Über die Unvergleichbarkeit von Leiden

In meiner Kindheit hatte ich wie viele Kinder eine große Begeisterung für Tierschutz. „Tierschützer“ war mein allererster Berufswunsch. Und neben dem, was das vielleicht über mich aussagt oder auch nicht aussagt, hat es mir ein paar eindrückliche Gespräche mit meinem Vater eingebracht.

Mein Vater war Kurde aus dem Irak, dort aufgewachsen in den 1950- und 60er-Jahren. Und das bedeutet: Aufgewachsen in einer Gesellschaft, in der es „Haustiere“ in unserem heute selbstverständlichen Sinne nicht wirklich gab. Er hatte beispielsweise eine Mordsangst vor Hunden. Denn Hunde gab es im damaligen Irakisch-Kurdistan eher nur als wildlaufende Streuner. Und die waren wohl nicht ganz so kuschlige beste Freunde des Menschen, wie wir es mitterweile für ganz normal halten.

Was meinen Vater immer wieder aufbrachte, war die große Empathie gegenüber Tieren, die er bei Menschen im Westeuropa wahrnahm (also auch bei mir). Er konnte oder wollte nicht verstehen, wie es möglich sei, dass eine Gesellschaft, die gegenüber Menschen zu den größten Grausamkeiten und Gleichgültigkeiten in der Lage ist, sich derart für Tierschutz und Mitgefühl mit Tieren aufrafft.

Ähnliches kann man heute in vielen Bereichen und mitten in vielen unserer heutigen gesellschaftlichen Konflikte beobachten:

Es scheint um eine Art „Wettstreit um Mitgefühl“ zu gehen. Um die Frage: Wer mehr oder wer weniger Mitgefühl verdient hat. Oder auch: „Wessen Leiden das größere ist.“

Gerade bei unserem öffentlichen Gerede über Menschen, die Ostdeutschland bewohnen, fällt mir das immer wieder auf: Ihre offensichtlichen Leidensäußerungen werden bagatellisiert und für unerheblich erklärt. Für „Gejammer“. Und umgekehrt gibt es bei vielen, bei weitem nicht nur ostdeutschen Menschen eine große Gleichgültigkeit gegenüber dem ebenso realen Leiden von Menschen in und aus anderen Regionen der Welt.

Ich denke, es ist nicht sehr abwegig anzunehmen, dass es vielen ganz genauso geht wie meinem Vater: Wenn eigenes Leiden nicht anerkannt wird, tut man sich einfach verdammt schwer mit Mitgefühl mit anderen. Man fühlt sich in einen Wettstreit des Leidens gedrängt, der fast etwas Kindliches hat: „Nein, ich leide aber mehr!“ oder „Aber Luisa hat mich zuerst an den Haaren gezogen!“

Ich will mich damit keineswegs über irgendjemanden lustig machen. Denn ich halte Kindlichkeit anders als viele andere für kein negatives Attribut. Ich bin der Ansicht, dass wir alle unseren sogenannten „Inneren Kinder“ ein lebenslang sehr lebendig in uns tragen (hoffentlich!), und dass daher die Identifikation von kindlich-tiefen psychologischen Prozessen niemals etwas Entlarvendes oder Demütigendes haben darf. Denn wir sind darauf angewiesen, dass wir anerkennen können, dass wir Bedürfniswesen sind. Wesen, die verletzlich sind. Die manchmal Hilfe von anderen brauchen. Vielleicht sogar ständig, jedenfalls mehr als uns bewusst und unserem stolzen Erwachsenen-Ego lieb ist.

Wenn wir nun jenen „Wettstreit um das größere und anerkennenswertere Leiden“ für völlig unproduktiv halten, weil dabei einfach alle verlieren, dann ist die unmittelbar folgende Frage: „Ja, was denn dann?“ oder „Und? Was tun wir jetzt damit?“

Ich denke, das wir gut daran tun, alle öffentlichen Leidensäußerungen grundsätzlich als solche anzuerkennen. Unabhängig davon, ob wir den Leidensträgern „innerlich nahestehen“ oder nicht. Ob wir sie „sympathisch“ finden oder nicht.

Ich halte solches prinzipielles Ernstnehmen von „Gejammer“ für einen in einem sehr ursprünglichen Sinne politischen Akt:

Denn indem wir unsere zufällige Nähe oder Ferne zu bestimmten Menschen und Personenkreisen über prinzipielle Empathie überwinden, erkennen wir automatisch an, dass diese Menschen teil unserer Wir-Gruppe sind. Dass sie Mitbürger sind. Dass wir gemeinsam diesen verdammten Planeten bewohnen und ihn daher gemeinsam gestalten müssen. Dass sie unser tätiges Mitgefühl brauchen und verdient haben. Kategorisch. Ohne Wenn und Aber.

Die unpolitische Ursünde, unter denen unsere öffentlichen, nur scheinbar politischen Debatten leiden, ist die einseitige Anerkennung von Leiden. Die Bevorzugung bestimmter „Lieblingsempfänger unserer Empathie“.

Solange wir uns nicht zu einer All-Empathie durchringen können, solange sind wir selbst vollkommen unpolitisch. Wir machen dann „Interessenpolitik“. Und diese – so würde ich es zumindest verstehen – ist eigentlich gar keine Politik. Sondern innergesellschaftliche Kriegsführung mit allen verfügbaren Mitteln. Eine ständig ablaufende Kriegsführung, an die wir uns längst allzu sehr gewöhnt haben. Die aber, wie wir heute allmählich merken, unsere Gesellschaft entzweit, spaltet und sprengt. Wenn jeder nur noch kämpft und bekämpft, wenn alle leiden und daher keiner mehr dem anderen wirklich offen und zugewandt zuhören mag, dann hat man damit eine sehr genaue Beschreibung dessen gegeben, was unsere derzeitige Gesellschaft auszeichnet. Eine Gesellschaft die so unpolitisch ist wie nur möglich. Unpolitisch im ursprünglichen Sinne des Wortes „Politik“.

Es kann für uns nie darum gehen, „wer mehr leidet“ oder „wer mehr unsere Zuwendung verdient hat“. Es kann stets nur darum gehen, dass wir uns zuwenden und zuhören. Wo auch immer und bei wem auch immer Leiden auftritt, das sich bei uns Gehör zu verschaffen versucht.

Wir bilden längst eine globale Schicksalsgemeinschaft. Aus diesem Schicksal und dieser Zwangsgemeinschaft eine freie Gesellschaft zu machen, in der es wieder Politik gibt und die wirklich demokratisch ist, das scheint mir ein Teil unserer gegenwärtigen Aufgabe zu sein.

 

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Was ist „politisch“?

Das Adjektiv „politisch“ leitet sich her vom antiken Wort „Polis“, einer Art Stadtstaat, der zugleich der Geburtsort einer sehr besonderen Lebensform namens „Demokratie“ war. Diese Polis zentrierte sich um die Agora, um das Forum, um einen Ort, an dem jeder sprechen konnte und – noch wichtiger – an dem jeder Gehör fand.

Mit Blick auf diesen Ursprung des Wortes kann uns auffallen, dass heutzutage viele Dinge als „politisch“ bezeichnet werden, die es nicht sind. Die vielmehr privat sind. „Privat“ ist auch so ein Wort mit antiken Wurzeln. Ein Wort, das halbwegs wörtlich übersetzt „beraubt“ bedeutet.

Diese Bedeutung von „privat“ kann man nur dann verstehen, wenn man die antike Polis im Hinterkopf hat und die emphatische Aufladung, die „Politik“ in der römisch-griechischen Antike zeitweise hatte: Privat war hier ein Wort mit stark negativer Wertung, im Sinne von „nur privat“ und damit dem öffentlich-politischen Raum entzogen, in dem „das eigentliche Leben“ der Menschen stattfand. Wenn Aristoteles vom Menschen als dem „zoon politikon“ (dem politischen Wesen) sprach, dann hatte er einen öffentlichen common sense darüber im Rücken, dass der Mensch nur im Raum des Politischen ein wirklich freies und selbstbestimmtes Leben erlangen kann. Nur gemeinsam und nur durch die Gabe der Rede und des politischen, wechselseitigen Austauschs und Verstehens. – Dieser antike common sense steht völlig quer zu unseren heutigen politischen Institutionen und auch zu unserem allgemeinen Verständnis von „Politik“. Aus antiker Sicht sind die allermeisten unserer staatlichen und öffentlichen Institutionen und Gebräuche sowohl völlig unpolitisch als auch völlig undemokratisch. Bewohner des demokratischen Athens würden sich wahrscheinlich kaputt lachen, wenn nicht entsetzt darüber sein, was wir heute unter „Politik“ und „Demokratie“ verstehen. Es handelt sich aus ihrer Sicht um einen modernen, ziemlich dreisten Etikettenschwindel.

Wenn ich mit all dem im Hinterkopf heute im Radio hören darf, „dass die Grammy-Verleihung in ihrem Verlauf gegen Ende immer politischer wurde“, so regt sich für mich humanistisch Verbildeten zweierlei Widerstand gegen diesen Gebrauch des Wortes „politisch“:

1) Wir haben heute keine Politik. Denn wir haben kein politisches Forum. Denn ein Forum wäre ein Ort, an dem wirklich zugehört wird, in einer sehr unmittelbaren Form. Das Erleben und die Perspektive der Menschen würde sehr unmittelbar in unsere politische Willensbildung einfließen, wenn wir „Politik“ hätten. Was aber in irgendwelchen heutigen öffentlichen Preisverleihungen passiert, hat nur sehr geringen Einfluss auf unser gemeinsames Entscheiden und unser Alltagsleben, wenn überhaupt irgendeinen. Was auf der gestrigen Grammy-Verleihung passiert ist, folgt vielmehr dem Gesetz: Heute gesagt, morgen vergessen. Folgenloses Gerede. „Sonntagsreden“ hat das mein Lehrer im Fach Politische Philosophie gern genannt.

2) Politik im vollwertigen Sinn zeichnet sich dadurch aus, dass alle gleichermaßen die Chance haben mitzureden und Gehör zu finden. Wenn also irgendwelche privilegierten Menschen sich „politisch“ äußern, seien sie nun einfach aus irgendeinem Grund berühmt oder schlicht besonders reich, dann ist das ungefähr so politisch wie einer ihrer selbstverständlich nach Rosen düftenden Fürze.

„Politisch“ wäre, wenn sich heute Menschen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, Regionen und Milieus unmittelbar live und in Farbe begegnen, „in irgendeinem Forum“, sich dort gehaltvoll austauschen würden, wobei sie sich wechselseitig zuhören und von dem, was sie da zu hören bekommen, berühren lassen. Und wenn aus diesen Begegnungen Gesetze hervorgingen, die für uns allgemeine Gültigkeit haben.

Alles andere ist mit einer antiken Brille betrachtet: „Privat“

Wir haben einen schmerzhaften Überfluss an privatem Gerede. Und einen bemerkenswerten Mangel an Politik.

Auf der Basis einer völligen Unwissenheit darüber, was Politik eigentlich ist und was sie ursprünglich einmal bedeutet hat, ist es aber nur allzu verständlich, wenn Dinge, Ereignisse, Maßnahmen und Verfahren als „politisch“ oder „demokratisch“ bezeichnet werden, die es im strengen, technischen Sinn der Worte einfach nicht sind.

Ein weiteres Beispiel für das heute verbreitete Unverständnis eines gehaltvollen Politik-Begriffs ist das Wort „Außenpolitik“. Macht man sich klar, worum es bei Politik geht und worin sie besteht, wird einem unmittelbar klar, dass es so etwas wie „Außenpolitik“ gar nicht geben kann. Handelt es sich wirklich um ein „politisches Außen“, so gibt es Krieg oder Waffenstillstand, wechselnde Bündnisse, aber keine Politik in irgendeinem sinnvollen Sinne des Wortes. – Auch das war noch bis vor Kurzem common sense unter allen Autoren politischer Philosophie. Wer sich nicht mit all den klassischen Texte von Platon, Aristoteles, Hobbes, Rousseau, Kant, Hegel bis hinein zu Autoren Mitte des 20. Jahrhunderts quälen mag, kann sich viel Zeit und Nerven sparen, indem er es einfach bei Hannah Arendt nachliest. Nach der Lektüre von „Was ist Politik?“ wird sehr klar, dass das Wort „Außenpolitik“ höherer Unsinn ist, so sehr wir uns an diesen Unsinn auch gewöhnt haben.

Dass wir heute überhaupt auf die Idee kommen, dass die contradictio in adiecto „Außenpolitik“ sinnvoll sein könnte, weist vielmehr auf etwas anderes hin: Dass unsere Gesellschaft mittlerweile möglicherweise gar kein „Außen“ mehr hat. Dass wir bereits in einer „planetaren Weltpolis“ leben, ohne es schon richtig realisiert zu haben. Oder genauer: In dem, was eine Weltpolis wäre, wenn wir bereits die dafür nötigen politischen Institutionen geschaffen hätten. Denn die fehlen auf eine wirklich grausame Weise. – Kurzgesagt: Wo Außenirgendwas war, kann Innenpolitik werden. Politik ist immer „innen“: Politik ist der kommunikative Austausch und das gemeinsame Wollen (= Gesetze) von sogenannten „Bürgern“, die sich kategorisch als Freie und Gleiche verstehen und wechselseitig als solche anerkennen. Und die damit anerkennen, dass sie alle dem gleichen Gemeinwesen angehören. – Dass die UN nicht das dafür notwendige Forum sein können, ist ebenfalls jedem sofort klar, der einen gehaltvollen Politik-Begriff benutzt anstatt das windelweiche, schwammige, nichtssagende Zeug, das uns das politische Denken vernebelt. Eine Weltpolis mit Weltbürgern braucht ein politisches Forum, das diese Bezeichnung verdient. Ansonsten bleibt uns nur das traurige globale Hickhack, dass wir seit Jahrhunderten bestaunen und erleiden dürfen. Obwohl wir selbst seine Akteure sind.

Würden wir uns heute besinnen und mit „Politik“ und „Demokratie“ ernstmachen, müssten wir vielleicht erst einmal realisieren, dass wir über beides bisher nicht verfügen: Wir haben zwar viel Öffentlichkeit, aber sie ist dominiert von höchst privaten Prozessen. Wir haben zwar ein Staatswesen, aber es ist dominiert von privilegiertem und exklusivem Zugang zum Sprechen, Gehört-Werden und verbindlichem Entscheiden.

Wenn wir wirklich Politik und Demokratie wollen, würden wir einen Raum schaffen, in denen verbindliche Begegnungen als Freie und Gleiche möglich und eine regelmäßig-alltägliche Institution sind. Für uns alle. Für uns alle gleichermaßen. Wir würden privilegierten Zugang zu „Politik“ nicht dulden. Kategorisch nicht. Weil die Begriffe „Privileg“ und „Politik“ sich wechselseitig ausschließen.

Die einzige mir bekannte Form, die garantiert, dass alle Menschen gleichermaßen Zugang zu einem – so überhaupt erst entstehenden – politischen Raum erhalten, ist das Losverfahren. Genauer: Bürgerversammlungen, bei denen die beteiligten Menschen per reinem Zufall ausgewählt werden, so dass wir dort automatisch alle repräsentativ vertreten sind: Alle unsere Altersklassen, alle unsere Vermögensklassen, alle unsere Geschlechter, alle unsere Regionen und Stadteile, alle unsere Lebenslagen.

Wenn wir losen, anstatt zu wählen, zu vererben, uns einzukaufen und was sonst noch der Politik korrumpierenden und privatisierenden Verfahren mehr sind, ermöglichen wir, dass überhaupt erst Demokratie entsteht.

Dann müssen wir uns alle wechselseitig in die Augen schauen. Dann konfrontieren wir uns mit der Unmittelbarkeit aller anderen Menschen, mit denen wir in unserem Gemeinwesen tagtäglich zusammen leben. – Ohne uns dabei wirklich zu begegnen. Bürgerversammlungen im Losverfahren sind Orte der unmittelbaren Konfrontation mit der Lebenswirklichkeit der anderen, mit denen wir in einem Gemeinwesen zusammenleben. Und nur über diese unmittelbare Konfrontation und Anwesenheit in einem Raum kann diejenige Empathie und dasjenige Verständnis entstehen, dessen ein wirklich politisch-demokratischer Raum zwingend bedarf.

Dieser Konfrontation mit uns selbst weichen wir derzeit konsequent aus. Und die Mittel unserer Politik- und Demokratie-Vermeidung sind: Billiges öffentliches Gerede. Und „Repräsentation“ durch Wahlen, was nichts anderes bedeutet als: „Lasst mir meine Ruhe. Ich will keine politische Verantwortung. Ich bin froh, dass mir unser Gemeinwesen eine Möglichkeit anbietet, meine politisch-menschliche Verantwortung für das Gemeinsame wegzudelegieren. Ich bin froh, ein Beherrschter zu sein, aber keine eigenen politischen Entscheidungen treffen zu müssen. Ich bin froh, ein Privatmensch zu sein und nichts anderes als ein Privatmensch. Möge sich ein jeder nur um seins kümmern. Dann ist ja für alle gesorgt! Gemeinsame Entscheidungen brauchen wir nicht! Politik brauchen wir nicht! Demokratie brauchen wir nicht!“

Wir sind wahrlich ein unpolitischer Haufen.

 

 

Die Zukunft der Prostitution

Dies wird vermutlich einmal wieder ein sehr unausgegorener, tastender Artikel. Seit jetzt einem halben Jahr befasse ich mich immer wieder mit dem Thema „Prostitution“.

Ich lese unterschiedliche Erfahrungsberichte. Ich lese die Argumente der Menschen, die möchten, dass Prostitution von uns gesehen wird wie eine ganz harmlose Arbeit. Die die Diskriminierung und Stigmatisierung von sich prostitutierenden Menschen beendet sehen wollen.

Und ich lese die Argumente der Menschen, die sagen, dass Prostitution untrennbar mit Menschenhandel, Missbrauch von Minderjährigen und Traumatisierungen verknüpft ist. Die das schwedische Modell wollen, im Grunde weltweit. Dass Freier von uns unter wirksame Strafe gestellt werden. Und Prostituierte wirksame Ausstiegshilfen von uns erhalten.

Ein aufwühlendes Thema

Dass ich mich überhaupt mit Prostitution zu beschäftigen anfing, hatte zwei Auslöser: Einmal diesen Spiegel-Artikel hier und zum andern eine sehr engagierte Kundin, die ich vor einiger Zeit im Coaching hatte und die regelmäßig in Bordelle ging und Frauen und Männer direkt vor Ort darauf ansprach, was Prostitution in menschlicher Hinsicht bedeutet.

Beides hat mich sehr berührt, auf eine Weise, die ich hier nur schwer ausdrücken kann. Für mich läuft in dem, was bei Prostitution passiert, vieles zusammen, wovon ich glaube, dass es anders sein kann und dass wir es gemeinsam ändern können. Denn ich glaube nicht, dass es wirklich glückliche Männer und glückliche Frauen sind, die in der Prostitution zusammen finden. Zumindest nicht glücklichere Menschen als Junkies und Dealer, die zusammen für das Glück des nächsten Schuss‘ sorgen: Kurzfristige Erleichterung in einem Umfeld voller Gewalt, Einsamkeit und Verzweiflung.

Prostitution scheint dabei auch eins dieser vielen Männer/Frauen-Themen zu sein, die uns momentan so stark beschäftigen. Dass ich glaube, dass die Differenzierung Männer/Frauen in Zukunft viel unwichtiger sein wird als sie es noch heute ist, lasse ich hier einmal als reine Annahme stehen, obwohl sie einen entscheidenden Hintergrund meiner Überlegungen bildet.

Die Frage ist für mich hier eher, was Menschen dabei zu gewinnen haben, wenn unsere gemeinsame Entwicklung sich weiter in diese Richtung vollzieht. Eine Entwicklung, die ja nicht nur ich allein wahrnehme.

What’s going on with men? What’s going on with women?

Wenn wir über Prostitution sprechen und über das menschliche Leid, das sie verursacht, und über das menschliche Leid, das sie fortschreibt, dann ist es zwar keine naheliegende, aber möglicherweise eine sehr sinnvolle Frage, wie es uns Männern mit uns selber gehen muss, wenn wir in der Lage sind, andere Menschen zu reinen Sexualobjekten zu machen, das „zu genießen“ und dafür Geld zu zahlen.

Und genauso sinnvoll ist die gleichzeitig stellbare Frage, wie es Frauen mit sich selber gehen muss, wenn sie in der Lage sind, sich dafür bezahlen zu lassen, dass sie sich zu reinen Sexualobjekten für uns Männer machen.

Hier muss man bereits einen Einschub und eine Einschränkung machen: Bei all dem, was ich zumindest bisher zu dem Thema wahrnehmen konnte, gibt es große Unterschiede zwischen sich prostituierenden Menschen. Und zwar hinsichtlich des Ausmaßes, wie sie sich selbst in der Prostitution als Subjekte erleben. Als selbstbestimmt, als handelnde, auf Augenhöhe mit Freiern, wenn nicht sogar als Bestimmende. Wie immer bei Selbstbestimmung geht es um die Frage der Abgrenzung, Grenzsetzung und Negation: Ob eine Prostituierte Freier auch ablehnen kann, mit denen sie keinen Sex haben will. Ob eine Prostituierte sexuelle Praktiken auch ablehnen kann, die sie nicht mitmachen will. – Und um die Gründe, aus denen heraus sie dazu nicht in der Lage ist. Innere wie äußere Unfreiheiten. Von unmittelbare Gewaltdrohung ihr selbst oder Familienmitgliedern gegenüber, über ökonomischen Zwang und Armut, bis hin zu Traumata aus der eigenen Biografie, die Selbstabgrenzung und ein „Nein“ schwierig bis unmöglich machen für einen Menschen.

Und man darf auch nicht vergessen, noch eine zweite Differenzierung vorzunehmen: Nicht alle sich prostituierenden Menschen sind Frauen. Es gibt auch männliche Prostituierte. Und es gibt auch weibliche Freier. Auch wenn rein statistisch die Verhältnisse sehr klar in die Richtung Prostituierte=Frau und Freier=Mann zu gehen scheinen. Aber eben darum sind die Ausnahmen um so bemerkenswerter und verdienen eigentlich eine eingehende Wahrnehmung und Auseinandersetzung. Ich will das hier nicht leisten, aber möchte es im Hinterkopf behalten und nicht ganz vergessen.

Der dressierte Mann, die dressierte Frau

Ich gehe von folgendem aus: Mit dem Wort „Mann“ beschreiben wir heute eigentlich nichts Biologisches mehr, sondern ein Set an Erwartungen und Zurichtungsformen, die wir an einen Menschen herantragen, den wir als „Jungen“ identifizieren.

Und mit dem Wort „Frau“ beschreiben wir heute ebenfalls nichts Biologisches mehr, sondern ein Set an Erwartungen und Zurichtungsformen, die wir an einen Menschen herantragen, den wir als „Mädchen“ identifizieren.

In diesem Sinne besteht „Männlichkeit“ im Kern aus Folgendem: In einem Verlust an Empathischem Verhalten. Und zwar Selbst-Empathischem Verhalten genauso wie empathischem Verhalten anderen Menschen gegenüber: Anderen Männern, Frauen, Kindern. Genauso auch wie gegenüber Tieren.

In diesem Sinne können sich auch „Frauen“ sehr „männlich“ verhalten. Und ganz bestimmte Umstände, nämlich Umstände die wie ein Anti-Empathie-Training wirken, bringen auch „weibliche Menschen“ systematisch dazu, männliche Verhaltensweisen zu zeigen.

Nun sind für mich keineswegs „Frauen die besseren Menschen“. Auch halte ich nichts davon, auf uns Männern herumzuhacken. Ich glaube vielmehr, dass in allen Menschen, egal welchen Geschlechts, „Gutes steckt“ und genauso Arschlochhaftes, und dass es doch tatsächlich hauptsächlich von den gesellschaftlichem Umständen und Rahmenbedingungen abhängt, welche unserer beiden, immer vorhandenen Seiten wir hauptsächlich an den Tag legen und ausbauen.

Als Menschen sind wir geschlechtsunabhängig: alle gleich gut, alle gleich schlecht. Das Problem ist nur, dass uns unsere volle Menschlichkeit zu einem sehr frühen Zeitpunkt systematisch ausgetrieben wird. Und das nun in geschlechtsspezifisch unterschiedlicher Form. Frauen wird ihr natürliches, menschliches Eintreten für sich selbst ausgetrieben. Männern wird ihre natürliche, menschliche Empathie ausgetrieben. Wir werden zu halben Menschen gemacht. Und das befähigt uns in sehr unterschiedlicher Form zur Gewalt. Das ist auch keine große Überraschung, denn die unterschiedliche Befähigung zu gewalttägigem Verhalten ist sehr wahrscheinlich der vorsätzliche Sinn der traditionellen Geschlechterdifferenz.

Darum macht es genauso Sinn, sich einmal das gesellschaftliche Trainigsprogramm anzuschauen, dass wir pauschal Menschen angedeihen lassen, die wir als „Mädchen“ identifizieren. In diesem Sinne besteht „Weiblichkeit“ im Kern daraus, dass wir die Empathie solcher Menschen systematisch weg von sich selbst und hin auf andere Menschen ausrichten: Auf andere Frauen, auf Kinder, auf Männer. „Immer für andere da“ ist der Slogan der gesellschaftlich normierender Weiblichkeit. Auch noch heutzutage. Ungebrochen. Genauso wie der ungebrochene Slogan gesellschaftlich normierender Männlichkeit ist: „Du sollst nichts fühlen!“

„Frauen“ wird also die Selbstabgrenzungskraft ganz grundsätzlich genommen. Oder wir versuchen zumindest, sie bei Mädchen einzuschränken. Genauso wie bei Jungen gelingt das in unterschiedlichem Ausmaß. Es gibt „männlichere Männer“ und „weiblichere Frauen“, je nachdem in welchem Ausmaß und mit welcher Konsequenz das Trainingsprogramm durchlaufen wurde.

Von hier aus können wir auch sagen, dass es wahrscheinlich ist, dass „Sex“ für Menschen verschiedener Geschlechter sehr Unterschiedliches bedeuten dürfte. Und das nicht, „weil das nunmal so ist“ oder „weil das so sein muss“. Sondern weil das unterschiedliche gesellschaftliche Zurichtungsprogramm das naheliegend macht. Da wir Männer kaum mehr Kontakt zu unserem Innenleben: Eigenen Gefühlen und Bedürfnissen haben, suchen wir im Außen Orientierung. Bevorzugt in der Form von „Leistung“ und „Leistungsnachweisen“ und „Leistungsbestätigungen“. „Performance“ halt.

So wird von vollendet zugerichteten Jungen auch Sexualität bevorzugt in Performance-Kategorien gedacht und gelebt. Übrigens auch dann, wenn sie sich mit weiblicher Sexualität beschäftigen. Falls sie das tun.

Auch Frauen wird ein handelnder Bezug zum eigenen Innenleben durch das auf Weiblichkeit trimmende gesellschaftliche Trainingsprogramm genommen: Sie haben zwar noch Kontakt zu ihrem Innenleben (mehr als wir Männer zumindest; meistens, nicht immer), aber diese emotionale Selbstwahrnehmung auch in handelnde „Jas“ und „Neins“ umzusetzen, genaus dieser Impuls wird systematisch gestört und blockiert. Wieder: Um so mehr, um so konsequenter die weibliche Zurichtung an diesem Menschen erfolgte.

Frauen suchen ebenso wie Männer „Bestätigung im Außen“, aber in kategorisch anderer Form als Männer. Die gesellschaftliche Zurichtung programmiert auf Fragen wie „gefalle ich Dir?“, „werde ich geliebt?“ und „tue ich dem anderen was Gutes?“

Es ist naheliegend, dass von vollendet zugerichteten Mädchen auch Sexualität bevorzugt in Zwischenmenschlichkeits- und Beziehungskategorien gedacht und gelebt wird. Auch dann, wenn sie sich mit männlicher Sexualität beschäftigen, wenn sie das denn tun. Dass Frauen häufiger Orgasmen haben, wenn sie mit anderen Frauen Sex haben, sei dabei nur am Rande erwähnt. Denn die Spekulationen über die Gründe, warum das so ist und die Empfehlung bestimmter Techniken, die „den Orgasmus-Gap“ schließen sollen, halte ich für ziemlich oberflächlich. Oder, um es in polemischer Form zu sagen: Ich halte all das für eine ziemlich „traditionell männliche“ Behandlung von Sexualität.

Evolution der Gesellschaft, Evolution unserer Sexualität

Der größte Teil der bekannten Menschheitsgeschichte wurde menschliche Sexualität entlang der Frage behandelt, wie die Sexualität von Frauen am Besten kontrolliert werden könne. Daran hing die Frage nach „dem rechtmäßigen Vater“ im Fall von Nachwuchs. Sowie eine generelle Tendenz, menschliche Beziehungen in Besitzkategorien zu verhandeln und zu gestalten. Sobald wir davon sprechen, dass ein Mensch den anderen besitzen kann, also z.B. wie im Fall von Sklaverei, dann wird ein Mensch zum reinen Objekt gemacht, während der andere in der Beziehung Subjekt bleibt oder sich sogar über diese Beziehung seines Subjekt-Status‘ vergewissert.

Interessant ist nun, was das für die heutige Prostitution bedeutet, die ja immer noch ein Alltagsphänomen darstellt. Zumindest für eine nicht ganz kleine Anzahl von Menschen.

Gehen wir nochmal davon aus, dass sich menschliche Sexualität in derjenigen Richtung weiterentwickelt, die wir beobachten zu können glauben: Immer mehr Jungen bleibt immer mehr von ihrem Innenzugang erhalten. Sie bleiben – auch nach der Pubertät – empathischer als die Männergenerationen vor ihnen. Sich selbst gegenüber. Und auch allen anderen Menschen gegenüber, die ihnen in ihrem Alltag begegnen. Sie werden unabhängiger von Selbstbestätigung über sehr offiziell bestätigte Leistungsnachweise.

Wie dürfte sich das voraussichtlich auf „männliche Sexualität“ auswirken? Wie wird sich das auf das Phänomen „Prostitution“ auswirken?

Und immer mehr Frauen bleibt immer mehr von ihrer Handlungsmacht erhalten. Sie bleiben – auch nach der Pubertät – abgrenzungsfähiger und innerlich unabhängiger als die Frauengenerationen vor ihnen. Sie tun Dinge häufiger, weil sie ihnen gefallen, nicht weil sie anderen gut tun. Und sie lassen andere Dinge häufiger bleiben, weil sie ihnen nicht gut tun, obwohl sie sich vielleicht auf andere Menschen ganz großartig auswirken würden.

Wie dürfte sich das voraussichtlich auf „weibliche Sexualität“ auswirken? Wie wird sich das auf das Phänomen „Prostitution“ auswirken?

Ich kenne die Antworten auf diese Fragen nicht. Ich weiß nur: Es und damit auch unser Sex bleibt spannend.

Möglicherweise spannender als bisher.

Die Zukunft der Prostitution ist also – Überraschung! – ungewiss. Wir wissen in der Tat nicht, ob es sie überhaupt noch geben wird. Falls es Prostitution überhaupt noch geben wird, ist sie mit etwas Glück von den allgemeinen Veränderungen der Bedeutung von Mann/Frau bestimmt, die wir schon heute wahrnehmen können. Von Menschen, denen wir nicht den Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen und damit zu menschlichen Gefühlen überhaupt genommen haben. Und die daher mehr Mut zum Kontakt mit menschlichen Gefühlen haben, als sie ihn heute an den Tag legen. Von Menschen, deren Fähigkeit zur offenen Selbstbehauptung wir nicht im Keim erstickt haben. Und die daher geübter darin sind, für sich selbst einzustehen, als sie es heute sind.

Ich halte nicht ganz so viel davon, hierbei von einer „Verweiblichung der Männer“ und einer „Vermännlichung der Frauen“ zu sprechen. Diese Redeweise scheint gut dazu geeignet, um uns zu beschämen und Ängste auszulösen, „kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“ mehr zu sein, wenn wir uns weiterentwickeln.

Treffender scheint mir die Beschreibung, dass wir uns zurückholen, was uns genommen wurde. Männer wie Frauen verlieren nichts dabei. Wir gewinnen nur sehr viel hinzu. Vermutlich mehr, als wir uns im Moment vorstellen können.

Prostitution: Was wir schon heute tun können

Jenseits gesetzlicher Veränderungen, die anzustreben natürlich möglich ist, können wir also schon heute eine Menge machen, um auf das unnötige Leiden in und an Prostitution zu antworten.

Ich will offen gestehen, dass ich kein Fan des Lagerdenkens bin. Für mich besteht das Problem bei den gesetzlichen Änderungen – zumindest in unseren politischen Verfahren zur Gesetzesänderung, wie wir sie derzeit pflegen – dass sich zwei Lager, die beide etwas Gutes und Richtiges wollen, gegenseitig blockieren. Auch wenn ich selber eher ein Anhänger des Schwedischen Modells bin, kann ich doch gleichzeitig sehen, dass nicht alle, die völlige Legalisierung und Deregulierung von Prostitution wollen, einfach nur räuberische Ausbeutungsinteressen haben. Ich kann anerkennen, dass es sich prostitutierende Menschen gibt, die einfach nur von uns in Ruhe gelassen werden wollen, weil ihnen Formen der Prostitution möglich sind, in denen sie für sich selber kein unmittelbares Leiden erleben. Für sie ist unsere Ausgrenzung und unser Herabblicken auf sie, nur weil sie sich prostituieren, das einzige Problem, das sie mit ihrer Prostitution haben. – Dass diese Menschen möglicherweise nicht die größere Zahl an Prostituierten ausmachen, steht auf einem anderen Blatt. Denn auch ihr Wohlergehen ist eine politische Frage. Auch ihr Wohlergehen muss sich in unseren Gesetzen wiederfinden.

Dennoch steht es natürlich jedem von uns frei, sich in eins dieser beiden Lager zu schlagen und dafür zu klappern, dass entweder eine weitergehende Legalisierung oder ein völliges Sexkauf-Verbot eingeführt wird.

Da ich aber den gesetzespolitischen Zugang derzeit für verfahren und all zu kriegerisch aufgeladen halte, stellt sich für mich die Frage: „Was kann ich tun, dass unnötiges Leiden an Prostitution abnimmt, auch jenseits von Gesetzesänderungen, die ich mir wünsche?“

Wenn wir den oben durchlaufenen Gedankengang ernstnehmen, haben wir gewisse Hinweise darauf, was wir versuchen könnten:

Das menschliche Leiden in und an Prostitution dürfte abnehmen, wann immer wir:

a) Frauen dabei unterstützen, sich selbst besser behaupten zu können, für sich einstehen zu können, sich verbünden zu können, sich abgrenzen zu können, ihr eigenes Wohlergehen als völlig hinreichendes Kriterium für eigenes Tun und Lassen zu betrachten, das keiner weiteren Rechtfertigung bedarf. Frauen haben ein Recht, gut für sich selbst zu sorgen. „Gut“ in einem sehr umfassenden Sinn, der alle ihre Bedürfnisse einschließt, wobei wir das Vorhanden-Sein ihrer Bedürfnisse als „hard facts“ betrachten, an denen wir nicht herumdeuteln und nicht herumschrauben.

b) Männer dabei unterstützen, besser in Kontakt mit sich zu kommen, ihren Innenzugang auszubauen, eigene Gefühle und Befindlichkeiten wahrzunehmen und ernstzunehmen; indem wir ihnen zutrauen, Caring-Aufgaben zu übernehmen, z.B. sich ohne Weiteres gut um unsere Kinder kümmer zu können; indem wir ihre liebevollen und „weichen“ Impulse nicht belächeln oder bekritteln, auch wenn sie hilflos und tapsig daherkommen mögen. Indem wir ihnen die Verletzlichkeit zugestehen, die wir allen anderen Menschen ebenfalls zugestehen. Indem wir sie nicht mit Ausschluss aus unseren Gemeinschaften bedrohen, wenn sie gerade mal nicht im Krieger-Modus oder Ich-bin-der-Größte-Modus unterwegs sind.

Worauf wir uns jenseits unserer Differenzen zu anderen Prostitutionsgesetzen möglicherweise einigen können, ist also vielleicht: Dass es Frauen gut tut, von uns zu guter Selbstsorge und wirksamer Selbstbehauptung ermächtigt zu werden. Dass wir Mädchen ihre unmittelbaren, impulsiven „Jas und Neins“ in geringeren Ausmaß nehmen, als wir das bisher getan haben. Und dass es Männern gut tut, von uns zu einem intakten Gefühlsleben und einen offenen Innenzugang ermutigt zu werden. Dass wir Jungen ihre Selbst- und Anderempathie in geringerem Ausmaß nehmen, als wir das bisher getan haben.

Das sind die Möglichkeiten, die ich im Moment sehe, wenn wir die Zukunft der Prostitution für uns alle in einer wünschenswerten Form gestalten wollen.

Ob das dann am Ende auf ein völliges Verschwinden von Prostitution hinausläuft oder auf eine systematische Befreiung aller Prostitution von leidvollen Formen und Rahmenbedingungen, wage ich nicht vorherzusagen.

Und ganz ehrlich: Das ist mir am Ende auch völlig gleich. Denn es geht für mich im Grunde immer und überall einfach darum, dass wir sinnlose und überflüssige Formen von Leiden auflösen, wo immer es für uns gerade irgendwie möglich ist. Wir werden sicher nie ein Paradies auf Erden erleben. Es wird auf unserem schönen Planeten immer Schmerz, Verletzungen, Verlust, Traumata und Ohnmachtserfahrungen geben. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir all das einfach „als naturgegeben“ hinnehmen oder uns „als lebensförderliche Abhärtung“ schön reden müssen.

Nur weil wir lernen können, mit Verletzungen und Traumata umzugehen, müssen wir sie noch lang nicht mutwillig anstreben oder ihr immer wieder neues Entstehen fördern und aufrechterhalten.

Wenn es irgendeine sinnvolle menschliche Tätigkeit jenseits von reinem absichtslosen Spiel gibt, dann besteht es in der gezielten, absichtsvollen Reduzierung von sinnlosem Leiden.

Politik als menschliche Lebensform

Für jemanden, der Politik für eine menschliche Lebensform hält, für eine wenig selbstverständliche Lebensform noch dazu, stellt sich folgende Frage: Wenn ich in einer entpolitisierten Gesellschaft lebe, was kann ich eigentlich tun? Also wenn ich die Optionen „mich anpassen“ und „verzweifeln“ für mich ausschließe?

Dreierlei scheint mir unter den gegebenen Bedingungen möglich. Also 3 Arten von Aktivität, denen wir uns widmen können, ohne dadurch zwangsläufig irgendeinem bekloppten Heldentum zu verfallen:

1) Sich um andere kümmern, ohne sich dabei selbst zu vernachlässigen.

– Das kann jeder von uns tun. Und fast jeder von uns tut das ja auch. Zumindest gelegentlich. Und was man gelegentlich tut, kann man unter Umständen systematisch ausbauen. Nur kann man dabei eben das eigene Gleichgewicht im Geben und Nehmen im Gefühl behalten. Und auch das ist ja durchaus erlernbar und ausbaufähig. Die gern gegebene, unentlohnte Hilfe anderer Menschen anzunehmen, ist dabei vermutlich ein guter Anfang. Auch die systematische Anerkennung, dass wir als Menschen einander auf eine sehr fundamentale Weise wechselseitig brauchen, kann man bei sich selbst beginnen lassen. Denn heißt es nicht: „Sei Du selbst der Wandel, den Du in der Welt sehen willst?“ 😉 –  Und man kann all das in einer bestimmten Perspektive durchaus als „Politik“ begreifen.

2) Beziehungen stiften, wo keine sind, wo aber welche sein sollten.

Ein zentrales Beispiel dafür sind Beziehungen zwischen Unternehmen und Investoren, die zwar durch Geld miteinander verquickt sind, aber ohne dass diese Verbindung auf der Grundlage von etwas geschieht, das man Beziehung nennen könnte. Verlegen sich Unternehmen darauf, ihre Geldgeber ganz anders einzubinden als bisher, so dass eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe entstehen kann, werden auch unternehmensintern völlig neue Lösungen möglich. Sowohl in den Beziehungen Unternehmen-Kunden, als auch in den Beziehungen Unternehmen-Mitarbeiter.

Die gleiche Logik: Vorsätzliches Stiften von Beziehungen, wo keine sind, wo aber welche sein sollten, lässt sich auch auf globaler Ebene anwenden. Diese Strategie hat gute Chancen, das derzeit grassierende Problem des „fehlenden Fernstenfeedbacks“ dauerhaft zu lösen.

Eine Welt, in der die Differenzierung große Ausmaße annimmt, ohne dass im Gegenzug die Getrennten sich immer wieder neu persönlich begegnen und austauschen, sind Politik und Demokratie nicht mehr möglich. Unmittelbare Beziehungen ermöglichen wechselseitige Empathie und helfen uns so, dass wir die Differenzierungsgewinne, in denen unsere moderne Gesellschaft besteht, nicht verlieren müssen.

3) Sich für die Einführung des Losverfahrens in unsere demokratische Verfassung aussprechen.

– Oder entsprechenden Anläufen, Versuchen und Experimenten zumindest eine Chance geben. Auch das hat das Potential, unter heutigen Bedingungen Politik und Demokratie möglich zu machen.

Bürgerparlamente und Bürgerräte, die von uns einvernehmlich per Los besetzt werden, sind deswegen wahrhaft „politische Orte“, weil wir uns dort als Freie und Gleiche begegnen können. Das heißt: Wir erschaffen uns einen Ort, der frei ist von all den Machtungleichgewichten zwischen uns, die unsere Gesellschaft an so vielen anderen Orten auszeichnet. Und wenn wir den Austausch und die Entscheidungen, die in solchen Gremien möglich sind, für uns hoch gewichten: so dass sie Gesetzesbeschlüsse vorbereiten oder vollziehen, gewinnen wir für uns Heutige „Politik“ als Dimension des menschlichen Lebens zurück. Im ursprünglichen Sinne des Wortes.

Unsere Parlamente werden so zu einem Korrektiv zur Ungleichheit und Unverbundenheit zwischen uns. Anstatt die vorhandene Ungleichheit und Unverbundenheit noch einmal auf einer vermeintlich „politischen“ Ebene zu spiegeln, erschaffen ausgeloste Bürgerparlamente den ansonsten schmerzlich fehlenden politischen Raum, an dem wir immer wieder neu zueinander finden können: Als Bürger.

3 Ebenen, 3 Handlungsmöglichkeiten

Drei Möglichkeiten, Politik ins Leben zu bringen und als politische Menschen zu leben sind eine Menge. Wir sind heute also weit entfernt von politischer Ohnmacht und politischer Handlungsunfähigkeit.

Wir können alle gemeinsam das sein, was wir „wirklich sind“: Politische Wesen.

„Politisch“ in einem sehr anderen Sinn als in dem, an den wir uns leider zuletzt gewöhnt hatten: Streit, Auseinandersetzung, Durchsetzung, Heimlichkeiten, Intrige, Hinterzimmer, Krieg mit anderen Mitteln. – „Politisch“ in einem weitaus bejahungsfähigeren Sinn, in dem es um die Anerkennung unseres Zusammenlebens, unserer wechselseitigen Verbundenheit, um unsere Offenheit, unsere Verletzlichkeit, unsere tieferen Bedürfnisse und um sinnvolle Kooperation geht.

Und um das, was wir nur gemeinsam realisieren können, niemals als Einzelwesen. Niemals aus einem Selbstverständnis als „rationale Einzelwesen“ heraus. Sondern nur durch gute Formen der Zusammenarbeit. Durch gute Formen der Begegnung. Durch gute und bewusste Gestaltung unserer Beziehungen miteinander. Gute Beziehungen als Ziel, als Mittel und als Grund von Politik.

Dass „Politik“ und „Demokratie“ in diesem Sinne miteinander identische Begriffe sind, kann jeder von uns leicht verstehen. Wenn er denn überhaupt daran zu glauben vermag, dass Politik nichts Selbstverständliches ist, sondern eine ganz bestimmte, äußerst anspruchsvolle menschliche Lebensform.

 

 

Wie man sich kümmern kann – Ohne zu verkümmern oder zu bekümmern

Kümmern hat nicht den Ruf, den es verdient. So kann man beispielsweise die Eltern-Rolle auf das Sich-Kümmern reduzieren. Und so eben mal die Vater/Mutter-Unterscheidung zu einer unerheblichen Nebensächlichkeit machen. Oder man kann Führungsarbeit zu einem Sich-um-Menschen-Kümmern umverstehen. Und es als ihr erklärtes und einziges Ziel bezeichnen, die „geführten“ Menschen stärker und größer zu machen.

Auch und gerade in hochkompetitiven Umfeldern scheint es „hauptberufliche Kümmerer“ zu brauchen, damit dieser ganze merkwürdige Wettbewerb den Laden nicht zerreißt. Z.B. in der Politik, wenn sie von konkurrierenden Parteien geprägt wird.

Nun darf ich vielleicht bekennen, dass ich auch einer von diesen komischen professionellen Kümmerern bin: Beruflich kümmere ich mich um Menschen in beruflichen und privaten Veränderungen. Privat darf ich mich um ein großartiges Menschenwesen kümmern, das mittlerweile 9 Jahre alt ist. Und um meine Partnerin, die sich keinen Deut weniger um mich kümmert. Und dann hab ich es mir seit einem knappen Jahr noch zum ambitionierten Hobby gemacht, mich um den Zustand unseres Gemeinwesens zu kümmern, das wir ein wenig euphemistisch als „Demokratie“ bezeichnen.

Als „Betroffener“ frage ich mich zweierlei:

1) Wie kümmert man sich, ohne dabei selbst zu verkümmern? Immerhin ist es bekannt, dass z.B. Therapeuten, die jahrelang mit schwer depressiven Menschen arbeiten, über kurz oder lang selbst depressive Symptome entwickeln. Und das auch bei bester Selbstabgrenzung und Supervision.

2) Wie stellen wir sicher, dass wir beim Kümmern nicht ständig in das verfallen, was die Transaktionsanalyse das „Fürsorgliche Eltern-Ich“ nennt? Also einer Instanz in uns verfallen, die nur auf den ersten Blick positiv wirkt, die aber jeden Menschen dauerhaft überfordert, während sie alle anderen Menschen um einen herum unterfordert, abhängig und unfähig macht. Im Alltag nennen wir das manchmal „Helferkomplex“. Oder, noch besser: „Sich wichtig machen“.

Am Vielversprechendsten scheinen mir bei diesen beiden Fragen solche Antworten, die in folgende Richtung gehen:

Wir verteilen das Kümmern auf deutlich mehr Schultern als wir das bisher kennen oder bisher gewohnt sind. Wir schaffen „Kümmer-Asymmetrien“ systematisch ab. Zugunsten von „Kümmer-Symmetrien“: Jeder der sich selber um andere kümmert, kann dann sicher sein, dass sich auch von vielen um ihn gekümmert wird.

Das würde bedeuten, dass wir beispielsweise alle Care-Berufe mit deutlich mehr Ressourcen ausstatten. Vor allem mit deutlich besseren zeitlichen Rahmenbedingungen: Mehr Zeit und Aufmerksamkeit für die, um die sich gekümmert werden soll. Und ganz andere Personalschlüssel. Das gilt für Pfleger nicht anders als für Lehrer als für Therapeuten als für sogenannte Führungskräfte. Für Arbeitsvermittler nicht anders als für Ärzte. Für Erzieher nicht anders als für Eltern. Für Sozialarbeiter nicht anders als für Beamte im öffentlichen Dienst, die von vielem bürokratischen Wahnsinn freigestellt werden müssten, damit sie sich wirklich um die Anliegen der Bürger kümmern können. Damit sie das psychologisch können. Weil auch sie halt eben einfach nur Menschen sind.

Ja, das kostet uns alles viel Geld. Aber es lohnt sich, wenn wir eine wirklich demokratische Gesellschaft wollen. Wenn wir den Wert einer wirklich demokratischen Gesellschaft bereits für uns erkannt haben oder erahnen.

In der Politik bedeutet das für mich: Wir brauchen das Losverfahren. Wir verteilen politische Verantwortung auf unser aller Schultern, anstatt uns über Wahlen „Spezialisten für Politik“ zu suchen, an die wir unsere politische Verantwortung als Bürger abzudeligieren versuchen.

In Unternehmen bedeutet das für mich: Wir brauchen Organisationsformen, in denen es im Grunde keine Führungskräfte mehr gibt. Weil „Führung“ oder eben: „Sich Kümmern“ als Gemeinschaftsaufgabe gesehen wird, die von allen gemeinsam übernommen wird. Weil sie von allen gemeinsam übernommen werden kann. Weil sie von allen gemeinsam übernommen werden muss.

„Muss“, wenn wir uns nicht in einem von uns selbst geschaffenen System wiederfinden wollen, in dem wir uns voneinander entfremden. In Systemen, in denen Dialog und Austausch und Offenheit unwahrscheinlich wird. Ohne dass irgendein Einzelner von uns dafür etwas kann. Weil wir für ein System optiert haben, das Entfremdung in uns so stark triggert, dass wir als Einzelne davon überfordert sind, uns gegen diese Trigger, gegen diese Anreize zu verhalten. Und so wird Entfremdung dann allgemein erwartbar. Alle stellen sich darauf ein. Und keiner kümmert sich mehr.

Bzw.: Es kümmern sich nur noch die, die dann irgendwann in den Burn-Out gehen. Der Sich-Kümmernde ist der Dumme. Sich-Kümmern bedeutet in solchen Systemen, dass man sich aufopfert, dass man sich einsetzt, ohne Rücksichtnahme auf eigene Bedürfnisse. Ohne Rücksicht auf das eigene Regenerationsbedürfnis. Ohne Rücksicht auf die eigenen Beziehungsbedürfnisse aka Privatleben. Sich-Kümmern bedeutet in solchen Systemen, dass man das Wohl anderer oder „das Wohl des Systems“ (falls es so etwas gibt) über das eigene Wohl stellt.

Viele halten das ja für eine großartige Sache: Arbeit für eine Sache „die größer ist als man selbst.“ Unsere Friedhöfe sind voll von solchen Helden der Arbeit. Wir halten große, zynische Lobreden auf sie. Und kümmern uns nicht weiter drum.

Wir brauchen Systeme, die uns dabei unterstützen, uns umeinander kümmern zu können, ohne dabei drauf zu gehen. Wir brauchen keine Systeme, Prozesse, Entscheidungsverfahren, die es uns künstlich erschweren, alle miteinander „Kümmerer“ sein zu können. Wir brauchen keine Systeme, die uns systematisch in Kümmerer und Nicht-Kümmerer unterteilen. Wir brauchen Systeme, die systematisch anerkennen, dass Kümmerer Menschen sind, und keine übermenschlichen Halbgötter.

Wohlwollen: Die geheime Zauberzutat

Wohlwollen ist ein Zaubermittel: Es öffnet Tore, es öffnet Menschen. Es kann einem Jobs verschaffen. Es kann in verfahrenen Situationen unerwartete Lösungen generieren.

Wir tun oft so, als sei „Wohlwollen eben einfach da. Oder eben einfach nicht da.“

Aber stimmt das auch?

Kann ich mir selbst helfen, wenn es mir einfach gerade schwer fällt, mit einem anderen Menschen wohlwollend zu sein? Ihm das Beste zu wünschen? Ganz ohne Sarkasmus oder Zynismus? Mich ihm gegenüber wohlwollen zu verhalten? Ihm wohlwollend gegenüber zu stehen? Oder noch besser: Ihm wohlwollend zur Seite zu stehen?

Um die Frage zu beantworten, ob fehlendes Wohlwollen unabänderliches Schicksal und vorhandenes Wohlwollen eine Gnade der Evolution oder ein Geschenk Gottes ist, kann man sich vielleicht mit der Frage auseinandersetzen, was genau einen davon abhält, gerade jetzt, gerade hier mit einem Menschen wohlwollend zu sein.

Mir fällt dazu genau zweierlei ein:

1) Stress (Da kann ja der Andere nichts für)

In Situationen, in denen es uns schlicht nich gut geht, weil wir gerade dringend etwas brauchen, ist Wohlwollen mit anderen etwas viel verlangt.

Wir können das zwar fordern. Von uns und von anderen. Aber wir bewegen uns dann im Bereich einer quasi-kantischen Pflichtenethik.

Und die steigert nicht gerade unser eigenes Wohlbefinden. Und nicht durch uns dann auch nicht das der anderen Menschen.

Die eine goldene Regel des Wohlwollens im nicht-katastrophisch-märtyrerartigen Alltagsleben heißt: „Sorge gut für Dich, damit Du Dich überhaupt gut um andere sorgen kannst.“

Gilt für: Eltern, Führungskräfte, Lehrer, Erzieher, Pfleger, Ärzte, Therapeuten, Coaches, Politiker, Kundenbetreuer, Arbeitsvermittler, Berater, Sozialarbeiter und noch für viele andere Menschen mehr, die zumindest einen Teil ihres täglichen Daseins dem widmen, was man „caring“ schimpfen kann.

2) Tit-for-Tat (Stress, den der Andere sich bei mir verdient hat)

Etwas anders sieht es aus in Situationen, in denen wir durchaus wohlwollend sein wollen. Und es vielleicht auch eben gerade noch durch und durch waren. – Aber in denen wir uns plötzlich mit dem überdeutlich fehlenden Wohlwollen eines anderen Menschen uns gegenüber konfrontiert sehen.

Solche Situationen lösen in uns sehr schnell und leicht „Kampfreflexe“ aus. – Und dafür können wir nichts. Es ist ein Teil unserer biologischen Hardware und in uns allen angelegt.

Das dürfte irgenwann annodunnemals wohl auch ziemlich nützlich gewesen sein. Und vielleicht ist es das sogar heute noch (die verschiedenen Philosophen in uns sind sich darüber noch uneins).

Wir wünschen uns also in solchen Situationen Wohlwollen von anderen, um wohlwollend mit ihnen sein zu können. Und wir können es nicht. Und das kann einen schon mal ziemlich ziemlich wütend machen. – Offen gesagt: Ich kenne mich damit leider recht gut aus, denn: „Der Choleriker ist stark in mir“.

Dennoch ist knallhart-unerschütterliches Wohlwollen in gerade solchen Situationen überaus ergiebig. Man könnte sogar behaupten: Es ist gerade für solche Situationen „wie geschaffen“.

Leider fehlt uns unser Wohlwollen also gerade in Situationen in der wir es am allernötigsten bräuchten und in denen es uns am allernützlichsten wäre.

Was wir darüber übersehen: Das, was oft als „Angriff auf uns“ erscheint und was recht schwer anders zu interpretieren ist als skandalös fehlendes Wohlwollen des Anderen uns gegenüber, hat mit uns meist recht wenig zu tun.

Im Grunde hat es sogar gar nichts mit uns zu tun. Der Angriff richtet sich gegen etwas anderes.

Denn Menschen, denen es an Wohlwollen uns gegenüber mangelt – und sei es nur situativ, also: nicht dauerhaft oder wiederholt – denen geht es gerade nicht so ganz sonderlich großartig.

Eine Ausnahme von dieser Regel bildet allein das, was ich mal etwas umstänlich „Fehlendes Fernstenfeedback“ getauft habe. Aber das ist ein ganz eigenes Thema und braucht andere Behandlungsformen als nur reines Wohlwollen.

Für unseren Gedankengang hier ist allein entscheidend, dass Wohlwollen, das uns fehlt, weil es dem anderen gerade wahrnehmbar an Wohlwollen für uns fehlt, sich an sich leicht dadurch auflösen ließe, dass wir einfach „fest in unserem eigenen Wohlwollen bleiben“.

Dass wir also die eigentliche Bedürftigkeit des anderen „fiesen“ Menschen wahrnehmen, der sich in seinem Mangel an Wohlwollen schlicht in einer für uns sehr unangenehmen Weise äußert.

Freilich können wir abstrakt verlangen, alle Menschen mögen bitteschön immer, auch dann wenn sie sich gerade scheiß-bedürftig und scheiß-verletzlich und scheiß-hilflos fühlen, die Contenance wahren. Sie sollen bitteschön auch dann uns gegenüber hübsch höflich, wertschätzend und empathisch verhalten. Sie sollen bitteschön nicht laut werden. Nicht ungerecht. Nicht rücksichtslos.

Nur leider ist das wieder die kantische Pflichtenethik. Und die ist für die eigene feste Absicht, die Zauberkraft des Wohlwollens zu nutzen, nur mäßig nützlich.

Zu stark fokussiert sie uns auf „die Pflichtverletzung“, die der andere da gerade begangen hat. Und zu wenig fokussiert sie uns auf die Möglichkeiten, die wir gerade auch dann noch haben, wenn wir hier und jetzt nicht „prinzipiell“ werden, sondern gerade hier und jetzt auf die wahrnehmbare Bedürftigkeit des Anderen so reagieren als ob es sich bei ihr eben um: Bedürftigkeit handele.

„Was brauchst Du gerade?“

Ich nenne es ja „Realismus“, wenn man Sachverhalte schlicht und einfach als das behandelt, was sie eigentlich sind.

Aber erzählen Sie das mal unserem Sympathikus. Der hustet uns was.

Vielleicht wenden wir uns hierzu lieber an unsere Amygdala. Falls das was anderes ist. Keine Ahnung. Bin ja kein Biologe:

2b) Negative Übertragung (Verdammt, jetzt bin ich selbst der Arsch)

Ja und dann gibt es dann noch diesen hübsch-ekligen Sonderfall: Da ist dieser Mensch. Und der hat uns rein gar nichts getan. Und wir sind im Grunde eigentlich auch gerade recht gut drauf. Um nicht zu sagen tiefenentspannt.

Und dennoch gehen wir hoch wie ne Rakete und ab wie Schmitz‘ Katze. Nix Wohlwollen. Nicht mit DIESEM Menschen. Diesem Unsympathen!

Was ist da los?

„Negative Übertragung“ kann man das nennen. Da erinnert uns ein Mensch – bewusst oder unbewusst – an einen anderen Menschen, mit dem wir aber mal so richtig schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Der fehlleitende Link kann alles mögliche sein: Ganz äußerliche körperliche Merkmale, Bewegungsmuster, die Stimme, bestimmte Verhaltensweisen, Kleidungsstil, sogar irgendwelche Duftmittelchen, die jemand benutzt. Blöderweise die gleichen, die auch ein veritables Arschloch in unserem Leben damals benutzt hat.

Das Opfer unserer Wahrnehmung fehlenden Wohlwollens ist also ganz und gar unschuldig an unserer Wahrnehmung. Denn es handelt sich um eine glatte Fehlwahrnehmung. – Die allerdings nur schwer zu vermeiden ist. Denn die Reaktionen auf unserer Seite laufen oft sehr schnell und nicht allzu selten unbewusst ab. Und bis wir mit unserer schönen reflexiven Seite da hinterher sind, ist die Konfliktdynamik bereits voll im allerhöchsten Gange. „Tit for tat“ gilt halt nicht nur für uns. Sondern auch für alle anderen Menschen um uns herum…

…Über all das sollte man vielleicht nicht gänzlich verschweigen, dass es auch so etwas gibt wie „positive Übertragung“ und dass dieses Phänomen extrem verbreitet ist und geradezu unseren Alltag bestimmt.

Es tritt ein, wenn jemand uns in irgendeiner (reflexhaften, oft unbewussten Weise) an jemanden erinnert, dem gegenüber wir positive Gefühle hegen, weil dieser andere jemand immer wieder positive Gefühle in uns ausgelöst hat.

Solche positiven Übertragungen sind gut ausbeutbar, z.B. durch Hochstapler, Menschen, die gerade eine „hohe kriminelle Energie“ haben und in Situationen eigener Unsicherheit, in der wir verzweifelt nach rettenden menschlichen Ankern Ausschau halten, aber erst mal keine finden können.

Positive Übertragungen werden daher oft für „naiv“, „blauäugig“ oder für ein Zeichen „fehlender Reife“ gehalten. Menschen, die solche Bewertungen abgeben, halten sich oft für „Realisten“. Ich halte es für ein klein wenig wahrscheinlicher, dass wir ohne solche positiven Übertratungen gar nicht leben könnten. Schon gar nicht zusammen.

Und über den Fall, dass wir selbst das Opfer negativer Übertragung anderer werden, breite ich hier mal den Mantel des Schweigens. Denn das führt in ein ganz eigenes Thema hinein.

Fazit: Wohlwollen hilft viel, ist aber nicht ganz unvoraussetzungsreich

Wer die Zauberzutat des Wohlwollens systematisch nutzen will, kann, so können wir folgern, zwei Dinge tun:

1) Sich gut um sich kümmern. Nicht ab und an. Sondern immer. Sozusagen als Vorbereitung auf all die vielen Situationen, in der unser Wohlwollen benötigt werden wird. Als Investition in „ethisches Verhalten“. Oder – mit Adam Grant – als Investition in „Giver Verhalten“:

2) Sich bei Angriffen anderer daran erinnern, dass der Angreifer ein schreiendes kleines Baby ist, das umsorgt sein will. OK. Das ist schwer. Denn angegriffen fühlen wir uns von einem ausgewachsenen Verfolger-Monster, das äußerlich kaum Ähnlichkeit mit einem süßen kleinen Menschenkind hat, das uns mit seinem Kindchenschema unmissverständlich klar macht, dass wir von ihm nichts zu befürchten, sondern uns vielmehr gefälligst um es zu kümmern haben.

Vielleicht versuchen Sie das dennoch ab und an mal gelegentlich. Die Effekte sind wundersam, drastisch und überraschend.

Sex ohne Gender

Keine Ahnung, wie viele Artikel ich jetzt schon darüber geschrieben habe, dass wir uns in eine Richtung entwickeln, in der die Geschlechterunterscheidung Frau/Mann einfach immer unwichtiger werden wird.

Und das weitgehend unabhängig davon, ob uns das persönlich gefällt oder nicht. „Evolution“. „Naturgesetz“. Was auch immer.

Die naheliegende Frage auf diese scheinbar äußerst gewagt-spekulative Prognose lautet ja:

What the fuck!? – Werden wir alle kaum noch Sex haben, oder was?

Um diese sehr berechtigte Frage zu beantworten, kann man sich einmal näher anschauen, was „Sex“ eigentlich ist.

Und wie wir alle wissen, sind „ti-esti-Fragen“ („Was ist eigentlich XYZ?“) die Spezialität von Philosophen. Also von Menschen, die grad nichts besseres zu tun wissen als in sinnlosen Verallgemeinerungen zu schwelgen.

Also schauen wir uns das mal an:

Wir haben: Menschen, körperlich voneinander getrennt. Mit einer relativ weichen und empfindlichen Körperoberfläche (anders als z.B. bei Insekten mit ihrem Chitin-Panzer). Umgeben von einem Wahrnehmungsorgan mit Namen „Haut“, das haptische Empfindungen auslöst. Davon sind manche Körperregionen mit mehr Sinneszellen durchsetzt als andere.

Wir haben auch: Menschen mit einem ganzen Bündel an vermeintlich verwirrenden Bedürfnissen als da wären (unvollständige Liste): Anerkennung, Geborgenheit, Kontakt, Austausch, Abwechslung, Verbundenheit, Neugier, Abenteuer, Leichtigkeit, Klarheit, Aufregung, Vertrauen, Intensität, Zugehörigkeit, etc.

Denken wir uns aus all dem die Dominanz der Frau/Mann-Unterscheidung heraus, bleibt: Alles davon übrig.

Einzig eine Sache scheint in Frage gestellt zu sein, an die sich ihrerseits die Frage stellen ließe, ob sie denn ein „menschliches Bedürfnis“ ist: Das Begehren

Der Gott Eros

Wir Philosophen haben für das Begehren ja traditionell einen etwas hübscheren Namen: Wir nennen es „Eros“. Die heutige „Erotik-Industrie“ hat diese Bezeichnung nur von uns geklaut und – sagen wir es mal freundlich und philosophisch – „stark verkürzt“.

Traditionell bedeutet Eros nichts viel anderes als: „Die starke Kraft, die in uns frei wird, wenn wir uns zu etwas hingezogen fühlen, hinsichtlich dessen wir Mangel empfinden. – Die Liebe zu dem, was wir selbst nicht haben; die Liebe zu dem, was wir nicht selber sind.“

Wer das für sich nochmal klarziehen will, liest das einfach mal nach in Platons „Gastmahl“. Und zwar nicht im Mythos, den Platon dem Dichter Aristophanes in den Mund legt („Kugelmenschen-Mythos“). Sondern im Mythos, den Platon seinem persönlichen Champion, was er also dem Sokrates in den Mund legt. Wobei sich dieser bei diesem Thema seinerseits auf eine Frau beruft: Diotima. Es ist übrigens das einzige Mal in allen Dialogen Platons, dass eine Frau als positive Instanz vorkommt. Dass überhaupt eine Frau positive Erwähnung findet. Aber das nur am Rande.

Mit Blick auf diesen etwas umfassenderen Erotik-Begriff können wir nun fragen: „Was passiert mit unserem natürlich heute stets superheißen und wahnsinnig erfüllenden Sexleben, wenn die Unterscheidung Frau/Mann für uns immer unwichtiger wird?“

Oder anders: „Was wird dann aus unserem Begehren? – Wird es da nicht Schaden nehmen? Ganz unvermeidlich?“

Zunächst: Es ist wohl sicher, dass sich unser Begehren mit der weiteren Entwicklung menschlicher Gesellschaft mit verändern wird. Das ist eine ziemlich banale Annahme. Denn das war auch in der Vergangenheit schon stets der Fall. Das macht die gegenteilige Annahme: Dass zukünftig erotisch bleiben wird, was für uns Heutige gerade besonders erotisch ist, zu einer recht naiven, geschichts-, gesellschafts- und menschenvergessenen Annahme.

Aber man kann die Frage ja dennoch einmal stellen. Denn naive Fragen sind oft gar nicht schlecht. Oft sind es sogar die allerbesten Fragen.

Einfache Frage – Einfache Antwort

Also: Wird unser sexuelles Begehren schaden nehmen, wenn wir uns als alles Mögliche verstehen, aber es zu einem eher nebensächlichen Attribut wirkt, wie unser 23. Chromosomenpaar aussieht und ob es sich phänotypisch ausgewirkt hat?

Wenn wir ernstnehmen, dass Eros die Liebe zur eigenen Negation ist, nehmen wir unmittelbar wahr, dass a) der Mensch ein Wesen ist, das Negationen liebt und b) dass es an Selbst-Negationen niemals Mangel gibt.

Mit anderen Worten: Auch wenn wir uns beim Sex nicht vorrangig als Frau/Mann verstehen, bleiben genügend menschliche Unterschiede, um Begehren in uns auszulösen.

Es wäre, soviel darf man vielleicht sagen, auch geradezu eine Blasphemie gegenüber dem Gott Eros, wenn man annehmen würde, dass er sich von so etwas Nebensächlichem wie gesellschaftlichem Wandel die Butter vom Brot nehmen ließe. Immerhin ist der gute Mann (?) ein Gott.

Also: natürlich bleibt das sexuelle Begehren intakt.

Es fußt auf all den unsterblichen menschlichen Bedürfnissen, die ich oben aufgelistet habe. Und auf noch ein paar mehr davon, die ich vermutlich in meiner Aufzählung vergessen habe, die aber nicht weniger „sexbegehrenserhaltend“ sind. Und es fußt auf dem Begehren, das wir denjenigen Menschen gegenüber sehr schnell entwickeln, in denen wir etwas entdecken, das wir bei uns selbst vermissen. Erotik ist Ausdruck unserer Sehnsüchte nach dem jeweils-gerade-Anderen. Und das kann alles Mögliche sein. Wir Menschen sind sehr merkwürdige, wunderbare Wesen.

Daher kann sich das eigene, höchst subjektive erotische Erleben von einzelnen Menschen auch stark verändern: Im Laufe eines Lebens. Aber auch einfach nach Tagesform, Stimmung, Situtation, gesellschaftlichem Kontext, zufälligen Ereignissen, Beziehungsdynamiken, und je nachdem, was man gerade gegessen hat. Oder was man gerade „seelisch zu sich genommen“, z.B. welchen Film man sich gerade reingezogen hat.

Von höchst umstrittenen Theorien dazu, wie das menschliche sexuelle Begehren „ursprünglich mal gemeint gewesen sein könnte“, wollen wir hier mal ganz schweigen.

 

Auf den Körper hören

Neulich war ein guter Freund zu Besuch. Wir plauderten und philosophierten über Gott und die Welt. Und dabei fiel dann irgendwann ein Satz, den ich bei Marie Miyashiro mal gehört hatte: „Die Meeting-Kultur ist der Herzschlag/Puls eines Unternehmens“ (oder so ähnlich).

Irgendwas daran blieb bei meinem Freund wohl hängen, denn 2 Tage später schickte er mir eine SMS mit der Frage nach dem genauen Wortlaut des Zitats. – Ich schaute nochmal nach in Marie’s Buch „The Empathy Factor„, konnte es aber auf die Schnelle nicht finden. Und wie es so ist, blieb ich an etwas ganz Anderem hängen. An einer überaus spannenden Einschätzung zum Thema Körpersprache, Gespräche und Zuhören.

Die daraus entstandenen Gedanken möchte ich gerne hier teilen. – Marie zitiert auf Seite 55 der deutschen Ausgabe von „Der Faktor Empathie“ Stephen Covey:

Zuhören

Eins der wichtigsten Elemente der empahtischen Verbindung ist das Zuhören, wie Stephen Covey es in sienem Buch Die 7 Wege zur Effektivität beschreibt: „Einfühlendes Zuhören schließt viel mehr ein, als nur die Worte zu registrieren, zu reflektieren oder sogar zu verstehen. Kommunikationsexperten gehen davon aus, dass überhaupt nur zehn Prozent unserer Kommunikation über Worte vermittelt werden. Weitere 30 Prozent machen unsere Töne aus und die anderen 60 kommen körpersprachlich zum Ausdruck. Beim einfühlenden Zuhören benutzen Sie zwar auch die Ohren, noch wichtiger ist aber, dass sie auch mit den Augen und dem Herzen hören. Sie lauschen dem Gefühl, dem Sinn. Sie erspüren das Verhalten. Sie benutzen die rechte Gehirnhälfte ebenso wie die linke. Sie spüren, Sie erfassen, Sie fühlen.“

Etwas für Menschen „zu tun“, um ihnen ihre Bedürfnisse zu erfüllen, beinhaltet manchmal, ihnen einfach nur aus einer tiefen empathischen Verbindung heraus zuzuhören und ihre Gefühle im Stellen oder auch laut einzuschätzen.“

Auch wenn der alte Trainer-Mythos „XYZ% der Kommunikation sind nonverbal“ längst gebustet ist, bleibt es eine gute Idee, im täglichen Miteinander einen großen Teil der eigenen Aufmerksamkeit für die Körpersprache seiner Mitmenschen zu reservieren.

Denn da tut sich immer einiges, das einem mit der eigenen begrenzten Aufmerksamkeitsspanne doch tatsächlich entgeht, wenn man es all zu sehr gewohnt ist, allein auf Semantik, Worte, Inhalte zu achten.

Eine noch bessere Idee scheint mir aber zu sein, das, was andere einem auf allen Kanälen signalisieren ganz bevorzugt mit der rechten anstatt mit der linken Hirnhälfte zu verarbeiten. – Wobei, halt stop: Auch die Sache mit der intuitiv-kreativen rechten Hirnhälte und der analytisch-logischen linken Hirnhälfte ist nach aktuellem Stand eher ein Mythos:

Viel zutreffender kann von verschiedenen Denkzuständen („cognitive modes“) gesprochen werden, bei denen untere und obere Hirnteile unterschiedlich intensiv (und vielleicht auch in unterschiedlicher Weise) miteinander zusammenarbeiten.

Der Modus, für den ich mich hier also gerade stark machen möchte, ist einer, in dem wir beim Zuhören bewusst „sehr stark vernetzt und bereichsübergreifend“ aufnehmen und denken. Und weniger „punktuell“ und „fokussierend“.

Für jemanden wie mich, der sehr stark zu „Teilbereichs-Intelligenzen“ neigt, ist das eine ziemliche Herausforderung. In den Worten von Stephen Kosslyn: Zumindest von meinen Gewohnheiten her habe ich ganz bestimmte cognitive modes ganz besonders bei mir kultiviert. Und andere schmählich vernachlässigt.

Und das hat Folgen: Für mich, für meine Interaktionen mit anderen Menschen, für meine Beziehungen, für meine Weltwahrnehmung und mein Weltgefühl. – Mein Selbstgefühl nicht zu vergessen.

To cut a long story short: Es ist nicht ganz leicht, gute Beziehungen und ein gutes Selbst- und Weltgefühl zu haben, wenn man die meiste Zeit seiner Wachzustände in einem Modus unterwegs ist, den man als eher „analytisch“ bezeichnen könnte. Wie Kosslyn das nennt, weiß ich nicht, ich bin gerade zu faul dafür, mich damit auseinanderzusetzen. Denn mir geht es um etwas anderes:

Wenn wir rekonstruieren, warum seit Jahrtausenden Menschen die analytische Daseinsform über Daseinsformen bevorzugen, die durch kreativere, freiere und verbundenere Denkmodi gefördert und ermöglicht werden, dann komme zumindest ich für mich auf Folgendes:

Reines Denken verhindert Kriege – Kurzfristig

Es geht uns ursprünglich um den Umgang mit Aggressionsverhalten. Starke Gefühle lösen klassische Fight-or-Flight-Reflexe aus, die in bestimmten Hirnschichten fundamental und unauslöschlich in uns angelegt sind. Das heißt: Jeder von uns hat diese Reflexe. Sie sind „menschlich“. Massive Hormonausschüttungen und drastische Absenkung des langsamen Denkens inklusive.

Zwar werden wir alle in unseren Kindheiten in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich „kallibriert“. Aber die Grundfunktionen sind jedem zugänglich. Jeder von uns hat sie schon „am eigenen Leib“ erlebt. Jeder von uns kennt sie.

Erleben wir diese Reflexe in uns sehr häufig oder sehr drastisch und auch von ihren Folgen als sehr schädlich und unproduktiv für uns, so ist es eine naheliegende Reaktion darauf, sich von diesen Reflexen so weit wie nur möglich zu distanzieren:

Der Denkmodus, den ich oben als „analytisch“ bezeichnet habe, ist geboren.

Er leistet sehr zuverlässig eine gewisse pauschale Emotionsniveau-Absenkung. Er schafft Distanz zu den eigenen Emotionen, bis hin zu psychischen Zuständen, die wir als „pauschal dissoziiert“ bezeichnen könnten.

Und ich denke ja: Diese Fähigkeit, sich durch Denken emotional zu entkoppeln hat sicherlich schon zahlreiche Morde und Selbstmorde, wenn nicht ganze Kriege verhindert.

Leider hat diese „Technik“ ein paar kleine Pferdefüße: Ihre Gewaltabsenkende Wirkung ist nur kurzfristig. Langfristig hat das analytische Denken die exakt gegenteilige Wirkung: Sie ermöglicht und fördert menschliches Gewaltverhalten.

Die Technik ist also nicht besonders nachhaltig, wenn man das so sagen will.

Auch dieser Effekt lässt sich relativ leicht rekonstruieren und nachvollziehbar machen:

Reines Denken erzeugt Kriege – langfristig

Da Gefühle ihren guten Sinn haben, einen Sinn, den wir verkürzend mit Marshall Rosenberg als „Information des Bewusstseins über Erfülltheit/Unerfülltheit vorhander Bedürfnisse“ bezeichnen, ist ein pauschales und dauerhaftes Abstandnehmen von der eigenen Emotionalität einer „inneren Erblindung“ gleichzusetzen:

Ein Mensch, der diesen Denkmodus exzessiv und vielleicht sogar ausschließlich praktiziert, weiß im Grunde gar nichts mehr über seine eigenen Bedürfnisse. Weder ist er informiert darüber, was er gerade braucht und was ihm guttut. Noch ist er informiert darüber, was er gerade nicht braucht und was ihm schlechttut.

Es ist pauschal von sich selbst abgespalten. Also zumindest von dem Teil von sich, den man als „das Bedürfniswesen Mensch“ bezeichnen könnte. Stattdessen hält er meist sein eigenes Denken, seine Ideen und sein Handeln für sein „Selbst“. Als ob er als Bedürfniswesen gar nicht existierte. Als ob er keine Emotionen hätte. – Da all dies vom Bewusstsein nicht mehr wahrgenommen wird, fehlt ihm auch scheinbar nichts. Blinde Flecken werden zu blinden Flecken, weil sie blinde Flecken sind.

Ein sehr wirksamer Filter: Auch wenn aufgrund der künstlichen Selbst-Beschneidung Probleme auftreten, können Lösungen nicht in der Richtung gesucht, die naheliegend und tatsächlich lösend wäre. Sondern sie werden wiederum „im Kopf“ gesucht. Es entstehen die berühmten Mindfucks, für die das emotions-entkoppelte Denken so berühmt und gefürchtet ist.

Warum aber nun Entstehen beim emotionsgereinigten Denken überhaupt Probleme?

Der Zusammenhang ist denkbar einfach: Jemand, der gar nicht mehr wahrnimmt, was er braucht und was er nicht braucht, bleibt systematisch in seinen Bedürfnissen unbefriedigt. Höchstens zufällig werden seine Bedürfnisse erfüllt (durch ihn selbst oder durch andere Menschen).

Unbefriedigte Bedürfnisse aber verschwinden nicht einfach, nur weil unser Bewusstsein sie gerade (oder eben dauerhaft) nicht auf dem Schirm hat. Anhand von Grundbedürfnissen wie Essen oder Schlaf ist das einigermaßen klar. Es gilt aber genauso für andere unserer Bedürfnisse, die vermeintlich weniger fundamental für uns sind, wie etwa Geborgenheit oder Anerkennung, u.v.a.m.

Ein Mensch, der unbefriedigt durch die Gegend läuft, aber nicht weiß, dass er mit sich in Unfrieden ist und zudem eine starke, gut austrainierte Technik zur Verfügung hat, um Emotionen auszublenden, staut Unbefriedigtheitsgefühle auf, bis es entweder aus ihm herausplatzt – oder bis er sie „heimlich“, am eigenen Bewusstsein vorbei befriedigt. Hier könnte ein kleiner Exkurs über die Sexualmoral stehen, die katholische Priester praktizieren, die im Zölibat leben. Ich spare mir das hier mal.

Immer noch ist aber das eigene Selbstbild als „rationaler, kontrollierter Mensch“ so stark, dass auch bei massiven Handlungsverstößen gegen dieses Selbstbild das Bild nicht korrigiert wird. So kommt es zustande, dass viele Gewalttäter von sich völlig überrascht sind, wenn sich dann am Ende nicht mehr vermeiden lässt, dass das eigene faktische Handeln und die drastische kognitive Dissonanz das eigene Bewusstsein erreicht.

Rein analytische Menschen sind immer Menschen, die sich schlecht um sich selbst kümmern. Ganz einfach, weil wir mit einer solchen dauerhaft Trennung von unseren emotional-bedürftigen Selbst gar nicht gut um uns kümmern können. – Das ist rein technisch unmöglich. Wenn ich nicht weiß, was ich brauche, kann ich mich nicht darum kümmern, was ich brauche. Ich kann auch andere Menschen nicht darum bitten, sich entsprechend um mich zu kümmern.

Menschen, die sich selbst in dieser Form systematisch unbefriedigt lassen, sind aber keine Menschen, die besonders friedliche Effekte auf ihre Mitmenschen und ihre Gesellschaft haben.

Auch wenn das oft sublimiert wird und die Kriege, die diese Menschen anzetteln, zunächst unkörperlich bleiben, am Ende läuft es immer auf’s Gleiche hinaus: Die Abspaltung vom emotionalen Selbst, die ursprünglich den hochsozialen Zweck hatte, Gewaltimpulse im Keim zu ersticken, führt zu Gewaltverhalten. Menschliche Gewalt wird so nicht verhindert, sie wird nur aufgeschoben. Und oftmals in ihren allgemein schädlichen Auswirkungen auf alle Beteiligten um ein vielfaches verstärkt.

Das wirft die Frage auf:

Wie mit starken Emotionen umgehen, die einen zu „unvernünftigem“ Handeln treiben können?

Wenn die „rationalistische“ Lösung langfristig zu schädlich ist, ist die naheliegende Frage, was denn überhaupt die Alternativen sind? Ob es überhaupt Alternativen gibt?

Eine, die mir selbst naheliegend erscheint, besteht in der genau umgekehrten Richtung der Bewusstseinsfokussierung: Anstatt systematisch von eigenen Gefühlen und Bedürfnissen wegzufokussieren, kann man sich darin üben, die eigene Aufmerksamkeit regelmäßig auf sie zu richten. Eine Praxis der Selbstwahrnehmung einzuüben und sich mit der eigenen Emotionalität und Bedürftigkeit vertraut zu machen. Sich „intern“ bewusst anders zu vernetzen. Weniger Gedanken-mit-Gedanken-mit-Handlungen. Mehr Gedanken-mit-Gefühlen-mit-Bedürfnissen-mit-Gedanken-mit-Gefühlen-mit-Handlungen.

Eben genau das ist es, was Marie Miyashiro in „Der Faktor Empathie“ als die Entdeckung der dritten Dimension (neben Denken und Handeln) bezeichnet. Oder als den langsamen Übergang von Flächenland nach Raumland (S. 18 ff.).

Ein Mensch, der „mit sich selbst gut in Kontakt ist“, hat schlicht und einfach größere Chancen, beim Aufkommen starker, überwältigtender Gefühle nicht von ihnen weggespült zu werden, oder Angst davor zu bekommen, dass „sein Bewusstsein weggespült werden könnte“, sondern er schafft systematisch ein kooperatives Verhältnis mit seinem Bedürfnis-Selbst.

Um ein Platonisches Bild zu benutzen: Statt die inneren Pferde mit Peitsche und Sporen niederzuzwingen und zu züchtigen, haben wir hier einen Bewusstseins-Reiter, der gelernt hat, mit seinen Pferden ohne drakonische Unterdrückungsmaßnahmen auszukommen. Einen „Pferdeflüsterer“ sozusagen.

Meine Behauptung ist nun: Diese Möglichkeit steht jedem von uns offen. Es erfordert jedoch Übung, tägliche Praxis. Und manchmal tatsächlich Begleitung und Hilfe von anderen, die die eigenen Emotionen und Bedürfnisse wahrnehmen können, die man selber nicht mehr wahrnimmt.

Bei dem Vorgang, sich vom rationalen Zuchtmeister und Gefühlsrunterdrücker zu einem kooperativen, selbstempathischeren Menschen zu entwickeln, können wir uns wechselseitig behilflich sein. Denn oft ist es leichter, die Emotionen in anderen Menschen wahrzunehmen als in einem selbst.

Mit einer Ausnahme: Wer sehr erfolgreich „ständig rationalisiert“ kann Gefühle in anderen genauso wenig wahrnehmen wie bei sich selbst.

Dies ist ein weiterer Grund dafür, warum eingefleischte Rationalisten gerne gesellschaftliche Kriege anzetteln: Sie finden gar nichts dabei. Sie können darin gar nichts Schlimmes erkennen. – Denn um das Schlimme darin und dabei wahrzunehmen, müsste man Fühlen, was die entsprechenden Vorgänge bei Menschen emotional auslösen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich spreche hier nicht von handfesten Psychopathen nach ICD-irgendwas. Ich spreche hier von „Normalneurotikern“, die so verbreitet sind, dass wir uns sehr schwer tun, sie als „ziemlich verrückt“ wahrzunehmen oder zu bezeichnen.

Auf Körper hören

Systematisch gefasst ist also das „auf den eigenen Körper hören“ durchaus die Voraussetzung dafür, dass man „die Körper der anderen sprechen hören kann“.

Der Zuhör-Modus, von dem Covey/Miyashiro im Zitat oben sprechen ist nur möglich, wenn er auf einer regelmäßigen Praxis aufsetzt, bei der man auf den eigenen Körper zu hören pflegt.

Oder kürzer (und banaler): Wir können keine Empatie mit anderen Menschen praktizieren, wenn wir keine Selbstempathie praktizieren. – Nicht dauerhaft.

Wir können also weiterhin vor allem unseren Gedanken lauschen. Unserer Sprache. Der Semantik. Dem Inhalt unseres Denkens.

Oder wir können uns anders mit uns selbst verbinden. – Focusing ist z.B. eine systematische Form, das zu üben.

Es muss natürlich nicht unbedingt Gendlin’s Focusing sein. Es gibt wahrscheinlich tausende Formen, wie das konkret ablaufen und angefangen werden kann. Von einfach langsamer machen und regelmäßig kurz innehalten, ganz bestimmte Meditionsformen, etwas mehr Schlaf und Bewegung, gesündere Beziehungen zu Menschen, die einem guttun, weil sie die Annahme statt die Abspaltung eigener Gefühle erleichtern, etc.

Die Möglichkeiten der Selbstempathie sind ähnlich vielfältig wie die der Anderempathie.

Die Effekte jedoch ähneln sich: Wer sich durch eine gut gepflegte Selbstempathie-Praxis ermöglicht, anderen Menschen „mit dem ganzen Körper“ zuzuhören, wird überraschende Gespräche haben. Es wird ihm anderes und „mehr“ anvertraut werden (Randbemerkung: Das will auch nicht jeder. Vor allem entschiedene Rationalisten fürchten das. Aus gutem Grund). Er wird auch in Beziehungen mehr „Sinn“ und „Erfüllung“ finden. Er wird anderen mehr helfen. Und er wird mehr Hilfe angeboten können. Sein gesamtes Beziehungsleben wird „flüssiger“ und „leichter“ werden.

Weniger prinzipiell. Weniger kategorisch. Weniger regelhaft. Weniger gesetzesmäßiger. In einem Wort: Lebendiger.

Die mittelbaren Effekte guten Zuhörens sind gesellschaftlicher Art. Aber das ist ein eigenes Thema.

 

 

Transparenz in der Psychotherapie

Zum Thema „Transparenz in der Psychotherapie“ und nicht ganz unähnlich auch im Coaching kann ich 3 grundverschiedene Einschätzungen, Haltungen und Praktiken wahrnehmen.

Diese 3 Haltungen lassen sich an 3 erfahrenen, nachgewiesenermaßen hochwirksamen Therapie-Praktikern festmachen:

1) Milton Erickson: „Ein guter Zauberer (= Therapeut) verrät dem Publikum (= den Klienten) niemals seine Tricks!“

2) Gunther Schmidt: „Ein guter Zauberer verrät dem Publikum immer seine Tricks! – Damit das Publikum selbst zu Zauberern werden und die Tricks bewusst auf sich selbst anwenden kann.“

3) Frank Farrelly/Noni Höfner/Charlotte Cordes: „Es ist völlig unerheblich, ob ein Zauberer dem Publikum seine Tricks verrät oder nicht. Denn wenn es richtig gute Tricks sind, wirken sie völlig unabhängig davon, ob sie dem Publikum bewusst sind oder nicht. – Und zum sehr geschätzten Kollegen Schmidt sagen wir: Gerade in den meisten völlig verfahrenen Situationen können wir leider nicht Selbstverzauberer sein. Wir brauchen dazu andere Menschen. Aber wir können das wechselseitig füreinander tun. Wir können alle liebevoll-wohlwollende Zauberer für andere werden.“

Was davon wir tun, sagt viel über uns aus. Über uns, nicht über unsere Kunden und Klienten.

Wir brauchen kein „Feedback“, weil wir ständig Feedback brauchen

Die großartige Sarah Biendarra hat auf Twitter zur #Feedbackparade aufgerufen. Da ich mit sowas immer leicht zu kriegen bin, weil ich irrtümlich annehme, zu jedem dahergelaufenen Thema was zu sagen zu haben (unheilbare Krankheit), here we go:

Wer gute Strukturen hat, braucht kein Feedback

Ich erlebe das Wort „Feedback“ als Symptom einer Ausfallerscheinung: Es tritt nur in solchen Kulturen auf, in denen die Zeit, die Ruhe und das Vertrauen für den alltäglichen Austausch nicht mehr verfügbar sind. In „entfremdeten / entfremdenden Organisationen“ sozusagen.

Denn wir Menschen sind nunmal fundamental soziale Wesen. Wir senden ständig Feedback. Und wir empfangen ständig Feedback. Wenn dieser natürliche Vorgang nicht künstlich durch schlechte Strukturen unterbunden wird. In der Regel sind das Strukturen, die Machtasymmetrien auf Dauer stellen.

Lebhaft in Erinnerung geblieben ist mir die Äußerung eines meiner Profs an der Uni, als die Unibürokratie Feedbacksheets zu den Seminaren und Vorlesungen der Fakultät einführte: „Ja, können Sie gerne ausfüllen. Aber ganz ehrlich: Sie können sich darauf verlassen, dass ich auch ohne dieses Blatt Papier mitbekomme, was sich bei Ihnen so tut und wie Sie finden, was wir hier zusammen machen.“

Der Mann war der mit Abstand beste akademische Lehrer, den ich in meinem überaus bunten Bummelstudium erlebt habe. Meine kleine persönliche Feldstudie umfasst dabei gefühlte 20 Fächer.

Das Gleiche bei Chefs, „deren Tür immer offensteht“. Also bei solchen, die solche Sätze eben nicht sagen, sondern bei denen das Praxis ist. Zugewandte Führungskräfte, die Zeit für ihre Mitarbeiter haben, wenn die einen Need haben. Und die ihre Mitarbeiter machen und gestalten lassen, wenn die Mitarbeiter der Meinung sind, dass sie gerade nichts von ihrer Führungskraft brauchen, sondern sehr gut ohne sie zurecht kommen. – Ich habe von dieser Sorte gottseidank schon eine ganze Menge erleben dürfen. Und keine einzige dieser Führungskräfte hatte Feedback-, Mitarbeitergesprächs- oder sonst einen ähnlichen Bedarf. Dazu war man einfach viel zu nah aneinander dran. Man redete halt, wenn es aktuellen, situativen Bedarf gab. Man war in gutem Kontakt miteinander. Man musste den guten Kontakt nicht extra herstellen – auf einen Impuls von außen hin, aufgrund eines von außen aufoktroyierten Prozesses.

Und btw: Wer gibt eigentlich denjenigen Menschen Feedback, die Feedback-Prozesse aufsetzen, dass diese Prozesse nicht leisten, was sie leisten sollen? Dass sie kein Vertrauen aufbauen, sondern Vertrauen zerstören, weil diese Prozesse performativ setzen, dass kein Vertrauen da ist? Warum gibt eigentlich keiner dieses Feedback? – Genau! Da sind wir dann doch wieder beim Kern des Problems blockierter Kommunikation: Bei fixierten asymmetrischen Machtverhältnissen. Bei der Erfahrung, dass es in manchen Beziehungsverhältnissen viel zu riskant, kostspielig oder schlicht sinnlos ist, „offenes Feedback zu geben“.

Daher wäre mein Impuls: Sobald von „Feedback“ geredet wird, lauft weg!

Alternativ könnte man natürlich auch was ändern. Aber solches Verändern ist ja oft gerade dort unmöglich, wo im Alltag nicht mehr spontan und im wechselseitigen Vertrauen miteinander geredet werden kann.