Im Folgenden möchte ich ein paar Unterschiede zwischen zwei Weltwahrnehmungen deutlicher erkennbar machen.

Diese beiden „Brillen“ lassen sich in die Sätze kleiden:

„Die Welt besteht aus zu lösenden Problemen.“

vs.

„Die Welt steht aus unerfüllten Bedürfnissen.“

Bei letzterem Satz setze ich den Bedürfnis-Begriff voraus, wie man ihn bei Marshall Rosenberg und einigen anderen finden kann. In diesem Verständnis werden menschliche Bedürfnisse so aufgefasst, als handele es sich um objektiv gegebene Tatsachen, die Subjekte überhaupt erst zu Subjekten machen.

Die aufgezählten Unterschiede zwischen beiden Weltwahrnehmungen sind ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1.) Entpersonalisierbarkeit

Probleme sind genauso wie Bedürfnisse an Subjekte gebunden, die ihre „Träger“ sind, bzw. die die jeweiligen Probleme oder Bedürfnisse „haben“.

Wenn es also niemanden gibt, der ein Probleme hat, dann gibt es kein Problem. Probleme sind undenkbar ohne Problembesitzer. Das Gleiche gilt für Bedürfnisse.

Dieses Verhältnis spiegelt sich allerdings nicht in unseren Redeweisen über Probleme. Wir sind es gewohnt, Probleme als objektive Tatsachen zu betrachten, die auch ohne Subjekt auskommen. „Es gibt da ein Problem“ geht uns deutlich lockerer von den Lippen als der Satz „Es gibt da ein Bedürfnisse“. In der Regel machen wir bei unserer Rede von Bedürfnissen so gut wie immer kenntlich, wem wir das jeweilige Bedürfnis zuschreiben. „Problematisch“ ist daran höchstens unsere Pauschalisierung in Begriffen wie z.B. „Kundenbedürfnisse“, „Mitarbeiterbedürfnisse“ oder „Investorenbedürfnisse“.

Die Folge solcher Entpersonalisierungen und Verwandlung von subjektiv wahrgenommenem Optimierungsbedarf in objektive Tatsachenfeststellungen ist immer die Gleiche: „Probleme“ werden unlösbar, führen in Konflikte oder heizen vorhandene Konflikte weiter an. Menschen fühlen sich nicht ernstgenommen, nicht gehört, es wird viel Aufwand ohne Ertrag betrieben, es entstehen Missverständnisse von der Form: „Ich dachte, Du schätzt das!?“ oder „Ich dachte, wir hätten da einen Deal!?“ – Ökonomisch ausgedrückt führt die Entpersonalisierung, die die Rede von „Problemen“ mit sich bringt, systematisch zu Fehlinvestitionen. Es wird gehandelt, ohne dass Informationen darüber vorhanden sind, ob dieses Handeln beim „Kunden“ jener Handlung auch zu echter Befriedigung führt. Die Rede von „Problemen“ ist Ausdruck eines menschenbereinigten und technizistischen Managementblicks. Und diese Entmenschlichung führt zuverlässig zu dem bekannten Effekt, dass die realen Menschen mit ihren realen inneren Zuständen (Gefühle und Bedürfnisse) als „Störung unserer fantastischen Problemlösung“ empfunden werden.

Die Versachlichung von Persönlichem wirkt sich entgegen den Annahmen von eingefleischten Stoikern auch keineswegs so aus, dass die Bugwelle vorhandener Gefühle bei den beteiligten Menschen abflacht. Stattdessen werden subjektiv relevante Gesichtspunkte in die Unsagbarkeit verdrängt. Will man Handlungsbedarf wirksam mit Konfliktpotential aufladen, kann man das daher zuverlässig dadurch bewerkstelligen, dass man anstelle von „zu befriedigenden Bedürfnissen“ von „zu lösenden Problemen“ spricht.

2.) Beziehungssetting

„Probleme lösen“ ist ein überaus befriedigendes Handeln. Es unterscheidet sich jedoch fundamental von der Befriedigung, die wir empfinden können, wenn wir „Bedürfnisse befriedigen“.

Die Feststellung, man habe „ein Problem gelöst“, dockt an zwei Stellen an: An einer inneren Instanz, die einen zu erfüllenden Maßstab setzt, an dem gemessen werden kann, ob ein Problem zur Befriedigung gelöst wurde. Und an einer äußeren Instanz (mindestens einem anderen Menschen), der das gleiche Urteil fällt.

„Ein Problem“ ist dabei im Kern im Paradigma des Handwerkers gedacht: „Ich und die Sache“. Die äußere Instanz eines anderen Menschen, die zu mir sagt: „Du hast das Problem (gut) gelöst“, ist dabei ein Unbeteiligter, der eine gewisse Distanz zu dem Vorgang und der Sache hat. Z.B. ein Lehrer. Oder ein Vorgesetzter. Mein Handeln, meine Leistung „wird beurteilt“.

„Ein Bedürfnis“ und seine Befriedigung folgt einem völlig anderen Handlungsparadigma. Dabei geht es um einen zwischenmenschlichen Vorgang. Und das selbst dann, wenn ich mir meine eigenen Bedürfnisse befriedige. In diesem Fall wird nämlich nur ein Geschehen internalisiert, dass ich vorher zwischen zwei Menschen oder mir und einem anderen Menschen wahrgenommen habe. Diese Annahme der Internalisierung bedarf deswegen keines weiteren Beweises, weil wir uns klarmachen können, dass wir Menschen (darin von den meisten Tieren unterschieden) nach unserer Geburt die allermeisten und die aller wichtigsten unserer Bedürfnisse eben nicht selbst befriedigen können. Wir sind dazu auf andere Menschen angewiesen. Nahezu alle Eltern kennen den ziemlich ans Elternherz gehenden Vorgang, denn die eigenen Kinder schon in sehr frühem Alter beginnen, einen ähnlich zu umsorgen, wie man es sonst die ganze Zeit mit ihnen macht: Man wird gefüttert, etwas Heruntergefallenes wird aufgehoben, man wird beschenkt, etc. – Gute Selbstsorge ist stets eine Internalisierung vorher erlebter guter Fremdsorge. Und sei es aus der reinen Beobachtung solchen Verhaltens, dass sich zwischen anderen abspielt, während man vermeintlich Unbeteiligter ist.

Die Rede von „Bedürfnissen“ und ihrer Befriedigung führen also relativ direkt in ein Beziehungsparadigma. Auf mittlere Sicht auch von alleine in ein Beziehungsparadigma auf Augenhöhe, in dem man sich wechselseitig umsorgt, und in dem keine einseitigen Rollen vorkommen, so dass man in der gleichen Beziehung einmal Umsorgender und einmal Umsorgter ist.

Die Rede von „Problemen“ und ihrer Lösung führt dagegen in ein technizistisches Verhältnis, in dem objektive Urteile und institutionalisierte Hierarchien vorherrschen, die festlegen, wer was beurteilen darf / muss. Und wer nicht.

3.) Befriedigungsgefühle

Unmittelbar verbunden mit diesen unterschiedlichen Beziehungssettings von „Bedürfnissen“ und „Problemen“ sind die Formen der Befriedigung, die wir aus beiden Handlungsparadigmen ziehen.

Die Lösung von Problemen befriedigt unser Ego.

Die Befriedigung unserer Bedürfnisse befriedigt uns. Die Befriedigung der Bedürfnisse anderer befriedigt andere Menschen. – Beides führt zur Möglichkeit, bessere Beziehungen mit anderen Menschen eingehen und führen zu können.

Energie, die wir „in die Lösung von Problemen“ investieren, macht unsere Welt daher nur zufällig bzw. nebenher besser, wenn überhaupt.

Energie, die wir „in die Befriedigung von Bedürfnissen“ investieren, sorgt für unmittelbare Verbesserungen. Immer. Oft sogar bei mehreren Menschen gleichzeitig. Mit einer nicht zu unterschätzenden Strahlkraft auf die Gesellschaft.

4.) Integration des Handelnden in die Handlung vs. Exklusion des Handelnden aus dem Geschehen

Das Handwerker-Paradgima „Ich und die Sache“, die durch die Rede von zu lösenden Problemen forciert wird, trennt Handelnden (Subjekt der Handlung) von der objektiv gegebenen Sache (Objekt der Handlung). – Mit der Rede von „Problemen“ halten wir Vorgänge sozusagen zu uns auf Abstand.

Das kann sehr reizvoll sein. Viele Menschen, die von Flow-Phänomenen berichten, „gehen ganz in der Sache auf“, gerade dadurch, dass sie innerlich einen immensen Abstand zur Sache, „die sie betrachten“ aufgebaut haben. Das gilt für den verrückten Wissenschaftler genauso wie für den Tüftler im Daniel Düsentrieb-Modus. Und mir sind auch schon Buchhalter, Developer, Sportler, Künstler und eben Handwerker begegnet, die ähnliches von sich berichteten. Und natürlich baut heute ein Großteil der Videospielindustrie auf den Reizen des souveränen Problemlösens auf.

Der entscheidende Faktor für diese Art von Flow, ist das Gefühl, „die Sache in der Hand“ oder sogar „die Sache im Griff“ zu haben. Es ist eine emotionale Sicherheit, die Flow ermöglicht. Wir fühlen uns von solchen „Gegenständen“ nicht bedroht. – Ganz anders als von anderen Menschen, und bei diesen vor allem dann, wenn wir sie als ebenbürtig oder uns überlegen empfinden.

In befriedigenden Problemlösungssituationen sind wir in einem gottähnlichen und damit bedürfnisbefreiten Zustand. Regelmäßig vergessen Menschen in diesem Zustand z.B. zu essen, zu schlafen, sich zu bewegen, etc. (also Grundbedürfnisse). Auch Wünsche geliebter Menschen treten über solcher solche Problemlösungswahnsinns-Zustände in den Hintergrund.

Die Fokussierung auf „das zu lösende Problem“ ist im Grunde die Fokussierung auf meist genau ein menschliches Bedürfnis, dass alle anderen Bedürfnisse – eigene wie die anderer Menschen als „unerheblich“ oder „irrelevant“ aus dem Bewusstsein verschwinden lässt.

Diese Auflösung der Spannung, die vermeintliche Bedürfniskonflikte in uns auslösen können, ist Flow. Und die Rede von „Problemen“ ermöglicht sie. Alles, was zählt, ist diese eine Sache.

Für Wesen, die gefühlte 10.000 Bedürfnisse haben, ist eine solche Komplexitätsreduktion genauso reizvoll wie sie fatal ist.

Denn unsere Bedürfnisse verschwinden nicht, wenn wir sie nicht mehr bewusst wahrnehmen. Auch dann nicht, wenn sie deswegen aus unserem Bewusstsein verschwinden, weil wir uns zu 100% auf die Befriedigung eines einzelnen Bedürfnisses fokussieren, das bei uns, bei anderen Menschen oder nur in unserer Fantasie als reine Vorstellung vorhanden ist.

 

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