Politik hat einen schlechten Ruf. Daher scheint es eine nur all zu gute oder verständliche Idee zu sein, Politik so lang es nur geht zu vermeiden.

Das liegt nicht nur an unserem Politikbegriff, der – man kann es nur schwer anders sagen – ziemlich pervers ist. Wir verstehen heute etwas unter „Politik“, das nicht unbedingt einen eigenen Namen bräuchte. Das was wir „Politik“ nennen, könnte man genauso „Herrschaft“ nennen, „Sich-Durchsetzen“, „Sich-Bedrohen“, „Feilschen“, „Intrigieren“, „Sich-Verbünden“ oder „fortgesetzte Machtspielchen“. – Dafür bräuchte es also nicht zwingend ein eigenes Wort. Und schon gar keines, das mit Blick auf seine Ursprünge eine ganz andere Bedeutung nahelegt. Denn ursprünglich wurde unter „Politik“ der Raum verstanden, in dem der Mensch in der freien Begegnung mit seinesgleichen ganz zu sich selbst kam. Und noch mehr: Politik wurde verstanden als der einzige Raum, in dem wir in der Lage sind, das zu tun. Politik wurde gedacht als

1. völlig unverzichtbar für ein gutes Leben.

2. als natürlich für den Menschen.

3. als sozialer Raum für die beste aller menschlichen Daseinsarten.

Ohne Politik kein menschliches Glück, kein echtes Glück, kein dauerhaftes Glück – So dachte man in der antiken Polis, am Geburtsort der Demokratie. Politik war weit entfernt von einer bitteren Notwendigkeit, sie wurde vielmehr als Aufatmen, als Befreiung im Anderen, durch den Anderen verstanden. Politik wurde bejaht und gefeiert. Man war stolz ein politischer Mensch zu sein und kein „idiotes“. Man war stolz, ein „Bürger“ zu sein.

Denn das Aufspannen des politischen Raumes ist eine gemeinschaftliche Leistung, ein gemeinschaftlich vollzogener Ethos, auf den wir tatsächlich stolz sein können: Der andere Mensch ist im politischen Raum nicht ein lästiges Etwas, das mir im Weg steht, sondern die unverzichtbare Bedingung meines eigenen Freiheitserlebens. Politik, die Begegnung von Mensch zu Mensch auf Augenhöhe, ist eine immer wieder reproduzierbare und daher zuverlässige Lösung vom eigenen kleinen Selbst, von der Verstrickung in die eigenen Tics. Und Politik ist getragen von der Vorstellung, dass wir als Menschen gemeinsam etwas realisieren können, das wir in unpolitischen Zusammenschlüssen genauso wenig erreichen können wie in der traurigen Vereinzelung des lonesome riders.

Auch das Gut(e) der Politik macht uns heute Angst

Doch unsere heutige drastische Umdeutung von „Politik“ ist aber nicht das einzige Problem, das Politikvermeidung motiviert. Auch „die Sache selbst“, unabhängig davon, wie wir sie nennen, hat so ihre Tücken.

Politik als gemeinsames bewusstes Gestalten der gemeinsamen Lebensbedingungen, vermittels der menschlichen Gaben der Rede, des wechselseitigen Zuhörens, Verstehens und der Empathie, erscheint uns oft als nicht gerade die angenehmste aller Optionen.

Die Versuchung, sich in allen möglichen Problemlagen, in denen die Möglichkeit der Politik viel Gutes stiften könnte, auf Politikvermeidung zu verlegen, ist erstaunlich oft gegeben.

Erstaunlich ist das nur deswegen, weil Politik, – darin ähnlich ihrer Zweier-Beziehungs-Ensprechung: Der emotionalen Empathie – unmittelbar angenehm und befriedigend ist für alle, die an ihr teilnehmen.

Wann immer ein „politischer Raum“ entsteht, atmen alle beteiligten Menschen spürbar auf. Und schwärmen dann im Nachhinein meist in den höchsten Tönen, wie toll und wunderbar das gewesen sei, was sie da gerade erlebt hätten. Gleichsam so, als ob sie jetzt erst spüren könnten, was ihnen sonst die ganze Zeit fehlt. – Irgendwas scheint also tatsächlich dran zu sein an der aristotelischen Sache mit dem „zoon politikon“.

Was verführt uns nun aber zur Politikvermeidung? – Ich nehme es so wahr: Der Gedanke an Politik macht uns Angst. Denn in der Politik berühren wir uns gegenseitig. Wir zeigen uns in unserer Bedürftigkeit. Und wir lassen uns berühren von der Bedürftigkeit unserer Mitmenschen. Und das kann erst einmal alles andere als angenehm sein. Vor allem dann, wenn wir „berührt-werden“ und „berührt-sein“ eher in seinen übergriffigen, respektlosen oder sogar offensiv gewalttägien Formen kennen gelernt haben.

Das ist leider bei sehr vielen von uns heute lebenden Menschen der Fall.

Wir leben in einer Gesellschaft, die erfüllt ist von Angst vor Politik. Wir sind erfüllt von begründeter Angst vor Politik.

Fehlende Erfahrungen mit realer Politik

Und zu den schlechten Erfahrungen mit „Begegnungen, bei denen es um was ging“, die die meisten von uns mitbringen, kommt noch hinzu:

Nicht all zu viele von uns haben überhaupt bereits Erfahrungen mit „dem Raum des Politischen“ gemacht. Viele wissen gar nicht, dass es ihn überhaupt gibt.

Auch das hat Anteil an der oben angedeuteten „perversen“ Verwechslung von Machtkämpfen mit Politik in einem gehaltvollen Sinn.

Ich kann mich selber da als gutes schlechtes Beispiel nehmen: Ich durfte studieren. Und das auch noch zu einer Zeit, in der die Universitäten noch nicht völlig verschult waren und das Studium noch relativ frei. Vor den „Bologna -Reformen“. Und dann auch noch Fächer, in dem viel geredet und diskutiert wurde. Man könnte polemisch sagen: Fächer, die aus nichts weiter bestehen denn aus Reden und Diskussionen.

Dennoch fehlte mir im Studium etwas schmerzhaft. Und dieses Empfinden hätte ich sogar dann gehabt, dessen bin ich mir sicher, wenn ich nicht doch ein, zwei, drei Mal erlebt hätte, wie es ist, wenn das, was mir da fehlte, plötzlich entsteht und spürbar vorhanden ist: Man ist gemeinsam in einem Raum. Und man redet gemeinsam über das Gleiche.

Das klingt so banal. Aber das ist es nicht. – Ich habe mir in meiner Neugier und meinem Wahnsinn sicher ca. 20 Fächer an meiner Universität recht intensiv angeschaut. Und beinahe immer und beinahe überall gestalteten sich unsere Gespräche so: Einer sagte etwas und redete dabei darüber, was ihn interessierte oder beschäftigte. Und ein anderer „antwortete“ ihm und redete dabei darüber, was ihn interessierte oder beschäftigte. Wir redeten über Verschiedenes. Wir redeten aneinander vorbei. Da war kein Zuhören und kein Antworten.

Aber die ein, zwei, drei Mal, in denen das anders war, werde ich nie vergessen: Es war völlig anders. Es war magisch. Es entstand eine völlig andere Energie im Raum. Eine Energie, die unsere eigene Unruhe, unsere Angst und unseren „Egoismus“ völlig überwandt. Eine produktive Atmosphäre, in der der Funke zwischen uns hin und her sprang, in der wir uns positiv gegenseitig anregten, in denen wir als „Gruppe“ eben „mehr waren als die Summe unserer einzelnen Individualitäten“.

Heute weiß ich: Das war ein politischer Raum. Und das war das, was ich mein ganzes, überlanges Studium immer wieder schmerzlich vermisst habe. Warum ich unsere ganze Universität trotz der großen Freiheiten, die ich genießen durfte, als ein zutiefst unbefriedigendes Übel erlebt habe.

Wir brauchen den politischen Raum

Ich glaube, wir Menschen brauchen den politischen Raum.

Nicht nur zum Spaß und zum Spiel oder zum Wohlfühlen oder für neue Ideen.

Wir brauchen ihn auch, um unsere gemeinsamen Probleme produktiv zu lösen.

Wir brauchen Politik um wirkliche Befriedigung zu finden. Denn ohne den Raum des Politischen gibt es für uns nur ein endloses, zielloses Herumirren im Immerneuen oder im Immergleichen.

Und daher müssen wir sowohl unseren irrigen Politikbegriff als auch unsere Angst vor dem Raum des Politischen überwinden.

Geeignete Institutionen können uns dabei helfen. Institutionen, die dazu beitragen, dass wir uns in ihnen während unseres gemeinsamen Gesprächs sicher und „gehalten“ fühlen. In denen wir uns öffnen und einander zeigen können, was uns wirklich bewegt – Jenseits „machtstrategischer“ Abwägungen.

Ich vermute: Gesellschaften, in denen es an Politik fehlt, in denen Politikvermeidung so verbreitet geworden ist, dass man schon gar nicht mehr ahnt und sagen kann, was einem überhaupt fehlt, sind ziemlich unfriedliche Gesellschaften. Gesellschaften, in denen es viel unproduktiven und fortschrittsfreien Streit gibt. Auseinandersetzungen, aus denen eben keine neuen Lösungen entstehen. Sondern die sich rituell immer neu und in immer anderen halbseidenen Schattierungen wiederholen. Bis sie selbst zu einer Art Institution werden. An die wir uns gewöhnen und auf die wir uns dann einstellen, weil sie eine „feste Größe ist, mit der gerechnet werden kann“.

Politikvermeidung, Politiklosigkeit als Gesellschaftsform.

Nein, das kann so nicht weitergehen. Auf keinen Fall. Wenn, ja wenn Politik für uns Menschen wirklich so „wesenhaft“ ist, wie das vereinzelt immer wieder mal in der Menschheitsgeschichte gedacht wurde, dann wird uns die Politikvermeidung, die wir pflegen, mit absoluter Gewissheit um die Ohren fliegen. Das genaue Wann und Wie sind dann dabei fast schon nebensächlich.

Der politische Raum ist überall – Obgleich voraussetzungsreich, ist er jederzeit möglich

Die gemeinsame Erschaffung von politischen Räumen scheint eine bleibende menschliche Aufgabe zu sein. Eine alltägliche.

Denn „ein politischer Raum“ entsteht immer und überall dort, wo Menschen zusammenkommen und über das Gemeinsame, über das, was sie alle betrifft, als Gleichwertige in freier, offener Rede sprechen. Und sich dabei doch tatsächlich zuhören.

Das kann in unseren Familien passieren. In unseren Unternehmen. In unseren Nachbarschaften. Und ja, auch in in unseren „Großgesellschaften“, wenn wir dafür geeignete Formen, Verfahren und Institutionen schaffen. Was uns möglich sein könnte, sobald uns halbwegs klar ist, was wir da und warum wir es tun. Und dass wir alle das brauchen.

Res publica perennis.

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