Offen gesagt kann man mich mit dem Wort „Pflicht“ in den allermeisten Fällen jagen. Der Grund dafür ist schnell erzählt. Ich überlasse es mal diesem Freund hier, diesen Grund zu veranschaulichen.

Ich gehöre also zu denjenigen Menschen, die den Satz „Don’t do anything that isn’t play for you“ zu umarmen versuchen. Dennoch bin ich immer wieder versucht, beim Thema „politische Pflichten“ Ausnahmen machen zu wollen. Das läuft dann ungefähr so durch mein Hirn:

„Wir brauchen kein Recht zur politischen Mitbestimmung, das hilft uns ganz offensichtlich nicht weiter. Wir brauchen eine Pflicht zur politischen Mitbestimmung.

Denn wer engagiert sich politisch, wenn es nur ein Recht bleibt?

  • Die, die Zeit haben
  • Die, die eine akademische Ausbildung haben
  • Die, die vermögend sind
  • Die, die sich wichtiger nehmen als andere, die Egomanen

Und das hilft uns als Gemeinwesen nicht weiter. Es spaltet unsere Bürgerschaft, es trennt uns als Menschen. Es vertieft die Konflikte und Unverständnisse, die wir in unserer Gesellschaft ohnehin schon haben.

Wir brauchen in der Politik uns alle. In einer aktiven Rolle.“

Wovon da also ein Teil von mit träumt, ist nicht irgendeine politische Pflicht, sondern die Pflicht, sich einzubringen, wenn das Los es entschieden hat.

Obwohl wir in der Form von Schöffen, Wahlhelfern und früher im Zivil/Militärdienst solchen Zwang zum Dienst am politischen Gemeinwesen kennen, ist Zwang in einer liberalen Gesellschaft niemals populär. Auch die stets unpopulären Steuern sind eine Form des allgemeinen Zwangs zum Dienst am Gemeinwesen; nur eben nicht „in person“, sondern „in money“. – Wir schätzen unsere Freiheit, unsere Verschiedenheit, unsere Selbstbestimmung, jenes „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“. Der Liberalismus in seiner naiven Form hat stets unsere kindliche Uneinsichtigkeit in Bezug auf die Notwendigkeit des Politischen Raums auf seiner Seite.

Bemerkenswerterweise stellen wir diesen Zwang zur Beteiligung aller am Gemeinwesen, wenn er in der Form von Geld erfolgt („Steuern“), weitaus weniger in Frage, als wenn er in der Form auftritt, dass er uns alle dazu zwingt, uns alle gleichermaßen aktiv politisch zu beteiligen, also unsere Stimme in den Raum des Politischen einzubringen, unsere Erfahrungen, unser Wissen, unsere Perspektive, unsere Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse.

Daher versuchen wir, viele politische Aktivitäten auf Freiwilligkeit abzustellen. Wir versuchen einen „Pull“-Effekt zu erzeugen, eine Sogwirkung jener Aktivitäten. In einer Welt voller Anreize, privat dieses oder jenes zu tun müsste so ein politischer Sog freilich emotional eine gewaltige Aufladung erfahren, damit er nicht dazu führt, dass sich wie bisher nur die üblichen Verdächtigen in die Politik einbringen.

Wir sprechen hier also von einem politischen Ethos in dem bürgerschaftliches Engagement durch uns als Gesellschaft so stark emotional aufgeladen wird, wie es derzeit beim Thema Erwerbsarbeit der Fall ist.

In der Athenischen Demokratie war das über einen gewissen Zeitraum der Fall: Politik wurde als das Großartigste und Wichtigste für den Menschen betrachtet. Das, wodurch der Mensch überhaupt erst zum Menschen wurde. Der emotionalen Aufladung von Politik stand also eine Abwertung des „nur Privaten“ gegenüber. Es galt als ein Privileg, ein „Bürger“ sein zu dürfen und Zugang zum Raum der Begegnung und des Gesprächs von „Freien und Gleichen“ zu haben. Wen das im Detail interessiert, der kann die historische Entwicklung hin zu diesem Politikverständnis hier nachlesen.

Aufgrund unserer größeren Vielfalt an privaten Aktivitäten und unserer starken liberalistischen Tradition seit Thomas Hobbes bin ich jedoch skeptisch, was die Möglichkeiten angeht, unter heutigen Bedingungen einen solchen politischen Ethos zu entwickeln. Zumindest einen, der Repräsentativität herstellt. Denn die Beweggründe, sich nicht in die Politik einzubringen, sind bei uns als Bürgern heutzutage so verschiedenartig und unterschiedlich stark vorhanden, dass es tatsächlich eine alles überstrahlende Politikverherrlichung sein müsste, damit es wirklich bei jedem von uns „zieht“, wenn ihm eine Nachricht mitteilt, dass das Los diesmal auf sie oder ihn gefallen ist, er alles stehen und liegen lassen soll, um gemeinsam mit anderen in einem Bürgerrat über die gemeinsamen Belange, die alle angehen zu beraten und zu entscheiden. Es müsste allen in einem unglaublichen Ausmaß klar sein:

„Es braucht Dich. Es braucht Deine Perspektive. Es braucht Deine Erfahrungen in Deinen Lebenssituationen. Es braucht Dich, damit die politische Wahrheit entstehen kann, die kategorisch nur aus der vollständigen Multiperspektivität der Bürgerschaft hervorgehen kann. Bitte schließe Dich nicht selbst durch Fernbleiben aus der politischen Mitbestimmung aus. Das Gemeinwesen braucht Dich! Wir brauchen Dich! – Darum komm und stell alles andere zurück, wenn Du ausgelost wurdest.“

Und vielleicht funktioniert das ja sogar noch besser als die Sache mit der politischen Zwangsverpflichtung und der politische Ethos:

Wenn wir in unserer politischen Rede deutlich machen, dass wir einander alle brauchen, ohne Ausnahme, damit das Politische, der politische Raum entstehen kann. Dass wir aus diesem tatsächlichen Brauchen heraus einander bitten, teilzunehmen. In einem vernünftigen Prozess, der auf Integration der Perspektiven angelegt ist, nicht auf Gewinnen und Verlieren, nicht auf Durchsetzung des einen gegen den anderen.

Ich habe keine Ahnung, ob diese „Wir lassen uns von einander zur politischen Teilnahme bitten“ unter heutigen Bedingungen wirklich so eine große Kraft entwickeln können, wie sie nötig ist, damit durch Losverfahren und Bürgerparlamente diejenige Repräsentativität entsteht, die für eine echte Demokratie typisch ist.

Es zu versuchen, wäre allerdings ein Akt der Wertschätzung. Ein Akt der Wertschätzung aller. Ein Akt des Uns-selbst-Wertschätzens. Denn die Botschaft dieser Bitte wäre ja:

„Du bist wichtig, Du bist unverzichtbar für Dein politisches Gemeinwesen. Es kann sein, dass Du den Eindruck hast, dass der Arbeitsmarkt Dich nicht braucht, dass Deine Nachbarn Dich nicht brauchen, ja manchmal, dass selbst Deine Freunde und Verwandten Dich nicht zu brauchen scheinen. Aber es steht völlig außer Fragen, dass Dein politisches Gemeinwesen Dich braucht und nicht auf Dich verzichten kann. Du bist wichtig als Mensch. Als politisches Wesen. Als einer von uns.“

Gesellschaftliche Integration fände so also im und durch den politischen Raum statt. Nicht wie bisher durch Arbeit, nicht durch Verwandtschaft, nicht durch Eigentum und Besitz. Sondern durch die einfache, aber wirksame Anerkennung, dass wir Menschen sind und einander brauchen, um unsere Menschlichkeit, um unsere Freiheit in Verbundenheit aktiv zu bewahren, aktiv zu pflegen, aktiv auszubauen und aktiv zu vertiefen.

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