Im Grunde lässt sich alle Ethik heute in 4 Fragen verhandeln. 2 davon sind „Wie“-Fragen. 2 davon sind „Ob“-Fragen.

1) Wie kann ich mich selbst in eine gute Verfassung bringen & in einer guten Verfassung halten, ohne dabei andere Menschen in eine schlechte Verfassung zu bringen?

Diese Frage stellt sich immer dann, wenn ich bei mir Bedürftigkeit wahrnehme. Wenn ich also etwas brauche und daher handele, um meine Bedürfnisse zu befrieidigen. Die Frage setzt meinem Handeln Grenzen, gibt ihr zugleich aber auch einen Fokus und kann inspirierend für Lösungen sein. Wenn ich nämlich darauf komme, dass für mich naheliegende Handlungsmöglichkeiten mir zwar gut tun, aber zugleich andere schädigen, werde ich einen Suchlauf nach „besseren Handlungsmöglichkeiten“ starten. Ethische Absichten können daher die Quelle von Innovation sein: Entdeckung neuer, anderer, besserer Handlungsmöglichkeiten als die mir nahe liegenden, von mir reflexhaft ergriffenen.

2) Wie kann ich andere Menschen in eine gute Verfassung bringen & in einer guten Verfassung halten, ohne dabei mich selbst in eine schlechte Verfassung zu bringen?

Diese Frage stellt sich häufig in sogenannten „helfenden“ oder „sozialen“ Berufen. Sie stellt sich aber genauso im Alltag, im Privaten und im Grunde auch in jeder Form von Unternehmertum, wenn wir „Unternehmen“ als ein Handeln zugunsten der Kunden begreifen. Also ein Handeln, das anderen Menschen nutzt.

Auch diese Frage setzt meinem Handeln Grenzen. Ich werde bestimmte Dinge nicht tun, die ich zugunsten anderer Menschen tun kann, weil ich mich dabei selbst schädigen würde. Alles Helden- und Märtyrertum zerschellt an dieser ethischen Frage. Und auch diese Frage kann sehr innovationsförderlich sein. Denn ist mein Wille zu unterstützen oder beizutragen gesetzt, und ich stelle fest, dass alle mir naheliegenden Handlungsweisen dazu führen, dass ich mich zugunsten des Anderen aufopfern würde, dann beginnt auch hier ein Suchlauf nach Handlungsmöglichkeiten, mit denen ich meine Absicht zu helfen umsetzen kann, allerdings eben ohne eine Selbstschädigung.

Die beiden Wie-Fragen haben zwar einen unterschiedlichen Fokus und Anlass (wahrgenommene eigene Bedürftigkeit / Bedürftigkeit anderer Menschen). Sie sind aber m.E. weitgehend deckungsgleich, um nicht zu sagen „identisch“ und nähern sich dieser Identität nur von zwei unterschiedlichen Seiten. Beide Fragen sind auch produktiv, innovativ, auf Entdeckung und Neuerung aus. Man könnte hier von einer „Neugier der Ethik“ sprechen.

Die beiden „Ob“-Fragen sind anderer Natur:

3) Kann ich andere Menschen in eine schlechte Verfassung bringen oder in einer schlechten Verfassung halten, ohne mich selbst dadurch in eine schlechte Verfassung zu bringen?

Diese Frage scheint eine Frage für ausgemache Teufel, Bösewichte oder für die Situation des Krieges zu sein. Denn die Absicht ist hier die Schädigung Anderer. Folgt man jedoch ihrer Spur konsequent, kann es dahin kommen, dass es einem so vorkommt, als sei unethisches Verhalten in seinen Folgen eine einzige große Dummheit oder Kurzsichtigkeit. Diese advocatus diaboli Frage kann also die Absicht zu ethischem Verhalten festigen, indem sie den Fokus auf das Handeln zum Wohle anderer systematisch mit dem Handeln zum eigenen Wohlergehen verknüpft. Handeln zum gemeinsamen Wohlergehen wird wahrscheinlicher.

Ähnliches leistet die 4. und letzte ethische Frage:

4) Kann ich mich in eine schlechte Verfassung bringen oder in einer schlechten Verfassung halten, ohne dadurch andere Menschen in eine schlechte Verfassung zu bringen?

Auch diese „Ob“-Frage fördert den Fokus auf ethisches Handeln. Indem sie die häufig vorkommende Selbstschädigung durch eigenes Handeln setzt und zur Absicht erklärt, führt sie von alleine darauf, dass dies kaum möglich ist, ohne unethisch zu sein. Sie führt zum Paradox der „unethischen Ethik“, die Selbstaufopferung bedeutet. Irgendjemand muss den Preis bezahlen, den wir nicht bezahlen wollen, wenn wir „immer für andere da sind“, ohne uns dabei zu fragen, wo unsere eigenen Bedürfnisse liegen, wie wir uns fühlen, was wir brauchen und also gute Selbstsorge systematisch vernachlässigen, indem wir ganz im Handeln für Andere aufzugehen versuchen.

Auch diese beiden Fragen nähern sich dem Gleichen von verschiedener Seite: Der systematischen Interdependenz menschlichen Lebens und Handelns. Wir hängen als Menschen derart umfassend voneinander ab, dass die Einseitigkeiten des „Egoismus“ und „Altruismus“ zum reinen Schein werden, sobald wir all die zwischenmenschlichen Abhängigkeiten bewusst fokussieren und anerkennen. Jedes Schädigen ist Selbstschädigen. Und jedes Selbstschädigen ist zugleich eine Schädigung anderer Menschen.

Und natürlich sind diese 4 ethischen Fragen auch als politische Fragen stellbar. Dann geht es nicht mehr um unser Alltagshandeln als Einzelne, sondern um unser Handeln im Kollektiv, als Gemeinschaft, als gleichwichtige Angehörige eines politischen Gemeinwesens.

In ihrer politischen Version fallen alle 4 Fragen in eine einzige zusammen, die folgendermaßen lautet:

1) + 2) +3) +4): Wie können wir unsere Institutionen, unsere Gesetze und die politischen Maßnahmen unseres Staates so verändern und gestalten, dass diese oder jene bestimmte Situation aufgelöst wird, in der unmittelbare Selbstsorge eines Bürgers eine Schädigung anderer Menschen bedeutet bzw. die unmittelbare Selbstschädigung eines Bürgers zum Vorteil eines Anderen ist?

Auch hier geht es um Verbesserungen gegenüber dem Ist-Zustand. Auch hier kann die Frage als Innovationsmotor verstanden werden. Als Suchlauf zur bewussten Gestaltung unseres Gemeinwesens so, dass unser gemeinsames, politisches Handeln eine Verbesserung für uns alle darstellt.

 

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