Dass ich mir eine andere Gesellschaft als unsere heutige vorstellen kann, die kein Rückfall in frühere Zeiten ist, ist ja kein Geheimnis. Ich denke, ich bin mir dieser „vagen Ahnung“ bin ich auch nicht gerade allein. Dass unsere heutige Gesellschaftsform der Weisheit letzter Schluss in der Menschheitsgeschichte sein soll, glauben heute nur noch sehr wenige Menschen.

Wohin aber soll die gemeinsame Reise gehen? – Ginge es nach mir, wären mir ja weniger strukturelle und offene Gewalt ganz genehm, Danke. Mehr Freundlichkeit und vor allem mehr Möglichkeit, selbstempathisch zu bleiben, auch wenn man heranwächst und „groß wird“, wären dann obendrein noch top. Wenn das nicht sogar identisch und untrennbar verbunden ist mit meinem frommen Wünschen, in einer Gesellschaft mit deutlich weniger für selbstverständlich gehaltener und daher von uns geduldeter Gewalt zu leben.

Dummerweise ist es aber eine ganz und gar blöde Idee, heutzutage in diese Richtung „individuell vorzuarbeiten“.

Und man kann auch benennen, warum und inwiefern: Empathisches, Selbstempathisches, Verletzlich-Bleibendes Verhalten ist heute ausbeutbar. Es verschafft einem große Nachteile im gesellschaftlichen Ratten-Rennen, das wir heute mittels unserer Institutionen inszenieren.

Was wir heute brauchen, um „sicher zu sein“, um „uns unsere Wünsche zu erfüllen“, ist: Geld. Viel Geld. Möglichst viel Geld.

Und wie erlangt man dieses Geld? – Wird man damit nicht bereits geboren und gehört zu den wenigen glücklichen Viel-Erben, die wie schwarze Löcher des Kapitals sind und ganz natürlich alles an sich reissen, dann erlangen wir Geld heutzutage durch das Erlernen von Unempathisch-Sein: Durch „eine gewisse Härte und Schmerzbefreitheit“. – Im Rahmen des Legalen versteht sich.

Die Kunst des guten Lebens besteht in derjenigen Gesellschaft, die wir derzeit als Theaterstück aufführen, darin, dass wir genau diese Lücken zu finden in der Lage sind: Wie kann ich ein Arschloch sein, ohne dass mir das jemand übel nimmt? Wie kann ich ein Arschloch sein, ohne dass ich dabei kriminell auffällig werde?

Wer diese Fragen am geschicktesten löst, mit seinen gegebenen Mitteln, „gewinnt das Spiel“.

Ein glückliches, gutes, menschenwürdiges Leben erhalten wir so zwar nicht. Aber das steht momentan ja auch gar nicht zur Debatte. Denn es steht als Option nicht zur Verfügung.

Zur Verfügung besteht im Rahmen gegebener Institutionen nur: Ein empathischer Verlierer zu sein, der permanent in Gefahr ist, in verzweifelten Zynismus zu kippen, oder ein umempathischer Sieger, der wahrscheinlich schon in (heimlich) verzweifelten Zynismus gekippt ist.

Wollen wir „das gute Leben“ als menschliche und indidivuelle Option haben, werden wir die Spielregeln unserer Gesellschaft drastisch abändern müssen.

Und das hieße: Nicht „ethisches“, empathisches individuelles Verhalten. Sondern: Gemeinsames, politisches Handeln.

Mit anderen Worten: Ran an unsere Institutionen!

Unsere Gesetze, unsere politischen Verfahren, unsere Verfassungen haben eine dringende Generalüberholung verdient. Denn es ist durchaus möglich für uns, unsere Demokratie „auf das nächste Level“ zu bringen, sie weitzuentwickeln und dadurch all diese Gewinner-Verlierer-Spiele zu reduzieren, wenn nicht aus der Welt zu schaffen.

Es ist eben eine Frage unseres politischen Wollens. Und von nichts anderem.

 

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