Neulich war es dann mal wieder soweit: Eine Frau bei mir im Coaching beklagte sich darüber, dass in Deutschland kaum richtig geflirtet würde. Die Männer drehten immer gleich den Kopf weg. Sie habe das z.B. in Australien ganz anders erlebt. Da würde man angesprochen, auf charmante, respektvolle Art und könne es sich als Frau dann überlegen, ob man auf das Angebot eingehen möchte und dem Typen (die richtige) Telefonnummer gibt. Zudem seien die Männer dort in der Lage, mit einem Nein gut umzugehen.

Ähnliches habe ich immer wieder mal gehört. Und zuletzt z.B. hier gelesen. Berühren tut mich das eigentlich nur, weil ich aus purer Neugier mal in die Machwerke von ein paar erklärten Maskulisten reingeschaut habe, und man dann dort so Sachen findet wie: „Schau ihr in die Augen, Kleiner“. Mit der Begründung: „Der Blick ist die erste Berührung. Wer die Initiative hat [und das hat natürlich in der Welt der Maskulisten ganz unbedingt der Mann zu sein] muss hinschauen und damit demonstrieren, dass er keine Berührungsängste hat, dass er jederzeit Herr der Lage ist und dass er bereit ist, die Führung zu übernehmen. Von Anfang an. Und dann für immer.“

Nun weiß ich aus recht umfassender Erfahrung heraus, dass die allermeisten Maskulisten als Menschen arme Würstchen sind, die auf traditionelle-allzu-traditionelle Weise den alten Pfad der Männlichkeit zu beschreiten versuchen, auf dem noch das Grönemeyer-Motto gilt: „Außen hart – und innen ganz weich“. Wie man in Gesprächen mit vielen Frauen jenseits der 40 zu hören kriegt, machen die Frauen dieser unserer schönen Welt sehr wertstabile Erfahrungen mit jenen vermeintlich dominanten, erfolgreichen, starken, souveränen Männern. Und zwar dann, wenn es um ein längeres, intimeres Zusammensein geht, zu dem möglicherweise auch Dinge wie Zusammenziehen oder gemeinsam Kinder beim Wachsen Begleiten gehören. Viel Verzweiflung und Wut über den windelweichen, sich völlig aus der Verantwortung stehlenden und innerlich völlig haltlos-leeren Mann darf man dann mitbekommen. So dass man fast geneigt sein könnte zu sagen: „Männer sind wie Luftballons: Du siehst sie aus der Ferne knallbunt leuchten, sie wirken schön rund und prall, voller ungebremstem unerschütterlichem Leben, und sie streben immer nach oben. Aber wehe, Du kommst ihnen nahe oder das wahre Alltagsleben berührt sie auch nur mit der allerwinzigsten Spitze, denn dann…!“

Aber haben diese Maskulisten nicht in gerade diesem einen Punkt recht? – Sind Blicke nicht auch schon Berührungen? Zumindest nach meinem Empfinden ist das so.

Für mich ist Deutschland tatsächlich ein sehr berührungsarmes, kontaktarmes Land. Es gibt zwar Berührungen. Aber viele sind eher unangenehm, manchmal sogar eher schmerzhaft. Es scheint eine allgemeine „Berührungsungeschicklichkeit“ zu geben. So als sei aus der Unüblichkeit eben einfach eine Ungeübtheit hervorgegangen, die dazu führt, dass echte Begegnungen, direkter Kontakt, dann, wenn er doch mal zustande kommt, eher unangenehm für beide Seiten ausfällt. – Und das bestätigt dann wieder das kulturelle Vorurteil, dass echter Kontakt besser zu vermeiden sei. Weil: Ist ja nix Schönes.

Bekanntlich besteht mein Lebensunterhalt zu einem nicht ganz kleinen Teil auch daraus, dass ich Menschen auf Kontaktanbahnungen im beruflichen Kontext vorbereite. Also: „Wie spreche ich Unternehmen an“ (genauer: Menschen in Unternehmen an). Oder: „wie verhalte ich mich im Vorstellungsgespräch“ (besser: wie gestalte ich Kennenlerngespräche für mich selber befriedigend).

Ich habe also mit dem Thema Kontakt, Begegnung, Kontaktaufnahme, beruflicher Flirt den lieben langen Tag zu tun.

Und darf von daher sagen: Es wird auf alles Mögliche geachtet und alles Mögliche in Frage gestellt. Aber nicht auf das Banalste der Welt: Darauf, dass es eben auch beim Zusammenkommen mit Unternehmen um eine Art Flirten geht. Und daher vor allem menschlich-allzumenschliche Qualitäten gefragt sind. Noch vor aller Erfahrung, aller Kompetenz, allen Fähigkeiten und allem zertifiziert-bezeugtem-Papier-ist-geduldig-Kram.

Bewerber legen vor sogenannten „Vorstellungsgesprächen“ ihren natürlichen Charme, ihre natürlichen Fähigkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und „anzudocken“ geradezu künstlich ab. Sie verbieten sich das. Und sie gebieten sich: „Professionalität“ und krankhaft-ängstliches Fettnäpfchen-Vermeidungs-Verhalten. Was natürlich für die Lockerheit, die man beim Flirten benötigt, super produktiv ist.

Unternehmensvertreter legen bei solchen Gelegenheiten zum wechselseitigen Kennenlernen dagegen oft ein Verhalten an den Tag, das im Privaten dazu führen würde, dass das Gespräch wohl sehr kurz ausfallen würde. Wenn man auf diese Weise nicht sogar riskieren würde, die eine oder andere Ohrfeige oder das klassische Glas Wasser ins Gesicht zu bekommen (das sind auch Formen des Kontakts und des unmittelbaren Feedbacks). – Anstatt ganz bewusst eine angenehme, lockere Gesprächsatmosphäre mitzukreieren, in der beide Seiten sich öffnen können und viel mehr voneinander mitkriegen würden und viel weniger „die Katze im Sack kaufen“ müssten, beuten Unternehmen das häufig vorhandene Machtgefälle aus und bauen im Gespräch performativ Hierarchie und Druck auf. Frei nach dem Motto: „Deutschland sucht den Super-Bewerber“ (DSDSB).

Das ist unproduktiv. Und es hilft keiner von beiden Seiten, eine gute Partnerschaft zu begründen, indem man auf schnelle, effiziente und wirksame Weise herausfindet, ob man wirklich zusammenpasst, ob man sich wechselseitig weiterhilft, ob hier eine berufliche Partnerschaft wirklich das vielzitierte Win-Win bedeuten würde.

Wir haben offensichtlich Angst vor echtem Kontakt und vor Berührungen. Anscheinend: Weil wir damit bisher eben kaum gute Erfahrungen gemacht haben.

Vieles, was unter „Kontaktanbahnung“ oder „Begegnung“ läuft, kommt zumindest mir eher vor wie „systematisches Rumgeeier“, „frustvolles Um-den-heißen-Brei-Herumgelaber“ und „gezielte Kontaktvermeidung, während man sich gemeinsam in einem Raum aufhält“.

Eine wenig geschmeidige Gesellschaft ist das. Eine Gesellschaft, die weder Selbstempathie, noch ein Gefühl für den Anderen kultiviert; und schon gleich gar nicht ein offenes Reden über das, was einen wirklich interessiert, wirklich beschäftigt, was man wirklich empfindet, was man wirklich braucht, oder auch: was gerade einfach offensichtlich ist, und was nicht besser wird, wenn es nicht einfach eindeutig ausgesprochen wird. Man muss dabei ja nicht uncharmant werden.

Überhaupt scheint ein Vorurteil zu grassieren, demzufolge „Dinge ansprechen“ und „In gutem Kontakt sein“ Gegensätze sind. – Ich erlebe das genau andersherum: Ich kann nur dann mit einem anderen Menschen in gutem Kontakt sein, wenn ich regelmäßig Dinge anspreche, die eben angesprochen gehören.

Wie kommt dieser seltsame Gegensatz dann denn überhaupt zustande? Wie kann er solche Verbreitung finden?

Und ich lande wieder beim Gleichen: Wer nicht gelernt hat, guten Kontakt zu anderen Menschen herzustellen, wer nicht „die Gleitmittel des Zwischenmenschlichen“ kennt, der tut sich einfach schwer, Dinge anzusprechen, die angesprochen gehören. Für den wird „Dinge ansprechen“ und „guter Kontakt“ zu einem Gegensatz. – Dass das, was man dann anfängt „guter Kontakt“ zu nennen, eigentlich eine Art Nebeneinander-Herleben-während-man-versucht-sich-so-wenig-wie-möglich-zu-berühren ist, das taucht dann nach einer Weile gar nicht mehr im eigenen Horizont auf.

Die Bedeutung von „Kontakt“ wird schon nach wenigen Wochen systematischer Kontaktvermeidung „umgewertet“. Es bedeutet dann so etwas wie Appeasement, falsche Harmonie, Gleichgültigkeit und Desinteresse. Man ist sich physisch nahe, aber es passiert nichts mehr. Weder Schlimmes. Noch Erfüllendes.

Ich will nicht so weit gehen, eine „Schule des Charmant-Seins“ zu fordern. Aber ich frage mich manchmal, ob wir unsere systematisch gepflegte Konaktarmut nicht mal etwas anreichern wollen. Mit echter Begegnung. Mit freundlicher Direktheit. Mit Schweigen-Aufbrechen. Mit Humor. Mit Kontaktvermeidung-einfach-mal-nicht-dulden.

Nur um nicht falsch verstanden zu werden: Ich rede hier nicht einem neuen Machotum das Wort. Denn erstens ist es mir dabei völlig wurscht, welchem Geschlecht sich ein Mensch zugehörig fühlt, der das praktiziert. Und zum anderen geht es für mich eben gerade nicht um „Dominanz“ oder „Unterwerfung“ oder „Führung“ dabei. Sondern schlicht und einfach um echte Begegnung zwischen Menschen, „bei der richtig was passiert“.

Und das hat halt einfach immer was mit Emotionen zu tun. Ohne das Sich-Einlassen auf die Verletzlichkeit, die mit Gefühlen einhergeht, werden wir mitten im größten materiellen Reichtum auf immer in Kontaktarmut sterben. Und schlimmer noch: In Kontaktarmut leben.

Und das, obwohl wir an einer reich gedeckten Tafel sitzen, an der wir uns jederzeit bedienen könnten.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Kontaktarmut

Comments are now closed.