Zum Entstehen von Freundschaften und dauerhaften Beziehungen gibt es beim alten Aristoteles die schöne Aussage, sie kämen zunächst nicht über die direkte Freude am Miteinander zustande, sondern über den wechselseitigen Nutzen. – Also über ein Drittes.

Und unter bestimmten Umständen entwickele sich daraus eine Bindung, die auch den Wegfall dieses Dritten überlebt. Wir kennen das alle aus unserem Beziehungsleben: Gemeinsame Interessen, gemeinsame Hobbys, gemeinsame Erfahrungen, die unter Umständen zu lebenslangen Freundschaften führen, obwohl die Gemeinsamkeiten, die einen ursprünglich zusammengeführt haben, irgendwann auf die eine oder andere Art verschwunden sind. Wie und warum man sich kennen gelernt hat, ist irgendwann weniger wichtig als „die Beziehung an sich“.

Bleibt es aber bei der rein sachlichen Verbindung „über ein Drittes“, so möchte ich für den Rest dieses Artikels vom sachlich vermittelten Beziehungsstil sprechen und ihn systematisch vom direkten Beziehungsstil unterscheiden, bei dem die Sachthemen kommen und gehen, und die unmittelbare Freude am Miteinander und das lebendig bleibende „Spiel“ mit Themen/Aktivitäten die Verbindung bestimmt. Denn beim direkten Beziehungsstil sind all die „Dritten“ nur austauschbares Material, nur Impulse, die benutzt werden, weil „Lust auf Beziehung“ da ist.

Kurz: Beim sachlich vermittelten Beziehungsstil sind Personen Attribute von Sachen, für die wir uns interessieren, während beim direkten Beziehungsstil Sachen Attribute von Personen sind, für die wir uns interessieren.

Zu dem Thema bin ich über einen Kunden gekommen, mit dem ich vor Kurzem arbeiten durfte. Es handelte sich dabei um einen Menschen, dem bisher nur der sachlich vermittelte Beziehungsstil vertraut war. Das heißt: Er verstand sich stets gut mit Menschen, die sich für exakt das Gleiche interessierten wie er. Doch wenn dieses gemeinsame, geteilte Grundinteresse nicht da war, wurde es „schwierig“, um es mal freundlich auszudrücken. Sowohl beruflich als auch privat.

In der traditionellen Geschlechterordnung sind beide Beziehungsstile übrigens eindeutig geschlechtlich konnotiert: Der sachlich vermittelte Beziehungsstil ist dort „männlich“. Der direkte Beziehungsstil ist „weiblich“. Die Auswirkungen dieser traditionellen Auffassung sind auch heute noch recht zuverlässig anzutreffen, die Ausnahmen eher selten. Tendenz steigend.

Man findet diese traditionelle Kopplung der Beziehungsstile an das soziale Geschlecht in allen möglichen Formen. Beim australischen Männer- und Kindertherapeuten Steve Biddulph gibt es z.B. die Empfehlung, mit Jungen eher nebenher, bei einer gemeinsamen Tätigkeit über tiefergehende, emotionale Themen zu sprechen, weil Jungen den direkten Gesprächsstil über Gefühle, bei dem man sich gegenübersitzt und nichts anderes tut, „als zu reden“, eher als Konfrontation und als bedrohlich empfinden. Während Frauen nach Biddulph’s Auffassung mit diesem Gesprächsstil kaum Probleme haben, ihn oft sogar gezielt suchen und sehr zu genießen scheinen.

Man kann als Mann auch die Reihe seiner Freunde einmal durchgehen und sich mal sehr aufrichtig und schonungslos fragen, „was einen eigentlich mit diesem oder jenem Menschen verbindet.“ – Wenn man sich als traditioneller Mann versteht, dürfte die Chance recht hoch sein, dass einem sofort „Sachthemen“ zu jedem einzelnen der Freunde einfallen, die man teilt, die einen zusammengeführt haben und die auch heute noch die gemeinsame Freundschaft bestimmten und am Leben halten. „Fußball“ ist z.B. so ein Klassiker.

Bezüglich der Frauen möchte ich mich etwas vorsichtiger äußern, denn hier kann ich nicht auf Eigenerleben stützen, sondern nur über äußere Beobachtungen und Gesprächsäußerungen von Frauen gehen. Aber nach allem äußeren Anschein gibt es zumindest bei einer nicht ganz kleinen Anzahl von Frauen auch heute noch den „reinen Beziehungsgenuß“, bei dem die Themen, Interessen und Aktivitäten kommen und gehen, und eher das reine „Miteinander-Sein“ gesucht und genossen wird.

Es gibt jedoch eine große Ausnahme in der traditionellen Geschlechterordnung. Und das ist der Sex. Hier scheint es innerhalb der tradierten Ordnung der Dinge geradezu zu einer „Polumkehr“ zu kommen: Für den traditionellen Mann sind sexuelle Beziehungen zu anderen Menschen geradezu der eine, fast einzige Ort, an dem es nur um die direkte Begegnung und das unmittelbare Beziehungsgeschehen geht. Sexuelle Beziehungen sind für Männer also die einzigen Beziehungen, an denen sie plötzlich den direkten Beziehungsstil genießen können und zu bevorzugen scheinen. Auf der anderen Seite scheinen für traditionell gepolte Frauen sexuelle Beziehungen der einzige Ort zu sein, an dem sie den sachlich vermittelten Beziehungsstil anstreben und bevorzugen: Es geht dann um „ein Drittes“, wobei diese „Sache“ alles mögliche sein kann. Aber sie muss vorhanden sein, damit die sexuelle Beziehung für sie Sinn macht.

Die beiden Beziehungsstile an sich halte ich für universal menschlich und damit auf gewissen Weise für „ewig“.

Die Kopplung dieser beiden Beziehungsstile an „männlich/weiblich“ hingegen nicht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es deutlich mehr Männer als heute geben kann, die Beziehungen um ihrer selbst willen genießen und für die die in ihnen auftauchenden Themen völlig austauschbar und nachrangig sind. Die auch in Freundschaften mit Themen „spielen“, anstatt daraus Wettbewerbe um Status zu machen. Und genauso kann ich mir Frauen sehr gut vorstellen, die Freundschaften um gemeinsame Sachinteressen aufbauen und dieses Sachinteresse das Verbindende und die Beziehung bestimmende bleibt. Die Zahl dieser Frauen nimmt in meiner Wahrnehmung gerade zu.

Das dürfte soweit führen, dass wir beide Beziehungsstile irgendwann nicht mehr als „typisch weiblich“/“typisch männlich“ auffassen können, einfach weil unsere gelebte Realität diesen Klischees und normativen Rollenerwartungen zu sehr und zu offensichtlich widerspricht.

Und was das für unsere sexuellen Beziehungen miteinander bedeuten könnte, ist dabei ein ganz eigenes Thema.

Ein menschlicher Beziehungsstil wäre jedenfalls einer, bei dem ich nicht über meine erkennbare Geschlechtszugehörigkeit genötigt werde, in Beziehungen einseitig Personen über Sachen oder Sachen über Personen zu stellen. Sondern indem unser Beziehungsfokus für uns alle in einem dauerhaften, spielerischen Spannungsverhältnis bleiben kann.

Davon sind wir im Moment tatsächlich noch recht weit entfernt. Aber das heißt keineswegs, dass es dabei bleiben wird.

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