Der Begriff der „Selbstlosigkeit“ gehört für mich zu jenen Worten, die uns aus sich selbst heraus in die Irre führen und ein völlig unproduktives Bild von uns und unserem Zusammenleben entwerfen.

Die mit Selbstlosigkeit verknüpften Vorstellungen gehen in die Richtung: Sich nicht so wichtig zu nehmen, andere Menschen wichtiger nehmen als sich selbst, etc.

Die Frage ist nur, ob das damit verbundene Verhalten heutigen psychologischen Betrachtungen „wie Menschen so funktionieren“ noch standhalten kann.

Soweit ich sehen kann, sind alle Vorstellungen, die sich mit „Selbstlosigkeit“ verknüpfen, illusorisch.

Wir können sogar geradewegs ins Gegenteil gehen: Wir können stattdessen davon sprechen, dass sich die allermeisten Menschen selber deutlich wichtiger nehmen sollten als sie es derzeit tun. Und das viele unserer heutigen Probleme genau darin ihre Wurzel und Quelle haben: Dass den meisten von uns die Fähigkeit abtrainiert wurde, sich selber hinreichend wichtig zu nehmen und als „wertvoll in sich selbst“ zu erleben.

Selbstlosigkeit, gleich ob in ihrer christlichen oder buddhistischen Variante, ist nach meinen Eindrücken „highway to hell“.

Wir brauchen heute vielmehr eine Kultur der „Selbstfülle“ oder „Selbstvielfalt“.

Und das nicht aus einem solipsistischen Selbstverwirklichungs-Gedöns heraus. Sondern deswegen, weil nur Menschen, die mit sich selbst gut in Kontakt sind, auch mit anderen Menschen in guten Kontakt treten können. Und umgekehrt.

Die Entdeckung der modernen Psychologie, dass der Gegensatz zwischen „Egoismus“ und „Altruismus“ eine leere Seifenblase ist, bringt auch die Verherrlichung des Ideals der Selbstlosigkeit zum Platzen.

Ein Mensch, der tatsächlich ernsthaft versucht, „selbstlos“ zu agieren, wird immer in einer von zwei ziemlich asozialen Situationen landen:

1) Er wird sich in eine Art Helferkomplex aufreiben und ausbluten. Bis er selbst zum Pflegefall geworden ist und sich andere ein einer äußerst aufwändigen Form um ihn kümmern müssen. – Die Natur lässt sich beim Gleichgewicht von Geben und Nehmen nicht betrügen. Sie ist da unerbittlich.

2) Er wird in irgendeiner Art von stabilisierter Verlogenheit landen. Er wird sich und anderen ein Bild von sich selbst vorspielen – und sich seine kompensatorische Selbstsorge auf heimliche und meist ausbeuterische Weise genehmigen. Nicht offen und symmetrisch. Sondern räuberisch und asymmetrisch. Nach der Logik: „Ich bin ja so selbstlos, da darf ich ja wohl, was andere nicht dürfen“.

Beides sind Formen des „Ich-bin-ein-besserer-Mensch-als-andere-Syndroms“.

Die Wurzel der Anhimmlung von Selbstlosigkeit ist ausnahmslos ein bereits verletztes Ego, das nicht die Liebe erhalten hat, die nötig ist, um Praktiken der guten Selbstsorge zu etablieren. Einer Selbstsorge, die bitten kann. Die sich Fehler und Unperfektheiten verzeihen kann. Die mit eigenen und fremden Bedürfnissen offen und direkt umgehen kann.

Die Alternative zu Selbstlosigkeit ist Verbundenheit. Verbundenheit, die sich immer im Doppelgestirn „Eigen- und Anderempathie“ ausdrückt. Bei dem immer klar ist, dass wir das eine ohne das andere nicht haben können. Bei dem immer klar ist, dass alle Menschen exakt gleich wichtig und gleichwertig sind. Und damit auch unsere Gefühle und Bedürfnisse.

Selbstlosigkeit heißt dagegen: „Ich scheiße auf menschliche Bedürfnisse. Ich scheiße auf meine Menschlichkeit“

Das Wort ist eines jener vielen, die auf den Müllhaufen der Begriffsgeschichte gehören.