Keine Ahnung, wie viele Artikel ich jetzt schon darüber geschrieben habe, dass wir uns in eine Richtung entwickeln, in der die Geschlechterunterscheidung Frau/Mann einfach immer unwichtiger werden wird.

Und das weitgehend unabhängig davon, ob uns das persönlich gefällt oder nicht. „Evolution“. „Naturgesetz“. Was auch immer.

Die naheliegende Frage auf diese scheinbar äußerst gewagt-spekulative Prognose lautet ja:

What the fuck!? – Werden wir alle kaum noch Sex haben, oder was?

Um diese sehr berechtigte Frage zu beantworten, kann man sich einmal näher anschauen, was „Sex“ eigentlich ist.

Und wie wir alle wissen, sind „ti-esti-Fragen“ („Was ist eigentlich XYZ?“) die Spezialität von Philosophen. Also von Menschen, die grad nichts besseres zu tun wissen als in sinnlosen Verallgemeinerungen zu schwelgen.

Also schauen wir uns das mal an:

Wir haben: Menschen, körperlich voneinander getrennt. Mit einer relativ weichen und empfindlichen Körperoberfläche (anders als z.B. bei Insekten mit ihrem Chitin-Panzer). Umgeben von einem Wahrnehmungsorgan mit Namen „Haut“, das haptische Empfindungen auslöst. Davon sind manche Körperregionen mit mehr Sinneszellen durchsetzt als andere.

Wir haben auch: Menschen mit einem ganzen Bündel an vermeintlich verwirrenden Bedürfnissen als da wären (unvollständige Liste): Anerkennung, Geborgenheit, Kontakt, Austausch, Abwechslung, Verbundenheit, Neugier, Abenteuer, Leichtigkeit, Klarheit, Aufregung, Vertrauen, Intensität, Zugehörigkeit, etc.

Denken wir uns aus all dem die Dominanz der Frau/Mann-Unterscheidung heraus, bleibt: Alles davon übrig.

Einzig eine Sache scheint in Frage gestellt zu sein, an die sich ihrerseits die Frage stellen ließe, ob sie denn ein „menschliches Bedürfnis“ ist: Das Begehren

Der Gott Eros

Wir Philosophen haben für das Begehren ja traditionell einen etwas hübscheren Namen: Wir nennen es „Eros“. Die heutige „Erotik-Industrie“ hat diese Bezeichnung nur von uns geklaut und – sagen wir es mal freundlich und philosophisch – „stark verkürzt“.

Traditionell bedeutet Eros nichts viel anderes als: „Die starke Kraft, die in uns frei wird, wenn wir uns zu etwas hingezogen fühlen, hinsichtlich dessen wir Mangel empfinden. – Die Liebe zu dem, was wir selbst nicht haben; die Liebe zu dem, was wir nicht selber sind.“

Wer das für sich nochmal klarziehen will, liest das einfach mal nach in Platons „Gastmahl“. Und zwar nicht im Mythos, den Platon dem Dichter Aristophanes in den Mund legt („Kugelmenschen-Mythos“). Sondern im Mythos, den Platon seinem persönlichen Champion, was er also dem Sokrates in den Mund legt. Wobei sich dieser bei diesem Thema seinerseits auf eine Frau beruft: Diotima. Es ist übrigens das einzige Mal in allen Dialogen Platons, dass eine Frau als positive Instanz vorkommt. Dass überhaupt eine Frau positive Erwähnung findet. Aber das nur am Rande.

Mit Blick auf diesen etwas umfassenderen Erotik-Begriff können wir nun fragen: „Was passiert mit unserem natürlich heute stets superheißen und wahnsinnig erfüllenden Sexleben, wenn die Unterscheidung Frau/Mann für uns immer unwichtiger wird?“

Oder anders: „Was wird dann aus unserem Begehren? – Wird es da nicht Schaden nehmen? Ganz unvermeidlich?“

Zunächst: Es ist wohl sicher, dass sich unser Begehren mit der weiteren Entwicklung menschlicher Gesellschaft mit verändern wird. Das ist eine ziemlich banale Annahme. Denn das war auch in der Vergangenheit schon stets der Fall. Das macht die gegenteilige Annahme: Dass zukünftig erotisch bleiben wird, was für uns Heutige gerade besonders erotisch ist, zu einer recht naiven, geschichts-, gesellschafts- und menschenvergessenen Annahme.

Aber man kann die Frage ja dennoch einmal stellen. Denn naive Fragen sind oft gar nicht schlecht. Oft sind es sogar die allerbesten Fragen.

Einfache Frage – Einfache Antwort

Also: Wird unser sexuelles Begehren schaden nehmen, wenn wir uns als alles Mögliche verstehen, aber es zu einem eher nebensächlichen Attribut wirkt, wie unser 23. Chromosomenpaar aussieht und ob es sich phänotypisch ausgewirkt hat?

Wenn wir ernstnehmen, dass Eros die Liebe zur eigenen Negation ist, nehmen wir unmittelbar wahr, dass a) der Mensch ein Wesen ist, das Negationen liebt und b) dass es an Selbst-Negationen niemals Mangel gibt.

Mit anderen Worten: Auch wenn wir uns beim Sex nicht vorrangig als Frau/Mann verstehen, bleiben genügend menschliche Unterschiede, um Begehren in uns auszulösen.

Es wäre, soviel darf man vielleicht sagen, auch geradezu eine Blasphemie gegenüber dem Gott Eros, wenn man annehmen würde, dass er sich von so etwas Nebensächlichem wie gesellschaftlichem Wandel die Butter vom Brot nehmen ließe. Immerhin ist der gute Mann (?) ein Gott.

Also: natürlich bleibt das sexuelle Begehren intakt.

Es fußt auf all den unsterblichen menschlichen Bedürfnissen, die ich oben aufgelistet habe. Und auf noch ein paar mehr davon, die ich vermutlich in meiner Aufzählung vergessen habe, die aber nicht weniger „sexbegehrenserhaltend“ sind. Und es fußt auf dem Begehren, das wir denjenigen Menschen gegenüber sehr schnell entwickeln, in denen wir etwas entdecken, das wir bei uns selbst vermissen. Erotik ist Ausdruck unserer Sehnsüchte nach dem jeweils-gerade-Anderen. Und das kann alles Mögliche sein. Wir Menschen sind sehr merkwürdige, wunderbare Wesen.

Daher kann sich das eigene, höchst subjektive erotische Erleben von einzelnen Menschen auch stark verändern: Im Laufe eines Lebens. Aber auch einfach nach Tagesform, Stimmung, Situtation, gesellschaftlichem Kontext, zufälligen Ereignissen, Beziehungsdynamiken, und je nachdem, was man gerade gegessen hat. Oder was man gerade „seelisch zu sich genommen“, z.B. welchen Film man sich gerade reingezogen hat.

Von höchst umstrittenen Theorien dazu, wie das menschliche sexuelle Begehren „ursprünglich mal gemeint gewesen sein könnte“, wollen wir hier mal ganz schweigen.

 

Advertisements