Der Spiegel berichtet in seiner Eines-Tages-Serie von den Versuchen der Nazis, den ausgestorbenen Auerochsen durch Zuchtversuche wieder zum Leben zu erwecken. Die „Überkuh“, die dabei entstand, war dem historischen Vorbild zwar nur in Teilen ähnlich, zeichnete sich aber durch eine so große Aggressivität aus, dass die meisten Tiere geschlachtet werden mussten.

Angesichts der Menschen-Zuchtversuche der Nazis und dem Umstand, dass auch wir selbst überaus formbare Wesen sind, lohnt es sich, der Frage nachzugehen, ob solche Kriegerkulturen vielleicht tatsächlich anderen menschlichen Kulturformen überlegen sind.

Immerhin ist prinzipiell Folgendes denkbar: Wir züchten Menschen so auf Aggressivität hin, dass sie in der Lage sind, alle anderen Menschen zu unterwerfen, zu versklaven und auszubeuten. Wir haben dann Zugang zu all ihren Bodenschätzen, können sie für „niedere Arbeiten“ in Dienst nehmen usw.

Wo ist das Problem?

Interessant an diesem Gedankengang ist erst einmal, dass vorstellbar ist, dass das bei Tieren vielleicht sogar klappen könnte. Immerhin kommen die meisten Tiere bereits voll ausgebildet zur Welt. Sie sind – anders als wir Menschen – keine Frühgeburten, die viel Liebe und Pflege brauchen, um sich zu selbständigen, voll lebens- und interaktionsfähigen Lebewesen zu entwickeln.

Es scheint hier also einen „biologischen Grund“ dafür zu geben, warum wir Menschen nicht – ohne Limit – aufrüsten und auf Aggressivität trimmen können. Kriegerkulturen haben eine interne Grenze: Sie besteht darin, dass Krieger schlechte Eltern sind. Sie können den kleinen Menschenwesen, die wir zunächst sind, nicht das geben, was sie brauchen, um sich zu Erwachsenen entwickeln zu können.

Nun ist aber auch dafür „Lösungen“ denkbar: Wir halten einen Teil der Menschen von der „Ausbildung/Zucht zu Kriegern“ frei. Das heißt entweder: Wir bilden „Kriegerkasten“, währen parallel andere Kasten bestehen, die andere Aufgaben wahrnehmen, für die sich Menschen, die auf Krieger zugerichtet wurden, einfach schlecht eignen. Oder wir spalten parallel eine Menschengruppe ab, die genau solche Aufgaben wahrnimmt, trimmen also parallel andere Menschen auf „Pfleger“, o.ä.

Der Witz daran ist, dass beide „Lösungen“ in der menschlichen Geschichte bereits erprobt wurden. Die Herausbildung einer „Adelsklasse“ wurde zumindest immer so verargumentiert. Die andere Lösung besteht in der Nutzung der biologischen Unterschiede zwischen den meisten Männern und den meisten Frauen und der Entscheidung, Männer zu „Kriegern“ zuzurichten und Frauen zu „Pflegern“.

Beide kulturellen Entscheidungen haben offensichtlich den Sinn, einerseits diejenige Aggressivität zu maximieren, die verspricht, alle anderen Menschengruppen zu unterwerfen, ohne dabei als Gesellschaft zusammenlebensunfähig zu werden und sich nur noch selbst zu zerfleischen.

Denn auch der primitivsten Kriegerkultur ist klar, dass einmal gezüchtete Aggressivität sich nicht einseitig „nach außen“ kanalisieren lässt. Sie wird sich immer auch gegen die eigene Gruppe richten und braucht daher ein Gegengewicht. Reine Kriegerkulturen, also Gesellschaften, in der ausnahmslos alle Menschen auf „Krieger“ zugerichtet werden, findet man daher in der Menschheitsgeschichte vergeblich. Fragen Sie gerne nach bei Historikern und Anthropologen.

„Pflege“ und „Zuwendung“ sind offensichtlich anthropologisch konstante Bedarfe. Conditio sine qua non menschliches Zusammenleben möglich ist.

Die Frage ist aber, ob das Gleiche auch für „hochgezüchtete Aggressivität“ gilt?

In einer Umwelt, in der es „wilde Tiere“ gibt und „feindliche Stämme“, mag das durchaus der Fall sein. In einer Weltgesellschaft, die faktisch kein Außen mehr hat, kann man sich allenfalls „feindliche Aliens“ herbeifantasieren, um die Vorstellung künstlich aufrecht zu erhalten, es brauche weiterhin auf Aggressivität getrimmte Krieger.

In einer Lage, in der sich menschliche Gesellschaft evolutionär so weit entwickelt hat, dass sie vollinklusiv wird: In der alle Menschen einer Gesellschaft angehören, wird die Zurichtung von Menschen zu Kriegern offensichtlich dysfunktional und kontraproduktiv.

Sie wird selbst zum Problem. Was einst eine Lösung gewesen sein mag, um das Überleben – und vielleicht sogar gute Leben – von Menschen zu ermöglichen, wird in einer veränderten Umwelt zu einem lebensbedrohlichen Problem.

Das ist die menschliche Variante von „survival of the fittest“ – Überleben der Best-Angepassten.

Wir sind heute angehalten zu bemerken, dass sich die Dinge geändert haben. Durch uns selbst, für uns. Und dass wir uns und unsere Intitutionen daher ebenfalls verändern.

Menschen, die wir auf „Krieger“ trimmen, deren Aggressivität wir fördern und bejahen, haben diese Aggressivität in allen Lebenssituationen. Sie lässt sich nicht einfach „ein- und ausschalten“. So funktionieren wir nicht. Zum Krieger erzogene Menschen muss ich von anderen Menschen fernhalten, ich muss sie einkasernieren und einer „strengen Zucht und Ordnung unterwerfen“, in der Regel einer hierarchischen Organisation mit klaren Regeln, klaren Rängen, klaren Straf- und Belohnungssystemen.

Allerdings sucht sich auch dann ein einmal etabliertes Aggressivitätsniveau „seine Situationen“. Die Jungs wollen ja auch mal zeigen, was sie so drauf haben. Die ganze hochgezüchtete Anspannung will sich ja auch mal entladen. So viel Sex kann mann gar nicht haben, dass jene angestaute Energie allein in diese Kanäle geht. So viel Prostitution kann eine halbwegs lebensfähige Gesellschaft gar nicht etablieren.

Mit anderen Worten: Züchtest Du Krieger, wirst Du Krieg bekommen.

Die Rechtfertigung heutiger Kriegerkulturen sieht jedoch ganz anders aus. Sie besagt: „Es wird immer Krieg geben“. Oder „Es wird immer Völker geben“. Etc.

Es ist aber leicht zu sehen, dass es sich um eine Verweigerung handelt, die Veränderungen wahrzunehmen, die sich gerade abspielen. Die offensichtliche Herausbildung einer globalen, menschlichen Weltgesellschaft, die kein Außen mehr hat.

Und in der es eben für Krieger gar keinen Bedarf mehr gibt.

Wir leben in einer Zeit, in der die verschiedenen Kriegerkulturen um ihr Überleben betteln. Und es scheint bereits abgemacht, dass sie zum Aussterben verurteilt sind. Jenseits unserer Entscheidungen. Jenseits dessen, was uns passt und was uns nicht passt.

Aber natürlich wird eine Kriegerkultur, die etwas auf sich hält, „nicht kampflos aufgeben“. Das ist ja, was sie kennt: „Kampf ums Überleben“. Also tut sie eben, was sie eben so tut.

Bis wir dessen völlig überdrüssig geworden sind – und uns derjenigen Institutionen endgültig entledigen, die uns auf diese Weise Zurichten.

Ich persönlich, meines Zeichens zum Krieger überaus gut geeignet, wäre ja schon soweit.

Ich warte aber auch gerne noch ein Weilchen, bis andere vom Kriegführen ebenfalls genug haben… 😉

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