Lehrer/Arzt/etc. hatte, der dann plötzlich weg war und durch einen weniger empathischen Zeitgenossen ersetzt wurde, weiß unmittelbar, wovon ich hier spreche.

Wir haben ein System der Empathieausbeutung geschaffen und dulden, dass es fortbesteht.

Nun könnte man sagen: Ja, aber zumindest, was Chefs angeht, werden die doch sehr gut bezahlt! – Zumindest besser bezahlt, als diejenigen Menschen, die sie „führen“ sollen.

Darauf möchte ich zwei Dinge erwidern:

1.) In wie vielen % der heutigen Unternehmen ist es der Fall, dass das Gehalt von Führungskräften, Managern und CEOs davon abhängt, wie empathisch sie sich im Arbeitsalltag verhalten? – Ich möchte behaupten: Es gibt hier in 99% der Unternehmen keinerlei Zusammenhang. Und wenn doch, dann dürfte er negativ sein.

Das heißt im Klartext: Menschen in solchen Positionen werden gerade nicht für Empathie-Verhalten entlohnt. Sondern schlicht dafür, dass sie die Position bekleiden. Unabhängig davon, wie empathisch sie diese ihre momentane Rolle interpretieren.

Wer als Chef empathisch ist, ist es – wie gesagt – auf eigene Rechnung.

2.) Und selbst wenn wir Chefs deutlich besser bezahlen würden, die vor allem in ihrer „Empathieperformance“ (wenn denn so ein Ausdruck irgend Sinn macht) besser sind: Ist das wirklich die Art von Entlohnung, die gerade solche Menschen haben wollen?

Auch hier möchte ich eine dreiste Behauptung aufstellen: Nein. Das ist nicht das, was diese Menschen brauchen und wollen. Sie wollen zwar – wie alle Menschen – anständig bezahlt werden. Betrachten Geld also als Hygiene-Faktor. Aber was eigentlich nicht stimmt, ist die persönliche Empathie-Bilanz solcher Menschen.

Sie geben Empathie, aber sie bekommen keine. – Natürlich gibt es „gottähnliche“ Superhelden in der Arbeitswelt, die das über Jahre, sogar Jahrzehnte durchhalten. Aber den meisten Menschen von diesem Kaliber, die ich kennenlernen durfte, geht es persönlich schlecht. Sie jammern oft nicht mal rum. Sie sind es einfach schon gewohnt, Empathie zu geben ohne Empathie zu bekommen.

Wir haben Anti-Anreize für Empathieverhalten in unseren sozialen Systemen, vor allem in der Arbeitswelt, die von einzelnen, stark intrinsisch motivierten Menschen so gut es eben geht ausgebügelt werden.

Im großen und ganzen ist unsere Arbeitswelt eine „Arschlochisierungs-Maschine“, die Menschen systematisch zu unempathischen Verhalten erzieht.

Menschen, die die Probleme auffangen, die daraus für uns alle entstehen, werden für ihre Eigeninitiative auf diesem Gebiet bestraft. Und das, obwohl uns diese ganzen Läden genau in den Momenten um die Ohren fliegen, in denen diese Menschen ausfallen.

Klug ist anders. Kluge Systeme sind anders gebaut.

Empathie wie Geld: Hygienebedingung für gutes Unternehmertum

Nun haben ja Worte wie „Empathiebilanz“ und „Empathieperformance“ einen eher komischen, wenn nicht schrecklichen Klang für die meisten von uns. Und das sicher nicht ohne Grund.

Das weist darauf hin, dass mit meiner Forderung „Empathie als Währung“ irgendetwas problematisch ist: Wie soll denn da „die Bezahlung“ aussehen? Wie die Prozesse? Wie die Systeme? Wie soll man denn sowas institutionalisieren? – Noch im ersten Augenhöhe-Film kann man ja eine Protagonistin des Films behaupten hören (eine Mitarbeiterin von Systelios), dass eben das leider nicht ginge.

Aber ist das wirklich ein so ganz andersartiges Problem wie beim Thema Bezahlung von Geld? – Auch hier stellen wir seit Jahrzehnten fest, dass „Geld als Anreiz“ eben nicht funktioniert. Dass uns das als Menschen nur extrem kurzfristig motivieren kan. Dass es also gar nicht um „Be-Lohnung“ gehen kann bei der Bezahlung, sondern höchstens um „Ent-Lohnung“. Nicht ganz unähnlich wie beim Ehrenamt, wo wir von „Aufwandsentschädigung“ sprechen. Im Gegensatz zur „Arbeit“ zahlen wir im Ehrenamt Geld nicht mit dem Anspruch, dass jemand von diesen ehrenamtlichen Einkünften auch seine finanziellen Bedürfnisse vollständig befriedigen kann. – Dieser Anspruch an „Arbeit“ ist eine ganz eigene Diskussion wert, die ich hier nicht weiterverfolgen will. Er würde mitten hinein in „das Wesen von Arbeit“ führen. Oder pragmatischer: In eine Diskussion, was wir heute alles als Arbeit gelten lassen wollen. Und inwieweit das etwas mit Bezahlung durch: Zeit, Geld, Empathie zu tun hat. Oder nicht. „Und wenn ja, wie viel“…

Wenn Geld also ein Hygienefaktor ist, dem Unternehmen gerecht werden müssen, dann können wir genauso gut sagen, dass Empathie ein Hygienefaktor ist. – Und dass dieser Hygienefaktor in den allermeisten Unternehmen nicht mal ansatzweise erfüllt ist.

Das Bezahlungsniveau in Geld mag in vielen Unternehmen ganz in Ordnung sein. In manchen mehr, in manchen weniger. In manchen ist es fantastisch hoch. In manchen ist es katastrophal niedrig. In manchen Unternehmen gibt es beides gleichzeitig, nur für unterschiedliche Rollen.

Aber das Empathieniveau in Unternehmen ist flächendeckend katastrophal niedrig.

Und hier springen eben Menschen ein, die aus eigenem Antrieb „mit anderen empathisch sind“: Mit Kunden, mit Kollegen, mit Mitarbeitern, mit Dienstleistern, mit Investoren, mit Nachbarn des Unternehmens.

Alle diese Menschen werden heute von uns empathisch ausgebeutet, auch wenn sie nicht zwingend alle finanziell ausgebeutet werden.

Zwar ist das Gehaltsniveau in Care-Berufen tatsächlich skandalös niedrig, eben weil Menschen bereit sind, solche Arbeit zu machen, ohne dass man ihnen „Schmerzensgeld“ dafür zahlt. Weil sie das als unmittelbar sinnvoll erleben. Weil sie sich durch den Sinn, den sie sich selber schaffen in ihrer Arbeit, selbst bezahlt fühlen. – Doch es gibt viele heimliche Care-Rollen, die durchaus besser bezahlt werden. Und in diesen beruflichen Rollen geht es den Menschen, die ich kenne, keineswegs besser, nur weil ihre Bezahlung besser ist.

Ich bitte darum, das nicht misszuverstehen: Das hier soll keine Argumentation dafür werden, unsere arschlochhaft niedrige finanzielle Ausstattung des gesamten sozialen Sektors beizubehalten. Wenn es nach mir geht, bezahlen wir Altenpfleger, Erzieher, Lehrer, etc. besser als die anderen Rollen in unserer Arbeitswelt.

Aber ich möchte darauf hinweisen, dass diejenigen, die sich „auf Arbeit“ unmittelbar um Menschen kümmern, an erster Stelle eine Ausstattung brauchen, die mit ihnen selbst empathisch ist. – Das erscheint mir sogar noch dringlicher.

Ich wette beispielsweise, dass wenn wir eine Umfrage machen, ob es Altenpflegern wichtiger ist, deutlich mehr Geld für ihre Arbeit zu bekommen, oder eben Arbeitsbedinungen, Ressourcen und Unterstützung, die ihnen ermöglichen, ihre Arbeit an Menschen als sinnvoll und nicht erschöpfend zu erleben, sich eine überwältigende Mehrheit von Menschen für sinnvoller Bedingungen entscheiden würden. Und nicht für die bessere Bezahlung.

Das wäre für mich Empathie. Empathie als Währung im Arbeitsleben.

Wie gesagt hätte ich persönlich gern beides: Wer sich wirklich täglich um andere kümmert, verdient mehr als jemand, der sich um anderes kümmert als unmittelbar um Menschen. Weil unmittelbar Arbeit mit Menschen so ziemlich das anstrengendste ist, das es heute gibt.

Aber noch wichtiger wäre mir „Empathie als Währung“: Dass wir als Gesellschaft wahrnehmen, was Menschen brauchen, die unmittelbar für andere Menschen da sein müssen, sollen und wollen.

Und ja: Ich habe Sorge, dass das systematisch finanziellen Automatisierungsdruck erzeugt in einem Bereich, wo wir besser nicht automatisieren.

Aber die Frage ist eben auch, ob „Ökonomie“ in allen unseren Lebensbereichen das passendste Prinzip ist, um Dinge zu entscheiden.

Wir haben das jetzt ein paar Jahrzehnte lang gemacht. Ich finde: Die Ergebnisse sprechen für sich.

 

 

 

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