Dieser Artikel möchte der Frage nachgehen, warum genau „Krieg“ eigentlich schlimm für uns ist. Ist man leidenschaftlicher Pazifist, wird man wahrscheinlich schon die Frage für fragwürdig halten. Aber glücklicherweise bin ich Philosoph. Das heißt: Ich darf alles fragen, solange ich bereit bin, am Ende den Schierlingsbecher zu trinken.

Die Frage ist deswegen sinnvoll, weil Krieg eine überaus angenehme Seite für uns haben kann. Zumindest dann, wenn wir selbst Kriegführende sind und nicht reine Opfer von Kriegen:

Krieg reduziert menschliche Komplexität in einer sehr radikalen Form. Sehr vieles, was uns sonst an Menschlichem, Zwischenmenschlichem, Allzumenschlichem verwirrt: All die Ambivalenzen, Gleichzeitigkeiten, Vielschichtigkeiten, auch das ganze „Gedöns“ an Gefühlen, Bedürfnissen uns Wünschen wird durch Kriegsführung irrelevant.

Denn im Krieg ordnet sich alles der Unterscheidung „Sieg und Niederlage“ unter.

Das bedeutet: Entgegen unserer äußerlichen Wahrnehmung schafft Krieg Ordnung. Auf eine sehr radikale, gewalttätige Weise. Aber leider eben auch auf eine psychologisch entlastende Weise. Indem nur noch relevant ist, ob etwas den Sieg „über den Gegner“ fördert oder die eigene Niederlage riskiert, wird alles sehr eindeutig und einfach. Aus der Unterscheidung Sieg/Niederlage kann man deduktiv alles weitere ableiten: Strategien, Maßnahmen, Unterordnungen.

Armeen sind auch deswegen strikt hierarchisch organisiert, weil die Ordnung des Krieges mit ihren Eindeutigkeiten eine solche „ordentliche“ Organisation verlangt und ermöglicht.

Dass Krieg Ordnung ist und radikal von der natürlichen menschlichen Komplexität entlastet, gilt wie erwähnt aber eben nur für die aktiv Kriegführenden. Für die Opfer von Kriegen ist Krieg Chaos, Auflösung von Ordnung.

Oder, technischer: Die Transformation von „guter Komplexität“ in „üble Komplexität“.

Denn die menschlichen Opfer von Kriegen bleiben mit dem Menschlich-Allzumenschlichen und all seinen Ambivalenzen in vitalem Kontakt. Es gehen ihnen nur die Möglichkeiten verloren, ihnen gerecht zu werden. Also Möglichkeiten, die im Frieden gegeben sind.

Während kriegsführende Menschen in ihren „Armeen“ also eine wahnsinnige Einfachheit und Ordentlichkeit erleben, erleben zugleich die Leidtragenden des Krieges eine wahnsinnige Verstörung, Chaos und Unplanbarkeit.

Das Trauma für viele Soldaten ist daher auch nicht der Krieg selbst. Sondern die Rückkehr in die kompexe Ordnung friedlicher Gesellschaften.

Wo eben noch Sinn war, den man in äußeren Zielen (Strategien zur Beförderung des eigenen Sieges) fand, ist nun erlebte Sinnlosigkeit. Denn Soldaten sind durch die strenge, alles Menschliche zurückstellende Außenorientierung abgeschnitten von ihrem Innenleben, das allein in friedlichen Ordnungen Orientierung stiften kann.

Erleben „gute Soldaten“ also den Frieden als sinnlos, so liegt das nicht daran, dass im Frieden kein Sinn zu finden wäre, sondern daran, dass er dort nicht auf soldatische, kriegerische Art zu finden ist. – Und dass ihnen die alternative, eigentlich natürliche Art, Sinn zu erleben psychologisch kaum noch offen steht.

Im Frieden kann man nicht einfach „alles zugunsten von genau einer überlebensgroßen Sache zurückstellen“. Im Frieden kann man nicht alles auf ein Ziel hinordnen. Menschlicher Frieden ist in sich selbst komplex und voller vielschichtiger Ambivalenzen.

Gut erzogene Soldaten erleben das als beängstigend und erdrückend. – Und zetteln daher gerne den nächsten Krieg an. Krieg ist für sie Erlösung, während alle anderen sich allein wünschen, vom Krieg erlöst zu werden.

Und all das gilt nicht nur für Soldaten im buchstäblichen Sinne. Sondern auch für all die Soldaten im übertragenen Sinne:

Für all die Unternehmenssoldaten und all die „Streiter für die gute Sache“ und all die Politiker, die „Krieg mit anderen Mitteln betreiben“.

Die Frage für alle Menschen, die sich im Frieden wohlfühlen können, ist daher: Wie können wir unseren Soldaten helfen, wieder ein Teil unserer Gesellschaft zu werden? Wie können wir sie dabei unterstützen, für sich wieder in die Welt des Friedens zurückzufinden? Was für Angebote können wir ihnen machen, die wirklich wirksam sind, wenn es darum geht, sich wieder ihrem Innenleben zu öffnen, so dass sie in Beziehung zu sich selbst und zu anderen Halt finden?

Beziehungen wohlgemerkt, die ewig ambivalent und komplex bleiben werden.

Menschliche Komplexität zu genießen, die nicht die strategische Komplexität des Schachspielens ist, ist die pazifistische Tugend schlechthin. Andere Menschen in diesen Genuß menschlicher Komplexität einzuladen und sie unmittelbar spüren zu lassen, was sie im Krieg verloren haben und verlieren, ist das, was mögliche zukünftige Kriege unwahrscheinlicher macht.