Wohlwollen ist ein Zaubermittel: Es öffnet Tore, es öffnet Menschen. Es kann einem Jobs verschaffen. Es kann in verfahrenen Situationen unerwartete Lösungen generieren.

Wir tun oft so, als sei „Wohlwollen eben einfach da. Oder eben einfach nicht da.“

Aber stimmt das auch?

Kann ich mir selbst helfen, wenn es mir einfach gerade schwer fällt, mit einem anderen Menschen wohlwollend zu sein? Ihm das Beste zu wünschen? Ganz ohne Sarkasmus oder Zynismus? Mich ihm gegenüber wohlwollen zu verhalten? Ihm wohlwollend gegenüber zu stehen? Oder noch besser: Ihm wohlwollend zur Seite zu stehen?

Um die Frage zu beantworten, ob fehlendes Wohlwollen unabänderliches Schicksal und vorhandenes Wohlwollen eine Gnade der Evolution oder ein Geschenk Gottes ist, kann man sich vielleicht mit der Frage auseinandersetzen, was genau einen davon abhält, gerade jetzt, gerade hier mit einem Menschen wohlwollend zu sein.

Mir fällt dazu genau zweierlei ein:

1) Stress (Da kann ja der Andere nichts für)

In Situationen, in denen es uns schlicht nich gut geht, weil wir gerade dringend etwas brauchen, ist Wohlwollen mit anderen etwas viel verlangt.

Wir können das zwar fordern. Von uns und von anderen. Aber wir bewegen uns dann im Bereich einer quasi-kantischen Pflichtenethik.

Und die steigert nicht gerade unser eigenes Wohlbefinden. Und nicht durch uns dann auch nicht das der anderen Menschen.

Die eine goldene Regel des Wohlwollens im nicht-katastrophisch-märtyrerartigen Alltagsleben heißt: „Sorge gut für Dich, damit Du Dich überhaupt gut um andere sorgen kannst.“

Gilt für: Eltern, Führungskräfte, Lehrer, Erzieher, Pfleger, Ärzte, Therapeuten, Coaches, Politiker, Kundenbetreuer, Arbeitsvermittler, Berater, Sozialarbeiter und noch für viele andere Menschen mehr, die zumindest einen Teil ihres täglichen Daseins dem widmen, was man „caring“ schimpfen kann.

2) Tit-for-Tat (Stress, den der Andere sich bei mir verdient hat)

Etwas anders sieht es aus in Situationen, in denen wir durchaus wohlwollend sein wollen. Und es vielleicht auch eben gerade noch durch und durch waren. – Aber in denen wir uns plötzlich mit dem überdeutlich fehlenden Wohlwollen eines anderen Menschen uns gegenüber konfrontiert sehen.

Solche Situationen lösen in uns sehr schnell und leicht „Kampfreflexe“ aus. – Und dafür können wir nichts. Es ist ein Teil unserer biologischen Hardware und in uns allen angelegt.

Das dürfte irgenwann annodunnemals wohl auch ziemlich nützlich gewesen sein. Und vielleicht ist es das sogar heute noch (die verschiedenen Philosophen in uns sind sich darüber noch uneins).

Wir wünschen uns also in solchen Situationen Wohlwollen von anderen, um wohlwollend mit ihnen sein zu können. Und wir können es nicht. Und das kann einen schon mal ziemlich ziemlich wütend machen. – Offen gesagt: Ich kenne mich damit leider recht gut aus, denn: „Der Choleriker ist stark in mir“.

Dennoch ist knallhart-unerschütterliches Wohlwollen in gerade solchen Situationen überaus ergiebig. Man könnte sogar behaupten: Es ist gerade für solche Situationen „wie geschaffen“.

Leider fehlt uns unser Wohlwollen also gerade in Situationen in der wir es am allernötigsten bräuchten und in denen es uns am allernützlichsten wäre.

Was wir darüber übersehen: Das, was oft als „Angriff auf uns“ erscheint und was recht schwer anders zu interpretieren ist als skandalös fehlendes Wohlwollen des Anderen uns gegenüber, hat mit uns meist recht wenig zu tun.

Im Grunde hat es sogar gar nichts mit uns zu tun. Der Angriff richtet sich gegen etwas anderes.

Denn Menschen, denen es an Wohlwollen uns gegenüber mangelt – und sei es nur situativ, also: nicht dauerhaft oder wiederholt – denen geht es gerade nicht so ganz sonderlich großartig.

Eine Ausnahme von dieser Regel bildet allein das, was ich mal etwas umstänlich „Fehlendes Fernstenfeedback“ getauft habe. Aber das ist ein ganz eigenes Thema und braucht andere Behandlungsformen als nur reines Wohlwollen.

Für unseren Gedankengang hier ist allein entscheidend, dass Wohlwollen, das uns fehlt, weil es dem anderen gerade wahrnehmbar an Wohlwollen für uns fehlt, sich an sich leicht dadurch auflösen ließe, dass wir einfach „fest in unserem eigenen Wohlwollen bleiben“.

Dass wir also die eigentliche Bedürftigkeit des anderen „fiesen“ Menschen wahrnehmen, der sich in seinem Mangel an Wohlwollen schlicht in einer für uns sehr unangenehmen Weise äußert.

Freilich können wir abstrakt verlangen, alle Menschen mögen bitteschön immer, auch dann wenn sie sich gerade scheiß-bedürftig und scheiß-verletzlich und scheiß-hilflos fühlen, die Contenance wahren. Sie sollen bitteschön auch dann uns gegenüber hübsch höflich, wertschätzend und empathisch verhalten. Sie sollen bitteschön nicht laut werden. Nicht ungerecht. Nicht rücksichtslos.

Nur leider ist das wieder die kantische Pflichtenethik. Und die ist für die eigene feste Absicht, die Zauberkraft des Wohlwollens zu nutzen, nur mäßig nützlich.

Zu stark fokussiert sie uns auf „die Pflichtverletzung“, die der andere da gerade begangen hat. Und zu wenig fokussiert sie uns auf die Möglichkeiten, die wir gerade auch dann noch haben, wenn wir hier und jetzt nicht „prinzipiell“ werden, sondern gerade hier und jetzt auf die wahrnehmbare Bedürftigkeit des Anderen so reagieren als ob es sich bei ihr eben um: Bedürftigkeit handele.

„Was brauchst Du gerade?“

Ich nenne es ja „Realismus“, wenn man Sachverhalte schlicht und einfach als das behandelt, was sie eigentlich sind.

Aber erzählen Sie das mal unserem Sympathikus. Der hustet uns was.

Vielleicht wenden wir uns hierzu lieber an unsere Amygdala. Falls das was anderes ist. Keine Ahnung. Bin ja kein Biologe:

2b) Negative Übertragung (Verdammt, jetzt bin ich selbst der Arsch)

Ja und dann gibt es dann noch diesen hübsch-ekligen Sonderfall: Da ist dieser Mensch. Und der hat uns rein gar nichts getan. Und wir sind im Grunde eigentlich auch gerade recht gut drauf. Um nicht zu sagen tiefenentspannt.

Und dennoch gehen wir hoch wie ne Rakete und ab wie Schmitz‘ Katze. Nix Wohlwollen. Nicht mit DIESEM Menschen. Diesem Unsympathen!

Was ist da los?

„Negative Übertragung“ kann man das nennen. Da erinnert uns ein Mensch – bewusst oder unbewusst – an einen anderen Menschen, mit dem wir aber mal so richtig schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Der fehlleitende Link kann alles mögliche sein: Ganz äußerliche körperliche Merkmale, Bewegungsmuster, die Stimme, bestimmte Verhaltensweisen, Kleidungsstil, sogar irgendwelche Duftmittelchen, die jemand benutzt. Blöderweise die gleichen, die auch ein veritables Arschloch in unserem Leben damals benutzt hat.

Das Opfer unserer Wahrnehmung fehlenden Wohlwollens ist also ganz und gar unschuldig an unserer Wahrnehmung. Denn es handelt sich um eine glatte Fehlwahrnehmung. – Die allerdings nur schwer zu vermeiden ist. Denn die Reaktionen auf unserer Seite laufen oft sehr schnell und nicht allzu selten unbewusst ab. Und bis wir mit unserer schönen reflexiven Seite da hinterher sind, ist die Konfliktdynamik bereits voll im allerhöchsten Gange. „Tit for tat“ gilt halt nicht nur für uns. Sondern auch für alle anderen Menschen um uns herum…

…Über all das sollte man vielleicht nicht gänzlich verschweigen, dass es auch so etwas gibt wie „positive Übertragung“ und dass dieses Phänomen extrem verbreitet ist und geradezu unseren Alltag bestimmt.

Es tritt ein, wenn jemand uns in irgendeiner (reflexhaften, oft unbewussten Weise) an jemanden erinnert, dem gegenüber wir positive Gefühle hegen, weil dieser andere jemand immer wieder positive Gefühle in uns ausgelöst hat.

Solche positiven Übertragungen sind gut ausbeutbar, z.B. durch Hochstapler, Menschen, die gerade eine „hohe kriminelle Energie“ haben und in Situationen eigener Unsicherheit, in der wir verzweifelt nach rettenden menschlichen Ankern Ausschau halten, aber erst mal keine finden können.

Positive Übertragungen werden daher oft für „naiv“, „blauäugig“ oder für ein Zeichen „fehlender Reife“ gehalten. Menschen, die solche Bewertungen abgeben, halten sich oft für „Realisten“. Ich halte es für ein klein wenig wahrscheinlicher, dass wir ohne solche positiven Übertratungen gar nicht leben könnten. Schon gar nicht zusammen.

Und über den Fall, dass wir selbst das Opfer negativer Übertragung anderer werden, breite ich hier mal den Mantel des Schweigens. Denn das führt in ein ganz eigenes Thema hinein.

Fazit: Wohlwollen hilft viel, ist aber nicht ganz unvoraussetzungsreich

Wer die Zauberzutat des Wohlwollens systematisch nutzen will, kann, so können wir folgern, zwei Dinge tun:

1) Sich gut um sich kümmern. Nicht ab und an. Sondern immer. Sozusagen als Vorbereitung auf all die vielen Situationen, in der unser Wohlwollen benötigt werden wird. Als Investition in „ethisches Verhalten“. Oder – mit Adam Grant – als Investition in „Giver Verhalten“:

2) Sich bei Angriffen anderer daran erinnern, dass der Angreifer ein schreiendes kleines Baby ist, das umsorgt sein will. OK. Das ist schwer. Denn angegriffen fühlen wir uns von einem ausgewachsenen Verfolger-Monster, das äußerlich kaum Ähnlichkeit mit einem süßen kleinen Menschenkind hat, das uns mit seinem Kindchenschema unmissverständlich klar macht, dass wir von ihm nichts zu befürchten, sondern uns vielmehr gefälligst um es zu kümmern haben.

Vielleicht versuchen Sie das dennoch ab und an mal gelegentlich. Die Effekte sind wundersam, drastisch und überraschend.

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