Es klingt naiv: Wenn Menschen einander Kennenlernen, werden Konflikte lösbar oder lösen sich unmittelbar von alleine auf.

Und tatsächlich ist das naiv, wenn wir von unseren vielen Erfahrungen im Alltag ausgehen. Denn kennen wir den blöden Herrn Maier aus Abteilung X nicht all zu gut? Und haben wir nicht genau deswegen einen Dauerkleinkrieg mit ihm? Und was ist mit Tante Claudia? Oder mit dem blöden Nachbarn, der immer…?

Doch die Frage ist, ob in diesen unangenehmen bis feindseligen Alltagskontakten wirklich ein „Einander-Kennen“ steckt. Der Kontakt ist da, ohne Zweifel. Aber gibt es auch den Raum, in dem „Kennenlernen“ stattfinden kann?

Hart gesprochen, braucht ja auch jede Langzeit-Partnerschaft eine immer wieder aufgefrischte Bereitschaft „einander neu kennen lernen zu wollen“, wenn sie nicht mit der Zeit einfach emotional einschlafen und zu einer reinen Zweck-Lebens-WG verkommen will. – Selbst bei den Menschen, die uns vielleicht am nächsten sind, ist Einander-Kennenlernen kein abgeschlossener Zustand, sondern ein fortgesetzter, offener Prozess.

Um wie viel mehr gilt das dann für unsere Gesellschaft?

Einander Kennenlernen ist ein Allheilmittel für Konflikte nicht deswegen, weil es so einfach wäre. Sondern weil es mittlerweile so selten geworden ist, dass es möglich ist, dass Zeit dafür ist, oder dass es institutionalisiert ist.

Aber wenn es stattfindet, beruhigt es uns unmittelbar. Denn bei Menschen, die uns „fremd“ sind, deren Handeln für uns jedoch Folgen hat, sind wir grundsätzlich beunruhigt. Wir projizieren in solche „unbekannten“ Verhältnisse alle möglichen Droh-Szenarien und Angst-Gedanken hinein.

Und dagegen hilft nur eins: Institutionen und Praktiken des fortgesetzten Einander-Kennenlernens.

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