Ich danke Frank Baumann-Habersack für sein tapferes Hochhalten der ressourcenorientierten Perspektive! 🙂

Angst – Ein vorübergehen-sollendes Gefühl

Ich bin mir recht sicher, dass „die Natur“ (/Evolution/der Liebe Gott/Das fliegende Spaghetti Monster/Die Macht/das Schicksal) nicht vorgesehen hat, dass wir als Menschen ständig Angst-Gefühle zu empfinden. Ebenso wenig wie unsere eingebauten Wut-Systeme oder unsere eingebauten Trauer-Systeme dafür da sind, ständig aktiviert zu sein.

Über die anderen Grundgefühle: Freude und Liebe könnte man in dieser Hinsicht streiten. Aber das ist ein anderes Thema.

Angst ist dafür da, uns zu schützen. In eher seltenen, ausgewählten Situationen. Damit wir uns nicht verletzen oder nicht verletzen lassen. In diesem Sinne: Ein nützliches Gefühl. Wäre ja auch recht bemerkenswert sonst, wenn wir es hätten, ohne dass wir es für irgendwas brauchen können, oder?

Dann wäre unsere Angst wie unser Blinddarm – Ein „rudimentäres Organ“.

Ängstlichkeit: Eine Definition, eine Motivation

Nichtsdestoweniger scheint es mir so, als könnte man „Ängstlichkeit“ auch als Ressource oder sogar „Tugend“ sehen. Zumindest als etwas, dass „völlig okay“ ist.

Ängstlichkeit dann nicht in dem Sinne, dass ein Mensch ständig Angst hat (nicht von der Natur vorgesehen, Überforderung unseres ganzen Drüsen- und Nerven- und Muskel- und Überhauptsystems, siehe oben). Sondern in dem Sinne, dass dieses Angst-System sehr responsiv und damit leicht aktivierbar ist.

Und an dieser Stelle macht es vielleicht Sinn „zu gestehen“, woher die vorherigen und folgenden Gedanken kommen: ich halte mich in dem eben definierten Sinn für einen der ängstlichsten Menschen, die ich kenne.

Ich schildere als – wie immer hier – Eigenerfahrungen aus der Introspektion. Und verallgemeinere diese Eigenerfahrungen dann philosophisch grob fahrlässig in der Annahme, dass wir Menschen gar nicht so verschieden sind, wie wir oft glauben.

Verschieden sind wir sicherlich in der Art, in der wir „die Bruchstücke“ des Menschlichen für uns (immer wieder neu) zusammensetzen. Die Bauklötzchen selbst scheinen mir allerdings recht stabil zu sein, über Zeit und Raum und sehr unterschiedliche menschliche Gesellschaftsformen hinweg.

Jeder von uns ist zwar eine spannende Welt in sich selbst. Doch nicht so, wie es sich die Wir-sind-alle-Inseln-und-Verstehen-ist-unmöglich-Ideologie denkt. Die Anknüpfungspunkte zwischen uns und damit unsere Möglichkeiten, uns wechselseitig zu verstehen, gehen gegen unendlich. Ineinander verkoppeltere Wesen, als wir Menschen es sind, kann zumindest ich mir schwer vorstellen. Selbst die Borg sind asozial im Vergleich zu uns.

Meiner üblichen Praxis folgend nun also meine „Beobachtungen“ zu Ängstlichkeit als Ressource. – Die Vorteile von Ängstlichkeit, die ich wahrzunehmen glaube, sind mindestens drei:

1) Besserer Selbstschutz und Selbstsorge

Es wurde bereits angedeutet: Ängstliche Menschen erkennen Gefahrensituationen für sich früher und schneller als andere. Viele verbinden das auch mit dem Konzept der „Hochsensibilität„, das man durchaus empfinden kann: Als unproduktives Einigeln in verschiedene „Ich verlasse meine Komfort-Zone nicht, nein, meine Komfort-Zone verlass ich nicht“ oder als Anerkennung sehr persönlicher, individueller Grenzen und Bedürfnisse; also etwas, das man im Grunde jedem Menschen von Herzen wünscht.

Ängstlichkeit bedeutet neben zahlreichen „Fehlalarmen“ auch, dass das eigene Warnsystem auch in Situationen losschlägt, in denen viele andere Menschen noch den Schlaf der „Wieso, ist da was?“ schlafen.

Mir kommt es so vor, als habe mir meine Ängstlichkeit ermöglicht, mein Lebensschiff an zahlreichen ziemlich desaströsten Erfahrungen gezielt vorbei zu schippern. Gerade, was Beziehungen angeht.

Erfahrungen sind wertvoll. Ob traumatisierende Erfahrungen, über die man nur schwer hinwegkommt, ebenfalls wertvoll sind, auch darüber kann man verschiedener Meinung sein. – Da ich in meinem Beruf ständig mit Menschen mit Alltagstraumata arbeiten darf, die also Wunden mit sich herumtragen, über die sie nur schwer hinwegkommen, obwohl wir sie gewöhnlich eben gerade nicht als „traumatisch bezeichnen“, habe ich hier vielleicht tatsächlich eine Außenseitermeinung: Es gibt wertlose, schlimme Erfahrungen, die wir als Menschen besser vermeiden sollten.

„Dauerhafte Überforderung“ und „Mehr vom Selben“ sind hier die Stichworte; leicht entschlüsselbar für alle, die ebenfalls „mit Menschen arbeiten“.

Ängstlichkeit hilft sehr dabei, Erfahrungen, die man bereits gemacht hat und nicht noch einmal braucht, nicht zwanghaft zu wiederholen.

Paradoxerweise kann Ängstlichkeit daher ein Tor zu ständig neuen Erfahrungen sein. Ganz gegen den Ruf, den sie in unserem Denken genießt:

„Ich fürchte die Erfahrung, die ich bereits gemacht habe, aus Erfahrung mehr als all die Erfahrungen, die ich noch machen könnte.“

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Aber immerhin.

2) Bessere Wahrnehmung von Ängsten bei anderen Menschen

Wenn es zutrifft, dass wir nichts in anderen wahrnehmen können, das wir nicht auch in uns selbst haben, ist Ängstlichkeit fast so eine Art „Universalschlüssel“ zu anderen Menschen.

Aus „Nichts Menschliches ist mir fremd“ wird dann „nur wenig Ängste und wenig Verletzlichkeiten sind mir fremd.“

Das hat viele Vorteile: im Alltag, privat, beruflich.

Der größte Vorteil ist wohl, dass es einem ermöglicht zu reagieren. Und noch besser: Adäquat zu reagieren. Denn ohne Ängstlichkeit, die im anderen Menschen die eigenen Ängste wahrnehmen hilft, deuten wir das Verhalten anderer Menschen oft fehl. Wir kaufen ihre „Darstellung“, ihre „Show“. Also die ganz Stärke, Aufgeblasenheit, Kompetenz, Betriebsamkeit. Wir glauben dann: „Der ist einfach so“. Wir nehmen dann das verletzliche Etwas namens Mensch hinter der Maske seiner gesellschaftlichen Angepasstheiten nur noch schwer wahr. Maske und Mensch verschmelzen dann oft für uns.

Die Fähigkeit, die Ängste anderer Menschen schnell und leicht wahrzunehmen hilft sehr dabei, sie als das wahrzunehmen, was sie sind: Menschen eben.

Und Angst ist ein starkes Motiv in unserer Zeit. Verdammt viele Dinge, die Menschen heute tun, tun sie auch aus Ängsten heraus.

Damit umgehen zu können, damit umgehen lernen zu können, ist definitiv eine Ressource.

Von der All-Empathie, die es ermöglicht, schweige ich mal an dieser Stelle.

3) Bessere Fürsorge für andere Menschen

Ängstlichkeit ist noch in einer dritten Hinsicht überaus nützlich und hilfreich, die im Grunde eine Art Mischung aus den beiden ersten ist:

Ängstlichkeit hilft zu erkennen, wann andere Menschen Angst empfinden sollten, während sie es offensichtlich nicht tun.

Das ist zwar einerseits „übergriffig“ und kann einen zudem in die vielen Fallstricke von Kassandra-Situationen führen.

Aber zum Thema „Übergriffigkeit“ muss man in unserer derzeitigen Gesellschaftsform sowieso ganz grundsätzliches anmerken: Der Terminus scheint dafür herhalten zu müssen, eine Gleichgültigkeit und fehlende Empathie vom Typ „Jeder soll sich um sich selbst kümmern, dann ist für alle gesorgt“ zu rechtfertigen.

Der produktive Kern, das, wovor uns „Übergriffigkeit“ warnen möchte, ist a) uns selbst zu viel aufzuhalsen, mehr als wir (er-)tragen können und b) andere Menschen künstlich inkompetent und schwach zu machen, in denen wir ihnen Aufgaben abnehmen, die sie sehr gut selber erledigen können.

Wenn Menschen aber gar keine Angst empfinden können, wo sie ganz offensichtlich Angst empfinden sollten, schadet es nach meinen Erfahrungen nichts, ihnen etwas auf die Sprünge zu helfen… 😉

Die Wahrnehmung, dass es „Angst zu haben gibt“, kann im Benennen von Handlungsbedarf bestehen. Dabei kann auch gerne offen bleiben, wer es nun eigentlich ist, der da handeln kann oder sollte. Aber damit gehandelt wird, muss erst einmal überhaupt dessen klar bewusst sein, dass hier und jetzt sofortige Aktivität gefordert ist. Ängstliche Menschen sehen das nicht nur bei sich selbst früher. Sondern auch bei anderen Menschen, die mit weniger Ängstlichkeit gesegnet sind.

Die Kassandra-Seite ist tatsächlich Fluch und Segen zugleich. Man darf und muss sich ständig überlegen, wann es für einen dran ist, sich auf die Zunge zu beißen, und wann man eben sein ängstliches Hasenherz auf derselben tragen möchte.

Aber auch das lässt sich lernen.

Ängstliche Menschen haben sehr viel Erfahrung damit.