Dieser tastende Text ist ein Beitrag zur Blogparade #whatif von Gregor Ilg, Bianka Groenewolt und Tobias Leisgang. – Ich könnte auch dazu schreiben, was wäre, wenn wir eine wirklich demokratische Gesellschaft und Regierung hätten. Wenn wir also alle Fremdbestimmung systematisch weginstitutionalisieren würden, wann und wo immer sie auftritt. Oder dazu, wie es wohl wäre, wenn wir eine völlig gewaltfreie Weltgesellschaft hätten. Aber mir scheint etwas „Alltäglicheres“ gerade naheliegender.

„Emotionaler Rückzug“ scheint etwas Normales zu sein. So wie „seine Ruhe haben wollen“. Oder „Recht auf Privatsphäre“.

Vielleicht entsteht auch gleich ein Bild: Z.B. von einem Menschen nach einem harten Tag, der einfach Zeit für sich braucht. Oder von einer zudringlichen Frau, die einen Mann bedrängt, „sich zu öffnen“, woraufhin dieser in die nächste Kneipe flieht, wo er solche emotionale Zudringlichkeit nicht befürchten muss, sondern man sein Bedürfnis nach Rückzug respektiert. Usw.

Ich erlebe das anders: Emotionen sind so gut wie immer gegeben. Manchmal werden sie ausgedrückt, manchmal nicht. Wir können die emotionalen Zustände anderer Menschen sehr gut wahrnehmen, wenn wir sie fokussieren, anstatt uns mit anderem abzulenken. Daher wissen wir auch, wann es in einem anderen Menschen „rumort“, ohne „dass er es rauslässt“. Wir können es Zurückhaltung nennen oder Geduld oder Rücksichtnahme für das Recht auf emotionale Selbstbestimmung, wenn wir „nichts sagen“ oder „das Thema wechseln“ oder einem Menschen bewusst aus dem Weg gehen, der gerade von etwas bewegt wird, aber nicht offenbart, was ihn da so bewegt.

Die Frage ist aber, ob es wirklich der andere ist, auf den wir dabei Rücksicht nehmen. Oder ob wir nicht vielmehr auf uns selbst all zu sehr Rücksicht nehmen, wenn wir einen Menschen in diesem Zustand in Ruhe lassen und darüber hinweg gehen, dass unausgedrückte Gefühle im Spiel sind.

Wir haben Angst vor den emotionalen Reaktionen anderer: Vor ihrer Wut, vor ihrer Ungeduld, vor ihrer Hilflosigkeit und vor ihrem Kontaktabbruch. Beziehungsmäßig sind wir alle allzuoft richtige Feiglinge. – Oder hat man uns nur nicht gezeigt, „wie es geht“? Sind wir nur „emotional unerzogen“?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es eine sehr andere Welt, eine sehr andere Gesellschaft und sehr andere Menschen wären, die daraus resultieren, wenn emotionaler Rückzug nicht mehr einfach „geduldet“ oder „respektiert“ wird – sondern jedes einzelne Mal offensiv angegangen und angesprochen wird, wann immer er sich ereignet. Wenn wir fest damit rechnen dürfen, nicht allein gelassen zu werden mit unserem Gefühlschaos. Wenn es auch nicht immer die gleichen Menschen sind, bei denen wir „unser Herz ausschütten“ können, sondern wenn sich der emotionale Mut auf alle Menschen gleichermaßen verteilt. Wenn emotionale Zugewandtheit keine „Spezialität“ oder gar Profession einiger weniger mehr ist, sondern etwas völlig Alltägliches. Etwas, womit fest zu rechnen ist.

Ich denke, dass wir in einer Welt der emotionalen Vernachlässigung und emotionalen Einsamkeit leben. – An guten Tagen, wenn ich selbst sehr zugewandt sein kann, merke ich, wie sich alle Welt mir sofort zuwendet; so als ob ich mit einer Gießkanne durch ein Beet mit völlig ausgetrockneten Pflanzen ginge. Oder mit einer Taschenlampe in völliger Dunkelheit durch einen Schwarm Motten.

Ich frage mich: Was wäre wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, die emotional nicht gar so hilflos, ungeschickt und bedürftig wäre?

In der zwischenmenschliche Weisheit eine so viel größere Rolle spielen würde als all jener Schnickschnack, der mir selbst die meiste Zeit im Kopf herum geht und mich einen Mindfuck nach dem anderen produzieren lässt? In der ich beim Wesentlichen bleibe, und meine Mitmenschen mit mir: Bei dem, was wirklich Gefühle auslöst und bei den Gefühlen selbst. „Mensch, bleibe wesentlich“.

Das wäre wohl auch eine Gesellschaft, in der wir unsere Kinder weder dazu erziehen „sich endlich erwachsen zu verhalten“, noch uns wechselseitig dazu, uns bei der Arbeit „professionell zu verhalten“.

Bzw.: Wir hätten wohl einen sehr anderen Begriff davon, was es heißt, „ein erwachsener Mensch“ zu sein. Einen Begriff, der nichts mit emotionaler Distanziertheit und dem Unterdrücken und Abspalten von Gefühlen zu tun hätte. Sondern viel eher mit Hinwendung und mit bewusstem Umgang mit ihnen, während wir sie weiterhin voll wahrnehmen. Während wir „bei uns sind“.

Natürlich können wir bei uns selbst beginnen. Doch irgendwie habe ich beim Thema „Gefühlsausdruck“ die Meinung, dass das gerade hier keine ganz so banale Idee ist, „mit sich selbst zu beginnen“. Ich glaube, dass wir einander brauchen, wenn es um die Anerkennung von Gefühlen geht. Um Ausdruck eben. Macht Ausdruck Sinn für uns, wenn da gar kein menschliches Gegenüber ist? Natürlich können wir uns ein Gegenüber imaginieren. Wenn wir schreiben, tun wir das. – Aber ist das wirklich das Gleiche für uns als Menschen? Passieren da rein physiologisch wirklich die gleichen Dinge in uns, mit uns? – Ich habe Zweifel.

Wir sind eine emotional feige, emotional desengagierte Gesellschaft, die sich hinter einer Normalität versteckt, die mir krankhaft emotional zurückgezogen vorkommt. Allerdings ein einer Verbreitung und einem Ausmaß eben, dass man damit bereits fest rechnen und sich darauf einstellen kann.

Eine Gesellschaft, in der fest damit gerechnet werden kann, dass emotionaler Rückzug eine unmittelbare Zuwendung von allen Seiten provoziert, wäre also derart „anders“, dass wir davon ausgehen dürfen, dass wir gar nicht in der Lage sind, uns diese „Andersartigkeit“ des menschlichen Lebens in emotionaler Verbundenheit auch nur vorstellen zu können. – Es ist jenseits des für uns vorstellbaren.

Was wäre wenn…? – All unsere Träume und Fantasien deuten daraufhin, was uns hier und heute fehlt. Nicht auf die Vergangenheit, nicht auf die Zukunft. Nur auf die Gegenwart.

Die Frage „spreche ich es aus, spreche ich es an?“ ist also zumindest für mich mit einem entschiedenen „Ja!“ zu beantworten, wann immer ich auf emotionale Distanzierung stoße.

„Keine Angst vor den Gefühlen der anderen“, keine Angst vor den Bugwellen, dem Um-sich-schlagen, der Anhänglichkeit, etc. Keine Angst vor dem, was unmittelbar kommt, wenn wir den anderen nicht in Ruhe lassen, obwohl er genau das ausstrahlt oder sogar sagt: „Lass mich in Ruhe!“

Wir sind recht gute Verfolger. Mit unseren Urteilen und Meinungen zum Beispiel. Mit unseren Plänen, Strategien und unserem Handlungsmut. Nur emotional, da ist unser Verfolgertum ausbaufähig. Es fehlt ihm die Sensibilität, das Geschick, die Übung, die Entschiedenheit und die Hartnäckigkeit.

Es wäre in der Tat eine sehr andere Welt, in der wir einander systematisch nicht in Ruhe lassen würden mit unseren wechselseitigen Gefühlen. In der wir uns freundlich darauf ansprechen, was wir beim anderen wahrnehmen können. In der wir freundliche, nicht-übergriffige, sensible Vermutungen darüber anstellen, was es sein könnte, was den anderen gerade bewegt, das er aber bisher nicht ausgedrückt hat. In der Gefühle sehr viel mehr Sprache und Nuancenreichtum und offizielle Anerkennung bekommen. Und in der dann wohl auch wir selbst „emotionskompetenter“ würden. In deutlich bewussterem, engerem Kontakt mit unserem Innenleben. Mehr auf der Höhe unserer selbst.

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7 Gedanken zu “Was wäre, wenn wir emotionalen Rückzug nicht mehr reaktionslos hinnehmen würden?

  1. Vielen Dank für diesen nachdenklichen Beitrag. Einerseits möchte ich voll zustimmen und sagen: ja, wir brauchen unbedingt mehr emotionale Zuwendung (um nicht direkt mit dem neuen Trendwort „Achtsamkeit“ daher zu kommen). Auf der anderen Seite, weiß ich von mir selber, dass so Momente der Ruhe, in denen man einmal mit seinen eigenen Emotionen allein sein kann, für mich sehr wertvoll sind. Und diese Momente möchte ich nicht missen.

    Insofern wäre für mich eine Welt der radikalen Zuwendung möglicherweise ein Tick zu aufdringlich. Eine Welt, in der man jedoch etwas weniger Respekt oder Angst davor hat, andere mit ernstem Interesse auf ihre Gefühle anzusprechen, scheint mir jedoch im Vergleich zu heute die wünschenswertere. Wenn die „Respektlosigkeit“ nicht zu einer kompletten „Distanzlosigkeit“ wird, dann könnte ich dem einiges abgewinnen.

    Das Thema Zuwendung habe ich vor (gefühlt) sehr langer Zeit einmal in einem anderen Post aus ganz anderer Perspektive betrachtet. Vielleicht interessiert dich ja mal die chemische Sicht auf die Dinge: http://futureproofworld.com/breaking-good-wie-chemie-unser-leben-verbessert/

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  2. Danke Dir Gregor für Deinen Kommentar! 🙂

    Ich glaube, dass das Thema „Zudringlichkeit“ uns aus einem ganz bestimmten Grund immer gleich in den Sinn kommt, wenn wir über eine Welt mit deutlich mehr emotionaler Zuwendung (und deutlich weniger emotionalem In-Ruhe-Lassen) sprechen:

    Wir extrapolieren den Ist-Zustand. In unserer gegebenen Umwelt, mit ihren gegebenen Prozessen, Umgangsformen, Machtverhältnissen und so weiter, DA brauchen wir dieses Sich-Sammeln-Können. Und wir erleben auch permanent starke Zudringlichkeiten (stark bewertende Kommentare, meist aus einer Selbstunsicherheit des Kommentierers heraus, der uns unter Kontrolle zu bringen versucht, um damit seine eigene Unruhe und Verunsicherung in den Griff zu kriegen). Also „emotionale“ Übergriffe, die alles andere als wünschenswert sind.

    Was in diesem unserem „Abwehr-Reflex“ gegenüber mehr emotionaler Zuwendung (wenn ich das mal so nennen darf) nicht mit eingerechnet ist: In einer Welt, in der emotionales Spiegeln sehr viel verbreiteter ist als in der, in der wir derzeit leben, gibt es viel weniger Menschen, die überhaupt in so einen selbstunsicheren Zustand geraten, aus dem heraus sie dann den Impuls haben, sich übergriffig zu verhalten.

    Denn was ist überhaupt jenes „Selbst“ in „Selbstunsicherheit“? – Nach meinem Dafürhalten bezeichnet es denjenigen Teil von uns, das man „emotionales Bedürfniswesen“ nennen könnte. Selbstunsichere Menschen sind bereits das Ergebnis mangelnder emotionaler Spiegelung: In ihrer Kindheit, in ihrem heutigen Alltag, in der Familie, im Beruf, in der Nachbarschaft.

    Das heißt: Wir gehen bei unserem Abwehrreflex gegenüber einer Welt, in der emotionale Spiegelung und Zuwendung der erwartbare Normalfall ist, immer von falschen Voraussetzungen aus. Wir gehen vom Jetzt-Zustand heraus.

    Und das, obwohl so eine Welt ein „Systemswitch“, ein „Paradigmenwechsel“ wäre, in der wir gar nicht mehr jene Abwehr bräuchten, auf die wir in der gegenwärtigen Gesellschaft tatsächlich nicht verzichten können, wenn wir nicht verrückt werden wollen.

    Oder anders gesagt: Wir gehen davon aus, dass unser „Abgrenzungsbedürfnis“ eine anthropologische Universalie ist. – Dabei ist dieses Bedürfnis bereits das Ergebnis von ganz bestimmten (aus meiner Sicht: krankhaften oder zumindest verunglückten) Sozialisationsprozessen, die allerdings heute so verbreitet sind, das wir sie für normal halten.

    Diese Annahmen sind mit denen vergleichbar, die z.B. auch Arno Gruen zur Basis seiner Überlegungen macht: https://www.youtube.com/watch?v=hHI1jm3uwwo

    Die entfremdete Gesellschaft reproduziert sich selbst – Über Bande, wenn ma so will. Nur dass diese „Bande“ wir selbst sind: Unsere Gedanken, unsere Reflexe, unsere Gewohnheiten, unsere Institutionen.

    Unsere Lösungen verhindern die Lösung. Lösungen, auf die wir nicht glauben, verzichten zu können. Uns so bleibt die Welt, „wie sie schon immer war“, bzw. eher: Wie sie halt jetzt gerade ist.

    Sehr positiv gedacht heißt das aber auch: Jedes Mal, wenn wir emotional spiegeln, während wir Hemmungen oder Angst davor haben, ist eine Musterbrechung und ein Beitrag „zu einer besseren Welt“.

    Auch wenn ich persönlich glaube, dass die privaten Praktiken von uns als Einzelnen niemals ausreichen und das Veränderungen, wenn sie selbst stabil sein sollen, immer auch institutionelle Veränderungen nach sich ziehen müssen.

    Institutionen sind die Gewohnheiten von Gesellschaft. Die guten wie die schlechten. Sie zu verändern, ist der Sinn von Politik.

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  3. Ein wirklich schöner Beitrag der mich doch nachdenklich stimmt. Selbst trage ich meine Emotionen weder auf der Zunge noch offen zur Schau. Warum das so ist? Keine Ahnung, Schutzfunktion oder alternative Ausrede -> hier <- einfügen. Mein 2,5 jähriger Sohn hingegen eskaliert in jedem Moment er ihm richtig erscheint, kann Tränen auf Kommando fließen lassen und im nächsten Moment wieder lachen bis sich die Balken biegen. Mit dem Lesen dieser Zeilen dachte ich mir vorhin, vielleicht reagiere ich bei Tränen und Geschrei nicht richtig und sollte sie weniger verhindern wollen oder anprangern. Menschen die uns emotional aufgeschlossen begegnen gewinnen beim Ersteindruck meist mehr Sympathiepunkte. Mal nachlesen wie die Ratgeberbücher meiner Frau das sehen 🙂

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    1. Ja, ich bin da voll bei Dir. Auch ich habe einen Sohn (mittlerweile 9 Jahre) und habe ganz ähnliche Erfahrungen machen dürfen.

      Wir Männer durchlaufen m.E. mit unserer Sozialisation in die derzeitige Gesellschaft nach wie vor ein Gefühlsreduktions-Training, eine Art kollektives Anti-Empathie-Programm.

      Und das mittlerweile in der gesamten Weltgesellschaft, also weltweit. Psychotherapeuten, die sich auf die Arbeit mit uns Männern spezialisiert haben, können ein Lied davon singen. Besonders beeindruckt hat mich z.B. Ryan McKelley der in diesem TedTalk hier schildert, dass der Gefühlsausdruck von kleinen Jungen messbar groß und stark ist. Und dass er dann mit der Eintritt ins Jugendalter völlig weggedimmt wird. Gesellschaftlich erwünschte/geduldete Gefühle bei uns Männern sind nach dieser gesellschaftlichen Zurichtung dann nur noch: 1.) Wut 2.) Stolz 3.) Verachtung: https://www.youtube.com/watch?v=LBdnjqEoiXA

      Mit Blick auf diese empirischen Daten muss man sich dann psychologisch ebenso wie politisch nicht mehr viel wundern über das, was in unserer Gesellschaft und in unserem Alltag alles so los ist.

      Produktiv gefasst: Jeder Mann, der den Mut hat, trotz der immensen Probleme, die das für ihn und sein Umfeld erzeugt, seinen Gefühlszugang wieder ein winziges Stück weit zu vergrößern und sich das zurückzuholen, was man uns als kleinen Jungen genommen hat, macht aus meiner Sicht einen Superjob. Nicht nur für sich und sein unmittelbares Umfeld, das mittelfristig davon immens profititiert. Sondern auch für unsere Gesellschaft. Mit 50% verbissen-frustrierten Kriegern in einer Gesellschaft ist nämlich sehr schwer Demokratie zu machen. 😉

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    2. …Und natürlich können wir mal genauer hinschauen, was wir da eigentlich mit unseren kleinen Söhnen und Töchtern so alles machen in Sachen „Reaktion auf ihre Emotionen“. Und dabei Dinge ausprobieren, die für uns persönlich neu sind und die unsere eigenen Eltern noch anders gehandhabt haben… 😉

      Ich persönlich wünsche mir eine Generation aus Männern, denen in der Kindheit nicht der Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen verstellt wurde. Und eine Generation aus Frauen, denen in der Kindheit nicht der Mut zur tatkräftigen Selbstbehauptung genommen wurde.

      DAS wäre dann eine Gesellschaft, in der es sich richtig gut zusammenleben lässt. Und die sich auch mit Demokratie: demokratischen Verfahren und Institutionen ein kleines Stück leichter täte.

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