Eine klientenzentrierte Therapie unserer Gesellschaft

Ich muss gestehen: ich habe mich nie eingehender mit Carl Rogers‘ und seiner „Klientenzentrierten Therapie“ beschäftigt. Es gab zwar mehrere Anläufe dazu, aber es kam nie zum Äußersten.

Was mich dagegen schon vor längerer Zeit sehr beeindruckt hat, ist der Umstand, dass aus der Reihe der „Schüler“ von Carl Rogers so viele und so verschiedene produktive Therapieansätze hervorgegangen sind. Für mich nenne ich sie „die vier apokalyptischen Reiter“ der Psychotherapie:

Frank Farrelly (Provokative Systemarbeit), Marshall Rosenberg (Gewaltfreie Kommunikation), Eugene T. Gendlin (Focusing) und Thomas Gordon (Beziehungsarbeit).

Dass unsere Gesellschaft als ganze schwer gestört und zutiefst neurotisch ist, setze ich für hier einmal als bekannt voraus¹²³ und spare mir die Aufzählung von signifikanten Indikatoren. 😉

Was aber soll das dann heißen „Therapie einer Gesellschaft“? Wie soll das gehen, erfolgreiche Ansätze psychopraktischer Arbeit auf die aktive Wandlung unserer Gesellschaft anzuwenden?

Soviel „Diagnose“ braucht es dann vielleicht doch, dass zumindest der Bedarf an „Behandlungen“ gerade nach den Maßstäben dieser Schulen halbwegs plausibel wird:

1.) Unsere Gesellschaft ist alles andere als „klientenzentriert“. Sie zeichnet sich vielmehr durch einen fundamentalen Mangeln an „Klientenzentrierung“ aus. Die meisten unserer Institutionen laufen alltagspraktisch und damit hochwirksam darauf hinaus, dass an unseren Bedürfnissen vorbeipraktiziert und gewerkelt wird. Zum Verdruss sowohl der „Täter“ als auch der „Opfer“ dieses institutionell kanalisierten Handelns.

Gleichgültig, ob wir über die Maßnahmen und Prozesse sprechen, die von „Behörden“ gesteuert werden, oder über den gleichen Unsinn, der von „Unternehmen“ ausgeht, so gut wie immer wäre deutlich Besseres möglich als das, was wir ohne Klientenzentrierung zustande bringen.

Wir wissen das. Wir spüren das. – Es macht einen Großteil unseres Frusts in der heutigen Gesellschaft aus. Nicht, dass es so ist, wie es ist. Sondern dass wir ahnen, dass es nicht so sein müsste. Wir Menschen können uns sehr gut mit Dingen abfinden, die wir wirklich als unabänderlich annehmen. Solange wir aber glauben, dass Besseres möglich ist, „leiden wir an den Verhältnissen“. Möglicherweise ist ja tatsächlich der Glaube berechtigt und die Verhältnisse liegen falsch.

Ich weiß: Therapeutisch ist das eine eher selten getroffene Annahme. Aber wir haben hier ja auch nicht die Therapie von Einzelpersonen im Sinn, sondern von Institutionen. Eben von dem, was „Gesellschaft“ ausmacht und was Gesellschaften ihre zuverlässig auftretenden Charakteristika gibt.

2.) Unsere Gesellschaft ist durchzogen von Machtasymmetrien bzw. Machtungleichheiten, die uns unbelastete Beziehungen miteinander maximal erschweren. Wenn auf jedes unvermeidliche Thema, auf jeden erwartbaren Konflikt zusätzlich noch Machtkämpfe obendrauf dazu kommen, verbunden mit der auszufechtenden Frage, wer denn hier gerade „der Ober“ und wer „der Unter“ sei, werden viele völlig banale Beziehungskonflikte schier unlösbar und auf Dauer gestellt.

Und wie das in einer Gesellschaft so ist: Wenn etwas dauernd gleich bleibt und andauernd statt findet, dann stellt sich Gesellschaft eben darauf ein. Gesellschaft „naturalisiert“ bleibendes. Dinge, die durchaus änderbar sind, beginnen sich dann so anzufühlen, „als sei das einfach so“. Gesellschaft stellt die Illusion von Unabänderlichkeit her.

Unsere Gesellschaft reproduziert viele Formen von Gewalttätigkeit und Gewaltverhalten. Und das immer in der Annahme, dass es sich entweder a) um Unabänderliches handele, womit man sich abzufinden habe (= Bagatellisierung) oder um persönliches Versagen handele, auf das man durch Herumdoktoren an „kranken“ oder „moralisch verkommenen“ Einzelpersonen zu reagieren habe (= Schuldzuweisungen).

Aus therapeutischer Sicht ist da nicht viel mehr nötig, um einer Gesellschaft ein „pathologisches Verhalten“ zu attestieren.

Der Bruch in der Therapie

Nun besteht aber die Form „Therapie“ selbst in einer für sie fundamentalen Asymmetrie: Der von „Therapeut“ und „Patient“.

Und das ist, wenn Machtasymmetrie ein zentraler Bestandteil des Problems „des Klienten“ (i.e.: unsere Gesellschaft) ist, ein tatsächlich nicht ganz kleiner Brocken. Bei dieser Ausgangslage steht zu erwarten, dass die „Behandlung“ das Problem reproduziert, verschärft und vertieft, anstatt es aufzulösen.

Tatsächlich passiert das in vielen Therapieformen. Oder zumindest besteht ein nicht ganz so kleines Risiko. Stichworte: Verantwortungsverschiebung und die Frage nach der Empathie in der Therapie. Sowohl besteht das Risiko, dass sich Therapeuten übernehmen, indem sie als „mächtige“, beinahe übermenschliche Wesen all das „zu lösen“ versuchen, was der arme, kränkliche Patient nicht selbst lösen kann. Als auch die Gefahr, dass Therapeuten nach ein paar Jahren vollzeitlichem Vor-sich-hin-Therapierens die Empathie mit ihren Patienten verlieren, schlicht und einfach, weil sie sich selbst als Bedürfniswesen aus dem Blick verloren haben. Weil es ihnen an praktizierter Selbstempathie mangelt. Ständiges berufsverpflichtendes Empathisch-Sein mit Anderen kann auch noch aus dem entschlossensten Gutmenschen auf Dauer ein zynisches, kaltes, Patienten-Verachtendes Arschloch machen.

Darüber reden Therapeuten nicht so gern. Zumindest nicht öffentlich. Man will ja seinen Berufsstand nicht beschädigen. Zumal sowieso schon viel zu viele Menschen große Hemmungen haben, sich überhaupt mal zu einem Kennenlerngespräch mit einem Therapeuten aufzuraffen. Also vor allem diejenigen, die es wirklich mal nötig hätten. Die, die es nicht so nötig haben, kommen ja immer gerne und freiwillig. Und eigentlich viel zu oft. – Aber das ist ein anderes, eigenes Thema…

Nun ist gerade das das Interessante an den 4 apokalyptischen Reitern, die aus der Rogers-Schule der Klientenzentrierung kommen: Dass sie auf sehr unterschiedliche Weise für sich Wege gefunden haben, mit dieser Therapeut-Therapierten-Asymmetrie systematisch umzugehen.

Es gibt in allen 4 Formen einen spezifischen „Bruch“, mit dem aktiv der Verlockung einer Machtasymmetrie zwischen Therapeut und Patient entgegengewirkt wird.

Diese 4 Formen, diese 4 Brüche möchte ich hier kurz skizzieren, um im Anschluss auf die Gesellschaftlichen Konsequenzen zu kommen, die ich glaube, daraus ableiten zu können:

1.) Provokative Systemarbeit (Frank Farrelly)

Farrelly ist dafür bekannt, dass er seine „Methode“ (wenn man überhaupt von so einer sprechen will, denn eigentlich handelt es sich um eine Un-Methode) genau in dem Moment „fand“, als er „den Therapeuten in sich aus dem Fenster warf“.

Der Bruch, den Farrelly in seine Therapie-Ansätze hineinbringt, besteht nicht zuletzt darin, dass er 100% seiner Menschlichkeit in den therapeutischen Prozess einbringt. Es handelt sich daher äußerlich, an der Oberfläche vermeintlich um das „unprofessionellste“ therapeutische Auftreten, dass man sich nur denken kann (was ein Schlaglicht zurück wirft auf unsere bemerkenswerten Vorstellungen davon, was wir für „professionell“ halten).

Dabei ist die dahinterstehende Disziplin die denkbar größte: Farrelly’s Spinnereien sind keineswegs willkürlich oder gehen aus „seinen privaten Launen“ hervor, vielmehr reagiert Farrelly „spezifisch“ auf seine Klienten. Mehr als es vielen Klienten erst eimmal lieb ist, ist Farrelly’s Arbeit klientenzentriert. Er traut und mutet seinen Kunden alles zu: Das Übelste und das Beste. – So entsteht neue Freiheit. Ähnlich wie bei einem Pflock, der im Erdreich festsitzt und der erst gelockert werden muss, damit man ihn herausziehen kann, greift die Provokative Systemarbeit „das Problem“ von allen Seiten aus allen Richtungen an. Im schnellen Wechsel, mit völlig unterschiedlicher Wucht, Tonart, Lautstärke, Drehungen und Wendungen. Der Normalfall ist, dass dem Patienten einigermaßen schwindlig wird (neben Lachanfällen, die ebenfalls dazugehören).

Viele, die heute auf Farrelly’s Ansatz treffen, ignorieren, wie tief-empathisch seine Praxis von Anfang bis Ende war. Ganz egal, ob das nun dem Durchgang durch die Rogers‘-Kiste zu verdanken ist, seinem Aufwachsen in einer Amerikanisch-Irischen Großfamilie oder ob es auf seinem ganz persönlichen Mist gewachsen ist: Wir dürfen voraussetzen, dass Farrelly seine Patienten doch tatsächlich liebte. An der Oberfläche ist dabei allerdings nur wenig spürbar. Selbst bei den umfangreich vorhandenen Therapie-Transkripten (typisch für die Rogers-Schüler) muss man schon sehr zwischen den Zeilen lesen und selbst empathisch mitdenken, um mitzubekommen, welche radikale Patienten-Annahme das ganze therapeutische Werkeln und Tun bei Farrelly antreibt und beseelt.

Dabei ist der Bruch auch ein Selbstempathischer: Provokativ arbeitende Therapeuten sind weitaus weniger als die Vertreter anderer Richtungen davon bedroht „empathisch auszubluten“. Ein sehr treffendes Diktum Farrelly’s lautet wie folgt: „Irgendwann habe ich mich gefragt, warum wir den Patienten den ganzen Spaß und die ganzen Verrückheiten in der Therapie lassen sollten?“

Der praktische Schluss, den die provokative Systemarbeit aus all dem zieht, besteht nun aber nicht in einer einfachen Umkehrung: „Der Therapeut hat Spaß und der Patient leidet“. Das wäre Sadismus.

Vielmehr führen die von Farrelly praktizierten Formen dazu, dass beide Beteiligten plötzlich Spaß an dem haben, was sie da gemeinsam tun. Das ist ex ante nicht unbedingt so zu erwarten. In der Praxis ergibt sich aber genau das mit schöner Regelmäßigkeit. Denn die Praxis steckt, anders als die Theorie, voller Überraschungen.

Provokative Therapie ist überraschenderweise Therapie auf Augenhöhe.

2.) Gewaltfreie Kommunikation – GfK – NVC (Marshall Rosenberg)

Die Gewaltfreie Kommunikation Rosenbergs wird leider regelmäßig aus nachvollziehbaren Gründen auf „Empathie mit dem Anderen“ reduziert.

Das ist jedoch ein Missverständnis.

Von allen 4 apokalyptischen Reitern ist es gerade Rosenberg, bei dem die fundamentale Symmetrie seiner Behandlungsangebote am offensten kommuniziert wird:

Auf Selbstoffenbarung folgt Zuhören. Auf Zuhören folgt Sebstoffenbarung. Auf beides hat verändertes Handeln zu folgen.

In der Gewaltfreien Kommunikation gibt es im Grunde die Rollen „Therapeut“ und „Patient“ nicht mehr. Es gibt nur noch symmetrisch kommunizierende Menschen, die sich von allen Machtasymmetrien zwischen sich frei gemacht haben, indem sie sich einfach nicht mehr dafür interessieren. Sondern allein dafür, was von allen Beteiligten gerade gebraucht wird und was alle Beteiligten genau dafür tun können.

Eine Gesellschaft, in der von klein auf die Prinzipien von Rosenberg’s Ansatz beherzigt würden, wäre vermutlich eine Gesellschaft mit einem überaus geringen Bedarf an Therapeuten. Und das einfach deswegen, weil sich alle Menschen in ihr permanent wechselseitig therapieren würden. Wenn man das dann überhaupt noch so nennen will. „Pathologien“ würden an Ort und Stelle aufgelöst. Also in dem Moment, an dem sie zu entstehen drohen, in dem sie sich zu verfestigen beginnen, in dem sie anfangen, eine alle weitere Interaktion bestimmendes Muster zu bilden, auf dass sich die Beteiligten dann allmählich einstellen. An dass sie sich gewöhnen. Bis aus krankmachend „normal“ geworden ist. Und aus gesundmachend „verrückt“.

Da ich an anderen Orten schon viel zu dazu geschrieben habe, lasse ich es für die GfK dabei bewenden.

3.) Focusing (Eugene T. Gendlin)

Der Bruch im Focusing ist am wenigsten offebar. Obwohl er auch hier von seinem „Erfinder“ sehr offen ausgesprochen wird: Eugene T. Gendlin war der Meinung, dass er Menschen mit seiner Methode einen Weg gezeigt habe, der einen großteil der aus seiner Sicht wenig effektiven professionellen Therapien überflüssig mache.

Die systematischen Studien, auf die sich Focusing stützt, gehen von der Beobachtung aus, dass „erfolgreiche Patienten“ von ganz alleine die Neigung mitbringen, im Zuge ihrer Prozesse und Behandlungen aktiv auf Körperzustände und ihre Veränderungen Bezug zu nehmen.

Focusing besteht in wenig mehr als einer Systematisierung dieses Vorgehens: Selbst kleinste Nuancen eigener Körperwahrnehmungen werden eben das: Wahrgenommen. Und sie werden versprachlicht. Und die Veränderungen, die sich auf der Körperebene als Folge der Versprachlichung ergeben, werden ebenfalls wiederum wahrgenommen. Und wieder versprachlicht. Usw.

Man kann sich das wie einen Reissverschluss vorstellen: Gendlin geht im Focusing die Neuverzahnung von Körperebene und Sprachebene des Menschen auf die direktmöglichste Art an. Während wir es in unserer Gesellschaft gewohnt sind (und auch ständig Anreizen dazu ausgesetzt sind), von unserem Körper und seinem unwillkürlichen Empfinden wegzufokussieren, führt Focusing einfach direkt in die Gegenrichtung. Er stupst das Bewusstsein „in die richtige Richtung“ und lässt keine Entkoppelung zu. Alles Handeln basiert am Ende in Körperempfindungen. Und die Sprache gewinnt an völlig neuen Ausdrücken und Dimensionen hinzu.

Da der Prozess des Focusing eine reine Übungssache und in sich selbst nicht sonderlich kompliziert ist, kann sie im Grunde von jedem Laien angewandt werden.

Ob damit anderer Therapiebedarf wegfällt, steht auf einem eigenen Blatt. Wenn ich Gendlin richtig lese, war er am Ende damit doch etwas vorsichtiger.

Wie alle Therapieschulen, die das Problem der Machtasymmetrie zwischen „Therapeut“ und „Patient“ voll auf dem Schirm haben, geht aber auch Gendlin von Anfang an davon aus, dass der „Patient“ die Macht zur Veränderung hat. Dass er die eigentliche Arbeit leistet. Dass also alle Therapieerfolge Erfolge des Patienten sind, nicht die des Therapeuten.

Für das therapeutische Ego ist diese Pille keine kleine Sache. Folgt man Gendlin, sollte man sich als Therapeut dringend ein paar andere, zusätzliche „Hobbys“ zulegen, in denen das eigene Ego seine Befriedigungen finden kann…

4.) Thomas Gordon (Beziehungsarbeit nach dem Gordon-Modell)

Gordon’s Ansatz setzt, dass die meisten nennenswerten Probleme, mit denen wir uns herumschlagen, Beziehungsprobleme sind. Von dieser Setzung aus entwickelt er ein recht pragmatisches und direktes Verfahren, „wie im Fall des Auftretens von Problemen zu verfahren sein könnte“. – Angefangen mit der Frage nach dem Problembesitz, nach den Rollen, die sich im Zuge gemeinsamen Problemlösens ergeben, bis hin zu erwartbaren Schwierigkeiten, produktiven gemeinsamen Problemlösungsverfahren operativ treu zu bleiben.

Thomas Gordon beschäftigt sich auch eingehend damit, wie wir uns im Fall des Auftretens von Problemen „gewöhnlich“ verhalten – Und welche Konsequenzen das für uns jeweils hat. Die Beschreibungen sind dabei so konkret, dass jeder leicht für sich überprüfen kann, ob er das Beschriebene so selber auch erlebt. Insbesondere bringt Gordon die wechselseitige Abstoßung von Machtasymmetrien und guten Beziehungen auf den Tisch. Tatsächlich habe ich für mich den Begriff der Machtasymmetrie bei ihm „geklaut“.

Für die Reproduktion von Machtasymmetrien innerhalb der therapeutischen Beziehung gibt Gordon dagegen vermeintlich weniger her: Zu deutlich ist hier die Rolle des Wissenden Beziehungslehrers auf der einen Seite und die des angeleiteten Beziehungsdummies auf der anderen Seite.

Aufgrund meiner eigenen ausgeprägten Oberlehrerneigungen ist mir Gordon daher der allerliebste der 4 apokalyptischen Reiter.

Denn der Prozess selbst, den Gordon beschreibt, braucht tatsächlich keinen übergeordneten, moderierenden Therapeuten mehr. Gordons „Methode“ ist ebenso wie die der 3 anderen mir bekannten Rogers‘ Schüler darauf ausgerichtet, Therapeuten so überflüssig wie nur irgend möglich zu machen.

Würden unsere Institutionen nicht ständig die immer gleichen Probleme auf die immer gleiche Weise aktualisieren, bräuchte man im Grunde nur allen das Gordon-Modell zu vermitteln, sie das ein paar Mal üben, ausprobieren und für sich modifizieren lassen und könnte sich dann in aller Ruhe anderen Dingen zuwenden und die Probleme den Menschen überlassen, denen sie gehören…

Therapie der Gesellschaft

…leider ist das aber nicht die Welt, in der wir leben.

Unsere Gesellschaft schafft künstlich Pathologien bei uns allen, die sie ebenso künstlich am Leben erhält, vertieft und chronifiziert.

Überträgt man das, was man bei den 4 Apokalyptischen lernen kann, systematisch von 1:1-Situationen auf gesellschaftliche Prozesse, so wird man in erster Linie unseren gegebenen gesellschaftlichen Institutionen daraufhin befragen, inwiefern sie:

A) Menschlichen Bedürfnissen dienen? Welchen? Auf die denkbar beste Art? Werden vorhandene Bedürfnisse systematisch ignoriert, ausgeschlossen, bagatellisiert, in den Untergrund verdrängt? – „Klienten“ sind wir alle, ausnahmslos.

B) Machtungleichheiten erschaffen? Ausbauen? Auf Dauer schalten? – „Täter und Opfer“ sind wir alle, ausnahmslos. Es sei denn, wir treten dem als Erwachsene Menschen aktiv entgegen.

Man wird dann Pathologien, die bei uns als Einzelnen auftreten, nicht mehr „eben mal so“ privatisieren, als sei das selbstverständlich, dass die Pathologie Privatsache dieses einen Menschen sei. Als lebe dieser Mensch auf einer einsamen Insel, wo er sich „zufällig“ irgendwie in sich verstrickt habe. Uns vor allem so, als sei dieser eine Mensch der einzige, der von der jeweiligen Pathologie betroffen wäre. Und man selber, „als Gesunder“ z.B. gar nicht.

Generell wird man dann nicht mehr denken können, dass die in diesem Artikel verwendete Opposition krank/gesund sonderlich weit führt.

Vielmehr wird man dann davon ausgehen, dass es allein „gegebene Bedürfnisse“ und „entdeckbare Strategien“ gibt. Und dass kein Weg daran vorbeiführt, die Gegebenheit von Bedürfnissen offensiv wahrzunehmen und passiv anzunehmen. Und uns von unserer Vernarrtheit in bestimmte Strategien, Lösungen, Institutionen zu trennen. Mit der Kraft, die uns das Wahrnehmen unserer gegebenen Bedürfnisse gibt.

So kann eine ganze Gesellschaft sich immer wieder in Gleichgewichte rücken. Wo sie es eben gerade nötig hat. Als „Therapia perennis“. Und (fast) ganz ohne Therapeuten.

Es kann nie um „perfekte Zustände“ gehen. Nie um „ideale Lösungen“. Nie um ein „Ende der Geschichte“.

Immer nur um das jeweils nächste Problem, das wir gerade haben.

Immerhin wollen wir Menschen etwas zu tun haben.

Nur können wir uns unsere Probleme, anders als wir oft denken, nicht selber aussuchen.

Auch und vor allem nicht in der Politik, also im Formen und Reformieren unserer Institutionen.

Ich meine, wir sollten von dem ausgehen, was für uns wirklich ist.

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Unser Bewusstsein als Gefängnis

Unser Bewusstsein ist selbsterhaltend und ausgrenzend: Es hält stabil bestimmte Dinge von „uns“ fern. Eben außerhalb unseres Bewusstseins.

Dinge, Vorgänge, Zustände, „die nicht in unserem Bewusstsein sind“, sind für uns in einem merkwürdigen Halbwelt-Status: Sie sind da und sie sind nicht da. Sie sind nicht weg, nur weil sie nicht in unserem Bewusstsein sind. Und dennoch sind sie für uns verschwunden. Ein Zaubertrick. Ja, das ist es, was unser Bewusstsein wirklich ist: Der gute alte, immer gleiche Zaubertrick, der so geht: „Kuck mal da hin! Uups. Wo kommt denn das Kaninchen auf einmal her!?“ Verbeugung. Applaus. Bewusstsein ab.

So kann das Bewusstsein lange glücklich vor sich hin prozessieren.

Wo ist das Problem?

Leider sind für uns viele Dinge wichtig, die außerhalb unseres Bewusstseins sind. Die da sind, aber in unserem Bewusstsein nicht auftauchen. Ressourcen, Probleme, Chancen, Handlungsmöglichkeiten, Lösungen, Beziehungsmöglichkeiten.

Schlimmer: Die in unserem Bewusstsein gar nicht auftauchen können! Denn sie sind erst einmal: Eine Störung für das glückliche Vor-sich-hin-prozessieren unseres Bewusstseins.

Es ist ein unangenehmer Aufwand für unser Bewusstsein, „etwas fundamentales umstellen zu müssen, nur damit irgendein vermeintlich wichtiges äußeres Ereignis in mir Platz hat.“ – Das Bewusstsein ist trotz seiner ständigen Betriebsamkeit faul. Es mag keine anstrengenden Veränderungen. Es will immer neue Gegenstände in die immer gleichen Schubladen füllen. Denn am Ende ist unser Bewusstsein: Eine Art Kommode mit ein paar Schubladen. Umbaumaßnahmen: Unerwünscht! Unangenehm! Schmerzhaft!

Was kann überhaupt in unser so durch sich selbst abgedichtetes Bewusstsein dringen?

Keine äußeren Ereignisse. Nur innere Ereignisse. Für diese inneren Ereignisse haben wir einen hübschen Namen: Wir nennen sie „Gefühle“.

Äußere Ereignisse, die starke Gefühle auslösen, erreichen unsere Bewusstsein auch vorbei an seinen meterdicken Abdichtungen und liebevoll und intelligent angelegten Labyrinthen.

Was aber, wenn man einen Menschen erreichen muss? Z.B. weil man etwas von ihm braucht? Und „man dringt nicht zu ihm durch“? Weil das Bewusstsein sich glücklich gegen Impulse von außen gedichtet hat? Autistisch vor sich hin arbeitend? Oder zumindest so, wie wir uns klischeehaft „Autismus“ vorstellen. Denn möglicherweise ist das, was wir Autismus nennen, nur eine Projektion unserer eigenen Bewusstseinsmodi.

Natürlich läuft das über „Gefühle“. Über seine Gefühle können wir andere Menschen erreichen, wenn sie uns unerreichbar, unansprechbar und „zu“ erscheinen.

Leider wird das von unserem Bewusstsein in vielen Situationen als „Angriff“ verstanden. Es wehrt sich. Es wehrt sich gegen den, der da „von außen“ kommt und in es „eingreift“. Es möchte seine Ruhe. Seine tätige Ruhe. Seine betriebsame Ruhe. Es möchte weiterhin ungestört vor sich hinsummen und brummen und weiter manisch Dinge in Schubladen tun.

Was also kann derjenige tun, der jemanden erreichen will, der nicht erreicht werden möchte?

Es braucht überdeutliche Wohl-Wollenssignale. Das kommt uns, wenn wir selber die „Bewusstseins-Einbrecher“ sind, meist übertrieben vor. Es fühlt sich komisch an. – Es fühlt sich aber so gut wie nie komisch oder übertrieben an, wenn wir selber diejenigen sind, bei denen gerade eingebrochen wird.

Mit überdeutlichen Wohlwollenssignalen kann unser Bewusstsein die Gefühlsknöpfe, die von außen gedrückt werden, so verarbeiten, dass sie nicht in der „Ich-werde-gerade-angegriffen“-Schublade landen. – Unser Bewusstsein braucht dieses überdeutliche, erkennbare Wohlwollen. Sonst wehrt es sich. Reflexhaft. Urtümlich. Dafür können wir nichts. „So sind wir gebaut“. – Aber wir sind auch so gebaut, dass wir andere brauchen. Und dass Erreichbarkeit gewährleistet ist. Dass Verbindung möglich ist, wenn sie Not tut.

Daher brauchen wir beides: Auf die Gefühle drücken + Überdeutliche Wohlwollenssignale.

Dann werden die Zugbrücken heruntergelassen, die Stahlgitter hochgezogen, die Killerkrokodilburggräben trockengelegt, die Türen geöffnet und die Torwächter lassen passieren (und klopfen einem sogar oft noch heimlich auf die Schultern).

Wir brauchen deutlich mehr Gefängniseinbrüche. Wir brauchen deutlich mehr Erfahrung in geschickten Gefängniseinbrüchen.

Jeder von uns hockt in seinen Gefängnissen. Und wartet heimlich auf „Besucher“.

Aber auf wohlwollende Besucher. Nicht auf die anderen. Nicht auf die, wegen denen das Gefängnis überhaupt gebaut wurde. Nicht auf die, wegen denen unsere Gefängnisse so dicke Mauern haben. Nicht auf die, wegen denen unsere Labyrinthe zum Sich-Verirren sind.

 

Wer führt, wenn keiner führt?

Q: Woher kommt die „Führung“, also Orientierung, wenn es keine Führungskraft gibt?

A: Aus der „Sache selbst“.

Q: Was soll das sein: „Die Sache selbst“?

A: Die Bedürfnisse von Menschen.

Q: Und das funktioniert?

A: Ja. Wenn keiner stört und ständig von der Sache ablenkt.

Q: Wer sollte sowas Bescheuertes tun?

A: Na Führungskräfte, die sich dazu berufen fühlen!

Q: Und warum fühlen die sich dazu berufen?

A: Weil man ja sonst merken würde, dass sie überflüssig und überbezahlt sind.

Q: Führung als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?

A: Genau!

Q: Und was machen wir jetzt damit?

A: Also wir beiden führen jetzt schon mal einfach nicht.

Q: Und dadurch wird irgendwas besser?

A: Keine Ahnung.

Q: Oder warum führen wir beiden jetzt nicht?

A: Weil’s mehr Spaß macht und mehr schmeckt.

Q: Ah so. Na dann. Frühstück?

A: Frühstück.

Q&A glücklich ab.

Führung = Überforderung

Mir tun Führungskräfte grundsätzlich leid. Ich versuche mal, auf den Punkt zu bringen, warum mir „Führung“ prinzipiell als Überforderung des Führenden und Unterforderung des Geführten erscheint. Da mir die Kunst der Abschweifung mehr liegt als die Kunst der Pünktlichkeit, bitte ich für die Umstände vorab um Entschuldigung. Wie immer ist es ein ungedeckter Scheck, wenn ich sage, dass es sich dennoch lohnt, dem Gedankengang zu folgen. „Denn die Klarheit kommt zum Schluss“. Ich führe also hier auf einen bestimmten Gedankenweg. Und bitte dafür um Vertrauen.

Als Vehikel, das Überfordernde von Führung herauszuarbeiten, dient mir die gedankliche Parallelisierung der Interaktionsform/des Rollenspiels „Führung“ mit der Interaktionsform/dem Rollenspiel „Coaching“.

In beiden Fällen, sowohl bei Führung wie bei Coaching, geht es darum, dass gehandelt werden soll oder muss. Zumindest ist das die Grundannahme für beide Interaktionsformen, ohne die sie nicht sonderlich viel Sinn machen. „Es gibt ein Problem“.

Wann aber muss gehandelt werden? – Wenn es „einen Bedarf gibt“, wenn jemand etwas braucht.

Handlungsbedarf

An dieser Stelle kann man die Grundsatzentscheidung treffen, ob man die Redeweise zulassen will, dass „Organisationen Bedürfnisse haben“, also dass es nicht nur natürliche Personen sein müssen, sondern auch künstliche, nur gedachte Personen sein können, die etwas „brauchen“ und damit den Handlungsbedarf auslösen oder setzen.

Für beides fallen mir gute Gründe ein. Gegen die Zulassung der Rede von „die Organisation braucht“ spricht, dass hier bereits ein Moment von Entfremdung sprachlich getriggert wird. Am Ende sind es immer Menschen, die etwas brauchen, die der letzte Handlungsgrund sind. Dieser Umstand wird in der Rede von Unternehmensbedürfnissen verwischt. Auch wird verwischt, dass Organisationen immer nur Mittel zu Zwecken sein können, dass sie kein Daseinsrecht aus sich selbst heraus haben, sondern nur insofern als sie eben der Bedürfniserfüllung von Menschen besser dienen als andere Mittel.

Für die Rede von Unternehmensbedürfnissen spricht, dass diese sprachliche Konvention es ermöglicht, dass sich Menschen mit Organisationen auf eine ihnen gemäßere Weise verbinden können. Die für Menschen natürliche Beziehungsform wird dann auf ihre Beziehung mit der künstlichen Entität „Unternehmen“ übertragen. – Das setzt freilich voraus, dass die betreffenden Menschen überhaupt noch Vorstellungen davon haben, was „gute Beziehungen“ sind und wie man auf eigene Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer Menschen aktiv bezugnimmt, wenn man handelt, wenn man „etwas unternimmt.“

„Bedürfnisse“ sind, wenn sie irgendetwas sind, „innerliche Zustände“. Oder auch „körperliche Zustände“. Sie sind nicht verfügbar und damit keiner Entscheidung zugänglich.

Entweder ich habe Bedarf an etwas oder ich habe keinen Bedarf an etwas. Kann ich darüber entscheiden, ob ich Bedarf habe, handelt es sich um kein Bedürfnis, sondern um eine Strategie zur Erfüllung eines anderen Bedürfnisses, das seinerseits unverfügbar ist. – Im Alltag verwechseln wir das ständig. Es ist eine Verwechslung, mit deren Hilfe wir zuverlässig Drama in unsere Leben anzetteln können.

Bedürfnisse sind also eigentlich Zwecke. Und jegliches Handeln ist Mittel zum Zweck.

Bedürfnisse sind dabei fundamental „subjektiv“. Die Rede von Bedürfnissen macht immer nur Sinn in Relation zu einem „Bedürfnisträger“. „Wessen Bedürfnis?“ ist die erste Frage, wenn von abstrakt von Bedürfnissen die Rede ist. Genauso wie im Fall von „Problem“ die Frage „Wer hat das Problem?“ die sinnvollste erste Frage ist.

Intimität

Die Subjektivität, Körperlichkeit und Innerlichkeit von Bedürfnissen macht sinnvolles Handeln grundsätzlich zu etwas sehr Intimen.

Wir empfinden das in der Regel nicht so, weil wir selten sinnvoll Handeln. In der Regel bevorzugen wir „externe Referenzen“, denn diese erscheinen uns gefahrloser, „objektiver“, weniger mit Selbstoffenbarung, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit verknüpft.

Ohne die Klärung, was es eigentlich ist, was wir gerade „wirklich, wirklich“ brauchen, läuft unser Handeln aber zuverlässig ins Leere: Wir betreiben dann viel Aufwand für wenig Befriedigung. Sind mehrere Menschen in die Handlung involviert, geht es also um kooperatives Handeln inklusive Abmachungen, Tauschverhältnissen, gemeinsamer Anstrengung, so bekommen wir auf diese Weise zuverlässig: Frust.

Der Grund dafür ist einfach genannt: Ohne geklärte Bedürfnisse hat der eine viel getan, in der Annahme, dass es dem anderen viel bedeutet (= „stark befriedigt“). Das war jedoch nicht der Fall. Die Anstrengung des einen war für die Katz. Und Bedürfnisse lassen sich aufgrund ihrer erwähnten Unverfügbarkeit nicht betrügen. Sie sind nicht zugänglich für „Deals“. Entweder ich bin zufrieden in einem bestimmten Aspekt meines Seins oder ich bin es nicht. Auch den Grad der Befriedigung, den ich empfinde, kann ich nur wahrnehmen oder verdrängen. Ich kann ihn nicht ändern.

In der Folge wird jemand, „für den etwas getan wurde“, nicht allein den Aufwand würdigen, den ein anderer betrieben hat. Nicht die Opfer, die er gebracht hat und die so gut wie immer im Zurückstellen der Befriedigung eigener Bedürfnisse bestehen. – In der offenen oder versteckten Hoffnung, dies möge sich langfristig für ihn auszahlen.

Das tut es aber so gut wie nie, wenn die Befriedigung eine nur gedachte ist und eben keine empfundene, weil sie etwas befriedigt, was wirklich auf der subjektiv-körperlichen Ebene real vorhanden ist.

Wir können zwar miteinander eine Zeit lang solche Pseudo-Deals schließen: Ich nehme Deine Anstrengung wahr und „bin Dir dankbar dafür“. Und Du bist mir dankbar für meine Dankbarkeit und mein eigenes Darüber-Hinweg-Gehen. Aber im Grunde handelt es sich um eine Art „Zufriedenheits-Blase“, die früher oder später platzen muss.

Guter Wille allein reicht nicht aus. Es muss auch so gehandelt werden, dass es subjektive Wirkung hat. Dass es real vorhandene Bedürfnisse von jemandem betrifft und diese zu einem spürbaren Grad befriedigt.

– Da die Vorteile so offensichtlich sind, vor allem Handeln die Bedürfnislage aller Beteiligten zu klären, und da die Kosten der Vermeidung dieser Klarheit uns ebenfalls völlig bewusst sind, ist die Frage naheliegend, warum wir diese dennoch Klärung so zuverlässig vernachlässigen oder vermeiden?

Die meisten von uns sind entweder in Beziehungen groß geworden oder leben auch heute noch in Beziehungen – privaten wie beruflichen -, in denen der Vorgang „sein Innerstes nach Außen zu kehren“, nicht sonderlich vernünftig ist. Selbstoffenbarung, so haben wir es anhand von Erfahrung gelernt, führt nicht dazu, dass das, was da offenbart wird, auch so behandelt wird, wie es das verdient hätte. Das Benennen eigener Bedürfnisse, manchmal auch das offene Benennen der offensichtlichen Bedürftigkeit anderer, führt zu Enttäuschungen und Verletzungen. – Gelernt wurde und wird also: „Es ist gut, gerüstet in Beziehungen zu gehen. Es ist gut, mit 3 Schichten Ritterrüstung da zu sein. Es ist gut, das Visier heruntergeklappt zu lassen. Es ist gut, geharnischt und bewaffnet in Beziehungen hineinzureiten. Etc.“

Ist das berufliche Feld zusätzlich aufgeladen mit Ängsten: Angst vor Arbeitsplatzverlust, Angst vor Statusverlust, Angst vor Verlust an Standing vor der Führungskraft/ im Team/ in der Firma/ in der Branche/ im Berufsleben überhaupt – Dann wird die offene Benennung von eigenen Bedürfnissen zu dem so ziemlich Blödsten, was man überhaupt tun kann.

Und die sicherste, die bombensicherste Verhaltensweise, mit der man sich garantieren kann, nicht aus Versehen darüber zu sprechen, was man wirklich wünscht und braucht, ist eben die Verdrängung eigener Bedürfnisse. – Wenn ich nicht einmal selbst mehr weiß, was ich brauche, kann es mir nicht mehr passieren, dass ich mal eben im Affekt „das Herz auf der Zunge trage“.

Das Problem aber bleibt: Bedürfnisse sind nicht weg, nur weil wir sie systematisch aus unserem Bewusstsein und aus dem Bereich des Sagbaren, der offiziellen Kommunikation verdrängen.

Wer nicht weiß, was er braucht, wer nicht sagt, was er will, hat nur minimale, höchst zufällige Chancen, zu bekommen, was er braucht und will.

Und es kommt zu den oben beschriebenen „Fehlallokationen“ von Aufwand bei Anderen: Sie tun viel für wenig reale Zufriedenheit. Mit den erwartbaren Folgen von Frust, platzenden „Deals“, wechselseitigem Unglücklich-Sein, Schuldzuweisungen, wechselseitiger Bildung unzutreffender Klischeebilder vom Anderen, Kleinkriegen, unproduktiven Dauerkonflikten, in denen niemals wirklich Klärung stattfindet, sondern die vor sich hinschwelen und Zeit, Kraft, Aufmerksamkeit an sich ziehen, wie Schwarze Löcher, die alles um sich kreisen lassen und am Ende verschlingen.

Viele Firmen und sogar einige Menschen sollen an diesem erwartbaren Effekt schon zu Grunde gegangen sein.

Doch der Grund für die fehlenden Bedürfnisklärungen vor allem Handeln bleiben dennoch in Kraft und völlig nachvollziehbar – „Einsicht“ hilft hier keinen Meter weiter: Die Rede über eigene Bedürfnisse wird als intimer Vorgang empfunden, der einen großen Batzen Vertrauen verlangt, einen geschützten Rahmen, ein Sich-Angenommen-und-Akzeptiert-Fühlen, also Dinge, die wir heute kaum mehr erwarten, dass sie uns im Unternehmenskontext entgegengebracht werden. Viele erwarten das ja nicht einmal mehr in ihren Familien und Freundschaften… Und das aus gutem Grund: Aus sehr realen, weil überaus wirksamen schlechten Erfahrungen heraus.

Hybris: Der allwissende Coach

Im Coaching gibt es immer wieder Kunden, die einen in der Coachrolle offen oder indirekt auffordern: „Sagen sie mir, was ich mit meinem Leben machen soll! – Oder wenigstens: Sagen Sie mir, was ich als nächstes machen soll! Damit alles gut wird! Damit sich dieses Problem löst!“

Dem Coach wird dabei ein Wissen unterstellt, das dem Kunden angeblich fehlt: Über die Welt da draußen. Aber auch über die Welt da drinnen, darüber, wie es im Coachee aussieht.

Nun gibt es ja wirklich so ein Phänomen wie „den blinden Fleck“, und das im Guten wie im Schlechten: Dass man Dinge bei anderen Menschen schneller und deutlicher wahrnimmt als bei sich selbst. So sind sich viele Menschen vieler ihrer Fähigkeiten die meiste Zeit keineswegs bewusst, während man mehrere Menschen aus ihrem nahen Umfeld befragen könnte, die einem sofort eine lange Liste aufzählen können, worin dieser Mensch außergewöhnlich gut ist („Stärken“). Und genauso gibt es bei uns immer wieder Schwächen, die wir uns nicht gar so gerne selber eingestehen, manchmal sogar komplett ausblenden, und die allen Menschen um uns herum so deutlich sind wie ein ganzes Schlachtfeld unbeerdigter Leichen, das zum Himmel…

Trotz der Tatsache, dass manchmal andere besser über unser Licht-und-Schatten-Spiel Bescheid wissen als wir selbst, ist die Übertragung der eigenen Lebensverantwortung ein sagen wir mal „spannender“ Vorgang. Und Coaches, die solche Aufträge in völliger Selbstüberhebung annehmen, machen das in der Regel nicht so bald wieder.

Auch hier lässt sich gut erklären, warum sich eine solche Absurdität dennoch immer wieder ereignet: Der Handlungsdruck ist hoch. Die Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, ebenfalls. – Wer wünscht sich da nicht manchmal einen lieben Gott, der die eigenen Dinge für einen in die Hand nimmt? Wie ein liebender Elternteil, der für einen sorgt?

Auch dieses Eingeständnis ist für uns unmöglich. Eine Lüge ist daher nötig, die uns diesen Selbstbetrug ermöglicht, die es uns ermöglicht, uns aus unserer Lebensverantwortung zu stehlen. – Im Fall von Coaching geht sie wie folgt: Der Coach ist ja so unendlich weiser, erfahrener, reifer, er weiß so viel mehr „über die Welt da draußen“, dass dieses sein überlegenes äußerliches Wissen seine fast vollständige Unwissenheit über all die inneren Dinge zu kompensieren vermag.

Obwohl also so ein Coach, oder vielleicht besser: so ein „Berater“ von 1000erlei Dingen, die in einem sind: Erfahrungen, Sichtweisen, Gefühle, Bedürfnisse nicht die leiseste Ahnung hat, kann er einen dahingehend zielführend beraten, dass man so handelt, dass man seine unlösbaren Probleme löst und fortan ein glückliches Leben führt.

Hybris: Die allwissende Führungskraft

Welche Fachexpertise, Erfahrungen und persönliche Reife ein Mensch in einer Führungsrolle auch immer haben mag: Sie kann niemals alles wissen, was auch nur für einen einzigen ihrer Mitarbeiter eine Rolle spielt. Hier und jetzt, in dieser Situation, die wir gerade gemeinsam miteinander haben.

Die radikale Subjektivität, die in der Handlungskoordination zwischen Menschen eine übergroße Rolle spielt, – und das unabhängig davon, ob wir das wollen oder nicht, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht – , kann nicht kompensiert werden, durch „überlegenes Wissen eines Einzelnen“.

„Gute Führungskräfte“, wenn es denn überhaupt so etwas gibt, sind nach meinen bisherigen Erfahrungen immer Menschen, die diese ihre Unwissenheit über all die Anderen praktizieren.

„Unwissenheit praktizieren“ klingt merkwürdig. Es bedeutet nichts anderes, als dass sie über diese ihre Unwissenheit nicht einfach hinweggehen. Dass diese Menschen nicht so tun, als spiele diese ihre völlige Inkompetenz in Bezug auf die Subjektivität all der anderen in der Situation im Unternehmen, die man gemeinsam hat, keinerlei Rolle.

Solche Menschen geben der Subjektivität Raum. Sie holen Perspektiven ein. Und – das ist ganz entscheidend – keine oberflächlichen Meinungen und Sichtweisen. Sondern „bedürfnisgeerdete“. Sie lassen nicht locker, bis all das offen auf dem Tisch liegt, was für all die beteiligten Menschen wirklich relevant ist in der gegebenen Situation.

Sie zwingen also das Innerste der Menschen nach außen, indem sie sich weigern zu handeln und zu entscheiden, bevor nicht alles auf dem Tisch liegt, was auf dem Tisch liegen muss, damit gute gemeinsame Entscheidungen getroffen werden können.

Das ist brutal. Das greift ein ins Verletzlichste der Menschen. In das, was wir am meisten zu schützen gelernt haben.

Und natürlich könnte ich auch freundlicher schreiben: „Sie laden ein“ das zu tun. Und natürlich müsste es eigentlich so sein.

Aus der Eigenerfahrung fühlt sich „herauszwingen“ aber deutlich stimmiger an. Denn unter den Bedingungen von Zeitknappheit und Handlungsdruck ist in Unternehmen für die Art von Einladungen kein Raum, die es bräuchte, damit sich hervortraut, was offen liegen muss.

Unter den heutigen Bedingungen von Unternehmertum muss Transparenz und Offenheit erzwungen werden.

Die Verlockungen für Führungskräfte, sich anders zu verhalten, sind übergroß. Sie gehen in zwei Richtungen: 1) Die desengagierte Laissez-Faire-Führungskraft, die alles laufen und unentschieden lässt, die keine Verantwortung übernimmt, und der die Mitarbeiter unter der Hand eins ums andere Mal den Führungshintern retten. 2) Die autoritäre Durchregier-Führungskraft, die Verantwortung für das übernimmt, was sie gar nicht verantworten kann: Entscheidungen über Dinge, von denen sie nichts wissen kann, wenn man sie es nicht wissen lässt.

Führung, so scheint es, ist in sich selbst Hybris.

Denn auch das Erzwingen von Offenheit ist Übergriff und Übermenschentum par excellence. Wenn es stimmt, was manche sagen: Dass alle menschliche Kommunikation sich letztlich in „Bitte“ und „Danke“ übersetzen lässt, so können wir behaupten, dass „Führung“ im Grund aus einem permanenten Bitten und Einladen besteht.

Ob wir das aber noch „Führung“ nennen sollten und nicht eher „Moderation“, „Organisation“, „Coaching“, etc.; ob das wirklich heute noch eine eigene Sonderrolle braucht, die all das ganz alleine leisten soll, was nur viele gemeinsam oder im Wechsel leisten können, das sind Fragen, die zumindest ich mir stelle.

Mitgefühl

Führungskräfte tun mir leid, so hatte ich eingangs geschrieben. Wer solche Rollen annimmt, hat in der Regel eine Menge Gründe. Wie gut diese Gründe mit Bedürfnissen jenes Menschen verbunden sind, „der da führen will“, steht auf einem anderen Blatt.

Insofern ist Mitgefühl vielleicht unangebracht. „Die/Der hat sich das ja selber ausgesucht“. „Dafür kriegt die/der ja auch vielmehr Geld!“ Etc.

In Kontexten Entscheidungen treffen zu müssen, in denen so viel strukturelle Unwissenheit darüber herrscht, was für gutes Entscheiden so unausweichlich notwendig ist, ist nach meinem Empfinden aber in jedem Fall ein mörderischer Job. – Man kann ihn gar nicht so gut bezahlen, dass er jemals angemessen vergütet sein könnte. Denn im Grunde bezahlen Menschen, die führen, „mit ihrem Leben“. Und das ist bekanntlich unbezahlbar.

Damit „gute Führung“ möglich wäre, wäre es nötig, dass die Bedürfnisse aller offen vor aller Augen liegen.

Ist aber diese Offenheit, Intimität und Transparenz gegeben, so braucht es wahrscheinlich gar keine „Führungskraft“ mehr.

Die Rolle der Führungskraft ist ein Himmelfahrtskommando. Ein emotionaler Schleudersitz. Eine „Bedürfnisinkompetenzkompensationsposition“, mit der Unternehmen das in ihnen fehlende Vertrauen und die ihnen fehlende emotionale Sicherheit zu überspielen versuchen.

Und darum hat jede „Führungskraft“ der Welt unser Mitgefühl verdient. Egal aus wlchen bescheuerten Gründen sie Führungskraft geworden ist und sich täglich neu dafür entscheidet, in dieser Rolle zu bleiben. – Also zumindest der Mensch, der irgendwo tief verkrochen in jener Hülle steckt, zumindest der hat Mitgefühl verdient.

Wenn wir „richtig gut sind“, handelt es sich dabei allerdings um ein handelndes Mitgefühl: Um eines, das klärt, worum es gerade geht und dass daraus tätige Konsequenzen zieht.

Mitgefühl mit Menschen, die derzeit „führen“, bedeutet: Wir schaffen Bedingungen, unter denen es diese absurde Rolle nicht mehr braucht. Eine Rolle die niemals das leisten kann, was sie leisten soll. Ein Paket, in dem niemals enthalten sein kann, was draufsteht.

Führung zerquetscht Menschen. Diesseits und jenseits der Rolle.

Führungskraft als Coach?

Dieser Artikel steht unter dem Vorbehalt, dass ich „Führung“ im Unternehmenskontext generell für eine Anmaßung und Überforderung halte.

Es mag sein, dass mal jemand jemandem „den Weg zeigen kann“, oder dass jemand jemanden mal „fachlich Anleiten“ (= Erfahrungen teilen) kann. Aber idealerweise geschieht das im Wechsel: Mal bin ich Leitender, mal Angeleiteter in dieser Beziehung. – Immer alles besser wissen müssen, überfordert mich. Nie um Hilfe fragen dürfen, überfordert mich. Nie zugeben dürfen, dass ich ratlos bin, überfordert mich. Nie schwach, bedürftig, verletzlich sein dürfen: Überfordert mich. – Und es macht auch den „Mitarbeiter“ schwach und mindert systematisch seine Fähigkeiten und sein Verantwortungsgefühl. Ich verhunze mittels Führung also systematisch denjenigen, der da von mir mit meiner ständig vorgespielter Stärke, Besonnenheit und Weisheit „geführt wird“. Nur weil ich offiziell „seine Führungskraft“ bin. Und weil ich denke, dass das nun meine Rolle ist: Diese Show abzuziehen. Und meine Aufgabe: Niemals aus der Rolle zu fallen.

All das lässt mich zweifeln, dass die Begriffe „Führung“ und „Führungskraft“ heute noch sonderlich viel Sinn machen.

Aber da diese Worte ja derzeit noch so großzügig im Gebrauch sind, kann man da natürlich auch andocken und sich die beliebte Frage stellen, ob man in der Rolle einer Führungskraft denn wirklich als Coach agieren kann.

Zur Erinnerung: „Coachinghaltung“ besteht darin: Nicht zu wissen, was der andere tun sollte, wie der andere seine Probleme lösen sollte; stattdessen: ihm absolute Lösungskompetenz zu unterstellen und voll dabei zu bleiben und ihn zu begleiten, während er selbst seine Probleme löst. Coaching ist inhaltliche Zurückhaltung. Auch Zurückhaltung eigener Lösungskompetenzen. Ein guter Coach macht dem Coachee die Offenheit des „Gerade keine Lösung habens“ aushaltbar. Das ist seine Rolle. Ein Coach tut das, indem er prozessual, auf der Beziehungsebene präsent ist. Er tut das, indem er für den Coachee erkennbar nicht nervös wird oder in irgendwelche vorschnellen Lösungstunnel hineinführt, nur damit das für ihn schmerzhafte Problem möglichst schnell vom Tisch ist. Oder damit es sich möglichst schnell so anfühlt, als ob das Problem gelöst sei. – Coaching setzt kategorisch: „Der Coachee hat das Problem. Der Coachee hat die Lösung.“ Coaching ist insofern die „Führung“ des Coachee zur „Wiedererinnerung von eigenen Ressourcen, Fähigkeiten und Lösungen“. Von Kompetenzen, die der Coachee selber hat, die er aber derzeit aus seinem Bewusstsein verloren hat. Die er situativ vergessen hat. Und manchmal ist Coaching auch Begleitung dabei, wie vom Coachee völlig neue Lösunsgwege entdeckt werden oder völlig neue Ressourcen und Fähigkeiten beim so „Geführten“ entstehen. Lösungswege, die der Coach/die Führungskraft selber niemals hätte finden können. Ressourcen und Fähigkeiten, die der Coach/die Führungskraft selber niemals bei diesem Coachee vermutet hätte. – Coaching steckt voller Überraschungen. Für alle daran Beteiligten. Das muss eine Organisation erst einmal aushalten können.

Dieses Verständnis von Coaching vorausgesetzt, ebenso wie eine generelle Skepsis, ob die Rede von Führung wirklich noch in die Zeit passt, kann man sich die Frage vorlegen, ob es so etwas überhaupt geben kann: „Eine Führungskraft als Coach“?

Drei bennenbare Bedingungen

Im Grunde ist es absurd, dass ich überhaupt so skeptisch bin. Denn ich hatte selber bereits Führungskräfte, die nach meinem Empfinden zu 100% Coach für mich waren. Die mich als Coach geführt haben.

Und auch ich selber führe so. Ob ich mir dabei was vormache, ob ich dabei einen blinden Fleck habe und mir großzügig in die Tasche lüge, müssen am Ende die „von mir Geführten“ beurteilen.

Aus beiden Erfahrungen heraus, sowohl des „Gecoachten“ wie des „Coachs“ glaube ich drei Bedingungen benennen zu können, die gegeben sein müssen, damit es möglich ist, dass eine Führungskraft dauerhaft in der Coach-Rolle gegenüber ihren Mitarbeitern bleiben kann. – Ist auch nur eine der drei Bedingungen nicht gegeben, bricht der Versuch, als Führungskraft Coach zu sein, über kurz oder lang in sich zusammen. Das ist dann nur eine Frage der Zeit.

1.) Völlige Zahlentransparenz, völlige Agendatransparenz

Coachen kann ich nur jemanden, der ein Problem hat. – Mitarbeiter haben nur dann ein Problem, wenn die Probleme des Unternehmens von ihnen wirklich als ihre eigenen Probleme erlebt werden. Die Firma Allsafe Jungfalk scheint dafür ein gutes Beispiel zu sein.

Andernfalls sind Führungskräfte tagein tagaus damit beschäftigt, ihren Mitarbeitern „Probleme zu machen“. Ihnen Beine zu machen.

Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil der Coach-Rolle. – Gibt es kein Problem, gibt es kein Coaching. Punktum.

Da hilft es auch wenig, wenn das Unternehmen oder Kunden bis über beide Ohren in Problemen stecken. Wenn Mitarbeiter es nicht so erleben, dass deren Probleme unmittelbar ihre eigenen sind, ist eine Coaching-Haltung für eine Führungskraft unmöglich. Sie wird dann immer über Ansagen führen. Offen, oder wenn sie eine schwache Führungskraft ist: verdeckt.

Damit Mitarbeiter die Probleme eines Unternehmens als ihre eigenen erleben können, brauchen sie: Transparenz. Sowohl über alle Zahlen des Unternehmens. Als auch über geplante Vorhaben und Aktivitäten anderer Abteilungen.

Das heißt: Es braucht sehr smarte und gut durchdachte Kommunikationswege im Unternehmen, damit ein Unternehmen nicht in überflüssiger interner Kommunikation erstickt und jeder ständig von dem, was er eigentlich gerade im Sinne des Unternehmens vorhat, abgelenkt wird.

Ist das aber gegeben, so nehmen sich die meisten Mitarbeiter, unverstört von einer hyperaktiven, hypervorgabenmachenden Führungskraft, von ganz alleine der Anliegen und Probleme des Unternehmens an. Sie machen dann das Unternehmen „zu ihrer Sache“.

Weil sie eben nicht von einer Führungskraft dabei gestört werden. Weil sie eben nicht durch die Mittelbarkeit einer Führungskraft, sie sich zwischen sie und die Unterehmensziele und Unternehmenszustände stellt, vom Unternehmen entfremdet werden.

Solche nicht-entfremdeten Mitarbeitern kann man coachen.

Wenn die beiden anderen Bedingungen ebenfalls erfüllt sind.

2.) Völliger Verzicht auf den Gebrauch vorhandener Machtmittel und Machtasymmetrien im Unternehmen

Die Coachinghaltung besteht darin, dass es um den Coachee und seine Nöte geht, nicht um die des Coaches. Die Coachinghaltung besteht darin, dass der Coach nichts vom Coachee will. Dass er selbst kein Teil des Problems ist. Dass der Coach keine „Agenda“ in Bezug auf den Coachee hat. Dass er ihm gegenüber frei ist und ihm seine Freiheit lassen kann. Z.B. auch die Freiheit, nichts zu ändern und einfach weiter zu machen wie bisher, wenn der Coachee für sich „entdeckt“, dass er das will.

Führungskräfte müssen in den allermeisten Fällen etwas von ihren Mitarbeitern wollen. Es gibt Ziele. Es gibt Verhaltensweisen, zu denen sie ihre Mitarbeiter bringen sollen.

Damit eine Führungskraft Coach sein kann, braucht es eine einheitliche Sichtweise im Unternehmen, dass die Mitarbeiter eigenverantwortlich sind, eigenverantwortlich entscheiden und handeln können sollen.

Und damit Mitarbeiter das können, müssen sie tatsächlich „Mitunternehmer“ sein: Sie müssen sich in direktem Kontakt mit dem stehen, worum es in dem jeweiligen Unternehmen geht. Mit den aktuellen Zielen, Strategien, Vorhaben, etc.

Ist diese Form absoluter Transparenz nicht gegeben, gibt es „hidden agendas“, gibt es Zahlen, die keiner wissen darf, dann können Mitarbeiter nicht unternehmerisch empfinden, denken und handeln. Dann sind sie im Grunde „Befehlsempfänger“. Und das heißt: Sie erwarten, dass diejenigen, die über Zahlen und Agenda bescheid wissen, ihnen sagen, was sie tun sollen.

In einem solchen Kontext wird die Coachinghaltung durch eine Führungskraft absurd. Sie läuft dann oft darauf hinaus, dass vom Mitarbeiter absolute Offenheit – auch über sein Innerstes – erwartet wird, während das Unternehmen ihm nicht mit der gleichen Offenheit gegenübertritt. „Coaching pervers“ könnte man das nennen.

Coaching funktioniert nur auf Vertrauensbasis. Nur mit reziproker, wechselseitiger Offenheit. Dieses Vertrauen ist schnell verspielt und mühsam erarbeitet.

Die meisten Menschen haben bereits Erfahrungen mit „ins Messer laufen“ oder „Blauäugigkeit“ gemacht. Daher sondieren sie die Lage sehr genau: Kann ich diesem Menschen wirklich vertrauen? Schieße ich mir selbst ins Knie, wenn ich dieser Führungskraft sage, was ich wirklich wahrnehme, empfinde, brauche, wünsche?

Strategische Kommunikation und Coachings schließen sich wechselseitig aus. Coaching in einem Kontext, in dem strategisch kommunziert wird, in dem alle darauf bedacht sind, sich keine Blöße zu geben, wird zur reinen Show-Veranstaltung. Zu einem Spielchen.

Eine Führungskraft, die aber von ihrem Mitarbeitern „etwas wollen muss“, wird über kurz oder lang nicht umhin kommen, Dinge zu tun wie: Vorgaben zu setzen, Ziele zu formulieren, Ergebnisse zu kontrollieren, Mahnungen auszusprechen, Kündigungen auszusprechen.

Macht eine Führungskraft von diesen, ihr organisatorisch-rechtlich zur Verfügung stehenden Machtmitteln Gebrauch, ist es vorbei mit der Bereitschaft von Menschen, sich von dieser Führungskraft coachen zu lassen. Die Erfahrung der Mitarbeiter ist dann: Im Bewusstsein der Führungskraft steht nicht mein Wohlergehen im Vordergrund, sondern das Wohlergehen der Organisation, ganz egal, was das gerade mit mir macht. Wenn nichst sogar ihre Karriere im Vordergrund steht für sie.

Im Coaching geht es um die Bedürfnisse des Coachee, nicht die des Coaches. Nicht die der Organisation drumherum.

Kann eine Führungskraft diese Haltung nicht durchhalten, tut sie sich auch keinen Gefallen, wenn sie gelegentlich in die Coachinghaltung geht: Denn das wird dann als manipulativ erlebt. Als das Spiel „good cop – bad cop“, nur dass beide Rollen von einem janusköpfigen Chef gespielt werden, bei dem man nie weiß, was von beidem man gerade bei ihm bekommt.

Ist der Mitarbeiter gut mit der Organisation in Kontakt, ist er innerlich mit ihrem Wohlergehen verbunden, dann führt indirekt die Arbeit am Wohlergehen des Mitarbeiters dazu, dass er mehr und auf bessere Weise für die Organisation da sein kann.

Doch dieses Sich-verbunden-fühlen-Können auf Seiten des Mitarbeiters ist viel voraussetzungsreicher als sich das viele vorstellen. Dazu gehört vor allem Punkt eins: Rückhaltlos Transparenz und Offenheit mit dem Mitarbeiter. Ein Sich-Verletzlich-Machen der Organisation. Ein guter Testfall für das Vorhandensein einer Transparenz sind Situationen, in denen das Kapital des Unternehmens nicht ausreicht, um alle Mitarbeiter zu halten. In der also „Kündigungen anstehen“. In solchen und ähnlichen Situationen zeigt es sich, ob die Mitarbeiter sich wirklich als Mitunternehmer fühlen können. Oder ob eben „alles nur Show war“.

Und zu diesem Sich-verbunden-fühlen-Können der Mitarbeiter gehört eben auch: Dass auf Weisungen, Mahnungen, Kündigungen systematisch verzichtet wird. So lang es nur irgend geht. Dass Mitarbeiter so früh wie möglich in Situationen und Probleme offen involviert werden, die sie irgendwann betreffen könnten.

Eine Organisation, die Führung im Coaching-Stil will, muss ihren Mitarbeitern auf eine sehr radikale und beängstigende Weise vertrauen. Und sie muss damit in eine extreme Vorleistung gehen.

Das hat – ähnlich wie Führung an sich – etwas Übermenschliches an sich.

Mitarbeiter testen es in der Regel aus, wie entschlossen es gemeint ist, wenn „Du-kannst-mir-Vertrauen“ gespielt wird. Und sie sind in dieser Hinsicht meist sehr sensibel und klug. Sie schauen sich auch an, wie anderen mitgespielt wird – und ziehen ihre Schlüsse daraus.

3.) Die Führungskraft führt zu 100% ihrer Zeit – Sie hat keinerlei andere Aufgaben

Wie führt nun aber eine Führungskraft, die „als Coach“ führt? – Die Antwort ist ebenso einfach wie verstörend: Über die eigene Verletzlichkeit und Bedürftigkeit.

Sie geht nicht nur mit den Zahlen offen um, sondern auch mit dem Umstand, dass sie es selber ist, die etwas von ihren Mitarbeitern will und braucht. Und der Schwächere in einer Beziehung ist immer der, der mehr vom anderen braucht.

Die Führung geschieht also über Bitten. Über Bitten, die ganz eindeutig und bleibend keine Forderungen sind. Sich auch nicht plötzlich dann doch in Forderungen verwandeln.

Das ist für viele Menschen schwer vorstellbar. Sofort tauchen Bilder der Dringlichkeit, Renitenz, Verstocktheit, Verrücktheit, des Gewohnheitsrechts und der Bestandswahrung auf. Also Bilder von Situationen, in denen „dann ja doch“ von Machtmitteln und Androhung von Sanktionen (wie subtil auch immer) Gebrauch gemacht werden muss.

Bei dieser Unterstellung gehen die meisten immer von den Kontexten aus, die sie bisher kennen gelernt haben und für die das genau so zutreffend wäre. „Das hat man ja erlebt.“

Ein Kontext, in dem die Führungskraft ihre Mitarbeiter offen bittet und ihre eigene Bedürftigkeit rückhaltlos offenlegt – und in dem das dann auch noch funktioniert -, ist für viele Menschen nicht vorstellbar. So kooperativ erleben die meisten Menschen die meisten ihrer Mitmenschen nicht. Das unmittelbare Gefühl ist: „Das muss schief gehen!“

Es wird dabei jedoch nicht berücksichtigt, dass Führungskräfte, die durchgehend als Coach agieren, sich diese Kooperativität systematisch und von langer Hand erarbeitet haben. Das heißt: Sie sind nah dran, ihre Mitarbeiter haben die Erfahrung gemacht, und zwar ausnahmslos und durchgehend, dass sich jene Führungkraft wirklich für sie interessiert. Dass sie Zeit hat, wenn sie gebraucht wird. Und dass sie loslässt und einen „einfach machen läst“, wenn sie nicht gebraucht wird.

Das erfordert neben einer gewissen Sensibilität, einer Bereitschaft, die Unterschiede zwischen Menschen wahrzunehmen und ernstzunehmen, auch einfach verdammt viel Zeit.

Diese Zeit haben Führungskräfte nicht, die neben ihren „Führungsaufgaben“ auch noch jede Menge anderen Kram zu erledigen haben. Führungskräfte, die dauerhaft als Coach agieren, sind nach meinen Erfahrungen (von beiden Seiten der Beziehung her) von anderen Aufgaben annähernd 100% ihrer Zeit freigestellt. – Sie führen wirklich „nur“.  Alles andere machen andere.

Auch das grenzt ans Übermenschliche: Für Mitarbeter Zeit zu haben und sie trotzdem die meiste Zeit in Ruhe zu lassen und sich einfach nur „bereit zu halten“, – eine solche Gelassenheit und Agendalosigkeit ist den meisten Menschen wesensfremd. Nun, nicht eigentlich wesensfremd. Aber besonders gefördert wird die Fähigkeit zu einem solchen „faulen“ Verhalten in unserer Gesellschaft nicht gerade.  – Wir werden viel in unserem Ego getriggert und gekitzelt. Und eine Führungskraft, die durchgehend als Coach agiert, „leistet ja eigentlich nichts“. Zumindest nicht selbst. Höchstens vermittelt durch andere, deren unmittelbaren Erfolge immer deren unmittelbare Erfolge bleiben. Soviel Ego-Losigkeit ist hart zu erwerben. Und noch schwerer durchzuhalten. V.a. Männer mit einer traditionellen Leistungs- und Heldentaten-Sozialisierung halten das nach meinen Erfahrungen nicht durch.

Daher „suchen sie sich Aufgaben“. Sie halten die Füße nicht still und warten ab. Sondern entwickeln eigene Pläne, Agenden, Ambitionen. – Einfach nur „für die eigenen Leute da zu sein, die dann wieder für das Produkt/die Kunden da sind“, ist vielen einfach viel zu wenig. Die Größe, die darin steckt, wird nicht erlebt, wird nicht empfunden.

Und oft wird eben auch gerade von Führungskräften verlangt, „sich irgendwie hervorzutun“. Oft ist solches Sich-Hervortun auch gerade das, worüber Menschen in Führungspositionen gelangt sind. Das plötzlich schlagartig abstellen zu können – das erscheint mir ein bisschen arg viel verlangt von denjenigen Menschen, die momentan in der Hülle einer Führungskraft stecken.

Fazit

Da in den meisten Unternehmen mindestens eine dieser drei Bedingungen nicht gegeben ist, häufig sogar keine der drei, ist es in den meisten Unternehmen nicht möglich als Führungskraft Coach seiner Mitarbeiter zu sein. Nicht dauerhaft. Und wenn es dauerhaft nicht möglich ist, lässt man es vielleicht besser gleich ganz bleiben.

Führungskräfte, die es dennoch versuchen, zerreisst es in der Regel zwischen den Anforderungen, denen sie sich als „Anleitender“ aussetzen, und den Anforderungen, denen sie sich als „bloß Unterstützender“ aussetzen. Es scheint das Dissoziationsvermögen der meisten Menschen zu überfordern, ständig hin und her zu schalten, ob gerade der Anleiter oder der Coach spricht. Und das in beiden Rollen: Überordert ist sowohl der, der gerade führt, als auch der, der gerade geführt wird.

„Rollenunklarheit“ nennt man das wohl. Vertrauensverlust ist die Folge. Vertrauen, das nötig ist, sich zu öffnen. Offenheit, die nötig ist, um sinnvoll zu coachen.

Der Mythos des „Guten Kriegers“

In vielen Filmen, die ja die Mythologie unserer heutigen Gesellschaft sind, dürfen wir sie bestaunen:

Die guten Krieger.

Die Krieger, die Gewalt nur gegen die Richtigen einsetzen. Die im richtigen Moment zögern. Die besonnen sind. Ruhig. Souverän. Cool. Die „nur zurückschlagen“.

Das Problem mit diesem Mythos hat zwei Aspekte:

1.) Er ist dramaturgisch notwendig. Ohne ihn ließen sich nur viel komplexere Geschichten erzählen. Geschichten, die zwar durchaus sehr spannend sind, aber die nicht an unsere tieferen „fight or flight“-Strukturen addressieren, mit denen man bei uns Menschen zuverlässig einen wohligen Adrenalin-Rausch auslösen kann (beschleunigter Puls, erhöhte Tätigkeit der Schweißdrüsen, erhöhte Aufmerksamkeit, Erhöhung der Muskelspannung, veränderte Aktivität der Nervenbahnen im Gehirn).

2.) Er beruht auf einer psychologischen Lüge. In der Wirklichkeit gibt es kein solches Heldentum. Menschen, die versuchen, ihren mythischen Vorbildern im realen Leben nachzustreben, zahlen einen hohen Preis.

Die schnellste Art, um das nachzuvollziehen, ist, sich mit aktiven oder ehemaligen Kriminellen, Polizisten und Soldaten in einem ruhigen, geschützten Raum zu einem vergleichsweise intimen Gespräch unter 4 Augen zusammen zu setzen. – Hier greift dann gleich die nächste Lüge: Dass diese Gruppen keinen Bedarf an solchen Settings hätten. Dass sie sie grundsätzlich verachten. Dass sie „sich nicht öffnen“. – Was Menschen, die täglichen Umgang mit Gewalt kennen, verachten, ist nach meinen Erfahrungen: Die Verachtung für ihre Erfahrungen, die ihnen oft entgegenschlägt von Menschen, denen solche Erfahrungen in ihrem eigenen Leben glücklicherweise fehlen. – Der exakt gleiche Mechanismus, aus dem heraus es für so manche Führungskraft unmöglich ist, mit einem Coach zu arbeiten, der selbst noch nie ansatzweise selber in ähnlichen Situationen war wie er selbst. Der exakt gleiche Mechanismus, aus denen viele Menschen ohne Eigentum und ohne Studium für die meisten Therapeuten, die in unserer Gesellschaft beinahe ausnahmslos Wohlstandshaushalten entstammen, nur Verachtung übrig haben.

Die gute Erfahrung ist: Es ist keineswegs notwendig „die Erfahrung auch schon mal am eigenen Leib gemacht zu haben“, damit sich Menschen ernstgenommen fühlen, die bestimmte Erfahrungen gemacht haben. Es ist nur hilfreich. – Kompensiert werden kann fehlende Eigenerfahrung durch Offenheit, Neugier und echtes Wohlwollen mit dem jeweiligen Menschen. Vor allem dadurch, dass man offen zugibt, wenn man keine Ahnung hat, wenn man erschrocken ist, wenn man betroffen ist, wenn einen eine Geschichte gerade aus den Latschen haut. – Haltungen und Verhaltensweisen, zu denen auch soziale Profis nicht immer und überall und mit jedem Menschen in der Lage sein können. Hilfreich ist hier, dass es einem selber gerade einigermaßen gut geht, dass man sich gut um sich selber kümmert, dass man seine privaten Beziehungen halbwegs in Ordnung hält (mehrere gute Bezugspersonen hat, von denen man sich verstanden fühlt), dass man genügend schläft, nicht zu viel isst, sich genügend bewegt, seine Gefühle lebt und seine persönlichen Neigungen zu Suchtverhalten im Auge behält.

Also eine Menge Arbeit, die man leisten muss, um für Menschen da sein zu können, die „anderes erlebt haben“ als man selber.

Unter diesen Voraussetzungen hat man gute Chancen, den Mythos vom guten Krieger für sich zu pulverisieren.

Hat man diese Voraussetzungen nicht, oder hat man sie nicht geschaffen, wird der Mythos vom guten Krieger wahrscheinlich im eigenen Kopf weiterleben. Man wird dann nicht wissen können, dass

  • täglicher Umgang mit Gewalt immer mit schlechter Selbstsorge einhergeht
  • täglicher Umgang mit Gewalt mit der Unfähigkeit zu erfüllenden, reziproken, gleichwertigen Beziehungen auf Augenhöhe einhergeht
  • täglicher Umgang mit Gewalt durch Suchtverhalten erträglich gemacht werden muss, weil das Anregungs- und Erregungsniveau dauerhaft so hoch gehalten wird, dass es nur noch durch starke äußere Impulse balanciert werden kann (Behalten von Kontrolle)
  • täglicher Umgang mit Gewalt immer wieder dazu führt, dass auch Menschen, die nicht in die Gruppe „gesellschaftlich zulässige Objekte von Gewaltanwendung“ fallen, Opfer von eingeübtem Gewaltverhalten werden
  • täglicher Umgang mit Gewalt zu tiefen Ohnmachtsgefühlen, chronifizierten Ängsten und herzzerreissender Einsamkeit, Zynismus und Abstumpfung führt

Es handelt sich bei diesen Effekten um eine universelle humane Konstante. Sie hat etwas mit unserer „Hardware“ zu tun. Mit dem, was sich nicht ändern lässt, ohne dass wir bei einer solchen Änderung zugleich unsere Menschlichkeit verlieren.

Natürlich hat eine derart differenzierte und intelligente Gesellschaft wie unsere heutige auch dafür Mythen geschaffen. Längst gibt es eine Unzahl an Filmen, die genau das vorführen: „Helden“ oder „Gute Krieger“, die an ihrem „made for fight / made for war“ zerbrechen. Die im Alltag nicht mehr „funktionieren“. Oder genauer müsste man sagen: „Für die der Alltag mit seinem alltäglichen Empathiebedarf nicht mehr funktioniert.“

Aber immer noch verherrlichen auch solche Filme diese „tragischen Figuren“. Sie werden nicht als die Mitgefühl verdienenden Menschen dargestellt, die sie im realen Leben wären. Auch diese tragischen Helden sind immer noch „larger than life“.

Historiker und Ethnologen gehen davon aus, dass die Mythen einer Gesellschaft immer auch viel über die Gesellschaft selber und ihre Strukturen und Institutionen aussagt.

Nimmt man unsere heutigen virtuellen Welten: Filme, Videospiele und Romane als die Mythologie unserer Zeit, so darf man sagen: Wir leben immer noch einer Gesellschaft, die strukturell zutiefst gewalttätig ist. Die Gewalt verherrlicht, bagatellisiert, positiv besetzt. Auf einer Alltagsbasis. Und eben genauso in den Geschichten, die wir uns von uns erzählen.

Um uns diese Gewalt schmackhaft und erträglich zu machen, schaffen wir uns die Kunstfigur des „Guten Kriegers“: Des Menschen, der einen täglichen Umgang mit Gewalt pflegt, der „das aber im Griff hat“. Wir machen mit dieser Figur eine Fiktion denkbar: „Es gibt gute Gewalt. Und es gibt schlechte Gewalt“.

Dass Gewaltanwendung immer Rückwirkungen auf das Empathieniveau in einem Menschen, einer Beziehung, einer Gesellschaft hat, das blenden wir mittels der Figur des guten Kriegers aus.

„Der gute Krieger“ hat die Funktion einer Verharmlosung von Gewalt für uns. Er macht uns die psychologische Lüge glaubwürdig, das von uns bereits erreicht Niveau an Gewaltabnahme in unserer Gesellschaft sei „das Ende der Fahnenstange“. Noch weniger könne man nicht verlangen, denn noch weniger könne man nicht erreichen.

Psychologisch gesehen ist das, wie gesagt, eine Lüge.

In einer Gesellschaft, die strukturelle Gewalt systematisch duldet, statt sie systematisch abzubauen, ist es allerdings eine sehr funktionale Lüge: Wir brauchen die Gestalt des „guten Kriegers“, um zu ertragen und alles bei dem zu lassen, was wir bereits haben.

Dennoch bleibt der gute Krieger eine bösartige Verzerrung unserer inneren psychologischen Mechanismen als Menschen. Er gibt uns ein falsches Bild von uns. Davon, was wir brauchen. Und davon, was etwas mit uns macht. Vor allem davon, welche Folgen Gewalt auf uns hat: Sowohl ihre Anwendung, als auch ihr Erleiden.

Es gibt „den guten Krieger“ genausowenig wie „den guten Freier“. – Auch der ist eine „notwendige“ Lüge. Möglicherweise eine Lüge, die mit unserer Lüge vom guten Krieger engstens verzahnt ist. Erst wenn wir uns vom „guten Krieger“-Mythos verabschiedet haben, können wir uns auch vom Mythos der „freudvollen Hure“ verabschieden.

Gewalt wurde zu allen Zeiten an allen Orten gerechtfertigt als Selbstverteidigung. Jeder, der Gewalt anwendet, noch der letzte maligne Narzisst, der einen Weltkrieg anzettelt, beschreibt sich selbst als einen „guten Krieger“: Als einen, der im Rundfunk verkünden lässt: „Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“

Alle Gewalttäter aller Zeiten mussten sich selbst als Helden verstehen, um ertragen zu können, was ihnen selbst angetan wurde, was sie sich und anderen Menschen antaten.

Philosophische Übersetzungen: Unsinn

Was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen: „Das ist Unsinn!“?

Eigentlich ist das „eigentlich“ hier Unsinn. Denn der Diskurs der Eigentlichkeit bedeutet meist: Ein bewusstes oder unbewusstes Ignorieren der pragmatischen Dimension unserer Sprache. Und gerade die Bewertung „Das ist Unsinn!“ kann in ihrer pragmatischen Dimension alles mögliche bedeuten. Von „Ach, lass mal“ über „Das ist ja witzig“ bis hin zu „Du Arsch!“

Ich glaube, in vielen Situationen seiner Anwendung bedeutet der Satz heute aber: „Ich will nichts mit Dir zu tun haben!“ – Denn wir können zwar rein theoretisch zwischen Menschen und dem, was sie für Sinnvoll halten, unterscheiden. Allein schon, weil Menschen ihre Meinung ändern können. – Aber in vielen Fällen sind Menschen mit ihren Meinungen emotional so eng verknüpft, dass „Das ist Unsinn!“ in der Gesprächssituation doch darauf hinausläuft, dass sich derjenige, dem dieser Satz entgegengeschleudert wird, als Person abgelehnt wird. – Zumindest wenn nicht starke „ich akzeptiere Dich“-Signale auf einem anderen Kanal mitgesendet werden. Denn kein Mensch wird gern abgelehnt.

Was bleiben einem Menschen für Reaktionsoptionen, dem auf eine Sache, die er für sinnvoll hält, gesagt wird: „Das ist Unsinn!“?

Er kann sich diesem Urteil, diesem Angriff auf die eigene Sinnstruktur unterwerfen. Das ist in der Regel verbunden mit der Akzeptanz irgendeiner Form von Autorität des Sprechers. Und sei es eine „Autorität“, die auf Fähigkeit beruht, einen zu sanktionieren. Mit einem wirksamen Drohpotential das der hat, der da „Unsinn“ diagnostiziert. Möglicherweise ist dieses Drohpotential sogar der einzige Grund, aus dem Menschen jemals auf den Satz „Das ist Unsinn!“ mit Selbstunterwerfung reagieren.

Er kann widersprechen. In der Regel läuft das auf ein „Selber Unsinn!“ hinaus. Also auf einen Kampf um semantische Unterwerfung.

Er kann nachfragen: „Was ist Dir so wichtig, dass Du das, was für mich Sinn macht, als Unsinn bezeichest und dafür bereit bist, unsere Beziehung auf’s Spiel zu setzen?“ – Diese Reaktion setzt voraus, dass jemand entspannt ist, situativ unbedürftig und gut gehalten von einem stabilen Netz aus anderweitigen Beziehungen, jenseits der Beziehung mit dem Nutzer des Satzes „Das ist Unsinn!“

Er kann aus der Beziehung aussteigen. Für den Moment: Aus dem Gespräch. Vielleicht auch dauerhaft. Innerlich (Desengagement). Oder Äußerlich (Nutzen von Beziehungsalternativen).

Alles, was Menschen sagen und tun, macht für sie in diesem Moment in irgendeiner Weise „Sinn“. – Die Negation unserer eigenen Sinnstruktur wird von uns in der Regel ausgelegt als Angriff auf den verletzlichsten Teil unserer Subjektivät: Unsere Fähigkeit, Sinnstrukturen zu bilden.

Der Satz wird daher in der Regel interpretiert als: „Wenn Du nicht meinst, was ich meine, gehörst Du nicht zum Kreis der Menschen dazu, die ich als „Wir“ bezeichne.“ Der Gegenwert des Satzes ist ein Vorbote, wenn nicht eine Androhung eines Beziehungsabbruchs, sofern wir darauf bestehen, weiterhin für sinnvoll zu halten, was wir für sinnvoll halten. Wir werden vor die Alternative gestellt: „Entweder dieser Mensch oder diese Meinung – Beides zugleich kannst Du nicht behalten.“

Vor diese Wahl gestellt, entscheiden sich die meisten Menschen für ihre von ihnen für sinnvoll erachtete Meinung.

Wir Menschen sind antizipierende Wesen.

Daher ist der pragmatische Gegenwert von „Das ist Unsinn!“ = „Ich will nichts mit Dir zu haben!“

Philosophische Übersetzungen: Ungerechtigkeit

Was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, etwas: ein Verhalten, ein Zustand, ein Gesetz, ein Verhältnis sei „ungerecht“?

Nach meinen Eindrücken lässt sich jeder solche Satz wie folgt übersetzen: Wir glauben, dass gerade die Bedürfnisse bestimmter Menschen von jemandem (uns selbst, anderen, allen) wichtiger genommen werden als die Bedürfnisse anderer.

So wahrgenommen ist eine Aussage von der Form „x ist ungerecht“ immer ein Appell, die Bedürfnisse bestimmter Menschen wichtiger zu nehmen als wir das gerade tun.

Bzw.: Der Satz selbst ist eine Aufmerksamkeitsfokussierung auf bestimmte Bedürfnisse. Das emotional aufgeladene „gerecht/ungerecht“ wird benutzt, um unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Bedürfnisse bestimmter Menschen zu lenken. – Da die emotionale Aufladung von „Gerechtigkeit“ relativ zuverlässig geankert ist, funktioniert das in der Regel auch recht gut.

Sinn macht ein solches Verhalten vor dem Hintergrund der Annahme, dass unsere Aufmerksamkeit die knappe Ressource unserer Tage ist. Dass also „Aufmerksamkeitsökonomie“ die zentrale Stellgröße und der wichtigste Engpass im heutigen menschlichen Leben und Zusammenleben ist.

Der pragmatische Gegenwert von „X ist ungerecht“ ist daher keine abstrakte Gerechtigkeitsdebatte, die auf immer unentschieden und unentscheidbar bleiben muss, sondern ein verändertes Handeln im Sinne der dabei benannten menschlichen Bedürfnisse.

Die Frage ist eben nur, ob das nicht andere Fokussierungs- und Hypnosetechniken besser leisten als gerade „Ungerechtigkeit“.

Das wäre auszuprobieren und anzutesten.

Philosophische Übersetzungen: Unvernunft

Was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, eine Sache, eine Verhaltensweise, ein Denken, ein Handeln, ein Plan sei „unvernünftig“?

Meinen wir damit, xyz sei undurchdacht? Meinen wir, jemand habe sich da „verrechnet“, „falsch kalkuliert“, „zwei und zwei falsch zusammengezählt“? – Die Philosophen der frühen Neuzeit dachten so: Die Francis Bacons, René Descartes, Thomas Hobbes‘. Ihr Modell menschlichen Verhaltens war mechanistisch. „Vernünftig“ war dort „richtiges Rechnen“. „Irrational“ war dort ein Fehler in einer mathematischen Gleichung.

Diese Auffassung von Vernunft/Unvernunft kann man heute noch antreffen.

Allerdings haben wir heute zugleich auch folgendes Bild von unserem Bewusstsein: Wir können nicht sonderlich viele Dinge gleichzeitig im Kopf behalten. Nacheinander: Ja. Gleichzeitig: Vielleicht zwei, drei Dinge. Danach wird es schwierig.

Die Frage ist nun, ob für uns als menschliche Wesen in den meisten Situationen, in denen wir „zum Nachdenken“ neigen, wirklich nur ein, zwei, drei Dinge eine Rolle spielen.

Wenn ja, wäre stets klar, was gerade für uns wichtig ist. Nur der Weg dahin wäre unklar. Darüber könnte es Irrtümer geben. Unvernunft eben. Reine Rechenfehler von nicht ganz so leistungsstarken Prozessoren. Von „nicht-ganz-so-intelligenten Menschen“.

Wenn nein, nimmt für uns heute lebende Menschen Vernunft/Unvernunft eine völlig andere Form an:

Aus der Frage danach, wie wir am vernünftigsten Bekommen, was wir brauchen, wird die Frage danach, was wir wirklich brauchen aus der Überfülle dessen, was wir denken könnten, was wir brauchen. – Und was wir dementsprechend mit unserem Bewusstsein fokussieren, was wir in unserem Denken und Handeln berücksichtigen sollten.

Aus der Frage nach dem „Wie“ wird eine Frage nach dem „Was“. – Oder genauer: Wird die Frage danach, was wir alles in diesem Moment, hier und jetzt, in unsere Handlungspläne miteinbeziehen müssen, können, wollen.

Statt: „Start with why“ müssten wir heute vielleicht sagen: „Start with what“.

Handlungstheorie wird dann eine Frage nach dem Vorhandensein und der Priorität unserer Bedürfnisse. Jetzt, in naher und in ferner Zukunft. – Und vor allem: Zählen die Bedürfnisse aller in diesen Handlungsplan involvierten Menschen wirklich gleichrangig? Oder nehmen wir die Bedürfnisse mancher Menschen wichtiger als die anderer? – Und wie werden diese Menschen, deren Bedürfnisse wir unwichtiger nehmen, darauf wohl reagieren? – Denn dass sie unser Ihre-Bedürfnisse-unwichtig-nehmen wahrnehmen können, davon können wir ausgehen. Es ist also mit „Reaktionen“ zu rechnen. Diese ihre Reaktionen auf unsere Bagatellisierung ihrer Bedürfnisse und Wünsche dürften relevant für uns sein. Für unsere zukünftigen Möglichkeiten zu handeln. Für unsere zukünftigen Bedürfnisse.

Wenn wir aber erst einmal alles zusammen haben, was hier und jetzt für uns gerade wichtig ist – Dann, so möchte ich behaupten, „berechnet sich der Rest beinahe von selbst“.

Und das würde dann heißen: „Unvernunft“ heißt heute nicht mehr, dass jemand sich „verkalkuliert“ hat, indem er zwar weiß, was wichtig für ihn ist, aber sich darüber irrt, wie er es bekommen kann und was er dafür tun muss.

Sondern „Unvernunft“ heißt heute, dass ich bestimmte menschliche Bedürfnisse, die gerade für mich wichtig sind und deren Unerfülltheit für mich Folgen hat, systematisch ausblende. – Das können eigene Bedürfnisse von mir sein. Aber genauso gut Bedürfnisse anderer Menschen. Immerhin sind wir Menschen so eng miteinander verbunden, „so eng verzahnt“ (um ein mechanisches Bild zu bemühen), dass die Bedürfnisse anderer beinahe genau so unmittelbarere Folgen für mich haben wie meine eigenen.

Eigene Bedürfnisse oder Bedürfnisse anderer Menschen zu ignorieren, aus den eigenen Handlungsplänen auszublenden, menschliche Bedürfnisse, die eigentlich gerade hier und jetzt Aufmerksamkeit verlangen, – das ist heute „unvernünftig“.

Um nicht zu sagen: verrückt.

Dies würde dann auch ganz gut erklären, warum sich hochintelligente Menschen hochgradig unvernünftig verhalten könnten: Deren Prozessoren rechnen sich dann gerade hochkomplexes Zeug aus. Nur leider nicht das, was gerade eigentlich berechnet werden müsste. Und was sich mit deutlich weniger Aufwand sowohl berechnen als auch handelnd erreichen ließe…

Und für so ein Verhalten dürfte es so gut wie immer „emotionale Gründe“ geben: Verletzungen, Traumata, Ängste, fehlende Beruhigung, fehlende Zuwendung, schlechte Gewohnheiten und Süchte, die der Kompensation dessen dienen, was eigentlich gerade gebraucht und benötigt wird. Was jemandem gerade oder vielleicht auch chronisch fehlt.

Die Frage, was gerade wichtig ist, ist die Quelle von „Vernunft“. Wenn dieses Wort für uns heute denn überhaupt noch eine entschlüsselbare Bedeutung hat. Eine, die sich in Handeln übersetzen lässt.

Emanzipation ist kein Zustand, den mann erreicht – Emannzipation ist ein niemals endender Prozess

In diesem Text wird es allein um männliche Emanzipation gehen. Warum? Weil sie mir schmerzlich fehlt! Viele Frauen, so scheint es mir, haben sich auf ihre Reise gemacht. Doch die meisten von uns Männern sind zu Hause geblieben.

Aus einem Irrtum, den alle Welt, gleich welchen Geschlechts, zu teilen scheinen: Dass wir Männer keine Emanzipation bräuchten. Wir seien ja ohnehin schon an der Macht, privilegiert, was auch immer. Und das stimmt natürlich auch.

Doch zu sagen, dass wir Männer keiner Emanzipation bedürfen, verkennt unsere Situation. Als Menschen. In einer Gesellschaft, die uns vom ersten Atemzug an Erwartungen vermittelt. Vielleicht sogar schon im Mutterleib. Who knows? Die Wissenschaft entdeckt immer erst mit Verzögerung, wovon die Spekulierer faseln.

Männer werden zugerichtet. Genauer: Kleine Menschenwesen, die äußerlich als „Junge“ erscheinen, werden zu Männern zugerichtet. Eigentlich gibt es gar keine „Männer“. „Mann“ – Das ist nur ein Konzept. Und es verdient genausowenig „Gefolgschaft“ wie das komplementäre Konzept „Frau“. Wer Konzepten folgt, statt sie wie Kleidungsstücke zu wechseln: Nach Bedarf und nach Lust und Laune, der ist unfrei.

Die meisten heutigen Männer, die allermeisten sind unfrei. Und teil ihrer Unfreiheit ist es, dass sie nichts von ihrer Unfreiheit zu bemerken scheinen. – Das, was ihnen genommen wurde, als sie Babies und Kleinkinder waren, scheint ja kein Verlust zu sein. Gerade im Vergleich zu dem Offensichtlicheren, weil Äußerlicheren, das kleinen Babies und Kleinkindern genommen wird, wenn sie als „Mädchen“ erscheinen.

Männern scheint also nichts zu fehlen. Ich werde mal persönlich: Dieses Jahr war ich Mann-Freund auf einem Wochenend-Paarseminar mit meiner Frau-Freundin (das sind unsere beziehungsinternen Titel für das, was man in altvorderen Tagen „Wilde Ehe“ genannt hat und was heute nicht mehr wild ist, weil es all zu verbreitet ist). Das Seminar war gut. Es war beim Deutschen Institut für provokative Systemarbeit. Die Provo-Leute, wie wir sie salopp nennen, arbeiten mit einer Methode, die manche „recht männlich“ finden. Ich finde sie einfach nur gut und wirksam. Humorvoll, recht direkt und zutiefst empathisch. Wenn die meisten Männer so wären, wie die gute alte Provo-Methode von Meister Frank Farrelly und Meisterin Noni Höfner, dann wäre die Welt wohl ein besserer Ort. Nun ja.

Auf jenem Paarseminar gab es eine 2-stündige Sequenz, auf der sich alle Männer in einer Gruppe wiederfanden und alle Frauen in einer anderen. Dabei wurden wir, eine Gruppe von vielleicht 8 Männern gefragt, wie es uns so mit unserem Mann-Sein gehe. – 7 von den 8 sagten, dass sie es großartig fänden, ein Mann zu sein und dass sie keinerlei Problem damit hätten. Sie erlebten sich vielmehr als privilegiert. Gut, das ist alles halbwegs erwartbar auf einem Psycho-Seminar. Mann ist ja reflektiert.

Gleichzeitig ist die Selbstmordrate bei Männern 3 mal (?) so hoch wie bei Frauen. Die Zahl der Suchterkrankungen bei Männern ist enorm. Männliche Depression wird oft nicht erkannt, weil sie nicht wie eine Klischee-Depression aussieht. Die meisten Opfer von Gewalt sind btw keine Frauen und keine Kinder, sondern andere Männer. Die Dunkelziffer von männlichen Opfern sexueller wie nicht-sexueller Gewalt dürfte enorm sein, weil mann als Mann kein Opfer zu sein hat. Das geht nicht. Auch nicht, wenn mann zu dem Zeitpunkt eben gar noch nicht so richtig „ein Mann“ war, sondern ein kleiner Junge. Der Angst hatte. Der sich einsam und verloren fühlte. Der Rache schwor. Dessen einzig sozial akzeptierten Gefühle Wut, Verachtung und Stolz zu sein haben. Und der irgendwann qua Testosteron-Schüben größere körperliche Kräfte entwickelte. Und in Privilegien hineinwuchs, die die Gesellschaft für ihn bereit hielt. Wenn, ja wenn er ein braver Mann würde. Einer der nach Status strebt. Der seinen Platz in den Armeen und Bewegungen und Unternehmungen dieser Welt einnimmt, erobert, verteidigt, usw. Wenn er „dient“. Ohne Rücksicht auf Verluste. Eigene wie fremde. Dem keine Antwort mehr einfällt auf die Frage: „Wie geht’s Dir?“ – „Muss ja!/Passt scho!/Häh!?“ Der seine Seele verloren hat. Eine Seele haben immer nur andere. Andere, denen er zu dienen hat. Andere, die er zu verachten hat.

Vielleicht versteht mann mein Problem mit den 7 von 8 mit Männlichkeit-kein-Problem-habenden Männern…Vielleicht auch nicht.

Viele Frauen haben sich auf die Reise gemacht. Sie haben erkannt, nein: gespürt, dass das traditionelle Geschlechterspiel für sie viele Zurichtungen bereit hält. Viele Grenzen. Viel Leiden.

Wir Männer sind zu Hause geblieben. Und auch das hat seinen Grund: Es ist Teil unserer Konditionierung nichts zu spüren. Nichts mehr zu spüren. Und dieses vermaledeite halb-esoterische „Spüren“ bräuchte es halt, damit man einen Grund verspürt sich aufzumachen. In eine Emanzipation von Männlichkeitserwartungen. Dumm nur, dass es Teil dieser Erwartungen ist, eben nichts mehr zu fühlen. Einer Erwartung, der die meisten von uns Männern so brav nachkommen, dass wir nicht einmal mehr wissen, was auf der anderen Seite der Welt liegt. Wie sich Fühlen anfühlt und was wir da verpassen.

Nein. Ich bin keiner dieser „emanzipierten Männer“. – Ganz einfach, weil es die nicht gibt. Emanzipation ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Denn die Fallen sind immer da. Die Erwartungen, die Rollenbilder, die Restriktionen, die Sanktionen, wenn „mann nicht liefert“, wenn „mann nicht performt“, wenn „mann nicht brav war“.

Manchmal sage ich in Gesprächen mit Freunden, dass ich an meiner Abschaffung arbeite. Und dass ich neben allem, was ich daran heftigst bedauere, auch ein Stück froh bin über den Gedanken, irgendwann nicht mehr zu sein. – Weil dann auch ein Stück alte Welt mit mir von diesem Planeten verschwinden wird. Und vielleicht Platz macht für Besseres, Neueres. Oder auch nur: Anderes. – Die Vorstellung persönlicher Unsterblichkeit oder Langlebigkeit scheint mir nur eine irregeleitete Treue zu etwas zu sein, was gut ist, wenn es irgendwann gehen darf.

Ich bin also nicht emanzipiert. Aber ich weiß, dass ich es nicht bin. Und das gibt mir Möglichkeiten.

Warum aber sollte ein Mann, der keine so merkwürdig-verschrobene Kiste mit „Männlichkeit“ am Start hat wie ich, warum sollte also ein so vermeintlich ganz „normaler“ Mann sich auf diese Reise machen? Aus welchen Gründen könnte er überhaupt seine ganz persönliche Variante von Emanzipation wollen?

Hier eine unvollständige Liste mit männlichen „Emanzipations-Gewinnen“, die mir im Moment einfallen:

  • Weniger Geld verdienen müssen
  • Kämpfen ausweichen können. Körperlichen. Argumentativen. – Nicht: Emotionalen. Das kannst Du ja sowieso „schon immer“.
  • Trauern können
  • Locker mit anderen Männern, mit Frauen, mit Kindern sein können. – Ja ich weiß, Mann, Du BIST locker. Du bist immer locker. Hast Du Dich aber vielleicht schon mal gefragt, ob dieses Immer-Locker sein vielleicht gar kein Locker-Sein ist, sondern ein Locker-Sein-Müssen. Das wäre dann nämlich eine ziemlich verquer-perverse Art von Nicht-Lockerer-Lockerheit, Compadre…
  • Keine Ahnung haben dürfen. Und das bei wichtigen Dingen
  • Teilzeit Arbeiten können
  • Bei der Geburt Deiner Kinder lange zu Hause bleiben können
  • Eine Scheiß-Firma mit ihren Scheiß-Karriereangeboten einfach ihren Scheiß alleine machen lassen – und leichten Herzens gehen können. Weil Du keine verdammte Fürsorgepflicht hast. Ernähren können „Deine“ Familie nämlich genauso gut auch andere, die keinen Meter weniger oder mehr dafür „zuständig“ sind als Du.
  • In Deinen Beziehungen ohne Scham „Zicke“, „Prinzessin“ und „Beleidigte Leberwurst“ sein können. Den „Verletzten“ spielen können. – Klingt nicht attraktiv? Dann hast Du keine Gefühle, bitch, während Du die traditionell männlichen Alternativen spielst: Schweigen, Schreien, Schlagen, Ausweichen, Davonlaufen, Rationalisieren. Das fühlt sich nämlich alles beschissener an. WENN man was dabei fühlen würde, wohlgemerkt. Kannste aber nicht. Bist ja ein Mann. Hast keine Seele. Bist nicht verletzlich. Tapferer Krieger vom ersten bis zum letzten Tag. Schwache Minuten, die in Wahrheit schwach Jahre sind, werden halt einfach überspielt. Bis es dann nicht mehr geht. Testosteron lässt bei den meisten von uns ab 40 rapide nach. Wenn Du das bis dahin nicht mit Status kompensiert und Deine Königreiche gegründet hast, isses jetzt natürlich blöd. Oft sogar, wenn Du hast. Nun gut, bleibt ja immer noch „tapferer“ männlicher Selbstmord als Option. Also wenn’s halt so gar nicht mehr geht mit dem Performen von „Nur die Harten kommen in den Garten“. Ist ja immer auch ne Option.
  • Im Gespräch mit Freunden nicht ins Übertrumpfen einsteigen müssen. Auch nicht heimlich. – Stattdessen: Einfach nur zuhören können, wenn Dir grad danach ist. Dem anderen seine Erfolge und seine Großartigkeit lassen können. Weil sie Dir keine verdammte Zacke aus Deiner Krone brechen.
  • In der Beziehung mit Frauen ungehemmt sein können. Weil Du eben nicht „immer nur an das Eine denkst“, weil Du nicht immer nur an das Eine zu denken hast. Nicht mehr. Emanzipation von anerzogener männlicher Sexsucht und emotionaler Frauenabhängigkeit. Ja, so kann man das nennen. Klingt arg überzogen und theatralisch? – Scheiß drauf. So klingt halt der Sound männlicher Emanzipation. Manchmal. Also kann. Alles kann, nix muss.
  • Auf Spielplätzen rumturnen können, ohne in den Verdacht zu geraten, ein Pädophiler zu sein. Weil „was kann ein Mann schon anderes da wollen“. Sexmonster, die wir zu sein haben.
  • Das gleich gilt für: Ne Menge Berufe, die Du guten Gewissens machen kannst. Weil Du Bock darauf hast. Weil Du die Möglichkeit hast. Weil Du es grad spannend findest. Weil Du es kannst. Also Erzieher zum Beispiel. Oder Krankenbruder. Oder Friseur. Ja, Friseur. Und so voll ohne schwul und so. Als alte Hete, die auf Haare steht. Krass, Alter. – Und als Bonus obendrauf gibt’s, dass Du Dich dabei nicht als Versager, Loser, Lusche, Schluffi, Weichei, Opfer oder sonstwas fühlst, was Männern angedichtet wurde und wird, die es nicht mindestens zum 3-Sterne-General aka Mittelmanager aka Sporthelden aka heldenmonumentalen Kanonenfutter geschafft haben.
  • Und das Allergeilste kommt jetzt: Du kannst nach dem Weg fragen, wenn Du ihn mal nicht weißt. Im Ernst. Ich weiß: Abgefahrener Scheiß. Ich hab ungefähr 10 Jahre gebraucht, um das zu lernen. Und les auch heute noch lieber Karten und „finde den Weg selbst“. – Aber jetzt mal im Ernst: Du kannst Dir helfen lassen. Einfach nur aus Bequemlichkeit, nicht, weil Du grad eine Hand, zwei Beine, mindestens eine Niere und alle höheren cerebralen Funktionen verloren hast. Einfach so.
  • Du kannst zum Arzt gehen. Ohne vorher verstorben zu sein.
  • Du kannst Dich bei Deiner Partnerin beklagen, wenn sie Dich wenig liebevoll behandelt.
  • Du kannst Deine Partnerin die Kompetentere sein lassen. In allem. In allem, worauf Du grad Lust hast. Also zumindest versuchen kann mann’s mal. Vielleicht nimmt sie ja den Ball, den Du mitten im Raum liegen lässt. Machst Du ja beim der Wäsche, beim Abwasch, beim Einkaufen, beim Kinderversorgen, beim Müll-Runterbringen, beim Geburtstage-Merken schon seit immer. Ist also bewährte Praxis, nur etwas ausgeweitet.
  • Du kannst komische Hobbies entwickeln. Die NULL Prestige bringen. Einfach so. Aus Spaß an der Freud. Ego-Boost-Effekt: Zero. Spaß: Unendlich. Also halt solange, wie’s Dir Spaß macht.
  • Du kannst Dich selber trösten. Ohne Alkohol.
  • Du kannst andere trösten. Deine Kinder zum Beispiel. Ohne ihr Leiden und ihre Ängste „wegzumachen“.
  • Du kannst allein sein. Wirklich allein. Ohne dabei auf den Hund zu kommen. Ohne durchzudrehen.
  • Du kannst mit Deinen Kindern kuscheln. Ja, auch mit Deinen Söhnen. Weil die das brauchen. Weil Du das brauchst.
  • Du kannst Dir ein Pony kaufen. Okay: Das mit den komischen Hobbies hatten wir schon weiter oben abgefrühstückt.
  • Du kannst Deine Frau einfach mal nicht retten, wenn eine Spinne aus Eurem Haushalt entfernt werden muss, einem verdächtigen Geräusch in der Nacht nachgegangen werden muss, irgendein Scheiß repariert werden muss, ein Krieg ausgefochten werden muss – mit der Klassenlehrerin der Kinder/dem Vermieter/dem Nachbarn/Deinem Chef/dem fies dreinblickenden Terroristen von Gegenüber. – Soll Deine Frau das doch machen, wenn’s ihr wichtig ist!
  • Du kannst über die Landstraße schleichen. Und entspannt dabei sein. Ja: Im Auto!
  • Du kannst Dich für ne Menge Dinge in der Welt einfach mal nicht interessieren. Obwohl mann ja von allem Ahnung haben muss.
  • Du kannst in Ruhe und Frieden ruhiger und friedlicher aka alt werden. Von mir aus werd Gandalf der Graue, aber werd alt und hab Spaß an all dem, was für Dich einfach immer weniger wichtig wird. Meditieren musst Du dafür keinen Meter. Nur ne Menge Ego-Kram sein lassen, auf den Du eh schon seit langem keinen Bock hast.
  • Du kannst Dich einladen lassen. „Danke“ sagen. Und es dabei bewenden lassen.
  • Du kannst den nächsten möglichen Kleinkrieg oder Großkrieg an Dir vorüberziehen lassen. Und stattdessen einfach mal Blumen gießen. Die schauen schon recht trocken aus. Findest Du nicht?
  • Du kannst zärtlich, liebevoll, sanft, verletzlich sein. Ohne dass Du dafür sofort und zuverlässig gedemütigt wirst.
  • Du kannst Deiner Frau einfach so einen Wunsch abschlagen. Und wenn sie sauer wird darüber, wie subtil oder unsubtil auch immer, kannst Du sagen: „Was soll das? – Nur weil ich … für Dich nicht mache, soll ich Dich nicht lieben? Sag mal, hast Du sie noch alle?“
  • Du kannst offen sagen, wenn Du Angst hast. Jedem. Immer. Ohne dass Du noch zusätzlich Angst davor haben musst, dass jemand bemerkt, dass Du Angst hast. Weil Du als Mensch gesehen wirst. Und Angst als völlig normal gilt.
  • Du kannst alle Dir möglichen Ratschläge zurückhalten und der Welt die Möglichkeit geben, Dich mit Lösungen zu überraschen, die Du Dir selber niemals hättest ausdenken können.
  • Du kannst Dir Zeit nehmen für die Antwort auf die Frage: „Wie fühle ich mich gerade?“ – Und es dann einfach irgendwem aufschwatzen, egal ob der das grad hören will oder nicht. Und noch wichtiger: Egal, ob der das grade cool findet oder nicht.
  • Du kannst grundlos beunruhigt, begeistert, sonstwas sein. „Männliche Intuition“. Punkt.
  • Du kannst Dein Visier hochklappen. Deinen legendären männlichen Körperpanzer ablegen. Dein „war nix“ wegtun, Dein „ich spür nix“ irgendwo im Keller verstauen. Du kannst abrüsten. War is over. Du hast gedient. Aber jetzt ist gut und ein wirkliches Leben beginnt für Dich. Ein menschliches Leben.
  • Du kannst…

Ich gebe zu: Das klingt für einen als zugerichteter und abgerichteter Mann alles mäßig attraktiv im Vergleich zum verheißungsvollen Land der Maskulisten, in dem noch Länder und Frauen erobert werden. In dem noch mit den Händen gejagt und getötet und das Fleisch blutig gegessen wird. In dem Mann noch ein Mann sein kann. In dem Mann noch Held sein kann. In dem Mann noch Abenteuer erlebt. In dem Mann sich den lieben langen Tag nur mit echten Großartigkeiten beschäftigt, Unternehmen gründet, zugrunderichtet, Rivalen aussticht, unglaubliche Geschichten von den eigenen Heldentaten zu erzählen weiß. Und so richtig lustig sind die auch noch! *Schenkelklopf* *AberaufdiecooleArt* *Verstehtsicheh* *Mussmannalsoeigentlichgarnichthinschreiben* *AlleindasHinschreibenistschonsowasvonuncool* *Justshutupnowandstaysilentforever!*

Es kann also durchaus sein, dass die Liste da oben ziemlich poplig erscheint im Vergleich zu den „natürlichen“ Freuden des Mann-Seins.

Aber hast Du Dir diese Maskulisten mal näher angeschaut? – Beim näheren Hinsehen wirken die nämlich doch irgendwie ganz schön erbärmlich. Nicht wirklich souverän, nicht wirklich ausgestattet mit einer entspannten Haltung, weder zu anderen, noch zu sich selbst. Eher nervöse Nervenbündel, die einen Riesenaufwand betreiben, dass keiner die eigene Getriebenheit und die zahllosen Ängste bemerkt. Die das mit „demonstrativer Männlichkeit“ zu kaschieren versuchen. Vor anderen. Vor sich selbst. Aber mann merkt es halt doch. Gut, so aus der Not heraus übertreiben muss mann’s ja auch nicht gleich. Du bist eben ein ganz normaler, ein natürlicher Mann. Der hat sowas gar nicht nötig. Du bist einfach so wie Du bist. Da ist ja gar nichts dabei.