In der New-Work-Szene gibt es seit Jahren eine immer wieder geäußerte, vehemente Kritik am Begriff des „Abholens“.

Vorausgesetzt wird dabei, dass Menschen, die diese Redeweise verwenden, eine eigene Agenda haben und sich nun überlegen, wie sie andere Menschen dazu bringen können, dass sie bei dieser ihrer Agenda „mitziehen“.

„Abholen“ wird mit „einseitiger Manipulation aus einer hierarchischen Machtposition heraus“ gleichgesetzt.

Diese Kritik teile ich. Sie trifft vieles, was in Hierarchischen Organisationen daily business ist. Oft ist man dort sogar so daran gewöhnt, dass es einem entweder gar nicht mehr auffällt oder zumindest schwerfällt, sich darüber aufzuregen oder dagegen zu verwehren. – Man käme aus dem Aufregen und Sich-Verwehren gar nicht mehr heraus.

Menschen, die das dennoch bleibend stört, verlassen dann entweder solche Organisationen, gehen in die „innere Emigration“ oder greifen systematisch zu Guerilla-Taktiken.

Dennoch habe ich bei solcher Kritik immer ein großes Unbehagen. Dieses Gefühl hat einen sehr persönlichen Grund: Ich bemühe mich nämlich ebenfalls in meiner Arbeit sehr stark darum, „meine Kunden abzuholen“. – Und kann daran nichts Schlechtes finden.

Der für mich relevante Unterschied, den ich zwischen „schlechtem Abholen“ und „gutem Abholen“ finden zu können glaube, besteht schlicht und einfach darin, dass ich in der Arbeit mit meinen Kunden keine eigene Agenda habe. Ich arbeite nur in Settings, in der es mir ganz und gar um das aktuelle und zukünftige Kundenwohl gehen kann. Ich kann wohlwollend sein. Das ist Privileg und Herausforderung zugleich.

Unter diesen Bedingungen wird aber eher das Gegenteil problematisch: Wenn man die Menschen, mit denen man arbeitet, nicht hinreichend abholt.

Oder vielleicht besser: Wenn man sich selber nicht von ihnen abholen lässt. Die Kunst beim Coaching besteht ja an allererster Stelle darin, sich auf das einzulassen, was eben einfach „da ist“: Was da ist an (aus Kundensicht) Problematischem. Was da ist an (aus Coachsicht) Lösungsressourcen.

Startet man in Beratungsprozessen in die Lösungssuche, ohne hinreichend darum gebeten zu haben, abgeholt zu werden, verschärft man in der Regel bereits vorhandene Probleme und ist für seine Klienten wenig nützlich.

Es entgeht einem Subjektives, d.h.: Wesentliches: Wie die Welt aus der Sicht dieses Menschen aussieht, welche Erfahrungen er gemacht hat, welche Lösungen er bereits ausprobiert hat, welche Ressourcen und Kompetenzen er selber hat, wie sein Umfeld das „Problemfeld“ mit konfiguriert, usw. usw.

Ich bin zwar ein begeisterter Fan der „Aktiv-Diagnose“ (Noni Höfner), bei der man nicht erst ewig in der Vergangenheit des Kunden wühlt, bevor man „zur Sache kommt“. Für langwierig-umständliche Anamnesen (= Passiv-Diagnosen) wäre ich schlicht und einfach zu ungeduldig. Aber gerade die Aktiv-Diagnose verlangt eine große, dauerhafte Achtsamkeit für Nuancen, unwillkürliche Äußerungen, offensichtlich Ausgespartes und vernachlässigtes Naheliegendes. – Statt am Anfang einmal aufmerksam zu sein und dann „seine Lösungen durchzuziehen“ muss man hier während der gesamten Beratungsarbeit überaus aufmerksam, wendig und reaktiv bleiben. „In Kontakt“ eben. „Beim Kunden“ eben. Sich-wechselseitig-abholend.

Fragen Sie mich mal, wie müde ich davon manchmal am Abend bin… 😉

Wovon man sich also in einem sehr prozessorientierten Coaching-Prozess permanent, iterativ, immer-immer-wieder „abholen“ lässt, das sind die unwillkürlichen Körperreaktionen des anderen Menschen, auf die man systematisch achtet.

In der virtuellen Welt fehlen einem genau diese „Informationen“. Auch und vor allem deswegen sind die virtuellen Welten, die wir uns geschaffen haben, in einigen, ganz bestimmten Hinsichten mit Vorsicht zu genießen.

Gute Beratung braucht körperliche Anwesenheit in einem Raum.

Und unter diesen Bedingungen: Körperlichkeit und eigene Agendalosigkeit ist „Abholen“ eine richtig gute Sache.

Man könnte auch „sinnvolle soziale Kopplung“ dazu sagen.

Aber das würden Menschen, die noch nicht erfahren haben, dass man Empathie lernen kann, natürlich niemals sagen.

Genausowenig Menschen, die gar keinen Empathiebedarf spüren können, weil sie in Machtpositionen sind, aus denen es für uns grundsätzlich schwer ist nachzuvollziehen, aus welchen Gründen heraus es Empathie-Praktiken und „gutes Abholen“ überhaupt brauchen könnte.

Haben wir „am eigenen Leib“ über einen längeren Zeitraum massive Ohnmachtserfahrungen gemacht, ist es für uns als Menschen einfach wesentlich leichter zu bemerken, dass Empathie der zentrale Faktor bei sozialen Fortschritten ist.

Insbesondere gilt das in unserer heutigen Gesellschaft für den Faktor vermögend/unvermögend bzw. arm/reich. Der Grund dafür ist einfach zu erkennen: Macht/Ohnmachts-Erfahrungen sind in unserer heutigen Gesellschaft hauptsächlich eine Vermögensfrage.

Macht zu haben, reich zu sein und darüber kein Arschloch zu werden, das scheint mir eine heroisch-übermenschliche Herausforderung zu sein.

Erwarten können wir das von uns jedenfalls nicht. Nicht angesichts des derzeitigen Stands der Forschung dazu, wann wir Menschen verlässlich Empathie-Verhalten zeigen = wann wir uns stark und beständig darum bemühen, einander abzuholen.

 

 

 

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