Wie man einen Menschen bewegt – Eine Anleitung (Part III)

Wisse, was Du willst –> zeig dem Anderen, was Du willst –> Und dann zeig’s ihm nochmal mit Gefühl. –> Ende gut, alles gut.

Nota bene: Gefühle sind das verdammte Schmiermittel in menschlichen Beziehungen.

Und wenn Dir Gefühle halt einfach zu gefühlig sind, wenn Du weder andere Menschen mittels Deinen Gefühlen bewegst, noch die Dich von den Gefühlsäußerungen anderer Menschen bewegen lässt, dann wundere Dich halt auch einfach nicht, warum Du ständig unangenehme Reibung hast mit anderen Menschen.

So trivial. So einfach.

Das Schwere ist nicht, dass es kompliziert wäre, sondern dass wir das Gefühl haben, uns dabei „seelisch nackig“ zu machen, dass es nun weh tun wird, wenn der andere tatsächlich nicht reagiert, obwohl wir rausgekommen sind aus unserem Panzer, aus unserem Schneckenhaus. Dass wir nun nicht mehr „cool“ sind, nicht mehr „schmerzbefreit“.

Aber so bewegt man halt andere Menschen. Hab ich mir nicht so ausgedacht. Hätte ich mir vielleicht auch nicht so ausgedacht, wenn man mich bei der Erfindung der Spezies Mensch um Rat gefragt hätte. So please don’t shoot the messenger. Da Du ja auch nicht erschossen werden willst, wenn Du dann doch mal all Deine kugelsicheren Westen abgelegt hast.

Randnotiz: Ist auch der Grund, warum es in so vielen Firmen zwischenmenschlich gar so ungut ist. Ist ja ein „professionelles Umfeld“. Und wie übersetzen wir uns „professionell“ ins Operative? Na eben: „Gefühlsbefreit“.

Und wir wundern uns, warum der der deutlich zeigt, was er will und braucht, tatsächlich auch kriegt, was er will und braucht. Und schimpfen auf den, diesen dummen Schleimer-Zicken-Karrieristen-Schnösel-Arschkriecher. Die Wahrheit ist aber: Der macht’s halt einfach, wie man’s machen muss. Er ist, mit einem Wort, halt nein, mit zwei Worten: Bewegend und charmant.

Halt so, wie wir niemals sein werden. So wie wir niemals sein können.

Aber doch schon auch irgendwie gut, sich das hier nochmal klar gemacht zu haben…

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Die allgegenwärtige Angst vor dem Erschlaffen

Wir haben eine Gesellschaft gebaut, die funktioniert wie ein Mann mit Potenzproblemen:

Aus lauter Angst vor Erschlaffung, vor Nicht-Erschlaffen-Dürfen, landet er mit absoluter Sicherheit dort, „wo man keinen mehr hochkriegt“.

Anstrengungslosigkeit und Entlastung machen uns Angst.

Faulheit, echte, feiste, freche, sich in sich selbst suhlende und an sich selbst erfreuende Faulheit gilt uns als Krankheit.

Gewissenlos genießen darf man auf gar keinen Fall!

Muße ist sicherer Weg in die Hölle! Untätige Langweile ist fatal!

Erektionsstörungen als System

Wir haben als Gesellschaft das menschliche Wissen verloren, dass echte Kraft & authentisches Tun-Wollen aus der ebenso großen Bejahung der Untätigkeit hervorgeht. – Und in nichts anderem wurzeln kann.

Mehr noch: Wir wollen das auch gar nicht wissen.

Wir haben die „leisure“, die „looseness“, die Schlaffheit… …wir haben all das offensiv und mit Vorsatz abgespalten.

Und dann wundern wir uns über Antriebslosigkeit, Willensschwäche, Gefühle der Leere und Lustlosigkeit.

Nichts, was sein Gegenteil negiert, kann bestehen.

Alle menschlichen Zustände, die sich zum Ständigen, zum Müssen aufschwingen, gehen zuverlässig verloren.

Wir brauchen unsere Bejahung von Faulheit, Untätigkeit, Nutzlosigkeit, Muße, ganz genauso wie unsere Bejahung von Sich-Reinknien, Sich-auf-etwas-Konzentrieren, Dranbleiben, Widerstände überwinden, Nicht-Aufgeben, ganz genauso wie unsere Bejahung von: „leisten“.

Wir brauchen diese Bejahung des Gegenteils.

Nicht nur „ein bisschen“ oder „ein bisschen mehr“.

Nicht nur „zur Regeneration“.

Nicht nur als belächelte und als minderwürdig betrachtete „Freizeit“.

Sondern zu 50%, emotional aufgeladen, prall in seiner dreist-frechen Lockerheit, die unserer Verbissenheit, unserem Ehrgeiz und unserer ebenso berechtigten Anspannung und Anstrengung ins Gesicht lacht…

Denn alles, was nicht 50:50 ist, führt zur Erschlaffung.

Oder positiver: Vollkommene Ausgeglichenheit von Anspannung & Entspannung bringt uns vollkommen in unsere Kraft.

Wir leben in einer Kultur, die genau deswegen so müde und kraftlos ist, weil sie einen vereinseitigenden Wert auf Wachheit und Kraft legt. Weil sie einen Kult der reinen, ununterbrochenen Anspannung betreibt:

Härter! Schneller! Besser! Mehr!!!

– So wird das halt nur nix mit der Erektion.

Nicht auf Dauer, meine lieben Herren…

Über Helden und andere Märtyrer

Eine Welt, in der wir Märtyrer, Jessuse, Buddhas oder Helden werden müssen, um Dinge zum Guten voranzubringen, ist eine Welt, in der etwas falsch läuft.

Also so falsch, dass es Märtyrer, Jessuse, Buddhas oder Helden mit all ihrer Selbst-Aufopferung nicht in Ordnung bringen können.

Denn heldenhafter Einsatz und Sich-Opfern für die gute Sache: Das ist zwar alles sehr romantisch und taugt gut für Filme oder Romane.

In der wirklichen Welt ist Bedarf an Heldentum und Märtyrern, die sich Aufopfern im Dienst für das Richtige, in Hingabe an das „was eben getan werden muss“, IMMER ein ganz eindeutiger Imperativ, nicht mitzuspielen, sondern das Spiel selbst zu verändern.

Wir brauchen keine edelmütigen Helden, die das Gute wollen, sondern institutionelle, pragmatische Reformen: Andere Gesetze, neue Spielregeln, bessere politische Verfahren.

Das gilt für Kleingruppen & Familien genauso wie für ganze Unternehmen & Städte. Und erst recht gilt es für halb anonyme Großgesellschaften & Staaten.

Dieser Gedanke: Dass scheinbarer Märtyrerbedarf in Wirklichkeit ein klarer Hinweis auf institutionellen Reformbedarf ist, dieser Gedanke ist nicht neu. Wir finden ihn in Hegels Rechtsphilosophie. Und wir finden ihn in Thomas Hobbes‘ „Leviathan“, im 13. Kapitel.

Wir können diesen Gedanken jedoch heute systematisieren und operationalisieren, d.h. wir können ihn recht praktisch auffassen und unmittelbar umsetzen.

Und wir können sagen:

„Das Ziel JEDER politischen Reform ist es, dass die märtyrerartigen Opfer für die gute Sache WENIGER werden!

Dass sich Menschen nicht ihr Leben oder ihr Wohlergehen opfern müssen, damit das menschliche Leben dadurch verbessert werde!

(Oder mit Freud:)

Wo Märtyrertum war, sollen bessere gesellschaftliche Institutionen werden!“

Wir können heute deutlicher wahrnehmen als viele menschliche Generationen vor uns, dass solche institutionellen Reformen, die das menschliche Leben mit sich selbst versöhnen, d.h. die es besser mit sich selbst abstimmen, d.h. die es besser mit sich selbst in Verbindung bringen, JEDERZEIT im Bereich unserer Möglichkeiten liegen.

Diese jederzeitige Reformierbarkeit der gesellschaftlichen Institutionen hin zum Menschlicheren ist das, was eine wahrhaft politische Kultur kennzeichnet. Es ist auch das, was einer solchen Kultur ihre ganz besondere Würde verleiht. Es ist das, was die Demokratie ganz besonders auszeichnet unter allen möglichen und denkbaren Formen des menschlichen Zusammenlebens.

 

Das Losverfahren: Entlastung von Politikern UND Bürgern gleichermaßen

Um die Vorteile des Losverfahrens für uns alle zu erfassen, müssen wir im Grunde nur in die subjektive Perspektive aller Beteiligten eintauchen und vergleichen, was unser Ist-Zutand für sie bedeutet. Und was im Vergleich demokratische Losverfahren für sie bedeuten, sobald sie verfassungsmäßig eingeführt sind und daher turnunsmäßig und verlässlich durchgeführt werden:

Die Entlastung von uns als Berufspolitikern

Wenn wir Berufspolitiker sind, haben wir die Perspektive: „Jeder will was von uns, wir sollen es allen Recht machen. Dabei sind wir doch nur von einer ganz bestimmten Gruppe von Bürgern gewählt. Wie soll denn das überhaupt gleichzeitig gehen? Und überhaupt: Woher sollen wir wissen, ‚was das Volk will‘? Aus der Meinungsforschung? Aus dem Politbarometer? Ständig werden wir angefeindet, weil wir den Spagat zwischen Klientelpolitik und Sorge für das Allgemeinwohl gar nicht hinbegkommen können! Es fühlt sich an wie im Sterntaler-Märchen: Es ist immer zu wenig und immer falsch, was wir tun: Rücken wir unser politisches Kleidchen in Richtung unserer Klientel, ist das Gemeinwohl nackt. Rücken wir unser politisches Kleidchen in Richtung des Gemeinwohls (oder dessen, was wir mangels Information dafür halten müssen), dann ist unsere Klientel nackt. – Wir haben dieses ganze Angefeindet-werden satt! Wir wollen das Beste, aber wir kriegen das einfach nicht hin!“

Politiker würden so etwas natürlich nie laut sagen. Dass sie regelmäßig genau so empfinden, halte ich für ausgemacht. Denn jeder Berufspolitiker, auch noch der durch das von uns installierte politische Konkurrenzsystem abgezockteste und abgebrühteste, ist „im Nebenberuf“: Mensch.

Für uns als Berufspolitiker bedeutet die Einführung des demokratischen Losverfahren Entlastung, weil

a) nicht mehr unklar ist, was „der Bürgerwille“ in Wirklichkeit ist. Alle können sich darauf berufen. Abweichungen davon müssen sehr klar und deutlich gerechtfertigt werden. Und das nicht mehr nur von einem selbst, sondern genauso von der politischen Konkurrenz. Die Annahme, „was das Volk denn nun eigentlich will“ ist weniger Spielball der Interpretation als fixe Größe. Das vereinfacht für Politiker ihr politisches Agieren und nimmt Unklarheiten und Risiken für sie aus dem Spiel.

b) den Berufspolitikern auch ganz konkret politische Verantwortung von den Schultern genommen wird, die bei ihnen einfach schlecht aufgehoben ist und sie überlastet und überfordert. Unsere Erwartung, dass Politiker „in unserem Sinne“ handeln, wird in ihrer Überzogenheit und Irrealität gewürdigt. Statt dass sie die Agenda setzen müssen, setzen wir selbst die Agenda. Berufspolitiker können dadurch werden, was sie eigentlich sein sollten: „Staatsbedientstet“ oder eben „Minister“. Einfach nur die ersten „Beamten“ an der Spitze staatsbürokratischer Apparate. Und eben nicht mehr diejenigen, die sagen müssen, wo es politisch lang geht, ohne dass sie wissen könnten, wo das Volk will, dass es lang geht. Das Losverfahren ist eine Rückdelegierung der politischen Verantwortung an uns als Bürger, also dahin, wo sie eigentlich hingehört

c) das Losverfahren dem Lobbydruck, dem Berufspolitiker permanent ausgesetzt sind, etwas Wirksames entgegensetzt. Dazu weiter unten mehr…

Die Entlastung von uns als Bürgern

Für uns als „einfache Bürger“ sieht die Entlastung durch die reguläre und stabile Einsetzung von Losverfahren und Bürgerkonventen wie folgt aus:

Politisches Engagement wird weitgehend überflüssig. Da wir – oder eben: „Leute wie wir“ – durch den Zufall regelmäßig aktiv in unsere politischen Prozesse miteinbezogen sind, indem sie/wir mitbestimmen, wie unsere Gesetze sind und welche politischen Maßnahmen unserer Staat ergreift, werden wir massiv von einem geradezu unmenschlichen Druck entlastet:

Dem Druck, sich mit einem übermenschlichen Aufwand engagieren zu müssen, „um Dinge zu verändern“.

Man muss sich nur einmal kurz klar machen, was es für einen Menschen heutzutage bedeutet, wenn er mit ganz bestimmen politischen Maßnahmen oder Gesetzen unseres Gemeinwesens unzufrieden ist:

Es wird ihm gesagt: „Dann engagier Dich doch! Geh auf die Straße! Unterschreibe eine Petition! Geh in eine Partei!“ – Von allen drei Imperativen sind alle drei weitgehend unwirksam und eine übermenschlich.

Die ersten beiden sind unwirksam, weil sie erkennbar nichts ändern. Egal, wie viele Menschen auf die Straße gehen und egal wie viele Petitionen wir unterschreiben: „Die Politik“ macht unverändert weiter ihren Stiefel, wie ein Elefant im Porzellanladen, dem wir zurufen: „Nein, nein nicht auch noch die schöne chinesische Vase… …arghhh!“

Und bei der letzteren, eigentlich durchaus wirksamen Aktivität antizipieren wir völlig zu Recht, dass „der Marsch durch die Institutionen“ uns voraussichtlich so stark verändern wird, dass wir dann, wenn wir irgendwo angekommen sind, wo wir tatsächlich politischen Einfluss haben, vermutlich gar nichts mehr anders machen werden. Uns wird das gleiche zustoßen wie all den anderen Menschen vor uns, die hochidealistisch ins politische System hineingegangen sind und dann recht schnell zu 08/15-Berufspolitikern verwurstet werden. Nein, parteipolitisches Engagement ändert gar nichts.

Am schwersten aber wiegt ganz einfach der Aufwand: Wer will ernsthaft von einem vielbeschäftigten Manager oder einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder verlangen, er oder sie möge doch bitteschön in einer Partei gehen und all die vielen Dinge tun, die man in der heutigen Realität tun muss, um an Positionen zu kommen, „von denen aus man etwas verändern könnte“?

Aber genau das tun wir derzeit. Performativ. Indem wir keine alternativen politischen wirksamen Einflussmöglichkeiten für uns alle schaffen.

Eben hier helfen Losverfahren und Bürgerkonvente einem riesigen Problem in unserer derzeitigen Gesellschaft ab, gesetzt, dass wir ihren Beschlüssen echte Verbindlichkeit und politische Macht geben.

Losverfahren entlasten uns, weil sie uns alle zu gleichen Teilen, mit den gleichen Wahrscheinlichkeiten „aus dem Spiel des Alltags nehmen“: Wir werden ausgelost und uns wird damit – ob wir gerade wollen oder nicht – politische Verantwortung auf’s Auge gedrückt.

Was sich zunächst liest wie eine Belastung ist in Wirklichkeit eine Entlastung von uns allen als Bürgern: Weil wir aktiv einbezogen werden ins politische Spiel, müssen wir uns nicht mehr darum kümmern, einbezogen zu werden. Ein Kümmern, das unter bisherigen Bedingungen nur Menschen zumutbar ist, die reich sind, studiert haben und die es wagen, auf sehr viel Privatleben und sehr viel anderweitige berufliche oder nicht-berufliche Beschäftigung zu verzichten.

Statt dass wir alle Berufspolitiker werden müssen, um politischen Einfluss in unserer Demokratie zu bekommen, dürfen wir die allerallergrößte Zeit unseres Lebens Privatpersonen bleiben. Nur eben dann nicht, „wenn das Los auf uns gefallen ist“, und wir unseren eigenen Staatsdienst, unseren eigenen politischen Dienst an unserem Gemeinwesen leisten.

Indem wir uns alle gleichermaßen „mit Politik belasten“, entlasten wir nicht nur unsere Berufspolitiker, wir entlasten uns auch selbst. Nämlich von einem politischen Engagement, das für die allermeisten von uns unter den realen Bedingungen des modernen Lebens einfach völlig unzumutbar ist.

Die Entlastung von uns als Lobbyisten

Dieser Punkt mag überraschen. Doch vielleicht wird etwas klarer, warum wir auch Lobbyisten mit der Einführung des Losverfahrens entlasten, wenn wir es so sehen:

„Lobbyisten“, das sind eben nicht nur irgendwelche fernen, gut bezahlten Konzernagenten und Branchenverbandsvertreter. Lobbyisten sind im Grunde wir alle, sobald wir Einfluss auf die Politik zu nehmen versuchen, ohne gewählte Berufspolitiker zu sein.

Der heute über alle Maßen ausufernde Lobbyismus wird durch das Losverfahren erkennbar als das, was er eigentlich ist: Eine Ausfallerscheinung.

In dem Moment, in dem wir alle in unseren Parlamenten, Landtagen, Stadträten, Gemeinderäten mit am Tisch sitzen, und zwar als wir selber, als Einzelpersonen, als Repräsentanten unsere eigenen, sehr realen Alltagslebens, die nur ihrer Gewissensentscheidung verpflichtet sind, wird Lobbyismus ganz einfach unnötig und dysfunktional.

Alles, was wir als geloste Bürger nicht abdecken können, wird in allen politischen Losverfahren, die mir bekannt sind, dadurch bedient, dass Experten gehört werden. Wenn es auch unter Experten konträre Meinungen zu einem bestimmten Thema gibt, unter strikter Anwendung des Prinzips: „Audiatur et altera pars“ („Man höre auch die andere Seite“).

Denn was sind denn „Experten“ eigentlich? – Wenn wir den Begriff entmystifizieren, bedeutet Experte nichts anderes als: „Mensch, der sich schon etwas länger mit einem Thema befasst hat als der Durchschnittsbürger, der schon viele Meinungen zu diesem Thema gehört hat und diese zu einer eigenen Sicht und Meinung für sich zusammengefasst hat“.

Experten „leihen“ den gelosten Bürgerräten ihre langjährige Erfahrung mit einem politisch zu verhandelnden Thema aus. Sie dürfen bleiben, was sie sind: Sachexperten. Auch sie müssen, um politischen Einfluss zu bekommen, nun nicht mehr „politisch“ werden. Sie müssen keine „Politikexperten“ werden. Und wenn sie es doch werden wollen, müssen sie dazu den Weg gehen, den wir als Bürger dafür alle gehen müssen: Sie müssen sich von uns dazu wählen lassen.

– Ins Losverfahren sind sie aber rein über ihre Sachexpertise eingebunden. Außer sie werden zufällig selbst ausgelost: Dann als Menschen und Bürger. Denn auch hinter jedem „Experten“ versteckt sich ein Mensch mit mehr Bedürfnissen als nur denjenigen, die sein Sachgebiet betreffen. Und dieser Mensch hinter dem Experten ist daher ebenfalls wertvoll und wichtig für den demokratischen Willensbildungsprozess. Nur eben in dieser Funktion keinen Deut wichtiger oder unwichtiger als alle anderen seiner Mitbürger aus. Das Los schafft diese Gleichheit (klassisch: „Isonomie“). Eine Gleichheit, die absolute Bedingung für echte bürgerliche Freiheit ist, dafür also, dass wir sicherstellen, dass es keine „Fremdherrschaft“ der einen über die anderen Bürger gibt, keine Fremdbestimmung zwischen uns. Sondern dass Selbstbestimmung aller über alles, was alle angeht, die absolut gesetzt Regel ist. Das, und nur das, meint „Demokratie“.

Für Lobbyismus gibt es unter diesen Bedingungen schlicht keinen Bedarf mehr. Alle sind vertreten, alle werden gehört, alle haben gleiches Gewicht, bis auf langjährige Experten eines Themas, die zu allen sprechen dürfen, bevor diese in wechselnden Kleingruppen untereinander beraten und dann die eigentlich verbindliche, wahrhaft demokratische Entscheidung treffen.

Losverfahren als politische Entlastung durch gleichförmige Belastung aller Bürger

Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt keinen denkbaren Grund, gegen die Einführung des Losverfahrens in unsere demokratische Verfassung zu sein.

Das Losverfahren entlastet uns alle. Es löst einen Großteil der überflüssigen und hoch frustrierenden politischen Probleme, die wir uns heute künstlich erzeugen. Durch ein System, das nur mit viel gutem Willen als „demokratisch“ angesehen werden kann, das aber faktisch die allergrößten Teile der Bevölkerung von aktiver politischer Partizipation wirksam ausschließt.

…Und dadurch uns alle überfordert und „politisch frustriert“.

Wir sind also völlig zu Recht politikavers und politisch frustiert. Allerdings nur, wenn man eben die gegebenen Bedingungen, unsere derzeitigen politischen Institutionen als Maßstab nimmt.

Unter durch die großflächige und zuverlässige Einführung von Losverfahren ändert sich genaus das: Wir alle werden „politisiert“ – Und das auf sehr positive und konstruktive Weise.

Politik muss nicht das frustrierende Spiel sein, das wir bisher kennen gelernt haben. Politik kann etwas völlig anderes für uns werden. Etwas sehr Erfüllendes und Belebendes. Ohne das Losverfahren scheint mir das aber kaum möglich.

Es einzuführen ist eine demokratische Notwendigkeit und eine politische Lust zugleich.

„Mrs. & Mr. Citizen – Tear down these walls!“ – Das Los als Verfahren der Versöhnung der Gesellschaft mit sich selbst

Wir leben in einer Gesellschaft, die große Vielfalt und Unterschiede zwischen uns als Menschen und Bürger zulässt.

Diese Vielfalt macht eine Stärke unserer Gesellschaft aus. Und auch ein Glück für jeden Einzelnen von uns: Der Anpassungsdruck ist geringer als in einer homogenen Gesellschaft, die Zugehörigkeit über Gleichförmigkeit herstellt und Unterschiede daher unterdrücken oder verleugnen muss.

Unsere Vielfalt hat aber auch einen Preis: Sie ist anstrengend. Und schlimmer noch: Sie schafft gesellschaftliche Ghettos. Und das nicht als Ausnahme, sondern als Normalzustand. Es gibt Reichenghettos, es gibt Armenghettos, es gibt Introvertiertenghettos, es gibt Extrovertiertenghettos, es gibt Frauenghettos, es gibt Männerghettos, es gibt Ghettos für Menschen mit Kindern und solche für Menschen ohne Kinder, es gibt Jungenghettos, es gibt Altenghettos, usw. usf. – Weil es angenehmer und weniger anstrengend für uns ist, Menschen zu begegnen, „mit denen wir uns unmittelbar verstehen“, bildet gerade so eine vielfältige Gesellschaft wie die unsere viele Biotope und Milieus aus, die sich nach dem Prinzip „gleich zu gleich gesellt sich gern“ zusammenfinden und zusammenhalten.

Diese weitgehend getrennten sozialen Biotope, in denen wir alle heute leben, sind nicht zwingend räumlicher Art (obwohl auch oft das zutrifft), sondern in erster Linie beziehungsmäßiger: Wir haben in Beruf, Familie und Freundeskreis ganz überwiegend mit Menschen zu tun, die uns ausgesprochen ähnlich sind. Vor allem haben wir aber mit sehr vielen Menschen unserer Gesellschaft keinerlei tiefgehenderen Beziehungen, die uns ausgesprochen unähnlich sind. Gehaltvolle Gespräche über den oberflächlichen Tausch von Dienstleistungen und Waren hinaus finden zwischen uns und diesen Menschen nicht statt, obwohl diese Menschen zugleich unsere Mitbürger sind. Menschen, mit denen wir ein einer Gesellschaft zusammenleben. Mit denen wir politisch die gemeinsamen Dinge zu regeln versuchen, die „res publica“. Mit anderen Worten: Wir leben in einer tief in-sich-gespaltenen Gesellschaft, der es an bürgerschaftlicher Verbundenheit fehlt, ohne dass das irgendjemandes schuld wäre. Es ist schlicht unsere Menschlichkeit und Liberalität, die uns auf völlig natürliche Weise auseinander bringt und in weitgehend unverbunden sozialen Welten leben lässt. Wir suchen alle das für uns angenehme Leben und leben dadurch alle in getrennten Lebenswelten.

Das alles wäre in zwei Fällen völlig unproblematisch, die aber beide nicht „unser Fall“ sind:

1.) Wenn diese Ghettos jeweils völlig autark wären und das, was in ihnen geschieht, Menschen in anderen Ghettos überhaupt nicht berühren und beeinflussen würde. – Diese Situation ist möglicherweise die der Stämme gewesen, in denen die Gattung Homo Sapiens einmal die Savannen und Steppen dieser Erde durchstreift hat. Dünn besiedeltes Gebiet, jeder Stamm eine Welt für sich. Berührungspunkt: Wenige. Wenn, dann wohl katastrophal, ähnlich wie Naturgewalten füreinander, aber nicht wie Menschen.

2.) Wenn diese Ghettos einen Ausgleich zur Abschottung gegeneinander hätten: Einen Ort, an dem sich völlig verschiedenartige Menschen regelmäßig begegnen, frei austauschen und so wieder mehr übereinander erfahren. Vielleicht auch: heimliche oder unheimliche Ähnlichkeiten zwischeneinander entdecken können, so dass freundschaftliche Verbundenheit miteinander entstehen und gepflegt werden kann.

Wir haben also eine überaus bejahenswerte „liberale“ Gesellschaft geschaffen zu einem viel zu hohen, unmenschlichen Preis: Die Verbundenheit, derer wir als Bürger eines Gemeinwesens bedürfen, fehlt uns. Sie fehlt uns schmerzhaft. Sie fehlt uns auf eine zunehmend beängstigende, mörderische Weise.

Es kann für uns kaum darum gehen, den Liberalismus zu negieren. Wohl aber darum, in ihn das fehlende Element wieder einzuführen. Zu Realisieren, dass wir tatsächlich das sprichwörtliche Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben: Freiheit ohne Verbundenheit.

Und zunehmend realisieren wir auch, dass Freiheit ohne Verbundenheit ebensowenig echte Freiheit ist, wie unfreie Verbundenheit echte Verbundenheitsgefühle hervorrufen kann. Beide Größen sind aufeinander fundamental angewiesen, um im menschlichen Zusammenleben einen spürbaren, nicht nur aufgesetzten oder vorgetäuschten Platz zu haben.

Wie aber nun bekommen wir eine Verbindung zwischen all den Ghettos, in denen wir unser Alltagsleben verbringen?

Mein bis zum Erbrechen wiederholter Vorschlag dafür ist: Die Einführung des Losverfahrens als notwendige Ergänzung unserer Demokratie, unserer Politik, unserer Gesellschaft.

Denn das Losverfahren ist genau das: Indem es uns über das Prinzip des Zufalls „zusammenmischt“, schmelzen zugleich jene von uns errichteten gesellschaftlichen Wände in sich zusammen. Wir begegnen dann in „Bürgerkonventen“ Menschen, denen wir sonst in unserem Alltag kaum noch begegnen.

Und mehr noch: Wir begegnen ihnen nicht nur, wir haben gehaltvolle Gespräche und Austausch miteinander. Wir entdecken uns neu. Als Bürger. Als miteinander zusammenlebende Menschen, die sich faktisch heute kaum kennen, die sich in solchen Bürgerversammlungen aber regelmäßig kennenlernen können.

Diese Bürgerkonvente sind also Selbstzweck und politische Entscheidungsorte zugleich: Indem wir dort politisch Relevantes, Wirksames und Verbindliches stattfinden lassen, gibt es überhaupt für alle Bürger einen Grund, dort zu sein und sich darauf einzulassen.

Und die Verbindlichkeit der dort getroffenen Entscheidungen bei gleichzeitiger Machtlosigkeit zwingt uns, uns „wildfremden Menschen“, die zufällig unsere Mitbürger sind, offen zu zeigen, was uns bewegt, was für uns wichtig ist, was wir brauchen, was wir unsere Mitbürger bitten, bei unserer gemeinsamen Entscheidung zu bedenken und zu berücksichtigen.

Geloste Bürgerversammlungen sind Orte gesellschaftlicher Empathie, politischer Verständigung, gesellschaftlichen Ausgleichs, politischer Versöhnung.

Indem dort zusammenkommt, was sonst nirgendwo mehr zusammenkommt, entsteht Verbundenheit der Bürger als Bürger.

Fehlen in einer so verschiedenartigen, vielfältigen, ghettoisierten Gesellschaft wie der unseren Losverfahren und Bürgerkonvente, dürfen wir uns über die zunehmenden Zentrifugalkräfte und das wachsende wechselseitige Unverständnis allüberall in der Gesellschaft eigentlich nicht wundern.

Da können wir noch so oft „die Tugend des demokratischen Austauschs von Argumenten“ beschwören: Jede weitere Debatte vertieft nur die Gräben, erhöht nur die Mauern zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die einander nicht verstehen, weil sie sich aus der Distanz heraus auch gar nicht verstehen können.

„Debatte“ bedeutet: „Wir wollen einander nicht zuhören. Wir wollen uns durchsetzen!

Bürgerkonvente im Losverfahren sind aber eben kein Ort „der Debatte“, sondern Orte des Dialogs. Orte, an denen jenes Verstehen und Sich-mit-sich-selbst-Verbinden stattfindet, das an keinem anderen Ort in einer liberalen Gesellschaft stattfinden kann.

Es ist wichtig für uns, dass wir diesen Unterschied zwische Debatte und Dialog sehr klar haben, wenn wir über die Weitentwicklung und Evolution unserer Demokratie sprechen.

Debatte ist ein Gegeneinander.

Dialog ein Miteinander.

Debatte schließt nur Bestimmte ein.

Dialog schließt alle ein.

Debatte ist medial vermittelt sehr gut möglich.

Dialog ist nur „live und in körperlicher Resonanz“ möglich.

Debatte lässt unser Meinen unverändert. Sie verhärtet uns nur.

Dialog verändert unser Denken. Er öffnet uns für Neues.

Wenn wir das Potential abzuschätzen versuchen, das geloste Bürgerversammlungen für unsere demokratische Gesellschaft haben, sollten wir nicht von dem ausgehen, was wir sehr gut kennen („politische Debatten“), sondern von dem, was uns bisher in unserer Gesellschaft völlig fehlt: Politischer Dialog unter Einschluss aller Bürger.

Man muss kein Prophet sein, um zu realisieren, dass das Losverfahren, das auf den Live-Kontakt eines annähernd repräsentativen Samples aus der Gesamtbevölkerung setzt, völlig andere, neuartige Effekte auf unsere politische Kultur und unsere demokratisches Gemeinswesen hat als alles, was wir bisher kennen.

Ob diese Effekte tatsächlich derart positiv und heilsam sind, wie ich und einige andere denken, wird sich zeigen, wenn wir davon viel mehr ausprobieren und erproben. Gerne auch skeptisch und kritisch prüfend. – Aber bitte ernsthaft und nicht als demokratisches Feigenblatt und politisches Alibi einer Zuschauerdemokratie, die glaubt, dass sie sich nicht weiterentwickeln müsste, sondern einfach weitermachen könne wie gewohnt…

 

Die Gewaltausblendungsgesellschaft

Das hier wird ein wütender Text. Wer also mit Wut schlecht umgehen kann, sollte einfach nicht weiterlesen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die ihre eigene Gewalttätigkeit systematisch ausblendet. Die sich für friedlich und friedliebend hält, aber es nicht ist. Denn, wie es so schön heißt: „Nicht an ihren Worten, an ihren Taten sollt ihr sie erkennen.“

Schlimmer noch: Wir sind die Art von gesellschaftlicher Bande, in der wir anderen Wunden schlagen, und wenn der andere lauthals aufschreit, sagen wir: „Was hast Du denn? Ist doch nichts!“ und im besten Fall kleiben wir dem anderen ein Trostplästerchen auf und kommen uns wunder was „gut“ vor dabei.

Dieses Muster zieht sich durch beinah alle Arten von Beziehungen in unserer Gesellschaft:

In unseren Unternehmen, in unseren Familien, in unseren Beziehungen zu Menschen an anderen Orten der Welt. Auch in der gesellschaftlich geduldeten Prostitution, die wir euphemistisch als „Sex-Arbeit“ bezeichnen und die in Wahrheit nichts ist als ein System geduldeter Vergewaltigungen gegen Einräumung eines Existenzrechts.

Auch und vor allem in unserem gesellschaftlichen Verhältnis zu den Bedürftigen in ihr, in die, die wir manchmal „die Schwächsten der Schwachen“ nennen ist das gleiche Verhältnis zu beobachten:

Erst Wunden schlagen, dann Trostplästerchen aufkleben. Egal, ob wir über Kinder sprechen, über die Opfer von körperlicher Gewalt und Missbrauch, über Frauen in ihrem verletzlichsten Zustand: Wenn sie schwanger sind und ein Kind erwarten, egal ob wir über alte Menschen, gesundheitlich belastete Menschen oder einfach arme und unvermögende Menschen sprechen: Überall sehen wir Gewalt. Geduldete Gewalt. Normalisierte Gewalt. Bagatellisierte Gewalt.

Genauer: Wir würden sie sehen, wenn wir hinschauen würden. Wir würden den Schmerz auch fühlen, den wir verursachen, wenn wir hinhören würden, denn die Schreie dieser Menschen sind durchaus hörbar.

Aber wir tun das nicht. Wir schauen weg. Wir hören weg. – Und so verschwindet all das, vermeintlich, aus unserem Leben.

Einem Leben, das sich für uns merkwürdiger weise gar nicht so wunderbar anfühlt, „obwohl wir doch alles haben“, „obwohl es uns doch gut geht“.

Denn darunter wabert: Unsere eigene Abspaltung. Den pychologischen Preis, den wir für die Ausblendung der in unserer Gesellschaft omnipräsenten offenen wie verdeckten wie strukturellen Gewalt zahlen.

Unter der Oberfläche wissen wir nämlich ganz genau, was läuft. Wir wollen es nur nicht wissen, weil wir glauben, das uns dieses Wahrnehmen und Wissen überfordern würde. Dass wir uns dann mit Schmerz, Angst, Ohnmacht und Leiden infizieren würden.

„And so we keep us separated“. Wenn die Angst die Angst vor der Ansteckung mit Negativem ist, ist Karantäne die Lösung.

Ich glaube allerdings, dass wir wahrnehmen können, dass diese unsere Lösung einfach nicht funktioniert. Es scheint geradezu umgekehrt zu sein: Die Annäherung an das, was wir fliehen wollen, das hinschauen wo wir wegschauen wollen, das hinhören wo wir weghören wollen und das ganz bewusste ins Gespräch gehen wo wir nur möglichst viele Meilen Distanz zwischen uns und dem anderen bringen wollen, ist das, was unseren eigenen Schmerz und unsere eigene Leere heilen kann.

Leider interpretieren wir unsere Situation aber genau audersherum: Wir spüren unsere eigene Bedürftigkeit, unsere eigene Hiflosigkeit, unsere eigene Angst und Ohnmacht. Und denken dann: „Wer sind wir, dass wir uns auch noch das Leid anderer Menschen aufbürden sollen? Sind wir Jesus, oder was? Nope!“

Diese unsere „Lösung“ wäre vielleicht wirklich kein Problem, wären nicht in Wahrheit wir selber die Ursache des Leids so vieler andere Menschen: Unsere Entscheidungen, unsere Handlungen, unsere Institutionen, unser Recht, unsere ganze Lebensform. Wir leben in einer Kriegerkultur, die sich vormacht, aus lauter Engeln zu bestehen.

Einige von uns, die sich „Realisten“ schimpfen, nehmen diese Spannung, diese kognitive Dissonanz zwischen unserem Reden und Handeln ebenfalls wahr. Und sie wollen diese Spannung dahingehend auflösen, dass sie die Kriegerkultur wieder offiziell machen. „Der Mensch ist böse – Stehen wir dazu“.

Die Sichtweise: Wir sind als Gesellschaft das, was wir aus uns selbst machen, ist ihnen einfach zu anstrengend. Die Sichtweise: „Der Mensch an sich ist weder gut noch schlecht. Er passt sich einfach den stabil erwarteten Umständen an. Das aber sehr zuverlässig.“ scheint uns oft als moralisch fragwürdig. Obwohl es eine Annahme unserer menschlichen Natur ist. – Das, wenn irgendwas, ist „Realismus“.

Es gibt menschliche Gesellschaften, die unserer Gesellschaft durch ihr reines Dasein einen Spiegel vorhalten. Die Gesellschaft der Mosuo in Südchina ist so ein Beispiel.

Dieses Beispiel, also das pure Faktum, das so eine Gesellschaft überhaupt existiert und uns Menschen möglich ist, zieht vielen unserer Ausblendungen den Boden unter den Füßen weg: Keine Gewalt, freies sexuelles Leben, eine echte „Willkommenskultur“ für neugeborene menschliche Erdenbürger, Unbedeutendheit von Status, allgemeine Zufriedenheit bei Menschen aller Altersstufen und jeglichen Geschlechts. – Und das stabil über Jahrhunderte.

Das eigentliche Wunder ist eher: Dass die Gesellschaft der Mosuo nicht – wie ähnliche, friedlichere Gesellschaften – nicht von den Kriegerkulturen dieses Planeten vom Erdboden getilgt wurde. Denn das ist das, was wir gewöhnlich mit Gesellschaften machen, die kooperativere Formen des Zusammenlebens pflegen und unserer Aggression und „natürlichen Ausbeuterei“ naiv oder hifllos gegenüberstehen. – „Selber schuld, all diese Opfer! Hätten sie mal in Fortschritt ihrer Waffensysteme investiert! Dann könnten sie jetzt uns versklaven und würden selber auf der Sonnenseite des Lebens stehen!“

Die Frage ist eben nur: Ist das, was wir leben, wirklich „die Sonnenseite“ der menschlichen Existenz? Fühlt sich das wirklich so an? – Um das zu beantworten, brauchen wir nur eins tun: Wir können unsere vorhandenen Gefühle befragen und dabei ehrlich zu uns selber sein.

Und wenn wir das tun, merken wir mit schöner Zuverlässigkeit: In Wahrheit beneiden wir all die kooperativeren Gesellschaften unendlich um das, was sie schaffen, was wir vermeiden. Neid ist ein Teil unserer Aggression und unserer Zerstörungswut. Wir können das Gute nicht stehen lassen, wir bezweifeln, bekritteln und schließlich zerstören wir es, bis alle in der gleichen Hölle schmoren, in der wir selber in Wahrheit leben. Motto: „Ha! Du sollst es auch nicht besser haben als ich!“

Diese Aggression wird von uns aber nun nicht offen artikuliert. Sie ist das unbewusste Betriebssystem unserer Gesellschaft. An der Oberfläche herrscht geradezu wunderbare Freundlichkeit und Contenance.

Aber darunter wummert das Verdrängte.

Was uns in diesem Zustand hilft, ist etwas, das man hochgestochen „re-entry des Verdrängten“ nennen kann: Unmittelbare Begegnungen mit den menschlichen Opfern unseres gesellschaftlichen Betriebssystems. Aber eben nicht irgendeine Form der Begegnung.

Es gibt eine sehr spezifische Form der Begegnung mit diesen Menschen, die wir in unserer Verdrängung lieben und durch die wir sie zementieren: Das Gönnertum. Das Pflaster-Aufkleben. Wir Glücklichen hier oben und ihr Armen da unten.

Ein Spiel, ein Schauspiel vor uns selbst ist das, was wir da inszenieren. Und in diesem Schauspiel geht es keineswegs, wie wir uns das gerne vormachen, um unsere so wahnsinnig ausgprägte Empathie gegenüber den Armen und Beladenen dieses Planeten. Es geht um uns: Wir wollen uns besser fühlen. Wir wollen uns weiß machen, dass alles schon ganz okay ist, wie es ist. Dass unsere Privilegien völlig in Ordnung sind, „weil wir ja großzügig was abgeben.“

Das heißt aber eben auch: Wir wollen nichts ändern. Wir wollen den anderen weiterhin als Objekt. So wie er eben noch Objekt unserer Gewalt und unserer Fremdbestimmung über ihn war (sehr schön zu beobachten übrigens in unserem Umgang mit sogenannten „HartzIV-Empfängern“ oder „Langzeitarbeitslosen“), wird er nun Objekt unserer top-down-Gönnerhaftigkeit. Von oben herab wenden wir uns ihm zu, wie Engel zu den armen Wesen, die da unten, ganz weit weg von den himmlischen Gefilden aus denen wir zu ihnen herabschweben, im Dreck liegen. – Aber eben nicht zu lange. Wir wollen uns ja nicht schmutzig machen oder gar mit Armut und Ohnmacht anstecken!

Und wir wundern uns dann gelegentlich, warum diese Menschen uns nicht mit unendlicher Dankbarkeit begegnen. Doch Sklaven kennen das Prinzip, das wir da anwenden nur zu gut. Es nennt sich „Zuckerbrot und Peitsche“. Genauer: Erst Peitsche, hinterher Zuckerbrot. „Ja Sir, Danke Sir, sehr freundlich von Euch, Sir!“

Die Alternative wäre: Wir stellen die Machtfrage. Ernsthaft. Wir sind bereit, uns dem anderen nicht top-down, sondern auf Augenhöhe entgegenzutreten. Das schließt ein: Unseren eigenen Schmerz, unsere eigene Verletzlichkeit, unsere eigene Bedürftigkeit. Weil wir eben keine Engel sind. Und auch gar keine Engel sein müssen. Für die Begegnung auf Augenhöhe ist Engelartigkeit genauso hinderlich wie unsere dämonisch-teuflische Gewaltanwendung inklusive Verleugnung, dass wir das tun.

Die Begegnung unter Subjekten ist anstrengend. – Und voraussetzungsreich.

Es mag überraschen, aber rein technisch müssen wir vor allem zwei Probleme lösen, wenn wir es uns selbst leichter machen wollen, Begegnungen und Beziehungen für uns leichter und einfacher zu gestalten.

1.) Wir müssen für das Thema Schwangerschaft und Kinder neuartige Lösungen finden. Frauen müssen in unserer Gesellschaft die absolute Sicherheit haben, dass ihre Kinder in Wohlstand und Liebe und Zuwendung aufwachsen, unabhängig davon, wer der Vater ist und ob dieser Mann ein „guter Vater“ ist oder sein kann. Also unabhängig von den zufälligen materiellen und emotionalen Ressourcen des Vaters. Das haargenau Gleiche gilt für Mütter: auch sie müssen vom Mythos der inviduellen „Super-Mom“ entlastet werden. Kinder sind die Aufgabe der ganzen Gemeinschaft, keine reine Privatsache. – Die Entkoppelung von menschlicher Fortpflanzung und menschlicher Sexualität hat das Potential, unserer Gesellschaft und damit unserem Alltagsleben ganz neue, ganz andersartige Möglichkeiten und Lösungen zu öffnen.

2.) Wir müssen für das Thema „Eigentum“ und vor allem „Vererbung“ neuartige Lösungen finden. Denn dieses Thema steht hinter unserer Gefühlsabkopplung und unserer sexuell völlig verklemmten Gesellschaft. Da die Erbschaftsfrage eindeutig geklärt sein muss, damit wir uns nicht regelmäßig die Schädel blutig hauen über diese Frage. Und da wir glauben, dass dazu eindeutig geklärt sein muss, „wer denn nun der Vater ist“, haben wir das Bedürfnis, die natürliche Sexualität von Frauen einzuschränken, zu kontrollieren und fremdzubestimmen. – Und machen uns dabei alle unglücklich: Männer genauso wie Frauen. Erwachsene Menschen genauso wie Menschen im Kindheitsalter.

Egal, wie frei wir sexuell glauben zu sein, wenn wir uns Gesellschaften wie die der Mosuo anschauen, erkennen wir, dass wir uns auch hierin etwas vormachen. Und das zwischen unserer gesellschaftlich gewählten sexuellen Unfreiheit und unserer verdrängten, allgegenwärtigen Gewalttätigkeit ein großer Zusammenhang besteht:

Ich bin absolut überzeugt, dass wir auch unter modernen Bedingungen neue Lösungen für beide Probleme finden können. Und das auch uns ein „natürliches“ Leben möglich ist, das von deutlich mehr Verbundenheit, einer freieren Sexualität und Gewaltfreiheit geprägt ist.

Der Weg dahin: Begegnungen mit denen, die wir täglich versklaven und „die uns zu Diensten sind“. Nicht als Objekte, sondern als Subjekte.

Hiflreich dabei: Anerkennung unserer allgemeinen derzeitigen Gewalttätigkeit. Auch wenn der Schmerz darüber unerträglich scheinen mag und verdrängt sein will.

Oder eben: Wir lassen uns von anderen daran erinnern, was wir in Wahrheit mit ihnen tun, indem wir ihnen wirklich zuhören. In machtfreien Räumen, in denen sie offen mit uns Reden können und uns das sagen können, was wir nicht von ihnen hören wollen.

Der Raum des Politischen: Machtloser Einfluss

Sobald Führung und Weisung ausfallen, oder sogar von uns aktiv und mit Vorsatz ausgeschlossen werden, und wir uns daher als Freie und Gleichwertige begegnen, müssen wir damit beginnen, einander zu gewinnen und zu überzeugen.

Und um das tun zu können, müssen wir zunächst denjenigen Menschen zuhören, die wir gewinnen und überzeugen wollen.

Es bleibt uns dann nur das Bitten, verbunden mit der klaren Artikulation unseres eigenen Wunsches und unserer eigenen Bedürftigkeit, um auf andere Menschen Einfluss zu nehmen, um sie zu einem Verhalten zu bewegen, „das uns entgegenkommt“. Dieses Nur-Bitten-Können und Auf-Erfüllung-Hoffen ist für uns in der Regel beängstigend für uns. Es fühlt sich nach Ohnmacht an. Nach Angewiesenheit. So gar nicht souverän.

Und dann ist es auch noch ein ganz besonders anspruchsvolles Bitten: Ein Bitten, das auch für den anderen Menschen verständnisvoll ist. Das wahrnimmt, dass der andere kein bedürfnisloser Gott ist, sondern „eben auch nur ein Mensch“, mit allem was dazu gehört: Schlechte Tage, schlechte Verfassung, blinde Flecken. Mit einem Körper und einer Seele eben. Nicht nur mit einem „reinen Geist, der stets nur auf das Gute gerichtet ist“.

Verständnisvolles Bitten erkennt die Menschlichkeit und Nicht-Engelhaftigkeit des Gebetenen an. Wir signalisieren dem anderen, dass wir darum wissen und würdigen, dass er ein Mensch aus Fleisch und Blut ist: Selbst bedürftig und veränderlich und situationsabhängig. – Und das in einem Moment, in dem wir unser eigene Bedürftigkeit vielleicht in ihrer drängendsten, unerträglichsten Form erleben. Also auch noch in solchen Momenten, in denen wir uns vielleicht auf den anderen absolut angewiesen und auf sein Wohlwollen angewiesen fühlen.

Genau diese Kombination aus Zuhören-Müssen, Über-Sich-Selbst-Klar-Sein-Müssen und Nur-Bitten-Können dürfen wir mit Thomas Gordon „machtlosen Einfluss“ nennen.

Jeder gute Coach kennt das. Jeder gute Coach weiß, was „machtloser Einfluss“ ist, denn er wendet ihn beinahe minütlich an. Er nutzt die Möglichkeiten, die uns Menschen die biologische Tatsache der emotionalen Resonanz bietet, aneinander anzukoppeln, uns sinnvoll miteinander zu verbinden und – eben – wechselseitig aufeinander Einfluss zu nehmen.

Auch jeder effektive Projektleiter kennt das. Also ein Projektleiter, der weder Weisungen einsetzen, noch sich die Macht von Weisungsbefugten „ausleihen“ kann. Und der das auch gar nicht muss, um andere zur sinnvollen Zusammenarbeit am gemeinsamen Projekt zu bewegen.

All das, dieses spezifische Verhältnis, zu dem wir Menschen fähig sind, öffnet den Raum des Politischen. Wir könnten sogar sagen: Dieses spezifische Verhältnis ist der Raum des Politischen.

Dieser Gedanke: Dass wir den anderen nicht zwingen können, dass wir es für uns ausschließen, den anderen zu zwingen, wenn wir persönliche Not verspüren, dieser Gedanke macht uns Angst.

Es ist schwer diesen persönlichen Ausschluss von Zwang durch zu halten. Es fühlt sich beinahe an wie Atemnot, wie Ertrinken. Auf jeden Fall wie Hilflosigkeit und Ohnmacht. Existentiell. Bedrohlich.

Zugleich ist genau das die Bedingung für ein freies Zusammenleben. Es ist Daseins-Bedingung für den Raum des Politischen.

Von einem bestehenden Raum des Politischen aus gesehen, in dem wir uns als freie und gleiche Bürger auf grundsätzlich Augenhöhe begegnen, können wir auch rückblickend klarer erkennen, was jene „Führung“ und „Weisung“ alles ausgeschlossen hat – Es sind eben jene Dinge, die notwendig werden, wenn man Führung und Weisung  wechselseitig ausgeschlossen hat:

Wir müssen einander dann wechselseitig zuhören. – Weil wir dann anders nicht mehr aufeinander Einfluss nehmen können.

Wir müssen dann klarer werden in der Artikulation unseres Bedürfens, Wollens und Bittens. – Weil wir es dann anders nicht mehr bekommen, was wir brauchen.

Erst wenn wir „Führung“ und „Weisung“ ausschließen bekommen wir das. Wir müssen uns erst etwas verbieten, damit wir etwas Besseres bekommen.

Der Ausschluss von Macht: Von Einflussnahme auf den anderen durch Belohnen und Bestrafen, dieser Ausschluss ist ein Selbstzwang zu einem Verhalten, in dem wir bekommen, was wir brauchen, ohne dass wir dabei die Beziehungen zu unseren Mitmenschen = Mitbürgern systematisch beschädigen.

Und als nicht-persönliche, sondern kollektive Entscheidung: Indem wir gemeinsam den Raum des Politischen für uns alle öffnen, ist es kollektiver Selbstzwang zu kollektivem guten Umgang miteinander.

Der Raum des Politischen ist deswegen so fundamental „lösend“ und ein solch drastischer Umschwung der gesellschaftlichen Atmosphäre, weil er uns von unserem kurzfristig effektiven Verhalten befreit. Von einem Verhalten, dass uns – oft auf subtile, schwer greifbare Weise – mittelfristig auf die Füße fällt:

Wir zwingen andere, das zu tun, was wir gerade wollen. – Und dann wundern wir uns, warum die gesellschaftliche Atmosphäre so vergiftet ist. Warum wir selbst permanent in Selbstschutz-Verhalten investieren müssen, also in Verhalten, mit dem wir uns selbst vor Gezwungen-Werden-Können schützen.

Der Raum des Politischen als Raum Freier und Gleicher ist ein Raum, in dem wir uns dieses Zwang-Verhalten verbieten. Gleich von wem es kommt. Auch wenn es von uns selbst kommt. Auch wenn wir gute Gründe dafür zu haben meinen.

Der Raum des Politischen ist eine kollektive Setzung, die wir alle gleichzeitig vornehmen.

Doch warum sollten wir so etwas tun? Warum überhaupt sollten wir so eine merkwürdige gemeinsame Setzung vornehmen? – Die Antwort ist einfach: Weil es sich für uns alle lohnt. Auch für den Vermögendsten und den Mächtigsten unter uns.

Das heißt auch: Der Raum des Politischen ist „magisch“: Von einem Moment auf den anderen ist er „plötzlich“ da. Und dass er da ist, ändert alles, auf kaum vorstellbare Weise, wenn man „Politik“ vom un- oder vorpolitischen Raum aus denkt.

Allerdings ist es eine sehr menschliche Magie. Sie nutzt den Zauber, der ganz natürlich in uns steckt, so wie wir nunmal so sind, wie wir Menschen von Natur aus angelegt sind.

Und mal ehrlich: Dieses Zauberhafte an uns nicht zu nutzen, die drastische Art, wie wir uns auch gemeinsam zum Guten hin wandeln können durch solche Setzungen – das ist einfach nur blöde.

 

 

Warum wir Parteibildung und Fraktionen in unseren Parlamenten institutionell verhindern sollten

Um es eingangs gleich darzustellen: Es geht hier nicht um ein generelles „Parteienverbot“. Außerhalb des Raums des Politischen wird es immer „Parteien“ geben. Einfach, weil in einer freien Gesellschaft Menschen in ähnlichen Situationen, mit ähnlichen Erfahrungen und Neigungen immer zusammen finden werden.

Parteien können zudem eine bejahenswerte Funktion haben bei der Wahl von Berufspolitikern an der Spitze unserer Exekutiven, wenn sich diese gewählten Berufspolitiker gegenüber einem gelosten und damit wirklich repräsentativen Bürgerparlament verantworten müssen, so dass Parteien und Berufspolitikertum das Prinzip der Demokratie nicht unterlaufen und verwässern, sondern uns allen gemeinsam dienen.

Bei der Unterbindung von Parteibildung geht es also nur um jene Gremien, die zum Erhalt der Demokratie besser durch Los als durch Wahl besetzt werden sollten: Bezirksräte, Gemeinderäte, Statdträte, Landtage, Bundestag, Parlamente. Diese politischen Versammlungen können den eigentlichen Raum des Politischen bilden, der eine wirksame und wirklich demokratische Kontrolle der Staatsmacht ermöglicht.

Parlamente als Bürgerkonvente als Herz der Demokratie

Diese Räume des Politischen ersetzen in einer teil-anonymen Großgesellschaft das Forum/die Agora im Zentrum des Gemeinwesens. Während in antiken Kleingesellschaften die Bürger noch alle physisch an einem Ort zusammenkommen konnten, brauchen wir in Großgesellschaften eine wirksame Entsprechung für dieses politische Herz unserer Gesellschaft. Da wir nicht alle an einem Ort zusammen kommen können, um uns wechselseitig zu beraten und gemeinsam zu entschließen, müssen wir heute durch institutionelle Verfahren ein repräsentatives „Mini-Volk“ bilden, das uns in einer ebenso physischen Versammlung repräsentativ vertreten kann. Eben genau das leistet das Losverfahren als Prinzip zur Besetzung solcher Bürgerkonvente.

In all diesen politischen Versammlungen von Bürgern haben nun Parteien und Fraktionen nichts verloren, wenn wir wirklich eine vollständige Demokratie herausbilden wollen, und nicht nur eine unvollständige Prä-Demokratie, wie wir sie derzeit haben. Denn Parteien spalten unser Gemeinwesen und setzen eine Fokussierung auf Partikularinteressen an die Stelle einer gemeinsamen Orientierung am Wohl aller Einzelnen genauso wie am Gemeinwohl. Wenn Parlamente und Bürgergremien auf allen politischen Ebenen: kommunal, regional, national, etc. nach unserem Verständnis tatsächlich das Herz der Demokratie sind, können wir nicht den Geist der Spaltung in dieses Herz hineintragen und uns dann wundern, warum all unsere politischen Prozesse so konflikthaft, so wenig befriedigend und so unproduktiv ablaufen.

Konkrete institutionelle Umsetzung

Um besser zu verstehen, was das Losverfahren, Bürgerkonvente und Unterbindung von Parteibildung leisten, muss man vielleicht auf einige Aspekte hinweisen, wie das konkret aussehen und umgesetzt werden kann:

Ähnlich wie bereits heute, in unseren bisherigen Parteienparlamentarismus, werden auch in einem per Los besetzten Bürgerkonvent die eigentlich gehaltvollen politischen Gespräche in Kleingruppen und nicht im Gremium durchgeführt. – Dieses Verfahren ist beim gut dokumentierten Bürgergutachten bereits gut erprobt und zeigt regelmäßig, wie gesellschaftlich versöhnlich und politisch innovativ ein solches Vorgehen ist, wenn die, die da miteinander in den politischen Dialog gehen, eben keine Berufspolitiker sind, per Zufall unter uns allen ausgewählt wurden und immer wieder durchmischt werden, damit sich nicht unter der Hand Fronten, Franktionen, Parteien herausbilden.

An vielen Orten hat man die Kraft der Aufhebung des parlamentarischen Parteibildungszwangs bereits erkannt. So hat das Land Vorarlberg in Österreich das Format „Bürgerrat“ erst zigfach erprobt, um es nach guten Ergebnissen 2013 in seiner politischen Verfassung zu verankern. Auch die von David van Reybrouck initiierte G1000-Bewegung in ganz Europa nutzt sehr ähnliche Vorgehensweisen und ist damit v.a. in den Niederlanden, Belgien und im UK aktiv.

Parteibildung in Parlamenten erzeugt unnötige Probleme

Analytisch gesehen können wir leicht zeigen, warum eine Aufhebung sowohl des Parteibildungszwangs als auch der Parteibildungsmöglichkeit in unseren Parlamenten für eine Demokratie weitaus produktiver ist als das parteienfixierte Politikmodell, dass wir derzeit institutionalisiert haben:

  • Parteien fokussieren uns auf Durchsetzung, auf Streit. – Das führt systemisch zu einem Tauziehen, dessen Ergebnis bestenfalls Kompromisse sein können, aber nicht politische Innovationen. Also nicht: Lösungen auf höherer Ebene, die die Wünsche aller beteiligten Bürger in sich aufnehmen und integrieren.
  • Der „Parteienkampf“, den wir derzeit institutionalisieren, führt dazu, dass wenig Verständnis entstehen kann. Im Kampf hört man nicht zu. Man will nur „gewinnen“, „den anderen aus dem Feld schlagen“ oder „eigene Verluste vermeiden“. Das ist als Fokus von Politik in einer Demokratie wenig produktiv.
  • Parteien führen dazu, dass wir Gegensätze zwischen uns als Bürgern zu übertreiben beginnen. Jeder Mensch ist ein wenig konservativ, schätzt den sozialen Zusammenhalt, liebt seine persönliche Freiheit, will die Umwelt erhalten, usw. – Parteien vereinseitigen uns als Individuen, weil sie uns auf nur eine unserer vielen Seiten festlegen. Für die Lösung gemeinsamer politischer Probleme durch politische Innovationen ist auch das unproduktiv.
  • Parteien entwickeln – selbst bei den allerbesten Absichten der Gründer, die Gesamtbevölkerung würdigen zu wollen – schon nach kurzer Zeit ein Parteikalkül. Das heißt: An allererster Stelle steht das Wohl der Partei und ihres guten Abschneidens bei Parteiwahlen. Das kann ebenfalls in bester Absicht geschehen: Denn wenn man überzeugt ist, gute politische Lösungen zu haben, muss man ja darum „kämpfen“, bei Wahlen möglichst gut abzuschneiden. Und dann eben auch „den politischen Gegner bekämpfen“. – Das Parteikalkül sorgt aber dafür, dass Berufspolitiker sich politischen Innovationen und Lösungen verschließen, die in der nicht-politisch organisierten Bürgerschaft durchaus zustimmungsfähig wären. In den allermeisten Fällen sind die Bürger deutlich progressiver als die Parteien. Man kann das heute beobachten: Wenn es repräsentativ ausgeloste Bürgerkonvente gibt, ist die Öffentlichkeit mit trauriger Regelmäßigkeit davon „überrascht“, wie progressiv die Bürger entscheiden, wenn man sie sich miteinander und mit Sachexperten beraten lässt. Frei von allen Parteizwängen.

Diese Liste ist wahrscheinlich noch unvollständig und berücksichtig zahlreiche weitere negative Effekte nicht, die der Parteibildungszwang in unseren Parlamenten hervorruft und auf Dauer stellt.

Die Situation unserer Berufspolitiker

Wir können, wenn wir hinsehen, aber bereits heute beobachten, dass Politik überall dort am Besten funktioniert, wo gewählte Berufspolitiker sich einzig und direkt allen Bürgern verantwortlich fühlen können. Und das heißt eben auch: Auf Parteien keine Rücksicht nehmen müssen.

Parteien bedeuten aus Berufspolitiker-Sicht:

Ich muss vor allem Rücksicht nehmen auf die Klientel, die mich gewählt hat und/oder die mich finanziert hat.

Und noch schlimmer:

Ich muss vor allem Rücksicht nehmen auf die Klientel, die mich wählen wird und/oder die mich finanzieren wird.

Und jenes „die mich finanzieren wird“ hat einen politischen und einen privaten Teil, mag er nun bewusst oder unbewusst von Politikern fokussiert werden. Er ist in jedem Fall wirksam und beeinflusst unweigerlich ihr politisches Handeln und Entscheiden:

Politisch: Wer wird in Zukunft meine Wahlkämpfe finanzieren?

Privat: Wo werde ich nach dem Ende meiner politischen Karriere beruflich unterkommen?

Diese Verzerrungen zu ignorieren und zu bagatellisieren ist für mich eine unempathische Haltung gegenüber Berufspolitikern als Menschen. Sie verweigert Verständnis und verkennt bewusst die Situation von Berufspolitikern, „weil es sich ja um die da oben handelt“. Also ob Menschen in gesellschaftlich geschaffenen Machtpositionen keine Empathie bräuchten.

Eine echte Demokratie kennt aber kein „die da oben“, genauso wenig wie sie ein „die da unten“ kennt. Eine echte Demokratie kennt nur Bürger, die alle gleichermaßen frei und politisch bedeutungsvoll gehalten werden müssen.

Gewählte Berufspolitiker sind aus demokratischer Sicht Menschen und Mitbürger, denen wir verdammt viel Verantwortung aufbürden. – Und denen wir durch geeignete politische Institutionen helfen müssen, damit sie überhaupt den Fokus auf uns alle haben können. Damit sie ihn behalten können. Damit sie ihn jederzeit wiedergewinnen können.

Diese Hilfe können Parteien nicht bieten. Sie fokussieren Politiker per definitionem auf Klientelpolitik, auf Interessenpolitik, auf Gegensätze, statt auf politische Integration, auf die Bürgerschaft und das demokratische Gemeinwesen.

Eine bessere politische Atmosphäre, eine andere politische Kultur

Eine Institution, die wir derzeit noch kaum haben, die genau das aber leisten würde: Fokussierung gewählter Politiker auf uns alle als gleichwertig Mitbürger und damit auf das Gemeinwohl, wären geloste Bürgerparlamente auf allen politischen Ebenen, denen gegenüber sich Berufspolitiker in ihren Entscheidungen auch tagespolitisch verantworten müssen.

Solche Bürgerparlamente sind wirklich repräsentativ, denn sie wählen nach Zufall, nicht nach gesellschaftlichen Privilegien. Sie sind verständnisfördernd, weil direkter Austausch untereinander möglich ist, so dass die Lebenssituation von Bürgern in ganz anderen Lebenslagen als der eigenen nachvollzogen werden kann.

Verantworten sich gewählte Berufspolitikern solchen repräsentativen Bürgerparlamenten und nicht den hochselektiven und konflikttriggernden Parteienparlamenten, die wir derzeit haben, wird eine ganz andere politische Atmosphäre in der Gesellschaft möglich.

Dadurch steigt nicht nur das allgemeine Interesse an Politik (weil jeder jederzeit ausgelost werden könnte), es holt nicht nur diejenigen aktiv in die politischen Beratungs- und Entscheidungsprozesse, die die Politik aus guten Gründen als Quelle von Hoffnung aufgegeben haben, es sorgt vor allem dafür, dass sich Politik sachorientiert ausrichten kann.

Also dafür, dass das ständige unproduktive Hickhack, der uns allen auf die Nerven geht und uns von Politik entfremdet, weil sie uns in dieser Form zurecht anekelt und abstößt, zugunsten einer dialog- und verstehensorientierten politischen Kultur aufgelöst wird.

Zugunsten einer Kultur, die niemanden ausschließt. Einer politischen Kultur, die sich wirklich demokratisch nennen kann. Und das mit begründetem Stolz darauf, dass eine solche politische Kultur eine echte Leistung ist. Eine Leistung, die wir alle gemeinsam erbringen zu unserem Besten und zum Besten unseres Gemeinwesens.

 

Warum wir alle, wirklich alle Bürger in einer aktiven politischen Rolle brauchen

Das hier adressierte Problem finden wir bei Hannah Arendt bereits sehr gut skizziert. Sie spricht in ihren posthum unter dem Titel „Was ist Politik?“ veröffentlichten Aufsätzen von „Multiperspektivität“.

Anders als es die Philosophie bevorzugt, erkennt Politik an, dass „die politische Wahrheit“ nur durch den Beitrag aller in ihrer Besonderheit zustande kommen kann.

Politik nutzt also unsere Verschiedenheit: Unsere verschiedene Lebensführung, Erfahrungen, Neigungen und Haltungen, um sie durch eine Setzung von Gleichwertigkeit und freiem, ungehindertem Austausch über diese Verschiedenheit gezielt zusammen zu führen.

Streng genommen können wir daher sagen, dass überhaupt kein politischer Raum entsteht, wenn Menschen mit ihrer Lebenssituation, Erfahrungen und Sichtweisen im politischen Raum nicht vertreten sind. Menschen, mit denen wir faktisch in einer Gesellschaft zusammen leben. Denn faktisch zusammenleben bedeutet, dass es in unserem „außerpolitischen“ Alltag unzählige wechselseitige Beeinflussungen und Abhängigkeiten gibt:

Was Du tust und lässt, hat eine Wirkung darauf, was ich tun und lassen kann (also welche Handlungsoptionen sich mir überhaupt bieten). Und was ich tun und lasse, hat eine Wirkung darauf, was Du tun und lassen kannst (auf die Handlungsoptionen, die sich Dir bieten).

Wenn trotz dieser allgemeinen menschlichen Interdependenz in einer Gesellschaft manche Menschen mit ihren Besonderheiten im Politischen Raum nicht vorkommen, so bedeutet das nichts anderes als dass eine Gesellschaft über sich selbst politisch „unterinformiert“ ist.

Es kann noch so viel kommuniziert werden, es kann auch noch so viel ÜBER diese Menschen kommuniziert werden, solange nicht ausnahmslos alle Bürger eine exakt gleich gewichtige Stimme im politischen Beratungs- und Entscheidungsprozess über staatliche Maßnahmen und Gesetzesänderungen haben, gibt es eigentlich gar keine „Politik“, zumindest nicht im Arendt’schen Sinne.

Was es dann stattdessen gibt, ist: Herrschaft. Fremdbestimmung. – Beides kann verkappt sein und unter schönen Worten verschleiert, aber „von der Sache her“ gibt es in einer Gesellschaft, die keine aktive Vollinklusion aller Bürger institutionalisiert hat, keinen politischen Raum, keine Agora, kein Forum.

Und „Demokratie“ gibt es in so einer Gesellschaft schon gleich zweimal nicht.

Die Menschen, die derzeit in unserer Gesellschaft keine wirksame politische Stimme haben: Sie fehlen uns allen.

Anders als wir oft denken, haben wir rein gar nichts davon, dass bestimmte Gruppen von der aktiven Politik faktisch ausgeschlossen sind. Politik ist kein Spiel, in dem es um „Gewinnen und Verlieren“ geht, in dem es um die Vergrößerung des eigenen Einfluss auf die allgemeine Gesetzgebung und die staatliche Exekutive geht, auf Kosten des Einflusses anderer Mitbürger.

Wäre dem so, dann könnten wir uns in der Tat daran freuen: Dass wir so vermögend, so studiert, so rhetorisch geübt, so privilegiert sind. Jeder Bürger, der NICHT mitredet, der den Raum des Politischen gar nicht erst betritt, würde unseren Einfluss dann stärken. Um so besser für uns! – „Politik“ wird dann vorgestellt wie eine endliche, materielle Größe. Z.B. wie ein „Kuchen“, der aufgeteilt wird. Da hat dann der eine immer mehr, was der andere weniger hat. Unsere merkwürdigen „Tortendiagramme“ an Wahlabenden könnte man von daher genauso hinterfragen wie das vermeintlich ewige Prinzip der „Parteibildung“.

Aber das ist ein Irrweg. Diese Ansicht ist eine völlige Verkennung des Raum des Politischen, genauso wie eine völlige Verkennung davon, was „Demokratie“ bedeutet.

Wir leben in einer Gesellschaft zusammen. Auf Gedeih und Verderb. Und wenn Menschen, mit denen wir faktisch zusammen leben und mit denen wir über unsere Lebensvollzüge faktisch engstens verbunden sind, in der Politik keine institutionell garantierte Stimme haben, dann ist das zu unser aller Nachteil. Mit jedem Menschen, der nicht teilnimmt, wird der Raum des Politischen für uns alle kleiner. Arendt fasst das sehr klar, indem sie betont, dass in einer Tyrannis nicht nur kein Raum des Politischen besteht, sondern dass auch der Tyrann selbst – entgegen dem Anschein und der heute immer noch verbreiteten Meinung – unfrei ist.

Das Gleiche gilt heute für Menschen, die durch ihr Vermögen oder andere individuelle Größen von unseren Institutionen politisch privilegiert werden. – Auch sie werden durch ihr Privileg und den damit gekoppelten Ausschluss anderer Menschen aus dem politischen Raum unfrei. Auch und vor allem in ihrem Alltag. Derzeit politisch überprivilegierte Menschen brauchen den Raum des Politischen mit seiner gesetzten Gleichheit und Freiheit aller Mitbürger als Mitbürger ganz genauso wie ihn derzeit politisch unterprivilegierte Menschen brauchen. Was auch immer wir für gesellschaftliche Privilegien im außerpolitischen Raum genießen mögen: Im Raum des Politischen, in der Begegnung von Menschen als Bürger, haben Privilegien nichts verloren. Denn politische Privilegien zerstören den Raum des Politischen unweigerlich. Kein Bürger kann mehr und einfacheren Zugang zum Raum des Politischen haben als andere Bürger, ohne dass dieser Raum genau dadurch kollabieren und sich auflösen würde.

Und die ebenso unweigerliche Folge ist: Dadurch werden alle zugleich unfreier. Gleichermaßen unfreier.

Viele unserer heutigen Probleme, politischer wie alltäglicher, sind mittelbare Effekte davon, dass große Teile unserer Mitbürger faktisch von politischem Mitreden und politischem Mitbestimmen ausgeschlossen sind.

Unsere Politik ist unterinformiert. Über unlösbare Probleme dürfen wir uns da nicht wundern. Weder in der Politik, noch in unserem Alltag.

Erst vollständige politische Integration, erst vollständig ausgebildete Demokratie macht ein sinnvolles, effektives und verbindendes Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst möglich.

Und dieses auf Dauer gestellte Gespräch ist, in der Tat, ist die Funktion und der Sinn von Politik.

Und wir sind – wenn ich mich nicht täusche – gerade auf dem Weg dahin. Wir sind noch nicht da. Wir haben mehr eine Art „Prä-Demokratie“ als eine echte Demokratie. Aber es steht uns offen, gemeinsam eine echte Demokratie hervorzubringen. Also eine Gesellschaft, in der der Raum des Politischen wieder eine echte Würde hat. In der politische Mitbestimmung mehr allgemeine Bürgerpflicht als ein Privileg für wenige Einzelne ist, die uns „repräsentieren“ sollen, die das aber bei unserer Vielschichtigkeit und Verschiedenartigkeit gar nicht können.

Unsere derzeitigen politischen Institutionen überfordern also die von uns gewählten Berufspolitiker drastisch. Uns sie unterfordern uns selbst, uns alle gemeinsam als Bürger, ebenso drastisch.

Es wird Zeit, dass wir annehmen, dass wir unsere politische Verantwortung gar nicht „wegdelegieren“ können. Dass nur wir für uns sprechen können im Raum des Politischen. Und dass wir daher auch nicht dulden können, dass unsere Mitbürger nicht mitreden und mitentscheiden können oder wollen.

Keiner von ihnen darf unpolitisch bleiben, wenn wir wirklich Politik, wenn wir wirklich Demokratie wollen. Wir brauchen sie alle. Wir brauchen uns alle im Raum der Politik. Als Aktive. Jeder kann etwas zur Politik beitragen. Und daher muss jeder zur Politik beitragen. Seine Lebenserfahrungen, seine Wünsche, seine Perspektiven. Nicht als Teil einer „Partei“. Sondern als er selbst. Als Bürger.

 

#NewWork: Eine Abrechnung mit zwei externen Effekten

Mit dem folgendne Artikel versuche ich mir selber zu erklären, warum ich seit einiger Zeit innerlich so genervt auf das Meiste reagiere, was ich aus dem NewWork-Umfeld lese oder höre.

Im Grunde ist es denke ich ganz einfach: Ich bin mittlerweile der Meinung, dass man sich das allerallermeiste, was wir da machen, tun und denken, ganz einfach sparen könnten, wenn wir zwei externe Effekte von Unternehmertum fixen. Das also tausenderlei Aktvitäten, Begriffe, Konzepte, Bücher, Vorträge, Maßnahmen etc. schlicht und einfach unnötig und überflüssig wären, wenn wir diese zwei Effekte in den Blick nehmen und dafür gemeinsam Lösungen entwickeln würden:

1.) Die gut begründete Angst der Arbeitnehmer vor Arbeitslosigkeit – An diesem Thema arbeite ich beinahe täglich mit sehr verschiedenen Kunden. Und ich denke daher, ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich behaupte, dass diese Angst in einem absurden Ausmaß verbreitet ist in unserer Gesellschaft. Diese Angst ist subtil, und auch Menschen haben sie, von denen man es von außen niemals vermuten würde. Sie bringt uns dazu, uns völlig irrational zu verhalten, vor allem aber unfrei und gehemmt. Sie bringt uns dazu zu schweigen, sie bringt uns dazu, unsere Arbeitskraft Unternehmen zur Verfügung zu stellen, die uns nicht verdient haben, sie bringt uns dazu, am falschen Ort zu bleiben und uns falsche Arbeitsorte zu suchen. Diese Angst sorgt dafür, dass wir keine eigenen Unternehmen gründen. Diese Angst sorgt dafür, dass wir uns unterordnen. Diese Angst wird selten laut und offen ausgesprochen, und wenn, dann zwischen den Zeilen, durch die Blume.

2.) Die Entfremdung der allermeisten Investoren und Unternehmenseigner von ihren eigenen Unternehmen – Also der Umstand, dass die allermeisten Investoren und Eigner von Unternehmen gar kein echtes oder kein nachhaltiges Interesse daran haben, was aus „ihrem“ Unternehmen wird und ob es wirklich irgendeinen Kundennutzen generiert. Es geht allein darum, mit dem Unternehmen einen Reibach zu machen. Es geht um den Shareholder Value und seine möglichst zügige Maximierung. Es geht für sie nicht um qualitativ gute + dabei für Kunden bezahlbare Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens. Für viel zu viele Investoren ist das Unternehmen selbst „das Produkt“, aus dem es möglichst viel herauszuholen gilt: Indem der nächste Investor/Eigner davon überzeugt wird, dass man da noch viel mehr rausholen kann an Shareholder Value, so dass er es ihnen abkauft.

Ich glaube also, dass wir in einer Gesellschaft, in der Mitarbeiter nicht mit Kündigung bedroht werden können, weil Arbeitslosigkeit kein Drohpotential für sie hat, und in der Investoren ein anhaltendes, echtes Interesse an Unternehmen entwickeln können, in der also der Satz „Eigentum verpflichtet“ wieder eine echte emotionale und praktische Bedeutung hat, beinahe sämtliche Unternehmensinternen Probleme wie folgt lösen würden:

Wir würden, wenn irgendeinem von uns so ein Problem auffällt, uns einfach mit den direkt Betroffenen und Beitragen-Könnenden zusammensetzen und dann würden wir dieses Problem einfach lösen. Völlig ohne Tools, Konzepte, und Trara aus den NewWork-Bereich. „So wie früher“, in der goldenen Zeit vor den 1980er-Jahren, als Shareholder-Value-Fixierung und Angst vor Arbeitslosigkeit gesellschaftliche Institutionen wurden. Reden Sie einfach mal mit älteren Menschen über dieses Thema, also mit Menschen, die diese Zeit noch als Arbeitnehmer erlebt haben. Dann werden Sie sehr schnell und einfach verstehen, was ich meine.

Natürlich würde es auch nach der Beseitigung von Arbeitnehmer-Angst und Investoren-Entfremdung noch Konflikte und Uneinigkeit in Unternehmen geben. Aber unternehmensinterne Probleme hätten niemals nicht jene völlige Unlösbarkeit und Verfahrenheit, die sie heute in den allermeisten Unternehmen haben. Denn hinter den vermeintlichen Sachproblemen in Unternehmen stecken so gut wie immer Machtprobleme, Statusprobleme, Hierarchieprobleme, Angstprobleme, die die zwischenmenschliche unternehmensinterne Kommunikation empfindlich stören. Und das ist noch freundlich ausgedrückt. „Unmöglich machen“ trifft es in vielen Fällen deutlich besser. Unsere Unternehmen leiden an drastischen Kommunikationsblockaden, die systematisch verhindern, dass in ihnen die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Weise über die richtigen Dinge miteinander sprechen und entscheiden. Und wenn ich hier von „richtig“ spreche, dann kann ich ebensogut „natürlich“ dafür einsetzen. Denn es wäre ganz einfach völlig natürlich für uns, wenn wir die beiden Kommunikationsverzerrungs- und Machtungleichheitseffekte nicht hätten, die viele unserer Unternehmen zu ausgewachsenen Vorhöllen auf Erden machen.

Beide genannten externen Effekte sind aber nun erkennbar keine „Zusammenarbeitsprobleme“, sondern Probleme, die in den Bereich politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen fallen.

Und das heißt: Wollen wir in unseren Unternehmen eine sinnvolle Zusammenarbeit bekommen, kooperativ und mit gemeinsamem Blick auf den Kundennutzen, den wir hier gemeinsam generieren können, dann müssen wir nicht in „NewWork“ machen, sondern dann müssen wir uns politisch engagieren.

Warum das bei vielen, die in NewWork, Agilität, Beta-Kodex, Augenhöhe, Management 3.0, Spiral Dynamics und Co. machen, nicht der Schluss ist, den sie aus der dauerhaft gering bleibenden Verbreitung ihrer wunderbaren Ansätze ziehen, darüber kann ich nur spekulieren. Eigentlich müsste einem auffallen, dass es kaum Ansteckungseffekte gibt. Und das, obwohl Unternehmen mit tollen Ansätzen sowohl wirtschaftlich als auch menschlich in vielen Fällen ganz offensichtlich besser laufen als ihre traditionellen Unternehmens-Geschwister. Einige Unternehmen aus dem NewWork-Umfeld sind seit Jahren Marktführer in ihrem Bereich. – Wenn all das trotz seiner offensichtlichen, hochattraktiven Vorteile nicht ausbreitet, sondern Nische und Insel der Seligen in einem Meer aus unternehmerischer Trostlosigkeit bleibt, müssten wir eigentlich irgendwann misstrauisch werden und anfangen, uns nach dem Warum der fehlenden Ausbreitung zu fragen…

Eine naheligende, bösartige Vermutung angesichts des Nicht-Fragens ist natürlich: Für viele von uns ist „NewWork“ ein Business Modell. Und das hieße, dass wir genau davon leben, dass die Probleme in Unternehmen bestehen bleiben. Wir würden durch die institutionelle Beseitigung der Angst vor Arbeitslosigkeit und bei institutioneller Einführung von Impact Investing selbst arbeitslos. Es bräuchte uns nicht mehr. Die Mitarbeiter von Unternehmen würden von ganz allein deutlich bessere Lösungen und Wege finden als wir als externe Berater, Bücherschreiber und Vortragsredner sie jemals finden können. Wir sind Parasiten unserer Nicht-Lösung der Probleme, an deren Lösung wir nur vermeintlich arbeiten, auf die wir aber in Wirklichkeit angewiesen sind.

Diese Unterstellung trifft mich mit. Denn auch über mein Business als Coach kann man ganz genau das Gleiche sagen: Bessere politisch-rechtliche Rahmenbedingungen rund um Unternehmen, die es Unternehmen ermöglichen, intern bessere Strukturen auszubilden, würden einen Großteil des Coaching-Bedarfs, mit dem ich beauftragt werde, gar nicht erst entstehen lassen.

Mich schreckt das nicht. Denn ich würde sagen: Wenn das nicht mehr sinnvoll ist, was ich tue, „dann mach ich halt was anderes“. – Und genau das Gleiche unterstelle ich all den anderen NewWork-Evangelisten auch. Ich glaube nicht, dass Menschen bösartig sind und anderen Menschen zum eigenen Vorteil schaden wollen.

Und, so viel muss festgehalten sein, in den bestehenden Strukturen ist vieles von dem, was unter dem Label „NewWork“ läuft, etwas, das den Menschen das Leben und Arbeiten in Unternehmen tatsächlich leichter oder überhaupt erst erträglich macht. „Erste Hilfe“ sozusagen. Oder „Unmittelbare Schadensabwehr“.

Das ändert aber nichts daran, dass die beiden oben ausgeführten strukturellen Ursachen für viele überflüssige Probleme in unseren Unternehmen im NewWork-Kontext nicht thematisiert, sondern ausgeblendet werden. Und das ist dann doch recht erstaunlich bei Menschen, denen man ohne viel Blauäugigkeit einen echten Wunsch nach dauerhaft guter und sinnvoller Zusammenarbeit in Unternehmen unterstellen darf.

Auch dass es kognitiv zu schwer zu erfassen sei, wo der Zusammenhang liegt, erscheint mir aufgrund der Einfachheit des Zusammenhangs völlig absurd. Viele Menschen im NewWork-Kontext sind im systemischen Denken geschult und unterscheiden beinahe schon gewohnheitsmäßig Spiel und Spielzüge, Rahmenbedinungen von menschlichem Verhalten und das menschliche Verhalten selbst.

Manchmal kommt es mir so vor, als sei ich selber trotz aller akademischer Verbildetheit einfach immer noch zu sehr „Unterschicht“, zu sehr „Kleinbürgertum“, um diesen ganzen NewWork-Bohei und die jeweils neueste Begriffs-Mode darin schick und spannend finden zu könnne. Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin eben einfach immer noch zu sehr Philosoph, um über Verstöße gegen Ockhams Rasiermesser einfach mal eben hinwegzugehen. Aber beides glaube ich nicht wirklich.

Eher glaube ich, dass ich einfach wirkliche Veränderung will und allzudeutlich vor Augen habe, dass sich die über NewWork-Ansätze niemals nicht auf breiter Flur in der Unternehmensrealität einstellen wird. Dass es sich bei diesen Ansätzen um Symptombehandlungen handelt, aber eben nicht um Behandlungen dessen, woran unser gemeinsames Unternehmertum eigentlich krankt: Die Mitarbeiter haben Angst vor Kündigung. Die Manager sind Investoren hörig, die sich nicht wirklich für Mitarbeiter, Kunden, Dienstleister und gesellschaftliche Umwelt des Unternehmens interessieren. Für die Investoren sind all das nur „externe Effekte“ der Generierung von shareholder value – und damit weitgehend uninteressant und unerheblich für ihre Investitionsentscheidungen.

Und Manager, die von solchen Investoren jederzeit mit einem Fingerschnippen entlassen werden können, haben dann halt einfach den gleichen Fokus auf „shareholder-value first“. Für sie sind nicht die Kunden die Kunden des Unternehmens. Für sie sind die Investoren die Kunden. Und dass es da zwingend Überlappungen gibt, ist eine sehr weltfremde BWL-Theorie-Annahme. Denn wenn Manager auf eigene Rechnung sinnvoller und nachhaltiger entscheiden (Kundennutzen first! Mitarbeiter zu gefühlten Mitunternehmern!), dann haben sie eine beobachtbar eine geringe Halbwertszeit in Unternehmen, die von desinteressierten Investoren besessen werden. „Da kann man mehr rausholen“ zermürbt auf die Dauer auch noch den wohlwollendsten Manager. Nicht obwohl, sondern weil solch ein Manager das nachhaltige Unternehmenswohl mehr am Herzen liegt als seinen Chefs, den Investoren, sitzt er auf einem Schleudersitz. Denn die agieren im „Nach-uns-die-Sintflut“-Modus. Für sie ist ein auf nachhaltigen Erfolg achtender Geschäftsführer ein Hemmschuh, ein Blockierer all der möglichen Bilanzaufhübschungs-Aktionen, mit denen man kurzfristig unternehmerischen Erfolg vortäuschen kann.

Wenn ich mir also die Frage stelle, warum ich über die Jahre im NewWork-Umfeld so wenig Resonanz gefunden habe mit meinen Hinweisen auf die beiden externen Effekte, die systematisch verhindern, dass sich in Unternehmen gute Zusammenarbeit herausbilden und erhalten kann, – und das, obwohl viele Menschen in der NewWork-Szene nach meiner eigenen Einschätzung ausgeglichener, intelligenter und auch wesentlich Business-erfahrener sind als ich selber – , dann komme ich zur Zeit nur auf folgende Vermutung:

Es ist den meisten zu bedrohlich oder zu unangenehm oder zu aussichtslos, sich zusätzlich zu ihrem unternehmensinternen Engagement nebenher auch noch politisch zu engagieren. Sie sehen für sich keine Rolle als Bürger eines demokratischen Gemeinwesens, in dem wir alle gemeinsam uns unsere Gesetze geben. Gesetze, die darüber bestimmen, was unternehmerisch möglich und was unternehmerisch unmöglich ist. Gesetze, mit denen wir uns selbst einen sinnvollen Rahmen setzen. Gesellschaftliche Selbststeuerung. Gesellschaftliche Selbstbeherrschung. Auch im großen Ganzen der Gesellschaft. Und genau das können wir dann eben „Demokratie“ nennen. Politisch sind BEIDE externen Effekte durchaus fixbar. Unternehmensintern sind die beiden externen Effekte nur erlebbar und erleidbar.

Gebeutelte, täglich mit Symptomen kämpfende Mitarbeiter, Manager und Berater haben allerdings kaum noch die Kraft, auch noch „in ihrer Freizeit“ ein nennenswertes politisches Engagement aufzubringen. Ja, man könnte aus politischem Engagement fast schon eine halbe Abmahnung stricken: Wenn man noch die Kraft hat, sich nebenher auch noch für politische Systemveränderungen einzusetzen, „dann hat man ja nicht alles für sein Unternehmen gegeben“. – Und dann gibt es da ja angeblich auch noch sowas wie Familie und Freunde und das Bedürfnis, auch mal was ganz für sich allein zu machen. Von Schlaf und Erholung ganz zu schweigen.

Dass man also neben seinem unternehmerischen Engagement und seinem Wunsch nach einem erfüllten Privatleben finden kann, dass es einfach zu viel ist, sich auch noch politisch zu engagieren – Das kann ich ehrlich gesagt recht gut nachvollziehen.

Der psychologische Effekt dieses Überfordert-Seins von der Notwendigkeit demokratischen Engagements „on top“ ist allerdings: Was man nicht ändern kann, und sei es deswegen, weil es einem menschlich einfach zu viel ist, das blendet man sinnvollerweise konsequent aus. „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann…“ usw.

Denn da ständig hinzuschauen, wo die Probleme sind, ohne dafür zu handeln, das verursacht menschlich betrachtet unnötiges Leiden.

Verdrängung kann uns vor viel persönlichem Leid bewahren. Vor politischem Leid allerdings weniger.