Torsten Scheller gewidmet

Der folgende Artikel ist selbstverständlich kein Anspruch auf „objektive“ oder gar „richtige“ Interpretation dessen, was good old Marshall Rosenberg gemeint haben könnte. Es ist nur meine eigene kleine Privatdeutung.

In meiner Wahrnehmung gibt es viele Menschen, die sich mit der sogenannten „Gewaltfreien Kommunikation“ (GfK) beschäftigen und die zugleich gerade die Aspekte völlig zu vernachlässigen scheinen, die sie für mich überhaupt erst interessant und unglaublich ergiebig machen. Im Kern sind das vier Punkte, die ich im Folgenden gern kurz darstellen möchte.

1.) Klare Unterscheidung von „Bedürfnissen“ und „Strategien“

GfK besteht für mich hauptsächlich in der Unterscheidung von Bedürfnissen und Strategien.

Dabei legt sie normativ fest, was sie als hilfreich erachtet: Maximale, unverbrüchliche Klarheit hinsichtlich gegebenen Bedürfnissen bei maximaler Flexibilität hinsichtlich der zu ihrer Befriedigung gewählten Strategien.

Das Standardbeispiel „Essen“ und „Hunger“ macht klar, worum es dabei geht: Um gegebenen Hunger zu stillen, kann ich unzählig verschiedene Dinge zu mir nehmen. Ich kann mich, wenn ich Hunger habe, aber nicht dafür entscheiden, keinen Hunger zu haben. Ich muss handeln, um meinem Bedürfnis gerecht zu werden.

Bedürfnisse sind in der Sichtweise der GfK „hard facts“. Sie sind sogar die „hardest facts“, mit denen wir als Menschen überhaupt dealen müssen.

Das im Hinterkopf wird möglicherweise deutlich, warum die GfK eine sehr, sehr harte Methode ist. Und nichts für Weicheier.

Die GfK ist dabei auch deswegen so konstruktiv, weil wir heutzutage meist im gegenteiligen Zustand unterwegs sind:

Maximale Unklarheit und Schwammigkeit hinsichtlich unserer Bedürfnisse bei maximaler Verbohrtheit in bestimmte Strategien, mit denen wir uns Befriedigung zu verschaffen versuchen.

Die Anerkennung des Umstands, dass wir allzuoft unsere Bedürfnisse nicht klären, bevor wir handeln, während wir zugleich an fixierten Lösungswegen festhalten, als hinge unser Wohl und Wehe davon ab, macht auch klar, was der Bezug der GfK zu „Gewalt“ ist:

Wenn man unproduktiven Kampf, Krieg und Zerwürfnisse möchte: That’s the way to go.

Die GfK wirkt deswegen entkrampfend (wenn sie denn „richtig“ verstanden und doch auch tatsächlich handelnd angewandt wird), weil sie anerkennt, was Menschen brauchen. Und dann sogar noch in einem zweiten Schritt unendliche Möglichkeiten annimmt, dem, was wir da brauchen, gerecht zu werden.

Ihre Kernaussage in diesem Aspekt ist: „Ohne Klärung, worum es gerade eigentlich, wirklich, wirklich geht, wird’s unnötig schwer. Meist verdammt schwer. Und oft geht es dann gewalttätig zu, weil’s so verzweifelt schwer ist und das Bedürfnis halt nicht einfach schon davon weggeht, weil wir es uns wegwünschen.“

Die GfK ist für mich als philosophisch angekränkelten Menschen eine Operationalisierung des homo-mensura-Satzes des Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Der Seienden, dass sie sind. Der Nicht-Seienden, dass sie nicht sind.“

Mit „der Mensch“ ist für mich gemeint: Nicht unsere Meinungen und unsere vermeintliche „Identität“. Sondern wir als bedürftige Naturwesen. Es gibt eine Ebene unserer Existenz, die wir zwar verdrängen können, aber über deren Existenz wir nicht verfügen können.

Wenn wir Bedürfnisse haben, haben wir sie. Nur die Wege, ihnen gerecht zu werden, gehen gegen Unendlich.

Für mich ist das eine vollumfänglich befriedigende Beschreibung der conditio humana. Sehr viel komplexer als die GfK muss man das nicht machen.

Das heißt auch: Mit GfK lässt sich viel Schnickschnack einsparen. Sie ist als Methode erschreckend direkt, konfrontativ und unkompliziert.

Menschen, die es gern kompliziert machen, mögen die GfK daher auch in der Regel nicht. Als Methode führt sie nämlich vor Augen, dass wir einen Großteil unseres Hirnschmalz vielleicht besser dazu verwenden können, um unser Schach- oder Go-Handicap zu verbessern, anstatt dazu, uns unsere alltäglichen Probleme künstlich kompliziert zu machen.

GfK macht einen Großteil dessen, was wir gewohnt sind, „Intelligenz“ zu nennen, erkennbar als das, was es möglicherweise eher ist: Ein Ausdruck von Angst. Allerdings ein Ausdruck, der lindernd wirkt, weil er weniger schmerzhaft ist als doch tatsächlich auf die Bedürfnisse einzugehen, die gerade im Raum stehen und nach Befriedigung schreien.

2.) Gefühle als Informationen über Innenzustände

Die GfK ist nicht gefühlssaumseelig. Sie sieht Gefühle als Mittel für Zwecke: Als Informationsträger über Innenzustände aka „erfüllte/unerfüllte Bedürfnisse“.

Befriedigende Gefühle erleben wir, wenn wir Bedürfnisse befriedigen.

Unbefriedigende Gefühle erleben wir, wenn Bedürfnisse unbefriedigt bleiben.

Damit ist die innere Hardware der menschlichen Psyche abschließend beschrieben.

Auf einem ganz anderen Blatt steht, dass wir gleichzeitig in einer Kriegerkultur leben, die es gewohnt ist, Gefühlswahrnehmungen und Gefühlsäußerungen zu sanktionieren: Vor allem bei vermeintlich männlichen Menschen und bei Menschen, die „verantwortliche Positionen bekleiden; oder sie zu bagatellisieren: Vor allem bei vermeintlich weiblichen Menschen und bei Menschen, die sich relativ zu uns in Ohnmachtspositionen befinden, z.B. weil sie deutlich jünger, deutlich ärmer, krank oder geschwächt sind. Wir leben in einer Gefühle diskriminierenden Gesellschaft, die verschiedene Wege gefunden hat, sich gegenüber dem Impact zu immunisieren, den Gefühle auf das Handeln haben können.

Die GfK gräbt diese Impulse wieder aus. Auch dann, wenn sie bereits gewohnheitsmäßig verschüttet sind. Das ist nicht immer schön. Das kann recht beängstigend sein. Es ist im Endergebnis aber immer effizienter und wirksamer als das, was passiert, wenn Gefühle verdrängt werden.

Was Gefühle angeht, ist die GfK erschreckend vernünftig.

Schrecklich ist sie damit nur für Menschen, die glauben, keine Gefühle zu empfinden, weil sie die entsprechenden Kanäle schon vor Jahren auf stumm geschaltet haben. Frei nach der Devise: „Ist da was? Also bei mir ist da nichts. Bei Dir etwa?“

3.) Selbstoffenbarung als wirkungsvollste Möglichkeit der Konfrontation

Innerhalb dessen, was in der GfK manchmal „die liegende Acht“ genannt wird: Ein Funktionskreislauf von der Form „Eigenempathie-Kommunikation-Anderempathie-Kommunikation-Eigenempathie… usw.“ können sich viele Menschen jahrelang für die Kultivierung von Empathie für andere Menschen begeistern.

In der Regel handelt es sich dabei dann um Menschen mit bedenklich geringem Selbstbewusstsein und ausgeprägtem Helferkomplex.

Der viel interessantere Teil der GfK ist jedoch die Seite im Funktionskreislauf effektiver Kommunikation, der sich „Selbstoffenbarung“ schimpft.

„Interessanter“ ist dieser Teil der GfK vor allem auch deswegen, weil er der deutlich schwierigere Part ist. Der Teil der Kommunikation, der von uns, wenn es drauf ankommt, als „riskant“ und „gefährlich“ erlebt wird.

Das aktive Zuhören, die Empathie mit den Gefühlen und Bedürfnissen anderer Menschen, die Ermutigung, sich zu äußern, worum es ihnen gerade wirklich geht, hat in der GfK ein strategisches Ziel, das in genau dieser Form offensiv bejaht wird:

Das Ziel, eigene Bedürfnisse wirksam äußern zu können, weil der andere jetzt offen zuhören kann, nachdem er selbst in seiner Bedürftigkeit gehört worden ist.

Manche halten das ja für „manipulativ“. Ich halte das für eine Form der Kommunikation auf Augenhöhe, in der es kein ober, kein unter gibt, in der keiner wichtiger der andere ist und in der man auf dieser Basis Formen der sinnvollen Kooperation ausloten kann.

Kurz: Praktiziert ein Mensch am laufenden Band nur „Empathie mit anderen“, ohne jemals damit ums Eck zu kommen, was er von ihnen will, praktiziert er alles mögliche, aber ganz sicher keine Gewaltfreie Kommunikation inspiriert von Rosenberg.

Äußerung von Anderempathie ohne Äußerung von Eigenempathie ist einfach nur eins: Selbstüberhebung über andere Menschen. In der Regel ist ein solches Verhalten getrieben von der Angst, nicht gehört zu werden, nicht ernstgenommen zu werden. Von der Angst vor der für möglich gehaltenen vollkommenen Gleichgültigkeit der Mitmenschen.

GfK erfordert deshalb Mut, weil sie uns zwingt, etwas zu riskieren im Umgang mit anderen.

Dass sie dabei sehr klar zwischen „Forderungen“ und „Bitten“ unterscheidet, ist ein eigenes Thema, das einen ganz eigenen Artikel verdient hätte. Für hier sollte der Hinweis genügen, dass in einem Satz zehntausendmal das Wort „Bitte“ vorkommen kann und dieser Satz auch dann im GfK-Sinn immer noch faktisch eine Forderung darstellt, wenn auf ein „Nein“ der Wunsch auftaucht, den anderen für sein Nein zu sanktionieren.

Eine Bitte ist es nur dann, wenn konkrete Bedürfnisse und Handlungen genannt werden, die der andere ausüben kann, während dieser andere dabei völlig frei bleibt, dem nachzukommen oder nicht. Sobald Druck dabei ist, ist es laut GfK vorbei mit dem schönen Bitten und Wünschen. Dann ist Gewalt im Spiel.

4.) Es gibt kein bewertungsfreies Wahrnehmen, das der Rede wert wäre

Ich weiß nicht, wie sich die Ansicht, es gäbe bewertungsfreies Wahrnehmen,  gegen alle Evidenzen auch heute noch ihre hohen Zustimmungswerte erhalten kann.

Die GfK hat diese Ansicht jedenfalls nicht auf ihrer Seite.

Zwar trennt sie methodisch im Prozess der zwischenmenschlichen Kommunikation folgende Schritte: „Beobachten –> Benennen der ausgelösten Gefühle –> Benennen der verursachenden Bedürfnisse –> Benennen der an einen selbst oder an andere Menschen addressierten Handlungswünsche“.

Aber sie ist nicht so naiv, dass sie dem philosophischen Kult des „interesselosen Zuschauens in vollendeter Dissoziation“ huldigen würde.

Wir sind alle keine Götter. Wir sind Menschen und haben als solche Bedürfnisse. All unser Denken und Handeln ist geleitet von Bedürfnissen, die wir haben. Und ein Großteil dieser unserer Bedürfnisse ist uns die meiste Zeit unbewusst.

Die GfK ist eine Methode, dieses Unbewusste dem menschlichen Reden, Entscheiden und Handeln wieder zugänglich zu machen.

Wenn geredet wird, wird geredet, weil Bedürfnisse im Spiel sind.

Sind keine Bedürfnisse im Spiel, gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass der betreffende Mensch nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Beobachtungen sind daher immer Bedürfnisgeleitet. Das Fokussieren der GfK auf „unstrittige Beobachtungen“ dient nur dazu, eine Gesprächsgrundlage zu erreichen, von der aus vorhandene Bedürfnisse bei allen beteiligten Interaktionspartnern thematisiert werden können, ohne dass alle Seiten reflexhaft ihre Kriegsbeile ausgraben und sich wechselseitig um die Ohren hauen.

Oder mit anderen Worten: Wir alle sind immer im Spiel. Keiner von uns ist jemals außerhalb des Spiels, das wir alle täglich miteinander spielen.

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