Die großartige Sarah Biendarra hat auf Twitter zur #Feedbackparade aufgerufen. Da ich mit sowas immer leicht zu kriegen bin, weil ich irrtümlich annehme, zu jedem dahergelaufenen Thema was zu sagen zu haben (unheilbare Krankheit), here we go:

Wer gute Strukturen hat, braucht kein Feedback

Ich erlebe das Wort „Feedback“ als Symptom einer Ausfallerscheinung: Es tritt nur in solchen Kulturen auf, in denen die Zeit, die Ruhe und das Vertrauen für den alltäglichen Austausch nicht mehr verfügbar sind. In „entfremdeten / entfremdenden Organisationen“ sozusagen.

Denn wir Menschen sind nunmal fundamental soziale Wesen. Wir senden ständig Feedback. Und wir empfangen ständig Feedback. Wenn dieser natürliche Vorgang nicht künstlich durch schlechte Strukturen unterbunden wird. In der Regel sind das Strukturen, die Machtasymmetrien auf Dauer stellen.

Lebhaft in Erinnerung geblieben ist mir die Äußerung eines meiner Profs an der Uni, als die Unibürokratie Feedbacksheets zu den Seminaren und Vorlesungen der Fakultät einführte: „Ja, können Sie gerne ausfüllen. Aber ganz ehrlich: Sie können sich darauf verlassen, dass ich auch ohne dieses Blatt Papier mitbekomme, was sich bei Ihnen so tut und wie Sie finden, was wir hier zusammen machen.“

Der Mann war der mit Abstand beste akademische Lehrer, den ich in meinem überaus bunten Bummelstudium erlebt habe. Meine kleine persönliche Feldstudie umfasst dabei gefühlte 20 Fächer.

Das Gleiche bei Chefs, „deren Tür immer offensteht“. Also bei solchen, die solche Sätze eben nicht sagen, sondern bei denen das Praxis ist. Zugewandte Führungskräfte, die Zeit für ihre Mitarbeiter haben, wenn die einen Need haben. Und die ihre Mitarbeiter machen und gestalten lassen, wenn die Mitarbeiter der Meinung sind, dass sie gerade nichts von ihrer Führungskraft brauchen, sondern sehr gut ohne sie zurecht kommen. – Ich habe von dieser Sorte gottseidank schon eine ganze Menge erleben dürfen. Und keine einzige dieser Führungskräfte hatte Feedback-, Mitarbeitergesprächs- oder sonst einen ähnlichen Bedarf. Dazu war man einfach viel zu nah aneinander dran. Man redete halt, wenn es aktuellen, situativen Bedarf gab. Man war in gutem Kontakt miteinander. Man musste den guten Kontakt nicht extra herstellen – auf einen Impuls von außen hin, aufgrund eines von außen aufoktroyierten Prozesses.

Und btw: Wer gibt eigentlich denjenigen Menschen Feedback, die Feedback-Prozesse aufsetzen, dass diese Prozesse nicht leisten, was sie leisten sollen? Dass sie kein Vertrauen aufbauen, sondern Vertrauen zerstören, weil diese Prozesse performativ setzen, dass kein Vertrauen da ist? Warum gibt eigentlich keiner dieses Feedback? – Genau! Da sind wir dann doch wieder beim Kern des Problems blockierter Kommunikation: Bei fixierten asymmetrischen Machtverhältnissen. Bei der Erfahrung, dass es in manchen Beziehungsverhältnissen viel zu riskant, kostspielig oder schlicht sinnlos ist, „offenes Feedback zu geben“.

Daher wäre mein Impuls: Sobald von „Feedback“ geredet wird, lauft weg!

Alternativ könnte man natürlich auch was ändern. Aber solches Verändern ist ja oft gerade dort unmöglich, wo im Alltag nicht mehr spontan und im wechselseitigen Vertrauen miteinander geredet werden kann.

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Ein Gedanke zu “Wir brauchen kein „Feedback“, weil wir ständig Feedback brauchen

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