Der Turning Point: Warum eine ganz andere Gesellschaft realistisch möglich ist

Im Folgenden möchte ich dafür argumentieren, dass sich auf eine sehr organische und natürliche Weise eine Gesellschaft herausbilden kann, die sich in vielen Punkten fundamental von der Gesellschaft unterscheidet, in der wir derzeit leben. Und dies nicht irgendwann, sondern noch zu unseren Lebzeiten.

Dabei gehe ich davon aus, dass auch diese andere, neuartige Gesellschaftsform keine paradiesischen Zustände bringt. Dass es in ihr weiterhin Mangel, Not, Probleme und Konflikte geben wird. – Dennoch wird es in ihr einen Haufen von Problemen, die wir heute haben und die wir für selbstvertständlich, unabänderlich und ewig halten, nicht mehr geben. Es handelt sich also um eine Gesellschaft jenseits unserer derzeitigen Vorstellungskraft.

Diese neue Gesellschaft nenne ich „Gärtnerkultur“. Und ich grenze sie von unserer derzeitigen Gesellschaftsformation ab, die ich immer noch für eine „Kriegerkultur“ halte.

Die Frage ist für mich, wie sich der Übergang von Kriegerkultur zur Gärtnerkultur gestaltet oder gestalten lässt. Und meine momentane Antwort lautet: Es gibt einen „Turning point“, auf dem zahlreiche Dinge sich gleichzeitig und schlagartig anders gestalten als derzeit. Einen „Systemsprung“ in der Evolution menschlicher Gesellschaft sozusagen.

Wie komme ich zu der Annahme, dass es überhaupt so etwas geben könnte? – Denn das klingt ja wahnwitzig optimistisch, wie Selbstläufertum, und es beißt sich auch stark gegen unseren Glaubenssatz von grundsätzlich linearen Entwicklungen à la „Die Natur macht keine Sprünge – warum sollte die menschliche Gesellschaft welche machen?“

Wenn es so ist, dass wir in einer Kriegerkultur leben, die sich in zahlreichen Praktiken, Institutionen, Verhaltensmustern und psychischen Einstellungen ausdrückt und reproduziert, und wenn es weiterhin stimmt, dass diese Kriegerkultur nicht „von Natur aus ist“, sondern eben von uns künstlich hergestellt und am Leben gehalten wird, dann gibt es Brüche oder Risse in ihrem „stahlharten Gehäuse“.

Ich denke, viele dieser Risse können wir bereits heute wahrnehmen.

Der von mir hoffnungsvoll angenommene Turning Point betrifft vor allem eine kritische Masse, die an Gewalt auftreten muss, damit sich unsere Kriegerkultur weiter reproduzieren kann. Aus einer Vielzahl an Gründen ist die Menge an Gewaltverhalten in der menschlichen Weltgesellschaft in einem kontinuierlichen Schwundprozess – Und das gegen unsere Wahrnehmung und Annahmen. Einer der Gründe, warum wir manchmal den gegenteiligen Eindruck haben, besteht darin, dass mit jedem Absinken des Gewaltniveaus in der Gesellschaft unsere Sensibilität gegenüber Gewaltereignissen gleichzeitig zunimmt. – Zugleich sind immer auch starke Verdrängungsprozesse am Werk. Das heißt, wir halten es immer noch weniger aus, wenn Gewalt doch einmal auftritt, weil wir sie nicht (mehr) gewohnt sind. Und dieses Nicht-Aushalten-Können führt widersprüchlicherweise auch zu Nicht-Wahrnehmung von tatsächlich auftretender Gewalt, und das im großen Stil. Die Sensibilität füttert sich selbst in einer ebenso positiven wie paradoxen Feedbackschleife.

Kriegerkulturen verlieren aber mit abnehmendem gesellschaftlichen Gewaltniveau an Plausibilität. Da das systematische Erzeugen und Aushalten von Kriegern in einer Gesellschaft Kosten verursacht, stellt sich – wenn einfach nicht mehr genügend Gewalt verfügbar ist – die Frage, warum wir uns diese Mühe noch machen und die künstlich erzeugten Kosten unseres Militarismus und Kriegertums noch tragen sollten.

Natürlich gibt es auch den Rollback-Effekt: Menschen, die die für Kriegerkulturen typischen Verhaltensmuster, Einstellungen und Bewertungen internalisiert haben (unter hohen persönlichen Kosten), werden künstlich Konflikte anzetteln, um ihre persönlichen Kosten ex post zu rechtfertigen und damit Sinnlosigkeitsgefühle zu verdrängen.

Der Turning Point zur Gärtnerkultur ist daher genau dann erreicht, wenn selbst diese reaktive, sich-selbst-rechtfertigende Gewalt nicht mehr ausreicht, um uns Gewaltverhalten und kriegerische Einstellungen als plausibel und naheliegend erscheinen zu lassen.

Wie reagiert aber nun die – auch für mich – schwer vorstellbare Gärtnerkultur auf die Reste von Gewaltverhalten, die ja ihrerseits durchaus nicht schlagartig verschwinden, sondern auch innerhalb einer sich bereits etablierenden Gärtnerkultur immer wieder aufflackern und Brände zünden werden?

Ich vermute, dass wir ungewohnte Formen von Zuwendung erleben werden. Ähnlich wie in guten Erwachsenen- oder Kindergruppen mit dem Auftreten von Gewaltverhalten umgegangen wird: Man wird es sehr ernst nehmen. Wir werden es nicht mehr einfach aus eigener Konfliktscheu heraus übergehen, sondern uns dem stellen, weil der Skandal einfach zu groß ist, dass hier und jetzt jemand von uns Gewalt angewendet hat.

Denn es ist ein großer Irrtum, der m.E. selbst typisch für Kriegerkulturen ist, dass Wutverhalten nur zu Kriegern erzogenen Menschen offen steht. Richtiger scheint mir zu sein, dass Krieger Menschen sind, denen Empathie systematisch abtrainiert wurde. Empathie selbst bedeutet aber, dass ich ungebrochenen Zugang zum vollen Spektrum menschlicher Gefühle haben, sowohl zu meinen eigenen Gefühlen, als auch zu denen anderer Menschen. Und Wut ist eins dieser natürlichen Gefühle des menschlichen Gefühlsspektrums. Empathische Menschen, wie sie in einer Gärtnerkultur vermehr auftreten, haben also unmittelbaren Zugang auch zu Wutverhalten, dass handlungsauslösend und -bekräftigend sein kann. Gegen unsere derzeitige Meinung glaube ich also, dass die Menschen in Gärtnerkulturen mutiger auftreten werden, was Beziehungen anverlangt, und zwischenmenschliche Konflikte weniger vermeiden werden, als wir heute lebenden Menschen.

Denn was wir tun, muss unverblümt gesagt häufig als „Feigheit vor dem Mitmensch (vor dem Kollegen, vor den eigenen Kindern, vor dem Partner, vor den Nachbarn, vor den Freunden)“ bezeichnet werden. Wir meiden die Ansprache von Unstimmigkeiten, wir schlucken Wut herunter, wir sprechen ungutes Verhalten viel zu lange nicht an, wir dulden viel zu viel.

All das halte ich in Gärtnerkulturen für unwahrscheinlich. Ich halte es für die typischen Randbedingungen und Kollateralschäden, die durch unsere Kriegerkultur verursacht werden, in der Entfremdung, Berührungs- und Beziehungsangst vorherrschen. Und das aus guten Gründen, nicht aus aus der Einbildung oder Verrücktheit einzelner heraus. Sondern als rationale Anpassungen an zuverlässige Systemeffekte, mit denen sicher zu rechnen ist.

Wir unterschätzen wie immer unsere Formbarkeit durch institutionell/systemisch stabil hergestellte Zustände. Schlagen die Zustände um, schlagen unsere Verhaltensweisen, Einstellungen, Denkweisen und das, was wir für „normal“ halten, ebenso schlagartig um. Und oft wird dabei unser altes Denken „überschrieben“. Das heißt: Nach solchen Turning Points denken wir, „wir haben doch immer schon so gedacht“. – Unser Gehirn ist sehr begabt in der Fälschung der persönlichen Geschichte. Und menschliche Gesellschaften stehen solcher Geschichtsklitterung in nichts nach.

Wir müssen das auch gar nicht moralisch verurteilen, denn möglicherweise kann diese „Identitäts-Plastizität“ auch als positive Fähigkeit gesehen werden. Vor allem dann, wenn es sich um Turning Points zum Besseren handelt. Wenn wir uns schlagartig wandeln, ist es vielleicht gar nicht schlecht, dass wir unmittelbar mit unserer Veränderung vergessen, was einmal selbstverständlich für uns war. Der gesellschaftliche Sprung schafft einen Sprung in unserer Identität – und damit zuverlässigen Abstand zu dem, was wir einmal gewesen sind. Im Grunde ist dieser Abstand genau der Sprung. Der Grund, warum es sich um keine kontinuierliche Entwicklung handelt, sondern eben um einen Systembruch, der zu einer Systemneustabilisierung mit völlig anderen Selbstverständlichkeiten handelt.

Ich gehe also davon aus, dass wir uns unversehens in einer Gärtnerkultur wiederfinden könnten. Und dabei nicht wissen, wie uns eigentlich gerade geschehen ist. Und vielleicht noch nicht einmal wissen, dass uns gerade etwas geschehen ist. Denn unser Bewusstsein ist sehr träge, um nicht zu sagen: nachträglich.

Was können wir aber tun, wenn wir dem Sprung von unserer Kriegerkultur zu unserer Gärtnerkultur „auf die Sprünge helfen wollen“?

Mir kommen dabei genau 3 Handlungsebenen in den Sinn, die nach meiner Einschätzung das Potential haben, unserer Gesellschaft ihre Evolution näherzulegen und leichter zu machen.

Springen muss sie freilich selbst. Dies lässt sich nicht „machen“ oder „herstellen“.

Aber ganz so ohnmächtig gegenüber unserem eigenen Schicksal, gegenüber unserer eigenen Geschichte sind wir auch wieder nicht.

 

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Politik: Gute Berührungen, schlechte Berührungen

Es ist ewig her, dass ich versucht habe, Elias Canettis Buch „Masse und Macht“ zu lesen. Ich habe es nicht geschafft. Irgendetwas „hat mich aus dem Buch geworfen“. – Gestern hatte ich dann eine überraschende Wiederbegegnung: Aus einer Assoziation heraus landete ich auf der deutschen Wikipedia-Seite, die „Masse und Macht“ darstellt und behandelt.

Dort fand ich dann den Grund (so rede ich mir ein), warum ich mit Canettis Interpretation der Entstehung von totalitären Regimen nichts anfangen konnte und kann. Denn ich teile mit Canetti zwar die Problemdiagnose, doch er macht eine fatale anthropologische Zusatzannahme zur Basis seines ganzen Buchs, seiner ganzen These, seiner ganzen Erklärung von Fehlentwicklungen in der Politik. – Zum besseren Verständnis zitiere ich mal die betreffende Wikipedia-Passage in ganzer Länge:

„Es beginnt mit der Behauptung: „Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann.“[1] Diese Sätze kann man so lesen, dass der Mensch von Natur aus kein soziales Wesen sei. Nicht Empathie charakterisiere den Menschen, sondern die Furcht vor der Berührung anderer Menschen. Befinde sich der Mensch in der Öffentlichkeit, verlangten zufällige Berührungen mit anderen Menschen nach einer Entschuldigung. Stehe der Mensch im Aufzug, dränge er sich in eine Ecke, um nicht in Kontakt mit den Anderen zu geraten. Und das Einschließen in die Häuser sei nichts anderes als ein Versuch des Menschen, sich dem bedrohlichen Fremden in der Welt zu entziehen.

Einzig in der Masse, diesem von „Affekten“ geleiteten Gebilde, verliere der Mensch seine Furcht vor der Berührung, könne es zu einem Zustand der „Entladung“ kommen, zu dem Moment, an dem alle „ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen“. Der Verlust jeder Individualität werde dabei als befreiender Akt betrachtet, da der Einzelne nicht mehr alleine der chaotischen Welt gegenüber stehe. Jetzt, da sich alle gleich fühlten, sei die Furcht vor dem Fremden innerhalb der Masse zwar aufgehoben, doch das Andersartige der Welt da draußen werde der Masse umso deutlicher bewusst. Das Andersartige gefährde das „Überleben“ der Masse, da es Alternativen zu dem Zustand der Gleichheit aufzeige. Und so sei die auffälligste Eigenschaft einer Masse die „Zerstörungssucht“. Um ihr eigenes Überleben zu sichern, wolle sie das Andere vernichten.“

Was passiert hier? – Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass politische Fehlentwicklungen sehr viel mit unserem unmittelbarem Umgang miteinander im Alltag zu tun haben. Und hier zentral: Mit der Art, wie wir uns dort berühren und nicht berühren.

Soweit teile ich Canettis Einschätzung vollständig. Doch anstatt die Unterschiede zwischen Gesellschaften zu sehen, die „kriegerischer“ oder „militaristischer“ sind, und anderen Gesellschaften, in denen sich Menschen wesentlich kooperativer und dialogischer entwickeln und verhalten, macht Canetti eben das: Er erklärt Angst vor Berührungen zu einer anthropologischen Konstante.

Das führt zu einem fatalistischen Weltbild, wie wir es beispielsweise auch bei Thukydides finden: Eine Verfallstheorie, nach der das Beste für den Menschen aus glücklichen Zufällen besteht, die dazu führen, dass er die unvermeidliche mörderische Konflikt- und Bürgerkriegsdynamik zeitweise aufhalten kann, die aber im Grunde seines Wesens angelegt ist, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann und wie genau diese Dynamik sich unaufhaltsam entfaltet und den Bürgerkrieg und das Gemetzel bringt, das wir aus der Geschichte so gut kennen.

Sowohl für Thukydides wie für Canetti ist das Sich-Zerfleischen der natürliche Zustand des Menschen. Man kann nur beten, zufällig in Zeiten glücklicher Umstände zu leben, die sich aber von uns Menschen nicht systematisch fördern oder herstellen lassen. Auch durch gemeinsames, also politisches Handeln nicht.

Eine ähnliche Ausgangsdiagnose, aber mit völlig anderen Zusatzannahmen und daher auch völlig anderen Konsequenzen, finden wir bei Arno Gruen. Gruen geht ebenfalls davon aus, dass Aggressionsverhalten damit zu tun hat, „wie wir uns berühren“. Allerdings erklärt er die Angst von Menschen vor Berührung nicht zu einer menschlichen Wesenseigenschaft, sondern zu einem Effekt ganz bestimmter gesellschaftlicher Praktiken und Institutionen.

In einer berührungsarmen Gesellschaft wird Aggression systematisch gefördert. Durchsetzungsverhalten wird extrem positiv konnotiert. Außerdem wird ständig bewertet und gemessen. Auch das hält die Aggression künstlich hoch.

Um nicht missverstanden zu werden: Aggressionsverhalten an sich ist „natürlich“. Es gibt gute Gründe, die sich rekonstruieren lassen, warum es Sinn macht, dass die Fähigkeit zu aggressiven Reaktionen in uns angelegt ist. Die systematische, kulturelle Förderung von Aggression ist jedoch etwas ganz anderes als ihr situativer Auftritt aus einer momentanen Grenzverletzung und fehlenden Rücksichtnahme heraus.

Menschliche Gesellschaften, die Berührungsvermeidung als Kulturtechnik einsetzen, haben in der Tat strategisch-militärische Vorteile gegenüber Gesellschaften, in denen sich die Menschen von Anfang an wechselseitig auf Kooperation und Empathie polen.

Denn wenn zwei solche Gesellschaften aufeinander treffen, wird stets die „skrupellosere“ die empathischere unterjochen, wenn nicht vernichten.

Die Geschichte der Menschheit war lange Zeit eine Geschichte von Genoziden und Versklavungen. Wir blenden das heute oft aus. Aber es genügt ein Blick in die Bücher aus nicht all zu fernen Zeiten, um uns das sehr schnell wieder bewusst zu machen (ich empfehle: Das Alte Testament und Thukydides‘ „Der Peloponnesische Krieg“).

Doch was heißt das für uns heute lebenden Menschen, die in einer modernen Weltgesellschaft leben, die in vielen Punkten ganz andere Voraussetzungen hat?

Zunächst einmal: Wir sind die Erben von Kriegerkulturen. Von Gesellschaften nämlich, die sich im menschlichen Schlachten durchgesetzt haben, die friedlichere Gesellschaften ausgerottet und versklavt haben. Das ist keine schöne Einsicht. Aber eine notwendige.

Die Kriegerkultur mit ihrem systematischen Abtrainieren von natürlicher zwischenmenschlicher Empathie und ihren Berührungs- und Zuwendungsverboten ist unser Erbe. Sie spiegelt sich in zahlreichen unserer kulturellen Praktiken, in unseren Institutionen, in unserer Sprache, in unserem Verständnis von Politik, in unserem alltäglichen Verhalten, in unseren psychischen Mustern.

Zum anderen: Wir leben in einer Zeit, in der wir – rein theoretisch – in der Lage wären, „einen einzigen globalen familiären Stammesverband“, genannt: „die Menschheit“ zu bilden. Und die immer wieder auftretenden Konflikte zwischen uns daher politisch und empathisch anstatt gewalttätig und miteinander konkurrierend zu behandeln.

Doch was uns davon abhält sind nicht unsere heutigen gesellschaftlichen und technischen Möglichkeiten. Und schon gleich gar nicht ist es „Biologie“, unser menschliches Genom. Es ist unser kulturelles kriegerisches Erbe. Wir leben nach wie vor in einer Kriegkultur, mit allen Mustern, die für eine Kriegerkultur typisch sind.

Das, und nichts anderes, treibt uns völlig überflüssigerweise hinein in Konflikte und Konkurrenz miteinander. Das, und nichts anderes, verhindert kooperatives Verhalten und den Aufbau von gesellschaftlichen Institutionen, die wechselseitige Empathie systematisch fördern und ermöglichen.

Ansichten wie die Canettis sind in diesem Kontext fatal für uns. Denn wenn wir wirklich glauben, dass wir auf Mord und Totschlag angelegt sind, und zwar „von Natur“, so dass kulturelle Praktiken das nur zeitweise aufhalten können; und wenn wir damit zugleich annehmen, dass wir „von Natur“ zutiefst asoziale Wesen sind, dann schaffen wir damit eine politische selbsterfüllende Prophezeiung, die uns tatsächlich in mörderische Konflikte miteinander hineinführt.

Wir brauchen heute ein anderes Verständnis und andere Einsichten sowohl in „die Natur des Menschen“, als auch in das, was heute gesellschaftlich und politisch möglich ist.

Mein Verständnis ist dabei das Folgende: Wir Menschen sind von Natur aus soziale Wesen. Wir brauchen einander auf sehr fundamentale Weise. Wir sind durchaus dazu fähig, wahre Teufel füreinander zu werden. Und diese Möglichkeit wird vielleicht tatsächlich nie verschwinden, bei aller gesellschaftlicher und biologischer Evolution nicht. Aber diese Möglichkeit ist keineswegs eine sich-von-selbst-entfaltende Notwendigkeit (Teleologie). Es hängt von unseren Institutionen ab, in welche Richtung wir einander wechselseitig formen.

Und ein Teil dieser Institutionen ist durchaus auch unser Selbstbild. Wie wir uns, wir wir einander, wie wir „Gesellschaft“ sehen und verstehen, ist eine Institution.

Es beginnt mit der Sprache. Es beginnt mit den Kategorien. Und es beginnt mit unserem alltäglichen Verhalten. – Es endet zwar nicht dort. Denn all das allein ist nicht in der Lage, stabile Kooperationsverhältnisse und empathische Beziehungen zwischen uns zu begründen und dauerhaft zu erhalten. Der Anfang eines veränderten Selbstbilds von uns Menschen muss in veränderte politische Institutionen und Gesetze münden, soll die weltgesellschaftliche Kooperativität über alle Krisen hinweg, die wir haben und die noch kommen werden, stabil sein.

Ich glaube, dass das tatsächlich möglich ist. Ich halte es für kein „unvermeidliches Naturgesetz“ dass die Menschheit immer wieder Rückfälle in wechselseitiges Gemetzel, menschenunwürdige Versklavung und – seit dem 20. Jahrhundert – erbarmungslose, empathieunterdrückende, industriell organisierte Vernichtungsmaschinerien erleidet.

Und ich glaube, dass dieser Glaube, auch wenn er manchmal schwer auszuhalten ist, ebenfalls eine zentrale und überaus wirksame Rolle spielt.

Der Glaube daran, dass eine vollkommen gewaltfreie Weltgesellschaft tatsächlich und nicht utopisch für uns erreichbar ist, ist eine Notwendigkeit, auf die wir nicht zu verzichten brauchen.

Und die anthropologische Grundannahme, auf der dieser Glaube empirisch aufbaut, ist die, dass der Mensch von Geburt an empathisch ist. In beide Richtungen: Selbstempathisch und empathisch mit anderen. Wir brauchen nur hinzuschauen und hinzufühlen, um das wahrzunehmen.

Kriegertum ist Erziehung, eine Erziehung, bei der unmittelbare Gewalt systematischem Einsatz findet. Friedliche Kooperation, Spiegelung von Emotionen und wechselseitige Unterstützung ist der natürliche Fluss der Dinge zwischen Menschen.

Auch wenn wir das vor dem Hintergrund unserer jüngsten Geschichte, vor dem Hintergrund unserer ständigen Erlebnisse in unserem derzeitigen Alltag und vor dem Hintergrund der gesellschaftlich erzeugten und stabilisierten Neurosen bei beinahe jedem Einzelnen von uns kaum glauben können…

Unsere Angst vor Berührungen sind erlernt. Kollektiv, gesellschaftlich erlernt. Sie sind nicht „natürlich“, sondern künstliches Ergebnis bestimmter Praktiken und Institutionen. In einer Kriegergesellschaft ist es „rational“, Angst vor Berührungen zu haben. Denn man kennt Berührungen in solchen Gesellschaften ja dann in der Tat nur als Übergriff, als Angriff. Einzig im – dann „offiziell“ meist allein für Reproduktionszwecke zugelassenen – Sex ist Berührung erlaubt. Doch auch beim Sex kommt Berührung in Kriegerkulturen nicht als erfüllendes, zärtliches, aufmerksames und wechselseitiges Geschehen vor, sondern eben: als Übergriff, als Angriff, als empathiebefreite Unterwerfung. Und das sowohl in den offiziellen Praktiken, die in Kriegerkulturen „erlaubt“ sind, als auch in den heimlichen, „verbotenen“ Sexualpraktiken, die sich dann in unschöner Regelmäßigkeit herausbilden, weil kaum ein Mensch die offizielle Linie in der Realität durchzuhalten vermag. So wird Sexualität von etwas wunderbar Erfüllendem, von einem Akt des Austauschs, der Begegnung, der zwischenmenschlichen Kommunikation und emotionalen Berührung zu etwas „Unsauberem“, „Schambesetzten“; zu etwas Schrecklichem.

Die große Unlust auf sexuelle Begegnungen, die sich bei den meisten Menschen in Kriegerkulturen mit der Zeit einstellt, ist keine Zufall und keine Überraschung, sondern das Ergebnis eines gesellschaftlich kanalisierten Lernprozesses bei jedem Einzelnen von uns. Wenn Sex so ist, wie in Kriegerkulturen formen, dann ist es hochgradig nachvollziebar und „vernünftig“, sexuelle Begegnungen mit „realen Menschen“ soweit wie nur irgend möglich zu vermeiden. Es bleibt uns dann Porno, Prostitution, Selbstbefriedigung, sowie Selbstbefriedigung mit Maschinen, wobei bei einer Beibehaltung des Kriegerischen da noch einiges Berührungsvermeidende auf uns zukommen dürfte.

Doch all das ändert nichts daran, dass es kein unabänderliches menschliches Schicksal ist, das menschliche Leben innerhalb von Kriegerinstitutionen und Kriegerpraktiken zu verbringen. Denn es sind uns heute andere Institutionen und Praktiken möglich. Solche, die nach einiger Zeit ihres Bestehens zum „Ergebnis“ führen dürften, dass uns die Angst unserer Vorfahren vor Berührungen, ihr verbissener Militarismus und ihre verklärende Verherrlichung von Heldentum einfach nur als absurd und bemitleidenswert rückständig vorkommen dürften.

Hannah Arendt: Was ist Politik? – Eine kritische Aneignung

Die unter dem Titel „Was ist Politik?“ veröffentlichten Fragmente aus dem Nachlass von Hannah Arendt bringen uns auf Gedanken, die nach meiner Einschätzung heute zunehmend wichtig werden. Sie sind eine der wenigen Quellen für ein qualitatives Verständnis des politischen Raums. Also für ein Verständnis, dass „Politik“ nicht einfach das ist, was wir so nennen, sondern bestimmte Kriterien erfüllen muss, um „wirklich Politik“ zu sein. Damit einher geht die Einschätzung, dass es keineswegs zu allen Zeiten an allen Orten, an denen Menschen (oder vergleichbare Wesen) zusammen leben, Politik gibt.

Mit Arendt können wir also denken: „Politik ist etwas überaus Wertvolles. Etwas Voraussetzungsreiches. Etwas Nicht-Selbstverständliches.“ Arendt schreibt über den Raum des Politischen:

„…dass wir in einem Bezirk wirklich frei sein sollen, nämlich weder getrieben von uns selbst noch abhängig von gegebenem Material. Freiheit gibt es nur in dem eigentümlichen Zwischen-Bereich der Politik.“ (S. 12)

Politik als ständiges Werden und Wiedergewinnen von Freiheit, sogar als einziger Raum, in dem wir als Menschen Freiheit erleben; Freiheit als ein Geschenk, das wir uns wechselseitig machen und das zu seiner Entstehung das Zusammenkommen der Verschiedenen als Gleichwertigen, das Zusammenkommen der füreinander Aufmerksamen benötigt: Da bin ich ohne Abstriche dabei. Für mich hat Arendt als eine der wenigen modernen Autoren „das Wesen von Politik“ voll erfasst und zur Sprache gebracht.

Nichtsdestoweniger gibt es Stellen in den Fragmenten, bei denen ich mich herausgeworfen fühle, bei denen ich nicht mitgehen will. – Aus dem einzig denkbaren Grund: Weil ich andere Abzweigungen im Denken heute für sinnvoller, ergiebiger, produktiver halte.

Diese Stellen möchte ich hier markieren und mein Empfinden einigermaßen nachvollziehbar machen. Eingefleischte Arendt-Fans bitte ich dabei um Milde, denn sie werden im Folgenden viel Kritik finden. Kritik, wie man sie nur dann findet, wenn die Zustimmung und Aneignung bereits stattgefunden hat. Kritik, wie sie unter Freunden möglich ist.

Gewalt und Krieg vs. Politik und Freiheit

Arendt beschreibt sehr genau die Entgegensetzung und den wechselseitigen Ausschluss von Gewalthandeln einerseits und dem Politischen andererseits, das wesentlich durch das physische Zusammenkommen und die Gabe der Rede entsteht:

„Was den Krieg betraf, so ist die griechische Polis in der Bestimmung des Politischen einen anderen Weg gegangen. Sie hat die Polis um die Homersche Agora, den Versammlungs- und Redeplatz der freien Männer gebildet und damit das eigentlich „Politische“ – nämlich dasjenige, was nur der Polis eignete und was die Griechen daher allen Barbaren und allen nicht-freien Männern absprachen – um das Zueinander-, Miteinander- und Über-etwas-Reden zentriert, und diese ganze Sphäre im Zeichen einer göttlichen „peitho“, einer Überzeugungs- und Überredungskraft, die ohne Gewalt und ohne Zwang zwischen Gleichen waltet und alles entscheidet, gesehen. Der Krieg dagegen und die mit ihm verbundene Gewalt wurde aus dem eigentümlich Politischen, das zwischen den Gliedern der Polis entstanden und gültig [war], ganz und gar ausgeschieden; gewaltsam verhielt sich die Polis als Ganzes zu anderen Staaten und Stadt-Staaten, aber damit gerade verhielt sie sich ihrer eigenen Meinung nach „unpolitisch“. In diesem kriegerischen Handeln war daher auch und ja notwendigerweise die prinzipielle Gleichheit der Bürger, unter denen es keine herrschenden und keine Gehorchenden geben durfte, aufgehoben. Gerade weil das kriegerische Handeln ohne Befehl und ohne Gehorsam nicht auskommen und unmöglich Entscheidungen der Überredung anheimstellen kann, gehörte es für griechisches Denken einem nicht-politischen Bereich an.“ (S. 93)

Auf diese Passage folgen zwei Seiten, in denen Arendt sehr plastisch den „agonalen Geist der Griechen“ beschreibt, mit ihrer hohen Präferenz für das Sich-miteinander-Messen, Wettkämpfe und Wettstreit darum, sich „als der Beste zu erweisen“. – Und darauf folgend (S. 96f.) eine wunderschöne Beschreibung des politischen Zugangs zur Wahrheit einer Sache, die geeignet ist, allem Platonismus ein für allemal den Garaus zu machen, indem sie die Subjektivität und Verschiedenheit der Vielen, die eine Sache gemeinsam besprechen, zur Bedingung der objektiven Erschließung dieser gleichen Sache macht. Der ganze Subjekt-Objekt-Gegensatz, der das philosophische Spiel über die Jahrhunderte hinweg in Gang halten konnte, ist in diesen wenigen Zeilen vollständig aufgehoben und zur Unerheblichkeit gemacht.

All das mündet noch einmal in eine Klarstellung Arendts, dass „Freiheit“ für ein Denken des Politischen keine Bestimmung ist, die sich auf den Einzelnen bezieht, auf seine Natur oder auf seine Psyche. Sondern allein auf einen Raum: Den Raum des Politischen. „Frei“ ist, wer in den Genuß kommt, diesen Raum betreten zu können. Unfrei sind wir alle, wann immer wir uns in unpolitischen Räumen bewegen. (S. 99)

Das, am Rande, sind Gedanken, die heute so wenig Popularität haben, dass ich sie am liebsten in totalitärer Manier über allen Schulen, Universitäten, Unternehmen Staatsgebäuden anbringen will. Dass ich sie ständig meinen Mitmenschen in die Ohren brüllen will. Und das ich sie ständig über meine social-media-Kanäle posten will, bis ich von allen geblockt bin, weil allen meinen lieben Kontakten davon bereits die Augen bluten. – Denn dass der Mensch nicht „frei geboren“ ist, sondern nur in ganz bestimmten Formen des Zusammenseins mit anderen Menschen frei wird, ist die zugleich wichtigste und meist vernachlässigte Einsicht unserer Zeit.

Kampf und Wettbewerb als Bedingungen des Politischen

An dieser Stelle aber nimmt Arendt in ihrem Gedankengang aber nun eine Abzweigung, die für uns voller Probleme steckt. Sie nimmt eine Gleichsetzung der von ihr so wunderbar als politische Notwendigkeit betonten Vielfalt des Menschlichen mit dem Wettbewerbsgeist der Griechen vor. In ihrer Qualifizierung des Privathaushalts als unpolitischem Raum schreibt sie:

„…dass dieser von Einem beherrschte Haushalt keinen Kampf oder Wettkampf zulassen durfte, weil er eine Einheit bilden musste, die von widerstreitenden Interessen, Standorten und Gesichtspunkten nur zerstört werden konnte. Damit entfiel automatisch [sic!] jene Vielfalt von Aspekten, in denen sich frei zu bewegen der eigentliche Inhalt des Frei-Seins, des In-Freiheit-Handeln-und-Redens war. Kurz, Unfreiheit war die Voraussetzung einer in sich ungepaltenen Einheit, die für das Zusammenleben in der Familie so konstitutiv war wie Freiheit und Kampf miteinander für das Zusammenleben in der Polis.“ (S. 100)

Arendt macht sich hier, wie auch schon früher in der Entwicklung ihrer Gedanken für eine Unterscheidung „gewaltvoller Kampf“ und „gewaltloser Kampf“ (= politischer Wettstreit, Wettstreit, der für das Entstehen-Können des Politischen notwendig ist) stark.

Diese Gedanken sind auch heute noch sehr verbreitet und genießen viel Renommee. So halten viele „Demokratie“ wesentlich für eine Auseinandersetzung widerstreitender Meinungen über Gesetzgebung und Maßnahmen des Staates. Als z.B. in den neugewählten Bundestag eine große AfD-Fraktion einzog, trösteten sich einige Kommentatoren damit, dass nun endlich im Bundestag wieder mehr gestritten werde. Und erst gestern wurde ein Cem Özdemir von großen Teilen der Öffentlichkeit für seine „kämpferische“ Rede im Bundestag gelobt und gefeiert, als er mit emotionaler Rhetorik einem AfD-Antrag zur Verurteilung von Äußerungen von Deniz Yücels entgegentrat.

Was soll also an dieser Sichtweise problematisch sein? – Vielleicht nähern wir uns ihr zunächst von einer freundlichen Seite:

Ihr liegt offensichtlich eine Sorge, vielleicht auch eine Beobachtung zugrunde: Der Mensch neigt zum Meinungsanschluss, zur Zustimmung, wenn nicht sogar zur Gleichschaltung der Meinungen. Psychologisch kostet ein „nein!“ mehr Kraft als ein „ja, genau!“. Es scheint eine natürliche Konfliktscheu zu geben, die einen starken Gegenpol benötigt. Und ihn in einer Feier des (gewaltfreien) Kampfes: Des Wettstreits, des Wettbewerbs, der Debatte um die „beste Meinung“ findet. Es wäre demzufolge eine kulturelle, eine kollektive Leistung, sich überhaupt miteinander streiten zu können. Nachdem wir von Natur aus ja dann eher harmoniesüchtige, notorisch Widerstreit vermeidende Wesen sind.

Individuation, Verschiedenheit und Vielfalt des Menschlichen sind dann in der Tat nur durch Streit zu haben. Widerspruch wäre die Grundform des „Selbstseins“, der Selbstbejahung und der Selbstwerdung. – Jeder, der gerade auch nur einen Teenager zu Hause hat, mit dem es täglich ein Fetzen bis an den Rand der Erschöpfung gibt, könnte sich damit trösten, dass dies nummal eine Notwendigkeit sei, wenn die eigene Brut jemals zu einem eigenen, erwachsenen, selbständigen Menschen heranreifen soll…

Die Frage ist nur: Stimmt das denn überhaupt? – Sind wir wirklich erst durch unsere widersprechenden Meinungen voneinander getrennt, geschieden und verschieden?

In meiner Welt ist es ja so: Wir sind trotz der vielen Kanäle, die uns unmittelbar miteinander verbinden und die das Wort vom Menschen als grundsozialem Wesen groß und wahr machen, dennoch nicht physisch zusammengewachsen. Unser aller Nabelschnur wurde früh und vollständig getrennt. Nur die allerwenigsten von uns sind und bleiben siamesische Zwillinge. Und bei aller Sehnsucht nach Symbiose gibt es eine natürliche Abstoßung zwischen Freunden, Paaren, Nachbarn und Kollegen, die dauerhafte Symbiosen zu absoluten Ausnahmeerscheinungen macht.

Dass Streit notwendig sein soll, um sich zu trennen, um in sich eigene Antriebe zu erleben, die den Antrieben anderer Menschen unmittelbar entgegenstehen, scheint mir eine recht bemerkenswerte Annahme zu sein, die einfach mal eben locker-flockig über einen Haufen biologischer, psychologischer und sozialer Fakten hinwegsieht.

Um nur eins davon eigens zu benennen: Gerade heute lebt jeder von uns in einem ganz eigenen und einmaligen Beziehungsnetz, das ihn ganz natürlich „individuiert“.

Selbst in der harmonischdenkbarsten und streitaversesten aller Beziehungen, Netzwerke, Unternehmungen oder Gemeinwesen dürfen wir also getrost von faktischer Individuierung und Verschiedenheit ausgehen. – Ohne damit in unserem Denken fahrlässig zu sein.

Arendt – und mit ihr ein Teil des heutigen politischen common sense – polt uns nun auf Streit als Notwendigkeit.

Und hier, mit Verlaub, kann man fragen: Warum und wozu?

Denn in einer Gesellschaft wie der unseren, deren Hauptproblem Entfremdung, Entkopplung und übergroße Zentrifugalkräfte sind, die durch eine wunderbare, aber eben auch herausfordernde fortgeschrittene gesellschaftliche Differenzierung hervorgerufen werden, gibt es alles Mögliche, aber sicher keinen Mangel an Streit und Wettbewerbsgeist.

Wir haben vielmehr ein Stadium erreicht, indem wir das Gegeneinander nicht mehr in ein Miteinander eingefangen bekommen. Das betrifft nicht nur hatespeech und unfruchtbare online-Debatten. Das betrifft nicht nur unsere unselige Präferenz für Wettkampfsport und unversöhnliche Parteibildung und Konkurrenzprinzip in der Politik. Es betrifft auch und vor allem unseren ganz banalen Alltag: Unsere privaten Beziehungen sind „vermarktet“ und vertindert. Und in beinahe allen heutigen Firmen ist eine Sehnsucht nach jenem „an einem Strang ziehen“ zu spüren, das in Sonntagsreden hochgehalten und im Arbeitsalltag niemals eingelöst wird, weil Hierarchie und Karrierestreben dem einen überaus wirksamen Strich durch die Rechnung machen.

In heutigen Zeiten der Göttin Eris zu huldigen, das, so scheint es mir, ist grob fahrlässig.

Wenn Arendt, historisch-psychologisch korrekt, beschreibt, wie die griechische Polis das „den Kampf von dem Kriegerisch-Militärische, in dem die Gewalt ursprünglich beheimatet ist, abgetrennt und ihn dadurch zu einem integrierenden Bestandteil der Polis und des Politischen gemacht“ hat, schreibt sie dem Politischen einen ebenso dauerhaften wie sublimierten Krieg aller gegen alle ins Herzen. (S. 101)

Was uns von den antiken Griechen trennt – Ungewürdigte Unterschiede

Es mag sein, dass für die Griechen die Polis zum Ort eines dauerhaften „Lagerplatz des Heeres“ wurde, und dass dabei auch die Fixierung darauf, „im Wettstreit Ruhm zu gewinnen“ vom Kriegswesen auf die Politik übertragen wurde. (S. 102)

Doch bei allem, was an der griechischen Polis bewundernswert sein mag, sollte man vielleicht nicht übersehen, dass unsere Moderne Weltgesellschaft sich in mehreren wichtigen Punkten von ihr unterscheidet:

1.) Wir haben einen Differenzierungsgrad untereinander, der für die Griechen ganz unvorstellbar war. Im Vergleich zu der Gesellschaft, in der wir leben, ist die Polis eine homogene Monokultur. Anders gesagt: Ohne dass man ihr das zum Vorwurf machen kann, schon allein aufgrund ihrer geringen zahlenmäßigen Größe nicht, ist die Polis illiberal. Die Haltung, es möge jeder nach seiner Façon glücklich werden, ist den Griechen völlig fremd gewesen. Sie waren viel zu klein in ihren gesellschaftlichen Dimensionen, um sowohl mit den Möglichkeiten als auch den Problemen konfrontiert zu werden, die liberale Großgesellschaften mit sich bringen.

Für das Hauptproblem, mit dem wir heute ringen: Entfremdung, fehlende Verbundenheit, Empathie und ja, auch „Bürgerfreundschaft“ hat uns die griechische Polis keine Lösung zu bieten. Höchstens eine Aufforderung oder Erinnerung, dafür eigene Lösungen zu finden. Denn in der Polis können wir durchaus erkennen, was uns heute fehlt. Allerdings nicht, wie wir es auf einem deutlich höheren Plateau gesellschaftlicher Evolution realisieren können. Das müssen wir hübsch selbst erfinden. Nachahmung bringt uns hier nicht weiter.

2.) Wir tun uns heute aus guten Gründen schwer, den Maskulismus fortzuführen, den Arendt in „Was ist Politik“ als wesentlich für das Politische beschreibt. Die Kriegsromantik der Dichter, von denen sich z.B. die europäische Gesellschaft noch zu Beginn des ersten Weltkriegs anstecken ließ, ist über die Erfahrung von moderner Kriegstechnik einem sehr viel nüchternen Kriegsrealismus gewichen. In einer Zeit, in der Krieg nicht „Kameradschaft, Kriegermut und Sich-Beweisen-Können“ bedeutet, sondern Knöpfchendrücken, Drohnen- und Raketensteuern einerseits, und Kanonenfutterdasein, Massensterben und psychisch-physische Schädigung für den Rest des eigenen zivilen Lebens andererseits, stellen sich Kriegertugenden und Kriegerdenken von ganz allein in Frage. Ob uns das gefällt oder nicht: Die Geschlechterdifferenzierung in ein „Haushaltsführendes und Kinderumsorgendes Geschlecht“ einerseits und in ein „abenteuerlustiges und eroberungswütiges Geschlecht“ andererseits kommt gerade erkennbar an ihr Ende. Wir erleben eine „Krise des Mannes“ ganz einfach deswegen, weil das, wofür Menschen zu Männern gemacht wurden, schlicht nicht mehr benötigt wird. Und wir erleben eine „Krise der Frau“ ganz einfach deswegen, weil das, wofür Menschen zu Frauen gemacht wurden, mittlerweile von allen gemeinsam geschultert werden muss, während Frauen zugleich an der Eingrenzung ihrer Fähigkeiten und Einstellungen leiden, die solange tatsächlich kein Problem waren, wie ihr Wirken künstlich auf die Sphäre des Haushalts beschränkt worden war.

Kurz: Wir leben in einer Gesellschaft, die allmählich, sehr langsam realisiert, dass sie als erste nach Jahrtausenden die Möglichkeit hat, sich zu einer Gärtnerkultur zu entwickeln und alles Kriegerische von sich abfallen zu lassen.

Eine solche Gesellschaft braucht nach wie vor Politik: Einen Raum für Begegnung und Austausch, in dem unter Freien und Gleichen gemeinsam entschieden wird. Aber sie kann mit dem Krieg im Herzen von Politik nichts mehr anfangen. Ja, mehr noch: In dem Zusammenkommen von „übergroßer“ Differenzierung einerseits und unkriegerischer Gesellschaftsform andererseits ergibt sich eine höchst ungute Mischung, solange Politik wie bei Arendt als sublimiertes Kämpfen und Sich-Bekriegen verstanden wird, – wie wir derzeit sehr deutlich zu spüren bekommen.

Es braucht heute vielmehr eine entschiedene Reinigung des Politischen Raums von Formen des Wettbewerbs und Kampfs. All das ist uns völlig dysfunktional geworden. Und indem wir weiter dem agonalen Geist anhängen, schädigen wir uns heute soweit selbst, dass gar keine Räume des Politischen mehr entstehen (auch nicht im Arendtschen Sinn). Wir versuchen durch „Parteiung“ und „Wahlen“ (ebenfalls ein Wettstreit) Verbundenheit und Verbindlichkeit herzustellen. Doch wir merken sehr deutlich: In einer differenzierten Großgesellschaft funktioniert das nicht. Wir bilden unsere Unterschiede nur ab. Aber wir kommen nicht mehr zusammen. Wir zerstreiten uns andauernd. Und zwar nicht zufällig, sondern systematisch: Durch unsere vom Krieg inspirierten Institutionen künstlich inszeniert. Wir haben jene „Agora“ nicht. Wir haben keinen natürlichen Ort des physischen Zusammenkommens, sich Begegnens und sich-wechselseitig-Anhörens. Unsere Parlamente könnten dieser Ort sein. Doch sie sind es bisher faktisch nicht, weil wir sie nach dem Prinzip des Streits und des sublimierten Krieges organisiert haben: In unseren Parlamenten sitzen unpolitische Truppenverbände, die wir ohne Sinn und Zweck einem Dauerkrieg aussetzen, den wir „Politik“ nennen, der aber mit Politik in eirgendeinem qualifizierten Sinn (wie bei Arendt) rein gar nichts zu tun hat.

Wir haben den Krieg ins Herz unserer Gesellschaft getragen und halten ihn dort künstlich am Leben. Und wir wundern uns, warum uns unsere Gesellschaft so feindselig, entfremdet und unbefriedigend vorkommt. Wir beklagen den Mangel an Zusammenhalt und Empathie, während wir genau das durch unsere Institutionen systematisch herstellen. Wir glauben „der Mensch ist so“, während wir vor uns verbergen, dass wir uns so machen, indem wir Entzweiung zu einem politischen Prinzip gemacht haben, von dem wir auf „magische“ Weise erwarten, dass er irgendwie am Ende zu einem gemeinsamen politischen Willen aller führen möge, man weiß nicht wie. Wir haben den politischen Raum zu einem Ort gemacht, indem ständig Sieger und Besiegte produziert werden, indem es ständig „politische Tote“ gibt, indem aktive Beteiligung alles andere als selbstverständlich ist, denn man muss sie sich erst erstreiten und dabei all das erleiden, was ein guter (politischer) Krieger eben erleiden, einstecken, aushalten muss.

Gestaltet man heute aber den politischen Raum so, wie wir das tun, dann ist er kein politischer Raum mehr. Dann ist Krieg, man mag ihn verbrämen und mit schönen Worten aufhübschen. Es ändert nichts. Wir leben in einem künstlichen Krieg gegeneinander, den wir nach wie vor bejahen, während wir die Folgen, die er erzeugt, in keinerlei Verhältnis zu ihm als Ursache setzen. Wir spielen ein Spiel mit uns selbst, dessen einziger Zweck es zu sein scheint, aktiv zu verbergen, dass unser künstlich erzeugter Krieg völlig sinnlos, zermürbend und zerstörerisch ist.

Was wir heute dringend brauchen, aber nicht haben, sind eben: Räume des Politischen. Räume, in denen wir in unserer unglaublichen Verschiedenheit zusammenkommen und neu begegnen. In der die Bürgerfreundschaft überhaupt erst entstehen kann, die die homogene Polis-Kleingesellschaft als ihre selbstverständliche Basis voraussetzen konnte.

Wir brauchen heute eine gründliche Reinigung des Politischen von allem Kriegerischen. Auf einer institutionellen Ebene. Und man kann, man muss es Arendt vorwerfen, das nicht wahrgenommen zu haben, sondern den Geist der Eris einfach fortgeschrieben zu haben, ohne die gesellschaftliche Differenzierung, Entfremdung und den ganz andersartigen Empathiebedarf moderner Gesellschaft zu würdigen.

3.) Faktisch leben wir heute bereits in einen unseren ganzen Globus umspannenden Weltgesellschaft. Das bedeutet aber auch: Das Problem der Unmöglichkeit einer Außenpolitik, das Arendt sehr klarsichtig beschreibt (S. 102 ff.), ist heute nicht mehr unser Problem. Wir sind die erste Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit, die keine „andere“ menschliche Gesellschaft als ihr Außen hat. Es gibt nur noch gesellschaftliches Innen.

Der verspätete, um nicht zu sagen marode Zustand unserer derzeitigen politischen Institutionen täuscht uns darüber, wie weit fortgeschritten und irreversibel die gesellschaftliche Evolution bereits ist.

Wir haben zwar keine Weltregierung, die diesen Namen verdienen würde, wir haben immer noch Kleinstaaterei, und zwar mit einem riesigen Demokratiedefizit, das unserer unwürdig ist, aber das ist erkennbar ein unhaltbarer Zustand. „Unhaltbar“ nicht nur in dem Sinne, dass er ein politischer Skandal ist, sondern unhaltbar auch in dem Sinn, dass es unvorstellbar ist, dass er in Zukunft Bestand haben kann. Es ist eine reine Frage der Zeit und des (kriegerischeren oder friedlicheren) Ablaufs, wie es dazu kommen wird, dass wir politische Institutionen auf globaler Ebene bekommen werden, die diese Bezeichnung auch verdient haben.

Deren Fehlen ist zwar ein großes Problem, aber keineswegs unser größtes. Viel schwerer wiegt unser krankhaftes Polemikertum, unser performatives Kriegertum, das wir fortsetzen, ohne dass es weiter Sinn machen würde. Man muss hier von einer kollektiven, von einer gesellschaftlichen Neurose sprechen, die sich in unseren Institutionen abbildet und durch sie reproduziert wird. Institutionen sind die Gewohnheiten von Gesellschaften. Und „neurotisch“ ist ein Verhalten, das in der Vergangenheit einmal Sinn gemacht haben und notwendig gewesen sein mag, das aber in der Gegenwart deswegen völlig verrückt ist, weil mittlerweile ganz andere, viel bessere Verhaltensoptionen zur Verfügung stehen, die allein aus dem Grund nicht genutzt werden, weil eine traumatisierte Fixierung auf die Verhältnisse der Vergangenheit vorliegt. In dem Sinne haben wir heute neurotische, uns verrückt machende Institutionen.

Wir könnten längst in einer wirklich politischen, wirklich demokratischen Gesellschaft leben. Doch die Schatten der Vergangenheit führen in unserer Mitte, in uns und in unseren Institutionen eine Art Zombie-Dasein, das diese unseren neuen Möglichkeiten auffrisst. Möglichkeiten, die keine menschliche Gesellschaft vor uns hatte.

Entscheidend scheint mir, dass wir erkennen, wer wir sind, was unsere Probleme sind, und wie wir systematisch unsere heutigen Probleme erzeugen, ohne dass dafür irgendeine Notwendigkeit vorliegt, aus reiner schlechter Gewohnheit.

Mit Arendt über Arendt hinaus

Man kann sich gerne, wie es Arendt tut, von dem Großartigen inspirieren lassen, das die griechische Polis realisierte. Man sollte darüber aber die unterschiedliche Problemlage und die unterschiedlichen Möglichkeiten nicht übersehen.

Was wir heute brauchen, um in einem emphatischen Sinne Politik zu bekommen, ist sicher nicht Wettbewerb und institutionalisierter Streit. Es sind vielmehr Orte der Begegnung, die in der Polis „natürlich“ gegeben waren, die wir Heutigen aber künstlich-institutionell überhaupt erst erzeugen müssen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich nicht kennt, nicht kennen kann, sondern die Möglichkeiten braucht, sich immer wieder neu kennenzulernen. Für uns als Menschen, die in einer ausdifferenzierten, modernen Großgesellschaft leben, ist Verbundenheit nichts, was wir voraussetzen können, sondern etwas das wir uns erarbeiten müssen.

Genauso wie die alten Griechen brauchen wir das, was man „Bürgerfreundschaft“ nennen könnte. Aber unsere Wege dahin müssen andere sein. Dazu müssen wir begreifen, dass wir heute lebenden Menschen mörderischer, verbissener und kälter sind als es die Griechen in ihren Poleis jemals waren. – Das ist keine schöne Selbsterkenntnis. Aber eine notwendige, wenn wir unter heutigen Bedingungen „Politik“ realisieren und unsere Gesellschaft weiter demokratisieren wollen.

Für mich sind mittlerweile „Politik“ und „Demokratie“ zu zwei Worten für eine Sache geworden.

Und es ist ein produktiver Akt anzunehmen, dass wir derzeit weder das eine noch das andere haben.

Arendts „Was ist Politik“ kann bei diesem Akt auf eine gute Art Geburtshilfe leisten. Dafür, das so Geborene zu umhegen, zu pflegen und beim Großwerden zu begleiten, ist ihr Ansatz aber denkbar ungeeignet.

Es sei denn, wir möchten ohne Sinn und Verstand weiterhin politische Krieger großziehen und uns hernach mit den Traumata, die Krieger in ihren Kriegen erzeugen, gesellschaftlich herumschlagen.

Ich, so muss ich gestehen, habe da schlicht keine Lust drauf. Und das ist noch die freundliche Ausdrucksweise. An schlechteren Tagen sollte ich vielleicht eher sagen: Unsere notorische Vergötterung von Agon, Eris und Kriegerverhalten treibt mich in tiefe Depressionen, die mich selbst mit einem Furor beseelen, der auf Erden keinen Stein mehr auf dem anderen lassen will, und der der Menschheit von Herzen ihre vollständige Vernichtung wünscht.

Ob das wirklich mein „Privatproblem“ ist, lasse ich mal dahin gestellt. Es möge jeder in seinem eigenen Innenleben nachsehen, was er dort diesbezüglich findet.

 

 

Die Wahrheit der menschlichen Seele

Oder: Ein gewagter Versuch, Philosophie und Psychologie gleich zu setzen. Also: Die Liebe zum Wissen und die Liebe zur menschlichen Seele als identisch zu begreifen.

Wir sind formbare Wesen, antizipierende Wesen, sich-mit-Blick-auf-die-Umstände-formende Wesen.

Wie kann es da für uns „Wahrheit“ geben?

Auch: Wie kann es für uns Wahrheit geben, da alles durch unsere willkürlichen psychischen Filter geht: Alles, was uns „Welt“ ist, alles, was uns „Wahrnehmung“ ist, alles, was uns „Erkenntnis“ und „Denken“ und „Wahrheit“ ist?

Wenn wir annehmen, sehr veränderlich zu sein, so scheint die ganze Welt schwankend zu werden. Nicht von ungefähr haben daher seit jeher alle „richtigen“ Philosophen von Platon bis Husserl versucht, den Psychologismen einen entschiedenden Riegel vorzuschieben. Also dem, was man den „Homo mensura“-Satz nennt: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, das sie sind, der nicht Nicht-Seienden, dass sie nicht sind.“

Zu groß schien die Gefahr, dass sonst hinter all den psychischen Verzerrungen, die wir Menschen mit uns herumtragen, ja, die wir vielleicht sogar „sind“, keine ewig-unveränderlich-objektive Wahrheit mehr aufscheinen kann, zugänglich sein kann, übrig bleibt. – Nur noch „Subjektivität“ und „Willkür“ und „Relativismus“ überall.

Wenn wir nun aber sagen: „Das mag alles sein. Aber es gibt eine ‚Wahrheit der Seele'“ – und das im vollen Bewusstsein, wie veränderlich und manipulierbar wir kleinen Menschlein sind, was könnte das dann noch heißen?

Ich erlebe es so:

Unsere Bedürfnisse und unsere Gefühle sind zwar beeinflussbar und irritierbar und verdrängbar und aufschiebbar, aber sie haben ihre eigene „Objektivität“. Sie sind uns nicht verfügbar. Wir können nicht „bestimmen“, ob wir sie haben oder nicht haben. Unsere Gefühle und Bedürfnisse „sind“ in einem sehr philosophischen Sinn. Unsere Gefühle und Bedürfnisse sind, obwohl wir sie oft zum Bereich des „Weichen“ schlagen, unzweifelhaft hard facts.

Ich glaube das in meinen Beratungen und Coachings zu bemerken: Gleich, was mir mental, konzeptionell, rational, wortreich erzählt wird, es gibt eine Art „Energiefluss“, ein Beteiligtsein oder Unbeteiligtsein. Es macht Sinn hinzusehen, hinzuhören, hinzuspüren, „wo die Emotionen sind“. Das Bewusstsein mag seine Kunststücke anstellen, darunter, dahinter, dabei ist, was ist. – Ob unser Bewusstsein das „wahr haben“ mag oder nicht.

Und dieses Etwas, dieses, was man „Seele“ nennen könnte, atmet meist auf, wenn es „offiziell“ wahrgenommen wird. Wenn es seine Stimme bekommt. Wenn es Ausdruck bekommt. Wenn es Gegenstand des Denkens, des Bewusstseins wird. Und wenn in seinem Sinne gehandelt wird.

Es gibt ein Denken gegen die Seele. Und es gibt ein Denken mit der Seele.

Das Denken selbst ist neutral. Ein Werkzeug gleichermaßen zum Leid oder zur Befreiung von Leiden.

Aber erst wenn sich unser Bewusstsein mit dem bewusst verbindet, was wir manchmal „das Unbewusste“ nennen, geschieht Gutes.

Das, so scheint es mir, ist eine unumstößliche, objektive Wahrheit. Ganz nach Philosophen-Art.

Wir finden „die Wahrheit“ (wenn dieses Wort noch irgendeinen Sinn macht) also tatsächlich „in uns selbst“, oder „im anderen Menschen“, oder „im Gespräch“, das zwischen mehreren, emotional beteiligten Seelen hin- und her wogt und mehrere menschliche Seelen dabei zu einem gemeinsamen Geschehen verbindet.

Diese letzteren Ereignisse nenne ich für mich: „Politik“.

Alles andere ist nur „Ablenkung und Absehung von der Wahrheit“. – Von unserer Wahrheit. Wahrheiten, die für uns Bedeutung und Gewicht haben, weil es eben unsere sind. Unverfügbar zwar, nicht-willkürlich, aber dennoch unsere. Viel mehr als unser Bewusstsein „sind“ wir unser Unbewusstsein.

Wenn wir es so denken, dann würde ich tatsächlich noch mitgehen können mit Sätzen, die ich sonst mittlerweile neige entschieden abzulehnen:

„Denken hilft.“ Und: „Die Wahrheit heilt.“

Was wäre, wenn wir emotionalen Rückzug nicht mehr reaktionslos hinnehmen würden?

Dieser tastende Text ist ein Beitrag zur Blogparade #whatif von Gregor Ilg, Bianka Groenewolt und Tobias Leisgang. – Ich könnte auch dazu schreiben, was wäre, wenn wir eine wirklich demokratische Gesellschaft und Regierung hätten. Wenn wir also alle Fremdbestimmung systematisch weginstitutionalisieren würden, wann und wo immer sie auftritt. Oder dazu, wie es wohl wäre, wenn wir eine völlig gewaltfreie Weltgesellschaft hätten. Aber mir scheint etwas „Alltäglicheres“ gerade naheliegender.

„Emotionaler Rückzug“ scheint etwas Normales zu sein. So wie „seine Ruhe haben wollen“. Oder „Recht auf Privatsphäre“.

Vielleicht entsteht auch gleich ein Bild: Z.B. von einem Menschen nach einem harten Tag, der einfach Zeit für sich braucht. Oder von einer zudringlichen Frau, die einen Mann bedrängt, „sich zu öffnen“, woraufhin dieser in die nächste Kneipe flieht, wo er solche emotionale Zudringlichkeit nicht befürchten muss, sondern man sein Bedürfnis nach Rückzug respektiert. Usw.

Ich erlebe das anders: Emotionen sind so gut wie immer gegeben. Manchmal werden sie ausgedrückt, manchmal nicht. Wir können die emotionalen Zustände anderer Menschen sehr gut wahrnehmen, wenn wir sie fokussieren, anstatt uns mit anderem abzulenken. Daher wissen wir auch, wann es in einem anderen Menschen „rumort“, ohne „dass er es rauslässt“. Wir können es Zurückhaltung nennen oder Geduld oder Rücksichtnahme für das Recht auf emotionale Selbstbestimmung, wenn wir „nichts sagen“ oder „das Thema wechseln“ oder einem Menschen bewusst aus dem Weg gehen, der gerade von etwas bewegt wird, aber nicht offenbart, was ihn da so bewegt.

Die Frage ist aber, ob es wirklich der andere ist, auf den wir dabei Rücksicht nehmen. Oder ob wir nicht vielmehr auf uns selbst all zu sehr Rücksicht nehmen, wenn wir einen Menschen in diesem Zustand in Ruhe lassen und darüber hinweg gehen, dass unausgedrückte Gefühle im Spiel sind.

Wir haben Angst vor den emotionalen Reaktionen anderer: Vor ihrer Wut, vor ihrer Ungeduld, vor ihrer Hilflosigkeit und vor ihrem Kontaktabbruch. Beziehungsmäßig sind wir alle allzuoft richtige Feiglinge. – Oder hat man uns nur nicht gezeigt, „wie es geht“? Sind wir nur „emotional unerzogen“?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es eine sehr andere Welt, eine sehr andere Gesellschaft und sehr andere Menschen wären, die daraus resultieren, wenn emotionaler Rückzug nicht mehr einfach „geduldet“ oder „respektiert“ wird – sondern jedes einzelne Mal offensiv angegangen und angesprochen wird, wann immer er sich ereignet. Wenn wir fest damit rechnen dürfen, nicht allein gelassen zu werden mit unserem Gefühlschaos. Wenn es auch nicht immer die gleichen Menschen sind, bei denen wir „unser Herz ausschütten“ können, sondern wenn sich der emotionale Mut auf alle Menschen gleichermaßen verteilt. Wenn emotionale Zugewandtheit keine „Spezialität“ oder gar Profession einiger weniger mehr ist, sondern etwas völlig Alltägliches. Etwas, womit fest zu rechnen ist.

Ich denke, dass wir in einer Welt der emotionalen Vernachlässigung und emotionalen Einsamkeit leben. – An guten Tagen, wenn ich selbst sehr zugewandt sein kann, merke ich, wie sich alle Welt mir sofort zuwendet; so als ob ich mit einer Gießkanne durch ein Beet mit völlig ausgetrockneten Pflanzen ginge. Oder mit einer Taschenlampe in völliger Dunkelheit durch einen Schwarm Motten.

Ich frage mich: Was wäre wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, die emotional nicht gar so hilflos, ungeschickt und bedürftig wäre?

In der zwischenmenschliche Weisheit eine so viel größere Rolle spielen würde als all jener Schnickschnack, der mir selbst die meiste Zeit im Kopf herum geht und mich einen Mindfuck nach dem anderen produzieren lässt? In der ich beim Wesentlichen bleibe, und meine Mitmenschen mit mir: Bei dem, was wirklich Gefühle auslöst und bei den Gefühlen selbst. „Mensch, bleibe wesentlich“.

Das wäre wohl auch eine Gesellschaft, in der wir unsere Kinder weder dazu erziehen „sich endlich erwachsen zu verhalten“, noch uns wechselseitig dazu, uns bei der Arbeit „professionell zu verhalten“.

Bzw.: Wir hätten wohl einen sehr anderen Begriff davon, was es heißt, „ein erwachsener Mensch“ zu sein. Einen Begriff, der nichts mit emotionaler Distanziertheit und dem Unterdrücken und Abspalten von Gefühlen zu tun hätte. Sondern viel eher mit Hinwendung und mit bewusstem Umgang mit ihnen, während wir sie weiterhin voll wahrnehmen. Während wir „bei uns sind“.

Natürlich können wir bei uns selbst beginnen. Doch irgendwie habe ich beim Thema „Gefühlsausdruck“ die Meinung, dass das gerade hier keine ganz so banale Idee ist, „mit sich selbst zu beginnen“. Ich glaube, dass wir einander brauchen, wenn es um die Anerkennung von Gefühlen geht. Um Ausdruck eben. Macht Ausdruck Sinn für uns, wenn da gar kein menschliches Gegenüber ist? Natürlich können wir uns ein Gegenüber imaginieren. Wenn wir schreiben, tun wir das. – Aber ist das wirklich das Gleiche für uns als Menschen? Passieren da rein physiologisch wirklich die gleichen Dinge in uns, mit uns? – Ich habe Zweifel.

Wir sind eine emotional feige, emotional desengagierte Gesellschaft, die sich hinter einer Normalität versteckt, die mir krankhaft emotional zurückgezogen vorkommt. Allerdings ein einer Verbreitung und einem Ausmaß eben, dass man damit bereits fest rechnen und sich darauf einstellen kann.

Eine Gesellschaft, in der fest damit gerechnet werden kann, dass emotionaler Rückzug eine unmittelbare Zuwendung von allen Seiten provoziert, wäre also derart „anders“, dass wir davon ausgehen dürfen, dass wir gar nicht in der Lage sind, uns diese „Andersartigkeit“ des menschlichen Lebens in emotionaler Verbundenheit auch nur vorstellen zu können. – Es ist jenseits des für uns vorstellbaren.

Was wäre wenn…? – All unsere Träume und Fantasien deuten daraufhin, was uns hier und heute fehlt. Nicht auf die Vergangenheit, nicht auf die Zukunft. Nur auf die Gegenwart.

Die Frage „spreche ich es aus, spreche ich es an?“ ist also zumindest für mich mit einem entschiedenen „Ja!“ zu beantworten, wann immer ich auf emotionale Distanzierung stoße.

„Keine Angst vor den Gefühlen der anderen“, keine Angst vor den Bugwellen, dem Um-sich-schlagen, der Anhänglichkeit, etc. Keine Angst vor dem, was unmittelbar kommt, wenn wir den anderen nicht in Ruhe lassen, obwohl er genau das ausstrahlt oder sogar sagt: „Lass mich in Ruhe!“

Wir sind recht gute Verfolger. Mit unseren Urteilen und Meinungen zum Beispiel. Mit unseren Plänen, Strategien und unserem Handlungsmut. Nur emotional, da ist unser Verfolgertum ausbaufähig. Es fehlt ihm die Sensibilität, das Geschick, die Übung, die Entschiedenheit und die Hartnäckigkeit.

Es wäre in der Tat eine sehr andere Welt, in der wir einander systematisch nicht in Ruhe lassen würden mit unseren wechselseitigen Gefühlen. In der wir uns freundlich darauf ansprechen, was wir beim anderen wahrnehmen können. In der wir freundliche, nicht-übergriffige, sensible Vermutungen darüber anstellen, was es sein könnte, was den anderen gerade bewegt, das er aber bisher nicht ausgedrückt hat. In der Gefühle sehr viel mehr Sprache und Nuancenreichtum und offizielle Anerkennung bekommen. Und in der dann wohl auch wir selbst „emotionskompetenter“ würden. In deutlich bewussterem, engerem Kontakt mit unserem Innenleben. Mehr auf der Höhe unserer selbst.

Arbeit an der Kultur

„Arbeit an der Kultur“ eines Unternehmens ist für viele Unsinn – Aus gutem Grund. Sie sagen zum Beispiel: „Die Kultur ist der Schatten einer Organisation – Sie ist das, was folgt, wenn man an einigem anderen arbeitet. Aber immer hinter dem Rücken der eigenen Arbeit. Sie kann kein Objekt der Bearbeitung sein.“

Wahrscheinlich haben sie damit recht.

Ich möchte es hier aber – ebenfalls mit Gründen – einmal anders sehen. Möglicherweise hat das mit meinem für mich mit einem bestimmten Verständnis des Politischen zu tun, das ich mir in letzter Zeit neu erarbeitet habe. Wir werden sehen.

Ich nehme hinter der Rede gegen „Arbeit an der Kultur“ eine ganz bestimmte Sorge war: Die Sorge sich zu verfransen in unproduktiver Selbstbeschäftigung. Vielleicht auch die Sorge vor Hypokrasie: Vor den ebenso aufwändigen wie sinnlosen wie zynisch-machenden Bemühungen um den schönen Schein, wenn die Praxis zeigt, dass das durch Tun gar nicht zu erreichen ist, was aber als offizielles Ziel von Tun ausgegeben wurde. Vor allem dann, wenn die Nicht-Erreichbarkeit aber nicht einfach offiziell zugegeben werden kann. – Immer ein Zeichen, dass Machtasymmetrien gegeben sind, denn sonst gibt es mit dem Zugeben und Sich-Eingestehen aka Lernen gar keine Probleme.

Die Frage, was das „Selbst“ eines Unternehmens ist, ist aber weitaus weniger trivial als man meinen könnte. Sie ist mit dem Verweis auf eine bestimmte gegebene Produktpalette, auf Märkte, auf die Rechtsform, auf die Firmenhistorie oder die Fokussierung auf ganz bestimmte (und nicht andere) Kundenbedürfnisse nicht erschöpfend beantwortet. – An anderer Stelle habe ich vorgeschlagen, für die Frage nach dem „Selbst“ eines Unternehmens auf Konzepte zurückgreifen, die die Unternehmensberaterin Marie Miyashiro entwickelt hat. Aber das nur am Rande.

Für hier möchte ich das anders auflösen: Ich sehe unternehmerische Aktivitäten zerrissen durch den permanenten Stress, der aus mehreren externen Quellen auf das Unternehmen einwirkt: Kundenbedürfnisse, Investorenbedürfnisse und Mitarbeiterbedürfnisse. Alles drei kann man, wenn man das will, als „externe Referenzen“ des Unternehmens nennen. – Und die Beschäftigung mit keiner dieser drei externen Referenzen ist eine reine „Selbstbeschäftigung“.

Das Problem in vielen Unternehmen scheint vielmehr zu sein, dass es die Unternehmen überfordert (i.d. die ausführenden Mitarbeiter im Unternehmen), alle drei Fokusse gleichermaßen im Blick zu halten. Schon allein zwei davon scheinen jedes Unternehmen beinah zu zerreissen, alle drei gleichermaßen auszutarieren, ohne dass sie im Operativen einfach mal eben dauerhaft hops gehen, scheint die allermeisten Unternehmen komplett zu überfordern:

Entweder werden die Investorenbedürfnisse vernachlässigt.

Oder die Kundenbedürfnisse.

Oder die Mitarbeiterbedürfnisse.

Problematisch wird es allerdings erst, wenn das nicht mal nur vorübergehend passiert, (beinahe alles, was ein „Bedürfnis“ ist, lässt sich zeitlich auch mal aufschieben, soviel Selbstkontrolle ist menschlich), sondern wenn die Vernachlässigung einer der drei Seiten eines Unternehmens zur „Kultur“ wird.

Wenn wir also Unternehmen haben, die zwar spitzenmäßig ihre Investoren bedienen, die Kunden sind auch großteils richtig happy – aber die Mitarbeiter gehen dabei systematisch drauf.

Oder Investoren und Mitarbeiter haben einen „Selbstbedienungsladen“ geschaffen – Mit den Kunden als Melkkühen, denen ein Mehrwert der Unternehmensleistungen vorgetäuscht wird, der faktisch nicht vorhanden ist.

Oder Mitarbeiter und Kunden haben gemeinsam das gelobte heilige Land des glücklichen Unternehmertums betreten, aber hinter den Kulissen scharren ungeduldige oder enttäuschte Investoren unruhig mit den Füßen, die sich von ihrem finanziellen Engagement ganz anderes versprochen hatten (oft: weil es ihnen versprochen wurde).

Was könnte also hier „Arbeit an der Kultur“ bedeuten – in all diesen Fällen?

Obwohl ich Absichtserklärungen hasse (gehen im Operativen unter, man erinnert sich) startet es hier mit einer Absicht im Unternehmen: Wir wollen keine der drei Seiten verlieren. Wir haben das Verständnis, dass es allen Beteiligten mit dem Unternehmen rundum gut gehen soll. Wir ziehen uns die Stakeholder-Brille auf und wollen Wege und Mittel finden, ihr auch operativ gerecht zu werden. Und wir hören alle Beteiligte nicht nur an, wir bringen sie zum bewusst offen gestalteten Austausch über das Unternehmen regelmäßig live und in Fleisch und Blut zusammen.

Das wäre also dann ein Unternehmen, dass regelmäßig Treffen arrangiert, auf denen finanzielle Investoren, Lebenszeitinvestoren (Mitarbeiter) und Kunden des Unternehmens zusammenkommen und sich in freier, gleichberechtigter Rede über das Unternehmen austauschen.

Da es faktisch eine Machtasymmetrie für Unternehmen gibt, die mit den heutig-derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen von Unternehmertum zu tun hat, lebt und stirbt ein solches Arrangement damit, dass Investoren/Eigner des Unternehmens bereit sind, von ihrer faktisch vorhandenen Macht keinen Gebrauch zu machen, sondern Mitarbeiter und Kunden als gleichwertig mit sich selbst zu behandeln. Nicht nur bei diesen regelmäßigen Treffen, sondern auch dazwischen. Also generell.

Was könnte Eigner/Investoren eines Unternehmens reiten, so etwas zu tun? Abgabe von Weisungsmacht? Von Personenaustauschmacht (was die Mitarbeiter angeht)? Strategischer Produktlinienbeibehaltungs-/verwerfungsmacht? (was die Kunden angeht)?

Und vielleicht bezieht man noch die Dienstleister des Unternehmens ein, und behandelt sie ebenfalls systematisch wie „Interne“, die ein großes Wörtchen mitreden können und sollen!?

Was könnte Eigner/Investoren reiten, so etwas Verrücktes zu tun?

Zum einen könnte man sich klarmachen, dass sie die ganze Zeit über bereits ähnliches, aber nicht ganz dasselbe tun:

Sie beauftragen und befragen Marktforschungs- und Beratungsunternehmen, um dann Kunden wie Mitarbeitern anschließend zu verkünden, was sie beschlossen haben. Sie „verkaufen“ dann beiden Seiten diese Beschlüsse.

Von diesen Marktforschungs- und Beratungsunternehmen wollen sie Dinge wissen, die sie – ein Machtsymmetrisches Verhältnis vorausgesetzt – direkt von den Kunden selber wie von den Mitarbeitern selber genauso gut, wenn nicht besser erfahren könnten.

Das Einschalten von externen Beratern ist also bereits die Reaktion auf eine gestörte Beziehungsebene zwischen Eignern/Investoren einerseits, und Kunden und Mitarbeitern andererseits. Man kann vernünftigerweise keine ehrlichen Antworten von denjenigen erwarten, die den eigenen Ratschlüssen unterworfen sind und sie nur „erleiden“ können. Man muss damit rechnen, „Manipulierungsabsichten“ ausgesetzt zu sein, die sich Zugriff auf die eigene überlegene Entscheidungsmacht zu verschaffen versuchen.

Was aber, wenn es gar keine überlegene Entscheidungsmacht gäbe? – Wenn, ganz willkürlich, die Machtungleichheit aus dem Spiel, aus dem Unternehmen genommen wäre? – Wäre dann nicht wieder ein vernünftiger Austausch von Informationen, Perspektiven und Einschätzungen möglich?

Könnten dann nicht Investoren von Mitarbeitern wie Kunden direkt hören, was sie über bestimmte Untenrehmensangelegenheiten denken? Nicht wie Könige, die zur Audienz laden, sondern im Zuge gleichberechtigter Zusammenkünfte von „Freien und Gleichen“, die an der „gemeinsamen Sache“ (i.e.: Das Unternehmen) ein verschiedenes, aber ähnlich intensives Interesse haben? – Und wäre es nicht interessant, für alle Beteiligten, voneinander direkt zu hören, was sie über bestimmte Dinge denken? Auch: Was sie für Hoffnungen und Ängste mit Blick auf ihr eigenes Beteiligtsein am Unternehmen haben?

Es wird wohl immer ängstliche Individuen geben, die glauben, durch offenen Austausch zu viel zu verlieren zu haben. Die deswegen mit hidden agendas aufkreuzen und rein strategisch-manipulativ kommunizieren werden.

Aber a) ist die Frage, inwieweit das die anderen Beteiligten dulden. – Sie können voneinander ja Klarheit und Offenheit und vor allem Selbstoffenbarung auch hartnäckig einfordern, wenn sie nicht von allein erfolgt. – Und b) beantwortet das noch nicht die andere, wichtigere Frage, ob es nicht verdammt klug sein könnte, solche Ängste nicht auch noch künstlich durch ein offensives Nutzen gegebener asymmetrischer Macht zu triggern.

Wann immer Machtasymmetrie im Spiel ist, versiegt die offene Kommunikation. Das ist ein Naturgesetz. Nur ist dieses Versiegen für den Mächtigeren in der Beziehung in der Regel unsichtbar. Und seine Mittel an diese Informationen auf anderen Wegen (externe Berater) heranzukommen sind begrenzter als ihm bewusst ist. Denn manche Informationen gibt es nur „an der Quelle“. Und diese Quelle öffnet sich nur, wenn sie so behandelt wird, dass sie sich auch gefahrlos öffnen kann.

Ja, wir Menschen sind ziemliche Mimosen, was Sich-Öffnen angeht. Da sind Sensibilitäten im Spiel, bei extrem gestandenen Leuten, das glaubt man ja immer nicht, wenn man es nicht täglich erlebt. Angst wird gerne verborgen.

„Arbeit an der Kultur“ wäre also das offensive Ausschau halten nach, finden und beschreiten von Wegen, wie wir in unserem Unternehmen die Macht aus dem Spiel nehmen können.

So dass „Vorderbühne und Hinterbühne“ des Unternehmens doch tatsächlich identisch werden.

Ich halte das für technisch möglich. Und ich kann auch nichts in der menschlichen Natur entdecken, das dagegen spricht, dass es möglich ist.

Es ist halt mutig. Und mitunter anstrengend – Arbeit halt. Und die Versuchungen, doch wieder hintenrum zu agieren oder die überlegenen Muskeln spielen zu lassen, mögen mitunter immens sein. – Aber wann immer das der Fall ist, ist wiederum Angst im Spiel.

Und die Alternative zum Ausagieren von Angst ist ja immer einfach: Dass man sich von anderen Menschen beruhigen lässt. Am besten direkt von denen, in Bezug auf deren Reaktionen man eben seine Befürchtungen hat. Lieber vorher „zur Rede bitten“ anstatt hinterher „zur Rede stellen“.

„Beziehungsmut“ könnte man das nennen.

Und mit dem ist es in vielen Unternehmen bisher übel bestellt. Viele Unternehmen sind derzeit eher „Beziehungsvermeidungsapparate“. Viel Arbeit also, die da getan werden kann. Wenn man denn den Terminus „Arbeit an der Kultur“ doch zulassen möchte.

Obwohl er Unsinn ist.

 

Ein Unternehmen, in dem man in gutem Kontakt ist, braucht (und bekommt) keine „Organisationsrebellen“

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu dem Begriff der so schön wildromantisch daherkommenden „Organisationsrebellen“: Sie klingen nach Freiheit, nach edlen Wilden, nach mutigen Recken, die sich nicht kleinkriegen lassen, nach David gegen Goliath, nach lustvoller Piraterie, nach „wir hacken mal eben unser eigenes Unternehmen“.

Gleichzeitig bin ich selbst ein notorischer Quertreiber. „Das Leben hat mich so gebaut“, dass ich nicht nur zu den „Das Glas ist halbleer“-Menschen gehöre, sondern zu den: „Da, wo Du alles wunderbar findest, befindet sich ein schwarzes Loch, in dem King Kong gerade Deine Mutter vögelt, siehst Du das denn nicht!?????“-Leuten.

Oder freundlicher: Wenn irgendwo irgendetwas „nicht stimmig“ ist, fällt mir das sofort auf. Und es bereitet mir körperliche Übelkeit, darüber nicht zu sprechen, sondern mir auf die Zunge zu beißen und meine Wahrnehmungen runterzuschlucken. – Dieses „nicht stimmig“ ist übrigens an manchen Orten und in manchen Tätigkeiten hochwillkommen: Z.B. in der Hermeneutik: beim Interpretieren von Gedichten und Texten von toten alten Männern lag ich ich immer ganz weit vorne. Denn um Unstimmigkeiten einen höheren? tieferen? whatever! Sinn anzuerklären, muss man Unstimmigkeiten und Auffälligkeiten überhaupt erst einmal wahrnehmen. Auch im Coaching ist die Fähigkeit, Disharmonien sofort wahrzunehmen, recht praktisch und hilfreich. Denn hier ist man „qua Rolle“ dazu befugt, das anzusprechen und „zu spiegeln“, wie man immer so schön sagt. – Es geht dann immer darum, wie man dem Anderen sein eigenes Zeug so einflößt, dass er es auch bereit ist zu trinken und zu schmecken.

Natürlich könnte man das nun auch auf Organisationen übertragen. – Aber ich bin skeptisch. A) Haben Organisationen keine „Persona“, mit der ich als Mensch so unmittelbar andocken kann wie bei einem anderen Menschen. B) Hat man selten mit denen zu tun, die in Unternehmen wirklich die Fäden ziehen. Denn die sind oft weit, weit weg, anonym, und oft auch einfach am Wohlergehen des eigenen Unternehmens gar nicht interessiert. – So dass zumindest mein eigenes Rebellentum bei Unternehmen ins Leere läuft.

Wenn wir rein technisch werden, so scheint mir der Terminus „Organisationsrebellen“ so etwas zu meinen wie das, was Adam Grant „disagreable givers“ nennt.

Also so Dr.-House-Typen, die eher zur unangenehmen Sorte Mensch gehören, „aber für die gute Sache“. Grant meint auch, dass dieses Verhalten häufig fehlinterpretiert wird, die Leute aus den Unternehmen fliegen, obwohl sie für die Organisation oft mit am wertvollsten sind, weil sie Schräglagen benennen, sich engagieren und das Unternehmen entscheidend voranbringen.

Mehrere Sachen stören mich aber auch an diesem Bild:

  • Ich kenne ein paar ausgemachte, langjährige, sehr hartnäckige und sehr loyale Organisationsrebellen persönlich: Sie sind alle hochsozialkompetent und eher freundliche Menschen. – Es scheint also unterschiedliche persönliche Formen von „Rebellentum“ zu geben
  • Es gibt bekanntlich viele „heimliche Rebellen“: Also Menschen, die niemals den Mund aufmachen (oft realistischerweise: Es wäre ihr Ende in ihrer Organisation), die aber „unter der Hand das Richtige tun“. – Mark Poppenborg, der Gründer des NewWork-Netzwerks intrinsify.me hat mal in einem Vortrag sehr schön darauf hingewiesen. Diese Menschen retten ihren Unternehmen auf täglicher Basis den Hintern. Nur bekommt das niemand mit. Auch in unserem Bewusstsein tauchen sie nicht auf als Rebellen. Alles Romantische fehlt. Es  bleiben nur die täglichen Mühen der kognitiven Dissonanz, an denen, das darf man auch nicht verschweigen, nicht all zu wenige zerbrechen. Denn Kognitive Dissonanz ist eine permanente Zusatzanstrengung für’s Hirn. Heimliche Rebellen dürfen niemals ihr Heldentum öffentlich machen. Denn sonst kriegen sie auf’s Maul. Ihre Taten bleiben für immer „inoffiziell“. Das Gute, das sie für das Unternehmen tun, ist das exakt vom Management Unerwünschte, für das man abgemahnt, gemobbt, vor versammelten Mannschaft zur Schnecke gemacht und Ressourcenentzug von der Informationsvorenthaltung bis hin zum Besenkammer-Büro mit altem Windows-Rechner und gestörter Telefonleitung erwarten darf.
  • Auch scheint es mir nicht zu viel verlangt, dass „Organisationsrebellen“, wenn wir sie mit Adam Grant als „Disagreable Givers“ verstehen, die Grundregeln des geschickten Sozialverhaltens erlernen. Dafür gibt es in meiner Welt ein überragendes Vorbild namens „Frank Farrelly“. Wer will, kann es dort lernen, wie man Menschen Wahrheiten beibringt, denen sie par tout sowas von überhaupt gar nicht offen gegenüberstehen.
  • Am meisten aber stört mich, dass sich hinter dem „Unangepassten“ der „Disagreableness“ durchaus auch einfache Arschlochhaftigkeit verstecken kann: Also jenes „über Leichen gehen“, das wir „Genies“ manchmal zugestehen: „Der darf das“. – Und von dieser Denkschablone, so scheint es zumindest mir, haben die allermeisten Unternehmen bereits heute weit mehr als genug. Maligne Narzissten (salopp „Psychopathen“ genannt) spült es nach wie vor in hierarchisch organisierten Unternehmen auf ebenso zauberhafte wie systematische Weise ganz nach oben.

Die Frage ist aber auch: Sind „Organisationsrebellen“ wirklich die Lösung für die wichtigsten Probleme, die wir heute in unseren Unternehmen haben?

Mir riecht das ganze ja schon fast wieder zu sehr nach „Stabsstelle“: Wir haben da jetzt wieder so einen Karton, da verräumen wir das Thema hin, dann ist es verräumt, ohne all zu viel Schaden anrichten (und Wirkung entfalten) zu können. Sobald „Rebellentum“ von heimlich auf offiziell umschaltet, wird es unheimlich. Offizielles Rebellentum ist kein Rebellentum mehr. Es riskiert nichts, und das System hat sich schon von Vornherein gegen es immunisiert: „Ach, DER schon wieder!“

Von Milton Erickson ist überliefert, dass er der Meinung gewesen sei, ein Therapeut sei nur solange wirksam bei seinem Klienten, wie er in der Lage sei, ihn zu überraschen. – Überraschung aus der „Jetzt-kommt-eine-Überraschung“-Ecke ist, hm, nunja: wenig überraschend. Oder ging es Ihnen anders als so: Wenn der Deutschlehrer von einem „total spannenden Roman“ erzählte, dachte man „ok, gut, er muss das sagen, er ist der Deutschlehrer“. Ganz anders sieht es aber aus, wenn der Sport- oder der Mathematiklehrer mal en passant total begeistert von einem Roman erzählte, den er kürzlich gelesen habe. Warum? Weil man es von ihm nicht erwartet hat. Und weil man keinen „offiziellen“ Auftrag dahinter vermutet (- Dass der Deutschlehrer beiden am Abend vorher ein Bier spendiert hat, verschweigen wir hier).

Sind also „Organisationsrebellen“ eine Lösung für gute Organisation? Oder auf dem Weg zur guter Organisation?

Ich möchte es einmal andersherum fassen: Worum geht es überhaupt? Was sind denn die Probleme in unseren heutigen Unternehmen?

Meines Erachtens: Aufgrund der Machtasymmetrien, die der hierarchische Organisationsaufbau der meisten heutigen Unternehmen etabliert, wird nicht mehr sinnvoll miteinander gesprochen.

Es wird nicht geredet: Nicht über das Richtige. Nicht auf die richtige Weise. Nicht zum richtigen Zeitpunkt. Nicht von den richtigen Leuten zu den richtigen Leuten.

Die ganze Organisation ist eine einzige kommunikative Blockade und Verzerrung, die dafür sorgt, dass wichtige Informationen nicht „von oben nach unten“ fließen (Geheimnis! / Damit wollen wir sie jetzt noch nicht belasten! / Das dürfen sie erst erfahren, wenn wir Fakten geschaffen haben); und die gleichzeitig dafür sorgt, dass wichtige Informationen nicht „von unten nach oben“ fließen (Das müsste der Chef eigentlich wissen, aber dann krieg ich auf’s Maul / Der hört eh nicht zu / Es wäre unsolidarisch mit meinen Kollegen, das dem Chef mitzuteilen).

Gegen eine so gewaltige Kommunikationsblockademaschine sind „Organisationsrebellen“ in meiner Welt ein zarter Hauch von Nichts.

Wenn es stimmt, was ich hier schreibe, und die Hierarchie in Unternehmen selbst das Problem ist, dann gibt es dagegen nur eine Kur: Sie aus den Unternehmen rauszuschmeissen.

Und das kann nunmal nur ganz offiziell, von ganz, ganz oben passieren. Das ist ein „königlicher Akt“, keine Sache für den bestallten Hofnarren.

Und der Witz ist: Nach einer solchen Umstellung von Hierarchie auf sinnvolle Zusammenarbeit im Netzwerk sind „Organisationsrebellen“ gar nicht mehr nötig. Niemand muss „rebellieren“, um Gehör zu finden, um der richtigen Stelle im Unternehmen zum richtigen Zeitpunkt richtig unangenehme Wahrheiten um die Ohren zu hauen (oder so einzuflößen, dass er sie aufnehmen kann, die fundamentale Sozialkompetenz, man erinnert sich…).

Organisationsrebellen sind nur ein weiteres Artefakt einer kranken Unternehmensorganisation.

Menschliche Orientierung in der Welt

Immer mal wieder darf man lesen und hören, dass „Menschen Orientierung suchen“:

In Visionen, in Führern, in Werten, in Statistiken, in Religionen, in der schieren Abwechslung und Ablenkung, in Zukunftsvorhersagen, in Landkarten, in Substanzen, in Konzepten, in den Buden und im Geraune von Wahrsagerinnen, die sie ihrerseits aus den Linien der Hand, den Karten oder den Sternen haben. – Es scheint nichts abwegig genug, um dafür taugen zu können, „uns Orientierung zu stiften“.

Darum ist es vielleicht einmal an der Zeit festzuhalten, was die einzig gesunde Form menschlicher Orientierung in der Welt ist, die kein verzweifelt nach Halt suchender Ersatz für das Eigentliche ist. Weil es das Eigentliche ist.

 

Die einzig gesunde Orientierung für den Menschen findet der Mensch im Menschen.

Das heißt nicht zwingend: In sich selbst. Aber wenn gerade mal nicht in sich selbst, dann in anderen Menschen. Und wenn gerade mal nicht in anderen Menschen, dann eben in sich selbst. Es ist ein Spiel. Ein Hin- und Herschwappen der Aufmerksamkeit zwischen zwei Polen: „Ich und ein anderer“. Mehr braucht es nicht, um die gesunde Orientierung in Gang zu halten.

Fragt sich allein, warum sie dann so wenig verbreitet ist? – Andere Menschen gibt’s ja heute mehr denn jemals! Und auch von sich selbst könnte man meinen, dass man sich nicht gar so leicht verlieren könne…

Tja. Bei dieser Frage nach dem „Warum“ helfen mir Traumata als Antwort aus: Selbst erlebte und überlieferte. Traumata, die sich in Handlungsmustern derjenigen Menschen festgesetzt und ausgedrückt haben und dann eben auch vererbt haben, von denen man in seinen „prägenden Jahren“ umgeben war. Und auch gegenwärtige Traumatisierungen: Traumata, von denen man gerade jetzt, in seinen derzeitigen Beziehungen geprägt wird.

Mit diesen Prägungen geht sie dahin, die natürliche Orientierung des Menschen am Menschen.

Und die Suche an Orten, an denen sie nicht zu finden ist, beginnt.

Doch es ändert nichts daran: Zur Orientierung in der Welt braucht der Mensch nichts weiter als sich selbst und die Anwesenheit anderer Menschen.

Auch die viel zitierte letztliche Einsamkeit des Menschen ist nur so ein Orientierungsverlustgeraune. Wir kommen nicht allein. Und wenn’s gut läuft (und das ist eben so gut wie immer: wenn wir die Orientierung nicht verloren haben), dann gehen wir auch nicht allein.

Wir sind soziale Wesen.

Das sollte man auch in einer modernen Gesellschaft nicht vergessen, deren Gründungsmythos die Existenz als solipsistisches Einzelwesen ist. – Eine so hanebüchene Lüge, dass sich die Götter darüber wahrscheinlich sekündlich verrückt lachen. Ja, die kommen seit Jahrunderten vor dem Kugeln auf dem olympischen Boden gar nicht mehr heraus! Die schnappen nur noch nach Luft über die Komik unserer Ignoranz gegenüber dem Offensichtlichen…

Jene epikureischen Götter natürlich, „die sich nicht um uns kümmern“.

Allezeit waren Religionen, sofern sie reine Verrücktheiten waren, Ausfallerscheinungen. Reaktionen auf soziale Traumata. Verlust von Zusammenhalt und dem unmittelbaren Trost, den wir uns jederzeit spenden können und der unendlich viel wohltuender ist als die leeren Fantastereien. Die beruhigen zwar ungemein. Und das ist ja oft auch schon ein großer Wert.

Aber das tut Alkohol auch. Und den braucht man mit der Zeit in immer höheren Häufigkeiten und Härtegraden.

Wehe dem Menschen, der unverbunden lebt.

Er verzichtet auf das Einzige, das ihn bindet, hält und das ihm die Tränen trocknet.

Menschen, die gut verbunden waren: Mit sich, mit ihren Mitmenschen, waren schon immer erstaunlich immun gegen Ideologien.

Was die unverbundenen Rationalisten, die allein in der strengen Logik der Vernunft das letzte Bollwerk „gegen die Lüge“ sahen, natürlich niemals wahr haben wollten.

Viel, viel zu unzuverlässig dieses „Gefühl“! Und dann noch die schrecklich unersättlichen Bedürfnisse, 10.000 an der Zahl, mindestens! (wie man bei Platon nachlesen kann)

Die rein Vernünftigsten waren immer die, die für Wahnsinn am anfälligsten waren. So wie die Allernüchternsten am alleranfälligsten für ein wenig schmeichlerische Verführung sind.

Denn wer völlig auf dem Trockenen sitzt, trinkt auch noch die allerschmutzigsten Tropfen. Da kann die ratio gar nicht so schnell kucken, wie das Unterbewusstsein sich bereits versorgt hat.

Bedürfnisse sind unbetrügbar. – Doch sie sind nicht unersättlich. Das ist stets nur die Selbstwahrnehmung in Situationen langen Befriedigungsaufschubs. Eine situative Illusion. Natürlich kommt nach und oft während dem einen Bedürfnis sogleich das andere. Aber was sollte auch ein bedürfnisloses Leben? Bedürfnislosigkeit ist der Tod.

Es mag den Menschen kränken, dass er ein gar so „passives“ Wesen ist. „Umhergeworfen“ von einmal diesem, dann von jenem, was er gerade braucht. „Darin kaum unterschieden von dem Tier“. – Nein: Darin überhaupt nicht unterschieden von Tieren.

Allein die Vielfalt der Wege und die Aufschiebbarkeit von Bedürfnisbefriedigungen ist verschieden. Und, man darf schon zugeben: Diese ganz spezielle Mischung von neuronalem Netz, Hormoncocktails und sprachlichen und nicht-sprachlichen Austauschmöglichkeiten zwischen Menschen – die macht schon wirklich was her!

Auch wenn Kraken, Ratten und Bonobos wohl auch eine nicht ganz schlechte Zeit auf diesem Planeten zu haben scheinen.

Nun ja. Die Frage ist ja auch, ob „Besonderheit“ wirklich so etwas entscheidend Wichtiges ist für unser kleines Menschenseelenheil.

Denn was wir in der Besonderheit suchen ist eigentlich wiederum nur: Zugehörigkeit. Dazuzugehören, „obwohl wir wir sind“. „Weil wir wir sind“. „Obwohl ich und du irgendwie doch auch sehr verschieden sind.“ Was ja das Spiel der Anerkennung erst interessant macht. Ohne Getrennt-Sein keine Liebe.

Nur, vielleicht tun Sie mir den Gefallen, sollte mal wieder irgendwo Orientierungsgefasel aufkommen: Fassen Sie sich ein Herz und erinnern Sie sich an dieses milde Gefasel und Geraune hier. Sie brauchen nichts weiter als einen guten Draht zu sich selbst – und zu ein paar guten Freunden, Verwandten, Lieben. Menschen, zu denen sie auch in jenen Zeiten gehen können, in denen sie sich vorübergehend mal verloren haben. In denen Identitäten brüchig sind, die Angst vor dem Schmerz groß, die Zukunft ungewiss, alles Lachen und alle Liebe verloren. Solche Menschen sind durchaus nicht immer nett. Nettigkeit ist – sagen wir es mal freundlich – ein bedingt gutes Zeichen.

Die für einen guten Menschen, die man dann braucht, erkennt man – wie ja allgemein gesagt wird -, wenn man sie braucht. Und man erkennt sie daran, dass sie dann da sind. Dass sie vor dem natürlich absolut schrecklichen und verabscheungswürdigen und liebensunwerten Etwas, das man dann tatsächlich ist, einfach nicht schreiend davon laufen wollen. Ganz entgegen aller gefühlten Wahrscheinlichkeit. Völlig absurd, ich weiß.

Solange man sie denn überhaupt in sein Leben lässt.

Und dass zu tun, das Rettende mit Vorsatz aus dem eigenen Leben heraus zu halten, dafür ist überhaupt nur ein Grund denkbar: Das „lonesome-rider-syndrom“. Unter dem nach meinem Eindrücken heutzutage annähernd 100% der Menschheit zu leiden scheint.

Aber jeder wie er’s mag. No risk, no fun. Man wächst mit den Schwierigkeiten. Manchmal verwächst man auch. Aber solange der Mensch noch einigermaßen warm ist, solange gibt es Hoffnung und Veränderung ist, wenn gewünscht, möglich.

Und wenn nun vielleicht mancher meint, dieser Text müsse in besoffenem Zustand geschrieben sein, so darf ich ungelogen sagen: Alles Natur-Serotonine-Dopamine-Endorphine-Noradrenaline-Wasauchimmerine. Auf jeden Fall Eigenproduktion. With a little help from my friends.

 

Sich-Durchsetzen, Geißel der Menschheit

Sich-Durchsetzen hat einen merkwürdig positiven Sound. So gar nicht angekratzt von jüngeren gesellschaftlichen Entwicklungen und neueren psychologischen Erkenntnissen scheint der Begriff verwendet zu werden.

Doch warum auch nicht? – In der Regel wird der Begriff von denjenigen, die ihn gerne verwenden, in etwa wie folgt verstanden:

„Man traut sich, für sich einzustehen. Wichtiges, für das man einsteht, laut auszusprechen. Man lässt dabei nicht locker, bis man nicht nur definitiv gehört wurde, sondern auch andere erkannt haben, wie wichtig das Betreffende eben ist. Und dann eben auch was dafür getan wird, verdammt!“

Sich-Durchsetzen ist gesund. Es bezeugt Mut und Handlungskraft. Ja, auch natürliche Autorität und Führungsstärke, etc. pp.

Interessant wird das alles nur, weil dabei so vollständig ausgeblendet wird, was beim Vorgang des „Sich-Durchsetzens“ tatsächlich passiert. Und „tatsächlich“, das heißt so gut wie immer: in zwischenmenschlicher und innermenschlicher Hinsicht. Denn das lässt sich vielmehr umschreiben wie folgt:

„Man benutzt ein Thema, um eine alte Ego-Wunde zu kompensieren. Dabei wird man so bissig, unerbittlich und einschüchternd, dass irgendwann niemand mehr wagt, dem, wofür man sich da gerade ausspricht, noch irgendwas entgegenzusetzen. Einfach deswegen, weil das Risiko, dann von einem verletzt zu werden, zu hoch erscheint. Daher verstummen alle, winken durch und nicken ab, obwohl es wichtige Einwände gegen das Vertretene gibt. Gäbe es die nämlich nicht, brauchte es gar keine ‚Durchsetzung'“.

Sich-Durchsetzen ist die derzeit immer noch soziale akzeptierte Form von „Über-Leichen-Gehen“. Zumindest die psychologische Disposition ist die exakt Gleiche. Die Folgen oft genug auch.

Wie kommt es zu dieser Ausblendung, die eine derart positive Wertung eines verheerenden Vorgangs aufrecht erhält, bei dem menschliche Bedürfnisse mit Füßen getreten werden, durch den schon zahlreiche großartige Ideen im Keim erstickt und kreative Menschen systematisch entmutig wurden, sich in Lösungsprozesse überhaupt noch einzubringen? So dass menschliches Leiden lieber einfach hingenommen oder sogar verherrlicht und überhöht wird?

An einer überkomplizierten Verworrenheit des Phänomens, an einer kognitiven Schwierigkeit kann es kaum liegen. Es ist eine einfache Unterscheidung, mit der man klar machen kann: „Echte Innere Stärke“ die ruhig und souverän agiert hier, „Überspielendes Lautsprechertum“ das alle menschliche Interaktion als Kampf und Wettbewerb begreift dort. Die beiden sich auch phänomenlogisch kaum zu verwechseln und für beinahe alle Menschen unmittelbar unterscheidbar.

Mein Tipp ist ja: Die hartnäckig positive Wertung eines derart unproduktiven und anti-sozialen Verhaltens ist vor allem gestützt durch unsere Institutionen.

Beachtet man die sozialen Kontexte, in denen „Sich-Durchsetzen“ seine emotionale Aufladung und positive Wertung erfährt, so handelt es sich beinahe ausnahmslos um Institutionen, in denen Wettbewerbe, Rankings, Castings, etc. zentral sind.

Insbesondere unseren politischen Institutionen kommt eine zentrale Rolle dabei zu. Vielleicht noch vor der Kriegsrhetorik in unseren Unternehmen. Wir hängen der Idee an, dass „Demokratie“ eine Art Wettbewerb um die besten politischen Ideen sei: Parteien denken sie sich aus und treten dann vor der Jury des Volkes an. Wir Bürger sitzen dann fett und feist wie die Arschlöcher von „der Höhle der Löwen“ oder anderem Casting-Unsinn in unseren schicken Sesseln und schauen den Parteien bei ihrem Schlammcatchen zu, bewerten sie und schauen mal, ob wir sie in die nächste Runde der Macht lassen wollen (5%-Hürde, Regierungsbeteiligung, Wiederwahl, etc.). Das ist natürlich ganz schön großartig für uns, den armen Politikern bequem dabei zuschauen zu dürfen, wie sie sich gegeneinander vor uns „durchsetzen“ müssen. Es lebe die Zuschauerdemokratie, bei der man selbst keine Verantwortung übernehmen muss, aber durchs Mitbewerten und Mitschimpfen dennoch ganz kräftig emotional partizipiert!

Durchsetzen ist etwas ganz Wichtiges in solchen Kontexten. Man darf nicht zu skrupulös sein. Man muss laut werden können. Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Man muss unbeirrt bei seinem Kurs bleiben können. Und, nicht zu vergessen, es darf einem auf keinem Fall an der letzten Hinterzimmer-Härte im Umgang mit Konkurrenten fehlen, sonst wird das eben einfach nichts mit der Durchsetzung. Sonst bleiben die Linien nicht geschlossen. Ja, „verbalen Schlagabtausch“, das muss man können. An „politischen Aschermittwochen“, in Bierzelten, im Parlament, in Talkshowrunden, ach, eigentlich immer und überall, wo grad jemand zukuckt. Immer feste druff auf den politischen Gegner. Und nichts spüren, wenn er einen umgekehrt auf einen einprügelt. „Schmerzbefreitheit“ ist das passive Pendant zur geforderten Durchsetzungs-Aggression. Politik als Boxring. Zuhören verboten. Dabei könnte man sich nämlich das im Kampf tödliche Zögern des Zweifels einfangen. Gute Kämpfer lesen die Bewegungen des Gegners. Sie sind keine guten Zuhörer. Denn Zuhören kann kein Teil einer Strategie sein. – Berufspolitiker können privat übrigens sehr offene und sensible Menschen sein. Allerdings nur, solange kein Mikro und keine Kamera eingeschaltet sind. Rollenerwartungen in Wettbewerbssystemen können erbarmungslos sein. Und natürlich greift auch hier mit der Zeit die gute alte déformation professionelle, bei der die berufliche Dauervereinseitigung sich auch privat irgendwann kaum mehr abstellen lässt.

Natürlich könnten wir auch die Frage stellen, ob an einem solchen politischen System vielleicht irgendetwas faul sein könnte. Und ob hier vielleicht ein völliges Missverständnis davon vorliegt, worum es bei „Demokratie“ im Kern eigentlich geht.

Aber wahrscheinlich stellen wir genau diese Frage besser nicht, sondern singen – jetzt ganz neu: auch geschlechterübergreifend, das muss dieser vielgerühmte soziale Fortschritt sein! – stattdessen weiter das Hohelied der Durchsetzung.

Ja. Das muss die Lösung sein: Lasst uns alle gemeinsam „echte Männer“ werden!

Dieses ewige Inkludieren und diese Rücksichtnahme auf alle Beteiligten – Das kann ja zu nichts führen! Das hält nur auf! Zumal wenn man eben gerade einen Krieg führen muss. Da kann man ja auch keine Fahnenflüchtigen, Befehlsverweigerer und Wehrkraftzersetzter gebrauchen!

Völlig ausgeschlossen ist es, dass die Aufgabenstellung, die daraus ensteht, dass alle mit ihren Bedürfnissen wirklich Gehör finden, zu ebenso wirklich neuartigen Lösungen führen könnte.

Völlig ausgeschlossen ist es, dass es echte innere Stärke, eine gewisse Fähigkeit, Spannungen auszuhalten und wirken zu lassen, brauchen könnte, um wirklich innovativ zu sein. Spannungen, die durch den Aktionismus des Sich-Durchsetzen-Müssens sehr effektiv die Luft rausgelassen werden kann.

So dass man dann wunderbar im ewig gleichen Brei herum-schlammcatchen kann.

Denn das tut dem rundherum durchsetzungsfähigen Menschen einfach deutlich weniger weh als das Aushalten innerer oder zwischenmenschlicher Spannungen. Die müssen alle immer sofort aufgelöst werden. Indem sich bitteschön jetzt eben sofort einer durchsetzt! Alles andere ist Unentschlossenheit, ist Zaudern, ist Handlungsschwäche.

Aktion ohne Ereignisse. Aktivismus at its best. Ständig was los und doch wunderbar vertraut. So wie eine neue Bundesligasaison: Neue Trainer, neue Spieler, ein paar neue Vereine, aber in Wahrheit nicht so wirklich was Neues. Das Leben ist so schon kompliziert genug.

Ja, der Profisport ist auch so eine Spielwiese für die unantastbare „Durchsetzung“.

Ach, unsere heißgeliebte Kriegerkultur.

Ethik und Politik

Eine Zeit lang in meiner philosophischen Ausbildung durfte ich in die sogenannte „Homann-Schule“ gehen. Sie wird, wie für Philosophie vollkommen üblich, in der Regel missverstanden.

Das geht schon bei ihrer Einordnung unter die Rubrik „Wirtschaftsethik“ los. Karl Homann hatte zwar in der Tat an der Universität München lange einen so genannten Lehrstuhl für Wirtschaftsethik inne. Doch man sollte auf solche Label nicht all zu viel geben.

Faktisch handelt es sich bei der Homann-Schule weitaus eher um eine Politische Philosophie, die die politische Rahmenordnung adressiert. Um eine Denkschule, die über sehr Grundsätzliches nachdenkt, und für die „wirtschaftliche Phänomene“ nur „gesellschaftliche Phänomene neben anderen“ darstellen; und keineswegs einen bevorzugten Gesichtspunkt.

Was man bei Homann gut lernen konnte, und was ich – neben allem, was ich so nicht mehr mittrage – auch heute noch aus vollem Herzen bejahen kann, ist das Folgende:

Wir Menschen sind in moralischer Hinsicht neutrale Wesen. Wir sind weder „gut“ noch „böse“. Die moralischen Qualitäten unseres Verhaltens lassen sich aber mit absoluter Zuverlässigkeit daraus ableiten, mit welchen Umständen wir sicher rechnen können. Moralisch qualifizierbar sind daher für eine über die Natur des Menschen aufgeklärte Ethik niemals die Menschen selbst, sondern allein die erwartbaren und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit institutionell stabilisierten Umstände.

Mit der Homann’schen Philosophie im Rücken sind daher die immer wieder auftretenden „moralischen Rückfälle“ auf lokaler oder globaler Ebene weitaus weniger rätselhaft, als sie von uns in den größten Teilen unserer öffentlichen Gespräche gemacht werden: Wie immer sind „die Umstände“ schuld. Es handelt sich in allen Fällen um ein Institutionenversagen.

Das aber bedeutet, dass wir am Ende doch wiederum selber schuld sind. Aber auf eine sehr andere Weise als wir gewohnt sind zu denken. – Wie und warum, dazu kommen wir noch weiter unten in diesem Artikel zu sprechen.

Der Fall Farrelly

Nun gibt es ein offensichtliches Problem mit diesem Denken: Die konsequente und abstrichlose Zurechnung von menschlichem Verhalten auf die subjektiv erwartbaren Umstände ist ein moralischer Offenbarungseid. Er lässt uns alle aus der Verantwortung für unser individuelles Verhalten.

Und das macht unsere biologische Basis nicht mit. So sehr philosophisch verkopfen können wir Menschen gar nicht, dass dieses Basis-Programm dabei ausgeschaltet wird. Sogar Menschen, die wir der groben und uns entlastenden Vereinfachung halber als „verrückt“ bezeichnen, erkennen das Konzept der „individuellen Schuld“ vollumfänglich an.

Man wird mit diesem Umstand konfrontiert, wenn man sich tiefergehend mit dem Leben und dem Wirken des Sozialarbeiters und Psychotherapeuten Frank Farrelly beschäftigt. In mehreren sehr eindrucksvollen Passagen beschreibt Farrelly seine Erfahrungen in einem psychiatrischen Landeskrankenhaus in Wisconsin (dem Mendota Mental Health Hospital in Madison). In einer Atmosphäre, in der der arme psychische Kranke vom professionellen Personal als „durch seine Vergangenheit“ umfassend von persönlicher Verantwortung entlastet betrachtet wurde, waren die „Mitinsassen“ keineswegs bereit, untereinander eine ähnliche „Moralfreiheit“ gelten zu lassen.

Farrelly beschreibt in seinem viele Jahre praktischer Tätigkeit zusammenfassenden Werk „Provocative Therapy“, wie das Muster „mir kann keiner was, ich bin ja verrückt“ sehr effektiv von einer interaktiven, zwischenmenschlichen Logik gebrochen und überlagert wurde: „Du magst so verrückt sein wie Du willst, aber wenn Du noch einmal mein … klaust, dann verpasse ich Dir eine Abreibung, nach der Du das nie wieder tun wirst!“

Kurz: Die Patienten verhielten sich untereinander effektiver und Verhalten positiver beeinflussend als das beim professionellen Personal mit seiner pauschalen Suspendierung von indvidueller Schuld der Fall war.

Daraus lässt sich folgendes Allgemeine für den Bereich der Ethik ableiten: Wo immer wir Situationen vorliegen haben, in der unmittelbare Interaktion zwischen Menschen möglich ist, sind Menschen selbst (und ihr gezeigtes Verhalten) die relevanten Rahmenbedingungen, die über das Auftreten von ethischem/unethischen Verhalten anderer Menschen entscheiden.

Wir betreten damit zwar unmittelbar den Raum der „doppelten Kontingenz“, in dem es wiederum kaum möglich ist von „Schuld“ zu sprechen, da in der doppelten Kontingenz interaktiven Verhaltens kein Anfang und kein Ende auszumachen ist: Du bist genauso Rahmenbedingung für mich, wie ich Rahmenbedingung für Dich bin (Eltern-Kind-Interaktionen vielleicht ausgenommen, aber selbst hier lassen sich viele solcher wechselseitigen Kopplungen sehr leicht ausmachen, sobald das Kind dem allerfrühesten Kleinkindstadium entwachsen ist).

Aber zugleich sind „Schuldzuschreibungen“ zugleich Medium der wechselseitigen Verhaltenskopplung: Alle Beteiligten wissen, dass jederzeit mit Schuldzuschreibungen operiert werden kann. Dass sie also sicher damit rechnen können, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen zeigen. Und daher wirkt Schuld, obwohl es streng logisch keine Schuld gibt.

Für die moderne, systemisch denkende Psychologie ist eine solche Paradoxie kein großes Problem mehr, sondern eher so etwas wie ihre Operationsgrundlage.

Man kann daher sehen, dass Frank Farrelly als Psychopraktiker einfach nur sehr pragmatische Konsequenzen gezogen hat, indem er die große Wirksamkeit von Verantwortungs- und Schuldzuschreibungen für die Salutogenese zu nutzen begann. Völlig zu recht bezeichnet der deutsche Ableger seiner Therapieschule sein Wirken mittlerweile als „provokative Systemarbeit“. Ein Tribut an das zutiefst systemische Denken, das bei Farrelly am Werk war.

Der ethische Sinn von Politik

Für unseren Zusammenhang kommt nun aber ein entscheidender Unterschied ins Spiel. „Systemisch“ ist nicht gleich „systemisch“. Ein Unterschied, der einen ganz gewaltigen Unterschied macht, ist der Umstand, ob die Möglichkeit zu unausweichbarer, unmittelbarer Interaktion gegeben ist oder nicht. – In vielen Kleingesellschaften: Familien, Unternehmen, Dörfern, Stämmen ist das weitgehend der Fall. In halb-anonymen Großgesellschaft nicht.

In halb-anonymen Großgesellschaften sollen „Institutionen“ diejenige Art von Verhaltenskopplung leisten, die nicht mehr von unmittelbarer, zwischenmenschlicher Interaktion geleistet werden kann. Schlicht, weil die räumlichen Abstände zu groß sind. Und weil zu viele Menschen gleichzeitig an ihren Prozessen beteiligt sind. Mehr, als durch ein individuell geankertes Beziehungsnetz gehalten werden kann.

Die Frage ist, ob das nicht einer doppelten Überforderung gleichkommt: Einer überfordernden Erwartung an Institutionen einerseits und einer überfordernden Erwartung an uns Menschen andererseits. – Unsere täglichen Erfahrungen mit all jenen ziemlich gräulichen und oft grausamen Auswüchsen der formalen Bürokratie, die zwischenmenschliche Beziehungen zu ersetzen versucht, deuten sehr eindrucksvoll darauf hin, dass mit dieser politisch-ethischen „Lösung“ etwas faul zu sein scheint:

Sie funktioniert ganz offensichtlich nicht.

Nehmen wir beides in unserem Denken zusammen: Einmal die Homann’sche Einsicht in die ethische Formbarkeit des Menschen durch stabil erwartbare Umstände. Und zum anderen die Farrelly’sche Einsicht in das Primat des Menschen „als Umstand für den Menschen“, so kommen wir zu ganz anderen Schlüssen als wir kommen würden, wenn wir nur einen dieser Aspekte für sich berücksichtigen; oder sogar gar keinen von ihnen beiden.

Der logische Schluss, der sich aus beidem zusammen ergibt, hat Konsequenzen für das, was wir „Politik“ nennen sollten. In einem sehr engen, qualitativ aufgeladenen Sinne.

Da wir heute wissen können (dank Homann), dass wir ethisches Verhalten bekommen, wenn wir ethisches Verhalten begünstigtende Umstände haben. Da wir heute wissen können (dank Farrelly), wie durchschlagend das Unmittelbar-Menschliche sich dazu aufschwingt, für uns genau diese „Umstände“ zu sein. Und da wir weiter davon ausgehen können, dass wir noch eine Zeit lang (bis auf Weiteres) in einer teil-anonymen Großgesellschaft leben werden, ergibt sich m.E. aus allem drei zusammengenommen folgende, logisch zwingende Konsequenz:

Politik ist die Schaffung eines Raums menschlicher Unmittelbarkeit, in dem wir gemeinsam diejenigen Institutionen schaffen und beständig überprüfen und anpassen, die wir in einer teil-anonymen Großgesellschaft brauchen.

Und, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit bis zum Erbrechen zu wiederholen drohe: Die einzige „Meta-Institution“, die in der Lage ist, genau dies zu leisten, sind Bürgeratsversammlungen oder Bürgerparlamente, deren Teilnehmer im reinen Losverfahren, also per Zufall aus der Gesamtbürgerschaft ausgewählt werden.

Das Los als Auswahlprinzip zur personellen „Bestückung“ eines Gremiums, das im absoluten Zentrum unserer Gesellschaft steht, also dort, wo die für uns alle bedeutsamen Entscheidungen fallen, garantiert, das keine Perspektiven verlorengehen – Etwas, das sich in einer teil-anonymen Gesellschaft mit absoluter Zuverlässigkeit zu rächen droht.

Die persönliche Anwesenheit, also die bewusste Entscheidung gegen eine nur „virtuelle“ Zusammenkunft (wie bei Wahlen, Volksabstimmungen und Online-Votings) würdigt die sehr positiven, körperlichen Mechanismen, die es uns ermöglichen, „für andere Menschen relevante Umstände“ zu sein. – „We are wired to connect“. Es ist unsere biologische Hardware, die den Raum des Politischen (im engeren, qualifizierten Sinne) ermöglicht.

Analytisch gesprochen haben wir in einer sich ansonsten systematisch entfremdenden Gesellschaft mit einem Bürgerparlament eine Meta-Institution am Werk, in der diejenige Art von Verbindung möglich ist, die wir ansonsten nur in Kleingesellschaften erwarten können.

Dabei dürfen wir aber nicht unsere heutigen Alltagserfahrungen mit Kleingesellschaften zum Erwartungsmaßstab nehmen. Diese sind heute nämlich – mangels dem bisherigen Bestehen einer solchen Instanz – durchzogen von Machtasymmetrien, Machtspielen und Durchsetzungslogiken, die alles andere als reziprok, gleichwertig und politisch sind. Das Fehlen einer ausgleichenden Instanz auf politischer Ebene wirkt sich schon seit Langem so auf unsere unmittelbaren Intimbeziehungen so aus, dass diese in ihrer heilsamen Kraft gemindert werden. Auch unsere Alltagsbeziehungen sind durch Machtungleichheiten korrumpiert. Wir kennen „eine gesunde Gesellschaft“ oft kaum mehr und haben daher auch keine Vorstellungen davon, wie ein positiv und erleichternd ein machtfreier Raum sich auf alle Beteiligten auswirkt und dass es sich dabei um eine anthropologische Konstante handelt. Eine bedingte, so paradox das auch klingen mag.

Die heilsame Kraft der menschlichen Unmittelbarkeit wird von uns ganz einfach deswegen unterschätzt, weil wir sie in unserem Alltag nur noch selten erleben. Wir erleben sie vielleicht manchmal, bei einem guten Therapeuten oder einer jener seltenen guten Führungskräfte. Oder in den guten Phasen unserer Paarbeziehungen (wobei es bei Krisen des einen Partners erst interessant wird: Ob es sich genau dann immer noch um eine „gute Phase“ handeln kann…). – Die Möglichkeit, das Potential dieser heilsamen Kraft ist aber immer da. Es ist unverlierbar. Und es ist systematisch politisch nutzbar.

Werden unsere Gesetze und Institutionen von einer Meta-Institution verabschiedet, in der zwischenmenschliche Unmittelbarkeit herrscht, kompensiert diese Institution denjenigen Grad an unvermeidbarer (und vielleicht dann sogar wünschenswerter) Entfremdung, der für teil-anonyme Großgesellschaften typisch ist.

Wir haben dann das Gute des „Dorfes“ ins Herz des großstädtischen Molochs implantiert, den unsere heutige Weltgesellschaft mittlerweile darstellt: Ein lebendiges, menschliches Zentrum, in dem nicht Auseinandersetzung und Vernichtungskämpfe dominieren, bei denen die ganze Zeit alle verlieren und ihr Leben in Angst, Verhärtung und Verbitterung verbingen, sondern in dem Zuhören, Aufmerksamkeit, echtes Interesse und die Bereitschaft, die Perspektive des anderen in neue Lösungen einzubinden die absolute und unverbrüchliche Regel ist.

Es gibt tatsächlich Hoffnung für die moderne Demokratie. Wir müssten dazu nur Logik der menschlichen Unmittelbarkeit anerkennen. Das heißt: Die Unverzichtbarkeit, die die Unmittelbarkeit menschlicher Beziehung für uns als Menschen hat.

Dies vorausgesetzt bleibt tatsächlich nur der Zufall als mögliches Auswahlprinzip für die personelle Besetzung des wichtigsten politischen Gremiums in unserer Gesellschaft.

Denn nur der Zufall garantiert wirklich Repräsentativität. Nur der Zufall schließt aus, dass jemand nicht-zufällig ausgeschlossen wird aus politischen Aussprache-, Mitsprache- und Entscheidungsprozessen. Nur der Zufall gibt uns die Sicherheit der Demokratie.

Damit wird zugleich operativ einlösbar, was die politische Ethik der Homann-Schule immer wollte: Dass der Mensch als für sich selbst verantwortlich angesehen werden kann. Allerdings eben nicht als Individuum. Sondern indem er institutionell in die Lage versetzt wird, „sich selbst zu formen“ und „die Bedingungen des Zusammenlebens bewusst gemeinsam zu gestalten“.

Nur auf einer politischen Ebene ist gültig, dass der Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Als Einzelwesen ist er unter modernen Bedingungen von der Wucht einer solchen Verantwortung überfordert und reagiert darauf mit: Frust und mit offensiven Schuldzuschreibungen an die Adresse von anderen. – Denn Angriff war im moralischen Krieg noch stets die allerallerbeste Verteidigung.

Befriedete, glückliche Gesellschaften sind so nicht zu erreichen.