Die unter dem Titel „Was ist Politik?“ veröffentlichten Fragmente aus dem Nachlass von Hannah Arendt bringen uns auf Gedanken, die nach meiner Einschätzung heute zunehmend wichtig werden. Sie sind eine der wenigen Quellen für ein qualitatives Verständnis des politischen Raums. Also für ein Verständnis, dass „Politik“ nicht einfach das ist, was wir so nennen, sondern bestimmte Kriterien erfüllen muss, um „wirklich Politik“ zu sein. Damit einher geht die Einschätzung, dass es keineswegs zu allen Zeiten an allen Orten, an denen Menschen (oder vergleichbare Wesen) zusammen leben, Politik gibt.

Mit Arendt können wir also denken: „Politik ist etwas überaus Wertvolles. Etwas Voraussetzungsreiches. Etwas Nicht-Selbstverständliches.“ Arendt schreibt über den Raum des Politischen:

„…dass wir in einem Bezirk wirklich frei sein sollen, nämlich weder getrieben von uns selbst noch abhängig von gegebenem Material. Freiheit gibt es nur in dem eigentümlichen Zwischen-Bereich der Politik.“ (S. 12)

Politik als ständiges Werden und Wiedergewinnen von Freiheit, sogar als einziger Raum, in dem wir als Menschen Freiheit erleben; Freiheit als ein Geschenk, das wir uns wechselseitig machen und das zu seiner Entstehung das Zusammenkommen der Verschiedenen als Gleichwertigen, das Zusammenkommen der füreinander Aufmerksamen benötigt: Da bin ich ohne Abstriche dabei. Für mich hat Arendt als eine der wenigen modernen Autoren „das Wesen von Politik“ voll erfasst und zur Sprache gebracht.

Nichtsdestoweniger gibt es Stellen in den Fragmenten, bei denen ich mich herausgeworfen fühle, bei denen ich nicht mitgehen will. – Aus dem einzig denkbaren Grund: Weil ich andere Abzweigungen im Denken heute für sinnvoller, ergiebiger, produktiver halte.

Diese Stellen möchte ich hier markieren und mein Empfinden einigermaßen nachvollziehbar machen. Eingefleischte Arendt-Fans bitte ich dabei um Milde, denn sie werden im Folgenden viel Kritik finden. Kritik, wie man sie nur dann findet, wenn die Zustimmung und Aneignung bereits stattgefunden hat. Kritik, wie sie unter Freunden möglich ist.

Gewalt und Krieg vs. Politik und Freiheit

Arendt beschreibt sehr genau die Entgegensetzung und den wechselseitigen Ausschluss von Gewalthandeln einerseits und dem Politischen andererseits, das wesentlich durch das physische Zusammenkommen und die Gabe der Rede entsteht:

„Was den Krieg betraf, so ist die griechische Polis in der Bestimmung des Politischen einen anderen Weg gegangen. Sie hat die Polis um die Homersche Agora, den Versammlungs- und Redeplatz der freien Männer gebildet und damit das eigentlich „Politische“ – nämlich dasjenige, was nur der Polis eignete und was die Griechen daher allen Barbaren und allen nicht-freien Männern absprachen – um das Zueinander-, Miteinander- und Über-etwas-Reden zentriert, und diese ganze Sphäre im Zeichen einer göttlichen „peitho“, einer Überzeugungs- und Überredungskraft, die ohne Gewalt und ohne Zwang zwischen Gleichen waltet und alles entscheidet, gesehen. Der Krieg dagegen und die mit ihm verbundene Gewalt wurde aus dem eigentümlich Politischen, das zwischen den Gliedern der Polis entstanden und gültig [war], ganz und gar ausgeschieden; gewaltsam verhielt sich die Polis als Ganzes zu anderen Staaten und Stadt-Staaten, aber damit gerade verhielt sie sich ihrer eigenen Meinung nach „unpolitisch“. In diesem kriegerischen Handeln war daher auch und ja notwendigerweise die prinzipielle Gleichheit der Bürger, unter denen es keine herrschenden und keine Gehorchenden geben durfte, aufgehoben. Gerade weil das kriegerische Handeln ohne Befehl und ohne Gehorsam nicht auskommen und unmöglich Entscheidungen der Überredung anheimstellen kann, gehörte es für griechisches Denken einem nicht-politischen Bereich an.“ (S. 93)

Auf diese Passage folgen zwei Seiten, in denen Arendt sehr plastisch den „agonalen Geist der Griechen“ beschreibt, mit ihrer hohen Präferenz für das Sich-miteinander-Messen, Wettkämpfe und Wettstreit darum, sich „als der Beste zu erweisen“. – Und darauf folgend (S. 96f.) eine wunderschöne Beschreibung des politischen Zugangs zur Wahrheit einer Sache, die geeignet ist, allem Platonismus ein für allemal den Garaus zu machen, indem sie die Subjektivität und Verschiedenheit der Vielen, die eine Sache gemeinsam besprechen, zur Bedingung der objektiven Erschließung dieser gleichen Sache macht. Der ganze Subjekt-Objekt-Gegensatz, der das philosophische Spiel über die Jahrhunderte hinweg in Gang halten konnte, ist in diesen wenigen Zeilen vollständig aufgehoben und zur Unerheblichkeit gemacht.

All das mündet noch einmal in eine Klarstellung Arendts, dass „Freiheit“ für ein Denken des Politischen keine Bestimmung ist, die sich auf den Einzelnen bezieht, auf seine Natur oder auf seine Psyche. Sondern allein auf einen Raum: Den Raum des Politischen. „Frei“ ist, wer in den Genuß kommt, diesen Raum betreten zu können. Unfrei sind wir alle, wann immer wir uns in unpolitischen Räumen bewegen. (S. 99)

Das, am Rande, sind Gedanken, die heute so wenig Popularität haben, dass ich sie am liebsten in totalitärer Manier über allen Schulen, Universitäten, Unternehmen Staatsgebäuden anbringen will. Dass ich sie ständig meinen Mitmenschen in die Ohren brüllen will. Und das ich sie ständig über meine social-media-Kanäle posten will, bis ich von allen geblockt bin, weil allen meinen lieben Kontakten davon bereits die Augen bluten. – Denn dass der Mensch nicht „frei geboren“ ist, sondern nur in ganz bestimmten Formen des Zusammenseins mit anderen Menschen frei wird, ist die zugleich wichtigste und meist vernachlässigte Einsicht unserer Zeit.

Kampf und Wettbewerb als Bedingungen des Politischen

An dieser Stelle aber nimmt Arendt in ihrem Gedankengang aber nun eine Abzweigung, die für uns voller Probleme steckt. Sie nimmt eine Gleichsetzung der von ihr so wunderbar als politische Notwendigkeit betonten Vielfalt des Menschlichen mit dem Wettbewerbsgeist der Griechen vor. In ihrer Qualifizierung des Privathaushalts als unpolitischem Raum schreibt sie:

„…dass dieser von Einem beherrschte Haushalt keinen Kampf oder Wettkampf zulassen durfte, weil er eine Einheit bilden musste, die von widerstreitenden Interessen, Standorten und Gesichtspunkten nur zerstört werden konnte. Damit entfiel automatisch [sic!] jene Vielfalt von Aspekten, in denen sich frei zu bewegen der eigentliche Inhalt des Frei-Seins, des In-Freiheit-Handeln-und-Redens war. Kurz, Unfreiheit war die Voraussetzung einer in sich ungepaltenen Einheit, die für das Zusammenleben in der Familie so konstitutiv war wie Freiheit und Kampf miteinander für das Zusammenleben in der Polis.“ (S. 100)

Arendt macht sich hier, wie auch schon früher in der Entwicklung ihrer Gedanken für eine Unterscheidung „gewaltvoller Kampf“ und „gewaltloser Kampf“ (= politischer Wettstreit, Wettstreit, der für das Entstehen-Können des Politischen notwendig ist) stark.

Diese Gedanken sind auch heute noch sehr verbreitet und genießen viel Renommee. So halten viele „Demokratie“ wesentlich für eine Auseinandersetzung widerstreitender Meinungen über Gesetzgebung und Maßnahmen des Staates. Als z.B. in den neugewählten Bundestag eine große AfD-Fraktion einzog, trösteten sich einige Kommentatoren damit, dass nun endlich im Bundestag wieder mehr gestritten werde. Und erst gestern wurde ein Cem Özdemir von großen Teilen der Öffentlichkeit für seine „kämpferische“ Rede im Bundestag gelobt und gefeiert, als er mit emotionaler Rhetorik einem AfD-Antrag zur Verurteilung von Äußerungen von Deniz Yücels entgegentrat.

Was soll also an dieser Sichtweise problematisch sein? – Vielleicht nähern wir uns ihr zunächst von einer freundlichen Seite:

Ihr liegt offensichtlich eine Sorge, vielleicht auch eine Beobachtung zugrunde: Der Mensch neigt zum Meinungsanschluss, zur Zustimmung, wenn nicht sogar zur Gleichschaltung der Meinungen. Psychologisch kostet ein „nein!“ mehr Kraft als ein „ja, genau!“. Es scheint eine natürliche Konfliktscheu zu geben, die einen starken Gegenpol benötigt. Und ihn in einer Feier des (gewaltfreien) Kampfes: Des Wettstreits, des Wettbewerbs, der Debatte um die „beste Meinung“ findet. Es wäre demzufolge eine kulturelle, eine kollektive Leistung, sich überhaupt miteinander streiten zu können. Nachdem wir von Natur aus ja dann eher harmoniesüchtige, notorisch Widerstreit vermeidende Wesen sind.

Individuation, Verschiedenheit und Vielfalt des Menschlichen sind dann in der Tat nur durch Streit zu haben. Widerspruch wäre die Grundform des „Selbstseins“, der Selbstbejahung und der Selbstwerdung. – Jeder, der gerade auch nur einen Teenager zu Hause hat, mit dem es täglich ein Fetzen bis an den Rand der Erschöpfung gibt, könnte sich damit trösten, dass dies nummal eine Notwendigkeit sei, wenn die eigene Brut jemals zu einem eigenen, erwachsenen, selbständigen Menschen heranreifen soll…

Die Frage ist nur: Stimmt das denn überhaupt? – Sind wir wirklich erst durch unsere widersprechenden Meinungen voneinander getrennt, geschieden und verschieden?

In meiner Welt ist es ja so: Wir sind trotz der vielen Kanäle, die uns unmittelbar miteinander verbinden und die das Wort vom Menschen als grundsozialem Wesen groß und wahr machen, dennoch nicht physisch zusammengewachsen. Unser aller Nabelschnur wurde früh und vollständig getrennt. Nur die allerwenigsten von uns sind und bleiben siamesische Zwillinge. Und bei aller Sehnsucht nach Symbiose gibt es eine natürliche Abstoßung zwischen Freunden, Paaren, Nachbarn und Kollegen, die dauerhafte Symbiosen zu absoluten Ausnahmeerscheinungen macht.

Dass Streit notwendig sein soll, um sich zu trennen, um in sich eigene Antriebe zu erleben, die den Antrieben anderer Menschen unmittelbar entgegenstehen, scheint mir eine recht bemerkenswerte Annahme zu sein, die einfach mal eben locker-flockig über einen Haufen biologischer, psychologischer und sozialer Fakten hinwegsieht.

Um nur eins davon eigens zu benennen: Gerade heute lebt jeder von uns in einem ganz eigenen und einmaligen Beziehungsnetz, das ihn ganz natürlich „individuiert“.

Selbst in der harmonischdenkbarsten und streitaversesten aller Beziehungen, Netzwerke, Unternehmungen oder Gemeinwesen dürfen wir also getrost von faktischer Individuierung und Verschiedenheit ausgehen. – Ohne damit in unserem Denken fahrlässig zu sein.

Arendt – und mit ihr ein Teil des heutigen politischen common sense – polt uns nun auf Streit als Notwendigkeit.

Und hier, mit Verlaub, kann man fragen: Warum und wozu?

Denn in einer Gesellschaft wie der unseren, deren Hauptproblem Entfremdung, Entkopplung und übergroße Zentrifugalkräfte sind, die durch eine wunderbare, aber eben auch herausfordernde fortgeschrittene gesellschaftliche Differenzierung hervorgerufen werden, gibt es alles Mögliche, aber sicher keinen Mangel an Streit und Wettbewerbsgeist.

Wir haben vielmehr ein Stadium erreicht, indem wir das Gegeneinander nicht mehr in ein Miteinander eingefangen bekommen. Das betrifft nicht nur hatespeech und unfruchtbare online-Debatten. Das betrifft nicht nur unsere unselige Präferenz für Wettkampfsport und unversöhnliche Parteibildung und Konkurrenzprinzip in der Politik. Es betrifft auch und vor allem unseren ganz banalen Alltag: Unsere privaten Beziehungen sind „vermarktet“ und vertindert. Und in beinahe allen heutigen Firmen ist eine Sehnsucht nach jenem „an einem Strang ziehen“ zu spüren, das in Sonntagsreden hochgehalten und im Arbeitsalltag niemals eingelöst wird, weil Hierarchie und Karrierestreben dem einen überaus wirksamen Strich durch die Rechnung machen.

In heutigen Zeiten der Göttin Eris zu huldigen, das, so scheint es mir, ist grob fahrlässig.

Wenn Arendt, historisch-psychologisch korrekt, beschreibt, wie die griechische Polis das „den Kampf von dem Kriegerisch-Militärische, in dem die Gewalt ursprünglich beheimatet ist, abgetrennt und ihn dadurch zu einem integrierenden Bestandteil der Polis und des Politischen gemacht“ hat, schreibt sie dem Politischen einen ebenso dauerhaften wie sublimierten Krieg aller gegen alle ins Herzen. (S. 101)

Was uns von den antiken Griechen trennt – Ungewürdigte Unterschiede

Es mag sein, dass für die Griechen die Polis zum Ort eines dauerhaften „Lagerplatz des Heeres“ wurde, und dass dabei auch die Fixierung darauf, „im Wettstreit Ruhm zu gewinnen“ vom Kriegswesen auf die Politik übertragen wurde. (S. 102)

Doch bei allem, was an der griechischen Polis bewundernswert sein mag, sollte man vielleicht nicht übersehen, dass unsere Moderne Weltgesellschaft sich in mehreren wichtigen Punkten von ihr unterscheidet:

1.) Wir haben einen Differenzierungsgrad untereinander, der für die Griechen ganz unvorstellbar war. Im Vergleich zu der Gesellschaft, in der wir leben, ist die Polis eine homogene Monokultur. Anders gesagt: Ohne dass man ihr das zum Vorwurf machen kann, schon allein aufgrund ihrer geringen zahlenmäßigen Größe nicht, ist die Polis illiberal. Die Haltung, es möge jeder nach seiner Façon glücklich werden, ist den Griechen völlig fremd gewesen. Sie waren viel zu klein in ihren gesellschaftlichen Dimensionen, um sowohl mit den Möglichkeiten als auch den Problemen konfrontiert zu werden, die liberale Großgesellschaften mit sich bringen.

Für das Hauptproblem, mit dem wir heute ringen: Entfremdung, fehlende Verbundenheit, Empathie und ja, auch „Bürgerfreundschaft“ hat uns die griechische Polis keine Lösung zu bieten. Höchstens eine Aufforderung oder Erinnerung, dafür eigene Lösungen zu finden. Denn in der Polis können wir durchaus erkennen, was uns heute fehlt. Allerdings nicht, wie wir es auf einem deutlich höheren Plateau gesellschaftlicher Evolution realisieren können. Das müssen wir hübsch selbst erfinden. Nachahmung bringt uns hier nicht weiter.

2.) Wir tun uns heute aus guten Gründen schwer, den Maskulismus fortzuführen, den Arendt in „Was ist Politik“ als wesentlich für das Politische beschreibt. Die Kriegsromantik der Dichter, von denen sich z.B. die europäische Gesellschaft noch zu Beginn des ersten Weltkriegs anstecken ließ, ist über die Erfahrung von moderner Kriegstechnik einem sehr viel nüchternen Kriegsrealismus gewichen. In einer Zeit, in der Krieg nicht „Kameradschaft, Kriegermut und Sich-Beweisen-Können“ bedeutet, sondern Knöpfchendrücken, Drohnen- und Raketensteuern einerseits, und Kanonenfutterdasein, Massensterben und psychisch-physische Schädigung für den Rest des eigenen zivilen Lebens andererseits, stellen sich Kriegertugenden und Kriegerdenken von ganz allein in Frage. Ob uns das gefällt oder nicht: Die Geschlechterdifferenzierung in ein „Haushaltsführendes und Kinderumsorgendes Geschlecht“ einerseits und in ein „abenteuerlustiges und eroberungswütiges Geschlecht“ andererseits kommt gerade erkennbar an ihr Ende. Wir erleben eine „Krise des Mannes“ ganz einfach deswegen, weil das, wofür Menschen zu Männern gemacht wurden, schlicht nicht mehr benötigt wird. Und wir erleben eine „Krise der Frau“ ganz einfach deswegen, weil das, wofür Menschen zu Frauen gemacht wurden, mittlerweile von allen gemeinsam geschultert werden muss, während Frauen zugleich an der Eingrenzung ihrer Fähigkeiten und Einstellungen leiden, die solange tatsächlich kein Problem waren, wie ihr Wirken künstlich auf die Sphäre des Haushalts beschränkt worden war.

Kurz: Wir leben in einer Gesellschaft, die allmählich, sehr langsam realisiert, dass sie als erste nach Jahrtausenden die Möglichkeit hat, sich zu einer Gärtnerkultur zu entwickeln und alles Kriegerische von sich abfallen zu lassen.

Eine solche Gesellschaft braucht nach wie vor Politik: Einen Raum für Begegnung und Austausch, in dem unter Freien und Gleichen gemeinsam entschieden wird. Aber sie kann mit dem Krieg im Herzen von Politik nichts mehr anfangen. Ja, mehr noch: In dem Zusammenkommen von „übergroßer“ Differenzierung einerseits und unkriegerischer Gesellschaftsform andererseits ergibt sich eine höchst ungute Mischung, solange Politik wie bei Arendt als sublimiertes Kämpfen und Sich-Bekriegen verstanden wird, – wie wir derzeit sehr deutlich zu spüren bekommen.

Es braucht heute vielmehr eine entschiedene Reinigung des Politischen Raums von Formen des Wettbewerbs und Kampfs. All das ist uns völlig dysfunktional geworden. Und indem wir weiter dem agonalen Geist anhängen, schädigen wir uns heute soweit selbst, dass gar keine Räume des Politischen mehr entstehen (auch nicht im Arendtschen Sinn). Wir versuchen durch „Parteiung“ und „Wahlen“ (ebenfalls ein Wettstreit) Verbundenheit und Verbindlichkeit herzustellen. Doch wir merken sehr deutlich: In einer differenzierten Großgesellschaft funktioniert das nicht. Wir bilden unsere Unterschiede nur ab. Aber wir kommen nicht mehr zusammen. Wir zerstreiten uns andauernd. Und zwar nicht zufällig, sondern systematisch: Durch unsere vom Krieg inspirierten Institutionen künstlich inszeniert. Wir haben jene „Agora“ nicht. Wir haben keinen natürlichen Ort des physischen Zusammenkommens, sich Begegnens und sich-wechselseitig-Anhörens. Unsere Parlamente könnten dieser Ort sein. Doch sie sind es bisher faktisch nicht, weil wir sie nach dem Prinzip des Streits und des sublimierten Krieges organisiert haben: In unseren Parlamenten sitzen unpolitische Truppenverbände, die wir ohne Sinn und Zweck einem Dauerkrieg aussetzen, den wir „Politik“ nennen, der aber mit Politik in eirgendeinem qualifizierten Sinn (wie bei Arendt) rein gar nichts zu tun hat.

Wir haben den Krieg ins Herz unserer Gesellschaft getragen und halten ihn dort künstlich am Leben. Und wir wundern uns, warum uns unsere Gesellschaft so feindselig, entfremdet und unbefriedigend vorkommt. Wir beklagen den Mangel an Zusammenhalt und Empathie, während wir genau das durch unsere Institutionen systematisch herstellen. Wir glauben „der Mensch ist so“, während wir vor uns verbergen, dass wir uns so machen, indem wir Entzweiung zu einem politischen Prinzip gemacht haben, von dem wir auf „magische“ Weise erwarten, dass er irgendwie am Ende zu einem gemeinsamen politischen Willen aller führen möge, man weiß nicht wie. Wir haben den politischen Raum zu einem Ort gemacht, indem ständig Sieger und Besiegte produziert werden, indem es ständig „politische Tote“ gibt, indem aktive Beteiligung alles andere als selbstverständlich ist, denn man muss sie sich erst erstreiten und dabei all das erleiden, was ein guter (politischer) Krieger eben erleiden, einstecken, aushalten muss.

Gestaltet man heute aber den politischen Raum so, wie wir das tun, dann ist er kein politischer Raum mehr. Dann ist Krieg, man mag ihn verbrämen und mit schönen Worten aufhübschen. Es ändert nichts. Wir leben in einem künstlichen Krieg gegeneinander, den wir nach wie vor bejahen, während wir die Folgen, die er erzeugt, in keinerlei Verhältnis zu ihm als Ursache setzen. Wir spielen ein Spiel mit uns selbst, dessen einziger Zweck es zu sein scheint, aktiv zu verbergen, dass unser künstlich erzeugter Krieg völlig sinnlos, zermürbend und zerstörerisch ist.

Was wir heute dringend brauchen, aber nicht haben, sind eben: Räume des Politischen. Räume, in denen wir in unserer unglaublichen Verschiedenheit zusammenkommen und neu begegnen. In der die Bürgerfreundschaft überhaupt erst entstehen kann, die die homogene Polis-Kleingesellschaft als ihre selbstverständliche Basis voraussetzen konnte.

Wir brauchen heute eine gründliche Reinigung des Politischen von allem Kriegerischen. Auf einer institutionellen Ebene. Und man kann, man muss es Arendt vorwerfen, das nicht wahrgenommen zu haben, sondern den Geist der Eris einfach fortgeschrieben zu haben, ohne die gesellschaftliche Differenzierung, Entfremdung und den ganz andersartigen Empathiebedarf moderner Gesellschaft zu würdigen.

3.) Faktisch leben wir heute bereits in einen unseren ganzen Globus umspannenden Weltgesellschaft. Das bedeutet aber auch: Das Problem der Unmöglichkeit einer Außenpolitik, das Arendt sehr klarsichtig beschreibt (S. 102 ff.), ist heute nicht mehr unser Problem. Wir sind die erste Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit, die keine „andere“ menschliche Gesellschaft als ihr Außen hat. Es gibt nur noch gesellschaftliches Innen.

Der verspätete, um nicht zu sagen marode Zustand unserer derzeitigen politischen Institutionen täuscht uns darüber, wie weit fortgeschritten und irreversibel die gesellschaftliche Evolution bereits ist.

Wir haben zwar keine Weltregierung, die diesen Namen verdienen würde, wir haben immer noch Kleinstaaterei, und zwar mit einem riesigen Demokratiedefizit, das unserer unwürdig ist, aber das ist erkennbar ein unhaltbarer Zustand. „Unhaltbar“ nicht nur in dem Sinne, dass er ein politischer Skandal ist, sondern unhaltbar auch in dem Sinn, dass es unvorstellbar ist, dass er in Zukunft Bestand haben kann. Es ist eine reine Frage der Zeit und des (kriegerischeren oder friedlicheren) Ablaufs, wie es dazu kommen wird, dass wir politische Institutionen auf globaler Ebene bekommen werden, die diese Bezeichnung auch verdient haben.

Deren Fehlen ist zwar ein großes Problem, aber keineswegs unser größtes. Viel schwerer wiegt unser krankhaftes Polemikertum, unser performatives Kriegertum, das wir fortsetzen, ohne dass es weiter Sinn machen würde. Man muss hier von einer kollektiven, von einer gesellschaftlichen Neurose sprechen, die sich in unseren Institutionen abbildet und durch sie reproduziert wird. Institutionen sind die Gewohnheiten von Gesellschaften. Und „neurotisch“ ist ein Verhalten, das in der Vergangenheit einmal Sinn gemacht haben und notwendig gewesen sein mag, das aber in der Gegenwart deswegen völlig verrückt ist, weil mittlerweile ganz andere, viel bessere Verhaltensoptionen zur Verfügung stehen, die allein aus dem Grund nicht genutzt werden, weil eine traumatisierte Fixierung auf die Verhältnisse der Vergangenheit vorliegt. In dem Sinne haben wir heute neurotische, uns verrückt machende Institutionen.

Wir könnten längst in einer wirklich politischen, wirklich demokratischen Gesellschaft leben. Doch die Schatten der Vergangenheit führen in unserer Mitte, in uns und in unseren Institutionen eine Art Zombie-Dasein, das diese unseren neuen Möglichkeiten auffrisst. Möglichkeiten, die keine menschliche Gesellschaft vor uns hatte.

Entscheidend scheint mir, dass wir erkennen, wer wir sind, was unsere Probleme sind, und wie wir systematisch unsere heutigen Probleme erzeugen, ohne dass dafür irgendeine Notwendigkeit vorliegt, aus reiner schlechter Gewohnheit.

Mit Arendt über Arendt hinaus

Man kann sich gerne, wie es Arendt tut, von dem Großartigen inspirieren lassen, das die griechische Polis realisierte. Man sollte darüber aber die unterschiedliche Problemlage und die unterschiedlichen Möglichkeiten nicht übersehen.

Was wir heute brauchen, um in einem emphatischen Sinne Politik zu bekommen, ist sicher nicht Wettbewerb und institutionalisierter Streit. Es sind vielmehr Orte der Begegnung, die in der Polis „natürlich“ gegeben waren, die wir Heutigen aber künstlich-institutionell überhaupt erst erzeugen müssen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich nicht kennt, nicht kennen kann, sondern die Möglichkeiten braucht, sich immer wieder neu kennenzulernen. Für uns als Menschen, die in einer ausdifferenzierten, modernen Großgesellschaft leben, ist Verbundenheit nichts, was wir voraussetzen können, sondern etwas das wir uns erarbeiten müssen.

Genauso wie die alten Griechen brauchen wir das, was man „Bürgerfreundschaft“ nennen könnte. Aber unsere Wege dahin müssen andere sein. Dazu müssen wir begreifen, dass wir heute lebenden Menschen mörderischer, verbissener und kälter sind als es die Griechen in ihren Poleis jemals waren. – Das ist keine schöne Selbsterkenntnis. Aber eine notwendige, wenn wir unter heutigen Bedingungen „Politik“ realisieren und unsere Gesellschaft weiter demokratisieren wollen.

Für mich sind mittlerweile „Politik“ und „Demokratie“ zu zwei Worten für eine Sache geworden.

Und es ist ein produktiver Akt anzunehmen, dass wir derzeit weder das eine noch das andere haben.

Arendts „Was ist Politik“ kann bei diesem Akt auf eine gute Art Geburtshilfe leisten. Dafür, das so Geborene zu umhegen, zu pflegen und beim Großwerden zu begleiten, ist ihr Ansatz aber denkbar ungeeignet.

Es sei denn, wir möchten ohne Sinn und Verstand weiterhin politische Krieger großziehen und uns hernach mit den Traumata, die Krieger in ihren Kriegen erzeugen, gesellschaftlich herumschlagen.

Ich, so muss ich gestehen, habe da schlicht keine Lust drauf. Und das ist noch die freundliche Ausdrucksweise. An schlechteren Tagen sollte ich vielleicht eher sagen: Unsere notorische Vergötterung von Agon, Eris und Kriegerverhalten treibt mich in tiefe Depressionen, die mich selbst mit einem Furor beseelen, der auf Erden keinen Stein mehr auf dem anderen lassen will, und der der Menschheit von Herzen ihre vollständige Vernichtung wünscht.

Ob das wirklich mein „Privatproblem“ ist, lasse ich mal dahin gestellt. Es möge jeder in seinem eigenen Innenleben nachsehen, was er dort diesbezüglich findet.

 

 

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