Neulich war ein guter Freund zu Besuch. Wir plauderten und philosophierten über Gott und die Welt. Und dabei fiel dann irgendwann ein Satz, den ich bei Marie Miyashiro mal gehört hatte: „Die Meeting-Kultur ist der Herzschlag/Puls eines Unternehmens“ (oder so ähnlich).

Irgendwas daran blieb bei meinem Freund wohl hängen, denn 2 Tage später schickte er mir eine SMS mit der Frage nach dem genauen Wortlaut des Zitats. – Ich schaute nochmal nach in Marie’s Buch „The Empathy Factor“, konnte es aber auf die Schnelle nicht finden. Und wie es so ist, blieb ich an etwas ganz Anderem hängen. An einer überaus spannenden Einschätzung zum Thema Körpersprache, Gespräche und Zuhören.

Die daraus entstandenen Gedanken möchte ich gerne hier teilen. – Marie zitiert auf Seite 55 der deutschen Ausgabe von „Der Faktor Empathie“ Stephen Covey:

Zuhören

Eins der wichtigsten Elemente der empahtischen Verbindung ist das Zuhören, wie Stephen Covey es in seinem Buch Die 7 Wege zur Effektivität beschreibt: „Einfühlendes Zuhören schließt viel mehr ein, als nur die Worte zu registrieren, zu reflektieren oder sogar zu verstehen. Kommunikationsexperten gehen davon aus, dass überhaupt nur zehn Prozent unserer Kommunikation über Worte vermittelt werden. Weitere 30 Prozent machen unsere Töne aus und die anderen 60 kommen körpersprachlich zum Ausdruck. Beim einfühlenden Zuhören benutzen Sie zwar auch die Ohren, noch wichtiger ist aber, dass sie auch mit den Augen und dem Herzen hören. Sie lauschen dem Gefühl, dem Sinn. Sie erspüren das Verhalten. Sie benutzen die rechte Gehirnhälfte ebenso wie die linke. Sie spüren, Sie erfassen, Sie fühlen.“

Etwas für Menschen „zu tun“, um ihnen ihre Bedürfnisse zu erfüllen, beinhaltet manchmal, ihnen einfach nur aus einer tiefen empathischen Verbindung heraus zuzuhören und ihre Gefühle im Stillen oder auch laut einzuschätzen.“

Auch wenn der alte Trainer-Mythos „XYZ% der Kommunikation sind nonverbal“ längst gebustet ist, bleibt es eine gute Idee, im täglichen Miteinander einen großen Teil der eigenen Aufmerksamkeit für die Körpersprache seiner Mitmenschen zu reservieren.

Denn da tut sich immer einiges, das einem mit der eigenen begrenzten Aufmerksamkeitsspanne doch tatsächlich entgeht, wenn man es all zu sehr gewohnt ist, allein auf Semantik, Worte, Inhalte zu achten.

Eine noch bessere Idee scheint mir aber zu sein, das, was andere einem auf allen Kanälen signalisieren ganz bevorzugt mit der rechten anstatt mit der linken Hirnhälfte zu verarbeiten. – Wobei, halt stop: Auch die Sache mit der intuitiv-kreativen rechten Hirnhälte und der analytisch-logischen linken Hirnhälfte ist nach aktuellem Stand eher ein Mythos:

Viel zutreffender kann von verschiedenen Denkzuständen („cognitive modes“) gesprochen werden, bei denen untere und obere Hirnteile unterschiedlich intensiv (und vielleicht auch in unterschiedlicher Weise) miteinander zusammenarbeiten.

Der Modus, für den ich mich hier also gerade stark machen möchte, ist einer, in dem wir beim Zuhören bewusst „sehr stark vernetzt und bereichsübergreifend“ aufnehmen und denken. Und weniger „punktuell“ und „fokussierend“.

Für jemanden wie mich, der sehr stark zu „Teilbereichs-Intelligenzen“ neigt, ist das eine ziemliche Herausforderung. In den Worten von Stephen Kosslyn: Zumindest von meinen Gewohnheiten her habe ich ganz bestimmte cognitive modes ganz besonders bei mir kultiviert. Und andere schmählich vernachlässigt.

Und das hat Folgen: Für mich, für meine Interaktionen mit anderen Menschen, für meine Beziehungen, für meine Weltwahrnehmung und mein Weltgefühl. – Mein Selbstgefühl nicht zu vergessen.

To cut a long story short: Es ist nicht ganz leicht, gute Beziehungen und ein gutes Selbst- und Weltgefühl zu haben, wenn man die meiste Zeit seiner Wachzustände in einem Modus unterwegs ist, den man als eher „analytisch“ bezeichnen könnte. Wie Kosslyn das nennt, weiß ich nicht, ich bin gerade zu faul dafür, mich damit auseinanderzusetzen. Denn mir geht es um etwas anderes:

Wenn wir rekonstruieren, warum seit Jahrtausenden Menschen die analytische Daseinsform über Daseinsformen bevorzugen, die durch kreativere, freiere und verbundenere Denkmodi gefördert und ermöglicht werden, dann komme zumindest ich für mich auf Folgendes:

Reines Denken verhindert Kriege – Kurzfristig

Es geht uns ursprünglich um den Umgang mit Aggressionsverhalten. Starke Gefühle lösen klassische Fight-or-Flight-Reflexe aus, die in bestimmten Hirnschichten fundamental und unauslöschlich in uns angelegt sind. Das heißt: Jeder von uns hat diese Reflexe. Sie sind „menschlich“. Massive Hormonausschüttungen und drastische Absenkung des langsamen Denkens inklusive.

Zwar werden wir alle in unseren Kindheiten in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich „kallibriert“. Aber die Grundfunktionen sind jedem zugänglich. Jeder von uns hat sie schon „am eigenen Leib“ erlebt. Jeder von uns kennt sie.

Erleben wir diese Reflexe in uns sehr häufig oder sehr drastisch und auch von ihren Folgen als sehr schädlich und unproduktiv für uns, so ist es eine naheliegende Reaktion darauf, sich von diesen Reflexen so weit wie nur möglich zu distanzieren:

Der Denkmodus, den ich oben als „analytisch“ bezeichnet habe, ist geboren.

Er leistet sehr zuverlässig eine gewisse pauschale Emotionsniveau-Absenkung. Er schafft Distanz zu den eigenen Emotionen, bis hin zu psychischen Zuständen, die wir als „pauschal dissoziiert“ bezeichnen könnten.

Und ich denke ja: Diese Fähigkeit, sich durch Denken emotional zu entkoppeln hat sicherlich schon zahlreiche Morde und Selbstmorde, wenn nicht ganze Kriege verhindert.

Leider hat diese „Technik“ ein paar kleine Pferdefüße: Ihre Gewaltabsenkende Wirkung ist nur kurzfristig. Langfristig hat das analytische Denken die exakt gegenteilige Wirkung: Sie ermöglicht und fördert menschliches Gewaltverhalten.

Die Technik ist also nicht besonders nachhaltig, wenn man das so sagen will.

Auch dieser Effekt lässt sich relativ leicht rekonstruieren und nachvollziehbar machen:

Reines Denken erzeugt Kriege – langfristig

Da Gefühle ihren guten Sinn haben, einen Sinn, den wir verkürzend mit Marshall Rosenberg als „Information des Bewusstseins über Erfülltheit/Unerfülltheit vorhander Bedürfnisse“ bezeichnen, ist ein pauschales und dauerhaftes Abstandnehmen von der eigenen Emotionalität einer „inneren Erblindung“ gleichzusetzen:

Ein Mensch, der diesen Denkmodus exzessiv und vielleicht sogar ausschließlich praktiziert, weiß im Grunde gar nichts mehr über seine eigenen Bedürfnisse. Weder ist er informiert darüber, was er gerade braucht und was ihm guttut. Noch ist er informiert darüber, was er gerade nicht braucht und was ihm schlechttut.

Es ist pauschal von sich selbst abgespalten. Also zumindest von dem Teil von sich, den man als „das Bedürfniswesen Mensch“ bezeichnen könnte. Stattdessen hält er meist sein eigenes Denken, seine Ideen und sein Handeln für sein „Selbst“. Als ob er als Bedürfniswesen gar nicht existierte. Als ob er keine Emotionen hätte. – Da all dies vom Bewusstsein nicht mehr wahrgenommen wird, fehlt ihm auch scheinbar nichts. Blinde Flecken werden zu blinden Flecken, weil sie blinde Flecken sind.

Ein sehr wirksamer Filter: Auch wenn aufgrund der künstlichen Selbst-Beschneidung Probleme auftreten, können Lösungen nicht in der Richtung gesucht, die naheliegend und tatsächlich lösend wäre. Sondern sie werden wiederum „im Kopf“ gesucht. Es entstehen die berühmten Mindfucks, für die das emotions-entkoppelte Denken so berühmt und gefürchtet ist.

Warum aber nun Entstehen beim emotionsgereinigten Denken überhaupt Probleme?

Der Zusammenhang ist denkbar einfach: Jemand, der gar nicht mehr wahrnimmt, was er braucht und was er nicht braucht, bleibt systematisch in seinen Bedürfnissen unbefriedigt. Höchstens zufällig werden seine Bedürfnisse erfüllt (durch ihn selbst oder durch andere Menschen).

Unbefriedigte Bedürfnisse aber verschwinden nicht einfach, nur weil unser Bewusstsein sie gerade (oder eben dauerhaft) nicht auf dem Schirm hat. Anhand von Grundbedürfnissen wie Essen oder Schlaf ist das einigermaßen klar. Es gilt aber genauso für andere unserer Bedürfnisse, die vermeintlich weniger fundamental für uns sind, wie etwa Geborgenheit oder Anerkennung, u.v.a.m.

Ein Mensch, der unbefriedigt durch die Gegend läuft, aber nicht weiß, dass er mit sich in Unfrieden ist und zudem eine starke, gut austrainierte Technik zur Verfügung hat, um Emotionen auszublenden, staut Unbefriedigtheitsgefühle auf, bis es entweder aus ihm herausplatzt – oder bis er sie „heimlich“, am eigenen Bewusstsein vorbei befriedigt. Hier könnte ein kleiner Exkurs über die Sexualmoral stehen, die katholische Priester praktizieren, die im Zölibat leben. Ich spare mir das hier mal.

Immer noch ist aber das eigene Selbstbild als „rationaler, kontrollierter Mensch“ so stark, dass auch bei massiven Handlungsverstößen gegen dieses Selbstbild das Bild nicht korrigiert wird. So kommt es zustande, dass viele Gewalttäter von sich völlig überrascht sind, wenn sich dann am Ende nicht mehr vermeiden lässt, dass das eigene faktische Handeln und die drastische kognitive Dissonanz das eigene Bewusstsein erreicht.

Rein analytische Menschen sind immer Menschen, die sich schlecht um sich selbst kümmern. Ganz einfach, weil wir mit einer solchen dauerhaft Trennung von unseren emotional-bedürftigen Selbst gar nicht gut um uns kümmern können. – Das ist rein technisch unmöglich. Wenn ich nicht weiß, was ich brauche, kann ich mich nicht darum kümmern, was ich brauche. Ich kann auch andere Menschen nicht darum bitten, sich entsprechend um mich zu kümmern.

Menschen, die sich selbst in dieser Form systematisch unbefriedigt lassen, sind aber keine Menschen, die besonders friedliche Effekte auf ihre Mitmenschen und ihre Gesellschaft haben.

Auch wenn das oft sublimiert wird und die Kriege, die diese Menschen anzetteln, zunächst unkörperlich bleiben, am Ende läuft es immer auf’s Gleiche hinaus: Die Abspaltung vom emotionalen Selbst, die ursprünglich den hochsozialen Zweck hatte, Gewaltimpulse im Keim zu ersticken, führt zu Gewaltverhalten. Menschliche Gewalt wird so nicht verhindert, sie wird nur aufgeschoben. Und oftmals in ihren allgemein schädlichen Auswirkungen auf alle Beteiligten um ein vielfaches verstärkt.

Das wirft die Frage auf:

Wie mit starken Emotionen umgehen, die einen zu „unvernünftigem“ Handeln treiben können?

Wenn die „rationalistische“ Lösung langfristig zu schädlich ist, ist die naheliegende Frage, was denn überhaupt die Alternativen sind? Ob es überhaupt Alternativen gibt?

Eine, die mir selbst naheliegend erscheint, besteht in der genau umgekehrten Richtung der Bewusstseinsfokussierung: Anstatt systematisch von eigenen Gefühlen und Bedürfnissen wegzufokussieren, kann man sich darin üben, die eigene Aufmerksamkeit regelmäßig auf sie zu richten. Eine Praxis der Selbstwahrnehmung einzuüben und sich mit der eigenen Emotionalität und Bedürftigkeit vertraut zu machen. Sich „intern“ bewusst anders zu vernetzen. Weniger Gedanken-mit-Gedanken-mit-Handlungen. Mehr Gedanken-mit-Gefühlen-mit-Bedürfnissen-mit-Gedanken-mit-Gefühlen-mit-Handlungen.

Eben genau das ist es, was Marie Miyashiro in „Der Faktor Empathie“ als die Entdeckung der dritten Dimension (neben Denken und Handeln) bezeichnet. Oder als den langsamen Übergang von Flächenland nach Raumland (S. 18 ff.).

Ein Mensch, der „mit sich selbst gut in Kontakt ist“, hat schlicht und einfach größere Chancen, beim Aufkommen starker, überwältigtender Gefühle nicht von ihnen weggespült zu werden, oder Angst davor zu bekommen, dass „sein Bewusstsein weggespült werden könnte“, sondern er schafft systematisch ein kooperatives Verhältnis mit seinem Bedürfnis-Selbst.

Um ein Platonisches Bild zu benutzen: Statt die inneren Pferde mit Peitsche und Sporen niederzuzwingen und zu züchtigen, haben wir hier einen Bewusstseins-Reiter, der gelernt hat, mit seinen Pferden ohne drakonische Unterdrückungsmaßnahmen auszukommen. Einen „Pferdeflüsterer“ sozusagen.

Meine Behauptung ist nun: Diese Möglichkeit steht jedem von uns offen. Es erfordert jedoch Übung, tägliche Praxis. Und manchmal tatsächlich Begleitung und Hilfe von anderen, die die eigenen Emotionen und Bedürfnisse wahrnehmen können, die man selber nicht mehr wahrnimmt.

Bei dem Vorgang, sich vom rationalen Zuchtmeister und Gefühlsrunterdrücker zu einem kooperativen, selbstempathischeren Menschen zu entwickeln, können wir uns wechselseitig behilflich sein. Denn oft ist es leichter, die Emotionen in anderen Menschen wahrzunehmen als in einem selbst.

Mit einer Ausnahme: Wer sehr erfolgreich „ständig rationalisiert“ kann Gefühle in anderen genauso wenig wahrnehmen wie bei sich selbst.

Dies ist ein weiterer Grund dafür, warum eingefleischte Rationalisten gerne gesellschaftliche Kriege anzetteln: Sie finden gar nichts dabei. Sie können darin gar nichts Schlimmes erkennen. – Denn um das Schlimme darin und dabei wahrzunehmen, müsste man Fühlen, was die entsprechenden Vorgänge bei Menschen emotional auslösen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich spreche hier nicht von handfesten Psychopathen nach ICD-irgendwas. Ich spreche hier von „Normalneurotikern“, die so verbreitet sind, dass wir uns sehr schwer tun, sie als „ziemlich verrückt“ wahrzunehmen oder zu bezeichnen.

Auf Körper hören

Systematisch gefasst ist also das „auf den eigenen Körper hören“ durchaus die Voraussetzung dafür, dass man „die Körper der anderen sprechen hören kann“.

Der Zuhör-Modus, von dem Covey/Miyashiro im Zitat oben sprechen ist nur möglich, wenn er auf einer regelmäßigen Praxis aufsetzt, bei der man auf den eigenen Körper zu hören pflegt.

Oder kürzer (und banaler): Wir können keine Empatie mit anderen Menschen praktizieren, wenn wir keine Selbstempathie praktizieren. – Nicht dauerhaft.

Wir können also weiterhin vor allem unseren Gedanken lauschen. Unserer Sprache. Der Semantik. Dem Inhalt unseres Denkens.

Oder wir können uns anders mit uns selbst verbinden. – Focusing ist z.B. eine systematische Form, das zu üben.

Es muss natürlich nicht unbedingt Gendlin’s Focusing sein. Es gibt wahrscheinlich tausende Formen, wie das konkret ablaufen und angefangen werden kann. Von einfach langsamer machen und regelmäßig kurz innehalten, ganz bestimmte Meditionsformen, etwas mehr Schlaf und Bewegung, gesündere Beziehungen zu Menschen, die einem guttun, weil sie die Annahme statt die Abspaltung eigener Gefühle erleichtern, etc.

Die Möglichkeiten der Selbstempathie sind ähnlich vielfältig wie die der Anderempathie.

Die Effekte jedoch ähneln sich: Wer sich durch eine gut gepflegte Selbstempathie-Praxis ermöglicht, anderen Menschen „mit dem ganzen Körper“ zuzuhören, wird überraschende Gespräche haben. Es wird ihm anderes und „mehr“ anvertraut werden (Randbemerkung: Das will auch nicht jeder. Vor allem entschiedene Rationalisten fürchten das. Aus gutem Grund). Er wird auch in Beziehungen mehr „Sinn“ und „Erfüllung“ finden. Er wird anderen mehr helfen. Und er wird mehr Hilfe angeboten können. Sein gesamtes Beziehungsleben wird „flüssiger“ und „leichter“ werden.

Weniger prinzipiell. Weniger kategorisch. Weniger regelhaft. Weniger gesetzesmäßiger. In einem Wort: Lebendiger.

Die mittelbaren Effekte guten Zuhörens sind gesellschaftlicher Art. Aber das ist ein eigenes Thema.