Nicht zum ersten Mal schreibe ich darüber, dass wir nach wie vor in einer sowohl kriegerischen als auch platonischen Kultur unser Leben verbringen. Der gemeinsame Nenner des Platonismus und des Kriegertums ist die Verachtung des menschlichen Körpers.

Beim Kriegertum ist das vielleicht weniger offensichtlich als beim Platonismus, denn Kriegertum kann mit einem ausgemachten Körperkult einhergehen. Doch der Zugang des Kriegertums zum menschlichen Körper ist rein äußerlicher Natur: Es geht um Effekte, um Schein, nicht um die Wahrheit des menschlichen Körpers. Krieger hören dem Körper nicht zu, sondern sehen ihn als „Werkzeug“, auf das sie stolz sind, wenn es viel leisten und vor allem viel aushalten kann.

Allein der (nicht-vorhandene) Zugang von Kriegern zu ihrem eigenen Körper verrät die menschliche Entfremdung, in dem Kriegertum grundsätzlich besteht. Krieger sehen Körper so, als wären sie keine, als gäbe es keine Innenwahrnehmung, keine Gefühle, keine Bedürfnisse. Sie nehmen ihre eigenen Körper so wahr als wären sie ihnen fremd. Krieger nehmen ihre eigenen Körper so wahr, wie sie von (unempathischen) anderen Menschen wahrgenommen werden. Im Grunde nur: sehend. Manchmal: hörend. Niemals: fühlend.

Interessant ist dabei auch ein ganz grundsätzlicher und konstitutiver Zusammenhang:

Dass guter Kontakt zum eigenen Körper guten Kontakt zu anderen Menschen möglich macht. Weil guter zwischenmenschlicher Kontakt die Körperlichkeit der beteiligten Interaktionspartner aktiv nutzt und miteinbezieht. Was in seiner Abstraktion ungewollt lustig klingen mag („Sex, hihi!“), geht viel weiter als wir gewöhnlich vermuten. Es ist erst unsere Wahrnehmung der Körperreaktionen von uns selbst und von anderen, die jegliche befriedigende Interaktion ermöglichen. Also auch konstruktive Gespräche aller Art. Also auch „im Business“, wo Körperlichkeit oft ein Tabu ist und aktiv kaschiert und vermieden wird.

Selbst unser rein medialer oder virtueller Austausch zehrt parasitär von unseren Erfahrungen im „Real Life“, das allein deswegen so „real“ ist, weil es unmittelbar körperlich statt findet und Körperkommunikation miteinbezieht. Befriedigende, konstruktive Kommunikation via Medien ist – wie wir alle regelmäßig erfahren – deswegen so schwer zu haben, weil unsere Körperwahrnehmung bei dieser Kommunikation abgespalten wird und kein Teil der Kommunikation ist. Weder bekommen wir die körperlichen Reaktionen anderer auf unsere Bilder und Worte mit. Noch bekommen andere unsere körperlichen „Begleitsignale“ mit, die Bild- und Wort-Ausdruck erst „richtig“ einordnenbar machen. Emojis sind ein Behelf für diesen Körperlichkeitsmangel, können aber die Fülle, den Reichtum und die Nuanciertheit unserer natürlichen, alltäglichen Körperkommunikation nicht ersezten.

Auch unsere Sprache ist durchzogen von toten Metaphern, die allesamt körperlich und unmittelbar sind.

Die platonisch-kriegerische Kultur ist eine Kultur des zwischenmenschlichen Missverstehens. Des Schweigens über das Menschliche. Des Verbots der Rede über das, was gelingende zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion erst möglich macht.

Eine platonisch-kriegerische Kultur ist eine Kultur der Körperlichkeitsabspaltung. Menschliche Gefühle und Bedürfnisse bleiben in ihr inoffiziell und die offene Bezugnahme auf sie ist oft ehrenrührig, verbunden mit „Statusverlusten“. Wir dürfen gerne über unsere Gefühle und Bedürfnisse sprechen. Oder über die von anderen Menschen. Nur haben wir uns dann damit automatisch „ganz unten“ in der Hierarchie eingeordnet, die vom Krieg wie vom Platonismus so sehr geliebt wird.

Verachtet wird am menschlichen Körper: Seine Empfindungsfähigkeit, seine Verletzlichkeit, seine Leidensfähigkeit, seine Pathologie. Wir könnten auch sagen: Seine Passivität. Dass der Geist nicht aktiv ist, sondern aufnehmend, erlebt der platonische Krieger als Demütigung. Dass wir nicht darüber verfügen können, welche Gefühle in uns aufkommen und welche Bedürfnisse haben, erlebt der platonische Krieger als Unfreiheit.

Daher geht der platonische Krieger aus der Verbundenheit: Aus der Verbundenheit mit sich selbst und aus der Verbundenheit mit anderen Menschen. Und er zahlt den Preis dafür: Fortan kann er sich nur noch über „Ideen“ mit anderen verbinden. In einer Scheinwelt der reinen Geister. In einer ewigen Flucht vor dem eigenen Körper. In Angst davor, dass der Körper ihn einholen und heimholen könnte. In Angst vor dem Leben. In Angst davor, dass er beginnen könnte, von sich zu sprechen. In Angst davor, ein Selbst, eine Seele zu haben, die auf menschliche Resonanz angewiesen ist. In Angst vor der eigenen Bedürftigkeit. In Angst vor der eigenen Abhängigkeit vom Wohlwollen und der Zugewandtheit anderer Menschen. In Angst davor, das eigene Kriegertum abzustreifen und sich dann nackt, verletzlich und hilflos lauter Kriegern gegenüberzusehen, die die schärfste aller Waffen schwingen: Die Beurteilung.

Die platonische Kriegerkultur braucht viel Zuwendung, um sich hinter sich zu lassen. Um zu begreifen, dass Verletzlichkeit und Verbundenheit eins sind. Und dass der Schmerz die Lust wert ist. Die Trauer die Geborgenheit. Die Berührungen die Sehnsucht. Die Liebe den Verlust. Der Moment die Endlichkeit.

Kein ewiger Ruhm und kein ewiger Ideenhimmel kann aufwiegen, was auch nur in einem Moment zwischenmenschlicher Berührung geschieht. Wenn wir denn Berührtheit zulassen, anstatt sie zu unterdrücken.

 

 

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