Immer mal wieder darf man lesen und hören, dass „Menschen Orientierung suchen“:

In Visionen, in Führern, in Werten, in Statistiken, in Religionen, in der schieren Abwechslung und Ablenkung, in Zukunftsvorhersagen, in Landkarten, in Substanzen, in Konzepten, in den Buden und im Geraune von Wahrsagerinnen, die sie ihrerseits aus den Linien der Hand, den Karten oder den Sternen haben. – Es scheint nichts abwegig genug, um dafür taugen zu können, „uns Orientierung zu stiften“.

Darum ist es vielleicht einmal an der Zeit festzuhalten, was die einzig gesunde Form menschlicher Orientierung in der Welt ist, die kein verzweifelt nach Halt suchender Ersatz für das Eigentliche ist. Weil es das Eigentliche ist:

Die einzig gesunde Orientierung für den Menschen findet der Mensch im Menschen.

Das heißt nicht zwingend: In sich selbst. Aber wenn gerade mal nicht in sich selbst, dann in anderen Menschen. Und wenn gerade mal nicht in anderen Menschen, dann eben in sich selbst. Es ist ein Spiel. Ein Hin- und Herschwappen der Aufmerksamkeit zwischen zwei Polen: „Ich und ein anderer“. Mehr braucht es nicht, um die gesunde Orientierung in Gang zu halten.

Fragt sich allein, warum sie dann so wenig verbreitet ist? – Andere Menschen gibt’s ja heute mehr denn jemals! Und auch von sich selbst könnte man meinen, dass man sich nicht gar so leicht verlieren könne…

Tja. Bei dieser Frage nach dem „Warum“ helfen mir Traumata als Antwort aus: Selbst erlebte und überlieferte. Traumata, die sich in Handlungsmustern derjenigen Menschen festgesetzt und ausgedrückt haben und dann eben auch vererbt haben, von denen man in seinen „prägenden Jahren“ umgeben war. Und auch gegenwärtige Traumatisierungen: Traumata, von denen man gerade jetzt, in seinen derzeitigen Beziehungen geprägt wird.

Mit diesen Prägungen geht sie dahin, die natürliche Orientierung des Menschen am Menschen.

Und die Suche an Orten, an denen sie nicht zu finden ist, beginnt.

Doch es ändert nichts daran: Zur Orientierung in der Welt braucht der Mensch nichts weiter als sich selbst und die Anwesenheit anderer Menschen.

Auch die viel zitierte letztliche Einsamkeit des Menschen ist nur so ein Orientierungsverlustgeraune. Wir kommen nicht allein. Und wenn’s gut läuft (und das ist eben so gut wie immer: wenn wir die Orientierung nicht verloren haben), dann gehen wir auch nicht allein.

Wir sind soziale Wesen.

Das sollte man auch in einer modernen Gesellschaft nicht vergessen, deren Gründungsmythos die Existenz als solipsistisches Einzelwesen ist. – Eine so hanebüchene Lüge, dass sich die Götter darüber wahrscheinlich sekündlich verrückt lachen. Ja, die kommen seit Jahrhunderten vor lauter Kugeln auf dem olympischen Boden gar nicht mehr heraus! Die schnappen nur noch nach Luft über unsere komische Ignoranz gegenüber dem Offensichtlichen…

Jene epikureischen Götter natürlich, „die sich nicht um uns kümmern“.

Allezeit waren Religionen, sofern sie reine Verrücktheiten waren, Ausfallerscheinungen. Reaktionen auf soziale Traumata. Verlust von Zusammenhalt und dem unmittelbaren Trost, den wir uns jederzeit spenden können und der unendlich viel wohltuender ist als die leeren Fantastereien. Die beruhigen zwar ungemein. Und das ist ja oft auch schon ein großer Wert.

Aber das tut Alkohol auch. Und den braucht man mit der Zeit in immer höheren Häufigkeiten und Härtegraden.

Wehe dem Menschen, der unverbunden lebt: Er verzichtet auf das Einzige, das ihn bindet, hält und das ihm die Tränen trocknet.

Menschen, die gut verbunden waren: Mit sich, mit ihren Mitmenschen, waren schon immer erstaunlich immun gegen Ideologien.

Was die unverbundenen Rationalisten, die allein in der strengen Logik der Vernunft das letzte Bollwerk „gegen die Lüge“ sahen, natürlich niemals wahr haben wollten.

Viel, viel zu unzuverlässig dieses „Gefühl“! Und dann noch die schrecklich unersättlichen Bedürfnisse, 10.000 an der Zahl, mindestens! (wie man bei Platon nachlesen kann)

Die rein Vernünftigen waren immer die, die für Wahnsinn am anfälligsten waren. So wie die Allernüchternsten am alleranfälligsten sind für ein wenig schmeichlerische Verführung.

Denn wer völlig auf dem Trockenen sitzt, trinkt auch noch die allerschmutzigsten Tropfen. Da kann die ratio gar nicht so schnell kucken, wie das Unbewusste sich bereits bedient und versorgt hat.

Bedürfnisse sind unbetrügbar. – Doch sie sind nicht unersättlich. Der Eindruck der Unerstättlichkeit ist stets nur eine Selbstwahrnehmung in Situationen langen Befriedigungsaufschubs. Eine situative Illusion. Natürlich kommt nach und oft sogar schon während dem einen Bedürfnis sogleich das andere. Aber was sollte auch ein bedürfnisloses Leben? Bedürfnislosigkeit ist der Tod.

Es mag den Menschen kränken, dass er ein gar so „passives“ Wesen ist. „Umhergeworfen“ von einmal diesem, dann von jenem, was er gerade braucht. „Darin kaum unterschieden von dem Tier“. – Nein: Darin überhaupt nicht unterschieden von Tieren.

Allein die Vielfalt der Wege und die Aufschiebbarkeit von Bedürfnisbefriedigungen ist verschieden. Und, man darf schon zugeben: Diese ganz spezielle Mischung von neuronalem Netz, Hormoncocktails und sprachlichen und nicht-sprachlichen Austauschmöglichkeiten zwischen Menschen – die macht schon wirklich was her!

Auch wenn Kraken, Ratten und Bonobos wohl auch eine nicht ganz schlechte Zeit auf diesem Planeten zu haben scheinen.

Nun ja. Die Frage ist ja auch, ob „Besonderheit“ wirklich so etwas entscheidend Wichtiges ist für unser kleines Menschenseelenheil.

Denn was wir in der Besonderheit suchen ist eigentlich wiederum nur: Zugehörigkeit. Dazuzugehören, „obwohl wir wir sind“. „Weil wir wir sind“. „Obwohl ich und du irgendwie doch auch sehr verschieden sind.“ Was ja das Spiel der Anerkennung erst interessant macht. Ohne Getrennt-Sein keine Liebe.

Nur, vielleicht tun Sie mir den Gefallen, sollte mal wieder irgendwo Orientierungsgefasel aufkommen: Fassen Sie sich ein Herz und erinnern Sie sich an dieses milde Gefasel und Geraune hier. Sie brauchen nichts weiter als einen guten Draht zu sich selbst – und zu ein paar guten Freunden, Verwandten, Lieben. Menschen, zu denen sie auch in jenen Zeiten gehen können, in denen sie sich vorübergehend mal verloren haben. In denen Identitäten brüchig sind, die Angst vor dem Schmerz groß, die Zukunft ungewiss, alles Lachen und alle Liebe verloren. Solche Menschen sind durchaus nicht immer nett. Nettigkeit ist – sagen wir es mal freundlich – ein bedingt gutes Zeichen.

Die für einen guten Menschen, die man dann braucht, erkennt man – wie ja allgemein gesagt wird -, wenn man sie braucht. Und man erkennt sie daran, dass sie dann da sind. Dass sie vor dem natürlich absolut schrecklichen und verabscheuungswürdigen und liebensunwerten Etwas, das man dann tatsächlich ist, einfach nicht schreiend davon laufen wollen. Ganz entgegen aller gefühlten Wahrscheinlichkeit. Völlig absurd, ich weiß.

Solange man sie denn überhaupt in sein Leben lässt.

Und dass zu tun, das Rettende mit Vorsatz aus dem eigenen Leben heraus zu halten, dafür ist überhaupt nur ein Grund denkbar: Das „lonesome-rider-syndrom“. Unter dem nach meinem Eindrücken heutzutage annähernd 100% der Menschheit zu leiden scheint.

Aber jeder wie er’s mag. No risk, no fun. Man wächst mit den Schwierigkeiten. Manchmal verwächst man auch. Aber solange der Mensch noch einigermaßen warm ist, solange gibt es Hoffnung, und Veränderung ist möglich. Wenn sie denn gewünscht wird.

Und wenn nun vielleicht mancher meint, dieser Text müsse in besoffenem Zustand geschrieben sein, so darf ich ungelogen sagen: Das hier sind alles Natur-Serotonine-Dopamine-Endorphine-Noradrenaline-Wasauchimmerine. Auf jeden Fall Eigenproduktion. With a little help from my friends.