Für jemanden, der Politik für eine menschliche Lebensform hält, für eine wenig selbstverständliche Lebensform noch dazu, stellt sich folgende Frage: Wenn ich in einer entpolitisierten Gesellschaft lebe, was kann ich eigentlich tun? Also wenn ich die Optionen „mich anpassen“ und „verzweifeln“ für mich ausschließe?

Dreierlei scheint mir unter den gegebenen Bedingungen möglich. Also 3 Arten von Aktivität, denen wir uns widmen können, ohne dadurch zwangsläufig irgendeinem bekloppten Heldentum zu verfallen:

1) Sich um andere kümmern, ohne sich dabei selbst zu vernachlässigen.

– Das kann jeder von uns tun. Und fast jeder von uns tut das ja auch. Zumindest gelegentlich. Und was man gelegentlich tut, kann man unter Umständen systematisch ausbauen. Nur kann man dabei eben das eigene Gleichgewicht im Geben und Nehmen im Gefühl behalten. Und auch das ist ja durchaus erlernbar und ausbaufähig. Die gern gegebene, unentlohnte Hilfe anderer Menschen anzunehmen, ist dabei vermutlich ein guter Anfang. Auch die systematische Anerkennung, dass wir als Menschen einander auf eine sehr fundamentale Weise wechselseitig brauchen, kann man bei sich selbst beginnen lassen. Denn heißt es nicht: „Sei Du selbst der Wandel, den Du in der Welt sehen willst?“ 😉 –  Und man kann all das in einer bestimmten Perspektive durchaus als „Politik“ begreifen.

2) Beziehungen stiften, wo keine sind, wo aber welche sein sollten.

Ein zentrales Beispiel dafür sind Beziehungen zwischen Unternehmen und Investoren, die zwar durch Geld miteinander verquickt sind, aber ohne dass diese Verbindung auf der Grundlage von etwas geschieht, das man Beziehung nennen könnte. Verlegen sich Unternehmen darauf, ihre Geldgeber ganz anders einzubinden als bisher, so dass eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe entstehen kann, werden auch unternehmensintern völlig neue Lösungen möglich. Sowohl in den Beziehungen Unternehmen-Kunden, als auch in den Beziehungen Unternehmen-Mitarbeiter.

Die gleiche Logik: Vorsätzliches Stiften von Beziehungen, wo keine sind, wo aber welche sein sollten, lässt sich auch auf globaler Ebene anwenden. Diese Strategie hat gute Chancen, das derzeit grassierende Problem des „fehlenden Fernstenfeedbacks“ dauerhaft zu lösen.

Eine Welt, in der die Differenzierung zu große Ausmaße annimmt, sind Politik und Demokratie nicht mehr möglich. Unmittelbare Beziehungen ermöglichen wechselseitige Empathie und helfen uns so, dass wir die Differenzierungsgewinne, in denen unsere moderne Gesellschaft besteht, nicht verlieren müssen.

3) Sich für die Einführung des Losverfahrens in unsere demokratische Verfassung aussprechen.

– Oder entsprechenden Anläufen, Versuchen und Experimenten zumindest eine Chance geben. Auch das hat das Potential, unter heutigen Bedingungen Politik und Demokratie möglich zu machen.

Bürgerparlamente und Bürgerräte, die von uns einvernehmlich per Los besetzt werden, sind deswegen wahrhaft „politische Orte“, weil wir uns dort als Freie und Gleiche begegnen können. Das heißt: Wir erschaffen uns einen Ort, der frei ist von all den Machtungleichgewichten zwischen uns, die unsere Gesellschaft an so vielen anderen Orten auszeichnet. Und wenn wir den Austausch und die Entscheidungen, die in solchen Gremien möglich sind, für uns hoch gewichten: so dass sie Gesetzesbeschlüsse vorbereiten oder vollziehen, gewinnen wir für uns Heutige „Politik“ als Dimension des menschlichen Lebens zurück. Im ursprünglichen Sinne des Wortes.

Unsere Parlamente werden so zu einem Korrektiv zur Ungleichheit und Unverbundenheit zwischen uns. Anstatt die vorhandene Ungleichheit und Unverbundenheit noch einmal auf einer vermeintlich „politischen“ Ebene zu spiegeln, erschaffen ausgeloste Bürgerparlamente den ansonsten schmerzlich fehlenden politischen Raum, an dem wir immer wieder neu zueinander finden können: Als Bürger.

3 Ebenen, 3 Handlungsmöglichkeiten

Drei Möglichkeiten, Politik ins Leben zu bringen und als politische Menschen zu leben sind eine Menge. Wir sind heute also weit entfernt von politischer Ohnmacht und politischer Handlungsunfähigkeit.

Wir können alle gemeinsam das sein, was wir „wirklich sind“: Politische Wesen.

„Politisch“ in einem sehr anderen Sinn als in dem, an den wir uns leider zuletzt gewöhnt hatten: Streit, Auseinandersetzung, Durchsetzung, Heimlichkeiten, Intrige, Hinterzimmer, Krieg mit anderen Mitteln. – „Politisch“ in einem weitaus bejahungsfähigeren Sinn, in dem es um die Anerkennung unseres Zusammenlebens, unserer wechselseitigen Verbundenheit, um unsere Offenheit, unsere Verletzlichkeit, unsere tieferen Bedürfnisse und um sinnvolle Kooperation geht.

Und um das, was wir nur gemeinsam realisieren können, niemals als Einzelwesen. Niemals aus einem Selbstverständnis als „rationale Einzelwesen“ heraus. Sondern nur durch gute Formen der Zusammenarbeit. Durch gute Formen der Begegnung. Durch gute und bewusste Gestaltung unserer Beziehungen miteinander. Gute Beziehungen als Ziel, als Mittel und als Grund von Politik.

Dass „Politik“ und „Demokratie“ in diesem Sinne miteinander identische Begriffe sind, kann jeder von uns leicht verstehen. Wenn er denn überhaupt daran zu glauben vermag, dass Politik nichts Selbstverständliches ist, sondern eine ganz bestimmte, äußerst anspruchsvolle menschliche Lebensform.

 

 

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