Sind wir eigentlich Freunde? – Eher eine merkwürdige Frage, wenn man sie auf die Menschen bezieht, mit denen man gemeinsam in einer politischen Einheit, in einem Staatswesen zusammenlebt.

Eine merkwürdige Frage an uns und unsere „Mitbürger“.

Dass ein Gemeinwesen keine Zweck-WG und keine Schicksalsgemeinschaft ist, sondern etwas überwiegend Lustvolles, dass wir unsere Mitbürger als Menschen empfinden könnten, mit denen wir gern zusammen sind und die wir mögen, erscheint uns abwegig und überzogen.

In der Tat war aber genau das die Bedingung, unter der im antiken Athen die Demokratie entstand.

Und so könnte es uns auch umgekehrt absurd erscheinen zu glauben, man könnte eine gemeinsam eine Demokratie bilden, ohne miteinander befreundet zu sein.

Und es geht ja auch nicht sonderlich freundlich zu in unserer „Politik“. Da wird geschimpft, denunziert, es wird gekämpft, intrigiert, es wird sich durchgesetzt, es werden Mehrheiten (und damit auch: Minderheiten) gebildet, man muss sich fügen und beugen und verzweifeln und ohnmachtet sich so politisch unpolitisch durchs Leben.

In der attischen Demokratie gab es durchaus auch eine große Präferenz für den „Agon“, für den Streit, für den öffentlichen Wettkampf und Wettbewerb. Allerdings fußte dieser Streit auf einer nicht explizierten Verbundenheit, um nicht zu sagen: Freundschaft, die für die Athener so selbstverständlich geworden war, dass sie nicht mehr eigens betont wurde. Es war das unsichtbare Fundament der Demokratie, dass man sich wechselseitig anerkannte und zusammen gehörte.

Dieses Fundament fehlt unserem heutigen Gemeinwesen und unserer Politik. Und daher haben wir große Schwierigkeiten, wirklich demokratische Strukturen einzuführen. Unter allem Demokratie-Lob wabert verkappt die Auseinandersetzung bis auf’s Blut, die Empathielosigkeit, die Verachtung, die Gleichgültigkeit, die Verständnislosigkeit und der Hass aufeinander.

Politik bekommt demzufolge nur die Aufgabe von uns zugesprochen, „das Schlimmste zu verhindern“, uns halbwegs zu bändigen, halbscharige Kompromisse auszuhandeln. Mehr erwarten wir gar nicht mehr von ihr. Sie ist für uns keine Sphäre, in der sich Gutes ereignet, sondern nur eine Art Apparat, der das Schlechte einigermaßen im Zaum halten soll.

Auf diese Bescheidenheit bilden wir uns zudem noch einiges ein: Dass wir so vernünftig sind. Dass wir Dinge sagen wie: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ Das kommt uns sehr erwachsen vor.

Die Demokratie geht gerade ein an dieser Bescheidenheit, an dieser vermeintlichen Vernunft. Denn wir Menschen brauchen im Raum der Politik mehr als nur Sachzwänge. Wir brauchen das Gefühl zusammenzugehören und das, was unser Gemeinsames ist, auch gemeinsam zu gestalten.

Von dieser Gemeinsamkeit kann zumindest ich rein gar nichts spüren. Weder in meinem Alltag als Bürger dieses Landes. Noch im öffentlichen, medial vermittelten Gespräch.

Unsere Politik kommt mir merkwürdig „privat“ vor: Beraubt ihres eigentlichen Inhalts, gemeinsam zu beraten, vor der Allgemeinheit sprechen zu können, von ihr gehört zu werden. Und genauso umgekehrt: Wirklich alle Stimmen hören zu können, die gehört werden müssen.

Ich kann auch keinen Bürgerstolz wahrnehmen: Stolz auf die Leistung, gemeinsam als Bürger einen Raum des Politischen geschaffen zu haben, wie es ihn noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gab. Einen politischen Raum, der viel mehr und viel verschiedenartigere Menschen einschließt und aus ihm besteht, als das in der antiken Demokratie der Fall war.

Ich kann auch keine Freude am Bürgertum wahrnehmen. „Bürgertum“, das klingt eher wie etwas, gegen das man wahlweise rebelliert, also „Spießbürgertum“. Oder wie etwas, das man einfach lächerlich findet und verachtet, also „Wutbürgertum“.

Mich erinnert das alles an die philosophische Verachtung „der Masse“ (hoi polloi). Nur dass wir heute als Masse kein Teil der Masse mehr sein wollen. Keiner von uns. Weil es eben eine Masse ist, keine Gemeinschaft miteinander befreundeter Menschen, die gemeinsam großes vermögen, was eine private Gemeinschaft oder wir als Einzelne niemals könnten.

Der Raum des Politischen hat vor uns seine Würde verloren. Und damit haben auch wir ein großes Stück unserer Würde als Menschen verloren. Zwar steht in unserer Verfassung etwas von der „Unantastbarkeit“ der menschlichen Würde. Schaut man aber die Realitäten in unserem Gemeinwesen an, dann sieht man und fühlt man überall viel Depravierung: Viel Gedeckeltes, viel Hoffnungsloses, viel Abgefundenes, viel Zynisches, viel auf stille Art Wütendes und Verzweifeltes.

Die Form von Erlösung, die die antiken Griechen in der Demokratie gefunden zu haben scheinen, sich nämlich in der freien Gemeinschaft mit ihren Mitbürgern gut aufgehoben zu fühlen, ist uns völlig fremd.

Wir erwarten nichts von der Demokratie und der Politik, als dass sie uns nicht zu sehr stört und belästigt in unserem Privatleben.

Denn wir erleben sie ja auch nicht als „unsere“ Demokratie und Politik, sondern als etwas uns Fremdes, Äußerliches, dem wir ausgesetzt sind, dessen Objekt, aber nicht Subjekt wir sind.

Formal ist das alles: Alle Gesetze, alle politischen Maßnahmen unseres. Wir sind formal gesehen die Autoren auch noch der kleinsten staatlichen Aktion und Veränderung. Aber wir erleben uns nicht als diese Autoren, die wir formal gesehen sein sollen.

Wir sind unserem eigenen Staat entfremdet. Eine merkwürdige Parallele zu unserem Leben in unseren Unternehmen, Nachbarschaften und manchmal sogar Familien, wo wir uns ebenfalls oft fremd fühlen und die wir uns ebenfalls oft schwer tun als „unsere“ zu empfinden.

Womöglich besteht da ein Zusammenhang: In einer Gesellschaft, in der der Raum des Politischen fehlt, in der die Verfassung, die Gesetze und die Aktivitäten des Staates nicht wirklich demokratisch: von allen gleichermaßen gemeinsam bestimmt werden, da fehlt sozusagen der „Schlussstein“, der alles zusammenhält.

Ein menschenwürdiges, freies, freudiges und auch freundliches Leben scheint ohne echte Demokratie und ohne eine Politik, in der ausnahmslos jeder sein Bürger-Sein aktiv erlebt, nicht möglich zu sein.

Wenn das alles so stimmt, dann brauchen wir tatsächlich andere politische Institutionen als nur die, die wir derzeit haben: Verfahren und Institutionen, die uns alle tatsächlich zusammenbringen. Die unsere politische Verantwortung für unser Gemeinwesen nicht bequem von uns wegdelegieren an arme Berufspolitiker, die uns zwar repräsentieren sollen, aber faktisch nicht repräsentieren können.

Wir brauchen andere Formen von Teilnahme am politischen Leben. Wir brauchen Begegnungen, reale, nicht mediale, weil wir nur in ihnen ab und an unsere politische Meinung ändern, weil wir plötzlich verstehen, was ein Beschluss für das Leben von anderen bedeutet. Und weil wir selbst gehört wurden. Weil uns diese anderen nicht gleichgültig ist. Und weil wir merken, dass auch wir diesen anderen keineswegs egal sind, wie wir das in unserem Privatleben oft denken. Weil wir als Bürger miteinander befreundet sind.

Diese Qualität, die uns so fern und unnötig und absurd vorkommt im Moment, die Qualität der Bürgerfreundschaft muss von unseren politischen Verfahren und Institutionen aktiv gepflegt werden: Sie müssen uns echte Begegnungen ermöglichen, sprechen aller, gehört werden aller, wahrgenommen werden aller.

Wir müssen unseren Gemeinwesen ihre Würde zurückgeben. Eine Würde, die sie nur als voll ausgebildete Demokratien gewinnen. Nicht in jenen halbfertigen Schwundformen von Beteiligung, mit denen wir uns bisher zufrieden gegeben haben, aus Angst, dass wir, wenn wir mehr von der Politik erwarten, stets nur die Übel der Tyrannei bekommen.

Tyrannei-Verhütungs-Bescheidenheit. Wir haben diese Angst aus gutem Grund: Wir haben sowohl den Faschismus als auch den Kommunismus im Rucksack unserer Geschichte. Die beiden letzten Versuche in der Geschichte, unter modernen Bedingungen mehr zu wollen als den Nachtwächter- und Schlimmstes-Verhütungs-Staat haben zu politischen und menschlichen Katastrophen unglaublichen Ausmaßes geführt. Es scheint also vernünftig, nicht zu viel zu wollen.

Allerdings sollte man über diese berechtigten Ängste vielleicht nicht vollständig übersehen, wie es uns wirklich miteinander geht. Wie wir leiden tagtäglich an einem entfesstelten Konkurrenzdruck, an einer hierarchisch organisierten Gesellschaft mit unglaublichen materiellen Ungleichheiten und unglaublichen Privilegien, was den Zugriff auf den Staat, seine Maßnahmen und Gesetze angeht.

Denn beide anti-demokratischen, totalitären Bewegungen wurden gespeist von diesem alltäglichen Leiden, das halbseidene Demokratien all zu lang glaubten ignorieren zu können. „Wird schon schiefgehen“. „Wird schon einfach immer so weitergehen“. „Wird so schlimm schon nicht werden.“

Geschichte wiederholt sich solange, bis wir wirklich neuartige institutionelle Lösungen für unsere Situation finden.

Und das, mit Verlaub, ist bisher nicht der Fall.

Es gibt eine gewaltige, unbewusste Sehnsucht nach jener Bürgerfreundschaft, nach jener politisch kultivierten, menschlichen Verbundenheit, die unsere vorhanden politischen Institutionen nicht zu erfüllen vermögen. Und dieser Wunsch nach Verbundenheit und wechselseitiger Empathie, Verstehen und Anerkennung scheint nichts zu sein, auf das wir als Menschen einfach mal eben so verzichten können.

Dieser Wunsch scheint zu den menschlichen Grundbedürfnissen zu gehören, nicht zu den Flausen, die man sich als erwachsener Mensch aus dem Kopf schlagen müsste.

Natürlich können wir unsere Bedürfnisse für einen Moment zurückstellen. Natürlich können wir eine Zeit lang sagen: „Anderes ist wichtiger.“ Aber ähnlich wie bei anderen Grundbedürfnissen, Hunger, Schlaf, Bewegung, können wir nicht dauerhaft auf ihre Befriedigung verzichten, ohne dass es uns anfängt schlecht zu gehen.

Und uns geht es schlecht. Den Armen genauso wie den Reichen unter uns. Den Mächtigen genauso wie den Ohnmächtigen. Auf sehr unterschiedliche Weise, klar. Aber doch gleichermaßen schlecht.

Und ich möchte behaupten: Ohne eine vollwertige Demokratie, ohne ein tieferes Verständnis des politischen Raums und ohne eine von unseren Institutionen kultivierte Bürgerfreundschaft, wird sich das auch niemals ändern.

Wir können das auch nicht durch gute private Beziehungen kompensieren. Denn auch unsere privaten Beziehungen werden korrumpiert vom Fehlen des Politischen in unserer Gesellschaft, von einer nur halb ausgebildeten Demokratie. Unsere privaten Beziehungen sind marktförmig geworden. Sie sind häufig oberflächlich, ängstlich und ebenso echten Kontakt vermeidend, wie es auch unsere Politik ist. Auch privat leben wir ein „Das Schlimmste vermeiden, nicht das Beste erstreben“-Leben. Eine Risikovermeidungsgesellschaft, die sich gerade aufgrund ihrer tiefen Neigung zur sozialen Ängstlichkeit in himmelschreiend Risiken begibt.

Man könnte also weitergehend behaupten: Das private Leben wird über kurz oder lang ein Spiegel der politischen Ordnung.

Denn es gibt kein unpolitisches Leben für den Menschen. So sehr wir das auch derzeit versuchen, indem wir „Politprofis“ geschaffen haben, die uns unsere unveräußerliche politischen Verantwortung von den Schultern nehmen und das ganze Staatsdingsbums für uns managen sollen. – Und die damit auf unerklärliche Weise wieder und wieder und wieder scheitern. Ohne dass wir daraus etwas lernen wollen.

Der Raum des Politischen kann auch heute etwas sehr anderes für uns sein als das, was wir zuletzt kennen gelernt haben. Aber um das zu erleben, müssten wir aufhören, bei uns selbst und bei anderen den Versuch eines unpolitischen, bloß privaten Lebens zu dulden, während gute Könige, die dann komischerweise immer schlechte Könige sind, für uns das Beste entscheiden sollen.

Wie wir es uns damals von unseren Papas und Mamas gewünscht hätten oder wie wir es damals mit unseren Papas und Mamas erlebt haben.

Es ist Zeit, politisch erwachsen zu werden. Es ist Zeit, von uns selbst eine Demokratie einzufordern, in der wir alle gemeinsam politische Verantwortung für das uns allen Gemeinsame übernehmen. Eine Politik von Bürgern für Bürger, die wir nur im aktiven, unmittelbaren Miteinander realisieren können.

Wir brauchen Bürgerversammlungen. Regelmäßige. Wir brauchen das Los, damit wir wirkliche Repräsentation in diesen Versammlungen haben. Wir brauchen die Pflicht zur Teilnahme, nicht nur das Recht. Und wir brauchen eine Atmosphäre des Aufbruchs und der Freundlichkeit dort, eine Garantie für uns alle, dass wir dort alle gleichermaßen gehört werden, keiner von uns mehr, keiner von uns weniger.

Dann kann so etwas wie Bürgerfreundschaft zwischen uns entstehen. Weil wir sie aktiv pflegen und kultivieren.

Dieser Bürgerfreundschaft, die durch die politische Institutionalisierung unserer unmittelbaren Begegnung und unmittelbarer Gespräche miteinander erreicht werden kann, spiegelt nicht unsere private Gesellschaft. Sie verändert sie.

Es ist der große Fehler unserer bisher nur unvollständig ausgebildeten Demokratie, dass der Raum des Politischen unsere private Gesellschaft nur abbilden soll, anstatt dass durch die politische Begegnung etwas völlig Neues in die Gesellschaft kommen kann. Etwas Transformatives, Innovatives. Völlig ohne Zwang, ohne Gewalt, ohne „oben und unten“. Sondern organisch, natürlich, durch die Macht des Gesprächs, wenn es ein Gespräch von Freien und Gleichen ist, in dem zugehört werden kann, weil keine Konkurrenz und Angst zwischen ihnen herrscht, sondern Interesse, Neugier und Wohlwollen. Also Ähnliches wie das, was gute Freunde einander wechselseitig entgegenbringen.

 

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