Dieser Artikel wird wohl ein Versuch werden, auf mehrere Dinge auf einmal hinzuweisen. Und daher überfordern. Manche Dinge kann man aber nur gleichzeitig auf den Tisch bringen, sonst bleibt jedes für sich unverständlich bzw. missverstanden.

Gesellschaftlich geduldete/bejahte Traumatisierungen

Ein solches Ding ist der Umstand, dass es so etwas wie gesellschaftlich geduldete oder sogar bejahte Traumatisierungen überhaupt gibt.

Die Möglichkeit, dass es so etwas geben kann, ist relativ fernliegend für die meisten von uns. Bei „Traumatisierungen“ denken wir an schreckliche Einzeltaten, meist verübt in besonders schrecklichen Familiensituationen. Oder im Krieg, bei Soldaten, die „traumatisiert“ in ihre vermeintlich friedlichen Stammgesellschaften zurückkehren.

Wir halten Traumatisierungen entweder für eine Erscheinung tragischer Einzelschicksale oder für eine Erscheinung besonderer Konfliktsituationen. Dass es Traumatisierungen als gesellschaftliche Normalität geben könnte, das für denkmöglich zu halten, ist für die meisten von uns eher befremdlich.

Mir persönlich fallen jedoch aus dem Stand drei Formen von fortgesetzter Traumatisierung in unserer Gesellschaft ein, die auch heute noch eine hohe allgemeine soziale Akzeptanz finden. Also Formen der forgesetzten Behandlung von Menschen in einer Weise, dass es äußerst wahrscheinlich ist, dass bei den diesen Behandlungen ausgesetzten Menschen psychische Pathologien entstehen.

Der erste Fall sind Menschen, die sich sexuell prostituieren. Derzeit haben wir in diesem Gebiet eine hin- und herwogende Debatte, bei dem das Bedürfnis nach Berufsfreiheit und Entstigmatisierung und das Bedürfnis nach körperlicher und seelischer Unversehrtheit eine Rolle spielen. Dass auch unterschiedliche Lobbygruppen in der öffentlichen Diskussion mitmischen, die auch noch ganz andere, eher finanzielle Interessen haben, klammere ich hier mal aus, sollte aber nicht vergessen werden.

Der zweite Fall sind Menschen, die sich ökonomisch prostituieren. Vor dem Hintergrund einer gesellschaftlich für nomal gehaltenen Angst vor Arbeitslosigkeit halten viele Menschen viele „Arbeitsverhältnisse“ um einiges länger aus, als ihnen das körperlich und seelisch gut tut. Sie beißen auf die Zähne und „halten durch“. Da man das immer auch als „freiwillige Selbstverletzung“ sehen kann, wird hier, ähnlich wie im Fall der sexuellen Prostituion, gern geleugnet, dass es sich überhaupt um Verletzungen handelt. – Wer verletzt sich schon freiwillig selber? Und selbst wenn: Ist das nicht jedes Menschen gutes Recht, eigene Erfahrungen zu machen und eben auch jenseits der Grenze des eigenen Wohlergehens zu experimentieren? Hat nicht jeder Mensch sogar ein gewisses Recht auf Selbstverletzung? Also auch darauf, nicht vor selbstschädigendem Verhalten bewahrt zu werden?

Der entscheidende Punkt bei solchen Fragen scheint mir unser Verständnis von „Freiwilligkeit“ zu sein. Selbst beim uralten Aristoteles findet sich schon die Frage, ob man sagen dürfe, dass Menschen, die auf einem kurz vor dem Kentern stehenden Schiff all ihr Hab und Gut über Bord werfen, aus freien Stücken so handeln?

Mit anderen Worten: Selbst in der antiken Ethik gab es bereits das Konzept der „relevanten Alternativen“. Von Freiwilligkeit dürfen wir nur sprechen, wenn nicht aus akuter oder chronischer Not heraus gehandelt hat. Und „Not“ kann sich bei einem an Bedürfnissen reichen Wesen wie dem Menschen auf alles mögliche beziehen. Wir sind als Menschen leicht „in die Not zu bringen“. Es muss auch nur ein fundamentales menschliches Grundbedürfnis akut oder chronisch unterversorgt sein – und vorbei ist es mit unserer schönen Freiwilligkeit. „Der freie Wille“ ist, wenn man den Menschen als Bedürfniswesen im Blick hat, ein überaus fragiles Ding.

Kommen wir – diese Überlegungen voraussetzend – zur dritten Form gesellschaftlich geduldeter Traumatisierungen, die wir auch heute noch für völlig normal oder sogar für wünschenswert halten: Der Zurichtung von kleinen Jungen zu „Männern“.

Dass es sich hierbei um sehr stabile und sich über Jahre hinziehende Traumatisierungsprozesse handelt, wird nur der nicht verstehen, der Vorträge wie den von Ryan McKelley in einem Zustand anhört, in dem er auf dem Empathie-Ohr gerade völlig taub ist:

„Männer“ sind in unserer heutigen Gesellschaft Menschen, die ganz bestimmten Traumatisierungspraktiken unterzogen wurden. Dass die meisten von uns Männern das weder in dieser Form wahrnehmen können, noch dass es für uns attraktiv ist, uns selbst in dieser Form zu beschreiben, ist selbst ein Ergebnis der Zurichtungsvorgänge, denen wir in unserer Kindheit sehr konsequent und kontinuierlich ausgesetzt waren.

Noch entscheidender als unsere Kindheit ist aber das gesellschaftliche Umfeld, in dem wir uns heute jeweils bewegen: Traumatisierungen sind deutlich wirksamer und kaum heilbar, wenn sie von der relevanten sozialen Umgebung nicht als solche beschrieben und anerkannt werden.

„Männer“ sind in unseren gesellschaftlichen Rollenbeschreibungen, Dramaturgien und Skripten als Täter vorgesehen. Die Opferrolle ist uns strukturell unzugänglich und wird mit sofortigem Verlust des Mann-Status bestraft. Männer, die in ihrem ganz persönlichen Leben große Opfer gebracht haben oder bringen mussten, um eine solche traditionell-männliche Identität aufzubauen und tagtäglich aufrecht zu erhalten, werden ALLES tun, um diese Identität nicht zu verlieren. Sie werden niemals eingestehen, dass sie ein überaus fragiles Ego haben, das permanente Bestätigung verlangt, um nicht zusammenbrechen. Und sie werden Verletzungen, die sie selber erlitten haben, stets entschieden bagatellisieren, um ihren „anerkannter Mann-Status“ zu behalten.

Jede Traumatisierung kann sich nur dann am Leben halten, wenn sie im hier und jetzt aktualisiert und reproduziert wird. Und Männer sind Menschen in einem Trauma ohne Exit-Option.

Ohne Exit-Option ist es äußerst vernünftig, ein Trauma zu verdrängen. Wenn man sich schon scheiße fühlt, will man nicht auch noch ständig fühlen, dass man sich scheiße fühlt.

Der gesellschaftlichen Nicht-Anerkennung von Traumatisierungen folgt aus rein psycho-ökonomischen Gründen eine persönliche Nicht-Anerkennung der eigenen Traumatisiertheit nach.

Für andere Menschen ist so ein Mensch, der seine eigene missliche Lage aus emotionalem Selbstschutz konsequent aus dem eigenen Bewusstsein verbannt, äußerst angenehm: Er schmutzt nicht, er bockt nicht, er nervt nicht. Er ist übertrieben angenehm und ausgesprochen gut zugerichtet. An der Oberfläche…

Das gleiche Phänomen können wir bei Prostuierten ohne Exit-Option finden. Sowohl in sexueller als auch in ökonomischer Prostitution.

Männer sind so gesehen gesellschaftliche Prostituierte ganz besonderer Art. Und ich möchte im folgenden kurz umreissen, um was für eine Prostitutions-Form es sich beim „Mann-Sein“ handelt.

Das Konzept „Mann“ als Trauma

Nach meinem Verständnis handelt es sich bei dem, was der Männertherapeut Björn Süfke „das Gesetz der Traditionellen Männlichkeit“ (Lex TM) nennt, um eine Form emotionaler Prostitution.

Ich möchte vorausschicken, dass es auch eine gesellschaftlich geduldeter und geforderter weiblicher emotionaler Prostitution gibt, die mit Sexualität erst einmal ebenfalls rein gar nichts zu tun hat. Das Zurichtungs-Programm, das die allermeisten Mädchen auch heute noch durchlaufen, ist darauf gerichtet, dass der Innenzugang zu eigenen Emotionen zwar genährt und gepflegt wird („Frau hat empathisch zu sein!“), aber dass dabei handlungsmächtige Eigenempathie zugleich systematisch verboten wird. Frauen sollen für und wegen anderen Handeln. Aber nicht deswegen, weil sich etwas für sie selbst als Bedürfniswesen gut/schlecht anfühlt. Frauen bekommen ein sicher ebenfalls traumatisierendes Eigenempathie-Verbot eine Kindheit lang auf beide Ohren gedrückt. Vermeintlich „egoistische“ Bedürfnisse sollen von Frauen nur noch über die ihnen zur Pflege anvertrauten Kinder, Kranken, Alten und Männer ausgelebt werden. Der Stolz, den wir auch heute noch in der Stimme mancher Frau zu hören bekommen, wenn sie von „meinem Sohn“ (seltener: „meiner Tochter) oder „meinem Mann“ spricht, ist so wahrgenommen direkte Äußerung einer Traumatisierung durch gesellschaftlich geforderte Weiblichkeit.

Emotionale Prostitution gibt es also in einer „Frau“ und in einer „Mann“ Variante. Beide sind gesellschaftlich geduldet, wenn nicht sogar gefordert. Und beide sind als Formen der fortgesetzten Traumatisierung von Menschen zu bewerten. Als Formen, die der Emanzipation bedürfen, und als Formen, die das Wohlergehen und die Handlungsspielräume von Menschen auf drastische und ausweglose Weise begrenzen.

Die emotionale Prostitution von Männern ist aber deswegen zumindest in meinem persönlichen Fokus, weil sie noch viel seltener zur Sprache kommt als es bei der emotionalen Prositution von Frauen der Fall ist. Nach meiner Einschätzung ist einer der wichtigsten Gründe für eine fehlende Männeremanzipation der, dass eine solche Bewegung überhaupt erst einmal anerkennen müsste, dass Männer, genauso wie Frauen, Opfer eines Gender-Systems sind, das sie als Menschen fortgesetzt traumatisiert.

Und es ist eben Teil des Konzepts „Mann“, nicht Opfer sein zu dürfen.

Worin besteht denn nun aber die „emotionale Prostitution“ von Männern und was soll bitteschön jenes vermeintliche Luxustrauma sein, das unsere Jungen erleiden, die ja nachweislich in privilegierte Machtpositionen in unserer Gesellschaft hineinsozialisiert werden?

Um das Trauma des Mann-Seins zu verstehen, ist es nicht nur wichtig, den Umgang mit Gefühlen zu beschreiben, der Jungen beigebracht wird. Sondern auch zu verstehen, was „Gefühle“ überhaupt sind und welche Funktionen sie psychologisch wie sozial erfüllen.

Psychologisch gesehen sind „Gefühle“ Innensignale des Körpers an das Bewusstsein, dass entweder kein, geringer oder großer Handlungsbedarf besteht, um das Wohlergehen des Gesamtapparats „Mensch“ sicherzustellen. „Positive Gefühle von Zufriedenheit“ haben wir nach einer handelnden Bedürfnisbefriedigung, wenn zugleich kein anderes Bedürfnis dringend nach Befriedigung schreit. „Negative Gefühle von Unzufriedenheit“ haben wir im umgekehrten Fall: Es sollte bald oder dringend gehandelt werden. Aus dieser Betrachtung von Menschen rein als Einzelwesen sind Gefühle so etwas wie die Anzeige der Tankfüllung in Maschinen. Mit dem Unterschied, dass ein Mensch „gefühlte“ 10.000 solche Anzeigen hat und nicht nur eine. Insbesondere wenn es gerade überall gleichzeitig blinkt und tutet, setzen die meisten Menschen auf eine gezielte Selbstsedierung, um überhaupt noch halbwegs Handlungsfähigkeit aufrecht erhalten zu können. Wird das zum Dauerzustand, macht man sich zu einem äußerlich äußerst ruhigen und „sociable“ Exemplar der eigenen Gattung, während das Schiff innerlich im Zustand einer Dauerhavarie ist. – Für das Umfeld überaus „überraschende“ Zusammenbrüche und Ausbrüche haben hier meist ihren Ursprung: In einer jahrelang eingeübten Praxis des „Nicht-mehr-Wahrnehmens“ von Innenzuständen. Hochleistungs-Gefühlsverdrängung als Bedingung der Lebensfähigkeit. Man kann Menschen, die täglich solche übermenschlichen Verdrängungsleistungen erbringen, nur bewundern.

In sozialer Hinsicht, wenn wir Menschen nicht als isolierte Einzelwesen beschreiben, sondern als eingebunden in ständigen Austausch und Interaktion mit anderen Menschen, erfüllen Gefühle darüber hinaus noch ganz andere Funktionen:

Gefühlsäußerungen (nicht: Gefühle) ermöglichen a) sinnvolle Verhaltenskoordination und b) ein Gefühl von Vertrautheit und Verbundenheit zwischen Menschen.

Um das nachzuvollziehen, müssen wir uns nur kurz einen Menschen vorstellen, der mit seinen eigenen situativen Gefühlen in gutem Kontakt steht und damit offen umgeht. Bei so einem Menschen wissen wir sofort, woran wir sind. Wir können sein äußerlich wahrnehmbares Verhalten, sowohl sprachliches als auch nicht-sprachliches Verhalten, richtig zuordnen. Wir wissen mit anderen Worten, was der andere gerade will und braucht. – Ob wir bei der Befriedigung der jeweils gerade offenen Bedürfnisse des Andren eine Rolle spielen können und wollen, steht noch einmal auf zwei ganz anderen Blättern. Aber wir wissen immerhin, „was Sache ist“ und werden, FALLS wir reagieren, nicht so reagieren, dass Missverständnisse und Enttäuschungen vorprogrammiert sind, weil wir einen Aufwand betrieben haben, der „sich beziehungstechnisch nicht lohnt“.

In Interaktionen von Menschen können wir von einem Gesamtaufwand und einer Gesamtbefriedigung sprechen, die jeweils alle Handlungen bemisst, die von allen beteiligten Menschen unternommen werden, um alle beteiligten Menschen so zufrieden wir möglich aus dem Gesamthandeln hervorgehen zu lassen. Kurz: Gibt es Interaktionen, ist es vorbei mit der schönen, gewohnten „Einzelwesen“-Betrachtungsweise.

Mann-Werdung besteht im Kern in einem gezielten Abtrainieren von Gefühlswahrnehmungen. Zunächst bei sich selbst. Aber auch bei anderen Menschen. In der Selbststeuerung bedeutet das, dass an die Stelle einer Innenorientierung („befriedigte Bedürfnisse“) eine konsequente Außenorientierung tritt. Denn irgend ein Steuerungsmodell muss es für Männer geben, da gleichzeitig an sie als Imperativ herangetragen wird: „Sei stets handlungsfähig!“ Andernfalls dürfen wir uns zuverlässig auf Beschimpfungen als „Loser“, „Versager“ und „Couch-Potatoes“ (früher: „Taugenichtse“) einstellen.

Die geforderte Außenorientierung übernimmt bei Jungen die Fixierung auf die Erreichung von Status und Statussymbolen bzw. erkennbaren Machtpositionen.

Das bei vielen Männern wahrnehmbare Machtstreben resultiert also keineswegs – wie viele Frauen und auch Männer selber anzunehmen scheinen – aus einer inneren Erlaubnis, sich so verhalten zu dürfen (im Unterschied zu Frauen). Männliches Machtstreben resultiert vielmehr aus einer inneren Alternativlosigkeit bei gleichzeitig gesellschaftlich aufrechterhaltener Dauerbedrohung durch „ansonsten verlierst Du aber Deinen Mann-Status“.

Für viele Frauen mag das so aussehen, als wäre nicht viel dabei und eine solche Bedrohung nicht sonderlich dramatisch. Werden ihnen die üblichen Status- und Machtzugänge doch viel konsequenter erschwert und verwehrt. Frauen setzen dabei aber in der Regel voraus, dass bei Männern der Innenkontakt zu eigenen Gefühlen noch halbwegs erhalten sei. Die Konsequenz, mit der ein Innenzugang Männern abtrainiert wurde, ist nach meinen Erfahrungen für die allermeisten Frauen schlicht unvorstellbar. Es wird also unterstellt, die meisten „Männer“ seien ähnlich gefühlsintakt wie die meisten Frauen, nur dass ihnen zusätzlich auch noch gesellschaftliche Hochstatuspositionen leichter zugänglich seien.

Das ist jedoch nicht der Fall. Männer erreichen den Status der Männlichkeit nicht kostenlos, sondern zahlen dafür einen Preis, den man nicht weniger pathetisch betiteln sollte als „Verlust der eigenen Seele“. Oder genauer: „Verzicht auf eine eigene Seele“.

Der eine Teil des Double Binds, den viele heutige Frauen erleben, die sich Machtpositionen in unserer Gesellschaft deutlich härter erarbeiten mussten, als das bei uns privilegierten Menschen aka „Männer“ der Fall ist, ist ein Hinweis darauf, was Jungen von Geburt an erleben, wenn sie über ihre äußerlichen Geschlechtsmerkmale als solche erkennbar sind: „Sei tough! Du musst Dich auch mal durchsetzen können! Sei nicht zu nett, zu freundlich! etc.“. Das geht bis hin zu ganzen Büchern, die explizit an statusbewusste Frauen adressiert sind und die schöne Titel tragen wie z.B. „Die Freundlichkeitsfalle“. Dass Frauen in Machtpositionen es zusätzlich schwer haben, weil bei ihnen die andere Seite des Double Binds intakt bleibt: „Als Frau solltest Du aber etwas weicher sein, lächeln, verständnisvoll sein, etc. !“ ist etwas, das dazu angetan ist, Menschen in den Wahnsinn zu treiben. Frauen wird das exakt gleiche Verhalten nicht verziehen, das bei Männern ausgesprochen positiv bewertet wird.

Nur haben Frauen in Machtpositionen eben auch mit der anderen Hälfte des Wahnsinns zu tun: Sie sind zugleich auch mit jenem Zurichtungsprogramm konfrontiert, das bei Jungen von Geburt an greift. Und viele Frauen, die Lebensgeschichten erzählen, die die Form haben „mein Vater/meine Eltern haben sich eigentlich einen Sohn gewünscht“, sind deutlich näher an dieser „typisch männlichen“ Eigenerfahrung als Frauen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt oder überhaupt nicht mit dem typisch männlichen Zurichtungsprogramm in Richtung vollkommenem Gefühlsverzicht, „Härte“, Erfolgsorientierung und drastisch sanktioniertem Verbot von empathischem Verhalten konfrontiert sind.

Kurzgesagt ist es heute nicht mehr die Mann/Frau-Unterscheidung, die den Zugang zu gesellschaftlichen Machtpositionen organisiert. Es ist das Ausmaß, in dem ein Mensch ein Gefühls-Abspaltungs-Training erfahren hat, das ihn dafür prädestiniert, sich als Ersatz nach Befriedigung seines immer-hungrig-bleibenden Egos streben zu dürfen.

Männer sind oder besser: waren emotionale Prostituierte eines gesellschaftlichen Systems, das in einem hierarchisch organisierten Zugang zu Privilegien und herausgehobenen Machtpositionen bestand. Und solange wir solche Machtpositionen in unserer Gesellschaft haben und sie institutionell absichern, solange gibt es auch Bedarf an Menschen, die sich qua Gefühlsabspaltung dafür „auszeichnen“.

„Männer“ haben wir, weil wir davon ausgehen, dass wir immer noch in einer Kriegs- und Not-Gesellschaft leben. In einer solchen Gesellschaft braucht es Menschen, deren Fähigkeit zu Eigenempathie und Empathie mit anderen Menschen systematisch beschnitten wurde.

Denn mit Menschen, die mit ihren Gefühlen und den Gefühlen anderer in gutem Kontakt stehen, ist in einer armeeartig organisierten Gesellschaft, die dauerhaft im Krieg steht, „kein Staat zu machen“.

Die Frage ist nur: Leben wir auch heute noch, im Zeitalter einer Weltgesellschaft, die zunehmend dorfähnlicher wird, immer noch in einer Kriegs- und Notgesellschaft?

Sollte dem nämlich nicht so sein, so tun wir unseren kleinen Jungen und zunehmend auch unseren kleinen Mädchen völlig grundlos Formen von fortgesetzter Gewalt und gezielter Empathievorenthaltung an, die zu einer emotionalen Selbstverstümmelung bei diesen Menschen führen. Und Verhaltensweisen, die wir dann im Ergebnis als „typisch männlich“ bezeichnen.

So betrachtet sind „Männer“ Menschen, die wir bisher einem gesellschaftlichen System geopfert haben, das eben „Männer“ braucht. Und bei denen nur noch jene drei Gefühle gesellschaftlich geduldet werden, von denen Ryan McKelley spricht: Stolz, Verachtung, Wut.

In einer solchen Kriegerkultur werden habituell Menschen „gezüchtet“, die gar nicht wissen, wovon die anderen alle eigentlich sprechen, wenn sie „von Gefühlen“ sprechen.

Denn natürlich haben auch wir Männer nach erfolgreicher Zurichtung zum Mann Gefühle. Diese haben aber kaum mehr etwas gemein mit dem, was Kinder und zur Frau zugerichtete Menschen zu empfinden in der Lage sind.

Rechnen wir dann noch mit ein, dass Gefühle in sozialer Hinsicht die Funktionen sinnvoller Verhaltenskoordination und des Entstehens von Verbundenheit und Vertrauen zwischen uns Menschen haben, müssen wir uns nicht unbedingt wundern, dass sich unsere Gesellschaft „insgesamt“ wenig befriedigend anfühlt.

Denn die entscheidenden Positionen in unserer Gesellschaft besetzen wir nach wie vor konsequent mit Menschen, mit denen sinnvolle Verhaltenskoordination und Verbundenheit kaum möglich sind.

Das aber spricht weniger dafür zu ändern, welche Menschen in solche Positionen kommen (Slogans wie „Empathen an die Macht!“ bedeuten nur, dass man das Problem noch nicht verstanden hat). Es spricht vielmehr dafür, keine solchen herausragenden Machtpositionen und Privilegien mehr in unserer Gesellschaft zu dulden.

Denn der Preis solcher Positionen wird stets sein, dass Menschen, die sie besetzen müssen, sich konsequent emotional prostituieren müssen. Das war beim feudalen König nicht anders als beim industriellen „Bonzen“. Und es ist auch heute nicht anders, in keiner institutionell abgesicherten, auf Dauer geschalteten Machtposition.

„Machtasymmetrie“ und „Männlichkeit“ sind Synonyme. Wir werden nur beide gleichzeitig los. Unsere Alternative besteht darin, die immer-gleichen gesellschaftlichen Kämpfe noch über Jahrhunderte hinweg zu kämpfen, ohne dass sich dabei irgendeine Befriedigung einstellt. Auch der Kampf gegen Männlichkeit ist ein überaus männliches Spiel. Mit Menschlichkeit, mit Gefühlen, Bedürfnissen und menschlicher Verletzlichkeit, hat dieser „Kampf“ wenig zu tun.

Wollen wir in ein neues Paradigma von menschlicher Emanzipation eintreten, werden wir anerkennen müssen, dass all die ganz offensichtlich privilegierten Menschen in Machtpositionen Opfer einer Gesellschaft sind, die glaubt, dass es all diese völlig dissoziierten Menschen in Machtpositionen braucht, weil sie glaubt, dass Gesellschaft ohne herausgehobene Machtpositionen „nicht funktioniert“, „zerfällt“ oder „direkt ins Chaos führt.“

Fühlt mensch das Leid der „Männer“ und „Frauen“ gleichermaßen, fragt mensch sich, ob es nicht einiges an Versuchen wert ist, die den Praxistest wagen, ob dieser gesellschaftlicher Glaube auch heute noch wirklich gut begründet ist.

Sollte dieser Glaube nämlich heute unbegründet sein, so wären all unsere gesellschaftlich geduldeten oder gepriesenen Traumatisierungen von Menschen mittlerweile völlig sinnlos, nutzlos und überflüssig.

Und „Fortschritt“, so sagen manche, kann verstanden werden als die dauerhafte Beseitigung von sinnlosem Leiden.

All diesen Überlegungen sind in meiner eigenen Wahrnehmung schmerzhafte Zumutungen. Und aus diesen zumutenden Überlegungen komme ich für mich zum Schluss, dass es heutzutage nur wenig „revolutionärere Akte“ gibt als Empathie mit denjenigen Menschen zu pflegen, die wir auf „männliche Verhaltensweisen“ abgerichtet haben. Und denen wir damit den Zugang zu Gefühlen von Verbundenheit und Befriedigung genommen haben. Die wie Maschinen oder Zombies durch die Gegend laufen. Irgendwie bewegt. Aber ruckhaft, so als zögen von außen irgendwelche Fäden. Viel Eigenbewegtheit – noch bei Aristoteles als das zentrale Merkmal von Leben bezeichnet – ist bei diesen Menschen nicht mehr wahrzunehmen. Alles ist Außenorientierung bei ihnen. All ihr Verhalten ist Statusabsicherung. Alle ihre Handlungen sind Schutzmaßnahmen für ein überaus fragiles Ego.

All das ist heute weitgehend unabhängig vom rein körperlichen Geschlecht.