Das Adjektiv „politisch“ leitet sich her vom antiken Wort „Polis“, einer Art Stadtstaat, der zugleich der Geburtsort einer sehr besonderen Lebensform namens „Demokratie“ war. Diese Polis zentrierte sich um die Agora, um das Forum, um einen Ort, an dem jeder sprechen konnte und – noch wichtiger – an dem jeder Gehör fand.

Mit Blick auf diesen Ursprung des Wortes kann uns auffallen, dass heutzutage viele Dinge als „politisch“ bezeichnet werden, die es nicht sind. Die vielmehr privat sind. „Privat“ ist auch so ein Wort mit antiken Wurzeln. Ein Wort, das halbwegs wörtlich übersetzt „beraubt“ bedeutet.

Diese Bedeutung von „privat“ kann man nur dann verstehen, wenn man die antike Polis im Hinterkopf hat und die emphatische Aufladung, die „Politik“ in der römisch-griechischen Antike zeitweise hatte: Privat war hier ein Wort mit stark negativer Wertung, im Sinne von „nur privat“ und damit dem öffentlich-politischen Raum entzogen, in dem „das eigentliche Leben“ der Menschen stattfand. Wenn Aristoteles vom Menschen als dem „zoon politikon“ (dem politischen Wesen) sprach, dann hatte er einen öffentlichen common sense darüber im Rücken, dass der Mensch nur im Raum des Politischen ein wirklich freies und selbstbestimmtes Leben erlangen kann. Nur gemeinsam und nur durch die Gabe der Rede und des politischen, wechselseitigen Austauschs und Verstehens. – Dieser antike common sense steht völlig quer zu unseren heutigen politischen Institutionen und auch zu unserem allgemeinen Verständnis von „Politik“. Aus antiker Sicht sind die allermeisten unserer staatlichen und öffentlichen Institutionen und Gebräuche sowohl völlig unpolitisch als auch völlig undemokratisch. Bewohner des demokratischen Athens würden sich wahrscheinlich kaputt lachen, wenn nicht entsetzt darüber sein, was wir heute unter „Politik“ und „Demokratie“ verstehen. Es handelt sich aus ihrer Sicht um einen modernen, ziemlich dreisten Etikettenschwindel.

Wenn ich mit all dem im Hinterkopf heute im Radio hören darf, „dass die Grammy-Verleihung in ihrem Verlauf gegen Ende immer politischer wurde“, so regt sich für mich humanistisch Verbildeten zweierlei Widerstand gegen diesen Gebrauch des Wortes „politisch“:

1) Wir haben heute keine Politik. Denn wir haben kein politisches Forum. Denn ein Forum wäre ein Ort, an dem wirklich zugehört wird, in einer sehr unmittelbaren Form. Das Erleben und die Perspektive der Menschen würde sehr unmittelbar in unsere politische Willensbildung einfließen, wenn wir „Politik“ hätten. Was aber in irgendwelchen heutigen öffentlichen Preisverleihungen passiert, hat nur sehr geringen Einfluss auf unser gemeinsames Entscheiden und unser Alltagsleben, wenn überhaupt irgendeinen. Was auf der gestrigen Grammy-Verleihung passiert ist, folgt vielmehr dem Gesetz: Heute gesagt, morgen vergessen. Folgenloses Gerede. „Sonntagsreden“ hat das mein Lehrer im Fach Politische Philosophie gern genannt.

2) Politik im vollwertigen Sinn zeichnet sich dadurch aus, dass alle gleichermaßen die Chance haben mitzureden und Gehör zu finden. Wenn also irgendwelche privilegierten Menschen sich „politisch“ äußern, seien sie nun einfach aus irgendeinem Grund berühmt oder schlicht besonders reich, dann ist das ungefähr so politisch wie einer ihrer selbstverständlich nach Rosen düftenden Fürze.

„Politisch“ wäre, wenn sich heute Menschen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, Regionen und Milieus unmittelbar live und in Farbe begegnen, „in irgendeinem Forum“, sich dort gehaltvoll austauschen würden, wobei sie sich wechselseitig zuhören und von dem, was sie da zu hören bekommen, berühren lassen. Und wenn aus diesen Begegnungen Gesetze hervorgingen, die für uns allgemeine Gültigkeit haben.

Alles andere ist mit einer antiken Brille betrachtet: „Privat“

Wir haben einen schmerzhaften Überfluss an privatem Gerede. Und einen bemerkenswerten Mangel an Politik.

Auf der Basis einer völligen Unwissenheit darüber, was Politik eigentlich ist und was sie ursprünglich einmal bedeutet hat, ist es aber nur allzu verständlich, wenn Dinge, Ereignisse, Maßnahmen und Verfahren als „politisch“ oder „demokratisch“ bezeichnet werden, die es im strengen, technischen Sinn der Worte einfach nicht sind.

Ein weiteres Beispiel für das heute verbreitete Unverständnis eines gehaltvollen Politik-Begriffs ist das Wort „Außenpolitik“. Macht man sich klar, worum es bei Politik geht und worin sie besteht, wird einem unmittelbar klar, dass es so etwas wie „Außenpolitik“ gar nicht geben kann. Handelt es sich wirklich um ein „politisches Außen“, so gibt es Krieg oder Waffenstillstand, wechselnde Bündnisse, aber keine Politik in irgendeinem sinnvollen Sinne des Wortes. – Auch das war noch bis vor Kurzem common sense unter allen Autoren politischer Philosophie. Wer sich nicht mit all den klassischen Texte von Platon, Aristoteles, Hobbes, Rousseau, Kant, Hegel bis hinein zu Autoren Mitte des 20. Jahrhunderts quälen mag, kann sich viel Zeit und Nerven sparen, indem er es einfach bei Hannah Arendt nachliest. Nach der Lektüre von „Was ist Politik?“ wird sehr klar, dass das Wort „Außenpolitik“ höherer Unsinn ist, so sehr wir uns an diesen Unsinn auch gewöhnt haben.

Dass wir heute überhaupt auf die Idee kommen, dass die contradictio in adiecto „Außenpolitik“ sinnvoll sein könnte, weist vielmehr auf etwas anderes hin: Dass unsere Gesellschaft mittlerweile möglicherweise gar kein „Außen“ mehr hat. Dass wir bereits in einer „planetaren Weltpolis“ leben, ohne es schon richtig realisiert zu haben. Oder genauer: In dem, was eine Weltpolis wäre, wenn wir bereits die dafür nötigen politischen Institutionen geschaffen hätten. Denn die fehlen auf eine wirklich grausame Weise. – Kurzgesagt: Wo Außenirgendwas war, kann Innenpolitik werden. Politik ist immer „innen“: Politik ist der kommunikative Austausch und das gemeinsame Wollen (= Gesetze) von sogenannten „Bürgern“, die sich kategorisch als Freie und Gleiche verstehen und wechselseitig als solche anerkennen. Und die damit anerkennen, dass sie alle dem gleichen Gemeinwesen angehören. – Dass die UN nicht das dafür notwendige Forum sein können, ist ebenfalls jedem sofort klar, der einen gehaltvollen Politik-Begriff benutzt anstatt das windelweiche, schwammige, nichtssagende Zeug, das uns das politische Denken vernebelt. Eine Weltpolis mit Weltbürgern braucht ein politisches Forum, das diese Bezeichnung verdient. Ansonsten bleibt uns nur das traurige globale Hickhack, dass wir seit Jahrhunderten bestaunen und erleiden dürfen. Obwohl wir selbst seine Akteure sind.

Würden wir uns heute besinnen und mit „Politik“ und „Demokratie“ ernstmachen, müssten wir vielleicht erst einmal realisieren, dass wir über beides bisher nicht verfügen: Wir haben zwar viel Öffentlichkeit, aber sie ist dominiert von höchst privaten Prozessen. Wir haben zwar ein Staatswesen, aber es ist dominiert von privilegiertem und exklusivem Zugang zum Sprechen, Gehört-Werden und verbindlichem Entscheiden.

Wenn wir wirklich Politik und Demokratie wollen, würden wir einen Raum schaffen, in denen verbindliche Begegnungen als Freie und Gleiche möglich und eine regelmäßig-alltägliche Institution sind. Für uns alle. Für uns alle gleichermaßen. Wir würden privilegierten Zugang zu „Politik“ nicht dulden. Kategorisch nicht. Weil die Begriffe „Privileg“ und „Politik“ sich wechselseitig ausschließen.

Die einzige mir bekannte Form, die garantiert, dass alle Menschen gleichermaßen Zugang zu einem – so überhaupt erst entstehenden – politischen Raum erhalten, ist das Losverfahren. Genauer: Bürgerversammlungen, bei denen die beteiligten Menschen per reinem Zufall ausgewählt werden, so dass wir dort automatisch alle repräsentativ vertreten sind: Alle unsere Altersklassen, alle unsere Vermögensklassen, alle unsere Geschlechter, alle unsere Regionen und Stadteile, alle unsere Lebenslagen.

Wenn wir losen, anstatt zu wählen, zu vererben, uns einzukaufen und was sonst noch der Politik korrumpierenden und privatisierenden Verfahren mehr sind, ermöglichen wir, dass überhaupt erst Demokratie entsteht.

Dann müssen wir uns alle wechselseitig in die Augen schauen. Dann konfrontieren wir uns mit der Unmittelbarkeit aller anderen Menschen, mit denen wir in unserem Gemeinwesen tagtäglich zusammen leben. – Ohne uns dabei wirklich zu begegnen. Bürgerversammlungen im Losverfahren sind Orte der unmittelbaren Konfrontation mit der Lebenswirklichkeit der anderen, mit denen wir in einem Gemeinwesen zusammenleben. Und nur über diese unmittelbare Konfrontation und Anwesenheit in einem Raum kann diejenige Empathie und dasjenige Verständnis entstehen, dessen ein wirklich politisch-demokratischer Raum zwingend bedarf.

Dieser Konfrontation mit uns selbst weichen wir derzeit konsequent aus. Und die Mittel unserer Politik- und Demokratie-Vermeidung sind: Billiges öffentliches Gerede. Und „Repräsentation“ durch Wahlen, was nichts anderes bedeutet als: „Lasst mir meine Ruhe. Ich will keine politische Verantwortung. Ich bin froh, dass mir unser Gemeinwesen eine Möglichkeit anbietet, meine politisch-menschliche Verantwortung für das Gemeinsame wegzudelegieren. Ich bin froh, ein Beherrschter zu sein, aber keine eigenen politischen Entscheidungen treffen zu müssen. Ich bin froh, ein Privatmensch zu sein und nichts anderes als ein Privatmensch. Möge sich ein jeder nur um seins kümmern. Dann ist ja für alle gesorgt! Gemeinsame Entscheidungen brauchen wir nicht! Politik brauchen wir nicht! Demokratie brauchen wir nicht!“

Wir sind wahrlich ein unpolitischer Haufen.

 

 

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