Sie flackert derzeit immer wieder auf: Die Sehnsucht nach einem „guten Diktator“. Die Sehnsucht nach jemandem, der all die gordischen Knoten der Politik einfach zerschlägt, anstatt sie vergeblich zu entfieseln. Nach einem erkennbaren politischen Willen, der „durchregiert“. Nach jemandem, der uns etwas zumutet, nach jemandem der uns über unsere Selbstblockaden, unsere Ängste vor Schmerzen, Einschnitten und Kostspieligen Maßnahmen hinweghilft…

Das alles ist psychologisch gut nachvollziehbar. Immerhin scheint ja „Demokratie“ so unglaublich unerwachsen zu sein. Ständig diese Ausgleiche. Ständig scheitern wichtige politische Entscheidungen und Maßnahmen an „Befindlichkeiten“ irgend einer „Randgruppe“. Ständig scheinen irgendwelche marginalen Lobbygruppen das Gemeinwohl zu kapern. Genauer: Dem Gemeinwohl zu schaden, in dem sie ihre „Partikularinteressen“ durchsetzen.

Wie ein Haufen Kinder, die niemals gemeinsam beschließen würden zur Zahnwurzelbehandlung zu gehen.

Wir erscheinen im derzeitigen politischen System, das wir „Demokratie“ nennen, das nach meinem Dafürhalten aber keine Demokratie ist, wie Unmündige und Unvernünftige. Unfähig, unsere kurzfristigen Interessen rational gegen unsere langfristigen Interessen abzuwägen.

Ich halte die „Erscheinung“ für eine Illusion, die von dem politischen System erzeugt wird, das wir selbst geschaffen haben und das wir derzeit immer noch aufrecht erhalten, obwohl es ganz offensichtlich dysfunktional geworden ist.

Und das fatale ist: Unsere fehlende Anerkennung eines umfassenden Weiterenwicklungsbedarfs erzeugt eben nicht nur das Bild „unvernünftiger Bürger“, sondern damit verbunden auch eine Sehnsucht nach „erlösender Autokratie“, wenn nicht eben Diktatur.

Was dieses Denken sich nicht vorstellen kann, ist folgendes: Treffen Bürger unmittelbar aufeinander und wägen schwierige, schmerzhafte politische Themen miteinander ab, so verhalten sie sich völlig anders als wir das kennen und gewohnt sind.

Sie verhalten sich dann nicht nur vernünftiger als in social-media-Foren oder an Stammtischen. Sie verhalten sich auch viel vernünftiger als gewählte Berufspolitiker sich heute verhalten können, die in unserem derzeitigen System von uns zahlreichen und überaus starken Fehlanreizen ausgesetzt werden, so dass sie eben jenen „politischen Willen“ gar nicht mehr entwickeln können, den wir bei vielen Themen so sehr vermissen.

Das heißt: Entgegen dem äußeren Anschein brauchen wir keineswegs „eine gute Diktatur“ (so etwas kann es gar nicht geben, heute schon gleich 10x nicht). Wir brauchen eine echte Demokratie: Eine, in der Bürger im Losverfahren ausgewählt werden und sich ernsthaft und politisch ermächtigt mit den Themen, die gemeinsam entschieden werden müssen, auseinandersetzen können.

Wir brauchen heute dringend Bürgerratsversammlungen und Bürgerparlamente. Als Orte der politischen Willensbildung. Einer Willensbildung, die auf keinem anderen Weg geleistet werden kann. Nicht durch Wahlen von Parteilisten. Nicht durch Volksentscheide. Nicht durch Online-Partizipation.

Im Angesicht des Anderen entstehen neuartige politische Lösungen. Wenn ich mich damit auseinandersetzen muss, was das, was ich politisch will, für meinen Mitbürger in seinem Lebensalltag bedeutet. Und er das gleiche bei mir muss.

Bürgerratsversammlungen und Bürgerparlamente sind – wenn man sie entsprechen konzipiert und durchführt – Orte, an denen Empathie entsteht, wo vorher keine war.

Und mit diesem tieferen Verständnis des Wollens und Brauchens anderer, die in anderen Lebenssituationen sind als sich selbst, und mit dem Bemerken des umgekehrten Verständnisses für die eigenen Bedürfnisse beim Anderen, entsteht ein gemeinsamer politischer Wille der Bürger.

Einer, der in der Lage ist, schmerzhafte Entscheidungen zu treffen. Zum Wohle aller. Zum Wohle der gemeinsamen Zukunft. In Anerkennung des Faktums, dass wir alle wechselseitig voneinander abhängig sind und einander brauchen.

Wir brauchen politische Formate und Verfahren, die uns Bürgern ermöglichen, diejenigen erwachsenen, verantwortungsbewussten Menschen zu sein, die wir in unserem Alltag zum großen Teil sind.

Ja, wir Menschen sind oft „irrational“. Wir können uns verrennen. Wir können schmollen, bockig sein. Wir können auf Unsinn bestehen, der uns eigentlich gar nicht so wichtig ist. Nur um jemandem anderen eins auszuwischen, von dem wir uns missachtet fühlen. Um die Machtfrage zu klären. – Viele unserer heutigen politischen Themen, die „runtergekühlt“ recht einfach konsensuell zu entscheiden wären, werden im derzeitigen System dazu missbraucht, die Machtfrage auszuhandeln. – Gruppendynamiker kennen so etwas von den „Forming- und Storming-Phasen“ im Teambuilding. Mit dem Unterschied, dass unsere derzeitigen Systeme mit ihren Anreizen diese Phase auf Dauer stellen.

Aber eben darum, weil wir Menschen zu selbstschädigendem, irrationalem Verhalten sind, genau deswegen brauchen wir politische Institutionen, die so gebaut sind, „dass sie das Beste aus uns herausholen“. Die uns von unserer richtigen Seite her Triggern. Die wechselseitiges Verständnis und Empathie aktivieren und ausbauen. Die unsere Erwachsenen-Anteile fördern, indem sie sie abrufen.

All das kann in Bürgerversammlungen und Bürgerparlamenten passieren, wenn man sie klug aufsetzt.

In einer Diktatur werden wir nur wieder „offiziell“ zu politischen Kindern gemacht. Diktatur ist die Kapitulation der unvollständigen Demokratie vor der Aufgabe, sich zu einer vollständigen, echten Demokratie weiterzuentwickeln.

Wir leben in Zeiten, in denen wir derzeit noch die Wahl haben, ob wir schon genügend Lust verspüren, wirklich politisch mündig, wirklich politisch erwachsen zu sein.

In denen wir uns fragen können, ob wir mehr oder weniger politische Mitbestimmung wollen. Ob wir es uns zutrauen, „mündige Bürger“ zu sein.

Oder ob wir aufgeben und alles „Mutti und Papi“ überlassen wollen. In der illusorischen Hoffnung, sie könnten es besser wissen. In der Illusion, sie könnten überhaupt wissen, was für uns, ganz individuell uns gut ist.

 

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