Konservative Ideologien erzeugen ein sehr einfaches und klar benennbares Problem:

Sie ontologisieren menschliche Institutionen.

Mit dem Begriff der „Ontologisierung“ kann man allerdings bei Menschen, die nicht von Philosophie angekränkelt sind, wenig gewinnen.

Und es lässt sich auch tatsächlich viel besser umschreiben, was das Problem mit dem Konservatismus ist.

Menschliche Institutionen dienen menschlichen Zwecken. Genauer: Bedürfnissen. Da es sich um Mittel zu Zwecken handelt, sind sie der Überprüfung zugänglich. Und zwar der Überprüfung, ob es nicht vielleicht bessere Mittel gibt, um die genau gleichen Zwecke zu erfüllen, um die genau gleichen menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Bei diesen „alternativen Mitteln“ kann es sich wiederum um Institutionen handeln: Andere Institutionen, in dieser Hinsicht bessere Institutionen. Oder es kann sich um etwas anderes, Nicht-Instituionelles handeln. Handeln zum Beispiel. Persönliche Initiative, etc.

Es gibt also durchaus so etwas wie „institutionelles Versagen“. Oder, freundlicher: Ein Dysfunktional-Werden von Institutionen. Einfach, weil mittlerweile bessere Mittel zur Verfügung stehen.

Im Grunde ist es sogar das Schicksal einer JEDEN Institution, irgendwann durch etwas ersetzt zu werden. Institutionen tragen das Mal der Sterblichkeit in ihrem Herzen. Auf andere Weise als lebende Wesen. Aber in der gleichen Unausweichlichkeit.

Institutionen verdienen daher eine ständige Überprüfung darauf, ob sie nicht vielleicht durch Besseres ersetzt werden können. Denn wenn Institutionen zum Selbstzweck erklärt werden, blockieren sie das Bessere.

Mit anderen Worten: Sie beginnen uns als Menschen zu schaden.

Der Konservatismus möchte nun eine solche Überprüfung nicht. Nicht für ganz bestimmte, ihm ganz besonders ans Herz gewachsene Institutionen. Die sollen „Artenschutz“ bekommen. Die sollen bis in alle Ewigkeit weitergeführt werden. Die sollen nicht ersetzt werden durch Besseres.

Daher ist der Konservatismus menschenfeindlich. Er setzt etwas, das für Menschen schlecht ist, höher an als menschliches Wohlergehen selbst.

Wenn man genauer hinsieht, handelt es sich beim Konservatismus sogar um etwas noch Kläglicheres: Er setzt die schlichten Gewohnheiten einer ganz bestimmten, in bestimmte Institutionen vernarrten Menschengruppe über das allgemeine menschliche Wohlergehen.

Konservatismus ist aus sich selbst heraus partikularistisch und überheblich in dem Sinne, dass er manche Menschen für wichtiger erklärt als andere.

Das ist nämlich der ethische Gegenwert zu dem performativen Akt, pure Gewohnheit über allgemeine menschliche Bedürfnisse zu stellen. Bestimmte, historisch zufällige Strategien zur Bedürfnisbefriedigung über die menschlichen Bedürfnisse selbst zu stellen. Darüber zu stellen, dass es Menschen besser geht.

Ein seelisch gesunder Mensch kann daher niemals konservativ sein. Das ist „rein technisch“ umöglich. Konservatismus ist immer Ausdruck einer Selbstentfremdung, die mit einer Entfremdung von anderen Menschen einhergeht.

Entschieden konservative Menschen haben daher vor allem eins verdient: Unser Mitgefühl und unsere Zuwendung zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen. Ganz genauso wie das alle anderen Menschen auch verdient haben.

Unsere Institutionen brauchen keinen Artenschutz. Sie brauchen Überprüfung, ob sie uns in dieser Form wirklich auf die derzeit bestmögliche Weise dienen.

Die Weigerung, diese Überprüfung überhaupt auch nur zuzulassen, geschweige denn aktiv vorzunehmen, ist Konservatismus.

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