Mein Zugang zum Thema „Status“ speist sich vor allem aus zwei Quellen:

Einmal aus Charlotte Trachts Buch über das Improvisationstheater. Sie schreibt dort sehr schön und in Anlehnung an Paul Watzlawick: „Du kannst nicht ohne Status kommunizieren.“

Sie zitiert dabei auch die 4 Prinzipien des Improvisationstheaters, wie sie von Keith Johnstone, dem „Erfinder“ des Improvisationstheaters vertreten werden. Und eines davon lautet eben:

„Spiele mit Deinem Status!“

Dass wir mit Status spielen können, dass Status also nichts Fixes ist, keine „persönliche Eigenschaft“ und auch nichts, was wir von außen, durch andere oder durch die Gesellschaft „verliehen bekommen“, ist eine spannende Annahme. Um so mehr, als es im Improvisationstheater eine sehr praktische Annahme ist, die unmittelbar ins Handeln überführt wird. Sie ist damit sozusagen eine unmittelbar durchs Handeln bewiesene und plausibilisierte Annahme.

Denn indem wir beim Improvisationstheater schlagartig unsere Statuskommunikation wechseln, machen wir uns bewusst, dass wir das in unserem Alltag auch ständig tun. Nur dort eher unbewusst, „automatisch“. Und oft schauen wir sogar „ganz bewusst“ unbewusst nicht so genau hin, wenn wir oder andere solche willkürliche Wechsel in der Statuskommunikation vornehmen. Vermutlich, weil uns der Gebrauch dieser natürlichen menschlichen Fähigkeit irgendwie ehrenrührig oder unmoralisch vorkommt.

Dass wir unsere soziale und persönliche Wandelbarkeit so negativ bewerten, ist bemerkenswert. Denn eigentlich ermöglicht sie uns gute Kooperation. Man könnte sie – rein theoretisch – also auch sehr positiv bewerten. Denn wie man in allen Impro-Kursen der Welt sehr eindrucksvoll beobachten kann, ist der bewusste Gebrauch dieser Fähigkeit für uns auch einfach sehr lustvoll. Er pustet unser emotionales System gut durch und macht uns freier und entspannter. Und zu dieser schönen individuellen Auswirkung einer aktiver Nutzung unserer natürlichen Wandelbarkeit kommt die viel bessere Verhaltenskopplung und Kooperation hinzu, also ein sozialer, gesellschaftlicher Nutzen, der uns allen obendrauf noch zusätzlich zugute kommt.

Stark macht schwach, schwach macht stark

Die zweite Quelle meines Zugangs zum Thema „Status“ stammt von der amerikanischen Sozialpsychologin Amy Cuddy. In ihrem überaus beeindruckenden Ted Talk behandelt sie das Thema Status von mehreren Seiten. Am wichtigsten für meine eigenen Fragen zur Bedeutung von Status für unser Zusammenleben ist aber genau eine Behauptung, die sie dort trifft: Wir neigen faktisch nicht dazu, Status zu spiegeln, sondern viel eher dazu, uns komplementär zu verhalten. Das heißt: Treffen wir auf Menschen mit Hochstatus-Gebahren, flutschen wir „automatisch“ in Tiefstatus-Verhalten. Und treffen wir auf Menschen mit Tiefstatus-Gebahren, zeigen wir selber reflexhaft Hochstatus-Verhalten.

Das ist insofern nicht ganz unwichtig, weil es erklärt, warum wir glauben, dass Status etwas „natürlich Fixiertes“ ist. Dass es also einfach Menschen gibt, denen von Natur ein hoher gesellschaftlicher Status zukommt. Und gleichzeitig Menschen, denen von Natur ein niedriger gesellschaftlicher Status zukommt. Wenn wir härter formulieren: Die Neigung zu komplemänterer Status-Ergänzung in unserer Kommunikation führt dazu, dass wir anfangen anzunehmen, dass manche Menschen einfach wertvoller sind als andere. – Und diese Annahme vom natürlich unterschiedlichen Wert verschiedener Menschen ist für jede Gesellschaft, die sich als demokratisch versteht, ein ganz gewaltiges Problem. Sie führt zu Exklusion, zu drastischen Ausschlüssen von ökonomischen Ressourcen und politischer Mitbestimmung.

Natürliche, bewegliche Beziehungsdynamiken

Denkt man nun beides zusammen: a) Unsere Fähigkeit, bewusst mit Status zu spielen und b) Unsere Neigung, auf Tiefstatus mit Hochstatus und auf Hochstatus-Verhalten mit Tiefstatus-Verhalten zu reagieren, dann ergibt das in der Beziehungsdynamik ein permanentes, nicht-fixiertes Spiel zwischen uns Menschen, getrieben davon, wer von uns gerade viel Energie und wer von uns gerade wenig Energie zur Verfügung hat.

Wohlgemerkt: Das hat wenig bis nichts mit dem zu tun, wie heute manche „Führung neu zu denken“ versuchen. Denn dort wird immer von „Erfahrung“ oder „Kompetenz“ her gedacht. Bei natürlichen Statusspielen geht es hingegen um nackte, situative Energie und um eine Anerkennung des Umstands, dass jeder von uns sich manchmal stark und manchmal schwach fühlen kann, dass jeder von uns das pegeln kann und dass jeder von uns damit spielen kann. – Und dass das jeweils Wirkungen auf andere Menschen hat. Zumindest in der unmittelbaren, physischen Interaktion, bei der Körperlichkeit und damit auch Körpersprache eine Rolle spielt.

Nach meinem Empfinden liegt in dieser Unmittelbarkeit das Potential für eine sinnvolle und situative Verhaltenskoordination. Eine, die wir sowohl als „natürlich“ als auch als befriedigend erleben – wenn sie eben nicht durch institutionell hergestellte, künstlich fixierte Statuspositionen gestört und verunmöglicht wird. Wir stimmen uns dann unmittelbar, situationsbezogen ab. Keiner muss dabei „immer den Starken spielen“. Und keiner von uns wird künstlich in eine schwache Position gedrückt, obwohl er gerade Energie zur Verfügung hat und viel beitragen könnte. – Vor allem aber bleiben wir dabei gut miteinander in Kontakt. Anders als bei institutionalisiertem Status, der zu systemischen Machtasymmetrien führt, bleiben wir hier „gut miteinander in Beziehung“. Es wird bei Problemen und Konflikten nicht genereller Status mitverhandelt. Sondern es wird nur miteinander ausgemacht, wer von uns gerade mehr Verantwortung übernehmen kann und wer von uns weniger. Und diese „Regelung“ löst sich unmittelbar mit der Situation wieder auf. Aus so banalen Gründen wie dem, dass jemand gerade müde, krank oder verwirrt ist und daher Zeit braucht, um sich zu regenieren.

Ein weiterer Aspekt aus dem Improvisations-Theater passt perfekt dazu: Improtheater lebt von einer zutiefst kooperativen Grundhaltung. Eins der weiteren Prinzipien, die die „Improvisation“ gelingen lassen lautet:

„Sei wohlwollend und inspiriere andere!“

Genauer müsste man vielleicht sagen: „Sei wohlwollend und lasse Dich von anderen inspirieren!“. Diese Haltung ist von einer grundsätzlichen und gesetzten Bejahung des Verhaltens anderer im Improtheater getragen. Negation und Widerspruch sind sozusagen „verboten“. Der Impuls, der vom anderen kommt, wird aufgegriffen und weitergeführt. Dabei kann diese Aufnahme durchaus eine Negation enthalten, aber nur so, dass das gemeinsame „Spiel“ dadurch nicht ins Stocken oder zum Erliegen kommt. Ein Spiel, in dem „die Initiative“ ständig zwischen Personen wechselt. In der es zwar „Führung“ gibt, aber in so natürlichem und ständigem Wechsel, dass es eben keinen Sinn macht, noch von einer „Führungsrolle“ zu sprechen.

Charlotte Tracht schreibt dazu:

„Gewöhnlich sind wir es nicht gewohnt, wohlwollend und inspirierend miteinander umzugehen. Wir lernen schon sehr früh, die „Mitspieler“ in unserem Leben als Konkurrenten zu betrachten, die man nicht inspirieren und gut dastehen lassen, sondern lieber ausstechen sollte. Denn sonst – so unsere Angst – könnten die Mitstreiter uns übertrumpfen und erfolgreicher werden als wir selbst. Wir wiegen uns in der Illusion, dass die Spitze ein Stück näher rückt, wenn wir uns verhalten wie „Schweine“. Dass wir durch dieses geringe Wohlwollen zu einsamen und ungeliebten Schweinen werden, übersehen wir geflisstentlich […]

Gute (Bühnen-)Kommunikation funktioniert nur, wenn die Spieler sich gegenseitig mit Wohlwollen behandeln und inspireiren. Sogenannte „Rampensau“-Impro-Spieler tun das nicht. Sie stürmen stets wie egomanische „Säue“ nach vonre an die „Bühnenrampe“ und bringen einen (meist lauten) Gag nach dem anderen. Leider nehmen sie dabei oft nicht wahr, dass ihre Witze auf Kosten der Geschichte, auf Kosten ihrer Mitspieler und nicht zuletzt auf Kosten des Publikums gehen.“ (Mut zur Improvisation, S. 33ff.)

In Sytemen, die Status zementieren und unsere Interaktionen „nebenher“ immer auch zu Statuskämpfen machen, wird unsere natürliche Kooperativität systematisch untergraben und erodiert.

Es ist in unser aller Interesse, dass dies nicht geschieht. Und das hat viel mit der Art unserer Institutionen zu tun. Wo „Wahlen“ und „Karrieren“ als Mittel der Verhaltenskoordination genutzt werden, wird die natürliche Verhaltenskoordination und Kooperativität erschwert und blockiert.

Durch solche Institutionen wird Status nämlich nicht mehr fluide, sondern fixiert. Und dies geschieht eben genau dadurch, dass er von unseren stets veränderlichen Körperzuständen entkoppelt wird. Es spielt keine Rolle, „wie es dem CEO gerade geht“, ob er schlecht geschlafen hat, ob er krank ist, einen schlechten Tag hat oder ob er kokst und Alkoholiker ist: Die Institution „Karriere“ macht ihn zu dem der spricht und der bestimmt.

Positiv gesprochen tun wir uns allen einen Gefallen, wenn wir solche Institutionen in unserer Gesellschaft schaffen und am Leben halten, die Status stets situativ und fluide halten – So dass er an unsere stets veränderlichen Körperzustände und das natürliche, unmittelbare Spiel mit Status gekoppelt bleibt.

Die Entkopplung von Status in fixierten traditionellen Rollen wie:

  • Eltern
  • Führungskräfte
  • Politiker
  • Service-Arbeiter

ist nicht hilfreich, um sinnvolle Verhaltenskoordination in unserer Gesellschaft zu bekommen. Solche fixierten Rollen frustrieren uns und machen uns miteinander unglücklich. Und das völlig unabhängig davon, ob wir in einer Hochstatus-Rolle oder einer Tiefsstatus-Rolle „festhängen“.

Wir können bei einer Umstellung von gesellschaftlicher Zementierung von Status auf gesellschaftliches Beweglich-Lassen von Status in unserer situativen Hochstatus- wie Tiefstatus-Rolle „menschlich“ bleiben: Der Mensch in uns ertrinkt dann nicht in einer fixierten Rolle, muss sich nicht immer gleich verhalten, völlig unabhängig von dem, wie er sich gerade fühlt, ob er gerade eher geben, anderen helfen kann, oder ob er eher gerade bedürftig ist und von anderen etwas braucht. Also eben: Völlig unabhängig von menschlichen Körperzuständen.

Wir könnten gekoppelt bleiben und dadurch menschlich. „Gekoppelt“ in einem doppelten Sinn: Mit unserem eigenen Körper und seinen Veränderlichkeiten. Und genauso gekoppelt mit unseren Mitmenschen und ihrer momentanen körperlichen Verfassung. 

Unser gemeinsames Leben wird durch solch einen gesellschaftlichen Paradigmen-Wechsel von einem fixierten, geplanten, „klassischen“ Theaterstück mit festen Rollen, die einzuhalten und durchzuhalten sind – komme was da wolle -, tatsächlich eher zu einem auf Dauer gestellten Improvisationstheater: Lebendiger, spontaner, natürlicher, mit viel geringerem Frustfaktor und viel höherem Lustfaktor im Zusammenspiel.

Die heute heikelste Natürlichkeitsblockade: Statusfixierung durch Geld und Eigentum

Die Frage nach fixiertem Hochstatus und fixiertem Tiefstatus durch die sehr unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse ist für die von mir hier imaginierte Gesellschaft sicher der heikelste Punkt.

Denn er triggert das, was wir Menschen am wenigsten von allem mögen: Das Gefühl, dass uns jemand etwas „wegnehmen“ will. Der Philosoph Richard David Precht hat mal sinngemäß gesagt: Revolutionen entstehen nicht dann, wenn man die Unterschicht schlecht behandelt. Das passiert die ganze Zeit, ohne dass es revolutionäre Umtriebe gibt. Eine revolutionäre Gemengelage entsteht in der Gesellschaft genau dann, wenn man der Mittelschicht die Hoffnung nimmt, dass sie „aufsteigen“ kann, und wenn zugleich hinreichend viele Menschen Angst vor dem „gesellschaftlichen Abstieg“ haben. – Also: Wenn man denen, die etwas zu verlieren haben, das Gefühl gibt, dass sie dieses Etwas verlieren werden, wenn sie jetzt nichts unternehmen.

Als jemand, der sich eine Gesellschaft ohne fixierte Tiefstatus- und Hochstatus-Positionen wünscht, also eine, in der die Rede von „Abstieg“ und „Aufstieg“ gar keinen Sinn mehr macht, ist die Frage nach Status durch Geld, Eigentum und Besitz von zentraler Bedeutung.

Denn es kann dann nicht mehr um die Frage gehen, wie der oder der reich wird oder reich bleibt. Also nicht um Positionswechsel nach „Verdiensten“. Sondern eben um die Abschaffung fixierter Positionen, die man „einnehmen“, „verteidigen“ oder „erobern“ könnte. Die Fixierung selbst zeigt sich nämlich als Trigger für Kriege, Kämpfe und Konkurrrenz zwischen uns, die eine wesentlich kooperativere Form von Gesellschaft blockieren.

So gesehen ist es Reichtum/Armut, die uns allen etwas nimmt: Die Lebendigkeit jedem Einzelnen von uns und die Kooperativität uns allen Gemeinsam.

Das Zulassen großer Eigentumsunterschiede bedeutet, dass wir die oben beschriebenen Entkopplungseffekte bejahen: Egal, wie es mir geht, wenn ich genügend Geld habe, habe ich dann in der Gesellschaft viel zu sagen und viel zu bestimmen. Und egal, wie es mir geht, wenn ich kaum Eigentum besitze, habe ich in einer solchen Gesellschaft nichts zu sagen und nichts zu bestimmen.

Das triggert ein Rattenrennen zwischen uns, in dem Kooperativität und Empathie vernünftigerweise nicht mehr erwartet werden können.

Von daher können wir durchaus die Frage stellen, ob Menschen, die heute unglaublich viel mehr Eigentum besitzen als der Durchschnitt der Bevölkerung, nicht ein sehr menschliches Interesse an ihrer eigenen Enteignung haben.

Das soll, wenn es nach mir geht, nicht in einen „neuen Klassenkampf“ hineinführen. Ich persönlich glaube nicht, dass „gesellschaftliche Kämpfe“ heute noch etwas Produktives, Fortschrittliches sein können.

Es ist für mich viel eher ein Einstieg in etwas, das ich mir als neugierigen Austausch und Dialog vorstelle, in dem wir uns selbst und einander neu entdecken und überrascht werden. Auch für diesen Austausch, gerade für diesen Austausch brauchen wir Institutionen. Institutionen, die uns Neugier und Zuhören überhaupt erst ermöglichen, wenn Dinge „at stake“ sind, die das Potential haben, uns wechselweise stark zu emotionalisieren, so dass wir uns nur allzubereit „Parteien“ anschließen, in denen wir unsere Heerschaaren versammeln, die Reihen schließen und uns gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Solche „gesellschaftlichen Schlachten“ sind unproduktiv, weil sie nicht nur „Verlierer und Gewinner“ produzieren, sondern uns jederzeit, also systematisch damit bedrohen, dass wir Verlierer sein könnten. Und da wir antizipierende Wesen sind, zwingt uns das zu permanenter Aufrüstung, zu einem permanenten Gerüstet-Sein, zu einem permanenten Kampfmodus. Ich nenne die Effekte, die sich beim Ausfall solcher politischer Institutionen einstellen, „Kriegerkultur“. Thomas Hobbes und sein „Krieg aller gegen alle“ lassen dabei schön grüßen.

Eine Gesellschaft, die von der Kooperativität, Körperlichkeit und Lebendigkeit des Improtheaters beseelt ist, und die ihren Fortbestand institutionell absichert, kann man dagegen „Gärtnerkultur“ nennen. Wenn man nicht gleich einfachheitshalber von „Demokratie“ und „Improvisationskultur“ spricht.

Denn all das lebt von lebendigen und unmittelbaren Spielen mit Status. Und all das stirbt mit der Fixierung und Abstraktion von Statuspositionen.