Die Umstellung von einfachem Abstimmen auf Systemisches Konsensieren hat viele Vorteile. Wer das Systemische Konsensieren noch nicht kennt oder es noch nicht ausprobiert oder erlebt hat, der kann sich auf dieser Seite seiner Erfinder tiefer einlesen. Zudem findet man auf youtube viele gute Erläuterungs-Clips. Zudem hat einer der Erfinder, Erich Visotschnig, vor kurzem ein Buch veröffentlicht, das die systematische Anwendung innerhalb des politischen Raums thematisiert, im Zuge einer weitergehenden Demokratisierung unserer Gesellschaft.

Einige Vorteile des Systemischen Konsensierens sind (ohne Anspruch auf vollständige Erfassung):

  • Produktivere Auseinandersetzungen
  • Mit etwas Erfahrung: Schnellere Entscheidungsfindung
  • Vermeidung von Parteibildung und Frontenverhärtung
  • Mehr Informationsaustausch der Beteiligten Mitentscheidenden Menschen darüber, was den anderen zu dieser oder jender Entscheidung bewegt, kann getriggert werden, d.h. tieferes wechselseitiges Verständnis über Beweggründe und Situationen des anderen Mitmenschen/Mitbürgers
  • Bei einfacher Mehrheits-Abstimmung unsichtbar bleibender Abstimmungsfrust wird ins Abstimmungssystem integriert, die „wahre“ Präferenz einer Gruppe wird sichtbar für alle
  • Entscheidungen werden viel eher von allen mitgetragen und nicht im Nachheinein, nach erfolgter Abstimmung, heimlich oder offen sabotiert
  • Ziel ist nicht absolute Zusstimmung, sondern der geringsmögliche Widerstand – Dadurch geht viel „Perfektionsdruck“ aus dem politischen System, die politischen Gespräche verlieren unmittelbar an Schärfe, weil die Klarheit institutionalisiert wird, dass es nicht um „pefekte Lösungen“ geht (die es einfach selten gibt), sondern um den derzeit am wenigsten schlechten Weg. Diese Haltung entspricht viel mehr dem demokratischen Geist und entideologisiert den politischen Austausch und den politischen Raum als Ganzes. Und eine durch ein Verfahren institutionalisierte Haltung ist meist eine recht stabile Haltung. Auch deswegen ist das Potential des systemischen Konsensierens für unsere Demokratie sehr hoch zu schätzen.
  • u.v.w.m.

Innerhalb dieses Abstimmungsverfahrens des Systemischen Konsensierens scheint mir nun ein weiteres Instrument zusätzlich hilfreich zu sein, das ich im Folgenden erläutern möchte. Da es höchst wahrscheinlich erst einmal Widerstände auslöst, möchte ich ein wenig vorausschicken, was mich zu diesem Vorschlag bewegt:

Ich glaube, dass es verschiedenartige Probleme und Themen gibt, über die wir in unserer Gesellschaft gemeinsame Entscheidungen finden müssen. Da gibt es einmal Probleme, die alle gleichermaßen betreffen: Die Entscheidung hat für alle Folgen und diese Folgen haben für alle beinahe gleich große Bedeutung. – In diesem Fall braucht es meinen Vorschlag nicht.

Daneben gibt es aber auch Probleme und Themen, die zwar alle Beteiligten und Mitabstimmenden betreffen – aber eben nicht im gleichen Ausmaß. In all diesen Fällen hat die gleiche Stimmengewichtung ein gewisses, ebenfalls unsichtbar bleibendes Frustpotential. Es kommt zu einer heimlichen Fremdbestimmung, indem z.B. Menschen, die selbst von den Folgen der Entscheidung kaum betroffen sind, – sozusagen aus „Unkenntnis“ – eben so großes Stimmgewicht erhalten wie ich, für den bei der Entscheidung möglicherweise Leben und Tod, persönliches Wohl und Wehe auf dem Spiel stehen.

Das ist weder sinnvoll, noch gerecht, noch demokratisch.

Wie dem aber abhelfen? Das Problem ist ja, dass es in einer Gesellschaft, die sich wirklich als politisch versteht, keine übergeordnete Instanz („Gott“, „Natur“, jeweils repräsentiert durch Personen) gibt, die darüber entscheiden könnten, wie entscheidend dieser Mensch in dieser Frage sein darf oder eben wie unentscheidend.

Es gibt aber glücklicherweise eine Lösung für das Problem, allerdings eine, die wir aus falschen Annahmen heraus oft für keinen gangbaren Weg halten. Diese Lösung ist die…

Subjektive Stimmengewichtung

Um innerhalb eines zutiefst demokratischen Entscheidungsverfahrens nicht plötzlich doch eine Form von Fremdbestimmung einzuführen, kann man die Gewichtung der Stimmen zu jedem Einzelnen von uns zurückdelegieren bzw. „sie einfach bei ihm lassen“.

Rein praktisch/technisch sieht das so aus:

Wir institutionalisieren nicht nur das Systemische Konsensieren statt dem einfachen Mehrheitsentscheid, sondern wir institutionalisieren auch die subjektive Stimmengewichtung.

Beim Systemischen Konsensieren gebe ich und geben alle ihren persönlichen „Widerstand“ gegen einen Handlungsvorschlag an – auf einer Skala von 1-10.

Zusätzlich gibt nun auch jeder einzelne auf einer weiteren Skala von 0-10 an, inwieweit er annimmt, in seinem ganz persönlichen Alltagsleben von den Folgen der in Frage stehenden Entscheidung betroffen zu sein.

Beide Zahlen werden multipliziert – und ergeben so den Gesamtwiderstand eines abstimmenden Menschen gegen diesen Vorschlag.

Beispiel: Im Büro soll ein Kopierer aufgestellt werden, in einer ganz bestimmen Ecke des Raumes. Dabei kann sich mit dem skizzierten Verfahren z.B. folgendes Abstimmungsverhalten der den Raum nutzenden Menschen ergeben:

Meier: Widerstand 5, Betroffenheit 8 –> Widerstand: 40

Müller: Widerstand 10, Betroffenheit 2 –> Widerstand: 20

Huber: Widerstand 4; Betroffenheit 2 –> Widerstand: 8

Schmidt: Widerstand 9, Betroffenheit 9 –> Widerstand 81

Gesamtgruppenwiderstand gegen diesen Vorschlag: 159

 

Nun kommt ein anderer, alternativer Handlungsvorschlag ins Spiel, der ebenfalls im gleichen Verfahren abgestimmt wird, z.B. ganz simpel: Aufstellung des Kopierers in einer anderen Raumecke:

Meier: Widerstand 9; Betroffenheit 8 –> Widerstand 72

Müller: Widerstand 1, Betroffenheit 2 –> Widerstand 2

Huber: Widerstand: 7, Betroffenheit 6 –> Widerstand 42

Schmidt: Widerstand 2, Betroffenheit 0 –> Widerstand 0

Gesamtgruppenwiderstand gegen diesen Vorschlag: 118

 

Zugleich ist unmittelbar für alle klar, dass wenn dieser Vorschlag in Ermangelung eines anderen Vorschlags mit NOCH weniger Gruppenwiderstand umgesetzt wird, Meier etwas braucht, um den konsensierten Vorschlag für sich annehmen zu können. Mindestens die echte und offene Würdigung seiner Ablehnungs-Gründe, um sich nicht als „Verlierer“ der Abstimmung zu fühlen. Eventuell sind auch Modifikationen am konsensierten Vorschlag möglich, die seinen Widerstand senken, ohne den der anderen Beteiligten zu erhöhen (anderer Drucker, Abdeckung, Kompensationen).

Der naheliegende Einwand gegen das Prinzip der Subjektiven Stimmengewichtung ist nun natürlich der: Woher wissen wir, dass alle sich dabei „fair“ verhalten? Ist nicht aus reiner Lebenserfahrung damit zu rechnen, dass sich einige Menschen meist zu wichtig nehmen (ihre Betroffenheit subjektiv überschätzen), während andere Menschen die sehr stabile Tendenz haben, sich selbst zu unwichtig zu nehmen (ihre Betroffenheit subektiv zu unterschätzen)? Kommt dadurch nicht gerade gegen die erklärten Absichten des Vorschlags eine systemische Ungerechtigkeit ins Spiel? Werden vielleicht nicht sogar die verbreiteten Statusunterschiede in unserer Gesellschaft hinein in unseren politischen Raum gespiegelt, also in den Raum, in dem wir uns als Freie und Gleiche begegnen sollten, wenn wir ein demokratisches Selbstverständnis pflegen? Kann der politische Raum dann noch der befreiende Raum sein, der im Mitbürgertum und in der Bürgerfreundschaft diejenigen Konflikte befriedet, die ansonsten den Zusammenahlt und den Frieden unserer gemeinsamen Gesellschaft sprengen?

Dies sind schwer wiegende Einwände, die man wirklich ernst nehmen muss. Denn der politische Raum ist ein überaus voraussetzungsreicher und sensibler Raum, der leicht durch Unachtsamkeiten im Verfahren zerstört werden kann. In dem Moment, in dem politische Verfahren einzelne Bürger bevorzugen muss man im strengen Sinn davon sprechen, dass er sich ummittelbar auflöst. An die Stelle von Demokratie tritt dann eine mehr oder weniger offene Oligarchie oder andere Formen der Tyrannei und Fremdbestimmung der einen Menschen über die anderen. Das Bürgertum, das davon lebt, das zumindest im Raum des Politischen, in dem die Gesetze und gemeinsamen staatlichen Maßnahmen beschlossen werden, alle gleich wichtig sind, löst sich auf. Es mag dann formell, dem Namen nach fortbestehen, man mag dann noch von „Demokratie“, „Politik“ und „Bürgern“ sprechen, aber von der Sache her hat all dies dann aufgehört zu existieren, weil ihm die notwendige Grundlage des Fortbestehens entzogen wurde.

Strategisches oder selbstoffenbarendes Abstimmungsverhalten?

Was wir beim Zulassen und sogar Institutionalisieren subjektiver Gewichtung der eigenen Stimme fürchten, lässt sich klar benennen: Wir fürchten strategisches Abstimmungsverhalten.

Ich kann zwar selbst hoch aufrichtig und kooperativ gepolt sein als Mensch (z.B. weil ich im Privaten von lauter symmetrischen, anteilnehmenden Beziehungen umgeben bin), aber allein die Befürchtung, dass andere strategisch abstimmen könnten, dürfte mein eigenes Abstimmungsverhalten verändern und verzerren. – Auf jeden Fall auf lange Sicht.

Wir kennen dieses Problem sowohl aus unserem Alltag als auch aus der Polit-Theorie nur zu gut: Es handelt sich um das gute alte Gefangenendilemma, das im politischen Raum mit völliger Klarheit zum ersten Mal vom Historiker Thukydides und vom theoretischen Begründer des modernen Staates Thomas Hobbes beschrieben wurde. Die Dynamik des Gefangenendilemmas lässt sich in der Kalenderspruch-Weisheit zusammenfassen: „Es kann der beste nicht in Frieden leben, wenn sein böser Nachbar es nicht will.“ – Strategisches, nicht-kooperatives Verhalten hat einen Ansteckungseffekt, wenn ihm nicht auf ganz bestimmte Weise unmittelbar entgegengetreten wird. Wird es geduldet, setzt es sich langfristig selbst gegen den allerbesten Willen durch, außer bei leidenschaftlichen Märtyrern, die gerne für „ihre Prinzipien“ leiden und sterben wollen.

Für unser Problem mit der subjektiven Gewichtung der eigenen Stimme bedeutet das: Es könnten die allermeisten anfangen, ebenfalls „strategisch“ zu gewichten, d.h. systematisch, aus Prinzip höhere Zahlen anzugeben, was ihre eigene Betroffenheit von den Folgen einer Entscheidung angeht. Einfach deswegen, weil sie annehmen müssen, dass andere das auch tun, und sei es nur vereinzelt (= „ungerecht!“).

Die subjektive Stimmengewichtung hat jedoch eine ganz andere Funktion, sie ist „anders gemeint“: Im Grunde ist sie eine Selbstoffenbarung der eigenen Lebensverhältnisse und Lebensvollzüge, über die kein anderer so gut Bescheid wissen kann wie man selbst. Und die auch kein anderer für einen „repräsentieren“ kann, es sei denn, er wäre einem sehr ähnlich und in der gleichen Lebenssituation.

Selbstoffenbarung lebt davon, dass ein „geschützter Raum“ existiert, in dem ich davon ausgehen kann, dass man mir wirklich zuhört und sich wirklich für mich interessiert. Nicht wie man sich für ein Forschungsobjekt interessiert („das ist ja interessant!“), sondern empathisches, mitfühlendes, wirklich verstehendes Interesse, das andere, aber nicht ganz unähnliche Eigenerfahrungen im Zuhörprozess zulässt und fördert.

Diesen geschützten Raum können wir bewusst schaffen, so möchte ich behaupten. Und wir werden ihn auch schaffen, wen wir uns bewusst machen, wie wichtig es ist, dass im politischen Raum selbstoffenbarend und nicht strategisch kommuniziert wird.

Das kann über bestimmte Kommunikationsregeln passieren, bei denen die Achtung auf ihre Einhaltung den Teilnehmern in  Kleingruppendiskussionen überlassen wird (= starke, wiederholte und nachdrückliche Ermunterung vorab, wechselseitig zu intervenieren, wenn jemand sich nicht an die Regeln hält; den Sinn der Regeln transparent und nachvollziehbar darstellen, etc.). Das kann auch über formelle Moderatoren passieren, die geschult sind, Kommunikationsregelverstöße so zu adressieren, dass derjenige dadurch nicht zum Schweigen gebracht wird, sondern sich ermutigt fühlt, konkret zu werden und Selbstoffenbarungen vor seinen ihm zunächst fremden Mitbürgern zu wagen: „Was heißt das für mich? Womit muss ich klar kommen, wenn wir so entscheiden? Was für Kosten entstehen für mich? Was heißt das für meine zukünftigen Chancen? Was heißt das für meine Beziehung zu meinen unmittelbaren Mitmenschen?“ – Mitfühlendes Zuhören hat immer zwei Komponenten: Derjenige, der bereit ist, beim Zuhören in den Empathie-Modus zu schalten. Aber eben auch derjenige, der bereit ist, so zu sprechen, dass andere überhaupt nachvollziehen können, „woher es kommt“. Wenn wir über Systemisches Konsensieren sprechen: „Woher der Widerstand kommt. / Woher der Nicht-Widerstand gegen einen Vorschlag kommt.“

Das vorausgesetzt glaube ich, dass wir über die selbstbestimmte Stimmengewichtung sehr positive Wirkungen auf den Gruppenprozess und das gemeinsame, demokratische Entscheidungen bekommen werden:

  • Allein dadurch, dass die Frage nach der subjektiven Betroffenheit überhaupt gestellt wird, kommen andere Denk-, Reflexions- und Austauschprozesse bei uns als Mitentscheidern in Gang.
  • Die Zahl der Menschen, die sich (ihr eigenes Gewicht) in einer Angelegenheit zu wichtig nehmen, sinkt durch die Einführung dieser Größe. Sie sinkt sicherlich nicht auf Null, aber sie sinkt sicher relativ zu einfachem Abstimmen im Mehrheitsentscheid und auch relativ zu herkömmlichem Systemischen Konsensieren mit prinzipiell gleicher Stimmengewichtung
  • Die Zahl der Menschen, die sich ihres eigenen Gewichts in einer Angelegenheit bewusst werden, steigt. Dies ist nach meiner Einschätzung sogar der noch häufigere und wichtigere Effekt. Denn Menschen sind weitaus sozialer veranlagt als es uns heute oft scheint. Die Zahl der Menschen, die ihr Gewicht unterschätzen, ist bedeutend größer als die Zahl der Menschen, die ihr Gewicht überschätzen. – Ich weiß, dass unser Bild von uns und unseren Mitmenschen dieser Einschätzung widerspricht. Aber ich beziehe mich hier auf tausende Intensiv-Gespräche mit Menschen aller Schichten und Milieus in unserer Gesellschaft, die ich persönlich führen durfte, und komme auf diesem Wege zu dieser Einschätzung
  • Es entsteht zudem eine andere Stimmung in der Entscheider-Gruppe: Die Frage nach der subjektiven Gewichtung der eigenen Stimme triggert das Verstehen-Wollen zusätzlich. Wir leben ja heute in einer Gesellschaft zusammen, in der wir eigentlich füreinander lauter „Fremde“ sind, indem wir – glücklicherweise – zulassen, dass unsere Lebensführung höchst unterschiedlich aussehen kann. Das aber erzeugt „Verständnisbedarf“. Alles im politischen Entscheidungsprozess, das den Wunsch nach Den-anderen-wirklich-verstehen-wollen triggert, ist daher überaus positiv für unsere demokratische Gesellschaft. – M.E. zählt auch die subjektive Stimmengewichtung zu diesen Instrumenten, die unsere natürliche Empathie und Verständnis fördern anstatt sie zu blockieren und zu verunmöglichen.

Aber natürlich müssen wir auch über jene verbleibenden Trittbrett-Fahrer und unsere Ängste vor ihnen sprechen, um die subjektive Stimmengewichtung als vernünftiges und produktives Instrument im Zuge politischer Verständigungs- und Entscheidungssverfahren plausibel zu machen.

Ein Spiegel unserer derzeitigen Gesellschaft

Trotz all der beschriebenen, erwartbaren Effekte wird es also weiterhin Menschen geben, die, aus welchen Gründen auch immer, dazu neigen, mehr strategisch als selbstoffenbarend zu kommunizieren und dann eben auch ihre eigene Stimme höher zu gewichten als sie ihnen die zu entscheidende Sache eigentlich selbst wichtig ist.

Hier greift nun unsere Angst vor Nicht-Kooperation. Denn im Grunde könnten wir uns auch genauso gut beruhigen:

  • Vor allem Abstimmen steht in demokratischen Entscheidungsprozessen der wechselseitige Austausch und die wechselseitige Beratung. In diesen politischen Gesprächen, die idealerweise in immer wieder neu und zufällig zu durchmischenden Kleingruppen abgehalten werden, kann bereits erkennbar strategischem Verhalten von allen anderen oder von Moderatoren entgegen gewirkt werden. Konstruktiv und wertschätzend, so dass der Betreffende von einem strategischen Kommunikationsmodus in einen Selbstoffenbarungsmodus umschalten kann.
  • Anti-Soziales Verhalten ist auch in unserem Alltag selten, wenn keine bewusst institutionalisierte Konkurrenz im Spiel ist, die uns versucht macht, bei Konflikten die Status-Frage mit zu verhandeln. Und zwar so weit, dass es uns bald kaum mehr um die Sache geht, sondern nur noch um die Behauptung unseres Status. Durch das Losverfahren und die Unmöglichkeit, sich im Verfahren „persönlich politisch auszuzeichnen“, sind aber alle Anreize zu Konkurrenz-Verhalten ausgeschaltet. Es bleiben die realen Alltagskonflikte übrig, die sinnvoll in den politischen Raum übertragen werden und dort gemeinsam und auf der Suche nach einer für alle mittragbaren Lösung verhandelt werden.

In einem Kontext, in dem die ganze Austausch-, Beratungs- und Entscheidungstätigkeit kooperativ ist, mag es immer noch Menschen geben, die für sich nicht dahin kommen, ihre im privaten Alltag erworbene Neigung zur Selbstüberschätzung abzulegen. Aber es nimmt kein solches Ausmaß an, dass die Ansteckungs-Dynamik des Gefangenen-Dilemmas in Gang kommen kann.

Es fällt uns allerdings schwer zu glauben, dass es eine solche positive Kooperations-Dynamik geben kann und dass sie systematisch erzeugt werden kann.

Und das sagt mehr über uns und unsere derzeitige Gesellschaft aus, als uns lieb sein kann. Unsere Angst vor strategischem Abstimmen (anstelle von selbstoffenbarendem Abstimmen) bei der subjektiven Stimmengewichtung ist ein Spiegel unserer derzeitigen Gesellschaft und des Ausmaßes, in der sie auf Konkurrenz und Kampf setzt; ein Ausmaß, das strategisches Verhalten erwartbar macht und dafür sorgt, dass wir uns sowohl an solches Verhalten bei anderen gewöhnen, als auch uns selbst ein Denken und Verhalten in strategischen Bahnen angewöhnen.

Diese Angst ist also „realistisch“, soweit wir unter Realismus allein das verstehen wollen, was wir unter bisherigen Bedingungen voneinander zu erwarten haben.

Geht es aber gerade um die Veränderung eben dieser Bedingungen ( = unserer Institutionen), dann wird aus Realismus Hoffnungslosigkeit und Ängstlichkeit und aus vermeintlichem Idealismus und fehlender Menschenkenntnis wird potentielle Realität.

Denn die universale Realität mit der jener vermeintliche „Realismus“ nicht rechnet, ist die unglaubliche Veränderlichkeit des menschlichen Verhaltens, sobald sich die unmittelbaren Rahmenbedingungen verändern.

Wir sind gewohnt, uns als „Substanzen“ zu denken, mit einer stabilen psychologischen „Identität“ – und verkennen dabei, wie schnell wir uns umorientieren können, sobald die Rahmenbedingungen für uns stabil, zuverlässig und erwartbar verändern.

Und das in beide Richtungen: Zum Schlechten wie zum Guten.

Was aber die ebenso praktischen wie theoretischen Befürchtungen hinsichtlich der Gefangenen-Dilemma-Dynamik angeht, so gibt es sehr eindeutig erkennbare Rahmenbedingungen, die diese Dynamik stoppen können und aus sozialen Teufelskreisläufen soziale Engelskreisläufe machen können.

Wenn wir diese Rahmenbedingungen nicht schaffen, dann sind wir tatsächlich „selber schuld.“

Ohne diese von uns selbst zu schaffenden Rahmenbedingungen macht aber nicht nur die hier vorgeschlagene dem politischen Subjekt überlassene Gewichtung seiner Stimme bei einzelnen Entscheidungen keinen Sinn. Ohne diese Rahmenbedingungen gibt es auch gar keine Politik im engeren Sinn, keine Demokratie und kein freies, lebendiges Miteinander.

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2 Gedanken zu “Bessere Demokratie durch Stimmengewichtung

  1. Meine erste SK-Abstimmung hat mich zu der Forderung gebracht, vorher den „Erfolgswert“ zu definieren. Als Ergebnis war den Initiator*innen nämliche 1,5 (Skala 0-10) offenbar zu viel Widerstand, was ich dagegen als sehr gutes Ergebnis für die Annahme des Vorschlags empfand.

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    1. Das ist ja merkwürdig. SO kenne ich das nicht. Also dass es überhaupt eine Bewertung gibt, ab welchem Gesamtgruppenwiderstand ein Vorschlag angenommen ist.

      Ich kenne die Anwendung des SK-Prinzips nur so, dass viele Vorschläge erarbeitet und abgestimmt werden und dann der relevante Vergleich zwischen diesen vielen Vorschlägen zählt. Also derjenige Vorschlag mit dem geringsten Gesamtgruppenwiderstand ist automatisch angenommen. Wobei natürlich das „Wir lassen alles so wie es ist“ immer auch als Vorschlag mit im Topf ist.

      Dass es Rede- bzw. weiteren Vorschlags-Modifikations-Bedarf gibt, kenne ich eher nur dann, wenn der individuelle Widerstand einzelner Beteiligter enorm hoch ist. Oft geht dieser maximale Widerstand Einzelner aber auch schon dadurch etwas runter, dass die Gründe für diesen hohen Widerstand vor der Gruppe offen artikuliert werden können und von der Gruppe wirklich gehört werden. Und wenn dieser Effekt nicht eintritt, kann man ja weiter an einem Vorschlag schrauben, bis die Gründe hinter dem Widerstand eingebaut sind.

      Höheres Ziel des SK-Vorgehens ist ja, dass nach der Entscheidung „im richtigen Leben“ wirklich alle mit dem gemeinsam beschlossenen gemeinsamen Vorgehen leben können, weil wechselseitiges tieferes Verständnis für die Situation des Anderen entstanden ist. Der Prozess ist also ähnlich wichtig wie die Abstimmung selbst. Für mich ist SK kein reines Entscheidungs-Tool, sindern auch ein Empathie-Booster. Durch Nachfragen zu den konkreten Werten können alle voneinander verstehen, was hinter den einzelnen Widerständen für Lebenssituationen stecken. Oft sind das für die Gruppe wirklich neue Informationen, die auch die Widerstände der anderen nochmals beeinflussen können. SK + „über die Widerstände reden“ bringt also Dinge an die Oberfläche, die sonst im Verborgenen bleiben und im Nachhinein Frust und Unwillen erzeugen würden.

      Was passieren kann: Dass der Prozess einfach etwas Zeit braucht (gemeinsam weitere intelligente Lösungen finden, Gründe hinter den niedrigsten und den höchsten Widerständen anhören). Reicht die Zeit nicht, müsste man wohl tatsächlich vertagen.

      Das ist sicher in manchen Situationen nicht ganz unproblematisch. Aber diese Vertagung ist wahrscheinlich immer noch die relativ beste Lösung, wenn es wirklich darum geht, dass Konflikte nachhaltig aufgelöst werden und alle Interessen in einer gemeinsamen Lösung gewürdigt werden.

      Kannst Du damit was anfangen, Michaela?

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