Dies wird vermutlich einmal wieder ein sehr unausgegorener, tastender Artikel. Seit jetzt einem halben Jahr befasse ich mich immer wieder mit dem Thema „Prostitution“.

Ich lese unterschiedliche Erfahrungsberichte. Ich lese die Argumente der Menschen, die möchten, dass Prostitution von uns gesehen wird wie eine ganz harmlose Arbeit. Die die Diskriminierung und Stigmatisierung von sich prostitutierenden Menschen beendet sehen wollen.

Und ich lese die Argumente der Menschen, die sagen, dass Prostitution untrennbar mit Menschenhandel, Missbrauch von Minderjährigen und Traumatisierungen verknüpft ist. Die das schwedische Modell wollen, im Grunde weltweit. Dass Freier von uns unter wirksame Strafe gestellt werden. Und Prostituierte wirksame Ausstiegshilfen von uns erhalten.

Ein aufwühlendes Thema

Dass ich mich überhaupt mit Prostitution zu beschäftigen anfing, hatte zwei Auslöser: Einmal diesen Spiegel-Artikel hier und zum andern eine sehr engagierte Kundin, die ich vor einiger Zeit im Coaching hatte und die regelmäßig in Bordelle ging und Frauen und Männer direkt vor Ort darauf ansprach, was Prostitution in menschlicher Hinsicht bedeutet.

Beides hat mich sehr berührt, auf eine Weise, die ich hier nur schwer ausdrücken kann. Für mich läuft in dem, was bei Prostitution passiert, vieles zusammen, wovon ich glaube, dass es anders sein kann und dass wir es gemeinsam ändern können. Denn ich glaube nicht, dass es wirklich glückliche Männer und glückliche Frauen sind, die in der Prostitution zusammen finden. Zumindest nicht glücklichere Menschen als Junkies und Dealer, die zusammen für das Glück des nächsten Schuss‘ sorgen: Kurzfristige Erleichterung in einem Umfeld voller Gewalt, Einsamkeit und Verzweiflung.

Prostitution scheint dabei auch eins dieser vielen Männer/Frauen-Themen zu sein, die uns momentan so stark beschäftigen. Dass ich glaube, dass die Differenzierung Männer/Frauen in Zukunft viel unwichtiger sein wird als sie es noch heute ist, lasse ich hier einmal als reine Annahme stehen, obwohl sie einen entscheidenden Hintergrund meiner Überlegungen bildet.

Die Frage ist für mich hier eher, was Menschen dabei zu gewinnen haben, wenn unsere gemeinsame Entwicklung sich weiter in diese Richtung vollzieht. Eine Entwicklung, die ja nicht nur ich allein wahrnehme.

What’s going on with men? What’s going on with women?

Wenn wir über Prostitution sprechen und über das menschliche Leid, das sie verursacht, und über das menschliche Leid, das sie fortschreibt, dann ist es zwar keine naheliegende, aber möglicherweise eine sehr sinnvolle Frage, wie es uns Männern mit uns selber gehen muss, wenn wir in der Lage sind, andere Menschen zu reinen Sexualobjekten zu machen, das „zu genießen“ und dafür Geld zu zahlen.

Und genauso sinnvoll ist die gleichzeitig stellbare Frage, wie es Frauen mit sich selber gehen muss, wenn sie in der Lage sind, sich dafür bezahlen zu lassen, dass sie sich zu reinen Sexualobjekten für uns Männer machen.

Hier muss man bereits einen Einschub und eine Einschränkung machen: Bei all dem, was ich zumindest bisher zu dem Thema wahrnehmen konnte, gibt es große Unterschiede zwischen sich prostituierenden Menschen. Und zwar hinsichtlich des Ausmaßes, wie sie sich selbst in der Prostitution als Subjekte erleben. Als selbstbestimmt, als handelnde, auf Augenhöhe mit Freiern, wenn nicht sogar als Bestimmende. Wie immer bei Selbstbestimmung geht es um die Frage der Abgrenzung, Grenzsetzung und Negation: Ob eine Prostituierte Freier auch ablehnen kann, mit denen sie keinen Sex haben will. Ob eine Prostituierte sexuelle Praktiken auch ablehnen kann, die sie nicht mitmachen will. – Und um die Gründe, aus denen heraus sie dazu nicht in der Lage ist. Innere wie äußere Unfreiheiten. Von unmittelbare Gewaltdrohung ihr selbst oder Familienmitgliedern gegenüber, über ökonomischen Zwang und Armut, bis hin zu Traumata aus der eigenen Biografie, die Selbstabgrenzung und ein „Nein“ schwierig bis unmöglich machen für einen Menschen.

Und man darf auch nicht vergessen, noch eine zweite Differenzierung vorzunehmen: Nicht alle sich prostituierenden Menschen sind Frauen. Es gibt auch männliche Prostituierte. Und es gibt auch weibliche Freier. Auch wenn rein statistisch die Verhältnisse sehr klar in die Richtung Prostituierte=Frau und Freier=Mann zu gehen scheinen. Aber eben darum sind die Ausnahmen um so bemerkenswerter und verdienen eigentlich eine eingehende Wahrnehmung und Auseinandersetzung. Ich will das hier nicht leisten, aber möchte es im Hinterkopf behalten und nicht ganz vergessen.

Der dressierte Mann, die dressierte Frau

Ich gehe von folgendem aus: Mit dem Wort „Mann“ beschreiben wir heute eigentlich nichts Biologisches mehr, sondern ein Set an Erwartungen und Zurichtungsformen, die wir an einen Menschen herantragen, den wir als „Jungen“ identifizieren.

Und mit dem Wort „Frau“ beschreiben wir heute ebenfalls nichts Biologisches mehr, sondern ein Set an Erwartungen und Zurichtungsformen, die wir an einen Menschen herantragen, den wir als „Mädchen“ identifizieren.

In diesem Sinne besteht „Männlichkeit“ im Kern aus Folgendem: In einem Verlust an Empathischem Verhalten. Und zwar Selbst-Empathischem Verhalten genauso wie empathischem Verhalten anderen Menschen gegenüber: Anderen Männern, Frauen, Kindern. Genauso auch wie gegenüber Tieren.

In diesem Sinne können sich auch „Frauen“ sehr „männlich“ verhalten. Und ganz bestimmte Umstände, nämlich Umstände die wie ein Anti-Empathie-Training wirken, bringen auch „weibliche Menschen“ systematisch dazu, männliche Verhaltensweisen zu zeigen.

Nun sind für mich keineswegs „Frauen die besseren Menschen“. Auch halte ich nichts davon, auf uns Männern herumzuhacken. Ich glaube vielmehr, dass in allen Menschen, egal welchen Geschlechts, „Gutes steckt“ und genauso Arschlochhaftes, und dass es doch tatsächlich hauptsächlich von den gesellschaftlichem Umständen und Rahmenbedingungen abhängt, welche unserer beiden, immer vorhandenen Seiten wir hauptsächlich an den Tag legen und ausbauen.

Als Menschen sind wir geschlechtsunabhängig: alle gleich gut, alle gleich schlecht. Das Problem ist nur, dass uns unsere volle Menschlichkeit zu einem sehr frühen Zeitpunkt systematisch ausgetrieben wird. Und das nun in geschlechtsspezifisch unterschiedlicher Form. Frauen wird ihr natürliches, menschliches Eintreten für sich selbst ausgetrieben. Männern wird ihre natürliche, menschliche Empathie ausgetrieben. Wir werden zu halben Menschen gemacht. Und das befähigt uns in sehr unterschiedlicher Form zur Gewalt. Das ist auch keine große Überraschung, denn die unterschiedliche Befähigung zu gewalttägigem Verhalten ist sehr wahrscheinlich der vorsätzliche Sinn der traditionellen Geschlechterdifferenz.

Darum macht es genauso Sinn, sich einmal das gesellschaftliche Trainigsprogramm anzuschauen, dass wir pauschal Menschen angedeihen lassen, die wir als „Mädchen“ identifizieren. In diesem Sinne besteht „Weiblichkeit“ im Kern daraus, dass wir die Empathie solcher Menschen systematisch weg von sich selbst und hin auf andere Menschen ausrichten: Auf andere Frauen, auf Kinder, auf Männer. „Immer für andere da“ ist der Slogan der gesellschaftlich normierender Weiblichkeit. Auch noch heutzutage. Ungebrochen. Genauso wie der ungebrochene Slogan gesellschaftlich normierender Männlichkeit ist: „Du sollst nichts fühlen!“

„Frauen“ wird also die Selbstabgrenzungskraft ganz grundsätzlich genommen. Oder wir versuchen zumindest, sie bei Mädchen einzuschränken. Genauso wie bei Jungen gelingt das in unterschiedlichem Ausmaß. Es gibt „männlichere Männer“ und „weiblichere Frauen“, je nachdem in welchem Ausmaß und mit welcher Konsequenz das Trainingsprogramm durchlaufen wurde.

Von hier aus können wir auch sagen, dass es wahrscheinlich ist, dass „Sex“ für Menschen verschiedener Geschlechter sehr Unterschiedliches bedeuten dürfte. Und das nicht, „weil das nunmal so ist“ oder „weil das so sein muss“. Sondern weil das unterschiedliche gesellschaftliche Zurichtungsprogramm das naheliegend macht. Da wir Männer kaum mehr Kontakt zu unserem Innenleben: Eigenen Gefühlen und Bedürfnissen haben, suchen wir im Außen Orientierung. Bevorzugt in der Form von „Leistung“ und „Leistungsnachweisen“ und „Leistungsbestätigungen“. „Performance“ halt.

So wird von vollendet zugerichteten Jungen auch Sexualität bevorzugt in Performance-Kategorien gedacht und gelebt. Übrigens auch dann, wenn sie sich mit weiblicher Sexualität beschäftigen. Falls sie das tun.

Auch Frauen wird ein handelnder Bezug zum eigenen Innenleben durch das auf Weiblichkeit trimmende gesellschaftliche Trainingsprogramm genommen: Sie haben zwar noch Kontakt zu ihrem Innenleben (mehr als wir Männer zumindest; meistens, nicht immer), aber diese emotionale Selbstwahrnehmung auch in handelnde „Jas“ und „Neins“ umzusetzen, genaus dieser Impuls wird systematisch gestört und blockiert. Wieder: Um so mehr, um so konsequenter die weibliche Zurichtung an diesem Menschen erfolgte.

Frauen suchen ebenso wie Männer „Bestätigung im Außen“, aber in kategorisch anderer Form als Männer. Die gesellschaftliche Zurichtung programmiert auf Fragen wie „gefalle ich Dir?“, „werde ich geliebt?“ und „tue ich dem anderen was Gutes?“

Es ist naheliegend, dass von vollendet zugerichteten Mädchen auch Sexualität bevorzugt in Zwischenmenschlichkeits- und Beziehungskategorien gedacht und gelebt wird. Auch dann, wenn sie sich mit männlicher Sexualität beschäftigen, wenn sie das denn tun. Dass Frauen häufiger Orgasmen haben, wenn sie mit anderen Frauen Sex haben, sei dabei nur am Rande erwähnt. Denn die Spekulationen über die Gründe, warum das so ist und die Empfehlung bestimmter Techniken, die „den Orgasmus-Gap“ schließen sollen, halte ich für ziemlich oberflächlich. Oder, um es in polemischer Form zu sagen: Ich halte all das für eine ziemlich „traditionell männliche“ Behandlung von Sexualität.

Evolution der Gesellschaft, Evolution unserer Sexualität

Der größte Teil der bekannten Menschheitsgeschichte wurde menschliche Sexualität entlang der Frage behandelt, wie die Sexualität von Frauen am Besten kontrolliert werden könne. Daran hing die Frage nach „dem rechtmäßigen Vater“ im Fall von Nachwuchs. Sowie eine generelle Tendenz, menschliche Beziehungen in Besitzkategorien zu verhandeln und zu gestalten. Sobald wir davon sprechen, dass ein Mensch den anderen besitzen kann, also z.B. wie im Fall von Sklaverei, dann wird ein Mensch zum reinen Objekt gemacht, während der andere in der Beziehung Subjekt bleibt oder sich sogar über diese Beziehung seines Subjekt-Status‘ vergewissert.

Interessant ist nun, was das für die heutige Prostitution bedeutet, die ja immer noch ein Alltagsphänomen darstellt. Zumindest für eine nicht ganz kleine Anzahl von Menschen.

Gehen wir nochmal davon aus, dass sich menschliche Sexualität in derjenigen Richtung weiterentwickelt, die wir beobachten zu können glauben: Immer mehr Jungen bleibt immer mehr von ihrem Innenzugang erhalten. Sie bleiben – auch nach der Pubertät – empathischer als die Männergenerationen vor ihnen. Sich selbst gegenüber. Und auch allen anderen Menschen gegenüber, die ihnen in ihrem Alltag begegnen. Sie werden unabhängiger von Selbstbestätigung über sehr offiziell bestätigte Leistungsnachweise.

Wie dürfte sich das voraussichtlich auf „männliche Sexualität“ auswirken? Wie wird sich das auf das Phänomen „Prostitution“ auswirken?

Und immer mehr Frauen bleibt immer mehr von ihrer Handlungsmacht erhalten. Sie bleiben – auch nach der Pubertät – abgrenzungsfähiger und innerlich unabhängiger als die Frauengenerationen vor ihnen. Sie tun Dinge häufiger, weil sie ihnen gefallen, nicht weil sie anderen gut tun. Und sie lassen andere Dinge häufiger bleiben, weil sie ihnen nicht gut tun, obwohl sie sich vielleicht auf andere Menschen ganz großartig auswirken würden.

Wie dürfte sich das voraussichtlich auf „weibliche Sexualität“ auswirken? Wie wird sich das auf das Phänomen „Prostitution“ auswirken?

Ich kenne die Antworten auf diese Fragen nicht. Ich weiß nur: Es und damit auch unser Sex bleibt spannend.

Möglicherweise spannender als bisher.

Die Zukunft der Prostitution ist also – Überraschung! – ungewiss. Wir wissen in der Tat nicht, ob es sie überhaupt noch geben wird. Falls es Prostitution überhaupt noch geben wird, ist sie mit etwas Glück von den allgemeinen Veränderungen der Bedeutung von Mann/Frau bestimmt, die wir schon heute wahrnehmen können. Von Menschen, denen wir nicht den Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen und damit zu menschlichen Gefühlen überhaupt genommen haben. Und die daher mehr Mut zum Kontakt mit menschlichen Gefühlen haben, als sie ihn heute an den Tag legen. Von Menschen, deren Fähigkeit zur offenen Selbstbehauptung wir nicht im Keim erstickt haben. Und die daher geübter darin sind, für sich selbst einzustehen, als sie es heute sind.

Ich halte nicht ganz so viel davon, hierbei von einer „Verweiblichung der Männer“ und einer „Vermännlichung der Frauen“ zu sprechen. Diese Redeweise scheint gut dazu geeignet, um uns zu beschämen und Ängste auszulösen, „kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“ mehr zu sein, wenn wir uns weiterentwickeln.

Treffender scheint mir die Beschreibung, dass wir uns zurückholen, was uns genommen wurde. Männer wie Frauen verlieren nichts dabei. Wir gewinnen nur sehr viel hinzu. Vermutlich mehr, als wir uns im Moment vorstellen können.

Prostitution: Was wir schon heute tun können

Jenseits gesetzlicher Veränderungen, die anzustreben natürlich möglich ist, können wir also schon heute eine Menge machen, um auf das unnötige Leiden in und an Prostitution zu antworten.

Ich will offen gestehen, dass ich kein Fan des Lagerdenkens bin. Für mich besteht das Problem bei den gesetzlichen Änderungen – zumindest in unseren politischen Verfahren zur Gesetzesänderung, wie wir sie derzeit pflegen – dass sich zwei Lager, die beide etwas Gutes und Richtiges wollen, gegenseitig blockieren. Auch wenn ich selber eher ein Anhänger des Schwedischen Modells bin, kann ich doch gleichzeitig sehen, dass nicht alle, die völlige Legalisierung und Deregulierung von Prostitution wollen, einfach nur räuberische Ausbeutungsinteressen haben. Ich kann anerkennen, dass es sich prostitutierende Menschen gibt, die einfach nur von uns in Ruhe gelassen werden wollen, weil ihnen Formen der Prostitution möglich sind, in denen sie für sich selber kein unmittelbares Leiden erleben. Für sie ist unsere Ausgrenzung und unser Herabblicken auf sie, nur weil sie sich prostituieren, das einzige Problem, das sie mit ihrer Prostitution haben. – Dass diese Menschen möglicherweise nicht die größere Zahl an Prostituierten ausmachen, steht auf einem anderen Blatt. Denn auch ihr Wohlergehen ist eine politische Frage. Auch ihr Wohlergehen muss sich in unseren Gesetzen wiederfinden.

Dennoch steht es natürlich jedem von uns frei, sich in eins dieser beiden Lager zu schlagen und dafür zu klappern, dass entweder eine weitergehende Legalisierung oder ein völliges Sexkauf-Verbot eingeführt wird.

Da ich aber den gesetzespolitischen Zugang derzeit für verfahren und all zu kriegerisch aufgeladen halte, stellt sich für mich die Frage: „Was kann ich tun, dass unnötiges Leiden an Prostitution abnimmt, auch jenseits von Gesetzesänderungen, die ich mir wünsche?“

Wenn wir den oben durchlaufenen Gedankengang ernstnehmen, haben wir gewisse Hinweise darauf, was wir versuchen könnten:

Das menschliche Leiden in und an Prostitution dürfte abnehmen, wann immer wir:

a) Frauen dabei unterstützen, sich selbst besser behaupten zu können, für sich einstehen zu können, sich verbünden zu können, sich abgrenzen zu können, ihr eigenes Wohlergehen als völlig hinreichendes Kriterium für eigenes Tun und Lassen zu betrachten, das keiner weiteren Rechtfertigung bedarf. Frauen haben ein Recht, gut für sich selbst zu sorgen. „Gut“ in einem sehr umfassenden Sinn, der alle ihre Bedürfnisse einschließt, wobei wir das Vorhanden-Sein ihrer Bedürfnisse als „hard facts“ betrachten, an denen wir nicht herumdeuteln und nicht herumschrauben.

b) Männer dabei unterstützen, besser in Kontakt mit sich zu kommen, ihren Innenzugang auszubauen, eigene Gefühle und Befindlichkeiten wahrzunehmen und ernstzunehmen; indem wir ihnen zutrauen, Caring-Aufgaben zu übernehmen, z.B. sich ohne Weiteres gut um unsere Kinder kümmer zu können; indem wir ihre liebevollen und „weichen“ Impulse nicht belächeln oder bekritteln, auch wenn sie hilflos und tapsig daherkommen mögen. Indem wir ihnen die Verletzlichkeit zugestehen, die wir allen anderen Menschen ebenfalls zugestehen. Indem wir sie nicht mit Ausschluss aus unseren Gemeinschaften bedrohen, wenn sie gerade mal nicht im Krieger-Modus oder Ich-bin-der-Größte-Modus unterwegs sind.

Worauf wir uns jenseits unserer Differenzen zu anderen Prostitutionsgesetzen möglicherweise einigen können, ist also vielleicht: Dass es Frauen gut tut, von uns zu guter Selbstsorge und wirksamer Selbstbehauptung ermächtigt zu werden. Dass wir Mädchen ihre unmittelbaren, impulsiven „Jas und Neins“ in geringeren Ausmaß nehmen, als wir das bisher getan haben. Und dass es Männern gut tut, von uns zu einem intakten Gefühlsleben und einen offenen Innenzugang ermutigt zu werden. Dass wir Jungen ihre Selbst- und Anderempathie in geringerem Ausmaß nehmen, als wir das bisher getan haben.

Das sind die Möglichkeiten, die ich im Moment sehe, wenn wir die Zukunft der Prostitution für uns alle in einer wünschenswerten Form gestalten wollen.

Ob das dann am Ende auf ein völliges Verschwinden von Prostitution hinausläuft oder auf eine systematische Befreiung aller Prostitution von leidvollen Formen und Rahmenbedingungen, wage ich nicht vorherzusagen.

Und ganz ehrlich: Das ist mir am Ende auch völlig gleich. Denn es geht für mich im Grunde immer und überall einfach darum, dass wir sinnlose und überflüssige Formen von Leiden auflösen, wo immer es für uns gerade irgendwie möglich ist. Wir werden sicher nie ein Paradies auf Erden erleben. Es wird auf unserem schönen Planeten immer Schmerz, Verletzungen, Verlust, Traumata und Ohnmachtserfahrungen geben. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir all das einfach „als naturgegeben“ hinnehmen oder uns „als lebensförderliche Abhärtung“ schön reden müssen.

Nur weil wir lernen können, mit Verletzungen und Traumata umzugehen, müssen wir sie noch lang nicht mutwillig anstreben oder ihr immer wieder neues Entstehen fördern und aufrechterhalten.

Wenn es irgendeine sinnvolle menschliche Tätigkeit jenseits von reinem absichtslosen Spiel gibt, dann besteht es in der gezielten, absichtsvollen Reduzierung von sinnlosem Leiden.

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