Bedürfniskonflikte und Beziehungsalternativen

Nach der Lesart bestimmter Schulen der Konflikgestaltung gibt es ja gar keine „Bedürfniskonflikte“, sondern nur Konflikte um Handlungen, mit denen wir uns Bedürfnisse zu erfüllen versuchen.

Um sich noch einmal klar zu machen, was damit gemeint ist, kann man z.B. folgende Passage aus Thomas Gordon’s Buch „Gute Beziehungen“ zitieren:

Schritt eins:Definieren Sie das Problem, indem sie unbefriedigte Bedürfnisse formulieren. Das ist eine radikale Abkehr von der Art, wie die meisten Menschen mit Konflikten umgehen. In der Regel begreifen sie mögliche Ergebnisse in den Kategorien von gewinnen und verlieren, von Nullsummenspielen, von entweder/oder. Nehmen wir beispielsweise an, es geht in dem Konflikt um ein Auto. Sie brauchen es, um einen Abendkurs zu besuchen. Ihr Partner benötigt es für ein gschäftliches Treffen. Entweder Sie bekommen das Auto oder Ihr Partner, richtig? Viele von uns, wenn nicht die meisten, sehen das als konkurrierende Lösungen. Entweder/oder, gewinnen/verlieren, Wer ist der Chef?

In Wirklichkeit braucht keiner von Ihnen das Auto in jedem Fall. Das Auto ist eine Lösung. Es kann Bedürfnisse befriedigen. Sie müssen zu dem Kurs kommen, richtig? Und Ihr Partner zu seiner geschäftlichen Verabredung. So betrachtet, gibt es vielleicht fünfzehn bis zwanzig Möglichkeiten, diesen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. In einigen Fällen kann das Auto sogar in der Garage bleiben.

(Thomas Gordon, „Gute Beziehungen – Wie Sie entstehen und stärker werden“, S. 101 f.)

Diese Darstellung von Konflikten ist aber möglicherweise nur die halbe Wahrheit. – Denn es gibt zwei Aspekte in unseren Beziehungen, die dazu führen, dass wir immer wieder den Eindruck gewinnen, es gäbe doch so etwas wie Bedürfniskonflikte.

Unmittelbare Erleichterung bei der Annahme von Bedürfniskonflikten

Der eine Aspekt ist Zeit. Genauer: Um auf die Ebene der Bedürfnisse zu wechseln, brauchen wir Ruhe, Kraft und Zeit. Ressourcen, von denen wir oft den Eindruck haben, wir hätten sie nicht. Konfliktlösungen durch Klarheit über Bedürfnisse und die vielen verschiedenen Möglichkeiten, die wir haben, uns diesen Bedürfnissen aktiv zuzuwenden, sind immer auch Investitionen. – Möglicherweise ist reine Gewohnheit hier hilfreich.

Wenn es sich aber um eine Investition handelt, die wir hier erbringen müssen, damit es für uns „konflikttechnisch gut läuft“, so ist die Möglichkeit durchaus verführerisch, diese Investition zu unterlassen. Insbesondere für mich selbst kann ich diesen Effekt zu 100% bestätigen, denn das „passiert mir“ regelmäßig: Mitten hinein in die Konstruktion eines Bedürfniskonflikts zu steuern ist psychologisch gesehen erst einmal: erleichternd.

Wir sparen uns Zeit, Aufmerksamkeit, auch die Angst vor Verletzungen, wenn wir sofort unsere Rüstung gürten, unser Schwert ziehen und mit einem entschiedenen „Vorwärts! Auf sie mit Gebrüll!“ in die Schlacht ziehen, die ausgefochten sein muss, wann immer unlösbare Bedürfniskonflikte vorliegen, in denen es ja per definitionem nur Gewinner und Verlierer geben kann. Und wer zuerst schlägt und wer fester schlägt, den lockt sie Sonnenseite des Bedürfniskonflikts.

Der Preis, den wir dafür zahlen, ist natürlich hoch. Und das wissen wir „eigentlich“ auch. Aber in müdem, gestressten oder sonstwie belasteten Zustand (= mit stark oder dauerhaft unerfüllten Bedürfnissen) zählt eben einfach nur eins: Die unmittelbare Entlastung von Investitionen, „die man jetzt nicht auch noch erbringen kann.“

Die Momente, in denen wir nicht mehr die Kraft haben, dem anderen zunächst richtig und erkennbar zuzuhören, damit wir danach mit unserem eigenen Anliegen, Wunsch oder Bitte Gehör bei ihm finden können, sind die Momente, in denen wir uns die Bequemlichkeit leisten, einen gegebenen Bedürfniskonflikt anzunehmen.

Missbrauch von Bedürfnissen zur Statusklärung

Möglicherweise gibt es über die banale Kraft der schieren Müdigkeit hinaus auch so etwas wie einen zusätzlichen „Brandbeschleuniger“ in unseren alltäglichen Konflikten. Wir können diesem Zusatz, der zum natürlichen Faktum hinzukommt, dass wir als Menschen ständig bedürftig sind und uns akut überfordert fühlen, den Namen „Status“ geben.

Status ist meiner Auffassung nach der zweite Aspekt, der die künstliche Konstruktion von Bedürfniskonflikten bei uns triggert. Und um so wichtiger Status gerade für uns ist, um so mehr werden wir in diese Richtung getriggert. Das hat immer auch etwas mit sozialen Kontexten und Rahmenbedingungen zu tun, in denen wir uns gerade bewegen. Auch wenn man zugeben muss, dass einem ein in langer Aufenthalt in statusintensiven und statusarmen Umgebungen jeweils „in Fleisch und Blut übergehen kann.“

Ich bin in diesem Punkt aus Erfahrung Optimist und Pessimist zugleich: Ich gehe davon aus, dass wir viel plastischere Wesen sind als wir das selbstwahrnehmen können. Das heißt: Setzt man uns in einen stabil statusintensiven Kontext oder in einen stabil statusarmen Kontext nehmen wir überraschend schnell die entsprechende „Färbung“ und zugehörigen Verhaltens- und Denkweisen an. Noch der Statusaffinste Mensch lässt sich nach meinen Erfahrungen in einem stabilen Augenhöhe-Kontext sehr schnell zu Augenhöhe-Verhalten verführen. Und selbst der statusgleichgültigste Mensch zeigt in einem stabil statustriggernden Kontext sehr schnell typisches Verhalten der offensiven Statusdemonstration und der Statusverteidigung.

Doch was macht nun „Status“ eigentlich mit unserem Konfliktverhalten? Und was hat er mit der mentalen und sozialen Konstruktion von unauflösbaren Bedürfniskonflikten zu tun? – Ich stelle mir das wie folgt vor:

Wenn wir ein Bedürfnis befriedigen wollen und wir es dabei mit einem anderen Menschen zu tun haben, der gerade ebenso wie wir bedürftig ist, können wir diese Situation dazu benutzen, um daran die Frage zu aktualisieren, „wer von uns beiden oben und wer von uns beiden unten ist“.

Tun wir das, so geht es uns im Grunde gar nicht mehr um Bedürfnisse – diese sind nur Mittel zum Zweck, anstatt selbst Zweck zu sein -, sondern es geht uns um die Eroberung oder Behauptung einer Hochstatus-Position in der Beziehung zu jenem Menschen, mit dem wir „diesen Konflikt führen“.

Das bedeutet aber auch umgekehrt: Sobald wir von Statusbehauptungen die Finger lassen, und uns entschieden auf Bedürfnisse konzentrieren, können Konflikte eine für uns erstaunliche und ungewohnte Leichtigkeit gewinnen.

Natürlich kann man auch die philosophische Frage aufmachen, ob es sich bei „Status“ nicht ebenfalls um ein Bedürfnis handele. Ob also eben „Statusbedürfnisse“ der Brandbeschleuniger sind, der die Vermeidung des Eindrucks von Bedürfniskonflikten unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich macht.

Für mich ist jedoch ausgemacht, dass Status kein Bedürfnis ist, sondern eine Strategie. Die Bedürfnisse hinter der Strategie, seinen Status zu behaupten, dürften in die Richtung „Sicherheit vor Verletzungen“ und „Emotionale Sicherheit“ gehen. Letzteres kann man auch „Bedürfnis nach Zugehörigkeit“ nennen.

Um diese Bedürfnisse zu befriedigen, stehen immer auch andere Verhaltensalternativen zur Verfügung als die Behauptung von Status. Und die meisten davon führen zu deutlich befriedigenderen Ergebnissen.

Beziehungsalternativen machen uns frei

Es gibt jedoch eine Ausnahmesituation, die es uns schwer macht, auf Statuskonflikte zu verzichten. Diese Ausnahme besteht in „unausweichlichen Beziehungen“, die leider auch heute noch weniger ausnahmeartig sind als sie vielleicht sein sollten.

Wenn wir einander nicht ausweichen können, wenn wir uns „gefangen in dieser Beziehung“ fühlen, dann haben wir hohe Anreize, aus jedem Bedürfnis, gerade auch aus den aller leichtest zu befriedigenden, Bedürfniskonflikte zu machen und sie in dieser Beziehung als solche zu inszenieren.

Der Grund für eine solche „Gefangenschaft“ kann rein materiell sein: Reale Gefängnisse sind solch ein Grund. Oder Dorfgemeinschaften.

Er ist auch in Familien gegeben. Zumindest solange wir Kinder sind, „die nicht einfach so von zu Hause wegkönnen.“ Insbesondere in der grausamen Variante reinen Vater-Mutter-Kinder-Kleinfamilie halten sich die Beziehungsalternativen für uns als Kinder oft in engen Grenzen.

Er kann aber auch künstlich und nur gedacht sein, z.B. wenn wir uns in einem Unternehmen gefangen und bestimmten Kollegen ausgesetzt fühlen. Auch der Eindruck, in einer Lebenspartnerschaft, Ehe oder Freundschaft in einem solchen Gefängnis zu sein, ist in den allermeisten Fälllen eine reine mentale Konstruktion. – In all diesen Fällen haben wir zahlreiche Beziehungsalternativen, die wir nur in dem Moment, in dem wir einen Bedürfniskonflikt inszenieren, ausblenden.

Alle diese Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass unser jeweiliger „Status“ in dem jeweiligen Biotop, zu dem wir verurteilt sind, recht drastische Folgen für uns hat: Er kann uns das Leben zur Hölle machen. Er kann uns das Leben aber auch sehr angenehm machen. – Manchmal auf eine Recht perverse Weise.

Viele Kinder haben es beispielsweise sehr schnell heraus, wie sie mit den tonangebenden Hochstatus-Personen in ihrer Familie umgeben müssen. „Kindheit“ ist so für viele von uns ein prägendes Training in „Führung von unten“. Einige von uns nehmen diese Fähigkeiten mit in ihre Erwachsenen-Biotope, also z.B. in ihre Unternehmen, wo sie sich dann die jeweiligen Chefs „auskucken“ und gezielt deren Agenda und persönlichen Präferenzen bedienen. Unter hierarchischen Bedingungen ein überaus kluges Verhalten, das dem Motto: „Dein Chef ist Dein erster Kunde“ folgt.

Hierachische Sozialformen neigen daher dazu, dass Bedürfnisse nicht gefahrfrei thematisisiert werden können. – Und daher in der Regel auch faktisch gar nicht mehr thematisiert werden. „Bedürftigkeitsoffenbarungen“ sind in solchen Kontexten meist mit der Gefahr verbunden, den eigenen Status zu riskieren. Natürlich sind auch bei geübten Hierarchikern alle menschlichen Bedürfnisse im exakt gleichen Ausmaß vorhanden wie bei Menschen, die mit ihren Bedürfnissen in regem und guten Kontakt stehen. Der soziale Kontext, der offenen Umgang mit eigener Bedürftigkeit hochriskant macht, führt daher zuverlässig dazu, dass Bedürfnisse heimlich befriedigt werden. Und: Dass es regelmäßig zu Missverständnissen und Fehlinvestitionen kommt. Wenn ich beispielsweise als Vorgesetzter gar nicht weiß (und auch gar nicht wissen kann), was einer meiner Mitarbeiter gerade wirklich braucht, werde ich höchstwahrscheinlich einige Anstrengungen unternehmen, um „ihn zu motivieren“ oder sonstwie zu beeinflussen, die völlig am realen Wollen und Wünschen dieses Mitarbeiters vorbeigehen. Mein Engagement ist, wenn ich es denn einmal zeige, möglicherweise unter hohem Aufwand für mich, hochwahrscheinlich für die Katz.

Dieses Verhältnis führt in statusintensiven Kontexten zu einem allgemeinen Beziehungs-Desengagement auf allen Seiten. Die Leblosigkeit und der Bürokratismus überall dort, wo Status eine große Rolle spielt, ist also kein vermeidbarer Zufall, sondern System.

Gleichzeitig steigt rein subjektiv die Wahrscheinlichkeit bei den davon betroffenen Menschen, dass sie ihre Situation als unausweichlich empfinden: Menschen die sich äußerlich desengagieren, können innerlich kaum in ihrer Kraft und guten Kontakt mit sich selbst bleiben. In solchen künstlich erzeugten Zuständen von Kraftlosigkeit fällt der Aufbau von Kontakten und Beziehungsalternativen den allermeisten Menschen äußerst schwer. – Man bleibt daher da, wo man ist und erklärt sich die Sache als nur halb so schlimm, wie sie ist. „Woanders ist es auch nicht besser“ ist dabei ein bewährter Satz, der hilft, die eigene chronische Unterversorgtheit mit gesunden Beziehungen und erfüllten Bedürfnissen länger zu ertragen.

Umgekehrt zeichnen sich vitale, auch tiefe und dauerhafte Beziehungen und Bindungen dadurch aus, dass beide Beziehungspartner „gefühlte Alternativen“ haben. Das Gefühl der Freiwilligkeit des Zusammenseins kann sich nur dadurch erhalten, dass sich die jeweilige Beziehung nicht wie eine Zwangsgemeinschaft oder eben wie ein Gefängnis anfühlt. Dabei ist es für uns als Menschen völlig gleichgültig, ob es sich um eine „private“ oder „berufliche“ Beziehung handelt. Man kann hier von einer universellen Beziehungskonstante sprechen.

Erst dieses Vorhandensein von Beziehungsalternativen ermöglicht es, dass Status, seine Erlangung, Behauptung und Verteidigung für uns völlig in den Hintergrund tritt. Bis dahin, dass er für uns gar keine wirksame Rolle mehr spielt in unseren Interaktionen mit den uns umgebenden Menschen.

Und um so weniger wichtig Status für uns wird, um so eher können wir in Konfliktfällen mit dem anderen auf eine Bedürfnisebene wechseln: Gemeinsam nachforschen, was es eigentlich ist, was der andere wirklich braucht. Und was ich wirklich brauche. Und von dort aus neue, gemeinsame Lösungen entwickeln. Oft ist gerade dieser Vorgang: Die Auflösung eines vermeintlichen Bedürfniskonflikts in eine neue Strategie, die den Bedürfnissen aller beteiligten Menschen voll gerecht wird, eine echte Innovationsmaschine. Denn um genau das zu leisten, müssen wir oft völlig neuartige Wege gehen und gewohnte, alte Verhaltenspfade verlassen. Liegt dem eine Bedürfnisklärung zugrunde, so ziehen wir aus dem gemeinsamen Klärungsprozess gerade die Kraft für ein solches Verlassen alter Gewohnheiten. – Man bestärkt sich gegenseitig in der gemeinsamen Innovation, anstatt sich wechselseitig zu blockieren.

Wir können also sagen: „Beziehungsalternativen machen uns frei in Beziehungen“. Aber auch: „Beziehungsalternativen erleichtern es uns, in Konfliktsituationen auf die Bedürfnisebene zu wechseln und solche Situationen produktiv miteinander zu klären.“

Um uns in Beziehungen frei zu fühlen brauchen wir unriskante Optionen, an wen wir uns außerdem noch wenden können, wenn wir hier, in dieser Beziehung, in unserer akuten Bedürftigkeit gerade nicht gehört werden oder gehört werden können. Wir neigen als Menschen nur dann zu Gewalt und Intrigantentum, wenn wir „es durchboxen müssen“, weil wir nicht wissen, woher wir sonst bekommen können, was wir gerade brauchen, wenn nicht gerade „von dem“ oder „von der“. – Sozial akzeptierte, unbedrohliche Beziehungsalternativen entspannen unsere Situation, sie reduzieren Gewaltverhalten und erzeugen ein Gefühl der Freiheit auf allen Seiten.

Auch das könnte sich im alten Satz „Stadtluft macht frei“ verbergen. – Vor diesem Hintergrund ist die zunehmende und unaufhaltsame Verstädterung von uns als Weltbevölkerung vielleicht nicht nur Fluch, sondern zugleich auch Segen.

Eine Welt voller Probleme vs. Eine Welt voller Bedürfnisse

Im Folgenden möchte ich ein paar Unterschiede zwischen zwei Weltwahrnehmungen deutlicher erkennbar machen.

Diese beiden „Brillen“ lassen sich in die Sätze kleiden:

„Die Welt besteht aus zu lösenden Problemen.“

vs.

„Die Welt steht aus unerfüllten Bedürfnissen.“

Bei letzterem Satz setze ich den Bedürfnis-Begriff voraus, wie man ihn bei Marshall Rosenberg und einigen anderen finden kann. In diesem Verständnis werden menschliche Bedürfnisse so aufgefasst, als handele es sich um objektiv gegebene Tatsachen, die Subjekte überhaupt erst zu Subjekten machen.

Die aufgezählten Unterschiede zwischen beiden Weltwahrnehmungen sind ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1.) Entpersonalisierbarkeit

Probleme sind genauso wie Bedürfnisse an Subjekte gebunden, die ihre „Träger“ sind, bzw. die die jeweiligen Probleme oder Bedürfnisse „haben“.

Wenn es also niemanden gibt, der ein Probleme hat, dann gibt es kein Problem. Probleme sind undenkbar ohne Problembesitzer. Das Gleiche gilt für Bedürfnisse.

Dieses Verhältnis spiegelt sich allerdings nicht in unseren Redeweisen über Probleme. Wir sind es gewohnt, Probleme als objektive Tatsachen zu betrachten, die auch ohne Subjekt auskommen. „Es gibt da ein Problem“ geht uns deutlich lockerer von den Lippen als der Satz „Es gibt da ein Bedürfnisse“. In der Regel machen wir bei unserer Rede von Bedürfnissen so gut wie immer kenntlich, wem wir das jeweilige Bedürfnis zuschreiben. „Problematisch“ ist daran höchstens unsere Pauschalisierung in Begriffen wie z.B. „Kundenbedürfnisse“, „Mitarbeiterbedürfnisse“ oder „Investorenbedürfnisse“.

Die Folge solcher Entpersonalisierungen und Verwandlung von subjektiv wahrgenommenem Optimierungsbedarf in objektive Tatsachenfeststellungen ist immer die Gleiche: „Probleme“ werden unlösbar, führen in Konflikte oder heizen vorhandene Konflikte weiter an. Menschen fühlen sich nicht ernstgenommen, nicht gehört, es wird viel Aufwand ohne Ertrag betrieben, es entstehen Missverständnisse von der Form: „Ich dachte, Du schätzt das!?“ oder „Ich dachte, wir hätten da einen Deal!?“ – Ökonomisch ausgedrückt führt die Entpersonalisierung, die die Rede von „Problemen“ mit sich bringt, systematisch zu Fehlinvestitionen. Es wird gehandelt, ohne dass Informationen darüber vorhanden sind, ob dieses Handeln beim „Kunden“ jener Handlung auch zu echter Befriedigung führt. Die Rede von „Problemen“ ist Ausdruck eines menschenbereinigten und technizistischen Managementblicks. Und diese Entmenschlichung führt zuverlässig zu dem bekannten Effekt, dass die realen Menschen mit ihren realen inneren Zuständen (Gefühle und Bedürfnisse) als „Störung unserer fantastischen Problemlösung“ empfunden werden.

Die Versachlichung von Persönlichem wirkt sich entgegen den Annahmen von eingefleischten Stoikern auch keineswegs so aus, dass die Bugwelle vorhandener Gefühle bei den beteiligten Menschen abflacht. Stattdessen werden subjektiv relevante Gesichtspunkte in die Unsagbarkeit verdrängt. Will man Handlungsbedarf wirksam mit Konfliktpotential aufladen, kann man das daher zuverlässig dadurch bewerkstelligen, dass man anstelle von „zu befriedigenden Bedürfnissen“ von „zu lösenden Problemen“ spricht.

2.) Beziehungssetting

„Probleme lösen“ ist ein überaus befriedigendes Handeln. Es unterscheidet sich jedoch fundamental von der Befriedigung, die wir empfinden können, wenn wir „Bedürfnisse befriedigen“.

Die Feststellung, man habe „ein Problem gelöst“, dockt an zwei Stellen an: An einer inneren Instanz, die einen zu erfüllenden Maßstab setzt, an dem gemessen werden kann, ob ein Problem zur Befriedigung gelöst wurde. Und an einer äußeren Instanz (mindestens einem anderen Menschen), der das gleiche Urteil fällt.

„Ein Problem“ ist dabei im Kern im Paradigma des Handwerkers gedacht: „Ich und die Sache“. Die äußere Instanz eines anderen Menschen, die zu mir sagt: „Du hast das Problem (gut) gelöst“, ist dabei ein Unbeteiligter, der eine gewisse Distanz zu dem Vorgang und der Sache hat. Z.B. ein Lehrer. Oder ein Vorgesetzter. Mein Handeln, meine Leistung „wird beurteilt“.

„Ein Bedürfnis“ und seine Befriedigung folgt einem völlig anderen Handlungsparadigma. Dabei geht es um einen zwischenmenschlichen Vorgang. Und das selbst dann, wenn ich mir meine eigenen Bedürfnisse befriedige. In diesem Fall wird nämlich nur ein Geschehen internalisiert, dass ich vorher zwischen zwei Menschen oder mir und einem anderen Menschen wahrgenommen habe. Diese Annahme der Internalisierung bedarf deswegen keines weiteren Beweises, weil wir uns klarmachen können, dass wir Menschen (darin von den meisten Tieren unterschieden) nach unserer Geburt die allermeisten und die aller wichtigsten unserer Bedürfnisse eben nicht selbst befriedigen können. Wir sind dazu auf andere Menschen angewiesen. Nahezu alle Eltern kennen den ziemlich ans Elternherz gehenden Vorgang, denn die eigenen Kinder schon in sehr frühem Alter beginnen, einen ähnlich zu umsorgen, wie man es sonst die ganze Zeit mit ihnen macht: Man wird gefüttert, etwas Heruntergefallenes wird aufgehoben, man wird beschenkt, etc. – Gute Selbstsorge ist stets eine Internalisierung vorher erlebter guter Fremdsorge. Und sei es aus der reinen Beobachtung solchen Verhaltens, dass sich zwischen anderen abspielt, während man vermeintlich Unbeteiligter ist.

Die Rede von „Bedürfnissen“ und ihrer Befriedigung führen also relativ direkt in ein Beziehungsparadigma. Auf mittlere Sicht auch von alleine in ein Beziehungsparadigma auf Augenhöhe, in dem man sich wechselseitig umsorgt, und in dem keine einseitigen Rollen vorkommen, so dass man in der gleichen Beziehung einmal Umsorgender und einmal Umsorgter ist.

Die Rede von „Problemen“ und ihrer Lösung führt dagegen in ein technizistisches Verhältnis, in dem objektive Urteile und institutionalisierte Hierarchien vorherrschen, die festlegen, wer was beurteilen darf / muss. Und wer nicht.

3.) Befriedigungsgefühle

Unmittelbar verbunden mit diesen unterschiedlichen Beziehungssettings von „Bedürfnissen“ und „Problemen“ sind die Formen der Befriedigung, die wir aus beiden Handlungsparadigmen ziehen.

Die Lösung von Problemen befriedigt unser Ego.

Die Befriedigung unserer Bedürfnisse befriedigt uns. Die Befriedigung der Bedürfnisse anderer befriedigt andere Menschen. – Beides führt zur Möglichkeit, bessere Beziehungen mit anderen Menschen eingehen und führen zu können.

Energie, die wir „in die Lösung von Problemen“ investieren, macht unsere Welt daher nur zufällig bzw. nebenher besser, wenn überhaupt.

Energie, die wir „in die Befriedigung von Bedürfnissen“ investieren, sorgt für unmittelbare Verbesserungen. Immer. Oft sogar bei mehreren Menschen gleichzeitig. Mit einer nicht zu unterschätzenden Strahlkraft auf die Gesellschaft.

4.) Integration des Handelnden in die Handlung vs. Exklusion des Handelnden aus dem Geschehen

Das Handwerker-Paradgima „Ich und die Sache“, die durch die Rede von zu lösenden Problemen forciert wird, trennt Handelnden (Subjekt der Handlung) von der objektiv gegebenen Sache (Objekt der Handlung). – Mit der Rede von „Problemen“ halten wir Vorgänge sozusagen zu uns auf Abstand.

Das kann sehr reizvoll sein. Viele Menschen, die von Flow-Phänomenen berichten, „gehen ganz in der Sache auf“, gerade dadurch, dass sie innerlich einen immensen Abstand zur Sache, „die sie betrachten“ aufgebaut haben. Das gilt für den verrückten Wissenschaftler genauso wie für den Tüftler im Daniel Düsentrieb-Modus. Und mir sind auch schon Buchhalter, Developer, Sportler, Künstler und eben Handwerker begegnet, die ähnliches von sich berichteten. Und natürlich baut heute ein Großteil der Videospielindustrie auf den Reizen des souveränen Problemlösens auf.

Der entscheidende Faktor für diese Art von Flow, ist das Gefühl, „die Sache in der Hand“ oder sogar „die Sache im Griff“ zu haben. Es ist eine emotionale Sicherheit, die Flow ermöglicht. Wir fühlen uns von solchen „Gegenständen“ nicht bedroht. – Ganz anders als von anderen Menschen, und bei diesen vor allem dann, wenn wir sie als ebenbürtig oder uns überlegen empfinden.

In befriedigenden Problemlösungssituationen sind wir in einem gottähnlichen und damit bedürfnisbefreiten Zustand. Regelmäßig vergessen Menschen in diesem Zustand z.B. zu essen, zu schlafen, sich zu bewegen, etc. (also Grundbedürfnisse). Auch Wünsche geliebter Menschen treten über solcher solche Problemlösungswahnsinns-Zustände in den Hintergrund.

Die Fokussierung auf „das zu lösende Problem“ ist im Grunde die Fokussierung auf meist genau ein menschliches Bedürfnis, dass alle anderen Bedürfnisse – eigene wie die anderer Menschen als „unerheblich“ oder „irrelevant“ aus dem Bewusstsein verschwinden lässt.

Diese Auflösung der Spannung, die vermeintliche Bedürfniskonflikte in uns auslösen können, ist Flow. Und die Rede von „Problemen“ ermöglicht sie. Alles, was zählt, ist diese eine Sache.

Für Wesen, die gefühlte 10.000 Bedürfnisse haben, ist eine solche Komplexitätsreduktion genauso reizvoll wie sie fatal ist.

Denn unsere Bedürfnisse verschwinden nicht, wenn wir sie nicht mehr bewusst wahrnehmen. Auch dann nicht, wenn sie deswegen aus unserem Bewusstsein verschwinden, weil wir uns zu 100% auf die Befriedigung eines einzelnen Bedürfnisses fokussieren, das bei uns, bei anderen Menschen oder nur in unserer Fantasie als reine Vorstellung vorhanden ist.

 

„Gerechtigkeit“ macht alles nur noch schlimmer

Nach meinen Wahrnehmungen kommen wir alle als Gerechtigkeitsfanatiker auf die Welt. Gerade am Verhalten und den Äußerungen kleiner Kinder kann man den Eindruck gewinnen, dass Konzepte von „Gerechtigkeit“ wohl angeboren sind. Das gilt möglicherweise sogar über unsere Spezies hinaus.

Dennoch gibt es wenig Gespräche, die ich so unproduktiv erleben, wie diejenigen, die wir um „Gerechtigkeit“ führen.

Das hat zwei Hauptgründe. Der harmlosere von beiden, ist – immer noch schlimm genug – eine Verwirrung, die so gut wie immer entsteht, wenn der Begriff „Gerechtigkeit“ eingesetzt wird:

Seit dem antiken Altertum gibt es nicht nur einen, sondern zwei konträre Gerechtigkeitsbegriffe, die früher klassisch unterschieden wurden als „arithmetische Gerechtigkeit“ und „geometrische Gerechtigkeit“.

Arithmetische Gerechtigkeit bedeutet bei der Teilung eines Kuchens, dass jeder ein exakt gleich großes Stück vom Kuchen bekommt.

Geometrische Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder ein sehr unterschiedliches Stück vom Kuchen bekommen muss – Je nach seinen „Leistungen“ und je nach seinen „Bedürfnissen“. Jemand der mehr dazu beigetragen hat, dass der wunderbare Kuchen überhaupt existiert, müsste also mehr bekommen. Und jemand, der grade deutlich mehr Hunger hat, müsste ebenfalls deutlich mehr bekommen.

Allein mit diesen 3 Größen: Abstrakte Gleichheit, Leistungsprinzip, Bedarfsprinzip kann man soviel Verwirrung und Streit stiften, dass man das Knäuel, das sich darum zu bilden beginnt, im Leben nicht mehr entwirrt bekommt. – Und genau diese Unentwirrbarkeit und Verknotung leistet das schwammige Wort „Gerechtigkeit“ leider mit unschöner Zuverlässigkeit.

Wer also viel unproduktive Energie auf unerbittliche und unlösbare Verteilungskämpfe lenken will, der muss einfach nur eine Gerechtigkeitsdebatte starten. Dann geht ein großes Stück vom Kuchen für die argumentative oder handfest materielle Aufrüstung aller Seiten drauf, so dass am Ende oft nur noch Krümel zu vergeben sind.

Die faktische Kraft der Gerechtigkeit

Das ist aber alles immer noch das kleinere Übel am Begriff der „Gerechtigkeit“.

Der schwerwiegendere Grund, warum ich das Wort systematisch meide, liegt im Wirk-Mechanismus, aus dem heraus Gerechtigkeitsvorstellungen ihre Durchsetzungs-Kraft gewinnen.

Gerechtigkeit ist nämlich keineswegs, wie manche glauben, eine leere und lasche Vorstellung, sondern ein überaus mächtiges gesellschaftliches Prinzip, das wohl tatsächlich eine starke psychologische Verankerung in universellen Fairness-Vorstellungen hat. Diese zeigen sich als über verschiedene Gesellschaftsformen und Zeiten hinweg als überraschend stabil.

Deutlich sichtbar wird diese „Kraft der Gerechtigkeit“ in einem Forschungs-Design, das als „Ultimatum-Spiel“ bekannt ist. Das Spiel besteht darin, dass einem Spieler eine Geldsumme in die Hand gedrückt wird, die er nach eigenem Gutdünken mit einem zweiten Spieler teilen soll. Dabei gibt es keine Absprache-Möglichkeiten zwischen den Spielern (diese gesetzte Rahmenbedingung ist große Krux solcher Experimentalvorgänge, aber das nur am Rande). Der Witz des Spiels: Lehnt der zweite Spieler die ihm vom ersten Spieler zugestandene Summe ab, so erhalten beide: Gar nichts. Der erste Spieler hat also einen Anreiz, so zu teilen, dass der zweite Spieler „seine Summe“ zu akzeptieren bereit ist.

Das ganze Design des Experiments kann man in diesem YouTube-Clip in aller Ruhe nachvollziehen, wenn man das möchte.

Der in allen möglichen Kulturen weltweit nachvollziehbare Effekt des Experiments: Ab einer bestimmten Summe, die unter ca. 25% der geteilten Gesamtsumme liegt, wird es für Spieler2 attraktiver, Spieler1 für seine „unfaire Teilung“ zu bestrafen als für sich selbst „das Beste herauszuholen“.

Übertragen wir diesen universellen sozio-psychologischen Mechanismus auf reale Konflikte, die wir in unserer Gesellschaft haben, so können wir sagen, dass selbst Menschen in institutionell stark abgesicherten Machtpositionen einen großen Anreiz haben, es mit dem Ausnutzen ihrer überlegenen Macht nicht all zu sehr zu übertreiben. Denn ab einem bestimmten Grad von Unfairness und Ungleichheit wird es für diejenigen, die sich gerade als Übervorteilt empfinden, deutlich attraktiver, diese „unfaire Welt“ in Brand zu stecken als das relativ Beste im relativ Schlechten für sich anzustreben. Wer nichts zu verlieren hat, will nur noch dafür sorgen, dass auch andere nichts mehr zu gewinnen haben.

All das läuft völlig unabhängig davon ab, ob wir von „Gerechtigkeit“ und „Fairness“ sprechen. Es handelt sich um universelle Mechanismen, mit denen unsere Sozialformen, Institutionen, Rede- und Verhaltensweisen nur umgehen können, die sie aber nicht ausschalten können. Solange es aber Menschen (oder: überhaupt antizipierende Spezies) gibt, werden diese Mechanismen ablaufen und Wirkungen haben.

Wenn das so ist, wo liegt dann nun aber das Problem damit, das nun einfach auch direkt zu thematisieren, indem man eben eine Gerechtigkeits-Debatte startet?

Das zentrale Argument jeglicher Gerechtigkeitsdebatte kann übersetzt werden mit einem Drohszenario: „Gib mir etwas mehr ab – Andernfalls werde ich aufhören, in unserem ungleichen Spiel überhaupt zu kooperieren. Und wenn Du es gar zu wild treibst, lieber Mitmensch in einer Machtposition, werde ich sogar offensiv sabotieren und mein möglichstes tun, um auch Dir Dein Leben zur Hölle zu machen.“

Es wird also unter hohem Einsatz (eigenes Wohlergehen) dem Interaktionspartner vor Augen geführt, was er zu verlieren hat (deutlich mehr Wohlergehen). Aus Win-Lose wird im Horizont von „Gerechtigkeit“ ein potentielles Lose-Lose, das zumindest einen gewissen Anreiz zur nicht allzu unfairen Teilung enthält.

Was dabei unter den Tisch fällt: Was beide Seiten bei Kooperation zu gewinnen haben. Jenseits von nackten Verteilungskämpfen gibt es eine menschliche Lust an wechselseitiger Unterstützung. Und diese hat für uns Menschen einen ganz eigenen Wert.

Während Gerechtigkeitsdebatten eine materielle Mangelwelt als Substrat voraussetzen (das Stück Kuchen ist begrenzt), blenden sie die Fülle der immateriellen Beziehungswelt als Fokus menschlicher Interaktion aus (die Möglichkeiten menschlicher Beziehungsformen sind unbegrenzt).

Die Selbstreferentialität von empathischem Handeln – unter „dörflichen“ Bedingungen

Was ist damit gemeint?

Setzen wir anders als im Ultimatum-Spiel voraus, dass keine kommunikative Trennwand zwischen den „Spielern“ besteht, dass sie sich also „in die Augen schauen und miteinander Kontakt aufnehmen können“, so haben wir sofort nicht mehr die Interaktions-Bedingungen von anonymen Großgesellschaften, sondern die Interaktionsbedingungen von persönlichen Kleingesellschaften.

In persönlichen Kleingesellschaften gilt, das ich jederzeit weiß: Ich begegne Dir (täglich) wieder. Vor diesem Hintergrund werde ich es mir gut überlegen, ob es für mich selbst erfüllend, produktiv und befriedigend ist, überhaupt mit Dir einen auf Dauer gestellten Verteilungskampf auszutragen. Denn das ist für mich dann ein ganz sicherer Weg in eine sehr persönliche Hölle.

In der Regel ist es für alle Beteiligten unter solchen Bedingungen deutlich produktiver, aufkommende Gerechtigkeitsfragen schon im Keim zu ersticken. – Ich will mich mit Dir gar nicht streiten – Ich will mit Dir ganz andere Dinge machen/unternehmen/ausprobieren, etc.

Gerechtigkeitsdebatten führen uns heute mitten hinein in die Problemstellungen und Beziehungslagen, wie sie für die Übergangsphase der Industrialisierung typisch waren: Wir lebten nicht mehr in den dörflichen Kleingesellschaften, in denen jeder jeden kannte. Und wir lebten noch nicht unter den entanonymisierenden Bedingungen einer dorfähnlichen Weltgesellschaft, in der jeder potentiell jeden namentlich kennen und eine Beziehung zu ihm aufbauen kann.

Nur in einer solchen anonymen Großgesellschaft, die Beziehungen verhindert, die kommunikative Trennwände zwischen uns einzieht und lauter separierte menschliche Biotope und Milieus herausbildet, werden „Gerechtigkeitsfragen“ und „Verteilungskämpfe“ virulent.

Zugegeben: Das läuft nun schon recht lange so (1,2,3 Jahrhunderte). Und daher haben wir uns an solche Fragen gewohnt, so als ob sie „natürlich“ seien. Und eben „zum Menschen“ oder „zur Gesellschaft“ dazu gehörten.

Heute wird aber zunehmend die historische Bedingtheit von Gerechtigkeitsfragen erkennbar. Und damit auch ihre Begrenztheit.

Wir können heute sagen: Es gibt bessere Fragestellungen und Vorzeichen als die der „Gerechtigkeit“, um gute Kooperationen, Interaktionen und Beziehungsusancen miteinander einzugehen.

Wir leben bereits heute in einer Welt, in der derjenige, der mit „Gerechtigkeits-Argumenten“ daherkommt, erkennbar auf Krawall gebürstet ist: Er will sich zoffen, wo andere Beziehungsangebote deutlich produktiver wären.

Als Mensch mit starken cholerischen Neigungen, also als jemand, der schnell auf 180 ist und wenig Tendenz zur Krawall-Vermeidung hat, darf ich vielleicht sagen: Ja, mich stört die Machtungleichheit zwischen Menschen in unserer Weltgesellschaft massiv. Mich stört, dass wir Machtungleichheiten zwischen uns nach wie vor institutionalisieren, anstatt sie systematisch zu beseitigen und Institutionen zu schaffen, deren Prinzip die Herstellung von menschlicher Machtgleichheit ist.

Ich würde diesen Prozess der Transformation unserer Weltgesellschaft in eine Gesellschaft aus „Freien und Gleichen“, die „auf Augenhöhe“ miteinander leben, aber nicht mehr dadurch anstreben wollen, dass ich auf die „Ungerechtigkeit“ hinweise, die mit Machtungleichheiten einhergeht.

Viel produktiver erscheinen mir Fragen danach, wie es eigentlich den Menschen diesseits und jenseits der Machtasymmetrien geht? Ob sie sich mit der Machtasymmetrie wohlfühlen? Will ich wirklich als „ohnmächtigerer“ Mensch „Machtpositionen“ ergattern, damit „ich mal oben bin“? Ist es das, was ich wirklich will? Ist das ein erstrebenswertes Ziel für mich? – Und will ich als „mächtigerer“, „privilegierter“ Mensch diese Privilegien überhaupt? Fühle ich mich wohl mit der ganzen Ablehnung, dem schlechten Gewissen, den Beziehungsblockaden, dem Neid, dem Abwehrkampf und dem Neid, der mir täglich entgegenschlägt? Ist all dieses Beziehungsunglück meine Machtprivilegien wert?

Wenn man sich einige Äußerungen genau anhört, die sich in letzter Zeit vernehmen lassen, kann man den Eindruck gewinnen, dass wir das Zeitalter der Gerechtigkeit längst hinter uns gelassen haben. Und uns bereits im Zeitalter der aktiven und bewussten Beziehungsgestaltung befinden.

Forderungen nach „Gerechtigkeit“ sind dann ein gesellschaftlicher Rückschritt. Nicht, weil es kein Gefühl der Unfairness gäbe. Diese Gefühle sind wie erwähnt universell und unausschaltbar. Sondern weil wir mehr miteinander zu gewinnen haben als einfach nur ein kleineres oder größeres Stück vom Kuchen: Nämlich die Möglichkeit unzähliger erfüllter Beziehungen, in denen Macht und Haben kaum mehr eine nennenswerte Rolle spielen. Wir haben das Glück des Miteinanders auf Augenhöhe bereits wiederentdeckt. Und damit auch den Umstand, dass Machtasymmetrien solche erfüllten Beziehungen zuverlässig stören, wenn nicht sogar unmöglich machen.

Wir haben also heute bereits bessere Gründe als die nackte Angst vor Bestrafung, wenn wir mit anderen empathisch sind, „obwohl wir das gar nicht müssen.“ Unter den Bedingungen einer persönlicher und kontaktfreudiger werdenden Gesellschaft tue ich mir selbst etwas Gutes, wenn ich anderen etwas Gutes tue. Ich investiere in „meinen guten Ruf“. Und – viel unmittelbarer – in mein Beziehungsglück. Empathie lohnt sich wieder.

Das war all zu lange Jahrhunderte nicht der Fall. Aus benennbaren Gründen.

 

 

 

 

 

 

Was mann fühlt, wenn mann nichts fühlt

Dieser Artikel wird wohl ein Versuch werden, auf mehrere Dinge auf einmal hinzuweisen. Und daher überfordern. Manche Dinge kann man aber nur gleichzeitig auf den Tisch bringen, sonst bleibt jedes für sich unverständlich bzw. missverstanden.

Gesellschaftlich geduldete/bejahte Traumatisierungen

Ein solches Ding ist der Umstand, dass es so etwas wie gesellschaftlich geduldete oder sogar bejahte Traumatisierungen überhaupt gibt.

Die Möglichkeit, dass es so etwas geben kann, ist relativ fernliegend für die meisten von uns. Bei „Traumatisierungen“ denken wir an schreckliche Einzeltaten, meist verübt in besonders schrecklichen Familiensituationen. Oder im Krieg, bei Soldaten, die „traumatisiert“ in ihre vermeintlich friedlichen Stammgesellschaften zurückkehren.

Wir halten Traumatisierungen entweder für eine Erscheinung tragischer Einzelschicksale oder für eine Erscheinung besonderer Konfliktsituationen. Dass es Traumatisierungen als gesellschaftliche Normalität geben könnte, das für denkmöglich zu halten, ist für die meisten von uns eher befremdlich.

Mir persönlich fallen jedoch aus dem Stand drei Formen von fortgesetzter Traumatisierung in unserer Gesellschaft ein, die auch heute noch eine hohe allgemeine soziale Akzeptanz finden. Also Formen der forgesetzten Behandlung von Menschen in einer Weise, dass es äußerst wahrscheinlich ist, dass bei den diesen Behandlungen ausgesetzten Menschen psychische Pathologien entstehen.

Der erste Fall sind Menschen, die sich sexuell prostituieren. Derzeit haben wir in diesem Gebiet eine hin- und herwogende Debatte, bei dem das Bedürfnis nach Berufsfreiheit und Entstigmatisierung und das Bedürfnis nach körperlicher und seelischer Unversehrtheit eine Rolle spielen. Dass auch unterschiedliche Lobbygruppen in der öffentlichen Diskussion mitmischen, die auch noch ganz andere, eher finanzielle Interessen haben, klammere ich hier mal aus, sollte aber nicht vergessen werden.

Der zweite Fall sind Menschen, die sich ökonomisch prostituieren. Vor dem Hintergrund einer gesellschaftlich für nomal gehaltenen Angst vor Arbeitslosigkeit halten viele Menschen viele „Arbeitsverhältnisse“ um einiges länger aus, als ihnen das körperlich und seelisch gut tut. Sie beißen auf die Zähne und „halten durch“. Da man das immer auch als „freiwillige Selbstverletzung“ sehen kann, wird hier, ähnlich wie im Fall der sexuellen Prostituion, gern geleugnet, dass es sich überhaupt um Verletzungen handelt. – Wer verletzt sich schon freiwillig selber? Und selbst wenn: Ist das nicht jedes Menschen gutes Recht, eigene Erfahrungen zu machen und eben auch jenseits der Grenze des eigenen Wohlergehens zu experimentieren? Hat nicht jeder Mensch sogar ein gewisses Recht auf Selbstverletzung? Also auch darauf, nicht vor selbstschädigendem Verhalten bewahrt zu werden?

Der entscheidende Punkt bei solchen Fragen scheint mir unser Verständnis von „Freiwilligkeit“ zu sein. Selbst beim uralten Aristoteles findet sich schon die Frage, ob man sagen dürfe, dass Menschen, die auf einem kurz vor dem Kentern stehenden Schiff all ihr Hab und Gut über Bord werfen, aus freien Stücken so handeln?

Mit anderen Worten: Selbst in der antiken Ethik gab es bereits das Konzept der „relevanten Alternativen“. Von Freiwilligkeit dürfen wir nur sprechen, wenn nicht aus akuter oder chronischer Not heraus gehandelt hat. Und „Not“ kann sich bei einem an Bedürfnissen reichen Wesen wie dem Menschen auf alles mögliche beziehen. Wir sind als Menschen leicht „in die Not zu bringen“. Es muss auch nur ein fundamentales menschliches Grundbedürfnis akut oder chronisch unterversorgt sein – und vorbei ist es mit unserer schönen Freiwilligkeit. „Der freie Wille“ ist, wenn man den Menschen als Bedürfniswesen im Blick hat, ein überaus fragiles Ding.

Kommen wir – diese Überlegungen voraussetzend – zur dritten Form gesellschaftlich geduldeter Traumatisierungen, die wir auch heute noch für völlig normal oder sogar für wünschenswert halten: Der Zurichtung von kleinen Jungen zu „Männern“.

Dass es sich hierbei um sehr stabile und sich über Jahre hinziehende Traumatisierungsprozesse handelt, wird nur der nicht verstehen, der Vorträge wie den von Ryan McKelley in einem Zustand anhört, in dem er auf dem Empathie-Ohr gerade völlig taub ist:

„Männer“ sind in unserer heutigen Gesellschaft Menschen, die ganz bestimmten Traumatisierungspraktiken unterzogen wurden. Dass die meisten von uns Männern das weder in dieser Form wahrnehmen können, noch dass es für uns attraktiv ist, uns selbst in dieser Form zu beschreiben, ist selbst ein Ergebnis der Zurichtungsvorgänge, denen wir in unserer Kindheit sehr konsequent und kontinuierlich ausgesetzt waren.

Noch entscheidender als unsere Kindheit ist aber das gesellschaftliche Umfeld, in dem wir uns heute jeweils bewegen: Traumatisierungen sind deutlich wirksamer und kaum heilbar, wenn sie von der relevanten sozialen Umgebung nicht als solche beschrieben und anerkannt werden.

„Männer“ sind in unseren gesellschaftlichen Rollenbeschreibungen, Dramaturgien und Skripten als Täter vorgesehen. Die Opferrolle ist uns strukturell unzugänglich und wird mit sofortigem Verlust des Mann-Status bestraft. Männer, die in ihrem ganz persönlichen Leben große Opfer gebracht haben oder bringen mussten, um eine solche traditionell-männliche Identität aufzubauen und tagtäglich aufrecht zu erhalten, werden ALLES tun, um diese Identität nicht zu verlieren. Sie werden niemals eingestehen, dass sie ein überaus fragiles Ego haben, das permanente Bestätigung verlangt, um nicht zusammenbrechen. Und sie werden Verletzungen, die sie selber erlitten haben, stets entschieden bagatellisieren, um ihren „anerkannter Mann-Status“ zu behalten.

Jede Traumatisierung kann sich nur dann am Leben halten, wenn sie im hier und jetzt aktualisiert und reproduziert wird. Und Männer sind Menschen in einem Trauma ohne Exit-Option.

Ohne Exit-Option ist es äußerst vernünftig, ein Trauma zu verdrängen. Wenn man sich schon scheiße fühlt, will man nicht auch noch ständig fühlen, dass man sich scheiße fühlt.

Der gesellschaftlichen Nicht-Anerkennung von Traumatisierungen folgt aus rein psycho-ökonomischen Gründen eine persönliche Nicht-Anerkennung der eigenen Traumatisiertheit nach.

Für andere Menschen ist so ein Mensch, der seine eigene missliche Lage aus emotionalem Selbstschutz konsequent aus dem eigenen Bewusstsein verbannt, äußerst angenehm: Er schmutzt nicht, er bockt nicht, er nervt nicht. Er ist übertrieben angenehm und ausgesprochen gut zugerichtet. An der Oberfläche…

Das gleiche Phänomen können wir bei Prostuierten ohne Exit-Option finden. Sowohl in sexueller als auch in ökonomischer Prostitution.

Männer sind so gesehen gesellschaftliche Prostituierte ganz besonderer Art. Und ich möchte im folgenden kurz umreissen, um was für eine Prostitutions-Form es sich beim „Mann-Sein“ handelt.

Das Konzept „Mann“ als Trauma

Nach meinem Verständnis handelt es sich bei dem, was der Männertherapeut Björn Süfke „das Gesetz der Traditionellen Männlichkeit“ (Lex TM) nennt, um eine Form emotionaler Prostitution.

Ich möchte vorausschicken, dass es auch eine gesellschaftlich geduldeter und geforderter weiblicher emotionaler Prostitution gibt, die mit Sexualität erst einmal ebenfalls rein gar nichts zu tun hat. Das Zurichtungs-Programm, das die allermeisten Mädchen auch heute noch durchlaufen, ist darauf gerichtet, dass der Innenzugang zu eigenen Emotionen zwar genährt und gepflegt wird („Frau hat empathisch zu sein!“), aber dass dabei handlungsmächtige Eigenempathie zugleich systematisch verboten wird. Frauen sollen für und wegen anderen Handeln. Aber nicht deswegen, weil sich etwas für sie selbst als Bedürfniswesen gut/schlecht anfühlt. Frauen bekommen ein sicher ebenfalls traumatisierendes Eigenempathie-Verbot eine Kindheit lang auf beide Ohren gedrückt. Vermeintlich „egoistische“ Bedürfnisse sollen von Frauen nur noch über die ihnen zur Pflege anvertrauten Kinder, Kranken, Alten und Männer ausgelebt werden. Der Stolz, den wir auch heute noch in der Stimme mancher Frau zu hören bekommen, wenn sie von „meinem Sohn“ (seltener: „meiner Tochter) oder „meinem Mann“ spricht, ist so wahrgenommen direkte Äußerung einer Traumatisierung durch gesellschaftlich geforderte Weiblichkeit.

Emotionale Prostitution gibt es also in einer „Frau“ und in einer „Mann“ Variante. Beide sind gesellschaftlich geduldet, wenn nicht sogar gefordert. Und beide sind als Formen der fortgesetzten Traumatisierung von Menschen zu bewerten. Als Formen, die der Emanzipation bedürfen, und als Formen, die das Wohlergehen und die Handlungsspielräume von Menschen auf drastische und ausweglose Weise begrenzen.

Die emotionale Prostitution von Männern ist aber deswegen zumindest in meinem persönlichen Fokus, weil sie noch viel seltener zur Sprache kommt als es bei der emotionalen Prositution von Frauen der Fall ist. Nach meiner Einschätzung ist einer der wichtigsten Gründe für eine fehlende Männeremanzipation der, dass eine solche Bewegung überhaupt erst einmal anerkennen müsste, dass Männer, genauso wie Frauen, Opfer eines Gender-Systems sind, das sie als Menschen fortgesetzt traumatisiert.

Und es ist eben Teil des Konzepts „Mann“, nicht Opfer sein zu dürfen.

Worin besteht denn nun aber die „emotionale Prostitution“ von Männern und was soll bitteschön jenes vermeintliche Luxustrauma sein, das unsere Jungen erleiden, die ja nachweislich in privilegierte Machtpositionen in unserer Gesellschaft hineinsozialisiert werden?

Um das Trauma des Mann-Seins zu verstehen, ist es nicht nur wichtig, den Umgang mit Gefühlen zu beschreiben, der Jungen beigebracht wird. Sondern auch zu verstehen, was „Gefühle“ überhaupt sind und welche Funktionen sie psychologisch wie sozial erfüllen.

Psychologisch gesehen sind „Gefühle“ Innensignale des Körpers an das Bewusstsein, dass entweder kein, geringer oder großer Handlungsbedarf besteht, um das Wohlergehen des Gesamtapparats „Mensch“ sicherzustellen. „Positive Gefühle von Zufriedenheit“ haben wir nach einer handelnden Bedürfnisbefriedigung, wenn zugleich kein anderes Bedürfnis dringend nach Befriedigung schreit. „Negative Gefühle von Unzufriedenheit“ haben wir im umgekehrten Fall: Es sollte bald oder dringend gehandelt werden. Aus dieser Betrachtung von Menschen rein als Einzelwesen sind Gefühle so etwas wie die Anzeige der Tankfüllung in Maschinen. Mit dem Unterschied, dass ein Mensch „gefühlte“ 10.000 solche Anzeigen hat und nicht nur eine. Insbesondere wenn es gerade überall gleichzeitig blinkt und tutet, setzen die meisten Menschen auf eine gezielte Selbstsedierung, um überhaupt noch halbwegs Handlungsfähigkeit aufrecht erhalten zu können. Wird das zum Dauerzustand, macht man sich zu einem äußerlich äußerst ruhigen und „sociable“ Exemplar der eigenen Gattung, während das Schiff innerlich im Zustand einer Dauerhavarie ist. – Für das Umfeld überaus „überraschende“ Zusammenbrüche und Ausbrüche haben hier meist ihren Ursprung: In einer jahrelang eingeübten Praxis des „Nicht-mehr-Wahrnehmens“ von Innenzuständen. Hochleistungs-Gefühlsverdrängung als Bedingung der Lebensfähigkeit. Man kann Menschen, die täglich solche übermenschlichen Verdrängungsleistungen erbringen, nur bewundern.

In sozialer Hinsicht, wenn wir Menschen nicht als isolierte Einzelwesen beschreiben, sondern als eingebunden in ständigen Austausch und Interaktion mit anderen Menschen, erfüllen Gefühle darüber hinaus noch ganz andere Funktionen:

Gefühlsäußerungen (nicht: Gefühle) ermöglichen a) sinnvolle Verhaltenskoordination und b) ein Gefühl von Vertrautheit und Verbundenheit zwischen Menschen.

Um das nachzuvollziehen, müssen wir uns nur kurz einen Menschen vorstellen, der mit seinen eigenen situativen Gefühlen in gutem Kontakt steht und damit offen umgeht. Bei so einem Menschen wissen wir sofort, woran wir sind. Wir können sein äußerlich wahrnehmbares Verhalten, sowohl sprachliches als auch nicht-sprachliches Verhalten, richtig zuordnen. Wir wissen mit anderen Worten, was der andere gerade will und braucht. – Ob wir bei der Befriedigung der jeweils gerade offenen Bedürfnisse des Andren eine Rolle spielen können und wollen, steht noch einmal auf zwei ganz anderen Blättern. Aber wir wissen immerhin, „was Sache ist“ und werden, FALLS wir reagieren, nicht so reagieren, dass Missverständnisse und Enttäuschungen vorprogrammiert sind, weil wir einen Aufwand betrieben haben, der „sich beziehungstechnisch nicht lohnt“.

In Interaktionen von Menschen können wir von einem Gesamtaufwand und einer Gesamtbefriedigung sprechen, die jeweils alle Handlungen bemisst, die von allen beteiligten Menschen unternommen werden, um alle beteiligten Menschen so zufrieden wir möglich aus dem Gesamthandeln hervorgehen zu lassen. Kurz: Gibt es Interaktionen, ist es vorbei mit der schönen, gewohnten „Einzelwesen“-Betrachtungsweise.

Mann-Werdung besteht im Kern in einem gezielten Abtrainieren von Gefühlswahrnehmungen. Zunächst bei sich selbst. Aber auch bei anderen Menschen. In der Selbststeuerung bedeutet das, dass an die Stelle einer Innenorientierung („befriedigte Bedürfnisse“) eine konsequente Außenorientierung tritt. Denn irgend ein Steuerungsmodell muss es für Männer geben, da gleichzeitig an sie als Imperativ herangetragen wird: „Sei stets handlungsfähig!“ Andernfalls dürfen wir uns zuverlässig auf Beschimpfungen als „Loser“, „Versager“ und „Couch-Potatoes“ (früher: „Taugenichtse“) einstellen.

Die geforderte Außenorientierung übernimmt bei Jungen die Fixierung auf die Erreichung von Status und Statussymbolen bzw. erkennbaren Machtpositionen.

Das bei vielen Männern wahrnehmbare Machtstreben resultiert also keineswegs – wie viele Frauen und auch Männer selber anzunehmen scheinen – aus einer inneren Erlaubnis, sich so verhalten zu dürfen (im Unterschied zu Frauen). Männliches Machtstreben resultiert vielmehr aus einer inneren Alternativlosigkeit bei gleichzeitig gesellschaftlich aufrechterhaltener Dauerbedrohung durch „ansonsten verlierst Du aber Deinen Mann-Status“.

Für viele Frauen mag das so aussehen, als wäre nicht viel dabei und eine solche Bedrohung nicht sonderlich dramatisch. Werden ihnen die üblichen Status- und Machtzugänge doch viel konsequenter erschwert und verwehrt. Frauen setzen dabei aber in der Regel voraus, dass bei Männern der Innenkontakt zu eigenen Gefühlen noch halbwegs erhalten sei. Die Konsequenz, mit der ein Innenzugang Männern abtrainiert wurde, ist nach meinen Erfahrungen für die allermeisten Frauen schlicht unvorstellbar. Es wird also unterstellt, die meisten „Männer“ seien ähnlich gefühlsintakt wie die meisten Frauen, nur dass ihnen zusätzlich auch noch gesellschaftliche Hochstatuspositionen leichter zugänglich seien.

Das ist jedoch nicht der Fall. Männer erreichen den Status der Männlichkeit nicht kostenlos, sondern zahlen dafür einen Preis, den man nicht weniger pathetisch betiteln sollte als „Verlust der eigenen Seele“. Oder genauer: „Verzicht auf eine eigene Seele“.

Der eine Teil des Double Binds, den viele heutige Frauen erleben, die sich Machtpositionen in unserer Gesellschaft deutlich härter erarbeiten mussten, als das bei uns privilegierten Menschen aka „Männer“ der Fall ist, ist ein Hinweis darauf, was Jungen von Geburt an erleben, wenn sie über ihre äußerlichen Geschlechtsmerkmale als solche erkennbar sind: „Sei tough! Du musst Dich auch mal durchsetzen können! Sei nicht zu nett, zu freundlich! etc.“. Das geht bis hin zu ganzen Büchern, die explizit an statusbewusste Frauen adressiert sind und die schöne Titel tragen wie z.B. „Die Freundlichkeitsfalle“. Dass Frauen in Machtpositionen es zusätzlich schwer haben, weil bei ihnen die andere Seite des Double Binds intakt bleibt: „Als Frau solltest Du aber etwas weicher sein, lächeln, verständnisvoll sein, etc. !“ ist etwas, das dazu angetan ist, Menschen in den Wahnsinn zu treiben. Frauen wird das exakt gleiche Verhalten nicht verziehen, das bei Männern ausgesprochen positiv bewertet wird.

Nur haben Frauen in Machtpositionen eben auch mit der anderen Hälfte des Wahnsinns zu tun: Sie sind zugleich auch mit jenem Zurichtungsprogramm konfrontiert, das bei Jungen von Geburt an greift. Und viele Frauen, die Lebensgeschichten erzählen, die die Form haben „mein Vater/meine Eltern haben sich eigentlich einen Sohn gewünscht“, sind deutlich näher an dieser „typisch männlichen“ Eigenerfahrung als Frauen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt oder überhaupt nicht mit dem typisch männlichen Zurichtungsprogramm in Richtung vollkommenem Gefühlsverzicht, „Härte“, Erfolgsorientierung und drastisch sanktioniertem Verbot von empathischem Verhalten konfrontiert sind.

Kurzgesagt ist es heute nicht mehr die Mann/Frau-Unterscheidung, die den Zugang zu gesellschaftlichen Machtpositionen organisiert. Es ist das Ausmaß, in dem ein Mensch ein Gefühls-Abspaltungs-Training erfahren hat, das ihn dafür prädestiniert, sich als Ersatz nach Befriedigung seines immer-hungrig-bleibenden Egos streben zu dürfen.

Männer sind oder besser: waren emotionale Prostituierte eines gesellschaftlichen Systems, das in einem hierarchisch organisierten Zugang zu Privilegien und herausgehobenen Machtpositionen bestand. Und solange wir solche Machtpositionen in unserer Gesellschaft haben und sie institutionell absichern, solange gibt es auch Bedarf an Menschen, die sich qua Gefühlsabspaltung dafür „auszeichnen“.

„Männer“ haben wir, weil wir davon ausgehen, dass wir immer noch in einer Kriegs- und Not-Gesellschaft leben. In einer solchen Gesellschaft braucht es Menschen, deren Fähigkeit zu Eigenempathie und Empathie mit anderen Menschen systematisch beschnitten wurde.

Denn mit Menschen, die mit ihren Gefühlen und den Gefühlen anderer in gutem Kontakt stehen, ist in einer armeeartig organisierten Gesellschaft, die dauerhaft im Krieg steht, „kein Staat zu machen“.

Die Frage ist nur: Leben wir auch heute noch, im Zeitalter einer Weltgesellschaft, die zunehmend dorfähnlicher wird, immer noch in einer Kriegs- und Notgesellschaft?

Sollte dem nämlich nicht so sein, so tun wir unseren kleinen Jungen und zunehmend auch unseren kleinen Mädchen völlig grundlos Formen von fortgesetzter Gewalt und gezielter Empathievorenthaltung an, die zu einer emotionalen Selbstverstümmelung bei diesen Menschen führen. Und Verhaltensweisen, die wir dann im Ergebnis als „typisch männlich“ bezeichnen.

So betrachtet sind „Männer“ Menschen, die wir bisher einem gesellschaftlichen System geopfert haben, das eben „Männer“ braucht. Und bei denen nur noch jene drei Gefühle gesellschaftlich geduldet werden, von denen Ryan McKelley spricht: Stolz, Verachtung, Wut.

In einer solchen Kriegerkultur werden habituell Menschen „gezüchtet“, die gar nicht wissen, wovon die anderen alle eigentlich sprechen, wenn sie „von Gefühlen“ sprechen.

Denn natürlich haben auch wir Männer nach erfolgreicher Zurichtung zum Mann Gefühle. Diese haben aber kaum mehr etwas gemein mit dem, was Kinder und zur Frau zugerichtete Menschen zu empfinden in der Lage sind.

Rechnen wir dann noch mit ein, dass Gefühle in sozialer Hinsicht die Funktionen sinnvoller Verhaltenskoordination und des Entstehens von Verbundenheit und Vertrauen zwischen uns Menschen haben, müssen wir uns nicht unbedingt wundern, dass sich unsere Gesellschaft „insgesamt“ wenig befriedigend anfühlt.

Denn die entscheidenden Positionen in unserer Gesellschaft besetzen wir nach wie vor konsequent mit Menschen, mit denen sinnvolle Verhaltenskoordination und Verbundenheit kaum möglich sind.

Das aber spricht weniger dafür zu ändern, welche Menschen in solche Positionen kommen (Slogans wie „Empathen an die Macht!“ bedeuten nur, dass man das Problem noch nicht verstanden hat). Es spricht vielmehr dafür, keine solchen herausragenden Machtpositionen und Privilegien mehr in unserer Gesellschaft zu dulden.

Denn der Preis solcher Positionen wird stets sein, dass Menschen, die sie besetzen müssen, sich konsequent emotional prostituieren müssen. Das war beim feudalen König nicht anders als beim industriellen „Bonzen“. Und es ist auch heute nicht anders, in keiner institutionell abgesicherten, auf Dauer geschalteten Machtposition.

„Machtasymmetrie“ und „Männlichkeit“ sind Synonyme. Wir werden nur beide gleichzeitig los. Unsere Alternative besteht darin, die immer-gleichen gesellschaftlichen Kämpfe noch über Jahrhunderte hinweg zu kämpfen, ohne dass sich dabei irgendeine Befriedigung einstellt. Auch der Kampf gegen Männlichkeit ist ein überaus männliches Spiel. Mit Menschlichkeit, mit Gefühlen, Bedürfnissen und menschlicher Verletzlichkeit, hat dieser „Kampf“ wenig zu tun.

Wollen wir in ein neues Paradigma von menschlicher Emanzipation eintreten, werden wir anerkennen müssen, dass all die ganz offensichtlich privilegierten Menschen in Machtpositionen Opfer einer Gesellschaft sind, die glaubt, dass es all diese völlig dissoziierten Menschen in Machtpositionen braucht, weil sie glaubt, dass Gesellschaft ohne herausgehobene Machtpositionen „nicht funktioniert“, „zerfällt“ oder „direkt ins Chaos führt.“

Fühlt mensch das Leid der „Männer“ und „Frauen“ gleichermaßen, fragt mensch sich, ob es nicht einiges an Versuchen wert ist, die den Praxistest wagen, ob dieser gesellschaftlicher Glaube auch heute noch wirklich gut begründet ist.

Sollte dieser Glaube nämlich heute unbegründet sein, so wären all unsere gesellschaftlich geduldeten oder gepriesenen Traumatisierungen von Menschen mittlerweile völlig sinnlos, nutzlos und überflüssig.

Und „Fortschritt“, so sagen manche, kann verstanden werden als die dauerhafte Beseitigung von sinnlosem Leiden.

All diesen Überlegungen sind in meiner eigenen Wahrnehmung schmerzhafte Zumutungen. Und aus diesen zumutenden Überlegungen komme ich für mich zum Schluss, dass es heutzutage nur wenig „revolutionärere Akte“ gibt als Empathie mit denjenigen Menschen zu pflegen, die wir auf „männliche Verhaltensweisen“ abgerichtet haben. Und denen wir damit den Zugang zu Gefühlen von Verbundenheit und Befriedigung genommen haben. Die wie Maschinen oder Zombies durch die Gegend laufen. Irgendwie bewegt. Aber ruckhaft, so als zögen von außen irgendwelche Fäden. Viel Eigenbewegtheit – noch bei Aristoteles als das zentrale Merkmal von Leben bezeichnet – ist bei diesen Menschen nicht mehr wahrzunehmen. Alles ist Außenorientierung bei ihnen. All ihr Verhalten ist Statusabsicherung. Alle ihre Handlungen sind Schutzmaßnahmen für ein überaus fragiles Ego.

All das ist heute weitgehend unabhängig vom rein körperlichen Geschlecht.

Missverständnisse der „Gewaltfreien Kommunikation“

Torsten Scheller gewidmet

Der folgende Artikel ist selbstverständlich kein Anspruch auf „objektive“ oder gar „richtige“ Interpretation dessen, was good old Marshall Rosenberg gemeint haben könnte. Es ist nur meine eigene kleine Privatdeutung.

In meiner Wahrnehmung gibt es viele Menschen, die sich mit der sogenannten „Gewaltfreien Kommunikation“ (GfK) beschäftigen und die zugleich gerade die Aspekte völlig zu vernachlässigen scheinen, die sie für mich überhaupt erst interessant und unglaublich ergiebig machen. Im Kern sind das vier Punkte, die ich im Folgenden gern kurz darstellen möchte.

1.) Klare Unterscheidung von „Bedürfnissen“ und „Strategien“

GfK besteht für mich hauptsächlich in der Unterscheidung von Bedürfnissen und Strategien.

Dabei legt sie normativ fest, was sie als hilfreich erachtet: Maximale, unverbrüchliche Klarheit hinsichtlich gegebenen Bedürfnissen bei maximaler Flexibilität hinsichtlich der zu ihrer Befriedigung gewählten Strategien.

Das Standardbeispiel „Essen“ und „Hunger“ macht klar, worum es dabei geht: Um gegebenen Hunger zu stillen, kann ich unzählig verschiedene Dinge zu mir nehmen. Ich kann mich, wenn ich Hunger habe, aber nicht dafür entscheiden, keinen Hunger zu haben. Ich muss handeln, um meinem Bedürfnis gerecht zu werden.

Bedürfnisse sind in der Sichtweise der GfK „hard facts“. Sie sind sogar die „hardest facts“, mit denen wir als Menschen überhaupt dealen müssen.

Das im Hinterkopf wird möglicherweise deutlich, warum die GfK eine sehr, sehr harte Methode ist. Und nichts für Weicheier.

Die GfK ist dabei auch deswegen so konstruktiv, weil wir heutzutage meist im gegenteiligen Zustand unterwegs sind:

Maximale Unklarheit und Schwammigkeit hinsichtlich unserer Bedürfnisse bei maximaler Verbohrtheit in bestimmte Strategien, mit denen wir uns Befriedigung zu verschaffen versuchen.

Die Anerkennung des Umstands, dass wir allzuoft unsere Bedürfnisse nicht klären, bevor wir handeln, während wir zugleich an fixierten Lösungswegen festhalten, als hinge unser Wohl und Wehe davon ab, macht auch klar, was der Bezug der GfK zu „Gewalt“ ist:

Wenn man unproduktiven Kampf, Krieg und Zerwürfnisse möchte: That’s the way to go.

Die GfK wirkt deswegen entkrampfend (wenn sie denn „richtig“ verstanden und doch auch tatsächlich handelnd angewandt wird), weil sie anerkennt, was Menschen brauchen. Und dann sogar noch in einem zweiten Schritt unendliche Möglichkeiten annimmt, dem, was wir da brauchen, gerecht zu werden.

Ihre Kernaussage in diesem Aspekt ist: „Ohne Klärung, worum es gerade eigentlich, wirklich, wirklich geht, wird’s unnötig schwer. Meist verdammt schwer. Und oft geht es dann gewalttätig zu, weil’s so verzweifelt schwer ist und das Bedürfnis halt nicht einfach schon davon weggeht, weil wir es uns wegwünschen.“

Die GfK ist für mich als philosophisch angekränkelten Menschen eine Operationalisierung des homo-mensura-Satzes des Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Der Seienden, dass sie sind. Der Nicht-Seienden, dass sie nicht sind.“

Mit „der Mensch“ ist für mich gemeint: Nicht unsere Meinungen und unsere vermeintliche „Identität“. Sondern wir als bedürftige Naturwesen. Es gibt eine Ebene unserer Existenz, die wir zwar verdrängen können, aber über deren Existenz wir nicht verfügen können.

Wenn wir Bedürfnisse haben, haben wir sie. Nur die Wege, ihnen gerecht zu werden, gehen gegen Unendlich.

Für mich ist das eine vollumfänglich befriedigende Beschreibung der conditio humana. Sehr viel komplexer als die GfK muss man das nicht machen.

Das heißt auch: Mit GfK lässt sich viel Schnickschnack einsparen. Sie ist als Methode erschreckend direkt, konfrontativ und unkompliziert.

Menschen, die es gern kompliziert machen, mögen die GfK daher auch in der Regel nicht. Als Methode führt sie nämlich vor Augen, dass wir einen Großteil unseres Hirnschmalz vielleicht besser dazu verwenden können, um unser Schach- oder Go-Handicap zu verbessern, anstatt dazu, uns unsere alltäglichen Probleme künstlich kompliziert zu machen.

GfK macht einen Großteil dessen, was wir gewohnt sind, „Intelligenz“ zu nennen, erkennbar als das, was es möglicherweise eher ist: Ein Ausdruck von Angst. Allerdings ein Ausdruck, der lindernd wirkt, weil er weniger schmerzhaft ist als doch tatsächlich auf die Bedürfnisse einzugehen, die gerade im Raum stehen und nach Befriedigung schreien.

2.) Gefühle als Informationen über Innenzustände

Die GfK ist nicht gefühlssaumseelig. Sie sieht Gefühle als Mittel für Zwecke: Als Informationsträger über Innenzustände aka „erfüllte/unerfüllte Bedürfnisse“.

Befriedigende Gefühle erleben wir, wenn wir Bedürfnisse befriedigen.

Unbefriedigende Gefühle erleben wir, wenn Bedürfnisse unbefriedigt bleiben.

Damit ist die innere Hardware der menschlichen Psyche abschließend beschrieben.

Auf einem ganz anderen Blatt steht, dass wir gleichzeitig in einer Kriegerkultur leben, die es gewohnt ist, Gefühlswahrnehmungen und Gefühlsäußerungen zu sanktionieren: Vor allem bei vermeintlich männlichen Menschen und bei Menschen, die „verantwortliche Positionen bekleiden; oder sie zu bagatellisieren: Vor allem bei vermeintlich weiblichen Menschen und bei Menschen, die sich relativ zu uns in Ohnmachtspositionen befinden, z.B. weil sie deutlich jünger, deutlich ärmer, krank oder geschwächt sind. Wir leben in einer Gefühle diskriminierenden Gesellschaft, die verschiedene Wege gefunden hat, sich gegenüber dem Impact zu immunisieren, den Gefühle auf das Handeln haben können.

Die GfK gräbt diese Impulse wieder aus. Auch dann, wenn sie bereits gewohnheitsmäßig verschüttet sind. Das ist nicht immer schön. Das kann recht beängstigend sein. Es ist im Endergebnis aber immer effizienter und wirksamer als das, was passiert, wenn Gefühle verdrängt werden.

Was Gefühle angeht, ist die GfK erschreckend vernünftig.

Schrecklich ist sie damit nur für Menschen, die glauben, keine Gefühle zu empfinden, weil sie die entsprechenden Kanäle schon vor Jahren auf stumm geschaltet haben. Frei nach der Devise: „Ist da was? Also bei mir ist da nichts. Bei Dir etwa?“

3.) Selbstoffenbarung als wirkungsvollste Möglichkeit der Konfrontation

Innerhalb dessen, was in der GfK manchmal „die liegende Acht“ genannt wird: Ein Funktionskreislauf von der Form „Eigenempathie-Kommunikation-Anderempathie-Kommunikation-Eigenempathie… usw.“ können sich viele Menschen jahrelang für die Kultivierung von Empathie für andere Menschen begeistern.

In der Regel handelt es sich dabei dann um Menschen mit bedenklich geringem Selbstbewusstsein und ausgeprägtem Helferkomplex.

Der viel interessantere Teil der GfK ist jedoch die Seite im Funktionskreislauf effektiver Kommunikation, der sich „Selbstoffenbarung“ schimpft.

„Interessanter“ ist dieser Teil der GfK vor allem auch deswegen, weil er der deutlich schwierigere Part ist. Der Teil der Kommunikation, der von uns, wenn es drauf ankommt, als „riskant“ und „gefährlich“ erlebt wird.

Das aktive Zuhören, die Empathie mit den Gefühlen und Bedürfnissen anderer Menschen, die Ermutigung, sich zu äußern, worum es ihnen gerade wirklich geht, hat in der GfK ein strategisches Ziel, das in genau dieser Form offensiv bejaht wird:

Das Ziel, eigene Bedürfnisse wirksam äußern zu können, weil der andere jetzt offen zuhören kann, nachdem er selbst in seiner Bedürftigkeit gehört worden ist.

Manche halten das ja für „manipulativ“. Ich halte das für eine Form der Kommunikation auf Augenhöhe, in der es kein ober, kein unter gibt, in der keiner wichtiger der andere ist und in der man auf dieser Basis Formen der sinnvollen Kooperation ausloten kann.

Kurz: Praktiziert ein Mensch am laufenden Band nur „Empathie mit anderen“, ohne jemals damit ums Eck zu kommen, was er von ihnen will, praktiziert er alles mögliche, aber ganz sicher keine Gewaltfreie Kommunikation inspiriert von Rosenberg.

Äußerung von Anderempathie ohne Äußerung von Eigenempathie ist einfach nur eins: Selbstüberhebung über andere Menschen. In der Regel ist ein solches Verhalten getrieben von der Angst, nicht gehört zu werden, nicht ernstgenommen zu werden. Von der Angst vor der für möglich gehaltenen vollkommenen Gleichgültigkeit der Mitmenschen.

GfK erfordert deshalb Mut, weil sie uns zwingt, etwas zu riskieren im Umgang mit anderen.

Dass sie dabei sehr klar zwischen „Forderungen“ und „Bitten“ unterscheidet, ist ein eigenes Thema, das einen ganz eigenen Artikel verdient hätte. Für hier sollte der Hinweis genügen, dass in einem Satz zehntausendmal das Wort „Bitte“ vorkommen kann und dieser Satz auch dann im GfK-Sinn immer noch faktisch eine Forderung darstellt, wenn auf ein „Nein“ der Wunsch auftaucht, den anderen für sein Nein zu sanktionieren.

Eine Bitte ist es nur dann, wenn konkrete Bedürfnisse und Handlungen genannt werden, die der andere ausüben kann, während dieser andere dabei völlig frei bleibt, dem nachzukommen oder nicht. Sobald Druck dabei ist, ist es laut GfK vorbei mit dem schönen Bitten und Wünschen. Dann ist Gewalt im Spiel.

4.) Es gibt kein bewertungsfreies Wahrnehmen, das der Rede wert wäre

Ich weiß nicht, wie sich die Ansicht, es gäbe bewertungsfreies Wahrnehmen,  gegen alle Evidenzen auch heute noch ihre hohen Zustimmungswerte erhalten kann.

Die GfK hat diese Ansicht jedenfalls nicht auf ihrer Seite.

Zwar trennt sie methodisch im Prozess der zwischenmenschlichen Kommunikation folgende Schritte: „Beobachten –> Benennen der ausgelösten Gefühle –> Benennen der verursachenden Bedürfnisse –> Benennen der an einen selbst oder an andere Menschen addressierten Handlungswünsche“.

Aber sie ist nicht so naiv, dass sie dem philosophischen Kult des „interesselosen Zuschauens in vollendeter Dissoziation“ huldigen würde.

Wir sind alle keine Götter. Wir sind Menschen und haben als solche Bedürfnisse. All unser Denken und Handeln ist geleitet von Bedürfnissen, die wir haben. Und ein Großteil dieser unserer Bedürfnisse ist uns die meiste Zeit unbewusst.

Die GfK ist eine Methode, dieses Unbewusste dem menschlichen Reden, Entscheiden und Handeln wieder zugänglich zu machen.

Wenn geredet wird, wird geredet, weil Bedürfnisse im Spiel sind.

Sind keine Bedürfnisse im Spiel, gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass der betreffende Mensch nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Beobachtungen sind daher immer bedürfnisgeleitet. Das Fokussieren der GfK auf „unstrittige Beobachtungen“ dient nur dazu, eine Gesprächsgrundlage zu erreichen, von der aus vorhandene Bedürfnisse bei allen beteiligten Interaktionspartnern thematisiert werden können, ohne dass alle Seiten reflexhaft ihre Kriegsbeile ausgraben und sich wechselseitig um die Ohren hauen.

Oder mit anderen Worten: Wir alle sind immer im Spiel. Keiner von uns ist jemals außerhalb des Spiels, das wir alle täglich miteinander spielen.

Die Sache der Politik: Die Gefühle der Bürger

Es gibt einen weitverbreiteten Irrtum darüber, worum es „in der Politik“ geht. Wenn nicht eine weitverbreitete Ungeklärtheit. Viele halten sich an eine Art „Rechtspositivismus“, nach der Politik eben einfach das ist, was man gerade so nennt.

Das kann man so handhaben. Und es wirkt auch sehr entkrampfend und erleichternd, wenn man keine Grundsatzfragen stellt und es völlig vermeidet, nach „der Sache“ der Politik zu fragen. – Ob es heute, in unserer gegenwärtigen Lage eine sonderlich kluge Vorgehensweise ist, diese eher philosophische Frage systematisch auszuklammern, sei mal dahingestellt.

In meiner Wahrnehmung ist „die Sache“ der Politik: Die Gefühle der Bürger.

Befremdlich ist diese Bestimmung nur in einem klassisch-philosophischen Umfeld, das gemeinsam mit Platon und Kant „Gefühle“ für etwas durch und durch Irrationales hält, das es auch und gerade in der Politik tunlichst zu vermeiden gelte. „Kühler Sachverstand“ und ähnliches werden dann so gesehen, als stünden sie im Gegensatz zu einem hochemotionalen, manipulierbaren Gefühlsdasein der ahnungslosen Masse. Einer Masse, der es eben an „Sachverstand“ fehle. Ist eine Kultur von solchen philosophischen Vorurteilen durchtränkt, tut sich Demokratie grundsätzlich schwer. Und das hat Gründe:

Denkt man in diesem Denkrahmen, wird man immer „politische Experten“ brauchen. Und man wird ein politisches System bauen und fortführen, das vor allem dazu da ist, „das Volk“ von den Schaltstellen der politischen Entscheidungen möglichst weit fern zu halten. Man kann das Ergebnis dann pro forma „Demokratie“ nennen. Dies mag dann aber als ein eigener rhetorischer Kniff des nur vermeintlich rhetorikfeindlichen Politischen Rationalismus erscheinen: „Wir befrieden mal das Volk, indem wir es glauben lassen, es sei an der Macht.“ – Von Politik-Profis vorzutäuschende Volkssouveränität als System.

Wohin führt es uns aber, wenn wir sagen: „Die Sache der Politik sind die Gefühle der Bürger“?

Wir erkennen in diesem Satz an, dass Dinge, Ereignisse, Sachverhalte und Zusammenhänge in der Politik nur insofern eine Rolle spielen, als sie in den Bürgern Gefühle auslösen. Die Befindlichkeit, Stimmung, der Erkenntnisstand, die Perspektiven der Vielen sind dann das, wovon Politik systematisch auszugehen und was sie zu adressieren hat.

Um ein drastisches Beispiel zu nennen: Die durch uns Menschen verursachte Klimaerwärmung, die ich für eine objektive Tatsache halte ( = Wissenschaft), ist nur insofern eine politische Sache, also sie im Gefühlsleben von Bürgern eine Rolle spielt. Löst sie dort nichts aus, lässt sie sich mit diesem in keiner Form verknüpfen, so bleibt sie außerhalb des politischen Felds. Sie existiert dann freilich weiter. Aber eben nicht als Politikum.

Die Annahme, dass Gefühle das A und O von Politik sind, führt zu dem Eindruck, dass u.a. dieser Moment hier einer der „politischsten“ in der letzten Legislaturperiode gewesen sein dürfte:

Ganz ähnlich wie dieser hier:

Im Momenten, in denen die Unmittelbarkeit von Bürgerperspektiven und Bürgerempfinden die Schaltstellen politischen Entscheidens berührt, „geschieht Politik“.

Das Problem unserer derzeitigen politischen Systeme besteht in dieser Wahrnehmung darin, dass wir diese Berührung nicht systematisieren. Dass wir „politische“ Institutionen geschaffen haben, die dazu gut geeignet sind, Bürgerempfinden und politische Entscheidungen möglichst weit auseinander zu halten.

Dies tun wir aus Misstrauen in unsere Empfindungen und die unserer Mitbürger. Wir haben ein Bild von Politik, das die platonische Definition von „Sachlichkeit“ kauft und sie in nur in einer „Reinigung von Emotionen“ zulassen kann. Expertokratien und Bürokratien sind politische Verkörperungen und Institutionalisieren einer so verstandenen Sachlichkeit. Dass Platon ein erklärter Anti-Demokrat war, ignorieren wir dabei geflissentlich. Wir stellen ja keine prinzipiellen Fragen.

Eine politische Institutionalisierung des nicht-platonischen Verständnisses, dass wissenschaftliche Sachlichkeit und politische Sachlichkeit ganz unterschiedliche Kategorien sind, mündet in die Annahme, dass ein Bürgerparlament, das per Los aus unser aller Mitte besetzt ist, die geeignetste Form ist, beides zu gestalten: politisches Entscheiden und demokratische Beteiligung aller.

Ich brauche dann die Perspektive und das Fühlen der Vielen, der Verschiedenen, um zu guten politischen Entscheidungen zu kommen. Ich werde dann nicht mehr annehmen können, dass Bürokraten und wissenschaftliche Experten „das Volk“ in irgendeiner Form „repräsentieren“ können. – Weil es in der Politik nicht um die Repräsentanz wissenschaftlich abgesicherter Ansichten geht, noch gehen kann. Auch nicht um den Clash formierter, ritualisierter „Parteien“, die sich feindlich gegenüberstehen müssen.

Sondern nur um die Vollrepräsentation auch der letzten Außenseiter-Äußerung, die wir als wertvolle Information unseres politischen Systems verstehen, wenn wir sie in institutionalisierten Verfahren auf ihre emotionale Quelle befragen: Um welches Bedürfnis geht es dem Betreffenden dabei eigentlich? Was können wir gemeinsam tun, um darauf zu antworten, ohne zugleich die Bedürfnisse anderer zu ignorieren, die wir als exakt gleich wertvolle Menschen verstehen? Alle müssen eine hörbare Stimme haben. Alle müssen, noch viel wichtiger, auch ganz subjektiv den Eindruck haben, „politisch gehört worden zu sein.“ Das ist für uns immer dann unproblematisch, wenn wir die institutionell garantierte Sicherheit erhalten, dass auch wir selbst gehört werden. „Höre vor verbindlichen Entscheidungsfindungen ausnahmslos und unmittelbar jeden an, den die jeweilige Entscheidung betrifft“ ist das Verfahrensprinzip der Politik.

Es ist naheliegend, dass uns diese Annahmen Angst machen. Und noch mehr ihre institutionalisierte, auf Dauer geschaltete Umsetzung.

Wir können uns jedoch zweierlei klarmachen, um dem zu begegnen:

1.) Unsere Angst führt systematisch zu einem anti-demokratischen Ausschließen bestimmter Bürger von wirksamen Entscheidungsprozessen. – Dass sich das auf mittlere Sicht rächen muss, sollte für uns keine große Überraschung sein. Denn wenn ich aus Systemen dauerhaft ausschließe, was in ihnen vorzukommen hat, wird das Ausgeschlossene mit Macht anklopfen und Eingang verlangen.

2.) Unsere Angst vor der Manipulierbarkeit von emotionalem Erleben ist gut nachvollziehbar und lässt sich nicht leugnen. Gefühle sind insofern „lenkbar“ und „umlenkbar“, als ich ein Unbefriedigt-Sein auf einem Gebiet mittels Aufmerksamkeitssteuerung auf ein ganz anderes Feld übertragen kann. Ich nehme die emotionale Energie, leite sie um, kanalisiere sie und lasse sie in Entscheidungen münden, die mit „dem Quell“ dieser Energie nichts mehr zu tun haben.

Das ist ein Alltagsphänomen, von dem wir selbst tausend mal am Tag Gebrauch machen. Es ist beliebt bei Kindern, „in der Pädagogik“. Es ist beliebt in unseren Unternehmen, beim „Management“. Sie ist beliebt auch bei autoritären Berufspolitikern, die dem Volk prinzipiell keine Souveränität zutrauen, sondern die glauben, dass es beherrscht sein will. Ganz ähnlich, wie sich noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein Politiker nicht entblödet haben zu behaupten, „Frauen wollen von Männern beherrscht sein.“ – Dieses immer gleiche Muster zieht sich durch die meisten der für uns relevanten Beziehungen. Seine ehemalige Allgemeinheit soll immer wieder dafür herhalten, dass es sich um ein „natürliches“ Verhältnis handele. Und nicht um eines, dass wir erst durch unsere von uns selbst geschaffenen Institutionen künstlich herstellen.

Wir können uns jedoch klar machen, dass wir, indem wir wirklich uns alle institutionell wirksam zum „Souverän“ machen, einen fundamental anderen Weg beschreiten: Wir geben „der Quelle“ von Unzufriedenheit die Macht. Und wir stellen „die Minister“ in unmittelbaren Dienst jener unbefriedigten menschlichen Bedürfnisse, die sich in Gefühlen äußern.

Durch diese Machtumkehr haben wir keine „ratio“ mehr, die verzweifelt versucht, „unserer Gefühle Herr zu werden“. Wir haben vielmehr Beratschlagungen und Kräfte, die menschlichen Bedürfnissen dienen können. Die politische ratio ist im unmittelbaren Dienst von uns als Menschen tätig. – Nehmen wir heutige Psychologie, Neurowissenschaften und bewährte Psychotherapieformen ernst in dem, was sie uns über das natürliche Verhältnis zwischen „Gefühl und Verstand“ bzw. „Gefühl und Handeln“ zu sagen haben, lässt sich nur noch schwer eine politische Ordnung aufrecht erhalten, die deren Erkenntnisse systematisch ignoriert, indem sie weiterhin ihre Aufgabe darin sieht, Emotionen zu unterdrücken, zu ignorieren, zu bagatellisieren oder in einer drastischen Umkehr: Für immer und unter allen Umständen als destruktive politische Kraft zu beschreiben.

Die Psychologie als Wissenschaft vom Menschen ist per se eine „politische Wissenschaft“. Auch wenn wir nicht daran gewöhnt sind, sie so zu betrachten, weil wir in einer altertümlichen Präferenz für „Naturwissenschaften“ gefangen sind, die sich lieber mit nicht-menschlichen Gegenständen beschäftigt. Und das gerade deswegen, weil diese viel leichter „unemotional“ abgehandelt werden können. Die Geburt der politischen Vernunft aus dem Geist einer naturwissenschaftlichen Dissoziation und Nerdigkeit.

Der Fehlschluss, dass Gefühle per se gefährlich seien, weil sie prinzipiell manipulierbar sind, ignoriert den Umstand, dass Gefühle Informationen über die Innenzustände von Menschen sind. Also Informationen darüber, wie es uns geht und wo wir etwas brauchen.

Eine Politik, die den Mythos von der Irrationalität menschlicher Gefühle glaubt, wird immer in Ignoranz gegenüber diesen Informationen handeln. Blind und taub dafür, was Sache ist.

Dass sich das politisch rächen muss, ist für die Anhänger dessen, was man die ethische Rhetorik oder „die noble Sophistik“ nennen kann, keine große Überraschung.

Aus ihrer Sicht brauchen wir Institutionen, die dazu angetan sind, diese Informationen aktiv zu nutzen, sinnvoll zusammenzuführen und in tragfähige politische Entscheidungen zu übersetzen, die keine allzugroßen emotionalen Widerstände bei den Menschen auslösen, denen sie dienen sollen.

In einem demokratischen Verständnis sind diese Menschen: Wir alle. Wir alle gemeinsam.

Dass Gefühle auch eine Ebene eröffnen, auf der wir als Menschen uns jenseits von vorgefassten Meinungen neu begegnen können und auf der wir aufgrund solcher Begegnungen unsere Meinungen zu revidieren in der Lage sind, sei hier nur am Rande bemerkt. Wir können uns aber durchaus auch ausführlicher mit dieser zwischenmenschlichen Möglichkeit und politischen Ressource beschäftigen.

All das wird uns jedoch wenig kümmern, wenn wir ernsthaft der Ansicht sind, dass dies hier geeignete Formen sind, in denen menschliche Gefühle in unser politisches System Eingang und in denen sie „politischen“ Ausdruck finden: