Es gibt einen weitverbreiteten Irrtum darüber, worum es „in der Politik“ geht. Wenn nicht eine weitverbreitete Ungeklärtheit. Viele halten sich an eine Art „Rechtspositivismus“, nach der Politik eben einfach das ist, was man gerade so nennt.

Das kann man so handhaben. Und es wirkt auch sehr entkrampfend und erleichternd, wenn man keine Grundsatzfragen stellt und es völlig vermeidet, nach „der Sache“ der Politik zu fragen. – Ob es heute, in unserer gegenwärtigen Lage eine sonderlich kluge Vorgehensweise ist, diese eher philosophische Frage systematisch auszuklammern, sei mal dahingestellt.

In meiner Wahrnehmung ist „die Sache“ der Politik: Die Gefühle der Bürger.

Befremdlich ist diese Bestimmung nur in einem klassisch-philosophischen Umfeld, das gemeinsam mit Platon und Kant „Gefühle“ für etwas durch und durch Irrationales hält, das es auch und gerade in der Politik tunlichst zu vermeiden gelte. „Kühler Sachverstand“ und ähnliches werden dann so gesehen, als stünden sie im Gegensatz zu einem hochemotionalen, manipulierbaren Gefühlsdasein der ahnungslosen Masse. Einer Masse, der es eben an „Sachverstand“ fehle. Ist eine Kultur von solchen philosophischen Vorurteilen durchtränkt, tut sich Demokratie grundsätzlich schwer. Und das hat Gründe:

Denkt man in diesem Denkrahmen, wird man immer „politische Experten“ brauchen. Und man wird ein politisches System bauen und fortführen, das vor allem dazu da ist, „das Volk“ von den Schaltstellen der politischen Entscheidungen möglichst weit fern zu halten. Man kann das Ergebnis dann pro forma „Demokratie“ nennen. Dies mag dann aber als ein eigener rhetorischer Kniff des nur vermeintlich rhetorikfeindlichen Politischen Rationalismus erscheinen: „Wir befrieden mal das Volk, indem wir es glauben lassen, es sei an der Macht.“ – Von Politik-Profis vorzutäuschende Volkssouveränität als System.

Wohin führt es uns aber, wenn wir sagen: „Die Sache der Politik sind die Gefühle der Bürger“?

Wir erkennen in diesem Satz an, dass Dinge, Ereignisse, Sachverhalte und Zusammenhänge in der Politik nur insofern eine Rolle spielen, als sie in den Bürgern Gefühle auslösen. Die Befindlichkeit, Stimmung, der Erkenntnisstand, die Perspektiven der Vielen sind dann das, wovon Politik systematisch auszugehen und was sie zu addressieren hat.

Um ein drastisches Beispiel zu nennen: Die durch uns Menschen verursachte Klimaerwärmung, die ich für eine objektive Tatsache halte ( = Wissenschaft), ist nur insofern eine politische Sache, also sie im Gefühlsleben von Bürgern eine Rolle spielt. Löst sie dort nichts aus, lässt sie sich mit diesem in keiner Form verknüpfen, so bleibt sie außerhalb des politischen Felds. Sie existiert dann freilich weiter. Aber eben nicht als Politikum.

Die Annahme, dass Gefühle das A und O von Politik sind, führt zu dem Eindruck, dass u.a. dieser Moment hier einer der „politischsten“ in der letzten Legislaturperiode gewesen sein dürfte:

Ganz ähnlich wie dieser hier:

Im Momenten, in denen die Unmittelbarkeit von Bürgerperspektiven und Bürgerempfinden die Schaltstellen politischen Entscheidens berührt, „geschieht Politik“.

Das Problem unserer derzeitigen politischen Systeme besteht in dieser Wahrnehmung darin, dass wir diese Berührung nicht systematisieren. Dass wir „politische“ Institutionen geschaffen haben, die dazu gut geeignet sind, Bürgerempfinden und politische Entscheidungen möglichst weit auseinander zu halten.

Dies tun wir aus Misstrauen in unsere Empfindungen und die unserer Mitbürger. Wir haben ein Bild von Politik, das die platonische Definition von „Sachlichkeit“ kauft und sie in nur in einer „Reinigung von Emotionen“ zulassen kann. Expertokratien und Bürokratien sind politische Verkörperungen und Institutionalisieren einer so verstandenen Sachlichkeit. Dass Platon ein erklärter Anti-Demokrat war, ignorieren wir dabei geflissentlich. Wir stellen ja keine prinzipiellen Fragen.

Eine politische Institutionalisierung des nicht-platonischen Verständnisses, dass wissenschaftliche Sachlichkeit und politische Sachlichkeit ganz unterschiedliche Kategorien sind, mündet in die Annahme, dass ein Bürgerparlament, das per Los aus unser aller Mitte besetzt ist, die geeignetste Form ist, beides zu gestalten: politisches Entscheiden und demokratische Beteiligung aller.

Ich brauche dann die Perspektive und das Fühlen der Vielen, der Verschiedenen, um zu guten politischen Entscheidungen zu kommen. Ich werde dann nicht mehr annehmen können, dass Bürokraten und wissenschaftliche Experten „das Volk“ in irgendeiner Form „repräsentieren“ können. – Weil es in der Politik nicht um die Repräsentanz wissenschaftlich abgesicherter Ansichten geht, noch gehen kann. Auch nicht um den Clash formierter, ritualisierter „Parteien“, die sich feindlich gegenüberstehen müssen.

Sondern nur um die Vollrepräsentation auch der letzten Außenseiter-Äußerung, die wir als wertvolle Information unseres politischen Systems verstehen, wenn wir sie in institutionalisierten Verfahren auf ihre emotionale Quelle befragen: Um welches Bedürfnis geht es dem Betreffenden dabei eigentlich? Was können wir gemeinsam tun, um darauf zu antworten, ohne zugleich die Bedürfnisse anderer zu ignorieren, die wir als exakt gleich wertvolle Menschen verstehen? Alle müssen eine hörbare Stimme haben. Alle müssen, noch viel wichtiger, auch ganz subjektiv den Eindruck haben, „politisch gehört worden zu sein.“ Das ist für uns immer dann unproblematisch, wenn wir die institutionell garantierte Sicherheit erhalten, dass auch wir selbst gehört werden. „Höre vor verbindlichen Entscheidungsfindungen ausnahmslos und unmittelbar jeden an, den die jeweilige Entscheidung betrifft“ ist das Verfahrensprinzip der Politik.

Es ist naheliegend, dass uns diese Annahmen Angst machen. Und noch mehr ihre institutionalisierte, auf Dauer geschaltete Umsetzung.

Wir können uns jedoch zweierlei klarmachen, um dem zu begegnen:

1.) Unsere Angst führt systematisch zu einem anti-demokratischen Ausschließen bestimmter Bürger von wirksamen Entscheidungsprozessen. – Dass sich das auf mittlere Sicht rächen muss, sollte für uns keine große Überraschung sein. Denn wenn ich aus Systemen dauerhaft ausschließe, was in ihnen vorzukommen hat, wird das Ausgeschlossene mit Macht anklopfen und Eingang verlangen.

2.) Unsere Angst vor der Manipulierbarkeit von emotionalem Erleben ist gut nachvollziehbar und lässt sich nicht leugnen. Gefühle sind insofern „lenkbar“ und „umlenkbar“, als ich ein Unbefriedigt-Sein auf einem Gebiet mittels Aufmerksamkeitssteuerung auf ein ganz anderes Feld übertragen kann. Ich nehme die emotionale Energie, leite sie um, kanalisiere sie und lasse sie in Entscheidungen münden, die mit „dem Quell“ dieser Energie nichts mehr zu tun haben.

Das ist ein Alltagsphänomen, von dem wir selbst tausend mal am Tag Gebrauch machen. Es ist beliebt bei Kindern, „in der Pädagogik“. Es ist beliebt in unseren Unternehmen, beim „Management“. Sie ist beliebt auch bei autoritären Berufspolitikern, die dem Volk prinzipiell keine Souveränität zutrauen, sondern die glauben, dass es beherrscht sein will. Ganz ähnlich, wie sich noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein Politiker nicht entblödet haben zu behaupten, „Frauen wollen von Männern beherrscht sein.“ – Dieses immer gleiche Muster zieht sich durch die meisten der für uns relevanten Beziehungen. Seine ehemalige Allgemeinheit soll immer wieder dafür herhalten, dass es sich um ein „natürliches“ Verhältnis handele. Und nicht um eines, dass wir erst durch unsere von uns selbst geschaffenen Institutionen künstlich herstellen.

Wir können uns jedoch klar machen, dass wir, indem wir wirklich uns alle institutionell wirksam zum „Souverän“ machen, einen fundamental anderen Weg beschreiten: Wir geben „der Quelle“ von Unzufriedenheit die Macht. Und wir stellen „die Minister“ in unmittelbaren Dienst jener unbefriedigten menschlichen Bedürfnisse, die sich in Gefühlen äußern.

Durch diese Machtumkehr haben wir keine „ratio“ mehr, die verzweifelt versucht, „unserer Gefühle Herr zu werden“. Wir haben vielmehr Beratschlagungen und Kräfte, die menschlichen Bedürfnissen dienen können. Die politische ratio ist im unmittelbaren Dienst von uns als Menschen tätig. – Nehmen wir heutige Psychologie, Neurowissenschaften und bewährte Psychotherapieformen ernst in dem, was sie uns über das natürliche Verhältnis zwischen „Gefühl und Verstand“ bzw. „Gefühl und Handeln“ zu sagen haben, lässt sich nur noch schwer eine politische Ordnung aufrecht erhalten, die deren Erkenntnisse systematisch ignoriert, indem sie weiterhin ihre Aufgabe darin sieht, Emotionen zu unterdrücken, zu ignorieren, zu bagatellisieren oder in einer drastischen Umkehr: Für immer und unter allen Umständen als destruktive politische Kraft zu beschreiben.

Die Psychologie als Wissenschaft vom Menschen ist per se eine „politische Wissenschaft“. Auch wenn wir nicht daran gewöhnt sind, sie so zu betrachten, weil wir in einer altertümlichen Präferenz für „Naturwissenschaften“ gefangen sind, die sich lieber mit nicht-menschlichen Gegenständen beschäftigt. Und das gerade deswegen, weil diese viel leichter „unemotional“ abgehandelt werden können. Die Geburt der politischen Vernunft aus dem Geist einer naturwissenschaftlichen Dissoziation und Nerdigkeit.

Der Fehlschluss, dass Gefühle per se gefährlich seien, weil sie prinzipiell manipulierbar sind, ignoriert den Umstand, dass Gefühle Informationen über die Innenzustände von Menschen sind. Also Informationen darüber, wie es uns geht und wo wir etwas brauchen.

Eine Politik, die den Mythos von der Irrationalität menschlicher Gefühle glaubt, wird immer in Ignoranz gegenüber diesen Informationen handeln. Blind und taub dafür, was Sache ist.

Dass sich das politisch rächen muss, ist für die Anhänger dessen, was man die ethische Rhetorik oder „die noble Sophistik“ nennen kann, keine große Überraschung.

Aus ihrer Sicht brauchen wir Institutionen, die dazu angetan sind, diese Informationen aktiv zu nutzen, sinnvoll zusammenzuführen und in tragfähige politische Entscheidungen zu übersetzen, die keine allzugroßen emotionalen Widerstände bei den Menschen auslösen, denen sie dienen sollen.

In einem demokratischen Verständnis sind diese Menschen: Wir alle. Wir alle gemeinsam.

Dass Gefühle auch eine Ebene eröffnen, auf der wir als Menschen uns jenseits von vorgefassten Meinungnen neu begegnen können und auf der wir aufgrund solcher Begegnungen unsere Meinungen zu revidieren in der Lage sind, sei hier nur am Rande bemerkt. Wir können uns aber durchaus auch ausführlicher mit dieser zwischenmenschlichen Möglichkeit und politischen Ressoruce beschäftigen.

All das wird uns jedoch wenig kümmern, wenn wir ernsthaft der Ansicht sind, dass dies hier geeignete Formen sind, in denen menschliche Gefühle in unser politisches System Eingang und in denen sie „politischen“ Ausdruck finden:

 

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