Sich-Durchsetzen hat einen merkwürdig positiven Sound. So gar nicht angekratzt von jüngeren gesellschaftlichen Entwicklungen und neueren psychologischen Erkenntnissen scheint der Begriff verwendet zu werden.

Doch warum auch nicht? – In der Regel wird der Begriff von denjenigen, die ihn gerne verwenden, in etwa wie folgt verstanden:

„Man traut sich, für sich einzustehen. Wichtiges, für das man einsteht, laut auszusprechen. Man lässt dabei nicht locker, bis man nicht nur definitiv gehört wurde, sondern auch andere erkannt haben, wie wichtig das Betreffende eben ist. Und dann eben auch was dafür getan wird, verdammt!“

Sich-Durchsetzen ist gesund. Es bezeugt Mut und Handlungskraft. Ja, auch natürliche Autorität und Führungsstärke, etc. pp.

Interessant wird das alles nur, weil dabei so vollständig ausgeblendet wird, was beim Vorgang des „Sich-Durchsetzens“ tatsächlich passiert. Und „tatsächlich“, das heißt so gut wie immer: in zwischenmenschlicher und innermenschlicher Hinsicht. Denn das lässt sich vielmehr umschreiben wie folgt:

„Man benutzt ein Thema, um eine alte Ego-Wunde zu kompensieren. Dabei wird man so bissig, unerbittlich und einschüchternd, dass irgendwann niemand mehr wagt, dem, wofür man sich da gerade ausspricht, noch irgendwas entgegenzusetzen. Einfach deswegen, weil das Risiko, dann von einem verletzt zu werden, zu hoch erscheint. Daher verstummen alle, winken durch und nicken ab, obwohl es wichtige Einwände gegen das Vertretene gibt. Gäbe es die nämlich nicht, brauchte es gar keine ‚Durchsetzung'“.

Sich-Durchsetzen ist die derzeit immer noch soziale akzeptierte Form von „Über-Leichen-Gehen“. Zumindest die psychologische Disposition ist die exakt Gleiche. Die Folgen oft genug auch.

Wie kommt es zu dieser Ausblendung, die eine derart positive Wertung eines verheerenden Vorgangs aufrecht erhält, bei dem menschliche Bedürfnisse mit Füßen getreten werden, durch den schon zahlreiche großartige Ideen im Keim erstickt und kreative Menschen systematisch entmutig wurden, sich in Lösungsprozesse überhaupt noch einzubringen? So dass menschliches Leiden lieber einfach hingenommen oder sogar verherrlicht und überhöht wird?

An einer überkomplizierten Verworrenheit des Phänomens, an einer kognitiven Schwierigkeit kann es kaum liegen. Es ist eine einfache Unterscheidung, mit der man klar machen kann: „Echte Innere Stärke“ die ruhig und souverän agiert hier, „Überspielendes Lautsprechertum“ das alle menschliche Interaktion als Kampf und Wettbewerb begreift dort. Die beiden sich auch phänomenlogisch kaum zu verwechseln und für beinahe alle Menschen unmittelbar unterscheidbar.

Mein Tipp ist ja: Die hartnäckig positive Wertung eines derart unproduktiven und anti-sozialen Verhaltens ist vor allem gestützt durch unsere Institutionen.

Beachtet man die sozialen Kontexte, in denen „Sich-Durchsetzen“ seine emotionale Aufladung und positive Wertung erfährt, so handelt es sich beinahe ausnahmslos um Institutionen, in denen Wettbewerbe, Rankings, Castings, etc. zentral sind.

Insbesondere unseren politischen Institutionen kommt eine zentrale Rolle dabei zu. Vielleicht noch vor der Kriegsrhetorik in unseren Unternehmen. Wir hängen der Idee an, dass „Demokratie“ eine Art Wettbewerb um die besten politischen Ideen sei: Parteien denken sie sich aus und treten dann vor der Jury des Volkes an. Wir Bürger sitzen dann fett und feist wie die Arschlöcher von „der Höhle der Löwen“ oder anderem Casting-Unsinn in unseren schicken Sesseln und schauen den Parteien bei ihrem Schlammcatchen zu, bewerten sie und schauen mal, ob wir sie in die nächste Runde der Macht lassen wollen (5%-Hürde, Regierungsbeteiligung, Wiederwahl, etc.). Das ist natürlich ganz schön großartig für uns, den armen Politikern bequem dabei zuschauen zu dürfen, wie sie sich gegeneinander vor uns „durchsetzen“ müssen. Es lebe die Zuschauerdemokratie, bei der man selbst keine Verantwortung übernehmen muss, aber durchs Mitbewerten und Mitschimpfen dennoch ganz kräftig emotional partizipiert!

Durchsetzen ist etwas ganz Wichtiges in solchen Kontexten. Man darf nicht zu skrupulös sein. Man muss laut werden können. Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Man muss unbeirrt bei seinem Kurs bleiben können. Und, nicht zu vergessen, es darf einem auf keinem Fall an der letzten Hinterzimmer-Härte im Umgang mit Konkurrenten fehlen, sonst wird das eben einfach nichts mit der Durchsetzung. Sonst bleiben die Linien nicht geschlossen. Ja, „verbalen Schlagabtausch“, das muss man können. An „politischen Aschermittwochen“, in Bierzelten, im Parlament, in Talkshowrunden, ach, eigentlich immer und überall, wo grad jemand zukuckt. Immer feste druff auf den politischen Gegner. Und nichts spüren, wenn er einen umgekehrt auf einen einprügelt. „Schmerzbefreitheit“ ist das passive Pendant zur geforderten Durchsetzungs-Aggression. Politik als Boxring. Zuhören verboten. Dabei könnte man sich nämlich das im Kampf tödliche Zögern des Zweifels einfangen. Gute Kämpfer lesen die Bewegungen des Gegners. Sie sind keine guten Zuhörer. Denn Zuhören kann kein Teil einer Strategie sein. – Berufspolitiker können privat übrigens sehr offene und sensible Menschen sein. Allerdings nur, solange kein Mikro und keine Kamera eingeschaltet sind. Rollenerwartungen in Wettbewerbssystemen können erbarmungslos sein. Und natürlich greift auch hier mit der Zeit die gute alte déformation professionelle, bei der die berufliche Dauervereinseitigung sich auch privat irgendwann kaum mehr abstellen lässt.

Natürlich könnten wir auch die Frage stellen, ob an einem solchen politischen System vielleicht irgendetwas faul sein könnte. Und ob hier vielleicht ein völliges Missverständnis davon vorliegt, worum es bei „Demokratie“ im Kern eigentlich geht.

Aber wahrscheinlich stellen wir genau diese Frage besser nicht, sondern singen – jetzt ganz neu: auch geschlechterübergreifend, das muss dieser vielgerühmte soziale Fortschritt sein! – stattdessen weiter das Hohelied der Durchsetzung.

Ja. Das muss die Lösung sein: Lasst uns alle gemeinsam „echte Männer“ werden!

Dieses ewige Inkludieren und diese Rücksichtnahme auf alle Beteiligten – Das kann ja zu nichts führen! Das hält nur auf! Zumal wenn man eben gerade einen Krieg führen muss. Da kann man ja auch keine Fahnenflüchtigen, Befehlsverweigerer und Wehrkraftzersetzter gebrauchen!

Völlig ausgeschlossen ist es, dass die Aufgabenstellung, die daraus ensteht, dass alle mit ihren Bedürfnissen wirklich Gehör finden, zu ebenso wirklich neuartigen Lösungen führen könnte.

Völlig ausgeschlossen ist es, dass es echte innere Stärke, eine gewisse Fähigkeit, Spannungen auszuhalten und wirken zu lassen, brauchen könnte, um wirklich innovativ zu sein. Spannungen, die durch den Aktionismus des Sich-Durchsetzen-Müssens sehr effektiv die Luft rausgelassen werden kann.

So dass man dann wunderbar im ewig gleichen Brei herum-schlammcatchen kann.

Denn das tut dem rundherum durchsetzungsfähigen Menschen einfach deutlich weniger weh als das Aushalten innerer oder zwischenmenschlicher Spannungen. Die müssen alle immer sofort aufgelöst werden. Indem sich bitteschön jetzt eben sofort einer durchsetzt! Alles andere ist Unentschlossenheit, ist Zaudern, ist Handlungsschwäche.

Aktion ohne Ereignisse. Aktivismus at its best. Ständig was los und doch wunderbar vertraut. So wie eine neue Bundesligasaison: Neue Trainer, neue Spieler, ein paar neue Vereine, aber in Wahrheit nicht so wirklich was Neues. Das Leben ist so schon kompliziert genug.

Ja, der Profisport ist auch so eine Spielwiese für die unantastbare „Durchsetzung“.

Ach, unsere heißgeliebte Kriegerkultur.

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