Der „Leviathan“ des politischen Philosophen Thomas Hobbes ist eine entscheidende Wegmarke in der Geschichte des politischen Denkens und Handelns.

Sie bedeutet eine Abkehr von den (über Jahrhunderte hinweg vergeblichen) Versuchen, in der Politik „das Beste für den Menschen“ zu erreichen. Und eine Hinwendung zu einem Verständnis von Politik, nach dem es in der Politik nur darum gehen könne, das Schlimmste zu verhindern.

Konzeptionell wird das sehr deutlich daran, dass in dem von ihm erfundenen „Staat“ kein Platz für den freien politischen Austausch vorgesehen ist. Weder gibt es in der Hobbes’schen Konzeption Bedarf, noch Notwendigkeit an einer Art „Agora“, einem Ort, an dem die Bürger zusammekommen, sich immer wieder neu oder besser: täglich, ständig austauschen und so den Raum des Politischen gemeinsam zwischen sich entstehen lassen. – Als permanente Tätigkeit, die permanentes Engagement, Zeit, Kraft, Aufmerksamkeit und ja, auch wechselseitige Zugewandtheit erfordert.

Die Hobbes’sche „Politik“ ist eine Politik ohne Politik. – Vielleicht lässt sich das dadurch erklärten, dass Hobbes, schockiert durch die Schrecken der Bürgerkriege seiner Zeit ein Einsehen hatte, dass „echte Politik“ (im antiken, kleinstädtischen Verständnis des Wortes) den Menschen schlicht zu anstrengend ist, um unter den Bedingungen teil-anonymer Großgesellschaften noch Realisierungschancen zu haben.

An die Stelle der Agora und des Austauschs setzt Hobbes daher den Monarchen einserseits und den – nur gedachten und rückprojizierten – Vertrag zwischen den dadurch zu Bürgern mutierten Menschen andererseits. – Selbst in der Hobbes’schen Fiktion, die offen als Fiktion gekennzeichnet ist, mussten die Menschen also mindestens einmal physisch zusammenkommen, um „Politik“ zu begründen.

Hobbes‘ Denken ist das Denken einer politischen Kapitulation. Eines Aufgebens des politisch-demokratischen Denkens, das im Raum des Politischen die höchste Realisierungsform des Menschlichen und zugleich „das dem Menschen Gemäße und Natürliche“ gesehen hatte. – Zu ehrgeizig. Unrealisitisch. Über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende hinweg nachweislich gescheitert. Hobbes gibt sich, wie viele seiner philosophischen Mitstreiter, die sich gegen vor-neuzeitliche Denken wenden, als Pragmatiker. Jemand wie Aristoteles, der den Menschen zum „Zoon Politikon“ erklärt, erscheint so plötzlich wie ein abgehobener Träumer, nicht als der Pragmatiker und Hardcore-Realist, als der er von seinen eigenen Zeitgenossen eingeschätzt wurde: Stets nah an den Realitäten, die er unmittelbar vorfand – Und daher unmittelbar einleuchtend, Offensichtliches begrifflich auf den Punkt bringend.

Jahrhunderte der Scholastik und des kruden theologischen Denkens mit aussichtslosen Versuchen, biblischen Gottesbegriff und griechisches Denken irgendwie doch noch in Einklang miteinander zu bringen, können eben einiges an Verwirrung erzeugen.

Unser großes Problem mit Hobbes heute ist: Hobbes ist die prägende Gestalt für unser Denken von „Politik“ in der Moderne. Thomas Hobbes hat wie kein Zweiter unser Denken des Politischen geprägt, deutlich mehr noch als Machiavelli.

Das aber heißt: Unser eigenes Denken von Politik und Demokratie ist tief defizitär. Wir glauben, solange wir in Hobbes’schen Bahnen denken, dass es in der Politik stets nur um die Abwehr des Schlimmsten gehen könne, niemals um die Realisierung des Besten für den Menschen.

Dies ist die zutiefst schwarze Seele dessen, was wir überaus freundlich „Liberalismus“ nennen und als dessen Begründer wir Hobbes verstehen dürfen, der als erster den Menschen systematisch als zutiefst asoziales und vorsoziales Wesen beschrieb, weil er die Grausamkeiten, die wir einander immer wieder antun, anders nicht erklären und berücksichtigen zu können glaubte.

Will man einen positiven Politikbegriff, einen Politikbegriff, der nicht die reine Not und die nackte Angst atmet, wiedergewinnen, wird man tatsächlich zurückgehen müssen zur antiken Polis. Man wird die griechische Präferenz für Wettbewerb und Sich-Übertreffen abstreifen müssen – Denn darin sind wir heute lebenden Menschen selbst unübertroffen.

Wir dürfen mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass unsere heutige Gesellschaft die Bewohner des demokratischen Athens trotz ihrer ausgeprägten Streitkultur entsetzen würde. Nicht wegen des Streits an sich. Den liebten sie. Sondern wegen unserer Lieblosigkeit darin und unsere Unfreundlichkeit miteinander. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sowohl wir selbst als auch unsere Gesellschaft ihnen als ausgesprächen „hässlich“ erschienen wäre: Unser Hass, unser tiefer Unfriede und unsere grausame Feindseligkeit wären ihnen überdeutlich aufgefallen. Es scheint für sie kaum vorstellbar gewesen zu sein, dass Menschen überhaupt so werden können, wie wir heute tagtäglich sind.

Tatsächlich lagen sie darin wohl gar nicht so falsch: Denn tatsächlich zerlegt es gerade unsere Gesellschaft nach allen Regeln der Kunst. Das, was notwendigerweise mit einer Gesellschaft geschieht, die keinen positiven Politikbegriff mehr ausbilden kann. Die gar keine Vorstellung davon hat, dass „Demokratie“ etwas anderes heißen könnte als Populismus, politische Faulheit und Verantwortungslosigkeit, Lüge, Intrige und permanent zuverlässig erzeugte Frustration.

Hobbes mag für seine Zeit richtig gelegen haben. Wir selbst tun uns heutzutage keinen Gefallen, wenn wir weiter darauf verzichten, das völlig zu ignorieren, was möglich wird, wenn Menschen in freiem Austausch zusammenkommen. Regelmäßig. Täglich. – Weil Verständnis und Empathie erarbeitet sein wollen und nicht einfach mal eben von uns vorausgesetzt werden können. Produktive, innovative politische Auseinandersetzung setzt Bürgerfreundschaft voraus: Die Sicherheit, dass Du mir wohlwillst. Und die Sicherheit, dass ich Dir wohlwill. Weil wir ohne einander nicht sein können. Nicht in unserer Bestform. Weil wir nur gemeinsam den Raum des Politischen aufspannen können. Denjenigen Raum, den wir beide brauchen, den wir alle brauchen, um ein „gutes Leben“ führen zu können. Diese Bürgerfreundschaft muss auf eine für alle glaubwürdige, spürbare Weise erlebt werden. Eine sensible Sache. Denn wir Menschen sind „wie dafür gemacht“ zu spüren, wann man uns so etwas nur vorspielt, um sich dadurch apolitische Vorteile in einem apolitischen Krieg zu verschaffen. Wir wissen, wann rücksichtsloser Vernichtungskampf angesagt wird – hinter einer Fassade der Freundlichkeit und des schönen Scheins. Wir wissen, wann wir ohne Erbarmen angegriffen, ignoriert, verachtet, gedemütigt, herabgewürdigt werden. Darauf ist jeder von uns sensibel. Und an keinem von uns geht es spurlos vorbei. Die Psyche merkt sich das, zeichnet es auf, zieht ihre Schlüsse daraus, formt sich danach. – Nur sehen wir in unserer heutigen völligen, bereits gewohnheitsmäßigen Verzweiflung sehr gezielt davon ab, von dieser unserer menschlichen Sensibilität Gebrauch zu machen, stattdessen unterdrücken wir sie (und damit unsere Menschlichkeit) und werden stattdessen „hart“: Zu unerträglich wäre sonst das tagtägliche Eingeständnis der sozialen Realität, in was für einer feindseligen sozialen Umwelt, von wie wenig Wohlwollen wir umgeben sind. Wie sehr „auf uns allein gestellt“ wir sind, wie sehr „ein jeder sich selbst der Nächste zu sein hat“,  wie sehr „ein jeder zunächst einmal für sich selbst zu sorgen hat, dann ist ja für einen jeden gesorgt“ und anderer hobbesianischer Unsinn mehr. Wir leben, ohne es zu wissen, in einer Hobbesianischen Welt. In einer Gesellschaft, die so stark vom Hobbes’schen Denken geprägt ist, dass sie kaum mehr aus diesem Irrweg herauszufinden scheint.

Es scheint – ganz wie von Aristoteles bemerkt – eine Art Politikimperativ „im menschlichen Wesen“ zu geben. Einen Imperativ, den wir als Wesen, die sogar ihr eigenes Wesen negieren können, durchaus ignorieren können. Nur wird das menschliche Leben auf diese Weise: ohne Politik im antiken Sinne eben genau das, was Hobbes diagnostiziert: „solitary, poor, nasty, brutish, and short“.

 

 

 

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