Stellen wir uns für einen Moment eine Gesellschaft vor, die vom menschlichen Charme beherrscht wird: In der es üblich ist, dass all die Buchsen und Anschlüsse, die menschliche Wesen bieten, wahrgenommen und aktiv genutzt werden. In der das Charme-Niveau weit über dem liegt, das wir heute gewohnt sind und mit dem wir heute rechnen können. Nahezu alle von uns beherrschen in dieser Gesellschaft die Kunst wahrzunehmen, was gerade mit einem anderen Menschen los ist und auch die noch höhere Kunst, das so anzusprechen, dass der andere davon weder genervt, noch verschreckt noch eingeschüchtert wird.

Ich habe eine Vermutung darüber, was die ersten Gedanken sind, die uns in den Sinn kommen, wenn wir uns solch eine Gesellschaft vorzustellen versuchen, die voller „Charme-Bolzen“ ist:

1) Was für eine verlogene Angelegenheit! Da ist mir ehrlicher, authentischer Austausch viel lieber als so ein Haufen, in dem jeder den anderen emotional einseift und eingeseift wird!

2) Todlangweilig! Wo bleiben da die Ecken und Kanten? Soziale Reibung ist erst die echte Würze im Leben! Zudem kommt da ja nie was voran, wenn keiner dem anderen bereit ist, auch nur ein wenig weh zu tun! Null Innovation! Absoluter stuck state, aber als totalitäre Gesellschaft! Nein Danke, bitte nicht!

3) Charme? Das ist doch auch nur so ein augenwischerisches Wort für Manipulation! Dafür, dass man seine Absichten verschleiert und den anderen über den Tisch zieht. Nur dass man dafür Sorge trägt, dass der sich auch noch gut fühlt dabei!

Ich glaube mittlerweile, dass diese unsere Reaktionen Reaktionen nicht auf eine solche Gesellschaft sind, sondern eine Reaktion auf die Gesellschaft, die wir kennen, in der wir leben, in der wir unsere Erfahrungen mit anderen und mit uns selber machen.

Wenn dem so ist, leben wir in einer Gesellschaft, die die Natur von Charme verkennt. Sie verwechselt Charmant-Sein mit Anpassung, Schleimerei, Arschkriecherei oder mit manipulativem Verhalten in seiner negativen Variante, bei der das Wohlergehen des Anderen keine Rolle spielt.

Dabei kann „Charme“ auch ganz anders aufgefasst werden: Als ein Wahrnehmen des Anderen. Als ein Eingehen auf die Menschlichkeit des Anderen. Als die Fähigkeit, wirksam zu sein, ohne Macht zu haben oder Macht einzusetzen.

Und auch als ein immer wieder neu Austarieren des Gleichgewichts zwischen „Aufmerksamkeit für den Anderen“ und „Aufmerksamkeit für sich selbst“.

Denn Menschen, die immer nur beim Anderen sind, wirken nicht charmant. Sondern charakterlos.

Und Menschen, die immer nur bei sich sind, wirken ebenfalls nicht charmant. Sondern rücksichtslos.

Eine charmante Gesellschaft wäre demzufolge eine Gesellschaft, in der sich alle daran beteiligen, den Gegensatz zwischen „Egoismus“ und „Altruismus“ aufzulösen, wann und wo auch immer er sich auftut und zu verfestigen gesucht.

Eine recht gelöste Gesellschaft, in der es möglicherweise leichter ist, Befriedigung in zwischenmenschlichen Beziehungen zu finden als in der unseren, derzeitigen.

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2 Gedanken zu “Die charmante Gesellschaft

  1. Eine sehr schöne Beschreibung des Wortes „Charme“.
    Nach diesem phänomenologischen Umriss des Themas würde ich gerne einen konstrruktiven Versuch dazu lesen, warum „Charme“ in dieser Gesellschaft so verleugnet wird.

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    1. Ich befürchte, das ist schneller erklärt, als uns allen lieb sein kann:

      Unter den von uns derzeit gegebenen Bedingungen, die uns auf Konkurrenzverhalten, Mangeldenken und soziale Angst fokussieren, haben wir regelmäßig erlebt, dass sich hinter äußerlicher Charmantheit tatsächlich kein echtes Wohlwollen befindet.

      –> https://wyriwif.wordpress.com/2018/01/25/wohlwollen-die-geheime-zauberzutat/

      –> https://wyriwif.wordpress.com/2018/02/05/warum-freundlichkeit-und-empathie-in-unserer-heutigen-gesellschaft-eine-bloede-idee-sind/

      Es braucht also beides: Mut im Alltag und politisch veränderbare Rahmenbedingungen unseres Alltagshandelns (andere Gesetze, andere Verfahren, andere Institutionen), um Charme den Platz in unserem Leben zu geben, der uns allen gut tut.

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