In meinem vorausgegangenen Artikel hier auf wyriwif habe ich versucht, die Sichtweise plausibel erscheinen zu lassen, dass unser Streben nach Status ein Streben nach Sicherheit und Unverletzlichkeit ist.

Dabei habe ich viel unterschlagen. Unter anderem habe ich unterschlagen, dass auch das Streben nach Tiefstatus-Positionen in unserer Gesellschaft exakt den gleichen Zweck für die Menschen erfüllt, die ihm nachgehen. Auch das Sich-Einrichten in Tiefstatus ist ein Selbstschutzverhalten. Das sprichwörtliche „Sich-Wegducken“. Mit all seinen fatalen Folgen für einen selbst und für die Mitmenschen, die uns etwas bedeuten.

Wichtiger ist aber vielleicht, dass es auf das gleiche Bedürfnis: Unser Bedürnis danach, nicht verletzt zu werden, andere Antworten gibt. Alternativen, die nichts mit „Status“ zu tun haben.

Der im Text „Hochstatus = Unverletzlichkeit“ am Ende verlinkte Ted-Talk von Brené Brown skizziert eine dieser alternativen Antworten: Eine Kultivierung des „lean in“, eine Kultivierung des Bewusstseins, dass Betäubung uns nicht nur den Schmerz nimmt, sondern auch unser Lustempfinden, unsere Fähigkeit, das Wertvolle, Großartige und Tief-Befriedigende in unserem Leben wahrzunehmen und zu spüren. Das Sich-Einlassen auf den eigenen Alltag. Und auf das, was dort gut ist. Dankbarkeit. Verbundenheit. Zulassen der Möglichkeit von Verlust und Schmerz. Annahme der eigenen Bedürftigkeit und Verletzlichkeit, die direkt gekoppelt ist mit dem, was wir manchmal „Menschlichkeit“ und „Humor“ nennen.

Das ist eine indviduelle Lösung. Und jeder von uns kann jederzeit versuchen, sie zu nutzen. Nichts kann uns diese Lösung nehmen. Sie steht immer zur Verfügung. Sie mag als spirituell oder ethisch gesehen werden, oder einfach auch nur als „gesunder Menschenverstand“ oder „alltägliche Weisheit“. In jedem Fall ist sie das Unverlierbare für uns Menschen, auch wenn wir sie im Alltag eben gerne mal aus den Augen verlieren. Aber unverlierbar ist die Möglichkeit, Dankbarkeit und Alltäglichkeit zu kultivieren dennoch: Denn wir können jederzeit „zu ihr zurückkehren“. Auch nach vielen Jahren des „Verloren-Seins“. Auch nach heftigen Verlusten. Auch nach Traumata. Auch ganz am Ende unseres Lebens. – Die Möglichkeit, sich zu finden ist immer da. Sie steht uns immer offen.

Nicht, weil diese Möglichkeit „nicht genug“ ist, wie Brené Brown sagen würde, sondern weil mehr Möglichkeiten unser Leben bereichern können, möchte ich auf noch zwei weitere Möglichkeiten hinweisen, mit unserem Gefühl, in einer Welt des Mangels und der Not zu leben, umzugehen. Möglichkeiten jenseits der Betäubung durch das Sich-Einbuddeln in Tiefstatus oder betriebsames Hecheln nach Hochstatus. Und zusätzlich zu jener Kultivierung von individueller Dankbarkeit, Verletzlichkeit, Verbundenheit und Humor.

Die eine zusätzliche Möglichkeit, ein entspannteres, weniger getriebenes menschliches Leben, die ich wahrzunehmen glaube, besteht in der bewussten Kultivierung von Beziehungen. Eigenen genauso wie den Beziehungen zwischen Dritten. Es geht um eine Annahme des Umstands, dass wir zutiefst soziale Wesen sind. Dabei brauchen nicht alle von uns die Großgruppe, viele Freunde, eine fixe „Gemeinschaft“ oder ähnliches. – Aber wir alle brauchen gute Beziehungen und das Erleben von guten Beziehungen zwischen anderen. Selbst wenn wir selbst gerade in guten Beziehungen leben, belastet es uns als Menschen extrem, wenn wir häufig und unmittelbar mitbekommen, dass es zwischen Dritten, also auch völlig ohne unsere Beteiligung, „Beziehungsstress“ gibt. Wir sind als Menschen so verbunden, dass wir das nicht abstellen können. Wir können uns davon dissoziieren. Aber damit sind wir wieder bei den Betäubungs-Verhaltensweisen, die ein qualitatives Leben, das noch fühlt und empfindet, was für einen wertvoll ist, automatisch mindert.

Möglicherweise handelt es sich bei dieser „zweiten Möglichkeit“ auch um gar nichts anderes als um das, wovon Brené Brown in ihrem Ted Talk spricht. Mir kommt es allerdings so vor, als ob ihre Worte und Ideen im Kontext unserer derzeitigen Gesellschaft leicht „verrutschen“ können: Eben in Richtung einer individuellen Praxis, in der jeder für sich allein nach Glück strebt. Und das wäre dann eine Fortsetzung des solipsistischen Mythos vom Menschen als asozialem Einzelwesen, der in unserer Modernen Gesellschaft nach wie vor sitzt wie ein Stachel in unserem Fleisch, den wir partout nicht rausziehen wollen.

Vielleicht ist es eben nur die Stärke jenes Mythos, der uns permanent einflüstert „Jeder ist nur für sich selbst verantwortlich“ und „Jeder ist seines Glückes Schmied“, der dazu führt, dass es hilfreich ist, noch einmal eigens zu betonen, dass die Fokussierung von Beziehungen und Verbundenheit unser Sicherheitsgefühl in dieser sonst allzu bedrohlich scheinenden Welt vollauf befriedigen kann. So sehr, dass wir beispielsweise eine natürliche Distanz zu all den Hochstatus-Tiefstatus-Spielchen entwickeln, die unsere Gesellschaft uns derzeit anbietet. – Gelegentlich treffen wir ja solche Menschen: Völlig unabhängig davon, wo sie sich in welcher Hinsicht in den vielen gesellschaftlichen Hierarchien gerade befinden, haben sie eine große Gelassenheit und einen natürlichen Abstand zu ihrem Status und dem Status anderer Menschen. Keins von beiden hindert sie irgendwie, irgendetwas zu tun oder zu lassen. Sie sind „frei“ in der Hinsicht, dass Status sie kaum berührt, sie nicht hypnotisiert und nicht in Schockstarre oder rastlosen Ehrgeiz versetzt. Und nahezu immer haben wir dann Menschen vor uns, die „beziehungsmäßig“ wohlversorgt sind: Sie haben Menschen um sich, von denen sie das Gefühl haben: „Egal, was passiert, ich werde nicht allein sein. Wenn’s ganz dicke kommt, dann ist jemand für mich da. Und zwar auf die gute Art.“

Und dann gibt es da noch die dritte Möglichkeit, Sicherheitsgefühle zu kultivieren, die es unnötig machen, ersatzweise nach verschiedenen Selbst-Betäubungsmitteln Ausschau zu halten, u.a. nach den Mitteln Hochstatus und Tiefstatus.

Dieses dritte Mittel betrifft „die Politik“ und „unsere Demokratie“. Ich gehe davon aus, dass wir in einer Gesellschaft, die die nächsten Schritte in Richtung einer weitergehenden Demokratisierung macht, ebenfalls weniger Stress und mehr unmittelbares Sicherheitsgefühl erleben.

Das hat ebenfalls viel mit sozialen Mechanismen zu tun. Mit dem, was wir als Menschen auf diesem Planeten wechselseitig füreinander tun können. Und dass wir in der Lage sind, entweder die Konkurrenz und die Feindseligkeit zwischen uns zu betonen und zu fokussieren, oder die Kooperation und das, was ich „Bürgerfreundschaft“ nenne.

Ich halte es für ausgemacht, dass wir, um auch auf politischer Ebene ein größeres, unmittelbares Sicherheitsempfinden unter uns zu kultivieren, ganz andere politische Institutionen brauchen als diejenigen, die wir heute haben und die wir manchmal für „alternativlos“ halten. Ich für mich sehe dabei großes Potential im Losverfahren und Bürgerräten, besser noch: Bürgerparlamenten. Und zwar aus zwei Gründen: Weil sie die Politik von Konkurrenz auf Kooperation umpolen. Und weil sei Unmittelbarkeit, Verstehen und Zuhören ermöglichen.

Gerade Letzteres scheint mir ein Manko unserer derzeitigen politischen Verfahren und Institutionen: Sie machen wechselseitiges Zuhören unter uns Bürgern sehr unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich.

Und dass das in der Politik so ist, erzeugt Stress. Systematischen sozialen Stress. Stress in unserer gesamten Gesellschaft, der auch in unserem Alltag seine Kreise zieht. Und der dann unser Stress-Kompensations-Verhalten triggert. Ständig. Zuverlässig. Immer und immer wieder.

Natürlich können wir mit den anderen beiden beschriebenen Praktiken da „dagegen halten“: Wir können individuelle Dankbarkeit kultivieren. Und wir können für uns bewusst gute Beziehungen kultivieren und auch gute Beziehungen zwischen Dritten stiften.

Nur sind das eben alles „private“ Lösungen. Und wenn es stimmt, dass wir Menschen ob wir wollen oder nicht, ob wir das wahrnehmen oder nicht, unweigerlich „politische Wesen“ sind, dann werden diese privaten Lösungen immer etwas unbefriedigendes behalten. Es wird immer ein Stück weit „ein Kampf“ bleiben, sich den Konflikt- und Entfremdungsdynamiken für sich zu entziehen, in denen unsere Gesellschaft dann besteht, wenn unsere politischen Institutionen Konkurrenz und Feindschaft kultivieren, anstatt Kooperation und gute Verbindungen zwischen uns.

Wie gesagt: Wir können uns für das rein Private entscheiden. Für unsere Lösungen, die für uns gut funktionieren. Und wir können so möglicherweise ein wirklich gutes Leben führen. Ein Leben, in dem wir uns „sicher“ fühlen.

Und dann ist es möglicherweise ein paar Versuche wert, zusätzlich, wenn wir unsere privaten Praktiken bereits gefunden haben, auszuprobieren, was im Raum des Politischen möglich ist.

Und wie sich das auf unser alltägliches Leben auswirkt. Also darauf, wie sich unser Alltag für uns anfühlt.

 

 

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