Nachdem wir im Vorläufer-Artikel wie verrückt auf den Konservatismus eingeprügelt und uns sogar nicht entblödet haben, ihn als Symptom einer „seelischen Krankheit“ zu bezeichnen, können wir uns nun die Frage stellen, was denn eigentlich die Bedürfnisse sind, die wir erhoffen, uns mithilfe von Konservatismus zu erfüllen?

Dazu fällt mir Folgendes ein:

  • Entwicklungen können uns „zu schnell gehen“
  • Entwicklungen können als fremdbestimmt erlebt werden
  • Entwicklungen können so ablaufen, dass bestimmte unserer Bedürfnisse plötzlich zu kurz kommen, die bisher gut versorgt waren
  • Entwicklungen können so beschaffen sein, dass sie ohne Not Bewährtes, Nützliches, Unverzichtbares und Notwendiges über Bord werfen, so dass wir es später bereuen, z.B. weil die dadurch hervorgerufenen Verluste unwiderbringlich sind, weil gar nicht „restauriert“ werden kann, was einmal verloren ist.

All dem können wir uns mittels einer konservativen, bewahrenden Grundeinstellung entgegentreten.

„Konservativ“ heißt dann: „Lasst uns doch einmal etwas Zeit nehmen zu prüfen, ob uns diese Entscheidung für etwas ganz bestimmtes Neues wirklich gut tut, ob es uns damit besser geht. Lasst uns auch nachprüfen, ob wir hier nicht etwas fahrlässiger Weise über Bord werfen, was uns nützlich ist, was wir nur nicht genügend wertschätzen; vielleicht deswegen, weil wir es schon für all zu selbstverständlich halten.“

All das ist aber mit „Konservatismus“ nicht gemeint. Konservatismus bedeutet, dass ich gar nichts prüfen will. Ich bin entschieden, nicht zu prüfen, ob diese oder jene Einrichtung, Institution, Gesetz besser oder schlechter für uns ist, sondern ich bin entschieden, eine rechtspositivistische Haltung einzunehmen: Ich will mich in eine bestimmte, kontingente Institution entäußern, so dass sie für mich „wichtiger ist als die Menschen selbst“.

Konservatismus in diesem Sinne bedeutet: Es gibt Wichtigeres für Menschen als das Wohlergehen einzelner Menschen. Es gibt Institutionen, die es wert sind, dass Menschen für ihr Fortbestehen leiden und sterben. Es macht die Größe des Menschen aus („es erhebt ihn über das Tier, etc.“), dass er bereit ist, sich und andere für etwas zu opfern, das „größer ist als er selbst.“ – Es sind alte Soldatentugenden, die dieser Konservatismus hoch hält: Opferbereitschaft, Disziplin, „Treue bis in den Tod“, usw. usf.

Und ich nenne die so von mir überhöhten Institutionen dann „Kultur“. – „Kultur“ ist die positive emotionale Aufladung einer Institution so, dass sie nicht in Frage gestellt werden darf und soll.

Ein menschlicher Bewahrungswille kann diese Haltung nicht einnehmen. Auch er wird sich an den Homo-mensura-Satz des Protagoras halten, demzufolge der Mensch das Maß aller Dinge ist, der seienden Institutionen, dass sie sind, der nicht-seienden Institutionen, dass sie nicht sind.

Konservative Güte

Es ist eine konservative Haltung möglich, die uns Menschen Institutionen ebenfalls nicht  als etwas „Übergeordnetes“ überstülpen will, sondern die Institutionen ebenfalls konsequent von menschlichen Gefühlen und Bedürfnissen her denkt.

Nur agiert eine solch menschlicher Bewahrungswille mit einer Unschuldsvermutung für die bestehenden Institutionen: Er verlangt den Nachweis, dass bessere Institutionen möglich sind. Und mehr noch den Nachweis, dass man ihm klar und deutlich zeigt, dass die bestehenden Institutionen überhaupt eine Änderung verlangen, dass sie also heute oder morgen lebenden Menschen schaden.

Der erste Nachweis ist schwer zu führen. Weniger konservative, experimentierfreudigere Geister können nur darauf hinweisen, „dass man das ausprobieren muss“ und dass es für reale, wirksame Institutionen keine Laborsituation gibt. Die Geschichte ist kein Objekt für Naturwissenschaftler. – In der Diskussion und in den Experimenten zum Bedingungslosen Grundeinkommen ist das z.B. relevant. Im Grunde aber bei jeder gesellschaftlichen Veränderung, die der Rede wert ist.

Ob sich „ein guter Konservativer“ von solchem Aus- und Herumprobieren überzeugen oder beruhigen lässt, kann ich nicht sagen. Es soll ja zeigen, „dass Besseres als das Bestehende möglich ist“ und dennoch bleibt die Aussagekraft solcher gesellschaftlichen „Experimente“ immer begrenzt. Zudem spielen wir hier immer mit menschlichen Leben, also mit uns selbst. – Es kann also immer auch schon gegen das Experimentieren an sich argumentiert werden. Oder zumindest gefordert werden, dass wir unsere real-gesellschaftlichen Versuchsaufbauten so gestalten, dass bei ihnen gewährleistet ist, dass der Schaden für Betroffene sich in engsten Grenzen hält.

Beim zweiten Nachweis: Dass es überhaupt Änderungsbedarf gibt sind diejenigen Menschen, die diesen Änderungsbedarf empfinden, gegenüber unseren konservativen Ansprüchen darauf angewiesen, dass der Grund „es geht dieser oder jener Personengruppe gerade schlecht“ überhaupt als Handlungsgrund anerkannt und ernstgenommen wird.

Es braucht also empfindungsfähige, empathische Konservative, will sich Konservatismus sinnvoll in unseren politischen Austausch einbringen und seine berechtigten Ansprüche geltend machen.

Am Ende kann es nur um das Wohlergehen von Menschen gehen. Geht es in konservativen Impulsen genau darum, so ist das konservative Argument genau das gleiche wie das von Progressiven: „Lass uns genau prüfen, was besser und was schlechter ist. Welche Institution uns mehr hilft: Diese oder jene. – In einem ergebnisoffenen Prozess.“

Das heißt auch: Das Ergebnis kann immer sein, alles beim Alten zu belassen. Progressives hat kein Recht aus sich selbst heraus. „Fortschritt“ ist kein Argument.

Die Unschuldsvermutung für bestehende Institutionen macht genau dann Sinn, wenn die gleiche Unschuldsvermutung für neue, andere Institutionen gilt, die wir uns als Menschen aus einer gegebenen Situation und einem gegebenen Bedürfnis heraus ausdenken.

Jenseits der Lager

Nun können sich beide „Lager“ (die ich beide für so unnötig halte wie einen Kropf) noch andere Dinge um die Ohren hauen, um die einseitige Unschuldsvermutung für ihre „Position“ „ins Felde zu führen“ und die überaus kritische Prüfung der Behauptungen ihres „Kontrahenten“ nahezulegen:

Die Progressiven können darauf hinweisen: „Ja, aber die Menschen neigen sich daran, an Leid zu gewöhnen. Sie gewöhnen sich sogar an Mord, Folter und gröbste Vernachlässigung. Deswegen muss allein das Progressive, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft eine Unschuldsvermutung für sich haben – und alles Bestehende muss auf den allerallerstrengsten Prüfstand!“

Die Konservativen können darauf hinweisen: „Ja, aber die Menschen neigen sich daran, sich an das Gute zu gewöhnen und vielleicht auch nur aus reiner Verwöhnung und Langeweile heraus zu glauben, dass sich das Gras irgendeiner dahergelaufenen Utopie als grüner erweisen wird. Auch wenn es sich dann am Ende nur als das grün verschimmelter Träume, menschlicher Faulheit und Undankbarkeit herausstellt. Deswegen muss allein das Bestehende, die Bewahrung des bereits Erreichten und mühevoll Aufrechterhaltenen eine Unschuldsvermutung für sich haben – und alles Visionäre muss auf den allerstrengsten Prüfstand!“

Wie man sieht: Auch die menschliche Natur hilft keiner der beiden Seiten, diesen ersten aller Weltkriege auch nur einen Meter näher an eine Entscheidung heranzubringen.

Wie angedeutet: Mein Vorschlag wäre ja, die Lagerbildung ganz generell als sinnlos zu durchschauen. Sich Zeit zu nehmen. Für das konkrete Problem. Mit Blick auf das, was es mit den Menschen macht. Die Bedürfnisse und Gefühle in ihnen als naturale, unmanipulierbare Größen aufzufassen (ich weiß: das klingt absurd). Und darüber zu sprechen, indem man sich wechselseitig zuhört. Sich vor allem dafür Zeit nimmt. Dabei das Gefühl der Bedrohtheit verliert, weil man Sicherheit gewinnt, dass man wirklich verstanden wird. Dass es den anderen wichtig ist, wie es einem geht – wenn alles bleibt, wie es ist; wie es einem damit geht, wenn es sich so verändert; und wie es einem geht, wenn es sich so verändert. Und so für alle. Eben wechselseitig. Echtes Interesse am anderen Menschen und seinen hochwahrscheinlich anderen Erfahrungen und Lebenssituation.

Ich halte genau das für Demokratie. – Und die braucht weder Konservatismus noch Progressivismus. Sondern Zeit und Ernstnehmen der Äußerungen beteiligter und betroffener Menschen.

Nicht das, was die Position eigentlich will, ist das Problematische. Sondern, dass sie eine „Position“ ist: Teil eines auf Ewigkeit geschalteten Kriegs, der ebenso systematisch Gutes zerstört, das bewahrt werden könnte, wie er Gutes verhindert, das realisierbar wäre.

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